vondigitalkonzentrat 09.09.2018

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Schöne neue digitale Welt? Ein Blog über Digitalisierung, Netzkultur, Bürgerrechte – und ohne Buzzwords.

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Ein „Flüchtlingsstrom“. Wie viele Menschen sind denn in so einem Strom und wo kommen sie her? Wie genau verändert sich die Erde aufgrund des Klimawandels? Millardenlöcher. Wie viel, wie groß und warum? Mietpreisexplosion, Ausländerkriminalität, Wahlergebnisse mit Rechtsruck. Milliardenhilfen hier, Steuerersparnisse dort.

In einer Zeit, in der etablierten Medien „Fake-News“ und „Lügenpresse“ hinterhergerufen wird, sind Fakten in Form von gemessenen, erhobenen und evidenten Daten wichtiger denn je. Solche Fakten sind aber nicht einfach zu verstehen und zu interpretieren. Ausgedruckt würden die Rohdaten Bücher füllen, und niemand wäre bereit, so eine Zahlenwüste für seine Meinungsbildung zu studieren. Stattdessen aus dem Bauch heraus anzunehmen, dass die hiesige Kriminalität mit der Zuwanderung steigt und der Klimawandel nichts mit dem CO2-Ausstoß des eigenen Autos zu tun hat, ist ungleich leichter. Auch wenn die Faktenlage das Gegenteil beweist.

Reine Worte reichen nicht

Wirkliche Aufklärung gelingt nicht nur mit Worten, besonders dann wenn Zahlen, Verhältnisse und eine zeitliche Veränderung Teil der Faktenlage sind. Viel besser eignen sich intuitiv verständliche Visualisierungen. Und die haben sich in den letzten 100 Jahren bis auf ganz wenige Ausnahmen in der Berichterstattung der etablierten Presse kaum verändert.

Vor allem erklärende Karten, Zeichnungen und Diagramme sind in den digitalen Publikationen fast aller renommierten Zeitungen so gestaltet, als wären sie auf Papier gedruckt: statisch, zweidimensional, platzsparend. Dabei zeigen Data Scientists wie Nadieh Bremer, dass eine Datenvisualisierung durchaus das selbe journalistische Gewicht einnehmen kann wie der ausgearbeitete Text. Das ist eindrucksvoll bewiesen mit ihrem Artikel „Bussed Out“ im Guardian, der regelrecht mit Preisen beworfen wurde.

Im Gegensatz dazu ist ein Artikel, der absatzweise Zahlen präsentiert, zum einen wahnsinnig langweilig. Und zum anderen müssen die Daten trotzdem aggregiert und verkürzt werden. Anders erlauben es Fließtexte in Zeitungsspalten eben nicht. Journalisten meiden dann epische Zahlenkolonnen im Text und verstehen sich notgedrungen als Interpretatoren und nicht als Erklärer. Aber für eine fundierte Meinungsbildung muss die Sachlage primär erklärt und nicht interpretiert werden.

Wer nichts weiß muss alles glauben

Die mediale Rezeption der Leserinnen und Leser besteht dann vor allem darin, zu glauben in welcher Relation Daten und Fakten zueinander stehen und welche Folgen sich daraus ableiten lassen. Dabei bieten digitale Methoden und interaktive Datenvisualisierungen die direkte Erkenntnis für den Leser — wenn sie gut gemacht sind und sinnvoll aufbereitet wurden.

Die Vorteile guter Datenvisualisierungen sind vielfältig: Drilldowns und Zoom bis runter zu den Rohdaten, im Zweifelsfall bis zur einzelnen Temperaturmessung an einer Wetterstation am Ende der Welt. Zudem gibt es unter den digitalen interaktiven Diagrammen neben dem Balken- und Kuchendiagramm, das man in der zweiten Klasse gelernt hat, tatsächlich noch andere Möglichkeiten: Flow-Charts, Circlepack, Sunburst — um nur ein paar neue Ideen zu nennen. Inspiration für neue Ansätze, die irgendwo zwischen konservativem Tortendiagramm und psychedelischer Kunst liegen, findet man eindrucksvoll auf bl.ocks.org. Das ist eine Showcase-Plattform für die vom Datenwissenschaftler Mike Bostock entwickelte Visualiserungstechnologie D3.js.

Um das alles umzusetzen brauchen die Medienhäuser Experten für die programmatische Auswertung und das Aufbereiten von Daten. Und es braucht einen Change: Das Erstmedium ist nicht mehr die gedruckte Zeitung am Frühstückstisch, sondern der interaktive Artikel auf dem Smartphone oder Tablet. Gedruckt werden kann dann nur noch ein Snapshot der primär interaktiven Visualisierung. Klar, so ein aufbereiteter Artikel kostet mehr Ressourcen, mehr Liebe und (ja, tatsächlich:) mehr Programmierung als ein gewöhnliches Feature. Bezahlt werden muss nicht nur Journalistin und Fotograf, sondern auch ein Data Scientist, eine Statistikerin oder ein Webdesigner. Gerade aber wenn es um nicht einfach zu erklärende Zusammenhänge geht, ist der Mehrwert enorm.

Rohe Daten sind reine Fakten

Doch nicht nur auf der Seite der Journalisten muss sich etwas tun. Auch bei den Behörden und Organisationen, die derzeit nur prosaische Pressemitteilungen über die Verteiler schicken. Sie müssen die ihnen zur Verfügung stehenden Daten roh bereitstellen. Das funktioniert derzeit schon gut mit Wahlergebnissen. Beim großen Rest kann man jedoch froh sein, wenn man die Zahlen und Daten aus dem vom Praktikanten geschriebenen Prosatext der Pressemitteilung pflücken kann.

Wenn es gelingt, die großen und komplexen Fakten einfach und zugänglich darzustellen, kann und darf niemand mehr „Fake-News“ und „Lügenpresse“ rufen. Denn wer eine Maus bedienen kann, kann interpretationsfrei die reinen Fakten selbst analysieren.

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