"Paid Content wird es auf taz.de in Zukunft ganz sicher geben"

Foto: Bernd Hartung

Foto: Bernd Hartung

In Zukunft werden einzelne Inhalte auf taz.de Geld kosten, so taz-Chefin Ines Pohl. Ein Zeitplan steht noch nicht fest, auch nicht der Umfang der Bezahl-Angebote. Pohl sagte, sie sehe das Internet als eine publizistische Kraft und nicht nur als etwas, was die Einnahmequellen der taz mindert – “trotzdem ist das Netz natürlich kein Heilsbringer”. Zuletzt war der Axel-Springer-Verlag vorgeprescht: Wer etwa alle Texte aus der “Berliner Morgenpost” lesen möchte, muss 4,95 Euro pro Monat zahlen. Für Zeitungsabonnenten ist der Zugang dort allerdings frei. Bereits auf der taz-Genossenschaftsversammlung hatte sich abgezeichnet, dass Teile von taz.de kostenpflichtig werden könnten.

Politische Umfragen zeigen starke grüne und auch linke Mehrheiten bei Studenten. Ist da nicht noch viel Leserpotenzial für die taz?

Sicher, nur wir können es uns schlicht nicht leisten, diese Zielgruppe offensiver zu umwerben. Immerhin: nachdem wir für den ersten Workshop der taz-panter-Akademie rund 500 Bewerber hatten, wird es 2010 sechs Workshops geben.

Besonders in den USA machen derzeit Stiftungen und großzügige Wohltäter von sich reden, die unabhängigen, investigativen Journalismus finanzieren. Sucht die taz auch nach einem finanzkräftigen Stifter?

Ein einziger großer Stifter würde sicherlich unsere Unabhängigkeit bedrohen. Aber unsere panter-Stiftung freut sich natürlich zunächst einmal über jeden, der kritischen Qualitätsjournalismus fördern will.

Wie bewerten Sie die zunehmende Medienkonzentration, welche Ihr Kollege Franz Sommerfeld von DuMont Schauberg gerade in der Diskussionsrunde als unproblematisch bezeichnet hat?

Das ist ein riesiges Problem. Und wenn Herr Sommerfeld sagt, es sei egal für die journalistische Qualität, wenn Redaktionen zusammengelegt werden, kann ich nur sagen: Einspruch! Natürlich ist das ein Problem. Dazu kommen die Pläne der schwarz-gelben Koalition in Bezug auf das Kartellrecht. Die Pressevielfalt ist derzeit jeden Tag mehr in Gefahr.

Im tazshop gibt es unter anderem Fahrräder und „tazpresso“ zu kaufen. Wann folgt das erste ökologisch und ethisch korrekte tazphone, mit dem nicht nur jüngere Kundenschichten gelockt und die Umwelt geschont, sondern auf lange Sicht auch erhebliche Materialkosten eingespart werden könnten?

Sie meinen die direkte Zusammenarbeit mit einem Endgerätehersteller? Das ist eine interessante Anregung, über die wir noch gar nicht konkret nachgedacht haben – die muss ich mir merken.

Könnten Sie sich vorstellen, taz.de zu einer großen linken Internetplattform auszubauen und dort auch mit anderen linken und ökologischen Gruppen oder journalistischen Seiten wie bildblog.de zusammenzuarbeiten?

Wo taz draufsteht muss auch taz drin sein. Die Marke muss erkennbar sein. Zunächst einmal müssen wir uns mit dem taz.de-Relaunch beeilen. Auch Paid Content wird es auf taz.de in Zukunft ganz sicher geben, auch wenn ich noch keinen festen Termin dafür nennen kann. Generell sehe ich das Internet auch als eine publizistische Kraft, nicht nur als etwas, was uns die Einnahmen kaputtmacht. Trotzdem ist das Netz natürlich kein Heilsbringer.

Sind Sie auch als brandneue Chefredakteurin schon genervt von den üblichen Fragen und Klischees wie „Bei der taz arbeiten nur überzeugte Linke“ oder „Die taz zahlt Hungerlöhne“?

Wir wissen derzeit noch nicht, ob es 2010 mit einer kleinen Gehaltserhöhung klappt. Aber wenn ich den freien Kollegen Schimmeck höre, der gerade erzählte, er habe einmal für 200 Euro eine Woche gearbeitet, muss ich sagen: So schlecht bezahlen wir gar nicht. Die vergleichweise niedrigen Gehälter haben für uns als Kaderschmiede des deutschen Journalismus aber auch negative Auswirkungen: die Leute werden immer noch viel zu schnell weggekauft.

Zum zweiten Klischee: Die taz ist schon lange kein Revoluzzerblatt mehr und viel pluraler als man denkt. Dass sich hier einiges gewandelt hat, kann man zum Beispiel auch an unserer differenzierten Berichterstattung zum Afghanistaneinsatz sehen. Es soll angeblich auch taz-Kollegen geben, die CDU wählen, womit ich überhaupt kein Problem habe!

Beinahe 9000 Menschen sind mit einer Einlage von mindestens 500 Euro bereits taz-Genossen geworden und sichern somit die Finanzierung der Zeitung. Können Sie sich eine Ausweitung Ihres Genossenschaftsmodells auf andere Medien vorstellen? – derlei Modelle erfreuen sich schließlich auch aufgrund der Finanzkrise zunehmender Beliebtheit.

Ich denke unser Genossenschaftsmodell ist weiterhin nur für eine Nische geeignet – diese kann aber sicherlich größer sein als 9000 Genossen beziehungsweise 60.000 Abonnenten.

Das Interview erschien zuerst auf der Webseite der Journalistenakademie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es wurde geführt am Rande des Mainzer Mediendisputs im November. Die Fragen stellte Wendelin Sandkühler, 22, seit Oktober Schüler an der Kölner Journalistenschule.

Kommentare (8)

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  1. @heiser

    Das ist nicht, was mir vorschwebt. Ich brauche keine gedruckte Papierzeitung, auch wenn es eine Meta-Zeitung ist. Bei einer solchen Zeitung könnte ich nicht wirklich entscheiden, was ich lesen möchte. Außerdem will ich gar kein Papierprodukt. Ich möchte, dass die für mich interessanten Artikel per RSS bei mir ankommen und dann je nach Aufenthaltsaort auf dem Handy, Computer, Laptop oder Mulimedia-TV lesen. All das geht bereits – wird aber durch undurchdachte Abo-Modelle wieder gefährdet.

    So kann ich seit einigen Wochen die Hamburg Artikel aus dem Hause Springer (Welt, Abendblatt) nicht mehr lesen, weil diese nun nur noch für Abonomenten frei sind. Ich will aber kein Voll-Abo für eine einzelne Zeitung. Ich will weiterhin meine eigene elektronische Auswahl von Artikeln lesen. Und für genau diese Auswahl wäre ich auch bereit zu zahlen.

  2. @niwi: Ein Kombi-Abo aus einem individuellen Mix verschiedener Zeitungen kann man hier bestellen: http://www.niiu.de/

  3. Ich habe nichts dagegen, etwas für die Taz-Nutzung zu zahlen. Da sich meine tägliche Zeitungslektüre aber aus einem Mix verschiedener Zeitungen zusammensetzt (primär taz, Welt, Telepolis, Süddeutsche, Zeit, Mopo, Abendblatt) wäre ein Abo-Modell nicht praktikabel. Besser fände ich es, wenn ich entweder pro Artikel bezahlen könnte (das sollte dann aber nicht zu aufwendig werden) oder mehrere Zeitungen ein Kombi-Abo anbieten könnten. Dies könnte z.B. so funktionieren, dass man 10 Euro pro Monat zahlt und eine Software im Hintergrund ermittelt, zu welchen Anteilen man die Online-Angebote der teilnehmenden Zeitungen nutzte (ähnlich wie es z.B. für Musik bei Last.fm erfolgt. Damit dies kein weiterer Schritt zum gläsernen User wird, sollten die ermittelten Daten nicht automatisch übertragen werden, sondern durch den User selbst. Außerdem sollten allein Daten zur anteiligen Nutzung der Anbieter erhoben werden, nicht aber zu Zeitpunkt, Dauer, dem Schreiben von Leserbriefen, kundenbezogene Daten etc.

  4. ich lese auch viel taz im internet. ich fände es sehr anstrengend für jeden artikel, den ich lesen will zu bezahlen, ich denke, dann würde ich schlicht weniger taz im internet lesen. am ehesten könnte ich mir ein abo vorstellen, dass dann aber auch wesentlich günstiger sein muss, als ein papierabo.

    ps: ich finde gut, dass die taz ein linkes & alternatives projekt ist. ich bin der meinung, dass sollte auch so bleiben. ich habe keinen bock auf durchmischung. fände ich mehrere artikel in der taz langweilig, würde ich auch ganz aufhören zu lesen und dem ganzen projekt nicht mehr glauben können.

    bleibt bitte links, in der zeitung und im gesamten projekt, für andere gesinnung kann ich auch ne andere zeitung lesen.

  5. zum Thema Paid-Content:
    Alles was zusätzliche Kosten verursacht, kann ich mir schlicht nicht leisten, oder auf Kosten meiner bescheidenen Förderbeiträge bei Ärzte Ohne Grenzen und Greenpeace von jeweils 5 Euro/Monat.
    Wenn ich zudem feststellen muss, dass auch die Taz politisch belanglos mitte-rechts wird (was bereits erkennbar ist), bin ich ohnehin nicht länger interessiert.

  6. Im Kommentar von Frederik wird Heise und “test” erwähnt – gute Beispiele, aber eben fachspezifisch und nicht auf eine Tageszeitung anzuwenden. Also *ich* habe bisher noch kein wirklich überzeugendes Modell für Paid Content im News-/Zeitungsbereich gesehen. Ausserdem will die Taz ja ihre Site mit Usergenerated Content anreichern – das beisst sich mit Eintrittsgebühren.

    Na wie auch immer, vielleicht findet man ja einen Modus, der funktioniert. Ich erwarte dann allerdings als Genosse und Zahler des politischen Abopreises, nicht nochmal zur Kasse gebeten zu werden …

  7. Pingback: Tweets die “Paid Content wird es auf taz.de in Zukunft ganz sicher geben” at taz-Hausblog erwähnt -- Topsy.com

  8. Endlich mal ein konstruktives Wort zum Thema Paid-Content. Dieses ganze gerede darüber, dass User im Netz nicht für Inhalte zahlen wollen halte ich für grob-dummes Gewäsch.

    Sicherlich ist es eine schwierige Situation, weil viele Webseiten den vermeintlich gleichen Inhalt kostenfrei anbieten. Auf der anderen Seite existiert auch ein Bedürfniss nach gründlicher Recherche.

    Ob ein alleiniges Abo-Model daher die richtige Lösung ist bezweifel ist. Eine Alternative bzw. Ergänzung wären daher Micro-Payments für einzelne Artikel. Beispiele wie Stiftung Warentest oder die Zeitschrift CT des Heise Verlags zeigen das solche Modelle funktionieren.

    Ein weiteres Beispiel, wenn auch nicht für redaktionellen Content, aber für eine stringende Umsetzung des Micro-Payments ist der App-Store von Apple.

    Ein Magic-Monday, an dem drei Artikel für jeden registrierten User kostenfrei sind, könnte eine weitere Ergänzung sein – dieses Modell wird von photocase.de seit einiger Zeit bereits verfolgt.

    Es gibt also genug Möglichkeiten mehr Geld für gute Arbeit einzunehmen, als das alleinige schalten von Werbung auf der Webseite.

    Ich kann diesen Schritt daher nur begrüßen. Dann ist hoffentlich genug Budget vorhanden für Arbeiten, die genug Spielraum bieten für eine gründliche Recherche und die Überarbeitung für einen fehlerfreien und stilsicheren Text.