vonfuchsbau 16.09.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Nichtsdestotrotz, es war eine gut gelaunte Runde an jenem Spätabend im Frühling. Es unterhielten sich acht junge Herren und Damen im besten Alter, und die sechzehnjährige Lilith, für die das Beisammensein mit all den erwachsenen und teils bekannten Persönlichkeiten einen Glanzpunkt ihres jungen Lebens darstellte. Mateusz machte den Kasper, und die anderen versuchten mit seinem Charisma mitzuhalten. Eine spannende Geschichte aus der bunten Theaterwelt jagte die nächste, gespickt mit witzigen Anekdoten. Man trank, hörte zu und beobachtete; manche redeten mehr und manche weniger. Auf dem Platz, an dem eine Bar an die andere gereiht stand, tummelten sich unzählbar viele Nachtschwärmer. Auf der Suche nach Ess- und Trinkbarem, guten Gesprächen und intimen Bekanntschaften ließen sie es sich im Schein der Straßenlaternen gutgehen.

An diesem Tag war Michał äußerst schlecht gelaunt, und das ließ er die anderen auch spüren, vor allem Valeska, gegen die er wie so häufig stichelte. Mal sagte er, sie solle nicht an ihren Nägeln kauen, denn das sei unattraktiv, dabei hatte sie sich nur etwas Bier vom Daumen geleckt. Dann korrigierte er ihre Aussprache auf eine aggressiv genervte Art oder machte sich über ihre Bluse lustig, da sie für ihn so wie ihr Bademantel aussah, weil die beiden Stücke aus einem ähnlichen Stoff genäht waren. Doch Valeska blieb gelassen. Sie gab ihrem Freund recht, lächelte ihm zu und bat ihn um Verzeihung, aber nicht wegen der Schuldgefühle, weil sie ihn betrogen hatte, sondern weil sie wusste, dass er arm dran war und sie ihn gedemütigt hatte. Und dieses Wissen gab ihr sogar ein gutes Gefühl, wenn er sich wieder einmal wie ein Arschloch aufführte. Bei Gelegenheit blickte sie zur anderen Seite des Tisches und war froh, wenn Maksio sprach, denn dann war es nicht auffällig, hinüberzusehen.

Zwischen Mateusz und Maksio saß Lilith, die ausnahmsweise lange ausbleiben und mit ihrem Bruder im Fuchsbau übernachten durfte. Dem hatten auf ihr hartnäckiges Bitten hin nicht nur die Großeltern, sondern auch die anderen Füchse zugestimmt.

Ihr gefiel es bei Maksio und den anderen Künstlern, und denen gefiel Lilith, weil sie frech und lebenslustig war und sagte, was ihr in den Sinn kam. Das hatte sie so an sich, seit sie spät, aber doch, zu sprechen begonnen hatte. Es galt, ein paar Jahre des Redens nachzuholen, und Wozu die begrenzte Zeit mit verlogenem Plappern vergeuden?, war ihr Motto. Außerdem fanden es alle süß, wie unverhohlen sie Mateusz anhimmelte.

Dass sie, als ob es das Natürlichste auf der Welt wäre, nach dem Mai Tai einen zweiten Cocktail trank, eine Piña Colada, konnte Maksio ja noch hinnehmen. Dass aber ein schleimiger Möchtegern-James Dean, Mitte zwanzig, mit speckigen, abgetragenen Mokassins, Leinenhosen, einem rosa Polohemd, einer Ray Ban-Sonnenbrille und die Haare zurückgegelt, anfing, sie anzubaggern, nicht mehr.

»Hey! Pass doch ein bisschen auf, was du sagst. Sie ist erst sechzehn.«

Als Maksio das sagte, belächelten ihn die Mitstudenten von Mateusz nur.

»Sei doch kein Spießer, er macht doch nur Spaß!«, sagte eine im Rockabilly-Stil angezogene Schauspielstudentin, die neben dem James Dean-Verschnitt saß und die Maksio noch nie zuvor gesehen hatte.

Nur die übrigen Füchse bemerkten, dass Maksio mit seinem Einwurf recht hatte und sich nun, aufgrund des Möchtegern-Marilyn-Kommentars, unwohl fühlte. Immerhin war Lilith für sie alle wie eine kleine Schwester. Sie hatte die Füchse von klein auf begleitet und war immer schon dagewesen, als Anhängsel sozusagen, eine Art Maskottchen. Deshalb wurde sie von den Füchsen auch liebevoll kleiner Pilz genannt.

Mateusz sah, dass Maksio diesen einen Gesichtsausdruck trug, den er immer hatte, kurz bevor es ihm zu viel wurde und er wortlos ging. Und da Mateusz nicht wollte, dass der Abend schon früh endete, mahnte er seine Bewunderer, ruhig zu bleiben, sich zu besinnen und nett zu Maksio und seiner Schwester zu sein. Die Intention mag eine freundliche gewesen sein, doch da Mateusz nicht auf seiner geistigen Höhe war, weil der Stoff, den er seit Kurzem durch die Nase zog, ihm das ganze Hirn verklebte, tat er als Nächstes etwas sehr Unüberlegtes.

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