Christian Specht – unser einziger Popstar

Praktikanten sind stets arg irritiert, wenn sie zum ersten Mal Christian Specht begegnen. Wer ist dieser Typ, der sich im Flur ungefragt bei einem einhakt, weil er Angst vorm Treppensteigen hat? Der auf Konferenzen auf dem einzigen gepolsterten Stuhl sitzt und lauthals Kommentare von sich gibt? Dieser Mensch, der wegen seiner Statur und seines Grinsens etwas Buddhahaftes ausstrahlt?

Wo die Schulmedizin meint, er sei infolge einer angeborenen Behinderung Analphabet geblieben, ist taz-Experte Helmut Höge davon überzeugt, dass Christian bloß zu faul war, lesen und schreiben zu lernen. Wozu auch? „Kannst du mal bitte das Logo von Radio Multicult ausdrucken? Nein, größer!“ So weiß er sich zu helfen – und eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen auf Trab zu halten. Ihr Job: Ihm aus der taz oder der Bild vorzulesen, seine Facebook-Seite zu pflegen oder Flugblätter und Protestschilder zu schreiben, die er dann mit Schere, Tipp-Ex und Kleber layoutet und laminiert.

Dass auf seinem Schreibtisch im Konferenzraum nur das Radio, nicht aber Computer und Telefon funktionieren, stört ihn nicht. Er ist auch so bestens über das Geschehen im Haus und im Land informiert, zuweilen besser als die Redakteure. Seine wichtigste Informationsquelle ist das Radio, weshalb er die Schließung alternativer Sender noch übler nimmt als andere Schweinereien, über die er sich empört und gegen die er unermüdlich Unterschriften sammelt.

Dieses im Arendt’schen Sinne tätige, allein dem Politischen verpflichtete Leben führt Christian seit Mitte der 80er Jahre, als er ausgestattet mit holzgeschnitzter Kamera und Mikrofon auf Veranstaltungen der linken Szene und bald auch in der taz auftauchte. „Da müssen wir ein Bündnis machen“, lautet einer seiner häufigsten Sätze. So ist er Mitglied der Grünen, der SPD und der Linken, verkehrt in linksradikalen Kreisen und tritt mit einer Eigenkreation namens „Schildkrötenpartei“ auf. Er verpasst keine wichtige Demo und ist Alleinerbe der DDR-Bürgerrechtsgruppe Neues Forum. Und sollte die taz eines Tages das Zeitliche segnen, Christian würde sich ihres Erbes annehmen.

Er gilt als Nervensäge und ist zugleich die beliebteste und integrativste Figur der Berliner Linken seit Rudi Dutschke. Und ihr einziger Popstar. Wer sonst würde täglich ein anderes Tuch um den Hals tragen? Dass manchmal auch ein Hertha-Schal darunter ist, tut seinem Modebewusstsein keinen Abbruch.

Und wenn die Praktikanten Abschied nehmen, haben sie gelernt, dass die taz ohne Christian nicht die taz wäre. Denn nicht politische Ansichten, unterhaltsame Formen oder „flache Hierarchien“ sind es, die die taz wahrhaft einzigartig machen. Dieser Kollege, unser liebster Kollege Christian Specht allein ist es.

Text: Franziska Seyboldt & Deniz Yücel. Foto: Julia Seeliger

Zum 40. Geburtstag von Christian Specht erschien ein Porträt von ihm in der taz: Der Hans Dampf der linken Szene

Kommentare (3)

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  1. Pingback: Häuserkampf um unsere Götzen | taz Hausblog

  2. Hallo Christian,

    bist du sicher, dass es ausreicht diesen Gehirnamputierten
    von der TAZ nur an die Nerven zu gehen?
    Ich meine an diesen Nerven ziehen nützt nichts,
    da nichts oben im Gehirn ankommen kann.
    Wie wär`s mit `ner kräftigen Linken?

    Grüße

  3. Jaja, Grüße von einem ehemaligen Praktikanten. Die Revolution geht immer weiter!