vonfuchsbau 02.04.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Als sie auf der Spitze des Kopiec Krakusa* eintrafen, nachdem sie unterwegs mehrmals zum Trinken und Quatschen auf Bänken, Stufen und Wiesen haltgemacht hatten, war ihr Wodka halbleer, der Saft noch nicht angerührt und Mateusz und Maksio bestens gelaunt, unsicher im Gang und rotzfrech zu anderen Passanten.

»Na, zu viel Sonne abbekommen?«, fragten sie einen Herrn mit verbrannter Haut, und »Küsschen, Küsschen« sagten sie zu einem etwa fünfundzwanzigjährigen Mädchen, das über die beiden – in ihren Augen – Kinder nur schmunzeln konnte.

Maksio und Mateusz hockten gerne auf dem warmen und begrünten Erdboden des Hügels, bei dem niemand so recht wusste, wer ihn aufgeschüttet hatte und wozu. Man munkelte, dass es sich vor langer Zeit um einen heidnischen Kultplatz gehandelt habe, doch sicher war sich niemand. Die beiden Müßiggänger mochten diese sagenumwobene Stimmung, das Ungewisse, das Platz für eigene Spekulationen bot. Nur die vielen Touristen, die hinaufstiegen, um eine weitere Attraktion von ihrer To-do-Liste streichen zu können, nervten.

Die Beine übereinandergeschlagen und die Flasche flüssiger Unterhaltung zwischen sich, blickten die Teenager über Krakau; die Stadt, in der sie heranwuchsen, die sie geformt, enttäuscht und berauscht hatte, die sie hassten und liebten, weil sie sonst keine andere kannten. Im Rausch fragten sich die beiden, wie viele ihrer Artverwandten, also junge Rock’n’Roller, auf der ganzen Welt und zum selben Zeitpunkt auf ihre Städte hinabblickten, sie gleichzeitig hassten und liebten, einfach nur aus dem Grund, weil sie zufällig dort auf die Erde gespuckt worden waren.

Von einer Sekunde auf die andere verunstaltete eine gepeinigte Miene das Gesicht von Mateusz. Er hatte einen Tagesabschnitt erreicht, den alle Trinker, auch die jungen, fürchteten, von dem sie aber wussten, dass er kommen würde und sie ihn selbst zu verschulden hatten. Es war ein hassenswerter Moment, wenn das unnatürliche Glück in unkonzentrierte, dumme Traurigkeit umschlug, welche ihrerseits gerne engumschlungen mit der Wut Tango tanzte.

»Was ist, Herr Professor?« Maksio versuchte das Wohlbefinden seines Freundes zu retten, ahnte beim Betrachten dessen Gesichtsausdruckes aber, dass es zu spät war.

Mateusz verstand die Intention von Maksio richtig zu deuten und probierte ihm zuliebe, seine Mundwinkel nach oben zu ziehen. Das Resultat war ein entstelltes, weil misslungenes Grinsen.

»Ach, Maksio. Diese Welt ist so schlecht. Es gibt so vieles, das du noch nicht über mich weißt. Das Leben ist schlecht«, wiederholte er sich.

»Ja, was ist denn?« Er rutschte zum Gepeinigten, dem einige wenige stille Tränen über die Wangen liefen, und umarmte ihn – betrunken, zutiefst ehrlich und ohne Scham.

* Einer von fünf künstlich aufgeschütteten Hügeln in Krakau

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