vonfuchsbau 26.11.2018

Der Fuchsbau

„Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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»Wow, dem hast du’s aber gegeben! Toll!«

»Ja, mein kleiner Freund«, erwiderte Mateusz, vollgepumpt mit Adrenalin. »Man muss der Erste sein, der zuschlägt, sonst hat man schon verloren.« Miasto hatte einen neuen Boss, zumindest aus der Sicht der Grundschulkinder, und bei der Größe der Stadt sprach sich das schnell herum.

Erst nach wenigen Augenblicken der Orientierung bemerkte Mateusz, dass es sich bei seinem Bewunderer um Maksio, den Jungen von neulich, handelte. Diese kurze Verzögerung, das nicht sofortige Erkennen, irritierte Maksio. Es war eine Banalität, die sonst von niemandem wahrgenommen wurde, doch ihn kränkte diese Nachlässigkeit des eben erst angepöbelten Städters, dem die Aufregung nur langsam aus dem Gesicht wich. Maksios Vorfreude auf ein Wiedersehen hatte einen kleinen Dämpfer erlitten, denn offensichtlich kannte Mateusz derart viele Menschen, hatte ein derart interessantes Leben, dass ihm ihr gemeinsames Abenteuer in der Brauerei nicht so viel bedeutete wie Maksio.

»Ach übrigens, das ist Michał, seinem Vater gehört die Brauerei.« Mit der Seite eines Schuhs stupste Mateusz seinen Freund leicht gegen dessen angewinkelten Beine. »Was ist denn los, Michał? Ist doch ein toller Job!« Er wendete sich wieder an Maksio. »Weißt du, er ist ein bisschen stinkig. Seine Eltern zwingen ihn zu dieser Arbeit. Ich hab mich freiwillig gemeldet. Ein bisschen Arbeit im Sommer tut doch gut, oder was meinst du? Bevor man sich noch langweilt.«

»Schätze schon«, antwortete Maksio diplomatisch.

»Hey, Michał«, versuchte Mateusz es nochmal.

Mehr als ein »Mhm« bekamen die beiden aber nicht mehr aus Michał raus, der nach wie vor auf dem Boden saß und mit halb geschlossenen Augen vor sich hinträumte.

»Ach, mach dir nichts draus. Er ist bekifft. Wie immer, wenn er frei hat. Du musst wissen, wenn er nicht grad zu viel Freizeit hat und keinen Job erledigen muss, den er nicht leiden kann, ist er ein ganz ambitionierter Typ, lernt Balletttanz.«

»Aha. Klingt toll«, meinte Maksio skeptisch, denn er wusste nicht, ob Mateusz wieder einmal scherzte oder es ernst meinte, denn Michał sah nicht wirklich wie ein Tänzer aus, wie er da so rumlungerte, das Gesicht eingefallen und die Gedanken weit weg, angezogen wie ein Rocker, mit abgewetzten Jeans, alten Turnschuhen, einem weißen Unterhemd und einer Lederjacke darüber. Doch was wusste Maksio schon? Er hatte noch nie eine Ballettaufführung gesehen. Zunehmend eingeschüchtert von den städtischen Gleichaltrigen, die ihm zeigten, dass er sein bisheriges Leben anscheinend verschlafen hatte, wusste Maksio nicht mehr, was er sagen sollte, also begann er nervös von einem Bein aufs andere zu treten.

»Maksio, wir fahren jetzt wieder zurück nach Hause, aber wenn du Lust hast, morgen kommen ein paar Jungs aus der Stadt her und wir spielen etwas Fußball beim Bolzplatz dort hinten am Fluss. Kennst du den?«

»Klar.«

»Um fünf treffen wir uns. Kommst du?«

»Mal schauen.«

»Gut, also bis dann! Sag Tschüss, Michał.«

»Äh, was? Ach ja, Tschüss.«

»Tschüss.«

Noch eine Weile blickte Maksio den beiden Städtern nach, bevor er auch nach Hause ging, ganz im Unklaren, was er eigentlich gewollt hatte, als er zu Mateusz und Michał gegangen war.

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