Flattr bringt uns 988,50 Euro im Juni

Mein persönlicher Eindruck unserer Flattr-Bilanz im Juni ist, dass Leser nicht etwa die aufwändigsten Recherchen am stärksten honorieren, nicht die besten Reportagen und auch nicht die Artikel mit den besten Hintergrundinformationen unserer Fachredakteure. Am stärksten honoriert werden die Texte, in denen es gegen die Lieblingsfeinde unserer Leser geht: Neonazis, der Hochadel, die Bild-Zeitung, die schwarz-gelbe Bundesregierung. Ein kritischer Bericht über die Atomindustrie oder die Gentechnik wäre demzufolge wahrscheinlich auch gut gegangen, wenn wir so etwas im vergangenen Monat an prominenter Stelle auf taz.de gehabt hätten. 5590-mal wurden unsere Texte im Juni geflattert, dafür erhalten wir 988,50 Euro (im Mai waren es 143,55 Euro, allerdings auch nur innerhalb der letzten zwölf Tage des Monats). Hier die Hitliste der besthonorierten Artikel:

Platz 1: 31,11 Euro gibt es für einen Artikel darüber, wie eine Horst-Köhler-Satireseite unter dubiosen Umständen aus dem Netz verschwand. Ein selbst recherchiertes Stück, bei dem der Staat nicht gut wegkommt und es zudem noch um ein Netzthema geht – dafür zahlen unsere Leser offenbar gerne. Heute ist übrigens auch ein Folgeartikel erschienen.

Platz 2: 29,54 Euro gibt es für den Artikel über die hohe Roaming-Abrechnung der Telekom gegenüber BILD-Chefredakteur Kai Diekmann. Der Artikel hat nur drei Absätze und enthält keine Informationen, die nicht zuvor auch schon an anderer Stelle veröffentlicht worden wären. Der Klick zum Flattr-Knopf lässt sich hier nur über den hohen Schadenfreude-Faktor des Textes erklären.

Platz 3: 24,89 Euro ist unseren Lesern ein Artikel wert, in dem wir dokumentieren, wie in der Medienberichterstattung aus einem explodierten “Böller” auf einer kapitalismuskritischen Demonstration innerhalb weniger Tage eine “Splitterbombe” wird.

Platz 4: 20,59 Euro zahlen unsere Leser für den Hausblog-Eintrag über unsere Flattr-Einnahmen des ersten Monats. Der Blogbeitrag wurde in vielen Blogs und auf Twitter verlinkt und offenbar haben viele Gelegenheitslser die Chance genutzt, uns Geld für die allgemeine Berichterstattung auf taz.de zu zahlen.

Platz 5: 20,40 Euro erhalten wir für Teil drei der abgedrehten Vuvuzela-Kolumne von Deniz Yücel, in der er sich mit dem Reichsparteitag-Zitat bei der ZDF-Übertragung der Fußball-WM beschäftigt.

Platz 6: 16,48 Euro gibt es für einen satirischen Artikel, in dem wir Ernst August von Hannover als Bundespräsidenten vorschlagen. Unter anderem, weil er “alles andere als eine mimosenhafte Memme” ist, sondern im Gegenteil als “ausgesprochen durchsetzungsfähig, zupackend und handgreiflich” gilt.

Platz 7: 15,18 Euro zahlen die Leser für meine Vierte-Gewalt-Bilanz, in der ich mich selbstkritisch mit meiner Arbeit als Journalist und “Kontrolleur der Mächtigen” auseinandersetze.

Platz 8: 13,92 Euro erhalten wir für den Artikel über rechtsextreme Tendenzen bei einem Kreisverband der Jungen Union. Klassisches taz-Thema.

Platz 9: 8,29 Euro gibt es für die Beschreibung, wie im Internet für Joachim Gauck als Bundespräsident mobilisiert wird.

Platz 10: 7,34 zahlen die Leser uns für ein Porträt über den farblosen Gegenkandidaten Christian Wulff.

Diese Artikel gehörten auch zu den bestgeklickten Artikeln. Aber nicht alle gutgeklickten Artikel werden auch vielgeflattert. Der Klick-Spitzenreiter des Monats, der Live-Ticker über die Bundespräsidentenwahl, wurde nur 19-mal geflattert (der Text auf Platz 1 wurde 157-mal geflattert). Aber das wurde wohl eher als Chronistenpflicht-Berichterstattung gesehen, mit der man offenbar keinen Blumentopf gewinnen kann. Auf unsere Themenauswahl hat die Flattr-Bilanz übrigens – genau wie die Zahl der Online-Klicks eines Themas – keinen Einfluss: Wir entscheiden weiterhin nach der Relevanz, ob und wie groß und mit welcher inhaltlichen Zuspitzung wir über ein Thema berichten.

Für einen Flattr erhalten wir übrigens im Schnitt 17,7 Cent. Im Mai waren es noch 9 Cent. Das würde bedeuten, dass die Leser im zweiten Monat entweder weniger flatterten oder mehr Geld pro Monat einsetzten. Die taz selbst verteilt übrigens 20 Euro pro Monat über Flattr an andere Seiten.

Nachtrag 15:35 Uhr: Summe unserer Flattr-Klicks im Juni ergänzt nach einem Tipp von Florian in den Kommentaren

Kommentare (63)

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  13. @der_andere: Bisher noch nicht!

  14. 988,50 Euro durch Flattr im Juni bei taz. Oder anders ausgedrückt: Das Gehalt von zwei Vollzeit-taz-Redakteuren wurde amortisiert.

    [Der Witz kam sicher schon tausendfach, oder?]

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  23. Es gab ja kaum ein Thema, was so konfliktträchtig war wie die Wahl des Bundespräsidenten. Man konnte fast glauben, die Frage entzweit ja die Nation. Geschehen und passiert. Köhler ist gegangenen, schnell und schmerzlos. Es ist wie so oft im Leben: das Alte geht und das Neue kommt. Ob unser neuer Präsident wirklich so viel besser ist, bleibt natürlich abzuwarten. Aber Hauptsache: Ruhe braucht Nation.

  24. Ist die Tatsache, dass das vielgeklickte Live-Blogging von der Bundespräsidentenwahl eher wenig geflattrt wurde, nicht vielleicht einfach dadurch zu erklären, dass das möglicherweise gar nicht von so vielen unterschiedlichen Leuten gelesen wurde, stattdessen von diesen einfach öfter (und möglicherweise mit unterschiedlichen IPs nach diversen Reconnects) aktualisiert wurde?

    Gibt es denn noch andere Beispiele von vielgeklickten und wenig geflattrten Artikeln?

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  26. liebe taz-Redaktion,

    mich stimmt das nachdenklich, wenn flattr den Trend zu reißerischeren Überschriften beschleunigen könnte.
    Sehr schade, dass aufwändige Recherchen kaum honoriert werden.

    Mein Vorschlag:
    wäre es vielleicht möglich, von der Redaktion so etwas wie eine kurze Aufwandsbeschreibung zu den Artikeln zu schreiben (oder Zeitaufwand o.ä.)? Das würde auch die Transparenz des Journalismus stärken (–> “der Journalist als Partner des Lesers”).
    Es ist für Leser schwierig einzuschätzen, wie aufwändig ein Artikel war und wie man ihn honorieren sollte.

    Gefunden über Dradio_Wissen:
    Webschau | Zahlen und bezahlen lassen
    http://wissen.dradio.de/index.33.de.html?dram:article_id=3889

  27. Pingback: Was ist Flattr? - Hadley's Welt

  28. Pingback: Brainweich » Blog Archive » Flattr

  29. 20 Cent? Da scheinen die Leute ja entweder ziemlich viele Artikel anzuklicken oder wenig einzuzahlen. Ich habe extra noch die Einzahlungen aufgestockt, um auf ca. 2 € pro Klick zu kommen. Aber wenn der Wert am Steigen ist, bin ich meiner Zeit wohl einfach nur voraus. ;)

    Ach ja: Man kann inzwischen endlich mehr als 20 € pro Monat einzahlen. Eventuell könnte die TAZ also ihr Flattr-Volumen erhöhen. Ihr habt’s ja jetzt. *g*

  30. Wow, der Betrag ist wirklich beachtlich! Meine Flattr-Einnahmen waren im letzten Monat gerade mal 10 Cent. Lässt also noch etwas zu wünschen übrig, wenn die Ausgaben noch höher als die Einnahmen sind.

  31. Pingback: Rückbetrachtung zur Aktion “Mir folgen. Und ich spende.” | killefit.net

  32. und wichtig: bitte noch einen allgemeinen button auf die startseite. im sinne von und taz wird auch noch geflattrt – unabhängig vno den vielleicht schon geflattertn artikeln.

    ihr versteht? eure arbeit hat mehr oder weniger immer einen flat verdient – gerade weil ihr so schön ignoriert, was genau geklickt und geflattrt wird.

  33. sehr schön geschrieben.
    tazleser belohnen wenn ihre feinde gebashed werden. gold!

  34. Pingback: flattr ausprobieren | Freischwebende Aufmerksamkeit

  35. @bblocksberg: Der Grund lag in mangelhaften Absprachen und dadurch unnötiger Doppelarbeit.

  36. @ onny

    Ein Tausender ist nix in dem Geschäft. Mit Sozialabgaben etc. könntest Du bei taz.de vielleicht so eine halbe Stelle einrichten, also jemand dafür bezahlen das er eine Woche zwei die andere drei Tage kommt. Täte der Aktualität auch ganz gut, muss man mal sagen.

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  41. Was war denn hier gestern los? Erst nur der Artikel von Sebastian Heise, dann ein zweiter von Matthias Urbach, in dem eigentlich das selbe drin stand. Nun ist der zweite Artikel wieder weg! Kleiner Streit unter Redakteuren? ;-)

  42. Ein kleines Dankeschön hätte mich ja auch gefreut, schließlich unterstützt man – egal wohin man klickt bei taz.de – dieses Projekt selbst. Und täusche ich mich, oder sind ~1000€ nicht enorm viel Geld?

  43. Es ist toll, dass ihr als bundesweite Zeitung gleich bei Flattr aufgesprungen seid. Schöne Analyse auch hier. Der Tausi ist zwar geschenktes Geld, aber betriebswirtschaftlich relevant ist das ja noch lange nicht, oder? Habt ihr Infos, dass die Nutzerzahlen hier hochgehen und bei Mehrnutzung Flattr nochmal richtig “explodieren” kann?

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  48. Super, von dem Geld könnt Ihr ja zwei neue Redakteursstellen schaffen.

  49. Pingback: Stößchen! | Medienelite

  50. Pingback: Flattr-haftes | Nics Bloghaus II

  51. Pingback: Flattr: Wird der Klick mehr wert? (+ meine erste Abrechnung) « Andreas Grieß // Blog

  52. Pingback: Reizzentrum - Der Monat Juni in Sachen Flattr, Spam und Mitarbeit

  53. Interessantes Verhalten der User. Bei mir im Blog läuft es ähnlich ab, ich selbst bin aber dann doch eher derjenige, der aufwendige und eingängige Arbeit am ehesten belohnt.

  54. Pingback: Da bin ich aber flatt « Stefan Niggemeier

  55. Danke für eure Übersicht!

    Was fehlt: Der Flattr-Knopf hier im Blog :)

  56. Pingback: flattr on a steady rise

  57. Finde die Transparenz sehr gut, auch dass man hier kritisch kommentiert nach dem Motto: Einige Sachen sind es eigentlich gar nicht so wert… Spannenster Aspekt ist für mich auf jeden Fall, dass der Wert pro Klick zu genommen hat.

  58. Pingback: Was brachte Flattr dem Pottblog & Co. im Juni 2010, Datenschutz (auch bei Facebook), vernünftige Nutzung » Pottblog

  59. Schön Transparente Übersicht, find ich gut!

    20€ flattert die Taz – Das Könnte dann jetz ja fast mal aufgestockt werden?

    Aber wieviele Dinge flattert die TAZ denn?

  60. Synchronozitärer Weise hatte meine iGoogle Startseite gestern folgendes Zitat des Tages zu präsentieren:

    “Television is the first truly democratic culture – the first culture available to everybody and entirely governed by what the people want. The most terrifying thing is what people do want.”
    Clive Barnes

    http://www.quotationspage.com/quote/29613.html

  61. Schöne Zusammenfassung. Vor allem die Deutungen finde ich gut. :) Achja: Daumen hoch, dass ihr (wieder) angebt, wieviel “wieder raus” geht, das erwähnen die wenigsten anderen “Klasse A-Flatterer”.

  62. sehr vielen Dank! Ist ergänzt!

  63. die Gesamtzahl aller Klicks wird von Flattr nicht angezeigt und müsste manuell zusammengezählt werden

    Unter flattr.com/revenue kann man am Ende der Übersicht auch eine .csv-Datei runterladen. Nach der Auswahl der entsprechenden Zeilen aus dem Juni ist es leicht, die Spalte mit den Flattr-Klicks zusammenrechnen zu lassen.