vonfuchsbau 29.10.2018

Der Fuchsbau

„Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Als Maksio an diesem Abend im Bett lag und aus dem Fenster sah, auf den nahezu vollen Mond und die Sterne ringsum, konnte er nicht aufhören zu grinsen. Endlich! Endlich passiert hier was!

*

Am späten Vormittag des kommenden Tages – der stimmgewaltige Hahn hatte bereits Stunden zuvor gekräht und nahezu jeden auf dem Hof geweckt – stieg Maksio mit geröteten Augen und nach wie vor etwas verkatert aus dem Bett. Sein Kopf schmerzte, besonders schlimm war es aber nicht. Im ersten Stockwerk befanden sich die Schlafzimmer von Opa und Oma, seiner kleinen Schwester Lilith und ihm sowie ein großes Badezimmer. Vom Erdgeschoss, wo sich das Wohnzimmer, ein Arbeitszimmer, die Küche und ein kleines Bad befanden, drang ein verführerischer Frühstücksduft nach oben, also überlegte Maksio nicht lange und stieg die Treppe nach unten, vorbei an den kunstvoll zusammengestellten Blumensträußen, die im ganzen Haus an Fäden zum Trocknen von den Wänden hingen, Farbe ins Innere brachten und der Oma ein kleines Zubrot sicherten.

Opa saß in seinem großen gepolsterten Ohrensessel vor dem Fernseher und sah die Moderatoren der Frühstücksnachrichten über eine belanglose Tagessensation schwadronieren. Oma saß mit Lilith am Küchentisch und versuchte wie jeden Morgen vergeblich, das Kind zu füttern. Es mochte nicht so recht essen, schon länger nicht mehr. Genauer gesagt seit einem knappen Jahr, seit Lilith und Maksio Waisen geworden waren. Anstatt zu essen, blickte das siebenjährige Mädchen lieber auf die Straße, wo die Autos in Richtung Stadt fuhren. Rex lag unter dem Küchentisch und ruhte sich von einem üppigen Frühstück aus; den Resten des gestrigen Hühnchens.

»Na, wieso bist du denn wieder so traurig?«, fragte die Oma Maksios Schwester gerade, als er die Küche betrat. Und weiter: »Es ist doch so ein schöner sonniger Tag draußen!« Wie er es hasste, das zu hören. Er kannte Lilith besser als sonst jemand und wusste genau, dass sie gar nicht traurig war, sondern nachdachte. Zugegeben, sie sah traurig aus, wenn sie dies tat, doch die ewige Fragerei von Oma und Opa, den Nachbarn und den Kindern vom Spielplatz, wieso sie denn so traurig dreinschaue, befand er als kontraproduktiv. Lilith schwieg natürlich, wie immer, seit die schmerzlichen Ereignisse sie hatten verstummen lassen.

»Na, Schlafmütze. Ich habe dich gestern gar nicht nach Hause kommen hören. Hattest du Spaß?« Oma stand auf, strich Lilith eine Strähne aus dem Gesicht, stellte den Teller mit dem Käsebrot auf die Anrichte und begann am Herd ein Frühstück für ihren Enkel zuzubereiten, der zu dieser Tageszeit Eier lieber mochte als Brote. Maksio setzte sich neben seine Schwester und hantierte etwas an dem Puzzle, das sie nicht weiter beachtete. Auch wenn die Großeltern eher einfach gestrickt waren und nicht ganz verstanden, was ein Kinderherz tatsächlich begehrte, hatten die beiden Waisen Glück mit ihnen, denn sie waren äußerst liebevoll und kümmerten sich gut um ihre Enkel.

»Wie immer, Oma. Du weißt ja, es ist nicht viel los in Miasto.« Dass er seine Babcia* anflunkerte, tat ihm zwar ein bisschen leid, doch wollte er ihr nichts erzählen, was sie möglicherweise aufregen konnte. So zu denken, war eine Eigenart von Maksio, die er erst spät in seinem Leben ablegen sollte. Immerzu hatte er Angst, etwas falsch zu machen, deshalb verschwieg er meist, was er tat und erlebte, selbst, wenn es sich um ganz alltägliche Ereignisse handelte.

»Nicht lange und du wirst die Welt bereisen. Glaub mir. Genieße diese Ruhe, solange sie bei dir ist«, antwortete Oma beiläufig, während sie Eier und Milch für Maksios Frühstück zusammenrührte.

*

* Großmutter

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