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von 22.04.2009

taz Hausblog

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Im Trubel des tazkongress-Sonntages nicht mehr veröffentlicht worden, hier noch ein Bericht unserer Gastautorin Andrea Nienhaus aus Tim Pritloves tazkongress-Workshop „Alternatives Publizieren mit Podcasting“:

„Es gibt ja jetzt Internet, nicht wahr?“ – Tim Pritlove produziert Radiosendungen und Podcasts für den Chaos Computer Club, das Blog mit Podcast Mobile Macs und einen Podcast im Blog von Die Gesellschafter der Aktion Mensch. Gut 300 Podcast-Beiträge hat er inzwischen auf diesen Plattformen veröffentlicht. Während also kurz vorher nebenan im Panel über „Die taz von morgen“ noch über die Chancen und Risiken der Internet-Ära diskutiert wurde, ist für Pritlove Publizieren im Internet längst selbstverständlich. Für die tazkongress-Teilnehmer ist Pritloves Workshop daher ein willkommenes Angebot, um die neuen publizistischen Möglichkeiten im Netz mal ganz praktisch kennenzulernen – fast alle Plätze sind besetzt, das Publikum aus mehreren Generationen.

Podcast, das ist eine sprachliche Kombination der Begriffe iPod und Broadcasting, online abonnierbare audiovisuelle Inhalte. Und Pritlove, immer um präzise Formulierungen bemüht, erklärt: „Podcasting“ ist das Phänomen, ein Podcast ein Format sowie das einzelne Angebot. Podcasting sei eine alternative Verbreitungssmethode. Aber da kommt auch schon der Vorschlag aus dem Publikum, auf das Wort „alternativ“ könne man doch verzichten. „Schön“, sagt Pritlove, wenn es schon Mainstream sei, umso besser.

Ein Podcaster oder eine Podcasterin benötigt kein Studio, keine teure Technik. Man ist Terminplaner, Moderator, Tontechniker, Produzent und Sender gleichzeitig. „Ich muss niemanden fragen, ob ich das tun darf und wie ich das tun darf“. Es fallen Schlagworte wie Long Tail, bidirektionales Internet, vertikale Kommunikation, Glaubwürdigkeit, Improvisation. Einigen Zuhörern ist das zu kompliziert, sie gehen, aber dafür hören andere umso interessierter zu, und Neugierige kommen hinzu.

Hören, wann, was und wo man will. Mit einem iPod als „Weltempfänger des 21. Jahrhunderts“ oder anderen MP3-Playern ist dies nun möglich. „Ähs“ und „Öhs“ muss man nicht unbedingt rausschneiden – was zählt, ist Authentizität, und Podcasts seien oft authentischer als das glattgebügelte Formatradio auf UKW. Ein Podcast kennt keine Sendezeiten – „macht doch, so lang ihr wollt“ –, ist billig und schnell zu produzieren und hören tun Interessierte sonntags beim Frühstück, in der Straßenbahn oder beim Joggen im Wald. Podcast als Wiedergeburt der Radiokultur. „Ist das nicht langweilig?“, fragt eine Dame aus dem Publikum, „zwei bis drei Stunden ein Interview zu hören?“ Pritlove: Nein. Für ihn persönlich sei Podcasting wie persönliche Fortbildung, lebensalanges Lernen, und auch die Hörer seien oft begeistert. Beim Thema „Kaffee“ etwa habe die koffeinabhängige Geek-Gemeinde eines seiner Podcasts stundenlang begeistert zugehört. Das mag das tazkongress-Publikum.

Zwar ist für viele das Podcasten Hobby und Leidenschaft, Gelderwerb dabei zweitrangig, aber die Frage trotzdem interessant: Wie finanziert man das? Pritlove hat mit Spenden gute Erfahrungen gemacht: Seinen Hörern bot er an, weiterzumachen, wenn sie ihm für seine Reisen zu Interviewterminen eine „Bahncard 100“ finanzierten. Das Geld dafür, über 3000 Euro, hatte er nach gut einer Woche zusammen. Natürlich seien auch Werbung und Sponsoring möglich, und für Podcasts wie jenen der Aktion Mensch bezahlten Auftraggeber.

Und wie macht man nun einen Podcast? Einige Teilnehmer haben großes Radio-Vorwissen, manche kommen von Bürgerfunk- oder Offener-Kanal-Projekten. Pritlove empfiehlt Headset-Mikrofone, auf seinem Tisch steht ein moderner Flash-Recorder. Für professionelle Sendungen, die Hörer nicht mit Rauschen und Hintergrundgeräuschen nerven, empfiehlt er analoge Audio-Technik, gute Mikrofone, und erinnert mit doppeltem oder dreifachen Backup. Er bemängelt, dass Freie Software wie Audacity immer noch nicht hohen Anforderungen genüge, zumindest nicht beim Schneiden längerer Beiträge, aber man könne damit anfangen, auch mit der Software Garage Band, die Macs beim Kauf beiliegt.

Die Anforderungen an die Technik seien aber abhängig vom Format. Rede ich allein oder mit mehreren? In welcher Umgebung nehme ich auf? Viel wichtiger als die Technik sei aber, sich zunächst Gedanken über das Format zu machen. Wie gestalte ich meine Sendung? Wie mache ich die Ansprache? Der Tipp von Pritlove: Nischenprogramm entwickeln, für das Umfeld, die „Community“ produzieren, die ein Interesse daran hat, mitzubekommen, „was so passiert“, zum Beispiel bei politischen Initiativen oder im regionalen Umfeld.

Zum Schluss bekommen wir noch einen Rat mit auf den Weg: Kombinieren! Blogs lassen sich gut zur Argumentation nutzen, Microblogs wie Twitter für Benachrichtigung und Feedback, Foren und Wikis seien eventuell eine gute Ergänzung zum Diskutieren oder Wissen Ansammeln.

Nach dem Vortrag fühle ich mich  bestens informiert und bekomme Lust, gleich zuhause Podcasts auf meinen (leicht veralteten) MP3-Player zu laden. Und Radio selber zu machen ist auf einmal unglaublich sympathisch.

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https://blogs.taz.de/hausblog/2009/04/22/jenseits-von-ukw/

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