
Die Kunst der öffentlichen Rede – hier, im Haus der Kulturen der Welt, ist sie zu erleben. Und vielleicht noch überraschender: Die Fragen, die aus dem Publikum im vollen Theatersaal kommen, machen das Ganze nur noch interessanter.
Die Eingangsfrage und zugleich der Titel der Diskussion war: “Was ist heute Enfremdung?” Antwort von Heinz Bude: “Entfremdung ist der vollendete Narzissmus”; woraus folgt, dass Anti-Entfremdung “die Wiederentdeckung der Gesellschaft” sei. Dass das Ganze wichtiger für den Einzelnen ist, als man denkt – das hat der Soziologe Bude inzwischen auch empirisch nachgewiesen.
Prekarisierte Menschen gingen wissenschaftlich nachweisbar sorgsamer mit eigenen und fremden Ressourcen um, wenn sie nach ihrer Selbsteinschätzung noch Gehör in der Gesellschaft fänden. So konkret politisch ging es allerdings nicht los. Bude, von taz-Redakteur Jan Feddersen begrüßt und vorgestellt, machte in seinem Vortrag klar, dass der klassische Begriff der Entfremdung (Marx, Adorno, Marcuse) zwar nicht seiner sei, dass man aber die Menschen mit dem diffusen Gefühl des Unbehagens an der Gesellschaft nicht allein lassen dürfe.
Jenseits einer mit Ressentiments behafteten, in Idyllen ausweichenden Positionierung oder des Alles-Trashig-Findens dürfe das Feld des Populären, der TV-Kirmes usw. nicht unkategorisiert bleiben, also, sagt Bude: Wir befinden uns heute in der Epoche nach der Kritik der Kulturkritik, weil “gewisse Phänomene einfach ekelhaft” seien.
Um nun gleich einen Sprung zu machen: Auf Nachfrage sagte Bude, dass linke Politik heute vor allem scharf argumentieren müsse. Anti-Entfremdung wäre also die Anstrengung des Begriffs, bei gleichzeitiger Einsicht, dass man mit solchen Begriffen auch ganz schön auf die Fresse fallen, dass man scheitern kann. Bewusstsein von Tragik statt Dauerironisierung.
Eben das wäre nicht-entfremdet: Hingabe, Risiko, Leidenschaft, Engagement für das Ganze in den Feldern Arbeit, Liebe und Politik. Das kam – und Bude machte es selbst zum Thema – natürlich etwas pastoral rüber. Aber das Publikum hatte deutlich Lust auf Orientierung, kirchliche Stille zog ein. Und deswegen gab es auch großen Beifall, als Bude das Gutmenschenbashing für überholt erklärte und zugab, wieder ganz gerne Böll zu lesen; oder als er die Thirtysomethings in den politischen Apparaten als , “Luhmännchen” outete: “Man kann nicht immer nur beobachten, man muss sich auch mal berühren lassen.”
Was heute anstehe, sei nicht Geringeres als eine “Neuregelung unserer Angelegenheiten” auf der Basis eines “Neuen Egalitarismus”. Dazu gehörte auch eine Neuverhandlung der “politischen Preise” für Dienstleistungsarbeit, etwa im Gesundheitswesen. Hier müsse die Linke konkret werden – wo soll das Geld herkommen? – und sich nicht mit Manager- und Bankerschelte aufhalten: das sei Vergangenheit, man brauche aber Zukunft.
Das fanden nicht alle gut, und tatsächlich blieb die Frage, wie man die sich absetzenden Eliten auch ins Boot dieser neuen Gesellschaft holt, unbeantwortet.
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