Multikulti auf lettisch

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Daugavpils ist mit 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Lettlands. Doch nicht etwa Letten, sondern Russen bilden hier mit über 50 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung. Die Letten bringen es gerade mal auf 18 Prozent, dazu kommen Polen, Weißrussen, Ukrainer und auch rund 250 Deutsche.

Daugavpils ist aber auch ein potemkinsches Dorf. Denn wenn man nicht wüsste, dass hier 50.000 Russen leben, beim Durchqueren des Stadtzentrums würde man davon nichts merken. Keine einzige Inschrift ist kyrillisch, man sieht nur lettisch. Hinter der Fassade jedoch liegt eine andere Welt. Hier wird nur russisch gesprochen. In den 36 Stunden, die ich jetzt hier bin, habe ich vielleicht fünf Worte lettisch gehört, dafür aber jede Menge Klagen russischer Politiker darüber, dass die Letten sie zwängen, lettisch zu sprechen. Und da dies nun schon sehr an den Osten der Ukraine erinnert, muss erwähnt werden, dass man auch hier sagt, dass die „Faschisten“ aus dem Westen, sprich aus Riga, für all dies verantwortlich seien. Und noch etwas verwundert: Während es in Riga überhaupt kein Problem ist, sich auf Englisch zu verständigen und viele der lettischen „Faschisten“ viel besser Englisch sprechen als ich, musste ich selbst zu Gesprächen mit russischen Repräsentanten der Stadt eine Übersetzerin mitnehmen. Nur gut, dass es an der Uni von Daugavpils eine kleine deutsche Abteilung gibt, wo junge Frauen, die aus polnisch-jüdisch-weißrussischen Familien stammen, Deutsch studieren. In dieser Hinsicht ist Daugavpils tatsächlich eine multikulturelle Stadt, und die Uni einer der Orte, wo die Nationalität nicht an erster Stelle steht.

All dies ist nun schon kompliziert genug, doch geradezu schmerzhaft ist es, mit einem Russen zu sprechen, der in diesen Tagen der Ukraine-Krise nicht mehr weiß, wo er eigentlich hingehört. Wieviel Herzen schlagen in einem gerade mal 26jährigen „antifaschistischen Stadtrat“ von Daugavpils, der sich „europäischer Russe“ nennt, Jurist ist, aber kein Englisch spricht und als Referendums-Beobachter auf der Krim war. Der einerseits die demokratische Durchführung dieses Referendums lobte („manches war demokratischer als Wahlen in Lettland“), doch andererseits den Anschluss der Halbinsel an Russland ablehnt. Der absolut kein Verständnis für die leidvolle Geschichte der Letten in der Sowjetunion hat und doch auf keinen Fall sein „Vaterland“ Lettland im Russischen Reich aufgehen sehen will. Der „pragmatische Idealist“ warnte vor Putin und  vertrat doch gleichzeitig dessen Argumente. Am schlimmsten jedoch war, dass er ständig die Multikulturallität seiner Heimatstadt lobte, zugleich jedoch drohte, dass ein Szenarium wie in der Ukraine sich in Daugavpils wiederholen könne, wenn Russisch nicht zumindest in Daugavpils zur zweiten Amtsparche des Landes würde. Was deutsche Firmen und lettische Historiker über dieses Thema denken, darüber morgen mehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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