vondigitalkonzentrat 17.12.2018

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Schöne neue digitale Welt? Ein Blog über Digitalisierung, Netzkultur, Bürgerrechte – und ohne Buzzwords.

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Ganz YouTube ist voll mit Howtos, Tutorials und epischen Screencasts, wie man Software bedient, in irgendeinem Windows sein Netzwerk einrichtet oder wie man ein seuseliges Piano-Stück auf dem Klavier spielt. Dass dieses Wissen so demokratisch und zugänglich in Video vorliegt, ist super. Denn Imitation nach visueller Vorgabe ist relativ barrierefrei, einfach und zielführend. Der Mensch lernt am einfachsten, wenn er imitiert.

Schlecht wird es aber, wenn man den Absprung aus dieser imitierenden visuellen Vorgabe nicht schafft. Das gilt vor allem für das produktive Arbeiten und kreative Gestalten im Digitalen. Wer im professionellen Umgang mit den ureigenen Themen seiner Kompetenz „auf YouTube googelt“, der hat eines verlernt: Ein gesamtheitliches Verständnis für eine Technologie und ihre Konzepte zu entwickeln.

Ein unbeherrschbarer Copy-and-Paste-Remix

Ein weiteres Beispiel: stackoverflow.com, eine Frage-und-Antwort-Community für technische Themen. Vor allem Programmierer und ITler können dort Fragen stellen, inzwischen gibt es auch Bereiche für Office-Anwendungen, Betriebssysteme und Veganismus („Ist Zucker etwa nicht vegan?“). Die Plattform ist grundsätzlich großartig und zudem von dem ebenfalls großartigen Joel Spolsky gegründet. Sie fördert aber das selbe Problem, wie das erklärende YouTube-Video: Die stets sehr konkreten Antworten verleiten zum unreflektierten Imitieren und Kopieren. Denn die Lösung für ein fremdes Problem ist nicht immer die Lösung für das eigene. Und ein Copy-and-Paste-Remix aus unpassenden Lösungen ist noch schlimmer, da nicht nur unpassend sondern auch noch unbeherrschbar. Jeder Büroarbeiter kennt mindestens ein geschäftskritisches Excel-Makro, in das eine ganze Dekade lang Praktikanten alle Schlechtigkeiten dieser Welt hineinkopiert haben.

Die Allverfügbarkeit von Millionen Antworten auf Millionen Fragen erlaubt es, dass man sich im Digitalen als Kopist und Remixer augenscheinlich kompetent bewegen kann. Diesen Wust an Informationen zu nutzen, ist eine Kompetenz für sich selbst — aber maximal eine Ergänzung zum eigentlichen Können.

Das imitierende Lernen mit Beispielen mag in der analogen Welt gut funktionieren. Schon vor 1500 Jahren war das Kopieren des Meisters zentral in den Lehren von Konfuzius. In der digitalen Welt ist es aber anders. Informationsverarbeitende Konzepte sind meistens abstrakte Strategien (Pattern). Man muss zuerst die Strategie als generisches Konzept verstanden haben, um sie dann in tausenden Beispielen zielführend einsetzen zu können.

Wir ziehen gerade eine ganze Generation heran, die nur noch nach Rezept und Vorgabe arbeiten kann. Um aus diesem Dilemma dann wieder herauszukommen, braucht es ein Meta-Rezept, um nicht nach Rezept zu arbeiten: Design Thinking, agile Methoden, Working out Loud. Hinter diesen Buzzwords steckt sicher nicht nur Schlechtes. Wenn das erklärte Zeil dieser neuen Methoden aber ist, aus dem Korsett der mantra-artigen Prozessrezepte auszubrechen, dann muss sich der ach so agile Young Professional an die eigene Nase fassen: Die derzeit gelebte Dokumentation und Rezeption von Knowledge über Tutorials, Howtos und QnA ist ein Widerspruch zu jeglichem agilen und kreativen Arbeiten. Wer genau vorgibt, wie etwas gemacht werden soll, schafft Freiräume ab.

Katzenfotos nach Cuteness sortieren

Wenn es ein YouTube-Video gibt, wie man den Flohwalzer spielt, dann muss es danach ein Kompendium über die richtige Klavierspieltechnik geben. Wenn man sich von StackOverflow die 10 Zeilen Code kopiert hat, die mit node.js Katzenfotos nach Cuteness sortieren können, dann muss danach die tiefe Einarbeitung in KI-Bilderkennung folgen. Denn jahrelang hat sich die digitale Welt deshalb so rapide entwickelt, weil es Menschen gibt, die „the fucking manual“ gelesen haben. Der Umgang mit großen Dokumentationen gehört zur Medienkompetenz, im Digitalen umso mehr als noch vor Jahren mit einem fetten Handbuch. Denn nur wer seinen Werkzeugkasten komplett versteht — oder mindestens weiß, wo er wie komplett dokumentiert ist — kann wirklich Neues erschaffen. Und wer noch nicht soweit ist: Der weiche Kickstart mit dem YouTube-Tutorial ist zweifelsohne gut. Danach gilt dann aber: RTFM!

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