vondigitalkonzentrat 16.03.2019

digitalkonzentrat

Schöne neue digitale Welt? Ein Blog über Digitalisierung, Netzkultur, Bürgerrechte – und ohne Buzzwords.

Mehr über diesen Blog

iPads für alle! Zumindest für alle Schüler wäre das rein rechnerisch drin. Mit dem Geld aus dem eben mit Ach und Krach beschlossenen DigitalPakt Schule. 500€ pro Schüler oder 137.000€ pro Schule stehen gemittelt zur Verfügung. Und dennoch: Irgendjemand in irgendeinem Ministerium scheint das Digitale so zu verstehen, als komme es auf technische Gerätschaften und mediale Nutzung an. Viel zu oft kommen in der offiziellen Erklärung des BMBF zum DigitalPakt die zwei Schlagworte „digitale Medien” und „Infrastruktur” vor. Beide Begriffe sind gefährlich, wenn sie falsch verstanden und verortet werden. Und der Verdacht liegt nahe, dass dies im Konzept geschehen ist und beim Ausgeben des Geldes geschehen wird.

Liebe Schüler, das Internet ist böse!

Wenn Teenager vom Aufstehen (#wokeuplikethis) bis zur Party ihr halbes Leben mit Vintagefilter und Hundeohren auf Instagram und Snapchat in die digitale Öffentlichkeit posten, braucht es unbedingt Medienkompetenz. Und zwar primär als Abwehrkompetenz. Diese in der Schule vermittelt zu bekommen, ist wichtig und selbstverständlich. Dafür braucht es aber in erster Linie nicht Geld, sondern pädagogische Konzepte. Lehrer müssen selbst mit den Untiefen von Facebook und Instagram, mit den sozialen Mechanismen und Dynamiken dieser Plattformen vertraut sein, um hier überhaupt einen Ansatz zu finden.

Abwehrkompetenz allein ist aber zu wenig. Das Internet ist kein neues Medium, so als wäre es der Nachfolger von Papier oder ein modernerer Träger für Text, Bild und Video. Alleine mit Facebook-Kompetenz kann die Schülerin von heute nicht das autonome Auto von morgen entwickeln. Wenn man dauernd ermahnend den pädagogischen Zeigefinger gegen das ach so böse Internet erhebt oder gar, wie in einem taz-Kommentar gefordert, die Schulrechner vom Netz trennen soll, dann ist das dogmatische Kapitulation und konservative Bestandsbewahrung. Warum sucht man nicht die Chancen, die die allgegenwärtige Vernetzung bietet, anstatt die Schüler einseitig nur davon fernzuhalten? Anstatt auf Facebook Mitschüler zu mobben, kann man auch locker als interessierter Teenager gemeinsam mit anderen auf GitHub Software entwickeln. Oder sich als Autor in der Wikipedia betätigen. Nicht jeder YouTuber ist eine kommerzialisierte Lifestyle-Werbeschleuder — viele produzieren innovativen und kreativen Content. Das alles kann und muss auch in der Schule gefördert werden. Mit dem neuen Geld jetzt mehr denn je.

Im Hardware-Kaufrausch in die digitale Zukunft

Das Digitale auf eine Infrastruktur, auf „förderfähige IT-Ausstattung”, auf Investitionsgüter zu reduzieren, ist ein weiterer konzeptioneller Fehler. Freilich kostet es Geld, Hardware für Infrastruktur wie WLAN, Glasfaserverkabelung, Routing und Endgeräte zu shoppen. Viel teurer — und zwar um das Zigfache teurer — ist die Wartung, die Einrichtung und die Administration dieser Geräte. Wenn jede Schule diesen Aufwand für sich selbst und ganz individuell managen muss, dann geschieht das entweder gegen horrende Kosten bei externen IT-Dienstleistern. Oder die Lösung wird verbastelt von nerdigen Informatik-AGs und überengagierten Physiklehrern, die es gut meinen und mit den Anforderungen eines großen IT-Netzes, jedoch hoffnungslos überfordert sind. Und das meistens in den wichtigen und sensiblen Themen wie Datensicherheit, Privatheit und Verschlüsselung. Wenn der DigitalPakt in die Infrastruktur investieren will (und ja, das soll er!), dann muss die Ambition noch viel weiter gehen.

Infrastructure as Code oder auch Sofware-defined Infrastructure (SDI) ist ein Konzept, bei der die komplette Konfiguration und Einrichtung von komplexer digitaler Infrastruktur automatisiert, wiederholbar und programmatisch von Software und Programm-Code übernommen wird. Diese Form der Meta-Infrastruktur zu konzipieren ist nicht einfach, Amazon und andere Cloud-Anbieter investieren in diesem Bereich viel Geld und Informatik-Hirnschmalz. Aber sie investieren es genau ein Mal, um es dann beliebig oft zu replizieren. Und genau das kann auch bei den ständig selben IT-Bedarfen erfolgen, die für Feld-Wald-und-Wiesen-Schulen nun mal gelten. Jede Schule unterscheidet sich von einer beliebig anderen vielleicht in der Qualität der Flöten-AG, jedoch nicht in den Anforderungen einer IT-Infrastruktur. Würde der Bund auch nur einen Bruchteil der anvisierten Milliarden in die „One-fits-all”-Lösung einer SDI stecken, die dann auch noch auf beliebig schrottiger Hardware virtualisierbar und skalierbar ist, dann wäre viel erreicht: Die Schulen haben die einfach umzusetzende Blaupause einer durchdachten Infrastruktur und sind technisch durch eine einmalige Investition wenigstens ein bisschen en-par mit den Clouds von Google und Amazon.

Das bedeutet dann auch, dass die Infrastruktur dafür kostensparend, effizient und kompakt zentral angeschafft und betrieben werden kann. Mit der Gesetzesänderung auch und erst recht direkt und zentralisiert auf Bundesebene.

Das würde dann auch das oft zitierte Problem lösen, dass eine Infrastruktur je Schule teuer zu warten ist. Denn was dann im Bestfall von der Schule noch zu leisten ist, sind reine stupide Internetzugänge für die Schüler und Lehrer. Auch die brauchen Wartung, aber eben deutlich weniger als das für jede Schule wieder neu erfundene Infrastruktur-Rad.

Lern- und Infrastruktur-Software aus der Staatskasse

Es bringt nur sehr wenige Verbesserungen, wenn die Schülerinnen und Schüler das Arbeitsblatt mit Zitronesäurezyklus statt als Papierkopie als PDF in einer Email bekommen. Der Mehrwert ist gleich null. Es brauch viele, und zwar extrem viele, vernetzte Apps oder gleich eine konsolidierte Plattform für die interaktive Vermittlung von Lehrplan-Wissen. Die Hausaufgabe muss morgens im Bus auf dem Handy zu machen sein — mit direkter Erfolgskontrolle sowohl in Richtung Schüler als auch in Richtung Lehrer. Instant Feedback, kurze Lern-Iteration. In der Hausaufgabe hat nur ein Chemie-Nerd das Acetyl-Coenzym A richtig hinbekommen? Erst wenn der Lehrer das am Morgen auf seiner Lernplattform direkt digital mitgeteilt bekommt, hat ein Mehrwert stattgefunden. Und mit Infrastruktur allein ist dieser Mehrwert nicht zu erreichen. Dafür braucht es Software, die entwickelt werden muss. Und das Gute ist: Sie muss nur einmal für alle Schulen programmiert werden.

Die Schul-Cloud des Hasso Plattner Institutes ist dafür ein super Anfang. Die Macher haben Prioritäten gut und richtig gesetzt und die Potenziale richtig erkannt. Weiteres Beispiel: Warum muss die erfolgreiche vernetzte Klassenraum-App Kahoot! von einer privaten Firma kommen und nicht von einem Bildungsministerium? Ob jetzt für diese oder andere Initiativen: Es braucht Millionen von Euro und ein gutes Projektmanagement und Product-Ownership, um neue Konzept softwaretechnisch umzusetzen. Wenn das Geld jetzt bundesweit da ist: Anfangen und loslegen!

Wichtiger als ein hippes digitales Whiteboard (das beim Schreiben mehr laggt als das Internet im brandenburgischen Hinterland) sind pädagogische Konzepte. Und wichtiger als Hardware für jeden Schüler ist geile, gute und zeitgemäße Software. Und deshalb ist es jetzt wichtig, dass das Geld aus dem DigitalPakt genau dorthin fließt.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/digitalkonzentrat/2019/03/16/hackt-die-schulen/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.