vonfuchsbau 10.12.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Übermüdet, denn sie hatte die halbe Nacht und den ganzen Tag durchgehend an ihrem neuesten Werk gearbeitet, ging sie zu Michał, küsste ihn auf den Mund, nahm seine Hand und zog ihn mit zum Bild.

»Ich brauche noch das Blut eines lieben Menschen, für einen Strich nur, dann ist es fertig. Gibst du mir einen Tropfen, Baby? Nur einen winzigen Tropfen.« Sie sah mit ihren absichtlich verführerisch geweiteten Rehaugen hoffnungsvoll zu ihm hoch. Ganz kurz zögerte Michał, konnte seiner Freundin diese Bitte aber nicht abschlagen, denn dafür war das Bild einfach zu gut und sie zu hübsch, so müde und überall mit Farbe bekleckert, wie sie vor ihm stand. Es war der Moment, in dem sich Michał erneut in Valeska verliebte und sich zur Abwechslung wieder einmal wie ein richtiger Freund verhielt, für diesen Abend jedenfalls.

»Ja, mach, was nötig ist.« Er streckte eine Hand aus und sah weg, denn er mochte es nicht, sein eigenes Blut zu sehen, davon wurde ihm flau im Magen. Sie nahm eine Nadel, piekte ihn in seinen Daumen und pflückte ein paar Tropfen roter Farbe mit einem sauberen Pinsel von seiner Haut.

»Seht nur, was für eine talentierte Freundin ich habe!«

Maksymilian und Mateusz saßen auf dem Sofa, krallten einander vor Aufregung die Hände in die Oberschenkel und sahen gebannt zu, entzückt über die nach wie vor vorhandene Extravaganz in Valeskas eigenen vier Wänden, in denen der Geist des Fuchsbaus noch immer zu spüren war – gut gehütet und vor allen anderen verborgen, über den Dächern einer außergewöhnlich inspirierenden Stadt.

»Aber jetzt! Jetzt, ist es endgültig fertig.« Valeska holte ein Pflaster, strich es Michał auf die kleine Wunde, umarmte ihn wie ein frisch verliebtes Mädchen und setzte sich mit ihm auf den Teppich, gegenüber von Maksymilian und Mateusz. In diesem Moment begriff Valeska, wie häufig in solchen Situationen viel zu spät, dass Maksymilian ja auch noch mit im Raum war. Die Müdigkeit wich schlagartig aus ihrem gerade noch schlappen Körper, ihre Augen weiteten sich diesmal reflexartig, ihr Oberkörper richtete sich auf und das beschämte Schuldgefühl staute das Blut in ihren Wangen.

»Was ist denn?«, wunderte sich Michał.

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