vonfuchsbau 22.04.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Wie unprofessionell, dachte Valeska jedes Mal, wenn die dumme Gans von Malerei-Professorin, Frau Grabowska, sie als Claude Monet bezeichnete, von dem bekannt war, schon früh als großes Talent erkannt worden zu sein.

Es war Nachmittag und die Studenten des ersten Semesters der Bildenden Künste sollten Tiefenwirkung üben. Frau Grabowska war zu Valeska gekommen und lobte ihre Leistung mit den Worten: »Na, was hat unsere Krakauer Monetowska heute schönes gezaubert?« Die junge Künstlerin lief, wie jedes Mal, wenn während eines Seminars zu viel Aufmerksamkeit auf sie gerichtet wurde, rot an. Frau Grabowska hatte sie auf dem Kieker, dessen war sie sich sicher.

Einst wollte die mittlerweile fünfzigjährige Kunstprofessorin selbst Malerin werden, doch war sie nicht gut genug dafür gewesen und musste nun mit dem Lehren einer Sache vorliebnehmen, die sie selbst nur in einem unbefriedigenden Maße beherrschte – die Höchststrafe für jeden gescheiterten Künstler. Theoretisch wusste Frau Grabowska allerhand über das Malen, doch praktisch brillierte sie nicht. Und aus Angst zu versagen, versuchte sie tunlichst, das Vorzeichnen vor den Studenten zu vermeiden. Der Graus, jeden Tag derart unmittelbar mit dem eigenen Misserfolg konfrontiert zu sein, war ihrem Gesicht anzusehen und Valeska fragte sich, wieso Frau Grabowska sich das antat. Des Weiteren unterstellte das Mädchen ihrer Lehrerin, dass diese nur nett zu ihr sein konnte, weil sie sie beneidete. Anders konnte sich Valeska deren überschwängliche Freundlichkeit nicht erklären.

Der schnelle und unerwartete Erfolg hatte nicht nur die junge Füchsin verändert, sondern ebenso ihr Umfeld und wie es auf das Nachwuchstalent reagierte. Die meisten Menschen, mit denen Valeska in Kontakt kam, beäugte sie skeptisch. Die unbeschwerten Jahre ihrer Kindheit und Jugend, als sie ohne Vorbehalte auf jeden Menschen zugehen konnte, waren vorbei. Zu häufig war das Mädchen in ihrem ersten halben Jahr auf der Kunsthochschule mit verdorbenen Charakteren in Berührung gekommen, die ihre Bilder für schlecht befanden, gemein hinter ihrem Rücken sprachen oder offen versuchten sie bloßzustellen. Vor diesem Hintergrund übersah Valeska, dass ebenso viele ihre Malerei bewunderten. Am meisten belastete es sie jedoch, dass Michał, dessen Meinung ihr am wichtigsten war, zu der Gruppe gehörte, die ihrer Kunst nicht freundlich gesonnen war. Stets kritisierte er ihre Bilder, die Intentionen dahinter und selbst ihre Maltechniken, von denen er absolut keine Ahnung hatte.

Mit dem Druck, den Erwartungen und Beurteilungen, die gemeinsam mit den ersten Erfolgen in ihr Leben traten, konnte Valeska gut umgehen, nur das kaltherzige Verhalten ihres Freundes, welches mit ihrem Erfolg zunahm, ließ sie an ihrem Lebensweg zweifeln.

Wer die beiden gut kannte, wusste, dass er ihr nicht guttat. Sie ließ sich von ihm unterdrücken, zwar nicht auf eine gewalttätige oder ausfällige, verbale Art, dafür stichelte er subtil, täglich, fast stündlich gegen seine andere Hälfte, weil sie ohne viel Anstrengung erreichen konnte, wovon er zuerst geträumt hatte. Es war nicht schwer zu beobachten, wie ihr Selbstbewusstsein von Monat zu Monat schwand, doch noch kam keiner der Füchse auf die Idee, dass es möglicherweise besser gewesen wäre, wenn Michał und Valeska ihre Liebesbeziehung beendet hätten.

Das neunzehnjährige Mädchen war verletzlich, zartbesaitet und auf die Vermeidung von Konfrontation bedacht. Völlig unberechtigt hielt sie nur wenig von sich. Wie also hätte das Mädchen glauben können, dass andere etwas an ihr wertschätzten, wie beispielsweise Frau Grabowska. Gegen dieses angeknackste Selbstbewusstsein war nicht viel auszurichten. Es half nicht, dass ihr unkonventioneller Malstil von den Professoren als revolutionär beschrieben wurde, ebenso nicht, dass sie bereits nach nur wenigen Monaten an der Kunsthochschule von den Medien als Jungstar der Universität gefeiert wurde, und auch nicht, dass ihre Bilder im Unterrichtsraum von Frau Grabowska, im Rektorat und in einer renommierten Galerie unweit der Universität ausgestellt waren. Womöglich hätten ein paar warme und freundliche Worte ihres Freundes ab und zu Wunder gewirkt, doch dazu kam es nie.

Ihre selbstzerstörerischen Gedanken teilte Valeska mit niemandem. Solange sie nicht wusste, weshalb sie sich gelegentlich so schlecht fühlte, behielt sie ihre Probleme lieber für sich. Nur wenn Valeska trank, konnte es passieren, dass ein verräterischer Teil in ihr hochkroch und sie garstig zu ihren Freunden wurde, wie Michał es gelegentlich zu ihr war. Der Alkohol, den die Malerin an diesem verwirrenden ersten Jahr an der Kunsthochschule zu trinken begann, war auch der Grund, weshalb sie anfing, schmutzige Gedanken über fremde Männer zu hegen und sich in deren Gegenwart ein bisschen zu lasziv zu benehmen, ohne am nächsten Tag noch viel davon zu wissen.

 Das Ende der Unterrichtseinheit erlöste die junge Frau. Sie schnappte sich ihren Militärrucksack, legte ihre Kopfhörer an, nahm ihren Mantel unter einem Arm mit, hinterließ ihren Platz so, wie er war, ohne die teuren Borstenpinsel auszuwaschen oder ihre Skizze in eine Mappe zu stecken, und stürmte gemeinsam mit Sonic Youth auf die Märzstraße.

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