vonMartin Rönnau 18.06.2019

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In vielen bekannten Kulturen weltweit berichteten Menschen über die Jahrtausende hinweg immer wieder von tiefgreifenden religiösen Erfahrungen, die ein weitreichendes Transformationspotential auf individueller und gesellschaftlicher Ebene zur Folge hatten.

Religiös-mystische Erfahrungen als Grundlage von kulturellem Bewusstsein

Manche solch spiritueller Erfahrungen eines nicht-dualen Bewusstseins der Einheit mit dem Kosmos oder mystischer Gottes-Erlebnisse formten die menschliche Geschichte, ihre kulturellen Werte und Verhaltensweisen dabei gar nachhaltig. Denn einige von ihnen, wie die des Moses am brennenden Dornen-Busch oder des Buddha unter dem Bodhi-Baum, beeinflussten nicht nur das Leben Einzelner, sondern auch umfassendere Gesellschaftsformen und prägten somit deren spezifische Vorstellungswelten, Normen und Institutionen.

Diese historischen und weit verbreiteten anekdotischen Berichte über den Einfluss und den potentiellen Nutzen spiritueller Erfahrungen inspirierten die jüngsten Bemühungen eines Forscherteams der Johns Hopkins Universität, den therapeutischen Wert sowie die möglichen Probleme solch phänomenaler Gottesbegegnungen zu untersuchen.

„Über Erfahrungen, die Menschen als Begegnungen mit Gott oder als Vertreter Gottes bezeichnen, wird seit Tausenden von Jahren berichtet, und sie bilden wahrscheinlich die Grundlage vieler Weltreligionen“ – Roland Griffiths, Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften

Es gibt aktuell jedoch noch viele offene Fragen dahingehend, wie häufig solche Erlebnisse auftreten, was sie auslöst, welche Menschen sie am wahrscheinlichsten erleben und welche Umstände die Wahrscheinlichkeit einer solchen Erfahrung begünstigen.

Mystische Erlebnisse und ihre Authentizität – Psychedelisch vs. Non-Psychedelisch

Mystische Erlebnisse können sowohl spontan auftreten, als auch durch eine spirituelle Praxis oder den Einfluss psychedelischer Substanzen wie Psilocybin-haltigen Pilzen, LSD oder Ayahuasca ausgelöst werden.

Aktivitäten wie Gebete, Meditation, Singen, Fasten und Tanzen werden, neben dem Konsum psychedelischer Substanzen, seit jeher kulturübergreifend verwendet, um derartige Erfahrungen herbeizuführen. Solch zumeist durch ritualisierte Praktiken verursachte Erlebnisse, die als persönliche Begegnungen mit Gott interpretiert wurden, sind allgemein gut beschrieben.

Die unterschiedlichen Ursachen sowie deren potentieller Einfluss auf Inhalt, Struktur und Authentizität spiritueller Begegnungen lösten in der Vergangenheit bereits lebhafte wissenschaftliche Debatten aus.

Das innovative Design dieser neuen Studie der Johns Hopkins Universität ist nun jedoch das weltweit erste, das systematisch Berichte über „Gotteserfahrungen ohne Substanzgebrauch“ mit denen vergleicht, die durch Psychedelika verursacht oder katalysiert werden.

Im Rahmen einer Umfrage unter Tausenden von Menschen, die angaben, persönliche Begegnungen mit Gott erlebt zu haben, analysierten die Forscher der Johns Hopkins-Universität, bei mehr als zwei Drittel der sich selbst zuvor als Atheisten identifizierenden Personen ein Ablegen dieses „Labels“ nach ihrer mystischen Begegnung – unabhängig davon, ob das Erlebnis spontan oder durch die Einnahme eines Psychedelikums auftrat.

Darüber hinaus erkannten die Forscher bei der Mehrheit der Befragten auf Basis von Selbstberichten dauerhafte positive Veränderungen der psychischen Gesundheit, die teilweise auch noch Jahrzehnte nach den mystischen Erfahrungen anhielten.

Spiritualität hält Einzug in klinische Praxis

Psychedelika haben demnach das Potential „Göttliches“ erfahrbar zu machen und so zu einem weitreichenden ontologischen Wandel, im Sinne eines sich verändernden Weltbildes, welches weniger materialistisch und stärker spirituell geprägt ist, beizutragen. Dieser Wandel wiederum impliziert ein weitreichendes therapeutisches Potential für diverse psychopathologische Phänomene.

Die therapeutische Kraft von Psychedelika liegt so vermutlich, neben den komplexen pharmakologischen und neurologischen Korrelaten, aus psychologischer Sicht vor allem auch in der Offenbarung und erfolgreichen Adaption neuer Perspektiven begründet. Die Entstehung letzterer scheint durch das phänomenale Erleben bisher unbekannter, spirituell-mystischer Inhalte, Narrative und ontologischer Konzeptualisierungen begünstigt.

„Obwohl die moderne westliche Medizin‘ spirituelle ’oder‘ religiöse ’Erfahrungen normalerweise nicht als eines der Instrumente im Kampf gegen Krankheiten ansieht, legen unsere Ergebnisse nahe, dass diese Begegnungen häufig zu einer Verbesserung der psychischen Gesundheit führen.“  – Prof. Roland Griffiths

Doch das Wagnis einer tiefergehenden Spekulation über die genaueren kausalen oder korrelativen Hintergründe dieser spirituellen Wirkmechanismen gehen die Wissenschaftler in dieser Studie nicht ein.

So könnte doch annehmbar sein, dass eine „spirituell-mystische“ Erfahrungsdimension es erlaubt, psychologische Prozesse in einer umfassenderen, höheren Ordnung zu integrieren und folglich das Wesen der Welt und des eigenen Selbst sowie in weiterer Konsequenz auch, mit diesen abstrakten, übergeordneten Ideen assoziierte, konkretere Fragestellungen, Problematiken und Handlungsweisen zu restrukturieren und so aktualisierte, nachhaltigere und gesündere Weltbeziehungen zu konstruieren.

Ähnlichkeiten überwiegen Unterschiede

Die Studie analysierte Aussagen von insgesamt 4.285 Personen weltweit auf Basis je einer von zwei etwa 50-minütigen Online-Fragebögen (Psychedelika vs. Non-Psychedelika) zu deren mystischen Erfahrungen. Die Umfrage zielte dabei auf die Beschreibung spezifischer Inhalte und Narrative der spirituellen Erlebnisse sowie deren terminologischer Benennung ab. Es wurde zudem danach gefragt, wie sich diese Erfahrungen anfühlten und ob diese einen erkennbaren nachhaltigen Einfluss auf das Leben der jeweiligen Personen ausübten.

Während die Nicht-Psychedelika-Gruppe den Begriff „Gott“ für ihre Erlebnisse als den besten Deskriptor wählte, beschrieben die Teilnehmer der Psychedelika-Gruppen ihre Erfahrungen zumeist als „Ultimative Realität“. Obwohl es noch einige weitere Differenzen zwischen der nicht-medikamentösen und der kombinierten psychedelischen Gruppe sowie zwischen den vier psychedelischen Gruppen (LSD, Psilocybin, Ayahuasca, DMT) gab, waren die Ähnlichkeiten zwischen allen Vergleichsgruppen im Allgemeinen deutlich auffälliger als die Unterschiede.

So berichteten die meisten Teilnehmer von lebhaften und detaillierten Erinnerungen an ihre spirituelle Begegnung, bei der es häufig um die Kommunikation mit einer Entität ging, die bewusst, wohlwollend, intelligent, heilig, ewig und allwissend war.

Viele Personen beschrieben diese Ereignisse zudem als eine ihrer persönlich wie spirituell bedeutsamsten Lebenserfahrungen und attestierten dieser moderate bis starke sowie zumeist anhaltende positive Auswirkungen auf eine erhöhte Klarheit hinsichtlich eines Sinn des Lebens und der eigenen Ziele sowie auf diverse weitere Faktoren, die zu einem generellen Wohlgefühl beitrugen und persönliches wie spirituelles Wachstum begünstigten.

Zur Wichtigkeit des Rituals und einer künftigen Suche nach prädisponierenden Faktoren

Unter den vier Psychedelika-Gruppen waren sich die Psilocybin- und die LSD-Gruppe am ähnlichsten. Die Ayahuasca-Gruppe wies tendenziell die höchsten positiven Merkmale und intensivsten dauerhaft wirksamen therapeutischen Folgen der Erfahrung auf.

Ob dies nun möglicherweise daran liegt, dass Ayahuasca im Gegensatz zu anderen Psychedelika, wie LSD und Psilocybin, auch in westlichen Gesellschaften vergleichsweise oft in einem (neo-) schamanischen, rituellen Kontext konsumiert wird, bleibt in dieser Studie unbeantwortet.

Set und Setting haben gemeinhin jedoch einen weitreichenden Einfluss auf das phänomenale Erleben von psychedelischen Substanzen. Zudem ist das therapeutische Potential von Psychedelika auf entscheidende Weise, neben der akuten Substanzerfahrung selbst, auch von einer erfolgreichen Integration der zunächst häufig unverständlichen und wesensfremden psychedelischen Bewusstseinsphänomene abhängig.

Während der Gebrauch von Psychedelika in vielen indigenen Traditionen weltweit bereits seit Jahrhunderten umfassend sozial und kulturell integriert ist, sind die psychedelischen Zustände und assoziierten rituellen Praktiken einem westlich-modernen Selbst-, Welt- und Rationalitätsverständnis jedoch grundsätzlich fremd. Angemessene kulturelle Rahmenbedingungen und psychosoziale Unterstützung werden bisher weitgehend vermisst.

Für zukünftige Studien wäre es laut Prof. Griffiths entsprechend interessant zu erforschen, welche kontextuellen Faktoren solch eine unvergessliche, lebensverändernde und häufig therapeutisch gewinnbringende Begegnung begünstigen und was während einer solchen Erfahrung neurologisch im Gehirn passiert.

Die künftige Erforschung prädisponierender Faktoren solcher Erlebnisse, so Griffiths weiter, verspreche darüber hinaus potentiell auch neue Einblicke in religiöse und spirituelle Überzeugungen, die seit jeher für die Gestaltung der menschlichen Kulturen von wesentlicher Bedeutung sind.

Psychedelika – mit begründeter Hoffnung in eine gesündere Zukunft

Klinische Experimente zahlreicher wissenschaftlicher Studien legen jedoch bereits heute nahe, dass Psychedelika eine tiefgreifende und therapeutisch wertvolle mystische Erfahrung induzieren können.

Roland Griffiths und sein Team hoffen daher, dass Psilocybin und andere Psychedelika eines Tages unter der kontrollierten medizinischen Aufsicht eines spezifisch ausgebildeten Leiters als Medikament für diverse therapeutische Anwendungen eingesetzt werden können.

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