Nachdenkseiten: Pensionierte Staatsekretäre und Abteilungsleiter gegen private Altersvorsorge

von Ben Gerten

Zum neuen Jahr muss das einfach mal gesagt werden: Die Herren Albrecht Müller und Wolfgang Lieb als ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und leitende Ministerialbeamte und ehemalige Staatssekretäre einer SPD-Landesregierung halten private Altersvorsorge für Teufelszeug. Dieses Bekenntnis kann man seit Jahren regelmäßig auf ihren “Nachdenkseiten” lesen

Politisch ist dies eine mögliche, in sich schlüssige Position. Eine hohe Grundrente für alle, die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, höhere Erbschaftssteuern, Abschaffung des Ehegattenplitting  und die Erhöhung des Spitzensteuersatzes brächten schon Geld für eine großzügigere Versorgung der Senioren zusammen.

Und niemand kann den beiden Sozialdemokraten das Recht streitig machen, die Abschaffung der rot-grünen Reformen der Jahre 1998 bis 2005 zu fordern.

Was allerdings schließen die Normalverdienerin und der Normalverdiener jetzt aus Müllers Angriffen? Die Anstrengungen für die eigenen private Altersvorsorge einstellen, weil sie die Altersbezüge der verärgerten älteren Herren sowieso nicht erreichen können? Auf das zusätzliche Croissant und den Mallorca-Urlaub im Alter verzichten und dafür auf Sozialdemokraten setzen? 

Wie wahrscheinlich ist es, dass Müller, Lieb und ihre Mitstreiter 1500 Euro (oder wenigstens 1000 Euro) Grundrente für alle durchsetzen? Dazu lohnt es, genau hinzusehen, was Sozialdemokraten beim letzten Anlauf zur Macht erreicht haben. Vielleicht kommen Müller und Lieb den Mächtigen ihrer Partei noch einmal einmal so nahe wie Müller 1986 bei seinen Wahlkampfeinsätzen für den Genossen Gerhard Schröder in Niedersachsen und Lieb über ein Jahrzehnt dem Genossen Johannes Rau.

Also ein kurzer Blick:zurück nach 1998 und 1999. Der eine Sozialdemokrat Oskar Lafontaine ist bereits nach Monaten aus dem Amt geschieden, hat von Springer einige hundertausend Euro für ein Buch bekommen und dann zur Linkspartei gewechselt. Erfolg für den Normalrentner – keiner.

Der Andere, Gerhanrd Schröder, hat gleich in seiner ersten Legislaturperiode den Spitzensteuersatz für Gutverdiener um etliche Prozent gesenkt und damit sicher den Durchschnittsrentnern geholfen. Pikante Details in Mengen: Schröder bekam Wahlkampfhilfe vom AWD-Chef Carsten Maschmeyer. Der damalige SPD-Staatssekretär im Bundeskanzleramt Hans Martin Bury ging 2005 in die Privatwirtschaft und tauchte im Sommer 2008 als Vorstand der Lehman Brothers Bank in Deutschland wieder auf. Als solcher hat er zuletzt erfolgreich an der Entreicherung sparsamer Rentnern mitgewirkt.

Viel Stoff zum Nachdenken im neuen Jahr.

PS: Zur Fairness gehört zu sagen, dass die beiden Initiatoren durchaus selbstkritisch sind. Zum Beispiel nachzulesen auf

http://blog.politik.de/?p=716

Das hätte sie Fraub Prokop sicher sympatisch gemacht, die ja auch Willy Brandt mochte.

Zum Biografischen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Lieb

http://de.wikipedia.org/wiki/Albrecht_M%C3%BCller

http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Martin_Bury

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/koepfe/hans-martin-bury-ein-staendiger-grenzgaenger;2107577;2

 

 


Ein Kommentar zu "Nachdenkseiten: Pensionierte Staatsekretäre und Abteilungsleiter gegen private Altersvorsorge"

  1. Dieser Artikel ist etwas älter, trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass Herr Müller und Herr Lieb so gut wie in allen Punkten Recht haben und Recht behalten haben. Die private Rentenversicherung ist nichts weiter als ein Beispiel für jene “moderne Variante” der Korruption, die sich des Kampagnenjournalismus bedient.

    Leider bleibt die Komplexität des Themas, wenn es in einem Text ausführlich abgehandelt wird, über der Schwelle des “einfachen Verstehens”. Daher muß für die Lektüre der NachDenkSeiten etwas mehr Zeit aufgewandt werden.

    Beispiele für Schnellschuss-Urteile, die von Vorverurteilungen und Fehlschlüssen nur so tropfen, gibt es immer wieder, siehe hier. Mit etwas sprachlichem Geschick ließe sich die Thematik aber ohne weiteres in der Kürze eines Zeitungs-Artikel aufbereiten, was ja nicht Aufgabe der NachDenkSeiten ist. Könnten hier Ängste eine Rolle spielen, sich aus der “Herde” des Mainstream-Journalismus zu entfernen?

    Wenn ich betrachte, wie gravierend und offensichtlich in die öffentliche Meinung künstlich eingegriffen wird, und wenn ich sehe, wie unglaublich schwach die Journalisten im Kritisieren und Hinterfragen geworden sind, läuft mir manchmal ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter…

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