Die taz hatte am Dienstag auf ihrer Titelseite über den Aufstand in Tunesien berichtet. In einer Montage hatten wir Bilder der Proteste und ein Foto eines Toten im Postkartendesign gezeigt. Unsere Leserin Judith Zimmer aus Hamburg ist empört:
Liebe taz,
Entschuldigung vorweg, aber: Seid ihr noch ganz dicht?! Das Bild eines Toten auf dem Titel?!
Ich lese doch Euer Blatt und nicht die Blödzeitung, weil ich davon ausgehe, bei der taz von solchen völlig unnötigen (!) Entgleisungen verschont zu bleiben. Sechs! Setzen.
Mit meinen trotzdem besten Grüßen
Judith Zimmer
Es antwortet Mathias Königschulte aus der taz-Fotoredaktion:
Liebe Frau Zimmer,
waren Sie schon einmal in Tunesien? Schön dort, nicht? Wenn wir an Tunesien denken, träumen wir dann nicht von Sonne, Strand und Meer? Nur diejenigen, die dort leben, halten es gerade nicht mehr aus und werden dafür mitunter erschossen.
Das despotisch geführte Land entwirft von sich das Bild einer ungetrübten Postkartenidylle, und je breiter sich dieses Bild in der öffentlichen Wahrnehmung macht, desto stärker sehen wir uns in der Pflicht, dem andere Bilder entgegenzusetzen. Dazu gehört auch das Bild des jungen Mannes, der dort am vergangenen Montag bei einer Demonstration um sein Leben gebracht wurde.
Aber ein Zweifel bleibt, auch bei uns. Niemand versteht sich besser darauf, mit Bildern bei seinen Lesern Effekte zu erzielen, wie die von Ihnen genannte “Blödzeitung”. Das wollten wir auch, zugegeben.
Bleiben Sie wachsam, liebe Frau Zimmer, Bilder sind gefährlich!
Mathias Königschulte
Jetzt sind wir natürlich gespannt auf weitere Meinungen unserer Leser: Sollten wir Tote auf der Titelseite zeigen? Sollten Zeitungen gezielt versuchen, bestimmte Effekte bei ihren Lesern zu erzielen? Und wo sind dabei die Grenzen?

Kris says:
Kurz und ohne Begründung;):
Bild eines Toten ist meiner Meinung nach angemessen, aber nicht auf der Titelseite.
Januar 15th, 2011 at 13:05
tor says:
Ja, Bilder von Toten sollten gezeigt werden. Ob Menschen bei einer Sache sterben oder nicht, ist ein Unterschied ums Ganze. Aufgabe gerade kritischer oder linker Berichterstattung ist es, zu zeigen was passiert. Manche wittern da die Geilheit nach Gewaltporno oder dem bürgerlichen Distinktionsgewinn. Und Bilder haben immer Effekte. Etwas nicht zu zeigen, hat aber ebenso einen Effekt. Aufgabe einer kritischen Berichterstattung ist es nicht kontrolliertes Kontrollinstrument, sondern unkontrolliertes Kontrollinstrument zu sein. Zu bestimmen ob das Zeigen einer Information gut oder schlecht für die Welt ist, ist nicht möglich, vor allem nicht in einer Welt wie der gegenwärtigen. Es soll auch gar nicht bestimmt werden, weil es sich der Lüge schuldig machen würde, dass es etwas ändern würde.
Aufgabe kritischer Berichterstattung kann es nicht sein, etwas zu erklären. Aufgabe kritischer Berichterstattung muss es sein, etwas zu zeigen.
Januar 15th, 2011 at 13:12
Rom says:
Liebe Taz,
Es sollte bei dieser Diskussion vor allem um die Würde der Opfer gehen. Man kann auch auf die schlimme Situation in Tunesien aufmerksam machen ohne Tote auf reißerische Art zu zeigen. Die Bildredaktion muss sich dann allerdings etwas mehr anstrengen.
Grüße,
R
Januar 15th, 2011 at 13:34
tor says:
Es sollte bei dieser Diskussion mitnichten um eine “Würde der Opfer” gehen. Wenn jemand tot ist, gibt es nichts mehr zu schützen, denn es ist zu spät. Das Schlimmste ist bereits eingetreten. Keine aufgedunsenen Leiber oder zerhackstückten Gliedmaßen um der Toten willen zeigen zu wollen ist Ausdruck pietistischer Bürgerlichkeit, die sich einer Sinnsuche am Opfer nicht entziehen kann und will. Entsprechend auch das zynische Anbeten der “Märtyrer”, die für eine gute Sache gestorben seien. Da werden die Hände vors Gesicht gehalten und die sterblichen Überreste in Blumen ertränkt, als wären die Toten der Dünger einer rosigen Zukunft. Ein Schelm wer da an den Ausspruch Ajatollah Chomeinis denkt, “der Baum des Islam kann nur wachsen, wenn er ständig mit dem Blut der Märtyrer getränkt wird”.
Der Tod dieser Menschen war sinnlos, ist sinnlos, und wird sinnlos bleiben. Tote haben keine Würde, denn da ist nichts mehr was Würde sein eigen nennen könnte.
Januar 15th, 2011 at 13:55
C. Ontra says:
Ich finde ebenfalls, dass ihr da eine Grenze deutlich überschritten habt.
Eure Zielgruppe dürfte durchaus in der Lage sein, sich auch ohne Gruselfotos von Leichen ein eigenes Bild zu machen.
Derartige Darstellungen wirken auf mich sensationsgeil und somit widerlich.
Ferner wird die Würde des Menschen durch den Abdruck solcher Bilder verletzt.
Wisst ihr, ob es dem abgebildeten ehemals Lebenden recht gewesen wäre, auf diese Weise auf den Titelseiten der internationalen Presse zu landen? Fragen konnte ihn keiner mehr, obwohl: fragen konnte man ihn schon. Nur kam wohl leider keiner Antwort? Darf sein Schweigen als Zustimmung gewertet werden?
Fragt euch doch bitte selbst einmal: Wie fändet ihr es, tot, blutig und entstellt abgelichtet zu werden? Und auf Seite 1 zu landen? Wie wäre es für euch, wenn es sich bei dem Toten um einen Menschen handeln würde, den ihr liebt? Unangenehme Vorstellung, nicht wahr?
Ferner wertet ihr eure Leser ziemlich ab, wenn ihr meint, sie wünschten/bräuchten/wollten solche Darstellungen.
Zeitungen sollten üblicherweise der Information dienen und nicht versuchen, Effekte zu erzielen. Dahinter steckt immer die Absicht, zu manipulieren. Wollt ihr das?
Gerade von der taz erwarte ich einen achtsamen und sensiblen Umgang mit Bildern. Ihr wollt euch von anderen Zeitungen abheben. Dann tut es bitte auch.
Den Antwortbrief von Herrn Königschulte empfinde ich übrigens als ausgesprochen arrogant.
Januar 15th, 2011 at 13:56
tor says:
wie soll ein toter unter der darstellung seiner leiche leiden können? nicht einmal die lebenden werden in der regel gefragt, ob sie in der zeitung erscheinen wollen. mir erschließt sich nicht auf welcher annahme hier die höherstellung der toten vor den lebenden beruht.
Januar 15th, 2011 at 14:04
bee says:
Das war ein Fehlgriff, und nein, die Menschenwürde, um die es hier geht, endet ebenso wenig wie die kodifizierten Menschenrechte mit dem Tode, und das hat auch nichts mit pietistischer Bürgerlichkeit zu tun, was immer das sein soll. (Kleiner Tipp vom Fachmann: bevor man interessante Wörter verwendet, immer mal vorher nachschlagen, ob sie nicht schon etwas bedeuten.) Hier an der Verfassung vorbei ein Informationsrecht herbeikonstruieren zu wollen, weil das allgemeine Persönlichkeitsrecht angeblich nachgeordnet sei, ist nicht nur fadenscheinig, sondern auch gegen den eigenen moralischen Anspruch. Der Leserbrief trifft den Nagel auf den Kopf, derartige Rechtsverletzungen treten im Boulevard gewohnheitsmäßig auf, weil man darauf vertraut, dass der Presserat nur ein bisschen aufgeregt mit dem Zeigefinger wackelt. Und ansonsten nichts tut.
taz hat mitgeschossen. Das wolltet Ihr doch hören, oder?
Januar 15th, 2011 at 14:53
David Petschull says:
Die Kunst, sich zu entrüsten ist der Deutschen wahre Tugend. Hinzusehen, auch wenn es weh tut, fürchten wir dagegen sehr, obgleich es uns vielleicht guttun würde.
Ist es womöglich so, dass die Entrüstung uns davor bewahrt, das Gesehene wirklich zu verinnerlichen und uns damit zu beschäftigen? Eine Schutzreaktion gegen das Eindringen der lähmenden Angst vor dem Erlöschen?
Wenn man den Großteil seines Lebens in Deutschland verbringt und andere Länder nur urlaubsweise besucht, dann fällt es schwer sich das unsägliche Leid jenseits der Vorstadtidylle zu erdenken. Unser westlicher Wohlstand ist tatsächlich nur eine einsame Insel inmitten eines Höllenmeeres aus Blut, Knochen und Tränen.
Während wir wie die Schweine das Frühstück in unsere fetten Bäuche schieben sterben täglich 28.000 Männer, Frauen und Kinder einen jämmerlichen Hungertod. Unsere Söhne und Töchter schicken wir nach Osten, wo die NATO mit unserem Geld seit 2001 fast 100.000 unschuldige Zivilisten zerbombt hat. Nein, das ist nicht nur eine Zahl in der DPA-Meldung, das sind Kinder mit abgerissenen Armen, Frauen mit zerfleischten Beinen, Männer mit verkohlter Haut. Wir müssen uns zwingen, hinzusehen. Schauen wir den geschändeten Frauen in die Augen, wenden wir uns nicht ab von den verstümmelten Kindern. Denn die sind Menschen, genau wie wir. Und wenn wir uns das lange genug anschauen, vielleicht blüht es uns auch irgendwann, dass wir eben nicht nur Konsumenten in dieser Welt sind, sondern dass unser Verhalten sie beeinflusst, dass wir dabei eine Mitschuld tragen, die unerträgliche Verantwortung, ein Mensch zu sein, und nicht ein Schwein.
Ja, mein lieber deutscher Michel, es tut weh, sich das anzusehen, ich weiß. Entschuldige bitte, dass die TAZ dir den Appetit verdorben hat. Vielleicht denkst du ja demnächst einen Moment nach, bevor du den Zettel in die Wahlurne steckst. Bevor du dein Geld auf die Bank bringst. Bevor du das leckere Fischfilet aus Afrika kaufst. Und dann, vielleicht irgendwann, werden wir alle zusammen bessere Menschen sein.
Januar 15th, 2011 at 15:48
Andreas Harder-Matern says:
Menschen sterben und wir diskutieren in unseren Wohnzimmern, ob wir den Anblick der Leichen auf den Titelseiten unserer Zeitungen ertragen müssen.
Januar 15th, 2011 at 16:45
Christopher B. says:
… also ich muss das Foto nicht auf der Titelseite haben (ich glaube es der taz auch so). Andererseits müsste ich jetzt auch nicht gleich aufspringen und deswegen einen bitterbösen Leserinnenbrief verfassen.
Januar 15th, 2011 at 17:06
Das gibts doch nicht says:
Das gibt wes wahrscheinlich nur in Deutschland. In Tunesien sterben Menschen und wir möchten hier bitte, bitte nicht mit den Bildern konfrontiert werden, schließlich hat uns die EU ja so lange erfolgreich erzählt das da drüben wäre eine Demokratie, in der man beruhigt Urlaub machen kann.
Das mit der Menschenwürde ist nichts weiter als ein vorgeschobener Vorwand, um nicht belästigt zu werden.
Das ist dermaßen bigott, dass der Brief von Mathias Königschulte an Frau Zimmer noch viel zu sanft ausgefallen ist.
Januar 15th, 2011 at 17:27
C. Ontra says:
@ das gibts doch nicht:
“Das mit der Menschwürde ist nichts weiter als ein vorgeschobener Vorwurf, um nicht belästigt zu werden.”
So so. Sie maßen sich also an, beurteilen zu können, wie ich und andere fühlen und denken?
Sie haben das Recht auf Ihre eigene Meinung. Finde ich, finden Sie vermutlich auch.
Ihre Ausführungen entnehme ich, dass Sie dieses Recht anderen jedoch absprechen.
Nachtrag zum Thema:
Der Vorwurf von Frau Zimmer scheint mir sehr berechtigt, weil diese Titelseite wirklich stark an die Bildzeitung erinnert.
In anderen Fällen hat die taz ja durchaus bewußt die Titelgestaltung der Bild übernommen, um auf deren fragwürdige Methoden aufmerksam zu machen. Das dürfte hier aber nicht der Fall zu sein und hinterläßt bei mir einen unangenehmen Beigeschmack.
Januar 15th, 2011 at 17:43
Rom says:
@tor: Es ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, wie sie darauf kommen, daß “Keine aufgedunsenen Leiber oder zerhackstückten Gliedmaßen um der Toten willen zeigen zu wollen” ein Ausdruck “pietistischer Bürgerlichkeit” sein soll.
Wenn Sie allerdings solche Bilder brauchen, um das Ausmaß einer Katastrophe zu begreifen, dann kann ich nachvollziehen, daß sie so wehement dafür sprechen, daß reißerische Bilder veröffentlicht werden.
Ich stimme C. Ontra zu, daß solche Bilder sensationsgeil sind. Aus meiner sicht sollten sie für eine Leserschaft, wie man sie von der Taz erwarten kann, nicht notwendig sein.
Januar 15th, 2011 at 19:52
Astrid says:
Wenn die taz schon meint, ihre Leser würden auf solche Darstellungen abfahren, könntet ihr auch gleich über’s Dschungelcamp berichten.
Kleiner Tipp: Läuft gerade wieder auf RTL.
Wäre doch ne tolle Chance für Euch! Dann wird die Anzahl der täglichen taz.de-Besuche, worauf ihr ja solchen Wert legt, bestimmt noch mal ordentlich in die Höhe schießen.
Januar 16th, 2011 at 08:46
Frauke says:
Es ist schon so, dass Tote auf der Titelseite irgendwie die Würde der Menschen verletzen, aber wir sind das leider schon so gewohnt. Ich muss dabei immer an die “Welt” und die “Bild” denken, die im wiederholenden Rhythmen das weibliche Geschlechtsteil nackt darstellen müssen und das dann als Kunst verkaufen. Meines Erachtens erkennt man an dem Umgang der Frau eindeutig den Zustand der Gesellschaft, weil sie das Leben hervorbringt. Insofern wundert mich gar nichts mehr.
Januar 16th, 2011 at 16:54
Lars says:
Ich gehe einmal auf die Frage ein, ob eine Zeitung Effekte erzielen soll.
Für mich ist eine Zeitung ein journalistischer Ort der Neutralität. Das heisst, neutrale Berichterstattung und da wo man nicht neutral sein will, kann dann eine Person in einem gesonderten Kommentar zum Artikel seine Meinung kundtun.
Papiersammlungen, wo dies nicht der Fall ist, sind für mich keine Zeitungen. Das heisst nicht, dass solchen Papiersammlungen die Existenzberechtigung fehlt – es sind aber keine Zeitungen für mich. Ich erwarte weder bei der Bild noch beim Greenpeace-Magazin tatsächlich neutrale Berichterstattung, sondern nunmal “Effekte zur unbewussten Meinungsbeeinflussung” – ob nun für einen “guten” oder “schlechten” Zweck ist egal.
Damit reduziert sich die Frage, ob ein Blatt auf Effekte setzen soll, einzig auf die Fragestellung, auf welche Art dieses Blatt denn nun wahrgenommen werden will. Und auf diese Frage, kann ich auch keine Antwort geben.
Persönlich finde ich die Postkarte ziemlich schlecht gestaltet und den angesprochenen Widerspruch “UrlaubslandBürgerkriegsland” nicht vernünftig herausgearbeitet. Vielleicht liegt darin auch ein/das Problem, der Tote wirkt wirklich nur hingeklatscht nach dem Motto “Jetzt noch der Tagestote auf Seite 1″. Und da der Effekt schon als Effekt nicht taugt, kann das Gesamturteil nicht besser sein.
Januar 17th, 2011 at 10:09
Pierrot says:
Ich hab mir die ganzen Beiträge und Kommentare nicht durchgelesen – da ich eigentlich gerade am lernen bin, aber ich finde es gut, ungeschminkte WAHRHEIT. Das ist die Welt in der wir leben !
Ich empfehle den Spielfilm “Todesreiter von Darfur”
Die Welt ist leider nicht immer so schön wie wir sie uns ausmalen und wer damit nicht klar kommt kann ja gerne wieder wegschauen.
Stuttgart 21 ist ein Witz im Gegensatz dazu was da unten passiert. Da verrecken Kinder, weil sie erschossen werden und das von einer martialischen Militärdiktatur. Welcome back to 1933 !
Freie Berichterstattung !
Ungeschminkte Wahrheit !
Wikileaks !
freies Wissen !
Januar 17th, 2011 at 10:21
Marian says:
Ob der erschossene, junge Mann vor seinem Tod die Erlaubnis für die Veröffentlichung des Bildes gegeben hätte, weiss man natürlich nicht. Aber wer auf einer Demonstration gegen ein Regime sein Leben verliert, der hat mit Sicherheit ein Interesse daran, dass die Situation im Ausland nicht beschönigt dargestellt wird und die Täter bloßgestellt werden.
Den Vorwurf, dass der Artikel durch das Bild reißerisch sei, kann ich nicht teilen. Das Bild ist verhältnismäßig zu dem Bild links klein und die Überschrift geht auch nicht explizit auf den Toten ein. Solange solch grausame Bilder keine dauerhafte Einrichtung sind um die Auflage langfristig zu steigern, sondern gezielt eingesetzt werden um aufzurütteln, fnde ich die Veröffentlichung vertretbar-
@Frauke Das geht irgendwie am Thema vorbei, denn nackte Geschlechtsteile mit Ermordeten zu vergleichen erscheint mir unverhältnismßig
Januar 17th, 2011 at 10:32
Aaa says:
Würde wirkt auch über den Tod hinaus (vgl. Mephisto-Urteil). Der Auffassung kann man sich anschließen, das ist schon in sich schlüssig (einfach mal die Begründung lesen).
Aufgrund der geringen Größe des Bildes geht es hier wohl nicht um einen Schockeffekt, wie es bei der Bild der Fall wäre. Stattdessen möchten die Redakteure die einfache Botschaft “kein Ferienparadies” vermitteln. Ich finde, das gelingt. Das ist natürlich nicht objektiv, sondern eher die Herangehensweise eines Künstlers, aber dass die taz auch mal tendenziös berichtet ist ja nun auch kein Geheimnis.
Januar 17th, 2011 at 10:33
dieter says:
…zum Wachrütteln gerade auf die Titelseite ! Weicheier/innen bekommen zum Frühstück das Goldene Blatt !!
Januar 17th, 2011 at 10:39
phw says:
nicht zu vergessen, dass auch die fotografen, die solche bilder machen, in tunesien mitunter sterben…es geht letztlich darum einzusehen, dass hier weitaus mehr konflikt ist, als bisher vielleicht von pauschal-urlaubern vermutet…
http://www.focus.de/panorama/vermischtes/tunesien-deutsch-franzoesischer-fotograf-stirbt-bei-protesten_aid_590762.html
Januar 17th, 2011 at 10:51
Günter Bartsch says:
Der Presserat hat sich mal allgemein zum Thema “Schockierende Fotos” geäußert, vielleicht ganz interessant: http://www.presserat.info/inhalt/dokumentation/pressemitteilungen/pm/article/gehoeren-schockierende-fotos-in-die-presse/40.html
Januar 17th, 2011 at 10:51
Peter says:
Jetzt sind wir natürlich gespannt auf weitere Meinungen unserer Leser: Sollten wir Tote auf der Titelseite zeigen? Sollten Zeitungen gezielt versuchen, bestimmte Effekte bei ihren Lesern zu erzielen? Und wo sind dabei die Grenzen?
Eigentlich solltet Ihr informieren und nicht nach Effekten Ausschau halten.
Außer Ihr pickt auch das Foto eines ermordeten Auslandsredakteurs Eurer Zeitung auf das Cover, um “Effekte” zu erzielen.
Anders ausgedrückt: Wenn eine zeitung nicht in der Lage ist, die Situation eines landes, in dem es kriselt, seriös darzstellen, dann sucht man in der redaktion nach Effekten. Augenscheinlich wurden Eure Qualitätsjournalisten gegen Livestyle-Bildersammler und Schreiberlinge ausgetauscht.
lg/Peter
Januar 17th, 2011 at 10:54
kiki0862 says:
habe einige beiträge gelesen – “angemessener”, “würdevoller” finde ich ausführlichere kommentare, berichte, da können auch fotos, die mahnen, die zum innehalten animieren dabei sein
eine “schlagseite” mit entsprechendem bild dieser art finde ich nicht entsprechend – im gegenteil es löst entsetzen bei mir aus und auch befremden -
Januar 17th, 2011 at 10:59
Katja says:
Ob die USA immer noch bis zum Hals in zwei Kriegen stecken würden (und wir in einem davon), wenn es die Bilder von misshandelten, gefolterten und toten Zivilisten bist zu uns ins Fernsehen und, ja, auf die Titelseiten geschafft hätten?
Die Aufgabe der Medien ist es zu berichten, ungeschminkt, ungeschönt. Mit Worten allein scheint dies aber eben nicht mehr möglich. Oder anders: Mit Worten allein bleibt diese Wahrheit heute zu bequem. Unsere gespielte Empörung aus unseren Wohnzimmersesseln können und dürfen wir uns aber nicht länger leisten.
Danke taz. Auch dafür, dass Ihr so offen mit der Kritik umgeht.
Januar 17th, 2011 at 11:03
diewahrheit says:
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.
Januar 17th, 2011 at 11:15
Daniel Stolba says:
Da habt Ihr der Leserin wohl den Tag versaut. Vielleicht liest sie die taz, um sich hinterher besser zu fühlen, sich in ihrer kritischen Meinung bestätigt zu sehen (Westerwelle doof und so), aber nicht um dermaßen schonungslos mit der Realität konfrontiert zu werden.
Ich denke, eine Zeitung hat definitiv die Aufgabe, uns verwöhnten Deutschen das Frühstück zu versauen, wenn woanders Menschen sterben anstatt sich (wie wir) mit Luxusproblemen beschäftigen zu können. Weiter so. Danke.
Januar 17th, 2011 at 11:20
Timm says:
Ich stimme dem zu, dass Bilder von Toten nicht auf die Titelseite gehören. Vorallem nicht bei der Taz.
Und die Begründung Herrn Herrn Königschulte finde ch auch daneben. Wenn wir über Familienglück und Urlaub lesen werden uns ja auch nicht gleich Bilder von häuslicher Gewalt und Autounfällen vorgelegt nur damit man dran erinnert wird dass es nicht immer heile Welt zuhause ist und die Anreise zum Urlaubsort glatt verläuft.
Vielleicht ist das Beispiel an den Haaren herbeigezogen, aber im Prinzip muss Mathias uns keinen Toten zeigen damit wir nicht mehr nur an Sonne, Strand und Cocktails denken, wenn wir über die Proteste in Tunesien lesen.
Vielen Dank Mathias, für ihren Glauben an ihre Leser.
Januar 17th, 2011 at 11:30
echitna says:
Mal ein anderer Aspekt: In jedem Videospiel / Film würden solche blutige Szenen / Bilder zu einer Zensur wegen Jugendgefährdung führen, aber eine Zeitung darf das?
Januar 17th, 2011 at 11:37
Herbert says:
Der Tod gehört zum Leben; seine Darstellung im Bild hat nur dann etwas Verwerfliches, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen, aus Selbstzweck oder in manipulierender Absicht erfolgt. Im vorliegenden Fall kann ich mir vorstellen, dass der junge Mann einer Veröffentlichung sogar zugestimmt hätte, etwa in dem Sinne: “Seht, was sie mir angetan haben!”
@tor und @C. Ontra – Die Würde des Menschen ist nicht abhängig von der Funktionsfähigkeit des Körpers! Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile; gerade beim Menschen.
@Piertot – Meine volle Zustimmung: “Ungeschminkte WAHRHEIT. Das ist die Welt in der wir leben !” Sic! Genau so ist es!
“Die Welt ist leider nicht immer so schön wie wir sie uns ausmalen und wer damit nicht klar kommt kann ja gerne wieder wegschauen.” Völlig richtig! Und der Wegschauer wird die Welt auch nicht verändern, geschweige denn verbessern.
Januar 17th, 2011 at 11:38
Moritz says:
Guten Morgen,
das Lesertum der taz ist ja inzwischen sehr bürgerlich geworden, von daher passt es nicht ganz in die beheizte Dielenboden Designer-retro-Esstisch Frühstücksszene, wenn da ein_e Tote_r auf dem Titel ist. Da kommt ja der Latte Macchiato wieder hoch. Wenn die Realität den Tod bedeutet, wie unreflektiert ist es dann bitte, nicht darüber zu berichten?
Mit keinem Verständnis für das Problem
Moritz
Januar 17th, 2011 at 12:09
Martin says:
Ich finde, der Vergleich zur BILD hingt. Die hätten ein facebook-Foto genommen und ihn feiernd mit seinen Freunden gezeigt. Die taz bezahlt zumindest anständig für eine Fotoagentur.
Januar 17th, 2011 at 12:49
Zwenn says:
Es ist ja geradezu absurd zu glauben, das Foto mit dem Toten sei in reißerischer Absicht gedruckt worden und sei mit irgendwie mit der Bild gleichzusetzen. Die Umsetzung des gewissermaßen zwielichtigen Themas Tunesien in Form einer Postkarte mag man als sehr gelungen ansehen oder auch nicht. Aber eine vielleicht sarkastische Anklage mit ja nun nachgewiesener Sensationsgeilheit zu verwechseln, das lässt mich endgültig am Verstand einiger LeserInnen zweifeln. Ist der Blickwinkel, denn die Scheuklappen noch zulassen, jetzt schon so sehr eingeschränkt…?
Januar 17th, 2011 at 12:59
Tante Jay says:
Die Frage ist doch: Was wolltet ihr damit erreichen.
Information? Dem Informationsbedürfnis ist genüge getan, wenn man schreibt: “Revolution in Tunesien. Tote und Verletzte.” Gegebenenfalls noch die Anzahl.
Also warum das Foto? Den Leuten hier klarmachen, was Revolution bedeuten kann? Das wir mit dem Ende der DDR mehr Glück als Verstand hatten?
Was wolltet ihr beim Leser erreichen? Das wonnigliche Gefühl, dass man hier sicher ist gepaart mit dem Bedauern über die armen Schweine “da hinten”?
Das Foto bringt keinen Erkenntnisgewinn – nicht, wenn es an diesem Platz und an diesem Ort ist. Dieser Platz und die Form des Fotos sind gewählt worden, um zu polarisieren, um die Leute zu schocken.
Damit die Leute diskutieren und was zum Aufregen haben – und darum, damit sie mitredne können, vielleicht die taz kaufen.
Wäre es euch um Aufklärung gegangen, das Bild wäre in einem anderen Kontext an einem anderen Platz platziert worden.
Darum: Pfui über euch. Kein Deut besser als die Springerpresse.
Und dass ihr euch noch anmaßt, zu sagen, dass Tote keine Würde haben, die man noch schützen könnte…
Na-tür-lich haben sie die. Tote können sich nicht mehr wehren, aber als die Hülle des Menschen, der sie einst waren und der geliebt, gehasst, bewundert und bemitleidet wurde, haben sie natürlich Achtung verdient.
Darum gibt es Begräbnisse, in denen die Toten würdig unter die Erde gebracht werden. Und keine Müllcontainer, in denen sie entsorgt werden.
Januar 17th, 2011 at 13:01
Martin says:
Ich muss übrigens hinzufügen, dass mir die sarkastische Umsetzung des Titels, wie meinem Vorkommentierer Zwenn, sehr gefällt. Im Hinblick auf die Gewichtigkeit der Ereignisse in Tunesien finde ich das Abbild von Rainer Langhans viel zynischer.
Und warum sollte die Presse die Toten nicht zeigen? Was hat das mit der Springerpresse zu tun? Hier geht es nicht darum, uns Deutschen zu zeigen, wie viel Glück wir mit der Revolution von 1989 hatten, das ist ein schwachsinniges Argument. Zum Journalismus gehört auch die Darstellung des kompletten Unheils, andernfalls fände ich mich schlecht informiert. Ich kann natürlich einfach glauben, dass es Tote gab. Ohne die Bilder von Auschwitz und anderen KZ – nur ein Beispiel, Leute – hätte wohl aber nicht nur ich Probleme, das gesamte Unheil wahrzuhaben. Ich finde es auch nicht schön, Bilder von Getöteten zu sehen. Aber es gehört zu meinem Verständnis von Berichterstattung, diese Seite in angemessenem Rahmen zu zeigen. Sie gehört leider zu bewaffneten Konflikten, gleich welcher Art.
Januar 17th, 2011 at 13:17
Lars says:
Die Welt ist oftmals nicht schön. Soll das tatsächlich eine neue bahnbrechende Erkenntnis sein?
Wird die Wahrheit, dass ein Mensch gestorben ist, wahrer, wenn sein Bild abgedruckt wird?
Bei dem Foto geht es weder um freie Informationen oder um Wahrheit, wie manche hier anscheinend meinen. Es geht darum, Emotionen zu verstärken und die Meinung zu manipulieren – wenn ein junger Mensch erschossen wurde, dann ist der Täter, sprich der Staat, sehr böse. Das muss man nicht mehr mit Fakten belegen, wenn man denn ein “schickes” Foto hat. Und damit sind Effekte genau das Gegenteil von dem, was Pierrot hier als Kommentar gefordert hat – ein emotionales Bild ersetzt Fakten und Wahrheiten.
Januar 17th, 2011 at 13:29
Jander says:
Nein. Fotos von Toten will ich nicht auf der Taz-Titelseite sehen. Ein angemessener Bericht kann die Dramatik und Einzelschicksale in Worte fassen. Selbst wenn dafür die berühmten 1000 Worte notwendig sind.
Januar 17th, 2011 at 13:32
Fotografiona says:
Entschuldigt mal.
Wenn Ihr nicht mehr wollt, dass es ermordete Menschen auf der Titelseite gibt, dann sorgt dafür, dass es keine ermordeten Menschen mehr gibt und bekämpft nicht das Medium. Gilt gleichermaßen für Autoren und Leser.
Wenn es den Bildern der Nachrichtenerstattung verwehrt bleibt, Wahrheit zu zeigen ist das eine Einschränkung der Pressefreiheit. Wenn sich jemand beschweren würde, weil in einem Text davon die Rede ist, dass Menschen sterben, wäre das so abwegig, dass man ihn nichtmal ernst nehmen würde.
Die Forderung entsprechende Bilder nicht zu veröffentlichen, steht dieser Idiotie in nichts nach.
Als Fotojournalistin würde ich mein Leben für solche Bilder riskieren. Weil ich mir meiner Verantwortung als Teil der vierten Demokratiegewalt bewusst bin. Und dann wenden die Leser in Deutschland pikiert ihren Blick ab. Besorgniserregend, dass die Arbeit der Fotojournalisten immer wieder an der Bequemlichkeit der Leser scheitert.
Januar 17th, 2011 at 14:01
Meta Ebene says:
Ohne jetzt Stellung zum eigentlichen Thema nehmen zu wollen:
Mich entsetzt insbesondere, wie hier miteinander umgegangen wird.
Es geht direkt los bei dem Ton, in dem sich Frau Zimmer bei der taz beschwert. Es geht weiter bei der Antwort von Herrn Königschulte.
Und wie hier in weiten Teilen – sowohl von der Pro- als auch der Contra-Seite – argumentiert wird, finde ich schier unsäglich.
Wieso ist es den Meisten nicht möglich, die Meinung eines Andersdenkenden zu respektieren? Hier wird munter beileidigt, abgewertet, usw.
Es ist sinnvoll zu diskutieren, ob die Würde des Menschen mit seinem Tod endet.
Aber ich hoffe doch schwer, dass die Würde des lebenden Menschen nicht in Frage gestellt wird.
Wie hier diskutiert wird, läßt bei mir jedoch arge Zweifel daran aufkommen, ob das wirklich so ist.
Auch ich finde so einige Kommentare hier dumm, arrogant und unverständlich.
Dennoch möchte ich respektieren, dass andere so denken, möchte ihnen das Recht auf ihre Meinung lassen und möchte meinerseits nicht ausfallend werden.
Denn damit würde ich die Würde des anderen verletzten und letztlich meine eigenen Werte (“Menschenwürde”) ad absurdum führen.
Januar 17th, 2011 at 14:53
RJBaumgart says:
Hi,
stimme Fotografiona vollkommen zu.
Für was brauchen wir eine Zeitung, wenn nicht, um die Realität zu zeigen? Wer das nicht haben will, kann sich ja das “Goldene Blatt” oder ähnliche Realitäts-Ausblend-Hilfen geben …
Im gegebenen Fall kann man sicher nicht von reißerischer Aufmachung sprechen, das Foto dient alleine der Visualisierung & Deutlichmachung des Wahnsinns, der da unten gerade abgeht.
Wenn der junge Tote auf dem Bild wenigstens ein paar Leuten den Latte wieder hochkommen lässt, ein paar Leute zum Nachdenken bringt, ob es wirklich so cool ist, in Unterdrückungs- und Bürgerkriegs-Staaten Urlaub zu machen, weil’s da halt so schön billig ist, dann war sein Tod wenigstens nicht umsonst. Nehmt seinem letztem Opfer nicht auch noch den Sinn!
Da ist ein junger Mensch für seine Überzeugung gestorben, und es fragen sich welche, ob man das auch zeigen darf, ist ja so gruselig. Glaubt Ihr echt, der würde wollen, daß DAS umsonst war?
Januar 17th, 2011 at 14:58
MBenediktM says:
Hab jetzt nicht alle kommentare gelesen, aber es ist bezeichnend für eine Gesellschaft wie diese, in der eine Meldung über “Tote” nicht ausreicht, um zu beschreiben, das in Tunesien etwas schreckliches passiert, sondern dies erst duch Bilder erreicht werden kann. Vielleicht hätte wirkt ein nicht-zeigen der medialen Abstumpfung entgegen?
Januar 17th, 2011 at 15:16
Fotografiona says:
@ MBenediktM: Bilder haben eine Wirkung. Warum sich nicht dessen bedienen? Den Umkehrschluss, dass die Wirkung “erst” ab Einsetzen von Bildern einsetzt, leitest du woher ab?
Januar 17th, 2011 at 15:23
Stefan says:
Ich kann mich daran erinnern, dass ich als 11jähriger in einem Zeitungsladen die BILD-Zeitung sah. Der Aufmacher der Seite lautete in etwa “Seine Mutter sah im Fernsehen wie er starb”. Daneben war ein Bild des sterbenden Fabio Casartelli bei der Tour de France.
Zwar kann ich mich recht wenig an die Qualität des Bildes oder ähnliches erinnern, weiß aber heute mit mittlerweile 24 Jahren immernoch, wie mich diese Thematik damals beschäftigt hat und mich auch einige zeitlang nicht ruhig schlafen lassen hat. Vllt. reagierte ich damals aussergewöhnlich empfindlich, werde aber mit Sicherheit nicht das einzige Kind sein, dass sich bei solchen Bildern auch damit auseinandersetzt.
Ich persönlich finde es daher absolut daneben Bilder von Toten/Sterbenden/Schwerstverletzten auf der Titelseite abzubilden. Das ist schlicht und ergreifend das Niveau der Bildzeitung – und dort sollte das Niveau auch einzig und allein bleiben.
Januar 17th, 2011 at 15:57
Andrej says:
Links der Langhans, rechts der tote Tunese und eine taz die mir weiß machen möchte, man wolle den Ernst der Lage darstellen.
Januar 17th, 2011 at 16:18
2910 says:
die antwort von mathias königschulte wirkt auf mich wie blanker hohn auf der mmn rechtmäßige entrüstung judith zimmers. schnodderiger hätte man wohl kaum antworten können?
Januar 17th, 2011 at 16:58
zurück-empört says:
die wahrheit ist schmerzhaft und unbequem. die darstellung von einem toten geht vielleicht über die normale berichterstattung hinaus, löst aber genau das beim leser aus, was es vermutlich sollte: ein unangenehmes gefühl beim betrachter und eine auseinandersetzung mit dem thema “krieg”.
ich finde dies ehrlicher und besser, als schlagzeilen in denen die opfer höchstens eine zahl sind. solche bilder sind viel zu selten, nur immer raus damit! auf dass dem letzten klar wird, was es heisst, wenn wieder einmal in tagesschau-sprech von toten berichtet wird.
aufwachen! bekämpft nicht die bilder eines krieges oder greift jene an, die euch diese bilder zeigen, bekämpft lieber den krieg, damit es diese bilder nicht geben muss! mich widert diese bequeme “wie konntet ihr nur” – kritik, aus dem bequemen sessel einer warmen und sicheren wohnung verfasst, mehr an als das foto.
Januar 17th, 2011 at 17:46
D-OS says:
@Stefan: Wieso findest du es daneben, wenn du dadurch einige Nächte nicht schlafen konntest und dich das Thema beschäftigt hat? Genau das ist doch der Sinn der Sache. Das Bild wurde abgedruckt, damit man sich mit dem Thema auseinandersetzt, damit man nicht einfach nur liest “Aha, wieder mehrere Hundert oder Tausend Tote da und da.” Das du gerade diese Erinnerung noch im Kopf hast, egal in welcher Zeitung sie abgedruckt wurde, zeugt doch davon, dass diese Maßnahme bei dir funktioniert hat und das damit einem Menschen mehr, zumindest für einen kurzen Moment, die Augen geöffnet worden sind. Ob jetzt der Tod eines Radfahrers bei der Tour de France so dramatisch ist wie ein Unterdrückungsregime, das Systemgegner tötet ist natürlich ein ganz anderer Punkt, aber die Maßnahme solch ein Bild auf die Titelseite zu setzen, hat bei dir die gewünscht Wirkung erzielt.
Eigentlich kann ich nur Andreas Harder-Matern und Fotografiona zustimmen. Für mich ist es wirklich eine Schande, dass diese Diskussion hier überhaupt geführt werden muss.
Januar 17th, 2011 at 19:18
qpq says:
Ich lese vor allem den Vergleich zur BILD heraus. “BILDniveau” schwebt allerdings in ganz anderen Sphären.
Das Problem bei BILD sind imo ja nicht direkt die Bilder, sondern eher die megafetten Header plus Inhalt, die uns sauer aufstoßen. Unter anderem wegen meinem Bedürfnis nach korrekter Information und ethisch unvertretbaren Äußerungen halte ich die BILD für beschissen und gefährlich. Da kommen dazugehörige Bilder nur noch als ungewichtiger Bonus hinzu.
Wenn man die taz liest, weil man sich in seinem Bedürfnis nach sozialen oder gerechten Report informiert fühlt, dann ist son Bild doch vollkommen egal. Menschen die in der Lage sind die taz zu lesen, sollten wenigstens entscheiden können ob dessen Inhalt ihnen zu linkspopulistisch dargestellt ist oder was auch immer. Die die es nicht können, können die taz vermutlich nicht lesen. Wem soll das Bild am Ende also weh tun?
Wirklich die Nase rümpfen würde ich erst, wenn linke Inhalte auf Bildniveau in der taz erscheinen und das ist bislang nicht der Fall.
Im Grunde halte ich das Aufhängen an solch nichtigen Dingen viel problematischer. Erinnert mich spontan an eine erlebte Diskussion zwischen Linken, als die Aussage “du hast ‘n Arsch offen”, die Frage “ist das sexistisch?” ernsthaft abendfüllend machte.
Januar 18th, 2011 at 01:50
FR says:
Ich finde, der Tote hätte nicht so gezeigt werden sollen, wie es hier passiert ist.
Das Zeigen eines anonymisierten Toten oder geschlossener Leichensäcke hätte sicher auch den gewünschten Effekt erreicht und das Ziel ausgedrückt, die Würde des hier gezeigten Opfers aber deutlich besser respektiert.
Januar 18th, 2011 at 15:37
RJBaumgart says:
Hi,
nochmal: wofür ist der Mensch gestorben? Nicht aus Zufall, Dummheit, Pech! Da ist jemand für seine Überzeugung eingestanden, und hat den definitiven Preis dafür gezahlt!
Das Bild seiner Leiche sollte auf jeder Plakatwand stehen – er starb für seine Idee, und seine Überzeugung!
Ich versteh viele hier nicht – habt Ihr denn gar keinen Respekt vor dem Toten, und den Zielen, für die er eintrat?
Denkt Ihr wirklich, er hat den höchsten Preis bezahlt, nur damit er dann ausgeblendet wird, um nur ja nicht die zarteren Gemüter unter Euch zu beunruhigen?
Da starb ein Mensch für seine Überzeugung, und Ihr debattiert darüber, daß das nicht so gut zum Latte passt, und daß Euch das ein mieses Feeling gibt?
Wo sind wir denn?
RGBaumgart at gmail com
Januar 18th, 2011 at 17:45
Sebastian says:
Ein Bild eines Toten ist nicht immer DAS Bild eines Toten.
So wie eine Reportage können auch Bilder sachlich oder unsachlich (in Szene gesetzt) sein.
Ein senastionslüsterner Zeitgenosse würde diesem Titelblatt vermutlich spielend wiederstehen.
Es handelt sich ausserdem nicht ausschliesslich
um das Bild eines Toten.
Der Tatsache dass es auf einer Postkarte gedruckt ist sollte wesentlich mehr Beachtung geschenkt werden, denn dieser sarkastische Widerspruch ist es der (so hoffe ich) aufrütteln soll.
Ein Mensch stirbt im Kampf für eine bessere Gesellschaft,
für Freiheiten und Lebensbedingungen über die wir (noch) nicht nachdenken müssen und wir, die wir so satt sind,
denken nur an den nächsten Urlaub (sehr pauschal, aber im Kern stimmt es doch).
Ich halte es für eine gelungene Montage. Amen
Januar 18th, 2011 at 17:48
Christian says:
Die Häufigkeit von Formulierungen wie „besser wie“ nimmt in letzter Zeit in der taz erschreckende Ausmaße an. Habt ihr einen Haufen süddeutscher Praktikanten eingestellt? In Berlin kann man doch sonst ganz passables Schriftdeutsch.
Januar 18th, 2011 at 18:38
jörg says:
Die taz und viele ihrer Leser ordnen das Visuelle dem Inhalt/Text unter. Sie nehmen Bilder “leichter”, als den “Inhalt”, also das, was hinter dem Bild steht. Weil sie ja “gut” oder “sozial” denken, verstünden ihre alternativen Leser ja dann schon, “was eigentlich gemeint” ist. BILD-Leser dagegen sind dumm, triebhaft und verstehen es nicht.
Dabei kommen taz-Headlines heraus wie: “Der erste, der mich N…. nannte, war ein Türke.” Das ist Boulvard pur, denn ob nun Roland Koch Wahlkampf damit macht, indem er betont, dass “Ausländer” einen Deutschen bedrohten oder eine reißerische Überschrift die taz-Leser belehrt, dass “Ausländer” rassistisch sein können – wozu diese “Information”? Es ist Boulevard. Genau wie Tote auf dem Cover. Die BILD kürt “Helden des Alltags”. Sind in der taz-Entsprechung andere, bessere Menschen zu sehen?
Warum sollte der Abdruck der Fotos von Leichen in der taz eine höhere Moral haben, als in der BILD? Um zu zeigen, dass Tunesien nicht nur Palmen und Strände sind, sagt eure Fotoredaktion. Ach so! Dann müssten die Fotos von Leichen dann doch wohl eher als moralisch-korrekter Ausgleich für die allzuschönen Bilder vom “sanften, ökologischen Reisen zu den Indigenen am Amazonas” verstanden werden?
Januar 18th, 2011 at 19:11
Cecilia says:
@ Sebastian Heiser
Sie haben ja verkündet, nun seien Sie gespannt auf die Meinungen der Leser.
Jetzt haben sich hier ja sehr viele Meinungen angesammelt, es wird immer noch heiß diskutiert.
Wie wird denn taz-intern damit umgegangen? Wird dieser Diskussion in irgendeiner Weise Rechnung getragen?
Oder ist es vielleicht doch eher eine Methode, den Blog mit möglichst vielen Einträgen zu füllen?
Das wäre wirklich interessant zu wissen.
Januar 18th, 2011 at 19:51
Juergen says:
Wenn es anders möglich ist, eine ähnliche Aufmerksamkeit zu erreichen, dann ist bzw. sollte die Alternative, keine Alternative sein, sondern auf dem Titel stehen. Ihr hättet ja auch einfach ein Schwarz-Weiß-Foto nehmen können und mit einem Kreuz + Todesdatum nehmen können. Die Botschaft bleibt gleich, das Bild aber ist human.
Januar 18th, 2011 at 20:18
Sebastian Heiser says:
@Cecilia: Gerade heute morgen habe ich mich mit dem Fotoredakteur, dem ich zufällig in der taz über den Weg lief, über die Diskussion hier im Blog unterhalten. Wir freuten uns über die Diskussion, weil hier viele Argumente sehr ernsthaft und gut begründet von beiden Seiten angeführt werden und so alles auf den Tisch kommt, was für oder gegen solche Fotos spricht. In der taz sind wir genauso zwiegespalten wie hier die Diskussionsteilnehmer (vielleicht mit dem Unterschied, dass bei uns in der taz nicht alle so entschieden auf einer der beiden Seiten sind, sondern beide Seiten in sich tragen und miteinander abwägen). Eine Lösung der aufgeworfenen Frage haben wir allerdings nicht gefunden. Wir werden in der taz weiterhin im Einzelfall entscheiden, was für ein Foto wir abdrucken, und dabei die hier genannten Argumente berücksichtigen.
Januar 19th, 2011 at 10:47
James Nachtwey says:
Foto ok,
Postkartentypo = Fail
Januar 19th, 2011 at 12:43
Fotografiona says:
@ juergen
das wäre weniger reißerisch gewesen?
Januar 19th, 2011 at 15:32
Cecilia says:
@ Sebastian Heiser:
Danke für Ihre Ausführungen.
Ich persönlich glaube, es gibt andere Möglichkeiten, Bilder von Toten darzustellen:
Vor einiger Zeit war ich in einem kambodschanischen Foltergefängnis, nunmehr Museum.
Dort waren unter anderem Schwarzweißfotos von Leichen, die extrem stark verfremdet waren.
Es war erkennbar, dass es sich um einen toten Menschen handelt, dem sein Leben auf grausamste Art und Weise genommen wurde.
Eine Verletzung der Würde dieses Toten konnte ich beim besten Willen nicht herbeikonstruieren.
Durch die Verfremdung lassen diese Fotos sehr viel Raum für die Phantasie des Betrachters und erzielen dadurch eine enorme Wirkung (in meinem Fall: Heulen und Kotzen).
Ein anderes Beispiel für die würdevolle und berührende Darstellung der Opfer von Gewalt sind die Arbeiten der sizilianischen Fotografin Letizia Battaglia.
Hier ein paar Beispiele:
http://www.photoscala.de/node/3428
Januar 19th, 2011 at 16:03
S. Heiser says:
Stimmt, das sind gute Beispiele. Ich erinnere mich auch an ein Foto über ein Tsunami-Opfer. Man sieht nur die Hand der Leiche und eine trauernde Frau (http://tinyurl.com/6c326r8). Der Betrachter malt sich den Rest mit seiner eigenen Fantasie aus. Man deutet das Grauen an, macht es erfahrbar, dokumentiert es damit auch, aber zeigt andererseits auch nicht zu viele Details. Insbesondere kann nun niemand der Ansicht sein, die Würde des Toten werde nicht respektiert, schließlich ist er nicht identifizierbar.
In der Realität dürfte es zwar oft nicht möglich sein, an ein so herausragendes Foto zu kommen – wir haben schließlich keine eigenen Fotografen im Ausland, sondern müssen unsere Auswahl aus dem Angebot der Fotoagenturen treffen. Aber wenn es ein solches Foto gibt, kann das sicher in vielen Fällen eine gute Lösung sein.
Januar 19th, 2011 at 16:35
JET says:
Zum Foto: wie schon von anderen angesprochen, halte ich die Veröffentlichung auf der Titelseite für überflüssig, weil unnötig reißerisch.
Geärgert habe ich mich allerdings dann über die Antwort von M. Königschulte – ich werde das Gefühl nicht los, da nimmt jemand eine Leserin nicht so richtig ernst.
Januar 19th, 2011 at 16:43
Cecilia says:
@ S. Heiser
Das sehe ich ein. Jemand wie Frau Battaglia wird Euch ihre Fotos vermutlich nicht zum Freundschaftspreis anbieten.
Mit Fragen des Urheberrechts und den diesbezüglichen Verhandlungsspielräumen kenne ich mich nicht aus, deshalb Folgendes unter Vorbehalt:
Ist es bei den Fotos, die über die o.g. Fotoagenturen erworben wird, eventuell möglich, nur Ausschnitte zu zeigen? Oder sie mit Hilfe von entsprechenden Bildbearbeitungsprogrammen nachzubearbeiten?
Da könnte eine Möglichkeit liegen, den Bedürfnissen und Erwartungen der meisten Leser und auch taz-Mitarbeitern gerecht zu werden.
Januar 19th, 2011 at 17:25
S. Heiser says:
Fotos von Presseagenturen wie dpa dürfen wir als Zeitung beliebig zuschneiden, montieren, verpixeln oder mit schwarzen Balken anreichern. Agenturen mit einem künstlerischen Anspruch erlauben das nicht. Zudem kann man nicht jedes Foto beliebig montieren. Hier in diesem Beispiel gibt es auf der Postkarte zwei Fotos: Ein großes Foto, das eine Demonstration zeigt, und ein kleines Foto mit dem Toten. Wenn man anstatt des Toten ein Bild wie hier vorgeschlagen veröffentlicht, müsste es das größere Bild werden, weil das als kleines Bild in Postmarkengröße nicht wirkt. Das würde die inhaltliche Gewichtung stören und den Toten in das Zentrum der Seite drängen. Das Demonstrationsfoto würde an Gewicht verlieren. Das ist ja auch eine inhaltliche Entscheidung, ob man das will. Es ist also nicht immer so einfach, die richtigen Fotos zu finden.
Januar 20th, 2011 at 10:23
Thomas says:
Ich stimme Rom zu:
“Es sollte bei dieser Diskussion vor allem um die Würde der Opfer gehen. Man kann auch auf die schlimme Situation in Tunesien aufmerksam machen ohne Tote auf reißerische Art zu zeigen. Die Bildredaktion muss sich dann allerdings etwas mehr anstrengen.”
Januar 20th, 2011 at 10:59
Simone says:
Ich würde von Fall zu Fall unterscheiden. Wer die Videos aus Tunesien kennt, der wäre entsetzt von dem Gewusel im Krankenhaus, Leichen liegen auf Bahren, 3 Leute stehen drumherum und filmen mit Kamerahandies. Das sieht erstmal schrecklich und pietätlos aus.
Es hat aber einen Sinn, nämlich den das aufzuzeichnen was die internationale Presse nicht zeigen und nicht berichten wollte. Die Tunesier waren gezwungen ihre eigene Presse zu sein. Es geht den Tunesiern darum, der Welt zu zeigen, was in ihrem Land passiert ohne dass sich alles nur hinter einer nüchternen Zahl verbirgt. Das ist vergleichbar mit den virtuellen Kriegen unserer Zeit, die so leicht daherkommen wie ein Computerspiel und die dann die ganze Welt schockieren wenn ein Video wie “Collateral Murder” zeigt, dass da echte Menschen sterben.
Es ist unnötig und pietätlos, tote Unfallopfer zu zeigen oder die Opfer einer Umweltkatastrophe. Vom Bilderzeigen kann dort nichts bewegt werden, niemand wird aufgerüttelt. Mit drastischen Mitteln zu zeigen, dass woanders gefoltert und gemordet wird wenn die ganze Welt wegschaut, das geht okay.
Januar 20th, 2011 at 11:05
Gertie Keddle says:
Genauso kurz wie andere schon vor mir: Die Montage ist gelungen, keine Frage. Auf den Titel sollte sie meines Erachtens nicht.
Auch die taz muss ihre Rechnungen zahlen; wenn das aber nur noch auf diese Art geht, ist die Idee einer ‘anderen’ Berichterstattung auf ‘anderen’ Grundlagen gestorben. Ich glaube nicht, dass wir an diesem harten Endpunkt angekommen sind (sonst würde hier gar nicht mit so starker Unterstützung der Redaktion diskutiert); der Titel selbst geht indes in die Richtung.
Beim Thema ‘Abstumpfung’ würde ich (vermutlich, natürlich bewege ich mich auch ein wenig im Leser-Wunschdenken ohne kommerzielle Verantwortung) auch eher zwei Schritte zurück als noch einen weiter vor gehen. Auch Bilder anderer Opfer berühren viele Leser schon lange nicht mehr so, wie sie es vielleicht tun sollten – kann da die Antwort sein immer weiter zu gehen? Immer blutigere Bilder zu zeigen? Ist das wirklich das, was die Leute zum Nachdenken bringt oder ist es nicht eher der gut geschriebene Artikel dahinter? Klar, Teufelskreis: den Artikel muss natürlich auch erst einmal jemand lesen, womit wir wieder bei der – eventuell – durch Bild angeregten Kaufentscheidung sind.
Für mich persönlich bewirkt so ein Titelbild allerdings eher das Gegenteil: ich erwarte keine tiefgehenden Report mehr, wenn schon der Aufmacher mir nicht so stark für das Thema zu sensibilisieren scheint als vielmehr eben “nur” Aufmerksamkeit für den Artikel selbst zu erlangen sucht. Mein Problem ist also weniger, dass ich mich nicht gern mal in meiner Komfortzone berühren lasse, als dass der Titel auf etwas ganz anderes abzuzielen scheint. Und dann kaufe ich eben nicht, weil ich diese Form der Berichterstattung nicht unterstützen möchte.
Das war sicherlich von der taz anders geplant (wenn man der Fotoredaktion zuhört), hat aber m.M. nach schlicht nicht funktioniert. Das wiederum kann vorkommen; der Diskussions- und Verbesserungswille ist willkommen.
Januar 20th, 2011 at 11:21
Jan Marczona says:
Wer drastische Bilder zeigt, bewegt sich immer auf einem schmalen Grad. Mit Bildern von Toten soll natürlich ein Effekt erzielt werden. Der Betrachter soll erschreckt werden, sich an der Darstellung stoßen und nicht einfach weiter blättern, sondern sich länger, auch nach dem Weglegend er Zeitung, mit dem Thema beschäftigen. Jedenfalls unterstelle ich das in der taz. Auf der anderen Seite versuchen Zeitungen einer bestimmten Art, ein vierbuchstabiges Beispiel aus Deutschland wurde genannt, extremer ist beispielsweise die Boulevardpresse in Mexiko, durch besonders extreme Darstellung interessant zu sein. Weit voneinander weg sind die Nutzungen nicht immer. Nur sparsam eingesetzt, journalistisch vernünftig begleitet können sie ihren gewünschten Effekt erzielen. Übermäßig eingesetzt verlieren sie schnell ihre Wirkung. Nur das Außergewöhnliche erregt Interesse, Übereinsatz stumpft ab. In Mexiko übertrumpft sich die Boulevardpresse inzwischen jeden Tag gegenseitig mit möglichst noch extremeren Darstellungen. Journalistisch sinnvoll ist das schon lange nicht mehr, ist es eigentlich auch nie gewesen. Ich hoffe, dass die taz den schmalen Grad nicht aus den Augen verliert und nicht der Versuchung schneller, aber wenig nachhaltiger Aufmerksamkeit erliegt.
Januar 20th, 2011 at 11:22
Zing says:
Das ist natürlich ein schmaler Grat, auf dem die TAZ da wandelt. Bilder von Toten verlangen immer eine gewisse Pietät. Das Motiv, das dahinter steckt ist hierbei meiner Meinung nach entscheidend. Wenn sich die Springer oder die Bertelsmann Presse solcher Bilder bedient, hat das meistens einen einzigen Zweck, Auflagenzahlen, sprich, Geld verdienen und dann wird sowas schnell wiederlich, weil eben der Respekt gegenüber den Toten hier komplett entfällt.
Zum Informationszweck und den unterstelle ich jetzt der TAZ einfach mal finde ich sowas jedoch völlig in Ordnung. Es gibt ja wohl in der Presse kaum schlimmeres als z.B. embeded journalism, der z.B. Bilder vom sauberen Krieg suggeriert. Jeder der schonmal in einem Kriegsgebiet war, weiss, dass das gelinde gesagt bullshit ist. Oder solche lustigen Dinge ,wie das unter Bush einstmals eingeführte, Verbot tote US Soldaten im Fernsehen zu zeigen. Nein, wenn ich die Wahl habe, wähle ich lieber die ungeschminkte Wahrheit, die hat zwar oft ein hässliches Gesicht aber sie ist allemal der Schönfärberei anderer Medien vor zu ziehen. Meiner Meinung nach hat die Taz hier nichts grundlegendes falsch gemacht.
Januar 20th, 2011 at 11:29
Nicola says:
Ich finde nicht, dass Bilder von Toten in einer Zeitung oder irgendeinem anderen Medium etwas zu suchen haben. Und schon gar nicht in der taz. Es reicht, darüber im Text zu berichten.
Januar 20th, 2011 at 11:51
Cecilia says:
@ S.Heiser
Heute Morgen ist mir insbesondere die Frage „Was ist ethisches Handeln?“ durch den Kopf gegangen.
In entsprechenden Seminaren habe ich gelernt, dass es dabei nicht darum geht, unreflektiert moralischen Vorstellungen zu folgen. Ethisches Handeln setzt insbesondere die (selbst)kritische, ergebnisoffene und abwägende Auseinandersetzung mit der Sache voraus.
So wie in der taz mit diesem und anderen Themen umgegangen wird (Thema zur Diskussion stellen, mitdiskutieren, abwägen, nach Alternativen Ausschau halten,…) scheint mir ein hoher Anspruch an die eigene Berufsethik deutlich erkennbar – was aus meiner Sicht die Grundvoraussetzung für qualitativ hochwertigen Journalismus ist. Und das gefällt mir sehr, sehr gut. Auch wenn ich nicht immer mit Euch übereinstimme.
Dass eine solch kritische Auseinandersetzung nicht immer möglich ist, ist eine logische Konsequenz des immensen Zeitdrucks, dem eine Tageszeitung ausgesetzt ist.
Ich überlege jetzt doch, demnächst taz-Genossin zu werden…
Damit verabschiede ich mich aus der Diskussion und wünsche Ihnen und der taz alle Gute.
Januar 20th, 2011 at 11:51
Franz Fuchsberger says:
Grundgesetz
Artikel 1
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
Artikel 5
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern ….
(2) Diese Rechte finde ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
Für mich persönlich Verstößen “solche” Bilder gegen das Recht der persönlichen Ehre und sollten freiwillig von den Medien nicht veröffentlicht werden.
Frage an die verantwortliche Redaktion, Was würdet Ihr fühlen wenn dieses Photo von Euch, Deiner Mutter, Deinem Vater oder Deinem Kind wäre? Würdest Du es dann auch auf den Titel setzen ?
Grüße
Franz
Januar 20th, 2011 at 11:56
JBXF says:
Generell: Nein danke.
Das vorliegenden Beispiel halte ich allerdings für eine berechtigte Ausnahme. Das Bild auf der Titelseite zu zeigen finde ich aber nicht gut.
Januar 20th, 2011 at 12:05
Franz Fuchsberger says:
… habe gerade den Block noch einmal etwas Gründlicher gelesen.
Eine alte und bekannte Diskussion über das Thema:
“Heiligt der Zweck die Mittel?”
Würde sich bestimmt lohnen wenn die TAZ dazu eine kleine Reihe macht.
Herrn Mathias Königschulte würde ich empfehlen
Dietrich Bonhofer zu lesen und Grundsätzlich an seiner professionellen Einstellung zu seinem Beruf zu arbeiten.
Die TAZ ist ja gerade, nicht OHNE Grund anders als z.B die Bild
Januar 20th, 2011 at 12:34
Franz Fuchsberger says:
noch eine Frage an die Redaktion.
In welchen Text -Zusammenhang steht das Bild? Wird im Text der Name des Toten erwähnt und seine Geschichte erzählt?
Wie und wo hat er sein Leben verloren, evt warum oder durch wenn?
Wenn Ihr seine konkrete Geschichte im Kontext erzählt könnte ich noch nachvollziehen warum Ihr dieses Bild veröffentlicht habt.
Sollte das nicht so sein, habe ich dafür gar kein Verständnis.
Dann geht es nur darum die vermeintlich “Gute Idee” von Herrn Königschulte mit der Postkarte für den Titel zu illustrieren.
Wie schön gesagt für mich persönlich wird mit diesem Bild eine Grenze überschritten (Auch in vielen anderen Medien)
Kann man den Text zu diesem Bild und/oder Artikel im Netz lesen?
Januar 20th, 2011 at 15:51
S. Heiser says:
> Kann man den Text zu diesem Bild
> und/oder Artikel im Netz lesen?
Oh ja – man kann alle Texte aus der gedruckten Ausgabe auch im Netz lesen. Am 11. Januar erschien auf der Titelseite folgende Schlagzeile: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2011/01/11/a0093
Die Meldung von Seite 1: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2011/01/11/a0036
Der Kommentar von Seite 1: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2011/01/11/a0037
Der Bericht von Seite 3: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2011/01/11/a0089
Das Interview von Seite 3: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2011/01/11/a0091
Auf Seite 1 heißt es in der Bildunterschrift, das Foto zeige einen “in der Stadt Thala erschossenen Mann”. Als Quelle der Bilder sind die Fotoagenturen dapd und afp angegeben.
In dem Artikel auf Seite 3 heißt es: “Am schlimmsten gewütet haben Armee und Polizei der Menschenrechtsorganisation CNLT zufolge in Thala, 230 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Tunis. Mehrere Menschen seien bei einer Demonstration getötet worden; die Krankenhäuser seien völlig überfüllt. ‘Wohnungen wurden gewaltsam durchsucht und Festnahmen unter Jugendlichen durchgeführt’, heißt es in einem Kommuniqué. Die Jugendlichen seien nach Angaben ihrer Familien aus dem Stadtzentrum gebracht worden. ‘Mehrere von ihnen wurden später in der Nähe des Friedhofs, von Kugeln durchsiebt, in einem Flussbett aufgefunden.’ Das Innenministerium hingegen erklärt: ‘Die Polizei hat das Feuer in gerechtfertigter Selbstverteidigung eröffnet, nachdem sie mit Warnschüssen versucht hatte, die Demonstranten davon abzuhalten, öffentliche Gebäude anzugreifen.’”
Die taz erzählt also die Umstände, unter denen die Demonstranten in Thala gestorben sind, der Name des Toten wird allerdings im Text nicht genannt.
Januar 20th, 2011 at 17:42
Fotografiona says:
Bei aller Dekadenz dieser Diskussion, die Antwort von Herrn Königschulte war wirklich unprofessionell, da war wohl jemand sehr stolz. Die Arroganz war unangemessen, denn es geht tatsächlich um eine Grundsatzdiskussion. Und man sollte sich als Handelnder seiner Verantwortung bewusst sein und seine Thesen behutsam an die Leute bringen.
Aber kann es sein, dass das Bild ohne rote Farbe weitaus weniger Tumult hervorgerufen hätte?
Januar 20th, 2011 at 17:53
Mit Bildern Affekte erzielen « Fotografiona's Blog says:
[...] http://blogs.taz.de/hausblog/2011/01/15/mit-bildern-effekte-erzielen [...]
Januar 21st, 2011 at 00:53
Franz says:
Hallo S. Heise! Danke für den Link, war gut sich die Texte anzuschauen um diese Diskussion zu führen.
Auf dieser Basis, hätte ich das Photo so nicht veröffentlicht.
Seine persönliche Geschichte bleibt ungewiss und er wird hier benutzt um aufzuschrecken. Das hättet Ihr mit einem anderen Photo auch hingekommen.
Wisst Ihr jetzt eigentlich wer dieser Tote ist und wie er heißt?
Gibt es neue Informationen zu der Situation in Thala?
Wie viele Jugendliche wurden dort ermordet?
Konnten diese Morde durch andere Quellen bestätigt werden?
Wäre gut wenn Ihr da Konkret dran bleibt.
Grüße
Franz
Januar 21st, 2011 at 10:14
Fotografiona says:
Übrigens, hab das hier als Anlass für eine weiterführende Darstellung meines Standpunktes zu dem Thema genommen:
http://fotografiona.wordpress.com/2011/01/21/mit-bildern-affekte-erzielen/
Ich freu mich auf Interessenten und mehr oder weniger qualifizierte Kommentare
Januar 21st, 2011 at 13:01
Anne Will-Meckern says:
Seht Ihr, meine lieben tazler, Ihr könnt es doch!
Bewiesen mit dem heutigen Seite 1-Foto.
Einfach die Vorrichtigung, auf der in den USA die Todesstrafe mit Giftspritze verübt wird.
Das wirkt. Auch ohne Leichenschau.
Januar 24th, 2011 at 16:28
Mediale Entgleisungen, geistige Armut und der Tod ~ Blog für Medienkompetenz, Kommunikation und Medienkritik says:
[...] von einem Toten auf der Titelseite abdrucken? Die Frage aller Fragen der vergangenen Woche. Die Diskussionen über die taz Titelseite vom 11.01. zeigen einmal mehr das Dilemma des journalistischen Umgangs mit Gewalt und Tod. So empört es sich [...]
Januar 25th, 2011 at 10:18
Glückliches Arabien | Rhetorik-Blog says:
[...] Mit Bildern Effekte erzielen at taz Hausblog [...]
Januar 30th, 2011 at 18:56
Zwischen Abstumpfung und Aufklärung « Tim Klimes | Journalist says:
[...] Beschwerdebrief einer Leserin veröffentlichte die „taz“ im eigenen Blog, in den Kommentaren tobte unter den Lesern der linken Zeitung eine Diskussion, die zwischen Moral [...]
Februar 6th, 2011 at 21:02
Cecilia says:
Es geht auch anders. Das habt ihr mit dem Foto in dem
verlinkten Artikel eindeutig bewiesen. Sehr gut!
So etwas bringt meiner Meinung nach sehr viel mehr rüber als das hier diskutierte Titelfoto.
Mit so einem Bild dürfte es ebenfalls gelingen, eine Botschaft zu transportieren. Und zwar ohne den zweifellos nicht unberechtigten Vorwurf der Senationslüsternheit um die Ohren gehauen zu kriegen.
http://www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/angst-und-gewalt-im-gerichtssaal/
Februar 8th, 2011 at 11:39