von 20.05.2010

taz Hausblog

Wie tickt die denn? Der Blog aus und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Leider fällt der heute um 20 Uhr in Hamburg geplante taz-Salon „Polizei und Gewalt“ aus. Es gab Ankündigungen aus der linksautonomen Szene, die Veranstaltung wegen der Anwesenheit von Joachim Lenders, dem Landesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, zu sprengen. Daraufhin schaltete sich der Staatsschutz ein und Herr Lenders hat schließlich entschieden, dass ihm der Einsatz von fünf Hundertschaften Polizei für ihn nicht im richtigen Verhältnis zu seiner Anwesenheit steht.

Wir bedauern sehr, dass der taz-Salon nicht stattfindet, wollen uns aber nicht den Mund und das Gespräch verbieten lassen. Deswegen erscheint stattdessen ein Streitgespräch zwischen Joachim Lenders und den beiden anderen Podiumsteilnehmern bei uns in der Zeitung. Siehe auch: Mehr zu der Absage und den Hintergründen

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http://blogs.taz.de/hausblog/2010/05/20/nach_drohungen_taz-salon_faellt_aus/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • @AnoNymous: Meinungsfreiheit gilt immer auch für die anderen – das scheint ein Problem zu sein, insbesondere für Leute, die Gewalt gegen Menschen und Sachen gleichsetzen mit Meinungsfreiheit.
    Pragmatisches Denken? Diskussionskultur? Fehlanzeige in der „autonomen Szene“. Anstatt sinnvolle Beiträge zu liefern werden Sachen kaputtgeschlagen und dies dann als politische Meinungsäußerung kundgetan.
    Mir tun diejenigen Leid, die sich engagieren, für Stadtteilkultur und ähnliches, und die dann von gewaltbereiten Schwachmaten „verteten“ werden – ob sie es wollen oder nicht.
    Am Rande bemerkt: Binnenmajuskel waren schon schlimm, aber jemand, der ohne jede Notwendigkeit Unterstriche in Wörter einbaut, ist wirklich von vorgestern.
    Gib mir mal die Salzstreuerin, bitte.

    Viele Grüße
    ein atomarer Teil der Bürgerlichkeit ;)

  • In der Erklärung der taz, warum der „Salon“ abgesagt wurde, gibt sie den Autonomen die Schuld daran, dass Lender nicht erschien. War es nicht eher die enorme geplante Polizeipräsenz, die die die Situation so extrem machte?

    [Es stört mich zudem, wie all die -selbsternannten, ja klar- Autonomen als sinnlos und gewalttätig pauschalisiert werden.]

    Dabei wäre jedenfalls interessant zu wissen, wie die Ankündigungen der Autonomen überhaupt aussahen. Ich bitte um Informationen, liebe taz!
    Davon hängt schließlich ab, ob das riesige geplante Polizeiaufgebot überhaupt angemessen war, das glaub ich nämlich kaum.

    Es erscheint mir seltsam, dass die taz ohne Lenders die Diskussion nicht führen will, als ob es nicht genug andere Stimmen gäbe, die sich gerne zum Thema Gewalt und Polizei äußern wollen.

  • „Ich finde es schade, dass der taz-Salon nicht stattgefunden hat. Anders als es die Autonomen hier darstellen, kann man auf den Veranstaltungen sehr wohl auch aus dem Publikum heraus sehr scharf mit denen auf dem Podium diskutieren. Nur müsste man dazu auch was zu sagen haben.“

    Schön und gut, aber was hat das mit dem Argument aus dem Brief zu tun, das Ganze würde nicht auf einer Augenhöhe stattfinden?

    Und ganz von der Hand zu weisen ist auch sicher nicht, daß Herr Lenders sicher einfacher und häufiger die Möglichkeit bekommt, seine Positionen darzulegen. wie oft gab es denn Berichte bzgl. der Veränderungen in den Stadtteilen, in denen auch tatsächlich Betroffene zu Wort kommen?

    Verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man solche Punkte, die mindestens eine Diskussion wert sind, einfach als „Phrasendrescherei und Revoluzzerromantik“ abqualifiziert.

  • Die Veranstaltung durchzuziehen wäre Zivilcourage gewesen, oder schlicht eine Selbstverständlichkeit.

    Aber man kämpft ja lieber mit der Vergangenheit, umso intensiver je weiter sie zurückliegt.

  • @Tim:

    Wenn die Zeit des Redens vorbei ist, dann ist es auch nur konsequent die Kommentarfunktion zum verlinkten Blogbeitrag abzuschaffen.

    Nur stellt sich mir eine Frage: wenn es Zeit zu Handeln ist, wozu ruft ihr da auf: dem Video nach zu Urteilen kann es sich da nur um eine LAN-Party handeln.

  • Ich finde es schade, dass der taz-Salon nicht stattgefunden hat. Anders als es die Autonomen hier darstellen, kann man auf den Veranstaltungen sehr wohl auch aus dem Publikum heraus sehr scharf mit denen auf dem Podium diskutieren. Nur müsste man dazu auch was zu sagen haben.

    Das haben bekanntlich die Autonomen aber nicht. Bestes Beispiel dafür ist der durch Phrasendrescherei und Revoluzzerromantik geprägte offene Brief s.o. Ich habe schon lange nicht mehr so triefenden Kitsch gelesen.

    Wer so denkt, wie die Autonomen, hat natürlich kein Vertrauen darin, dass auch andere sich kritisch mit Herrn Lenders auseinandersetzen könnten und definiert Redefreiheit so um, dass sie nur dann gilt, wenn sie mit der eigenen Meinung konform geht. Andernfalls wird sie unterbunden, indem man schwere Störungen der Veranstaltung androht.

    Allerdings hätte ich gerade von der taz hier mehr Zivilcourage erwartet. Wenn das gegen Rechts gehen soll, dann sollte es vor allem möglich sein, sich mit den Linksautonomen auseinanderzusetzen. Wäre doch mal ein Thema: „Linksautonome und ihr Verhältnis zu Meinungsfreiheit und Gewalt“. Ich habe auf Demos nämlich schon beides persönlich erlebt: lustvoll ausgelebte Gewalt von Polizisten und Autonomen.

  • http://undeadsystem.blogsport.de „Show a Undead System how to Die!“ Bundesweite Krisendemo am 12. Juni 2010 – Reden hat Jahrzehnte nichts zum besseren verändert, Zeit zu handeln!!! Wir werden nur bekommen wofür wir kämpfen! Arbeiter / Schüler / Studenten / Rentner / Arbeitslose – UNITE

  • Ausnahmsweise gebe ich Herrn Lenders absolut recht, das hätte absolut kein Verhältnis. Pluspunkte für die Polizei, der man gar nicht soviel Voraussicht zugetraut hätte und Minuspunkte für die Autonomen zu schade …

  • Die allzuoft wiederkehrende Sozialdemokratisierung der taz macht mir immer wieder Zweifel an meinem Abo. Muss die taz wirklich schon Angst vor Autonomen haben??
    Wieso sehe ich sie nicht, die Gefahr der marodierenden Autonomenbanden (ohne einer von ihnen zu sein), wieso laufe ich nicht mit Angst durchs Schanzenviertel, sondern nur mit Vorsicht durch Kleinstädte mit rechter Hegemonie trotz Polizeipräsenz. Und warum fallen mir, auch als Unbeteiligtem, bei Demos mehr (um nicht zu sagen, nur) pöbelnde, beleidigende, machistische und nebenbei gerne mal brutal zuschlagende Polizisten auf als andere Menschen bedrohende und verletzende „Autonome“?

    Ach so, kleine Nebenbemerkung: Faschistoid ist wirklich etwas anderes

  • Die flora solte mal über solidarität nach denken…Ich meine von nicht Millitanten. Wer immer nur nein Sagt…!!! Es gibt nicht nur die flora.Einfach anzünden bringt es nicht immer. Ein Hausbesetzer..Bm.

  • Letztes Jahr musste attac münchen ein Diskussionsveranstaltung abbrechen, auf der neben kritischen Personen, auch der Vorsitzende der Nato-Sicherheitskonferenz anwesend war.
    Obwohl die Proteste vorher angekündigt waren, wurde keine PolizistInnen im Vorfeld beordert.
    Das Problem in diesem Fall, ist wohl nicht die Ankündigung der Proteste, sondern die Anforderung von 650 PolizistInnen. Dieses ist ein Zeichen für den Korpsgeist der Polizei. D.h. die Beorderung der PolizistInnen geschah nur, weil einer der ihren betroffen war. Dies ist ein Zeichen , dass die Polizei nur mit sich selber beschäftigt ist und es einer Reform der Polizei dringend bedarf.

  • Kaum ein Tag, an dem Lenders einem nicht in Interviews, Talk-Shows oder Fernsehsendungen mit den immer gleichen Statements über den Weg läuft. Dieser permanenten Gehirnwäsche der öffentlichen Meinung einen Moment des Widerspruches entgegenzusetzen, schafft nicht annähernd ein Gleichgewicht in der bestehenden Diskursmacht. Die taz hält es offensichtlich für notwendig, ihren journalistischen Auftrag für die Meinungsfreiheit dadurch zu erfüllen, jemandem, der bereits jede Lobby hat und jedes journalistische Hinterzimmer kennt, redaktionellen Raum zu verschaffen. Uns dagegen wird Vertreibung in Analogie zu Kampagnen gegen Gentrifizierung vorgeworfen. Aber wie kann man überhaupt jemanden vertreiben, der einen aus jedem Zeitungskiosk angrinst? Der bei jedem Ereignis mit einem Fernsehteam auf der Piazza steht und seine Sicht der Dinge als universelle Wahrheit darstellt? Die tagtägliche Gewalt von Obdachlosigkeit, Platzverweisen oder der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, mit der Störung eines etablierten Podiums zu vergleichen, verkehrt die Verhältnisse und verdreht die Koordinaten von oben und unten.
    +1

  • Ich Persönlich kann einige Standpunkte der „autonomen“ verstehen. Ich heiße sie nicht gut, aber genausowenig fand ich Herrn Lenders als vertreter der Polizei gut.
    Aber wie heißt es so schön, wer Feuer mit Feuer bekämpft …

  • Viel Schrieb um nichts.

    Der vermutlich selbsternannte Sprecher dieses Pöbels will mit durch Quantität herausragender Dialektik sein faschistoides und intolerantes Gebahren rechtfertigen. Es braucht jedoch etwas mehr Inhalt um erbärmliche Gewaltexzesse als Form intellektueller Ausdrucksweise zu begründen

  • Offener Brief der Autonomen zur Absage der Podiumsdiskussion mit Joachim Lenders
    Wir sind einige der, wie wurde es so schön formuliert, selbsternannten Autonomen aus dem Schanzenviertel. Wir haben ja schon viele Zuschreibungen erhalten, gänzlich verwundert waren wir aber über den Versuch, uns über das Adjektiv selbsternannt zu stigmatisieren. Gibt es eigentlich andere als selbsternannte Autonome? Aber nun gut, immerhin haben wir, um unserem Namen alle Ehre zu machen, die Pferde ja offensichtlich ziemlich scheu gemacht. Weshalb uns nun auch fehlende Diskussionskultur und allerhand mehr vorgeworfen wird.

    Eine Redakteurin der taz beklagt im Artikel „Man nennt es Redefreiheit“ sogar, dass es in uns kein Gegenüber gäbe. Es entbehrt nicht einer ziemlichen Ironie, der fehlenden Anwesenheit bezichtigt zu werden, wenn gleichzeitig 680 Polizeibeamte in Bereitschaft gerufen werden, sobald man seine Teilnahme ankündigt?!

    Es ist eigentlich sehr einfach, mit uns in Kontakt zu treten, denn oftmals versuchen wir, was uns bewegt, in den Zeitungsredaktionen unterzubringen. Doch leider müssen wir feststellen, dass sich das Interesse an Inhalten aus unserem Blickwinkel meist in Grenzen hält. Wenn uns also Unsichtbarkeit vorgeworfen wird, dann mag dies möglicherweise mehr dem redaktionellen Konzept entsprechen, als fehlender Auseinandersetzungskultur auf unserer Seite.

    Nun haben wir festgestellt, dass aufgrund unserer Ankündigung zu kommen, der taz Salon abgesagt wurde. Wir sind nicht unglücklich darüber, allerdings auch nicht wirklich glücklich. Immerhin hatten wir uns bereits entsprechend vorbereitet, waren nicht verdriest, sondern bestens gelaunt und stellten uns diesen Event als einen Riesenspaß vor. Wenn es Klamauk gibt, sind wir gerne dabei und wo Lenders auftritt, ist eine dröge, ernst gemeinte Diskussion nicht zu erwarten, sondern Stimmung garantiert. Dieser Umstand ist vermutlich auch von der taz einkalkuliert worden, wo es doch so viele kompetentere Gesprächspartner zum Thema gibt, als nun gerade die populistische Figur von Lenders. Das Ziel, wenn Polarisierer wie Lenders eingeladen werden, ist im Regelfall mehr als trockene Sachdiskussion. Es sollte offensichtlich kontrovers und hoch hergehen, die Diskussion Feuer haben und die Bude toben. Dass dieses Ereignis nun abgesagt wurde, weil auch die Leute kommen wollten, über die gesprochen werden sollte, finden wir ehrlich gesagt ziemlich schlechten Stil.

    Wir wollen nicht so tun, als würden sich unsere Vorstellungen wie so eine Podiumsdiskussion mit Lenders auszusehen habe, nicht von denen der taz unterscheiden. Wir können als Autonome mit der Form einer Podiumsdiskussion häufig wenig anfangen. Wir mischen uns gerne ein und vermutlich wäre die Veranstaltung in einem amtlichen Tumult geendet. Aber mit Tumulten kennt sich die taz ja eigentlich aus. Immerhin sieht sie sich selbst ja in Nachfolge der 68er Bewegung mit so illustren Revoluzzern wie Rio Reiser, den Bürgerschrecks der Kommune 1 oder Rudi Dutschke (Die Postkarte mit Motiv von Krawallen bei Springer gibts für 50 Cent, 5 Stück 2 Euro). Sit-Ins, Hörsaalbesetzungen und antiautoritäre Provokationen gehören im Selbstbild der taz zu den demokratischen Erungenschaften dieser Zeit. Here we go! Also wenden wir uns der eigentlichen Frage zu, die uns an dieser Stelle bewegt.

    Auch im Schanzenviertel kennt man sich mit Tumulten aus! In den vergangenen Jahren endeten verschiedene Besuche von Politiker_innen, Bürgermeistern und zahlreiche runde Tische im gewohnheitsmäßigen Chaos, auch ein taz Salon mit Vertretern des Hotels im Wasserturm wurde von Stadtteilaktivist_innen besucht. Ole v. Beust wurde, wie eine NDR Kollegin so schön formulierte, wie „die Sau durchs Dorf getrieben“, als er eine Pressekonferenz vor der Roten Flora abhalten wollte. In keinem einzigen Fall wurden größere Einsatzkräfte der Polizei angefordert oder deren Fehlen von den Beteiligten im Nachhinein beklagt. Konfetti flog durch die Luft, Parolen wurden gerufen, mobile DJ Teams aufgefahren und im wahrsten Sinne auf den Tischen getanzt. Ole von Beust mit seiner Pressemeute umkreist und mit dazwischen gehaltenen Besen, die gleichermaßen Mikrofone, wie seine populistische Botschaft simulierten, zum Gesamtkunstwerk erklärt.

    Jetzt kommt ein Herr Lenders und die Hamburger Polizei plant einen Einsatz mit 680 Beamten. Annähernd so viele wie am 1. Mai. Fällt an dieser Stelle noch irgend jemandem irgendwas auf? Offensichtlich nicht. Beklagt wird, wir Autonomen seien schuld, dass Lenders abgesagt habe. Wir nehmen dankend an und haben damit kein Problem an sich, aber es ist bedenklich, wenn die taz und andere Medien nicht mehr in der Lage sind zu erkennen, dass das Auftreten der Polizei zunehmend der schillernden Linie einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung folgt.

    Seit Innensenator Schill wurde in Hamburg die Repressionsschraube massiv weitergedreht und hat mit Ahlhaus neue Höhepunkte im Zusammenhang mit dem Schanzenfest erreicht. Im Ergebnis hat auch die Intensität der Auseinandersetzungen auf der Straße zugenommen. Laut Forderungen der Innenminister soll die linksradikale Szene nun politisch isoliert werden. Im Ergebnis finden Jugendliche linke Mobilisierungen attraktiver als je zuvor. Dass Lenders gemeinsam mit 680 Polizeibeamten und mehreren Wasserwerfern im Schlepptau anreisen sollte, hat weniger mit uns Autonomen zu tun, als vielmehr mit dem Selbstverständnis eines immer gewalttätiger agierenden Staates, der alte Werte wie Respekt und Ordnung in Zeiten allgemeiner Verunsicherung wieder in die Bewohner_innen der Stadt hineinprügeln will. Dass ein solches Unterfangen scheitert, ist gut und nicht schlecht! Dass politische Proteste weiter zunehmen eine offensichtliche Konsequenz.

    Es wird zwar erkannt, dass irgendwas schief läuft, aber da keine Erklärungen oder wirklichen Alternativen vorhanden sind, steigert sich die Nervosität des inneren Sicherheitsdiskurses zu einer regelrechten Hysterie. Die Jugendlichen: Unpolitisch! Die Gewalt: Sinnlos! Wie will man so die komplexen Zusammenhänge verstehen, die die Menschen heutzutage auf die Straße treiben, um ihren inneren oder ganz offen zur Schau getragenen Protest zu äußern? Mental befinden sich Medien und Politik in einer abwehrhaften Stimmungslage, die dem Muster der 50er Jahre entspricht. Als sogenannte Halbstarke die Straßen und Musikhallen unsicher machten, wurde nicht verstanden, dass diese kulturelle Unruhe kein ursächliches Gewaltphänomen, sondern ein Vorbote von weit größeren Umwälzungen war. Wir sind heute ebenfalls Teil von solchen gesellschaftlichen Veränderungen und leben mitten in einer interessanten Zeit!

    Wir finden es falsch mit Leuten zu diskutieren, die, wenn es grade in den Kram passt, den Wolf im Schafspelz geben und ansonsten stereotype Bilder verbreiten über die Menschen, die die aktuellen Umbrüche spüren und sich nicht in den bestehenden Normalbetrieb einfügen. Redefreiheit hört auch im bürgerlichen Sinne dort auf, wo die existentiellen Rechte anderer verletzt werden. Wer glaubt, wir würden demütig zuhören, während Lenders autoritäre Phantasien auslebt, von einer Räumung der Roten Flora träumt und vom Krieg erzählt, der fordert keine Redefreiheit, sondern das Ende linksradikaler Gesellschaftsentwürfe, einen gesellschaftlichen Stillstand und eine reaktionäre Abwendung von fortschrittlichen Lebensvorstellungen.

    Kaum ein Tag, an dem Lenders einem nicht in Interviews, Talk-Shows oder Fernsehsendungen mit den immer gleichen Statements über den Weg läuft. Dieser permanenten Gehirnwäsche der öffentlichen Meinung einen Moment des Widerspruches entgegenzusetzen, schafft nicht annähernd ein Gleichgewicht in der bestehenden Diskursmacht. Die taz hält es offensichtlich für notwendig, ihren journalistischen Auftrag für die Meinungsfreiheit dadurch zu erfüllen, jemandem, der bereits jede Lobby hat und jedes journalistische Hinterzimmer kennt, redaktionellen Raum zu verschaffen. Uns dagegen wird Vertreibung in Analogie zu Kampagnen gegen Gentrifizierung vorgeworfen. Aber wie kann man überhaupt jemanden vertreiben, der einen aus jedem Zeitungskiosk angrinst? Der bei jedem Ereignis mit einem Fernsehteam auf der Piazza steht und seine Sicht der Dinge als universelle Wahrheit darstellt? Die tagtägliche Gewalt von Obdachlosigkeit, Platzverweisen oder der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, mit der Störung eines etablierten Podiums zu vergleichen, verkehrt die Verhältnisse und verdreht die Koordinaten von oben und unten.

    Totalität entsteht nicht aus einer Kultur des Widerspruchs, sondern aus Zustimmung als gesellschaftliche Norm!

    In diesem Sinne werden wir weiterhin laut und sperrig sein. Wir sehen Redefreiheit nicht als einen abstrakten Begriff zur Förderung rassistischer, sexistischer oder antisemitischer Foren, sondern selbst als Feld politischer Kontroverse, das einer scheinbaren Neutralitaet enthoben und als umkämpftes Terrain gesellschaftlicher Teilhabe sichtbar werden muss. Und so, wie wir uns bisweilen vermummen, um den Verhältnissen ein Gesicht zu geben, ist es manchmal auch richtig, den Zampanos und Pistensäuen in die Parade zu fahren, um denjenigen eine Stimme zu verleihen, die sonst nicht zu Wort kommen. Gesellschaftliche Sprechorte sind nicht gleichberechtigt oder auf Augenhöhe. Welche Stimme haben Drogenkonsument_innen, Jugendliche aus Vororten oder abgehängte HartzVI-Bezieher_innen: Die taz? Wohl kaum. Die lädt anerkannte Expert_innen wie Lenders, Fachkommissionen oder prominente Ansprechpartner ein. Wenn damit alles gesagt sein soll, empfinden wir das Schweigen im Kulturhaus 73, die mutwillig entstandene Lücke im Netz der Eitelkeiten, als echten Hoffnungsschimmer!

    Da wir im Schanzenviertel nun zwar scheinbar in archaischen Zuständen, aber deshalb noch lange nicht hinter dem Mond leben, haben wir natürlich mitbekommen, dass das Leserbriefschreiben derzeit ziemlich vorne ist. Wir waren beeindruckt von der Medienpräsenz, die der „engagierte“ Leserbrief eines Anwohners nach dem 1. Mai erlangt hat und senden diesen offenen Brief daher auch an die Mopo und das Abendblatt. Wir sind sicher, er wird dort ebenso begeistert als kritische Stimme aus dem Stadtteil abgedruckt wie in der taz.

    herzlichst
    Ihre Autonomen aus dem Schanzenviertel

  • Hello,

    ich finde die Taz mit Eurem Kommentar zur abgesagten Veranstaltung ein bisschen naiv. Irgendwie an der Realtität vorbei. Sorry. Habt Ihr denn keine Journalisten auf den Demos? Da sieht man doch jeden Tag aufs neue die unmotivierte Gewaltbereitschaft der Polizisten gegen friedliche Demonstranten.

    Lasst die Cops doch ihre Thesen zur gewaltbereiten Linken in der Welt oder Bild verbreiten. Von Euch würde man doch eher erwarten, dass Ihr mal die Wahrheit, die sonst im gesellschaftlichen Machtgefüge untergeht, verbreitet. Wenn Ihr bekannte Scharfmacher aufs Podium holt, kann man das schon als Provokation verstehen.

  • Das grundsätzliche Problem ist, dass dem Thema Polizeigewalt viel zu wenig Raum gegeben wird. Während die Polizei im Verhältnis hundertmal mehr finanzielle und hegemoniale Möglichkeiten besitzt Öffentlichkeit und „Legitimation“ für ihre Ansichten und Vorstellungen von Demokratie herzustellen (so auch in der TAZ), werden Amnesty International, Angehörigen der durch die deutsche Polizei Getöteten und auf deutschen Polizeiwachen und in deutschen Gefängnissen Gefolterten wenig Öffentlichkeit geboten. Unverständlich ist die Haltung der TAZ bei einer solchen Diskussion nicht auf die Sprecher der Täter zu verzichten, sondern den Opfern einen Raum und Initiativen (, die konkrete Konzeptionen wie die umfassende Kennzeichnungspflicht aller Polizeibeamten vorschlagen) ein Podium zu geben. Wir wollen den polizeilichen Tätern und ihren Sprechern nicht noch mehr Raum geben, sondern wünschen uns Raum für demokratische Initiativen und die Vorstellung von konkreten Massnahmen zur Einschränkung und Kontrolle von Polizeigewalt.
    Schöne Grüsse,
    Thomas R.

  • die autonome, linke Szene in der Schanze bringt immer mehr Anwohner und Hamburger gegen sich auf. Ihr totalitäres, gewalttätiges Gehabe hat schon lange nichts mehr mit links sein oder Demokratie zu tun.Ihr Revolutionsgerede hat Kindergartenniveau.
    Sie sind zur Sekte mutiert, die sich nur noch um sich selber dreht. Wie schon von der großen Mehrheit auf der G8 Gipfel Demo mehren sich die Stimmen, die sagen: Wir brauchen euch nicht.

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