Verurteilung Ratko Mladićs: „Eine Art Trotzreaktion auf Europa“

Ein Interview mit der bosnischen Aktivistin Smirna Kulenović über das Urteil, ihre Reaktion darauf und Probleme bei der Aufarbeitung des Genozids.

Smirna Kulenović, geboren und aufgewachsen in Sarajevo, ist Aktivistin des „Dobre Kote“. Anlässlich der Verurteilung Ratko Mladićs durch den ICTY und als eine Hommage an die Künstlerin Šelja Kamerić, veröffentlichte sie am 22.11.2017 eine Fotografie, die sie vor dem Gebäude der EU-Delegation in Sarajevo zeigt – beide Mittelfinger in die Kamera haltend.

 

Sönne Jensen: Wie bewertest du die Verurteilung Ratko Mladićs?

Meine Meinung zu der Verurteilung ist als aller Erstes, dass es inzwischen einfach zu spät ist. Die begangenen Verbrechen liegen bereits so viele Jahre zurück und die Menschen haben ihre Angehörigen schon vor Langem buchstäblich zu Grabe getragen. Welche Bedeutung hat es also noch und wessen Gerechtigkeit ist es?

Dazu kommt die Anklage, bestehend aus elf Punkten, selbst. Der erste Punkt der Anklage bestand in dem Vorwurf des Genozids in sechs Gemeinden Bosnien und Herzegowinas. Ein Genozid impliziert in diesem Fall die Intention des Auslöschens einer Gruppe aufgrund der tatsächlichen oder vermeintlichen ethnischen Zugehörigkeit ihrer Individuen. Und obwohl der Gerichtshof das richtig erkannt hat, wurde der Punkt aufgrund der Behauptung, es seien nicht genügend Menschen getötet worden, fallen gelassen. Welcher Logik entspricht das? Genozid hat doch nichts mit der Anzahl der getöteten Menschen, sondern mit der Intention zu tun.

Als ich also von dem Urteil gehört habe, hat mich das erst mal ziemlich schwer getroffen. Natürlich ist es richtig und notwendig, dass seine Schuld in so einer Instanz formal bewiesen wurde, doch was bedeutet das schon für die Serbinnen und Serben, die ihn trotz allem noch als Helden verehren? Für diese Menschen scheint das Urteil nur unfair zu sein – und so ein Zustand hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Als allererstes muss so eine Aufarbeitung von den Menschen akzeptiert werden, die hier leben, und dann von der EU, den Vereinten Nationen oder wem auch immer.

Wie kann es deiner Meinung nach gelingen, das Vergessen und Instrumentalisieren von Geschichte zu überwinden?

In erster Linie natürlich durch Bildung und eine weitestgehend objektive Vermittlung der Geschichte. Meines Empfindens nach zeigt sich ein starker Unterschied in der Qualität historischer Aufarbeitung zwischen den beiden Entitäten, der Föderation und der Republika Srpska. Insbesondere in letzterer wird über begangene Verbrechen durch bosnische Serb*innen de-facto gar nicht gesprochen und junge Menschen werden vor allem außerhalb der Schule mit einer Interpretation des Konfliktes indokriniert, die Serb*innen zu Opfern und serbische Anführer zu Helden stilisiert – zu Idolen, zu denen man aufschauen sollte. Und meine größte Sorge ist, dass es nicht wenige junge Menschen in diesem Land gibt, die – buchstäblich – zu Faschisten werden.

Und was wir dagegen tun, darf sich eben nicht nur darauf beschränken, Menschen in unseren kleinen Nischen außerhalb bestehender politischer und sozialer Systeme zu bilden. Wir müssen zwangsläufig das Bildungssystem grundlegend verändern und auf einer Ebene vereinen, auf der ein unvoreingenommenes Geschichtsbild vermittelt werden kann. Und ohne so eine Veränderung, da bin ich mir sicher, können wir nichts ernsthaft ausrichten, mit unseren kleinen NGOs, den Seminaren und all diesen Dingen.

Setzt die Entwicklung einer gemeinsamen Bewertung des Krieges nicht voraus, dass Kriegsverbrecher aller beteiligter Parteien zur Verantwortung gezogen werden? Auch all die, die uns nicht einmal bekannt sind?

Selbstverständlich sollten ausnahmslos alle Kriegsverbrecher zur Verantwortung gezogen werden. Im Augenblick liegt der Fokus nur auf den Hauptverantwortlichen, doch was ist mit den tausenden und tausenden von Soldaten; denjenigen, die Menschen ermordet haben und die mit ihren Taten konfrontiert werden müssen? Auch die müssen belangt werden und sich selbst der Tatsache stellen, dass sie Genozid und ethnische Säuberungen mit zu verantworten haben.

Meine größte Angst ist, dass diese Leute jeden Tag auf offener Straße herum laufen und nur einen intelligenten Anführer wie Ratko Mladić oder wen auch immer brauchen, um sich erneut zusammenzutun. Das ist das größte Problem: Es gibt eine riesige Anzahl von Menschen, die für ihre Verbrechen nie belangt wurden und das vermutlich auch niemals werden. Wie es möglich ist, diese Menschen zu erreichen und zum Umdenken zu bewegen, kann ich aber leider auch nicht beantworten.

Das Urteil gegen Mladić wurde von einigen serbischen Politikern mit dem Verweis auf Naser Orić relativiert, dem bosniakischen Kriegsverbrecher, der zurzeit unbehelligt in Sarajevo lebt. Von vielen bosnischen Muslimen wird Orić als Verteidiger gegen die „serbische Aggression“ glorifiziert. Wie sollte am Besten mit dieser Art von „reaktionärem Nationalismus“ umgegangen werden?

Das ist, und das finde ich wichtig zu sagen, nicht nur mit Naser Orić verbunden. Wenn du bosnische*r Muslim*in bist und jemand aus deiner Familie zur Verteidigung Sarajevos beigetragen hat, wird dir natürlich auch vermittelt, dass das etwas sei worauf man stolz sein müsse. Wenn du ein Kind bist, wird ein Umfeld geschaffen, in dem du Stolz für deinen Großvater verspürst, weil er in den Krieg gezogen ist und Menschen getötet hat. Und das ist vermutlich die Essenz des Problems: Warum stilisieren wir, auf jeder Seite, Menschen, die für den Tod anderer verantwortlich sind?

Andererseits kann ich es von einer sehr persönlichen Position aus auch nachvollziehen. Ehrlicherweise existiert dieses Phänomen auch in meiner Familie und es hat viel mit persönlichen Schmerzen und Verlusten während des Krieges zu tun. Vermutlich würde niemand meiner Angehörigen, diesen oder jenen als Helden bezeichnen – doch wie mein Vater sagen würde: Wenn sie mit Panzern auf uns zukommen, sollen wir dann Blumen werfen?

Diesen Punkt kann ich sehr gut verstehen. Ich persönlich bin fest von gewaltfreien Prinzipien überzeugt, doch was wir immer wieder leicht vergessen wenn wir uns in theoretischen Idealen verrennen, ist der real existierende Schmerz des „Echten“. Es ist vollkommen falsch „unseren“ Nationalismus anders zu bewerten als den anderer. Doch auf der anderen Seite muss ich mich fragen, wie ich reagieren würde, wenn ein neuer Krieg ausbrechen würde. Wenn jemand mit einer Waffe auf mich zielen würde um mich zu töten, würde ich wohl kaum nur dort stehen und ihn ansehen.

Also ja, natürlich ist das nichts anderes als reaktionärer Nationalismus. Doch ich glaube in diesem Land haben zu viele Menschen leidvolle Erfahrungen machen müssen, als dass so etwas Utopisches wie die Überwindung dessen in naher Zukunft möglich wäre. Damit möchte ich es nicht rechtfertigen, denn natürlich schafft es nur noch größere Distanz zwischen den Leuten, doch ich kann Individuen auch nur schwerlich dafür verurteilen. Du siehst, es ist kompliziert.

Das Foto „Bosnian Girl 2“ von und mit Smirna Kulenović

Magst du den Kontext des Kunstwerks „Bosnian Girl“ von Šejla Kamerić erklären?

Der Text, den Šejla in ihrer Collage verwendet hat, stammt von einem unbekannten, niederländischen Blauhelmsoldaten und wurde an eine Wand der Barracken in Potoćari¹ gekritzelt. Mit dem Text hat einer derjenigen, die für den Schutz der Menschen in der Enklave um Srebrenica verantwortlich waren, seine Wahrnehmung bosnischer Frauen sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Mit der Collage, auf der ein Foto von ihr und der Text des Soldaten zu sehen sind, wollte sie zeigen, wie Frauen während des Krieges, mehr denn je, objektifiziert und zu einer Art „Trophäe“ gemacht werden.

In Bosnien und Herzegowina gab es so viele Vergewaltigungen, dass der weibliche Körper zu einer Art „Kriegsinstrument“ gemacht wurde. Auf die selbe Art und Weise, wie die Brücke in Mostar zerstört wurde, wurde auch mit den Körpern von Frauen umgegangen.

Einerseits sollte ihr Werk also eine Reaktion auf diese Gewalt gegenüber Frauen sein, andererseits eine Kritik an dem Versagen der „Internationalen Gemeinschaft“, die während des gesamten Zeitraums, in dem die Massaker von Srebrenica passierten, gegenwärtig war und nichts anderes tat als „zu beobachten“ …

… oder sogar Beihilfe leisteten, wie durch die Unterstützung beim Abtransport aus der UN-Basis.

Ganz genau! Es läuft also nicht nur darauf hinaus, dass die Verantwortlichen all das schweigend hingenommen hätten – der Text, speziell an diesem Ort, und das Verhalten der UN-Soldaten in der Enklave war eine Provokation, ein Angriff auf alle bosnischen Frauen und auf eigentlich alle Frauen auf der Welt.

Šejlas Botschaft macht ihr Werk deshalb für mich zu einem der bedeutendsten zeitgenössischen Kunstwerke dieses Landes – ich denke sogar, es ist das erste zeitgenössische Werk, das Bosnien und Herzegowina weltweit bekannt gemacht hat, weil es inzwischen in so vielen Museen und Galerien überall auf der Welt zu sehen ist.

Nicht grundlos ist deine Hommage an Šejla Kamerić vor dem Gebäude der EU-Delegation in Sarajevo entstanden. Wie siehst du die Rolle der EU und der „Internationalen Gemeinschaft“ in BiH während des Krieges und jetzt?

Die Wahl des Ortes hat für mich viel mit der Illusion zu tun, die wir von Europa haben. Von vielen, insbesondere jungen Menschen, wird die EU noch immer als eine Art „Rettung“ und „sicherer Zufluchtsort“ gesehen, an dem Träume, die sich in Bosnien nicht verwirklichen lassen, endlich in Erfüllung gehen können. Ich wollte also diese Botschaft an Menschen meiner Generation senden, dass wir in einer bizarren Illusionen dessen leben, was wir als Europa betrachten.

Das Original „Bosnian Girl“ von Šejla-Kamerić

Über die Zurückhaltung der EU als Teil der Internationalen Gemeinschaft während des Krieges haben wir schon gesprochen. Nun, mehr als 20 Jahre später, gibt es in Bosnien einen Haufen von EU-Institutionen, -Komitees, -Delegationen, und so weiter, deren Mitarbeitende dafür bezahlt werden, bosnische Politiker*innen zu beraten. Innerhalb der letzten 20 Jahre gibt es aus meiner Sicht buchstäblich nichts, was die EU hier erreicht hätte. Nicht zu einem einzigen Entscheidungsprozess hat sie ernsthaft beigetragen und nie etwas anderes getan als „präsent“ zu sein.

Für mich wirkt das Gebäude der EU-Delegation in Sarajevo deshalb wie eine schön aussehende, moderne Skulptur, von der niemand so genau weiß, wofür sie eigentlich da ist. Das größte Problem in der Wahrnehmung der EU durch Menschen auf dem Balkan im Allgemeinen, ist ihre maßlose Überhöhung.

Solange das Abkommen von Dayton die Grundlage dieses Staates bildet, kann die Europäische Union nicht das Geringste in Bosnien und Herzegowina ausrichten. Meine Kritik richtet sich daher ganz entscheidend gegen diese Verfassung, die von internationalen Akteuren eingesetzt wurde und die ethnische Spaltungen zur politischen Maxime und zur Selbstverständlichkeit erklärt hat – ein System also, dass es für niemanden möglich macht zu überleben, solange du nicht Teil einer davon profitierenden politischen Elite bist.

Solange wir nicht darin unterstützt werden, unsere Verfassung zu ändern, gibt es nichts, das uns langfristig weiterhelfen könnte. Und ob es möglich ist, Einigung zwischen allen Beteiligten zu erreichen ohne dass es dafür erst einen neuen gewalttätigen Konflikt braucht, kann ich angesichts der festgefahrenen Strukturen in diesem Land nicht beantworten.

Und mal so nebenbei gesagt: Wenn ich einen Blick in die Europäische Union werfe, auf die Kämpfe dort und den Wiederaufstieg faschistischer Bewegungen auf dem ganzen Kontinent, will ich von so einer Staatengemeinschaft auch nicht sonderlich viel erwarten.

Worin genau bestand deine ganz persönliche Motivation für die Fotografie „Bosnian Girl “?

Während Šejla zeigen wollte, auf welche Art und Weise Frauen zu Objekten gemacht werden, ging es mir darum das ganze auf ein anderes Level zu heben. Ich wollte den aktiven Part in einem allgegenwärtigen gesellschaftlichen Konflikt vertreten und meine Position auf besonders radikale Weise verbildlichen. Es ging mir darum mich als Frau, die in einer immer noch sehr patriarchalen Gesellschaft lebt, auf die Straße stellen und laut und deutlich „Fuck you!“ sagen zu können – obwohl ich weiß, aufgrund meines Geschlechts für so etwas von allen Seiten verurteilt zu werden.

Der Impuls für diese Aktion kam unmittelbar in dem Moment, in dem ich von der Verurteilung und dem Freispruch vom ersten Anklagepunkt gehört habe. Und ich dachte nur, ich müsse irgendetwas machen und hatte keinen Plan, wie genau dieses „Irgendetwas“ aussehen sollte. Ich wollte schon seit Langem eine Hommage an Šejla machen, doch der Einfall hierfür war super emotional und die gesamte Idee in fünf Minuten geboren.

Und es war zugegebenermaßen auch eine Art Trotzreaktion auf Europa, die aus der Erinnerung daran entstanden ist, wie mir Menschen in der EU bereits begegnet sind, wenn sie erfahren haben, dass ich Bosnierin mit muslimischen Wurzeln bin.

 

Sönne Jensen, lebte mehrere Monate in Belgrad und unterstütze dort Geflüchtete. Derzeit macht er einen Freiwilligendienst bei der Organisation „Snaga Žene“ (Kraft der Frau) in Tuzla  und arbeite mit Binnenvertriebenen aus der Region um Srebrenica.

¹Es ist die Rede von den „Barracken“ in Potoćari (nahe Srebrenica), in denen 1995 hunderte muslimische Männer durch die Armee der bosnischen Serb*innen hingerichtet wurden.

 

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