vonfuchsbau 24.06.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Die Füchse gingen oft aus, fast täglich, wenigstens kurz, sozusagen auf die Jagd nach neuen Ideen, die sie in ihren Künsten verwerten konnten. Entweder hingen die vier in Bars ab, wo sie tranken und quatschten, oder sie schrieben und skizzierten in Cafés. Andere Male lachten und beobachteten sie auf öffentlichen Plätzen oder sie tanzten in den wenigen Schwulenclubs der Stadt, denn die normalen waren ihnen zu langweilig.

Auf die Aktivitäten ihrer Mitstudenten, Hauspartys, trockene, langweilige Kennenlernabende in den touristischen Kneipen der Stadt, in denen alle an einem großen Tisch saßen und Floskeln austauschten, oder Lerngruppen, in denen das theoretisch über das Kunsthandwerk Gelernte wiederholt wurde, verzichteten sie meist. Zu sehr fürchteten Maksio, Mateusz, Valeska und Michał, ein Teil dieser Schafherde zu werden wie Dutzende Absolventen, die jährlich von den Universitäten abgingen und angepasst den gleichen Dreck malten, sprachen und dachten. Also wurde der Kontakt zu den Jungschafen vermieden, wie die Kommilitonen von den Füchsen genannt wurden.

Auch an diesem Abend hatte Valeskas Studienjahrgang eine Musikaufführung geplant. Ein mit einer Mitstudentin befreundeter Liedermacher war eingeladen und es sollte Häppchen und Wein geben. Die Füchse hatten dankend abgesagt. Zu sehr wären sie belagert worden, vor allem Valeska und Mateusz, mit denen immer alle in Kontakt treten wollten.

Das Herbata versprach einen lustigeren Abend, denn dort war das Bier billig, die Musik laut und die bunten Lichteffekte zahlreich. Mateusz und Thomas knutschten, mal auf der großen Tanzfläche, mal auf der zweiten, der kleineren, dann an der Bar, und schließlich verkrümelten sie sich in einen sporadisch eingerichteten, wenig einladenden Darkroom irgendwo innerhalb des weitläufigen Kellergewölbes. Michał und Maksio quatschten über das Tanzen und über Philosophisches, jeder wie er konnte, und Valeska rannte zwischen den beiden an der Bar und den Tanzflächen hin und her.

An diesem Abend hatten sich Mateusz und Valeska eine grüne Tablette mit einem Smiley drauf geteilt und explodierten deshalb nahezu, er vor Verlangen und sie vor Energie. Oft machten sie so etwas nicht, doch manchmal wurde auch bei den Füchsen mit verbotenen Substanzen experimentiert. Maksio enthielt sich dieser Rituale und Valeska meist auch. Michał beschränkte sich auf das weiße Pulver, und Mateusz probierte alles mal aus. Er war es auch, der das verteufelte Zeug anschleppte, was ihm leichtfiel, denn vom Theater und vom Film kannte er mehr als genug Giftmischer, -händler und -opfer.

Valeska rannte also viel herum, fühlte sich überschwänglich, glücklich und energiegeladen. Sie glaubte, die eine Wahrheit erkannt zu haben, artikulieren konnte sie diese aber nicht. Und wie Mateusz ihr vorgeschrieben hatte, achtete Valeska darauf, genug Wasser zu trinken. Sie sprach mit vielen Fremden und verbreitete gute Stimmung, bis zu dem Zeitpunkt zumindest, es war nicht lange nach zwei Uhr, als Michał die gute Laune von Valeska gegen den Strich ging und der fröhliche Abend ein abruptes Ende nahm.

In dieser Phase seines Lebens war Michał vor allem eines, und zwar unzufrieden mit sich, mit den anderen Füchsen, mit allen nicht-Füchsen, mit allem und jedem. Seine immer schon latent vorhandene Missgunst offenbarte sich nun in voller Blüte. Es ging nicht so weit, dass er seinen Freunden bewusst etwas Schlechtes wünschte. Doch dem regelmäßig auftauchenden Gram, der schnell wieder verging, konnte er sich nicht erwehren. Valeska, Maksio und Mateusz verziehen ihm seinen Neid fast jedes Mal, da sie wussten, wie sehr er es schaffen wollte und wie viel er dafür tat. Sie versuchten in seiner Gegenwart nicht allzu viel über ihre Erfolge zu sprechen und diese Taktik ging im Großen und Ganzen auf, nur Valeska war aufgrund ihrer Nähe zu Michał oft Ziel unüberlegter Verbalattacken, die ihm augenblicklich leidtaten, wenngleich es dann schon zu spät war. So auch an diesem Abend.

»Komm mit mir tanzen«, sagte sie.

»Nein, ich mag nicht.«

»Komm schon, sei doch nicht so langweilig. Du bist doch Tänzer, oder?«

Sie meinte es witzig, doch aufgrund des Rausches klang ihr Gerede neutral. Verständlich, dass der etwas dünnhäutige Michał diese Worte persönlich nahm. Valeska keines weiteren Blickes würdigend ging er an ihr vorbei und verschwand, ohne sich zu verabschieden. Mateusz und Thomas tauchten auch nicht mehr auf, also blieben nur noch die schluchzende Valeska und Maksio, der seine Kameradin auf platonische Art in den Arm nahm, ihr die Jacke anzog, nach draußen führte und solange gut zuredete, bis das gekränkte Gemüt Ruhe fand.

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