von 15.01.2011

taz Hausblog

Wie tickt die denn? Der Blog aus und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Die taz hatte am Dienstag auf ihrer Titelseite über den Aufstand in Tunesien berichtet. In einer Montage hatten wir Bilder der Proteste und ein Foto eines Toten im Postkartendesign gezeigt. Unsere Leserin Judith Zimmer aus Hamburg ist empört:

Liebe taz,

Entschuldigung vorweg, aber: Seid ihr noch ganz dicht?! Das Bild eines Toten auf dem Titel?!

Ich lese doch Euer Blatt und nicht die Blödzeitung, weil ich davon ausgehe, bei der taz von solchen völlig unnötigen (!) Entgleisungen verschont zu bleiben. Sechs! Setzen.

Mit meinen trotzdem besten Grüßen
Judith Zimmer

Es antwortet Mathias Königschulte aus der taz-Fotoredaktion:

Liebe Frau Zimmer,

waren Sie schon einmal in Tunesien? Schön dort, nicht? Wenn wir an Tunesien denken, träumen wir dann nicht von Sonne, Strand und Meer? Nur diejenigen, die dort leben, halten es gerade nicht mehr aus und werden dafür mitunter erschossen.

Das despotisch geführte Land entwirft von sich das Bild einer ungetrübten Postkartenidylle, und je breiter sich dieses Bild in der öffentlichen Wahrnehmung macht, desto stärker sehen wir uns in der Pflicht, dem andere Bilder entgegenzusetzen. Dazu gehört auch das Bild des jungen Mannes, der dort am vergangenen Montag bei einer Demonstration um sein Leben gebracht wurde.

Aber ein Zweifel bleibt, auch bei uns. Niemand versteht sich besser darauf, mit Bildern bei seinen Lesern Effekte zu erzielen, wie die von Ihnen genannte „Blödzeitung“. Das wollten wir auch, zugegeben.

Bleiben Sie wachsam, liebe Frau Zimmer, Bilder sind gefährlich!
Mathias Königschulte

Jetzt sind wir natürlich gespannt auf weitere Meinungen unserer Leser: Sollten wir Tote auf der Titelseite zeigen? Sollten Zeitungen gezielt versuchen, bestimmte Effekte bei ihren Lesern zu erzielen? Und wo sind dabei die Grenzen?

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http://blogs.taz.de/hausblog/2011/01/15/mit-bildern-effekte-erzielen/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Würde wirkt auch über den Tod hinaus (vgl. Mephisto-Urteil). Der Auffassung kann man sich anschließen, das ist schon in sich schlüssig (einfach mal die Begründung lesen).
    Aufgrund der geringen Größe des Bildes geht es hier wohl nicht um einen Schockeffekt, wie es bei der Bild der Fall wäre. Stattdessen möchten die Redakteure die einfache Botschaft „kein Ferienparadies“ vermitteln. Ich finde, das gelingt. Das ist natürlich nicht objektiv, sondern eher die Herangehensweise eines Künstlers, aber dass die taz auch mal tendenziös berichtet ist ja nun auch kein Geheimnis.

  • Ob der erschossene, junge Mann vor seinem Tod die Erlaubnis für die Veröffentlichung des Bildes gegeben hätte, weiss man natürlich nicht. Aber wer auf einer Demonstration gegen ein Regime sein Leben verliert, der hat mit Sicherheit ein Interesse daran, dass die Situation im Ausland nicht beschönigt dargestellt wird und die Täter bloßgestellt werden.
    Den Vorwurf, dass der Artikel durch das Bild reißerisch sei, kann ich nicht teilen. Das Bild ist verhältnismäßig zu dem Bild links klein und die Überschrift geht auch nicht explizit auf den Toten ein. Solange solch grausame Bilder keine dauerhafte Einrichtung sind um die Auflage langfristig zu steigern, sondern gezielt eingesetzt werden um aufzurütteln, fnde ich die Veröffentlichung vertretbar-

    @Frauke Das geht irgendwie am Thema vorbei, denn nackte Geschlechtsteile mit Ermordeten zu vergleichen erscheint mir unverhältnismßig

  • Ich hab mir die ganzen Beiträge und Kommentare nicht durchgelesen – da ich eigentlich gerade am lernen bin, aber ich finde es gut, ungeschminkte WAHRHEIT. Das ist die Welt in der wir leben !

    Ich empfehle den Spielfilm „Todesreiter von Darfur“

    Die Welt ist leider nicht immer so schön wie wir sie uns ausmalen und wer damit nicht klar kommt kann ja gerne wieder wegschauen.

    Stuttgart 21 ist ein Witz im Gegensatz dazu was da unten passiert. Da verrecken Kinder, weil sie erschossen werden und das von einer martialischen Militärdiktatur. Welcome back to 1933 !
    Freie Berichterstattung !
    Ungeschminkte Wahrheit !
    Wikileaks !
    freies Wissen !

  • Ich gehe einmal auf die Frage ein, ob eine Zeitung Effekte erzielen soll.

    Für mich ist eine Zeitung ein journalistischer Ort der Neutralität. Das heisst, neutrale Berichterstattung und da wo man nicht neutral sein will, kann dann eine Person in einem gesonderten Kommentar zum Artikel seine Meinung kundtun.

    Papiersammlungen, wo dies nicht der Fall ist, sind für mich keine Zeitungen. Das heisst nicht, dass solchen Papiersammlungen die Existenzberechtigung fehlt – es sind aber keine Zeitungen für mich. Ich erwarte weder bei der Bild noch beim Greenpeace-Magazin tatsächlich neutrale Berichterstattung, sondern nunmal „Effekte zur unbewussten Meinungsbeeinflussung“ – ob nun für einen „guten“ oder „schlechten“ Zweck ist egal.

    Damit reduziert sich die Frage, ob ein Blatt auf Effekte setzen soll, einzig auf die Fragestellung, auf welche Art dieses Blatt denn nun wahrgenommen werden will. Und auf diese Frage, kann ich auch keine Antwort geben.

    Persönlich finde ich die Postkarte ziemlich schlecht gestaltet und den angesprochenen Widerspruch „UrlaubslandBürgerkriegsland“ nicht vernünftig herausgearbeitet. Vielleicht liegt darin auch ein/das Problem, der Tote wirkt wirklich nur hingeklatscht nach dem Motto „Jetzt noch der Tagestote auf Seite 1“. Und da der Effekt schon als Effekt nicht taugt, kann das Gesamturteil nicht besser sein.

  • Es ist schon so, dass Tote auf der Titelseite irgendwie die Würde der Menschen verletzen, aber wir sind das leider schon so gewohnt. Ich muss dabei immer an die „Welt“ und die „Bild“ denken, die im wiederholenden Rhythmen das weibliche Geschlechtsteil nackt darstellen müssen und das dann als Kunst verkaufen. Meines Erachtens erkennt man an dem Umgang der Frau eindeutig den Zustand der Gesellschaft, weil sie das Leben hervorbringt. Insofern wundert mich gar nichts mehr.

  • Wenn die taz schon meint, ihre Leser würden auf solche Darstellungen abfahren, könntet ihr auch gleich über’s Dschungelcamp berichten.
    Kleiner Tipp: Läuft gerade wieder auf RTL.
    Wäre doch ne tolle Chance für Euch! Dann wird die Anzahl der täglichen taz.de-Besuche, worauf ihr ja solchen Wert legt, bestimmt noch mal ordentlich in die Höhe schießen.

  • @tor: Es ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, wie sie darauf kommen, daß „Keine aufgedunsenen Leiber oder zerhackstückten Gliedmaßen um der Toten willen zeigen zu wollen“ ein Ausdruck „pietistischer Bürgerlichkeit“ sein soll.

    Wenn Sie allerdings solche Bilder brauchen, um das Ausmaß einer Katastrophe zu begreifen, dann kann ich nachvollziehen, daß sie so wehement dafür sprechen, daß reißerische Bilder veröffentlicht werden.

    Ich stimme C. Ontra zu, daß solche Bilder sensationsgeil sind. Aus meiner sicht sollten sie für eine Leserschaft, wie man sie von der Taz erwarten kann, nicht notwendig sein.

  • @ das gibts doch nicht:

    „Das mit der Menschwürde ist nichts weiter als ein vorgeschobener Vorwurf, um nicht belästigt zu werden.“

    So so. Sie maßen sich also an, beurteilen zu können, wie ich und andere fühlen und denken?

    Sie haben das Recht auf Ihre eigene Meinung. Finde ich, finden Sie vermutlich auch.
    Ihre Ausführungen entnehme ich, dass Sie dieses Recht anderen jedoch absprechen.

    Nachtrag zum Thema:
    Der Vorwurf von Frau Zimmer scheint mir sehr berechtigt, weil diese Titelseite wirklich stark an die Bildzeitung erinnert.
    In anderen Fällen hat die taz ja durchaus bewußt die Titelgestaltung der Bild übernommen, um auf deren fragwürdige Methoden aufmerksam zu machen. Das dürfte hier aber nicht der Fall zu sein und hinterläßt bei mir einen unangenehmen Beigeschmack.

  • Das gibt wes wahrscheinlich nur in Deutschland. In Tunesien sterben Menschen und wir möchten hier bitte, bitte nicht mit den Bildern konfrontiert werden, schließlich hat uns die EU ja so lange erfolgreich erzählt das da drüben wäre eine Demokratie, in der man beruhigt Urlaub machen kann.

    Das mit der Menschenwürde ist nichts weiter als ein vorgeschobener Vorwand, um nicht belästigt zu werden.

    Das ist dermaßen bigott, dass der Brief von Mathias Königschulte an Frau Zimmer noch viel zu sanft ausgefallen ist.

  • … also ich muss das Foto nicht auf der Titelseite haben (ich glaube es der taz auch so). Andererseits müsste ich jetzt auch nicht gleich aufspringen und deswegen einen bitterbösen Leserinnenbrief verfassen.

  • Die Kunst, sich zu entrüsten ist der Deutschen wahre Tugend. Hinzusehen, auch wenn es weh tut, fürchten wir dagegen sehr, obgleich es uns vielleicht guttun würde.
    Ist es womöglich so, dass die Entrüstung uns davor bewahrt, das Gesehene wirklich zu verinnerlichen und uns damit zu beschäftigen? Eine Schutzreaktion gegen das Eindringen der lähmenden Angst vor dem Erlöschen?
    Wenn man den Großteil seines Lebens in Deutschland verbringt und andere Länder nur urlaubsweise besucht, dann fällt es schwer sich das unsägliche Leid jenseits der Vorstadtidylle zu erdenken. Unser westlicher Wohlstand ist tatsächlich nur eine einsame Insel inmitten eines Höllenmeeres aus Blut, Knochen und Tränen.
    Während wir wie die Schweine das Frühstück in unsere fetten Bäuche schieben sterben täglich 28.000 Männer, Frauen und Kinder einen jämmerlichen Hungertod. Unsere Söhne und Töchter schicken wir nach Osten, wo die NATO mit unserem Geld seit 2001 fast 100.000 unschuldige Zivilisten zerbombt hat. Nein, das ist nicht nur eine Zahl in der DPA-Meldung, das sind Kinder mit abgerissenen Armen, Frauen mit zerfleischten Beinen, Männer mit verkohlter Haut. Wir müssen uns zwingen, hinzusehen. Schauen wir den geschändeten Frauen in die Augen, wenden wir uns nicht ab von den verstümmelten Kindern. Denn die sind Menschen, genau wie wir. Und wenn wir uns das lange genug anschauen, vielleicht blüht es uns auch irgendwann, dass wir eben nicht nur Konsumenten in dieser Welt sind, sondern dass unser Verhalten sie beeinflusst, dass wir dabei eine Mitschuld tragen, die unerträgliche Verantwortung, ein Mensch zu sein, und nicht ein Schwein.
    Ja, mein lieber deutscher Michel, es tut weh, sich das anzusehen, ich weiß. Entschuldige bitte, dass die TAZ dir den Appetit verdorben hat. Vielleicht denkst du ja demnächst einen Moment nach, bevor du den Zettel in die Wahlurne steckst. Bevor du dein Geld auf die Bank bringst. Bevor du das leckere Fischfilet aus Afrika kaufst. Und dann, vielleicht irgendwann, werden wir alle zusammen bessere Menschen sein.

  • Das war ein Fehlgriff, und nein, die Menschenwürde, um die es hier geht, endet ebenso wenig wie die kodifizierten Menschenrechte mit dem Tode, und das hat auch nichts mit pietistischer Bürgerlichkeit zu tun, was immer das sein soll. (Kleiner Tipp vom Fachmann: bevor man interessante Wörter verwendet, immer mal vorher nachschlagen, ob sie nicht schon etwas bedeuten.) Hier an der Verfassung vorbei ein Informationsrecht herbeikonstruieren zu wollen, weil das allgemeine Persönlichkeitsrecht angeblich nachgeordnet sei, ist nicht nur fadenscheinig, sondern auch gegen den eigenen moralischen Anspruch. Der Leserbrief trifft den Nagel auf den Kopf, derartige Rechtsverletzungen treten im Boulevard gewohnheitsmäßig auf, weil man darauf vertraut, dass der Presserat nur ein bisschen aufgeregt mit dem Zeigefinger wackelt. Und ansonsten nichts tut.

    taz hat mitgeschossen. Das wolltet Ihr doch hören, oder?

  • wie soll ein toter unter der darstellung seiner leiche leiden können? nicht einmal die lebenden werden in der regel gefragt, ob sie in der zeitung erscheinen wollen. mir erschließt sich nicht auf welcher annahme hier die höherstellung der toten vor den lebenden beruht.

  • Ich finde ebenfalls, dass ihr da eine Grenze deutlich überschritten habt.

    Eure Zielgruppe dürfte durchaus in der Lage sein, sich auch ohne Gruselfotos von Leichen ein eigenes Bild zu machen.
    Derartige Darstellungen wirken auf mich sensationsgeil und somit widerlich.

    Ferner wird die Würde des Menschen durch den Abdruck solcher Bilder verletzt.

    Wisst ihr, ob es dem abgebildeten ehemals Lebenden recht gewesen wäre, auf diese Weise auf den Titelseiten der internationalen Presse zu landen? Fragen konnte ihn keiner mehr, obwohl: fragen konnte man ihn schon. Nur kam wohl leider keiner Antwort? Darf sein Schweigen als Zustimmung gewertet werden?

    Fragt euch doch bitte selbst einmal: Wie fändet ihr es, tot, blutig und entstellt abgelichtet zu werden? Und auf Seite 1 zu landen? Wie wäre es für euch, wenn es sich bei dem Toten um einen Menschen handeln würde, den ihr liebt? Unangenehme Vorstellung, nicht wahr?

    Ferner wertet ihr eure Leser ziemlich ab, wenn ihr meint, sie wünschten/bräuchten/wollten solche Darstellungen.

    Zeitungen sollten üblicherweise der Information dienen und nicht versuchen, Effekte zu erzielen. Dahinter steckt immer die Absicht, zu manipulieren. Wollt ihr das?

    Gerade von der taz erwarte ich einen achtsamen und sensiblen Umgang mit Bildern. Ihr wollt euch von anderen Zeitungen abheben. Dann tut es bitte auch.

    Den Antwortbrief von Herrn Königschulte empfinde ich übrigens als ausgesprochen arrogant.

  • Es sollte bei dieser Diskussion mitnichten um eine „Würde der Opfer“ gehen. Wenn jemand tot ist, gibt es nichts mehr zu schützen, denn es ist zu spät. Das Schlimmste ist bereits eingetreten. Keine aufgedunsenen Leiber oder zerhackstückten Gliedmaßen um der Toten willen zeigen zu wollen ist Ausdruck pietistischer Bürgerlichkeit, die sich einer Sinnsuche am Opfer nicht entziehen kann und will. Entsprechend auch das zynische Anbeten der „Märtyrer“, die für eine gute Sache gestorben seien. Da werden die Hände vors Gesicht gehalten und die sterblichen Überreste in Blumen ertränkt, als wären die Toten der Dünger einer rosigen Zukunft. Ein Schelm wer da an den Ausspruch Ajatollah Chomeinis denkt, „der Baum des Islam kann nur wachsen, wenn er ständig mit dem Blut der Märtyrer getränkt wird“.
    Der Tod dieser Menschen war sinnlos, ist sinnlos, und wird sinnlos bleiben. Tote haben keine Würde, denn da ist nichts mehr was Würde sein eigen nennen könnte.

  • Liebe Taz,
    Es sollte bei dieser Diskussion vor allem um die Würde der Opfer gehen. Man kann auch auf die schlimme Situation in Tunesien aufmerksam machen ohne Tote auf reißerische Art zu zeigen. Die Bildredaktion muss sich dann allerdings etwas mehr anstrengen.
    Grüße,
    R

  • Ja, Bilder von Toten sollten gezeigt werden. Ob Menschen bei einer Sache sterben oder nicht, ist ein Unterschied ums Ganze. Aufgabe gerade kritischer oder linker Berichterstattung ist es, zu zeigen was passiert. Manche wittern da die Geilheit nach Gewaltporno oder dem bürgerlichen Distinktionsgewinn. Und Bilder haben immer Effekte. Etwas nicht zu zeigen, hat aber ebenso einen Effekt. Aufgabe einer kritischen Berichterstattung ist es nicht kontrolliertes Kontrollinstrument, sondern unkontrolliertes Kontrollinstrument zu sein. Zu bestimmen ob das Zeigen einer Information gut oder schlecht für die Welt ist, ist nicht möglich, vor allem nicht in einer Welt wie der gegenwärtigen. Es soll auch gar nicht bestimmt werden, weil es sich der Lüge schuldig machen würde, dass es etwas ändern würde.
    Aufgabe kritischer Berichterstattung kann es nicht sein, etwas zu erklären. Aufgabe kritischer Berichterstattung muss es sein, etwas zu zeigen.

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