vonfreiraum 14.05.2018

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Nach der US-amerikanischen „Alt-Right“-Bewegung entdecken nun auch die Ethnonationalisten von der „Identitären Bewegung“ Synthwave-Musik für sich. Die elektronische Sound und die mit Retro-Symbolen gespickten Videos drücken eine Nostalgie nach einer verlorenen, idealisierten und vor allem „weißen“ Zeit aus.

„Gaulandwave“

Der Titel-Song der 80er-Jahre Serie „Miami Vice“. Ein lila Hintergrund. Schräge Schriftzüge: „Mathematik. Physik. Philosophie.“ In der Video-Beschreibung: die Hashtags #jagen und #entsorgen. Ein Bild von Alexander Gauland. Im Hintergrund wechseln sich Szenen aus dem Martial Arts Film „Bloodsport“ mit Jean-Claude van Damme aus dem Jahr 1988 mit Aerobic-Videos ab. Gauland zitiert in einer Attacke auf die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration den Rütlischwur: „Seit einig, einig, einig. Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr, wir wollen frei sein wie die Väter waren, lieber den Tod als in der Knechtschaft leben. Das Frau Özoğuz, ist Wilhelm Tell und Schiller und das ist deutsche Kultur und dazu stehen wir!“

Und es geht weiter: „Wenn die Franzosen zurecht stolz auf ihren Kaiser sind, die Briten auf Nelson und Churchill, dann haben wir das Recht stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg.“ Gauland -Sprechchöre erklingen. In den Kommentarspalten tummeln sich bekannte Aktivisten der Identitären Bewegung (IB) und der amerikanischen Alt-Right und fordern: „Send them back.“ Ein Alptraum aus der Wunschwelt der Internet-affinen Ethnonationalisten, verpackt in bizarrer Retro-Optik und unterlegt mit entspannter elektronischer Musik.

Synthwave und die Alt-Right

Weitestgehend unbemerkt von der weiteren Öffentlichkeit versuchen rechtsextreme, ethnonationalistsche Gruppen wie die europäischen Identitären und die amerikanische Alt-Right, sich online das musikalische Genre des Synthwave (bzw. Vaporwave) anzueignen. Obwohl es sich bei von elktronischen Drums und Synthesizern getragenen Synthwave um elektronische Musik handelt, ist es nicht unbedingt Tanzmusik, sondern eher etwas zum entspannen. Die Optik der Videos erinnert an Videospiele und Filme aus den 1980er Jahren. Synthwave transportiert die Nostalgie nach einer verlorenen, idealisierten Zeit.

Das Fashwave-Genre (Fashwave = Fascist Wave) geht bis ins Jahr 2015 zurück, in dem der Produzent CyberNazi den ersten Fashwave-Song („Lebensraum“) auf Youtube hochlud. Bis auf die Titel der Tracks und die häufig eingespielten Ausschnitte aus politischen Reden rechtsextremer Aktivisten und Politiker fällt auf den ersten Blick meist überhaupt nicht auf, dass es sich um rechtsextreme Musik handelt. Neben CyberNazi ist der Brite Xurious der bekannteste Fashwave-Künstler.

Schwer zu identifizieren

Die Nostalgie für die 1980er Jahre hat für die Alt-Right dabei ideologische Gründe. Richard Spencer, der wahrscheinlich bekannteste Vertreter der Alt-Right beschrieb die Reagan-Jahre als die „letzten Tage des weißen Amerikas“. Andrew Anglin, der am offensten neonazistische Aktivist der amerikanischen Rechtsextremen, hält Synthwave sogar für die „weißeste Musik aller Zeiten“. Es ist wichtig anzumerken, dass ein Großteil von Synthwave-Künstlern nichts mit den Alt-Right oder den Identitären zu tun hat. Auch die musikalische Qualität reicht weder innerhalb der IB noch in der englishsprachigen Alt-Right an die Tracks der weiteren Synthwave Community heran.

Dennoch ist die Beliebtheit von Synthwave unter Rechtsextremen kein Zufall. Ein praktischer Vorteil: Synthwave-Tracks, die häufig ohne Gesang auskommen und ohne den Titel meist nicht als rechtsextrem zu identifizieren sind, machen es für die Content-Moderatoren der Social Media Unternehmen deutlich schwieriger, diese Materialien als extremistische Hassrede zu erkennen und zu entfernen.

Deutsche Szene

Die europäischen Identitären kopieren etliche Trends der amerikanischen Alt-Right Bewegung. In einer Video-Konferenz auf dem Kanal von Martin Sellner, dem bekanntesten Gesicht der deutschsprachigen IB, diskutierten jüngst mehrere identitäre Aktivisten über Ursprünge und Bedeutung der Beliebtheit von Synthwave in ihrer Subkultur. Synthwave sei eine Erinnerung an die „letzte weiße Kulturwelle“. Zudem verkörpere Synthwave einen „Retrofuturismus“, einen Futurismus von gestern, der Nostalgie nach einer idealisierten Vergangenheit mit einer Hoffnung für eine utopische Zukunft verbindet.

Da der IB-Synthwave auf den ersten Blick nicht als politisch erkenntlich ist, sei es ein als Medium zur Vermittlung von Botschaften deutlich subtiler als beispielsweise Rechtsrock. Dennoch werde auch ohne aggressiven Gesang ein Gefühl vermittelt, dass die nachdenklichere, weichere Seite der Rechten betone. Die Identitäre Runde im Stream diskutierte auch darüber, inwiefern Synthwave ein Gegenentwurf zu „migrantischen“ Musikrichtungen sei. Sellner wies darauf hin, dass im Gegensatz zum Hip-Hop, bei dem es ums „real-sein“ gehe, Synthwave, ganz im Stile der Kommentarspalten auf Dikussionsforen wie 4Chan, 8Chan und Reddit, auf Reflexion, Selbstironie und Humor setzen würde.

Futurismus und Nostalgie

Die Graphiken, die in den Synthwave-Videos der IB verwendet werden, enthalten ähnlich wie die Vorbilder aus der Alt-Right Bewegung häufig bizarre Kombinationen aus Futurismus und Nostalgie für die 80er und 90er Jahre. Ein beliebtes Motiv, welches die Nostalgie nach einer glorreichen Vergangenheit representiert, ist die Raumfahrt. So wird zum Beispiel in dem Track „Sellner Futura“ Martin Sellner als Astronaut abgebildet. Das Reisen in die Zukunft ist dabei ebenso präsent wie die Nostalgie nach der guten alten Zeit, in der eine relativ homogene, weiße USA es schaffte den Mond zu „erobern“, eine Thema, dass von Richard Spencer immer wieder aufgegriffen wird. Ein User kommentiert: „He’s traveling to Richard Spencer’s and Millennial Woes‘ [schottischer Youtuber der Alt-Right] Ethonostates in Space“.

Neben den Sellner und Gauland gewidmeten Tracks existieren auch Tribut-Songs an die AfD-Vorsitzende Alice Weidel, den Sprecher der AfD Thüringen Björn Höcke und den britischen Rechtsextremisten Tommy Robinson, in denen jeweils Ausschnitte aus Reden mit nationalistischen, immigrationskritischen oder muslimfeindlichen Inhalten mit den Synthwave-Tracks zusammengemischt werden.

Zwar haben die genannten Personen zumeist keine offenen Sympathien für die ethnonationalistischen Ideen der IB gezeigt, aber durch die geteilte politische Unzufriedenheit über die Immigrationspolitik scheint es aus Sicht der IB genügend Überschneidungen zu geben, um über die ideologischen Unterschiede hinwegzusehen. Auch in diesem Fall ähnelt die IB der Alt-Right, welche Donald Trump unterstützt, obwohl der ihr bewusst ist, das Trump ihre Ideologie nicht teilt.

Neben solchen Tribut-Songs gibt es auch noch vollständig groteske Songs wie zum Beispiel „Take Back Our Germany” mit der Beschreibung “Life gets so great, in a white ethnostate”, in dem idyllisch anmutende Bilder aus dem Kaiserreich gezeigt werden, während die Kommentatoren zum Teil eindeutige Sympathien für den Nationalsozialismus äußern.

Ein Nischenphänomen?

Insgesamt scheint die Identitäre Bewegung jedoch weit von ihrem Ziel entfernt zu sein, durch Synthwave „Normalbürger“ zu erreichen und in ihrem Sinne zu politisieren. Noch wird die Musik außerhalb der Bewegung quasi nicht wahrgenommen. Dotl0ki, einer der wenigen deutschen identitären Synthwave-Produzenten, der auf einigen seiner Kanäle auch Einladungen zu rechstextremen Discord-Kanalen verlinkt, hat auf Instagram zwar immerhin 15,000 Follower, doch viele von ihnen scheinen russische Bots zu sein. Retro Rebel, dotl0ki und Helios scheinen die drei produktivsten IB-Synthwave Produzenten zu sein, deren erfolgreichste Videos jedoch nur niedrige vierstellige Klickzahlen haben. Derzeit scheint es sich bei rechtsextremen deutschen Synthwave-Videos primär um eine ideologische Echo-Kammer zu halten, die nur von den bereits Eingeweihten besucht wird.


Jakob Guhl, ist Project Associate beim Institut for Strategic Dialogue in London. Dort arbeitet er vor allem bei der Online Civil Courage Initiative, einem Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, die zivilgesellschaftliche Reaktion auf Hassrede und Extremismus im Internet zu verbessern und auszuweiten.

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