vonfuchsbau 10.09.2018

Der Fuchsbau

„Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Maksio wuchs in Miasto auf, einem überschaubaren fünfundzwanzigtausend Einwohner zählenden, ländlichen Städtchen bei Krakau. Am Ende der Ulica Długa*, einer Straße, an der etliche Einfamilienhäuser, vor allem aber Fabriken standen, begann sich sein Charakter zu formen. Erwachsenen fielen die vielen stinkenden und grauen Wolken über den Schornsteinen, der Schmutz im Flüsschen Strumyczek oder die überquellenden Müllcontainer an den Straßenrändern unangenehm auf, doch für Maksio war die Welt in Ordnung, der Himmel blau, das Wasser voller Fische und der Müll dort, wo er hingehörte.

An einem dritten August, dem Tag, als er – so unbeschwert, wie es nur die Jugend zu sein vermag – zum ersten Mal auf Mateusz treffen sollte, brütete die Sonne über den Köpfen, ließ Eis schmelzen und Hunde übermäßig stark hecheln.

»Tschüss, Oma!«, rief Maksio über eine Schulter. »Ich komme nicht spät zurück.« Auf eine Antwort, die sicher, wenn auch aufgrund der Gemächlichkeit von Oma erst Minuten später kommen sollte, wartete er nicht. Dem Hund der Familie, einem Belgischen Schäferhund-Welpen, warf er ein Stöckchen, machte das Gartentor behutsam auf, ging schnell hindurch und machte es wieder zu, damit Rex nicht entwischen konnte, und ging los, dem Tag entgegen.

Dieses letzte Haus in der Ulica Długa war eines der weniger schönen, und es markierte den Stadtrand. Dahinter gab es nur mehr Wiesen und Felder, Hügel und Wälder. Auf der linken Seite der Straße in Richtung Zentrum standen sowohl bäuerliche als auch moderne Häuser sowie Fabriken, und auf der rechten Seite lag ein Deich.

Der längliche, künstlich aufgeschüttete und mit saftigem, hohen Gras überwucherte Hügel zog sich kilometerweit am Rande von Miasto entlang und beidseitig weiter in das Umland hinein. Auf ihm befand sich ein schmaler Wanderpfad, und außer diesem Erddamm, den Häusern und den Fabriken war da nicht mehr viel, denn hinter den Häusern und deren Äckern fing bereits der dichte Mischwald an, hinter dem Deich floss – parallel zu ihm – das bereits genannte Flüsschen Strumyczek, dahinter wucherte wild eine Landschaft aus Gräsern, Sträuchern und vereinzelten Bäumen, und noch weiter hinten entfaltete sich als einziges unbewegliches Element eine ausgedehnte Hügellandschaft.

Ins Innere der Kleinstadt spazierend, die Wärme der Sonne genießend und von den Geräuschen der Zikaden begleitet kickte Maksio eine zerdrückte Cola-Dose vor sich her. Er kannte jeden in dieser Straße vom Sehen, doch niemanden näher. Es waren Nachbarn, deren Leben Maksio nur vom Geschwätz kannte, das sich im Umlauf befand und ab und an auch in den Vorgarten seiner Großeltern gelangte.

Jedes Mal, wenn der gelangweilte Junge diese Straße entlangspazierte – die zwanzig Minuten zu den Schienen, welche die Grenze zum weniger ländlichen Stadtkern markierten, wo es die meisten Geschäfte und auch Wohnsiedlungen gab – musste er etwa vier bis fünf im Garten grabende, aus den Fenstern schauende und ihre Kinder mahnende oder mit ungezogenen Hunden spielende Nachbarn grüßen. Er war seinerseits gerne gesehen; ein harmloser, gut erzogener Junge mit alten abgetragenen Sportschuhen, einer langen Jeans – die Knie natürlich abgewetzt –, meist einem einfarbigen T-Shirt, seinem schwarzen Cap, auf dem vorne groß Formula 1 stand, und einem herkömmlichen, olivgrünen Rucksack. So gewöhnlich, wie Maksio zu dieser Zeit aussah, so 08/15 war auch sein Leben – bis zu diesem Nachmittag zumindest.

* Lange Straße

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