
Wenn es um Bildung geht, kochen die Emotionen hoch. Viele Besucher hier auf dem Kongress sind Lehrer und haben natürlich eine dezidierte Meinung zum Thema Bildungsarmut. Und die Meinung können sie äußern: per SMS, die während der Diskussion “Bildungsarmut oder Armut der Bildungspolitik?” direkt auf die Leinwand im Auditorium gefunkt werden. Zum Beispiel die hier: “Warum tut Frau Erdsiek-Rave nicht, was sie fordert?”
Freiheit und Utopie, das Motto des tazkongresses, sollte auch Motto in Schulen sein, sagt Ute Erdsiek-Rave, Bildungsministerin in Schleswig-Holstein. Denn Schulen bräuchten Freiheit, um erfolgreich zu sein und Bildungsarmut zu bekämpfen. Auch Jutta Allmendinger, Berliner Professorin für Bildungssoziologie, denkt an Freiheit, wenn sie an Schulen denkt, allerdings an künftige Schulen. Denn, so Allmendinger: “Genug Freiheit in den Schulen gibt es nicht.”
Jens Großpietsch ist da anderer Meinung. Der Schulleiter einer Vorbildschule aus Moabit sagt, die Schulen hätten genug Freiheiten, sie würden sie nur nicht nutzen. Es gebe schlicht viel zu viele Verordnungen. Gute wäre, ein Jahr lang mal keine Verodnungen zu schaffen; das würde nichts schlechter machen. Auch starre Anordnungen in vielen Kollegien sind für Großpietsch ein Graus; die anderen Diskutanten pflichten ihm bei. Wenn sie in Schulen Vorschläge mache, sagt Allmendinger, dann heiße es immer: Das geht nicht.
Überhaupt sind sich alle Teilnehmer inklusive taz-Bildungsredakteur Christian Füller meist einig. Man brauche mehr Geld, es solle keine Hauptschule mehr geben, und Freiheit für die Hochschulen sei wichtig.
Schulleiter Großpietsch sagt, Lehrer müssten viel mehr auf ihr Herz geprüft werden, das sie für Kinder hätten: “Ein vernünftiges Verhältnis muss her, Unterricht ist Beziehungsarbeit.” Im Kern gehe es um eine gemeinsame Problemlösung. Ministerin Erdsiek-Rave hakt natürlich schnell ein, man benötige auch eine gute Ausbildung. Aber auch sie sieht ein, dass Lehrer viel mehr soziale Kompetenz benötigen.
Zur konkreten Bildungsarmut sagt Allmendinger, es gebe zwei Gruppen: 10 Prozent Komplettanalphabeten und 25 Prozent Quasi-Analpahbeten, die nur auf dem Papier schreiben, lesen und rechnen könnten. Man müsse mit beiden Gruppen arbeiten, die laut Erdsiek-Rave und Großpietsch aus Bildungsfernen schichten kommen.
Großpietsch wartet sofort mit einem Beispiel auf: Bei ihm an der Schule gebe es einen deutschen intelligenten Schüler, der viel zu selten komme und deshalb seinen Abschluss nicht schaffen werde. Problematischerweise sei überhaupt nicht klar, welche Ämter sich um den Schüler kümmern würden.
Jutta Allmendinger als Hochschullehrerin fügt an, es werde zu viel am oberen Ende getan. An der Uni gebe es Exzellenzinitiativen, am unteren Ende gebe es nur Modellversuche, aber keine klare Agenda. Am Ende des Panels fordert sie deshalb ein soziales Jahr für alle Uniabgänger, dass sie in einer Schule verbringen sollen. Wie das finanziert werden soll, sagt sie allerdings nicht.
Irgendwann geht es um die Kulturministerkonferenz, und da wird die Ministerin dann noch mal angegriffen. Christian Füller sagt, es würden Hauptschulstandards abgeschafft, und Erdsiek-Rave reagiert energisch, dementiert. Auf die Vorwürfe der Zuhörer per SMS, die Kulturministerkonferenz sei überflüssig, geht keiner der Diskutanten ein. Ohnehin finden die SMS kaum Beachtung.
Letztlich wird dann nochmal klar, dass Allmendinger als Hochschullehrerin freilich die Person mit dem theoretischten Ansatz ist. Auf die Frage von Füller: “Wo müssen wir in fünf Jahren sein?”, antwortet sie, Bildung solle mehr ins Zentrum der gesamten Politik rücken. Erdsiek-Rave und Großspietsch werden dagegen: Drei Prozent mehr Bildungsausgaben fordert Erdsiek-Rave – und die Abschaffung der Hauptschule. Und Großpietsch möchte mehr Förderung im Problembereich.
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