Zu viel Kulti, zu wenig Multi?

(c) Caterina Werner / Fotoklasse der Reportagefotografie im Photozentrum am Wassertor der vhs Kreuzberg

“Willkommen auf einer friedlichen Veranstaltung, denn bei uns geht es darum, dass Migration eigentlich gar kein Problem ist.” Bei dieser Einleitung von taz-Redakteur Martin Reichert gehen einige Augenbrauen hoch: „Meint er das ernst ?“

Martin Reichert bringt die nötige Lockerheit in eine in Sorgenfalten erstarrte Debatte. Diskussionspartnerin Hilal Sezgin stellt er vor als Kolumnistin, Philosophin, Muslimin, Vegetarierin und Katzenfreundin vor – „je nach Tagesform.“ Außerdem habe sie ein Buch von Paul Scheffer rezensiert. Und in ihrer Rezension werfe sie ihm vor, er schreibe doch eigentlich nur Bla Bla.

Das sitzt als Einleitung. Nun ist Paul Scheffer dran. Er ist Holländer, Journalist und Soziologe und hat 2000 geklagt, dass man in der ach so schönen multikulturellen Gesellschaft der Niederlande eigentlich nur aneinander vorbei lebe.

Als erster betritt er das Redepult und zeigt sich von seiner charmantesten Seite – so Sezgin später. Migration sei in allen Zeiten und Räumen vorgekommen, sagt er, und verlaufe immer nach dem gleichen Muster. Erst gebe es eine Phase der gegenseitigen Vermeidung, dann komme es zu Konflikten und zum Schluss zum sich miteinander Abfinden.

Integration werfe auch immer die Frage auf: Ja, in was denn? Zuwanderung zwinge auch immer die Gesellschaft, in den Spiegel zu blicken: Wer sind wir denn eigentlich? Das müssten wir neu definieren, meint Scheffer. Und schlägt für einen neuen Gesellschaftsvertrag eine illustre Liste von vier Punkten vor.

Erstens müsse Migration im größeren Kontext begriffen werden. „Wir können nicht darüber reden, welche Migranten wir nicht wollen, wenn wir nicht auch gleichzeitig unsere Agrarpolitik gegenüber den nordafrikanischen Ländern in Frage stellen.“

Zweitens müsse Bildung auch die Geschichte von Migration in Europa thematisieren. Drittens gehöre religiöse Freiheit gewährleistet. Das bedeute, ein Okay für Moscheenbau und raus mit den Kreuzen aus bayrischen Klassenzimmern. Und viertens, vielleicht müsse man Solidarität hinterfragen und den Sozialstaat reduzieren – denn wer wolle denn schon für Newcomer zahlen, die selbst noch nichts beigetragen hätten.

Sezgin schluckt. Ungeduldig rutscht sie auf ihrem Sessel herum. Sie drängt ans Pult, will widersprechen. Schon ist sie an der Reihe. Sie springt auf und läuft erst einmal von der Bühne. Holt ihr Handy. Und sprintet zum Pult. „Nicht zum SMSen“, versichert sie. Nur um die Zeit im Auge zu haben. Übrigens, sie habe gar nicht gesagt, alles in Scheffers Buch sei nur Bla Bla. Sie stutzt kurz, holt tief Luft. Jetzt legt Sezgin los.

Herr Scheffer habe sich ja heute von seiner Schokoladenseite gezeigt, fängt sie an. „Aber Sie haben mit ihrem Buch der Idee des Multikulturalismus geholfen, den Todesstoß zu versetzen!“Man könne für Deutschland nicht sagen, die Ideologie des Multikulturalismus sei gescheitert. „Der Multikulturalismus war in Deutschland nie herrschende Ideologie.“ Seit Ende der 1990er hieß es eher: „Das Boot ist voll.“

„Überhaupt, mir war bei der Multikulturalismus-Debatte immer zu viel Kulti und zu wenig Multi.“ Anstatt über Vielfalt und kulturelle Diversität zu sprechen, werde immer nur pauschalisiert, kritisiert Sezgin. „Gerade erst komme ich von einer Veranstaltung, da hieß es auch wieder, alle Muslime seien soundso.“

Weiter kritisierte sie Scheffers „Phasen-Modell“ der Integration mit den Etappen Vermeidung, Konflikt und Abfindung. Am Ende stünde doch eigentlich nur das sich Abfinden auf beiden Seiten, der Kummer bleibe. Ein Negativ-Bild. Und außerdem, in der ersten Phase, der Etappe der Vermeidung. Nun ist sie richtig in Fahrt.

Man könne doch nicht die Vorurteile von Einwanderern – der Minderheit – auf die gleiche Stufe stellen wie die Zurückhaltung der Mehrheit! Die Machtverhältnisse lägen doch ganz anders. „Wir haben ein Problem mit Gleichheit – und mit Ungleichheit und das gehört in diese Debatte mit herein.“

Sezgin geht zurück zur Sitzrunde. Scheffer darf antworten. „Multikulturalismus gehört für mich zur Phase der Vermeidung“, greift er an. Die nächsten Generationen würden ja immer weniger die Werte und Kultur der Eltern leben. Außerdem sei Multikulturalismus eine Philosophie des Nebeneinanders, nicht des Miteinanders.

Er stimmt zu, es gebe keine gleiche Rechte. Aber wenn Zugewanderte gleiche Rechte forderten, dann müssten sie auch Frauen und Homosexuellen gleiche Rechte zugestehen. Toleranz, die nicht kritisch nachhake, sei der falsche Weg. Es gehe darum, sich dem Ideal einer offenen Gesellschaft zu nähern – nicht dieses Ideal zu relativieren.

Sezgin akzeptiert diesen Widerspruch nicht. „Aber die Rechte der Mehrheit sind institutionalisiert gesichert!“ Muslime hätten beispielsweise nicht einmal rechtliche Sendezeit auf ARD. Als Scheffer sich einschalten will, entgegnet sie: „Moment, ich nehme mir jetzt auch Redezeit.“ Dass Kulturen konserviert werden müssten, finde sie nicht. „Man ist ja immer mehrere Leute. Nein, das hört sich jetzt verrückt an.“ Wir verstehen schon, was sie meint.

Ein paar Fragen aus dem Publikum, die Zeit rast, doch nach der Veranstaltung geht die Debatte weiter, auch noch vor der Tür. Selten wurde Multikulturalismus leidenschaftlicher – und unterhaltsamer – diskutiert!


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