Der Fall Didi: Ein Pädosexueller in der taz

Im Frühjahr 2010 diskutierte die Öffentlichkeit über Pädophilie in der katholischen Kirche. Zu diesem Zeitpunkt begann die taz mit der Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte und berichtete im April 2010 auf einer Doppelseite, dass Pädophilie im Blatt zeitweise salonfähig war. Im Januar wurde der Abschlussbericht der Odenwaldschule veröffentlicht: der spätere taz-Mitbegründer Dietrich „Didi“ W. soll als Pädagoge an der Odenwaldschule Kinder missbraucht haben. Wieder berichtete die taz über diesen Fall, über das linke Milieu, das Pädophilie billigte und über die Frage, warum viele der Personen, die damals im linken Milieu aktiv waren, sich heute der Aufarbeitung verweigern. Ein Rechercheteam aus drei Redakteuren und einer Dokumentarin hat in den vergangenen Wochen versucht, so viele Informationen wie Möglich zu dem Fall zu suchen. Hier ihr Ergebnis:

Erst necken sich die Schüler und der junge Mann nur. Dann beginnen sie zu raufen. Am liebsten balgt sich Dietrich W. mit Jörg*. Der gespielte Kampf geht in Umarmungen und Berührungen über, die an die eines Liebespaars erinnern. W. fährt dem Jungen immer wieder zwischen die Beine, sie umschlingen sich. Irgendwann liegen sich die beiden erschöpft in den Armen.

Die Frau, die heute von dieser Szene erzählt, war vor vierzig Jahren selbst Schülerin der Odenwaldschule Ober-Hambach, jenes hessischen Landerziehungsheims, das lange als Modellschule für alternatives Lernen galt. Dietrich W. war auch ihr Lehrer.

Didi, wie ihn seine Schüler nannten, mochte die Jungen. Und die Jungen ihn. „Didi war immer von Knaben umgeben“, sagt die ehemalige Schülerin. Damals habe sie sich nichts dabei gedacht, wenn sie den Lehrer so mit den Schülern sah. Das änderte sich, als sie den Kunstlehrer Ende 2010 im Abschlussbericht zum sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule wiederfand – als mutmaßlichen Täter. Sie fragt sich heute: Was hat sie alles nicht gesehen?

Wie ihr geht es vielen, die Dietrich W. gekannt und geschätzt hatten, bevor er 2009 an Lungenkrebs starb: Schülern und Freunden, Angehörigen und Kollegen – auch in der Redaktion der taz, zu deren Gründern W. gehörte, und für die er jahrelang als Stuttgart-Korrespondent arbeitete.

Der 35-seitige Abschlussbericht zum sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule widmet seinem Fall sechs Zeilen. Dietrich W., der von 1969 bis 1972 an der Odenwaldschule unterrichtete, werden neun der bislang 132 dokumentierten sexuellen Übergriffe vorgeworfen. Insgesamt drei Männer, zur Tatzeit zwölf bis vierzehn Jahre alt, haben ihn beschuldigt und zudem sechs weitere Betroffene genannt. So zählen es die beiden unabhängigen Aufklärerinnen Brigitte Tilmann und Claudia Burgsmüller, die die Schule bestellt hat.

Im Gegensatz zu vier Haupttätern wird Dietrich W. im Abschlussbericht nicht mit Namen genannt, sondern nur als „Kunstlehrer“ bezeichnet. Aus Rücksicht auf seine Familie heißt er auch in diesem Text nur W.

Die Taten an der Odenwaldschule werden von den Aufklärerinnen nach ihrer Schwere kategorisiert. Von der mildesten Stufe 1 bis zu Stufe 4 für Penetration und Stufe 5 für Vergewaltigung. Die Übergriffe von Dietrich W. waren demnach Stufe 3: „häufige Berührungen in sexueller Absicht“ sowie gegenseitiges Masturbieren. Die Vorwürfe gegen ihn sind laut Tillmann und Burgsmüller weder in Zahl noch in Intensität mit denen gegen die vier Haupttäter vergleichbar. Dennoch wiegen sie schwer.

Einige seiner Übergriffe ereigneten sich auf einer gemeinsamen Griechenlandreise mit Schülern. Details zu den Vorwürfen wollen die Juristinnen nicht öffentlich machen. Es ist eine schwierige Gratwanderung zwischen dem Wunsch nach Aufklärung und dem Schutz der Intimsphäre der Opfer. Man habe den „Wunsch der Betroffenen respektiert, selbst die Grenze für das für sie Mitteilbare zu ziehen“, erläutern sie in ihrem Bericht.

Andere ehemalige Schüler, die nicht zu den Betroffenen zählen, sprechen über ihre Erinnerungen. „Der Didi hatte die Jungs immer mit, da schliefen alle durcheinander“, berichtet einer, der in Griechenland dabei war. Dietrich W. unternahm gern solche Reisen. Die Fahrten gingen mit dem VW-Bulli auch spontan in die nähere Umgebung der Odenwaldschule oder nach Frankreich auf einen Bauernhof in der Provence. „Ich habe gesehen, wie Didi an Jörg rumgefummelt hat, sie waren im Bett, und er hat sich an dem Jungen zu schaffen gemacht“, berichtet ein Schüler, der in Frankreich dabei war. Mehrere Zeugen bestätigen zudem eine pädophile Beziehung W.s vor seiner Zeit an der Odenwaldschule.

Als Dietrich W. von 1969 bis 1972 an der hessischen Schule arbeitet, missbrauchen pädosexuelle Männer immer wieder Jungen. Sie drängen sie in der Dusche, ihnen und sich gegenseitig einen runterzuholen, betatschten sie zum Aufwachen am Penis. Dem Schulleiter legte man einen kranken Jungen auch mal aufs Zimmer statt in die Krankenstation.

Dietrich W. scheint eher spontihafte Beziehungen zu Jungen gepflegt zu haben. Von ehemaligen Schülern wird er als ein weicher Pädosexueller beschrieben, einer, der sich über Flirts an Jungen ranmachte, nicht mit Gewalt wie andere Pädagogen.

Auch frühere Odenwaldschüler diskutieren deshalb: Wo genau beginnt sexueller Missbrauch? Was erschien damals und was erscheint heute als unverklemmter, akzeptabler Umgang mit der Sexualität von Kindern? Und was ist schon eine Grenzverletzung mit schweren Folgen?

Für die Juristinnen, und nicht nur für sie, besteht kein Zweifel: Masturbieren mit Jungen ist sexueller Missbrauch. Immerhin waren manche erst zwölf Jahre alt und wussten nicht, was Sex ist, ehe sie von einem Pädosexuellen initiiert wurden. Nicht wenige verstehen erst als Erwachsene, was ihnen angetan wurde.

Susan Clancy ist Psychologin an der renommierten Harvard-Universität. Sie hat in einer Studie Missbrauchsopfer befragt. „Der schlimmste Teil des Missbrauchs war, wie andere Menschen darauf reagierten“, geben die Opfer zu Protokoll. Sie werden doppelt traumatisiert: durch die Tat – und durch die Reaktion der Umwelt, wenn sie sich offenbaren. Weil man ihnen nicht glaubt, sie zu Mitschuldigen erklärt oder die Tat bagatellisiert. „Da wurde ja nur gewichst!“ – die gängige Verhöhnung männlicher Missbrauchsopfer.

Als Dietrich W. 1969 an die Odenwaldschule kommt, ist er kein Lehrer. Er hat eine Tuchmacherlehre absolviert. Befreundete Pädagogen, die er wohl auf Burg Waldeck kennengelernt hatte, vermitteln ihn an die Schule. Die Burg Waldeck ist ein jugendbewegtes Zentrum, dessen Chansonfestival, das „deutsche Woodstock“, politisierte Achtundsechziger anzieht.

Dietrich W. leitet zunächst eine Internatsfamilie mit vier Kindern. Dass ihr Lehrer nicht einmal Abitur hat, ist den Schülern egal. Sie mögen den Mittzwanziger. In W.s „Familie“ steht stets eine geöffnete Rotweinflasche auf dem Tisch. „Mit Didi konnte man gut einen Joint rauchen“, erinnert sich ein Schüler. „Oder ein paar Flaschen Wein trinken.“ Dietrich W.s „Familie“ wächst schnell, bald hat er eine Kommune mit sieben Jungen und einem Mädchen. Als W. einmal nicht zum Unterricht erscheint, wird eine Abordnung entsandt. Die Jungen klopfen an seine Tür, er liegt noch im Bett. „Wollt ihr nicht lieber frei haben?“, fragt W. „Komm, wir machen dir auch einen Kaffee!“, schlägt Philipp stattdessen vor. Die Schüler zerren W. aus dem Bett.

Aus Philipp ist längst Dr. Dr. Sturz geworden. Ein Zahnarzt, der geschockt war, als er erfuhr, was W. vorgeworfen wird. „Didi war unser absoluter Lieblingslehrer“, sagt Philipp Sturz, „bei ihm hat der Unterricht unendlich Spaß gemacht.“

Ende der Siebziger wurde der beliebte Lehrer Dietrich W. ein überaus beliebter Kollege in der taz-Redaktion. Und er war nicht irgendein Mitarbeiter.

1979, das Gründungsjahr der taz. In Stuttgart steht Dietrich W. für die Berichterstattung aus dem Südwesten bereit. Gerüchten zufolge investiert er sogar 20.000 Mark Startkapital in das linke Zeitungsprojekt. Bis 1989 schreibt er als taz-Korrespondent über Hausbesetzerszene, Friedensdemos, Landespolitik – und die Stammheim-Prozesse. W. gilt als Womanizer. „Didi pflegte immer Beziehungen zu selbstbewussten und gut aussehenden Frauen, viele von ihnen Feministinnen“, sagt sein damaliger taz-Kollege Kuno Kruse, der mit W. in einer Stuttgarter WG wohnte und heute Stern-Reporter ist. Die Kollegen finden W. charmant, nett und kultiviert. „Es gibt in der taz-Geschichte wenige Personen, die über alle Fraktionen hinweg so beliebt und geschätzt waren wie Didi“, sagt taz-Geschäftsführer Kalle Ruch.

Auf den ersten Blick erscheint es als logischer Weg: Der pädosexuelle Lehrer wird Redakteur einer Zeitung, die auch jenen ein Forum bietet, die Straffreiheit für Erwachsene fordern, wenn sie Sex mit Kindern haben. Doch der Fall ist komplizierter.

In der Anfangsphase der taz kämpften einige für eine regelmäßige Schwulen- und Lesbenseite – damit alle „Gruppen und Menschen“ ein Forum bekommen, „die aufgrund ihrer Art zu LIEBEN diskriminiert werden“, wie es in einem Editorial von 1979 heißt. Ein Trio namens Ulli Denise, Hans und Annette trat nicht nur für die Rechte von Homosexuellen ein, sondern auch für die von Pädophilen. So verlangte es „die Möglichkeit für Schwule, Lesben, Pädophile, Transsexuelle etc. sich autonom organisieren zu können auch in der taz-Redaktion und über ihre Belange zu berichten!!“ Pädophilie als gleichberechtigte sexuelle Neigung neben anderen – dieser Forderung verschafften die drei regelmäßig Platz im Blatt.

Für die Pädophilen gab es ideologische Sympathien

Dass das gelang, erklärt sich auch aus der Struktur der taz. Seit ihrer Gründung verstand sie sich als Sprachrohr alternativer Aktivisten – von der Anti-Psychiatrie-Bewegung bis zu den RAF-Unterstützern. Mittwochs tagte in Berlin das Plenum. Am Holztisch saßen nicht nur feste Redakteure und die „Säzzer“, die mit Papier und Schere die Zeitung bastelten. Auch freie Autoren und Gäste debattierten mit. „Oft ging das stundenlang, obwohl der Redaktionsschluss nahte“, erinnert sich der damalige Kulturredakteur Mathias Bröckers. Da Chefs und Machtworte verpönt waren, kamen häufig die ins Blatt, die am lautesten schrien. Auch Pressure Groups, die ihre Anliegen in die Zeitung bringen wollten.

Für die Pädophilen gab es außerdem ideologische Sympathien. Die Linken wollten sexuelle Befreiung. Pädophile durften als von staatlichen „Repressionsorganen“ Verfolgte auf Solidarität hoffen. „Es war die zweite Welle der sexuellen Revolution“, erinnert sich die damalige „Säzzerin“ Doris Benjack: „Alle wollten sich von allem befreien.“ Niemand wollte prüde sein wie die Spießer. Kinder, die ihren Eltern beim Sex zusehen – kein Problem. Kinderläden, in denen ErzieherInnen und Kinder gegenseitig ihre Sexualorgane erkundeten – warum nicht?

In den Anfangsjahren besetzte die Nürnberger Indianerkommune, in der Erwachsene mit Kindern zusammenlebten, mehrmals die taz-Redaktion. Ein gängiges Mittel extremistischer Grüppchen im Kampf um Öffentlichkeit. Entnervt druckte die taz daraufhin auch Texte der Indianer, zuletzt 1986.

Von der Päderastengruppe der „Homosexuellen Aktion Hamburg“ kam der offen praktizierende Pädosexuelle Olaf Stüben zur taz. Kollegen erinnern sich, dass er zuweilen sogar einen jungen Gefährten in die Redaktion mitbrachte. Anfang der Achtziger rechtfertigt Stüben auf einer Seite zum Thema Pädophilie „freiwillig eingegangene“ sexuelle Beziehungen von Erwachsenen mit Kindern.

W. bezog nie Stellung zur Pädophiliedebatte

Laut Kollegen waren Stüben und seine ein, zwei Pädofreunde Außenseiter, „Nervbacken“, denen man ab und zu Platz einräumte, damit sie Ruhe gaben. Ansonsten hielt man Abstand zu den Pädos. Das tat wohl auch W. Er zählte nicht zur Clique um Stüben. „Didi gehörte nicht zu diesen Kreisen“, sagt Vera Gaserow, die für die taz und später für die Frankfurter Rundschau arbeitete. „Das wäre auch unter seinem Niveau gewesen.“ In der Erinnerung seines Kollegen Kuno Kruse regte Dietrich W. sich sogar über „diese Irren“ auf.

In seinen Artikeln hat W. nicht Stellung zur Pädophiliedebatte bezogen. Im taz-Archiv findet sich ein einziger Text, in dem er sich zu dem Thema äußerte. Anfang 1983 berichtete er über einen Parteitag der Grünen in Sindelfingen. Dort trat die Indianerkommune auf und forderte von der Partei, ein „Kinderprogramm“ zu verabschieden. W. mokiert sich über die „nicht mehr ganz jungen Kinder der Indianerkommune“ und zitiert deren krude Prosa: „Um die katastrophalen Auswirkungen der heutigen Wirtschaftsformen zu stoppen, gehört besonders auch das Glück der sexuellen Selbstbestimmung auf den Tisch der ökonomisch-ökologischen Auseinandersetzung.“

Eine Woche später erscheint in der taz ein Leserbrief. Die Indianer beschweren sich über den „diffamierfeldzug der taz-chauvis“: „alles irgendwie negative auslegbare von sindelfingen“ packe W. in seinen Text.

Gitti Hentschel, bis 1985 taz-Redakteurin, erlebte Dietrich W. auch im Vorstand der „Freunde der alternativen Tageszeitung“ – als angenehmen und zurückhaltenden Kollegen. „Ganz kalt“, sagt sie, hätten sie die Enthüllungen über W. dennoch nicht erwischt. „In der taz wurde Pädophilie stark bagatellisiert“, sagt die Frauenrechtlerin, die heute bei der Böll-Stiftung arbeitet. „Ein Teil der Männer, aber auch Frauen in der Redaktion gaben sich libertär“, erinnert sie sich. Manche hätten wohl mit dieser Verharmlosung auch die „vermeintlich prüden Feministinnen provozieren oder bloßstellen wollen“.

Viele andere ehemalige Kolleginnen und Kollegen hätten Didi niemals sexuelle Übergriffe auf Schülern zugetraut. Stand er nicht auf gut aussehende Feministinnen?

Für den Regensburger Medizinprofessor Michael Osterheider, ein Fachmann für Pädokriminalität, ist das kein Widerspruch. Männer seien häufig nicht nur pädosexuell veranlagt, sondern hätten auch Beziehungen zu Frauen. Man spreche dann von einer „pädophilen Nebenströmung“. Pädosexuelle Männer wählten zudem auffällig oft Berufe, in denen sie direkt mit Kindern zu tun hätten. Osterheider leitet in Bayern das Projekt „Kein Täter werden“, in dem Pädosexuelle sich behandeln lassen können. Er sagt: „Einmal pädophil, immer pädophil.“ Die sexuelle Präferenzstörung entwickle sich in der Pubertät und gehe nie mehr weg. Was aber nicht heiße, dass ein Mensch diese Neigung ständig praktiziere.

Freunde, Verwandte und Weggefährten fragen sich nun: Hat sich Dietrich W. nach seiner Zeit an der Odenwaldschule weiteren Jungen sexuell genähert?

Ein älterer Bruder W.s sagt, dass er nun sogar die alten Freunde aus der Zeit beim Stuttgarter Jungwandervogel befragt habe, ohne einen Hinweis „auf irgendeine Wahrnehmung von sexueller Gewaltanwendung“ zu bekommen. Der Jungwandervogel-Bund sah sich in der Tradition des Wandervogels, einer Jugendbewegung vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die stark homoerotische Strömungen entwickelte. Der Jungwandervogel habe die sexuelle Befreiung begrüßt, stellt W.s Bruder fest. „Aber es hat für uns eine klare Wasserscheide gegeben: Es galt als inakzeptabel, dass jemand seine Macht ausnutzt, um gegenüber Kindern sexuell aktiv zu werden.“ Auch Verwandte und Nachbarn von Dietrich W. haben ihre Kinder befragt, ob der ihnen zu nahe gekommen sei. Es heißt, es gebe keinerlei Beschwerden. Trotzdem, sagt der ältere Bruder, seien sie seit der Nachricht wie gelähmt. „Wir möchten es gerne verstehen.“

Dietrich W. hat nach seinem Abschied aus dem Odenwald immer wieder mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Er zog nach Stuttgart, lebte in Wohngemeinschaften. In dieser Zeit radikalisiert sich „der Künstler“, wie ihn die Jungwandervogel-Freunde nannten. In seiner WG will er zusammen mit zwei Frauen eine Wohngruppe für abgestürzte Jugendliche aufbauen, erinnern sich Mitbewohner von damals. Dietrich W. ist rastlos von Jugendprojekt zu Jugendprojekt unterwegs. Und er beginnt zu gründen. Erst einen Verein, der ein besetztes Haus für Kinder und Jugendliche sichern will. Später die taz.

Eine Freundin von Dietrich W. träumte lange davon, autoritäre Heime durch offenen Gruppen in Wohngemeinschaften zu ersetzen, „wo sich die Jugendlichen dann selbst eine Bezugsperson suchen“. Heute, sagt sie, „frage ich mich schon, ob er uns damals für andere Ziele benutzt hat“.

Warum verließ W. die Odenwaldschule?

Zuletzt arbeitete Dietrich W. für die Kindersendung „Tigerenten Club“ des Südwestrundfunks. Er betreute das „Tigerenten Club“-Magazin – und hatte bei Vorort-Aktionen auch Kontakt zu Kindern. Zudem entwickelte er das Konzept der „Kinderuni“ mit und konzipierte für den Sommer 2003 ein Treffen von Kindern und Nobelpreisträgern auf der Insel Mainau.

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe habe man sofort alle früheren Vorgesetzten und Kollegen Dietrich W.s um Stellungnahmen gebeten, versichert der SWR. Ergebnis: „Es haben sich keinerlei Verdachtsmomente ergeben.“

Ein sehr früher Verdacht dagegen könnte dazu geführt haben, dass W. im Juli 1972 nach nur drei Jahren überstürzt die Odenwaldschule verließ. „Eines Morgens war er nicht mehr da“, erinnert sich Philipp Sturz. Der Schüler war damals elf, der plötzliche Abschied W.s für ihn ein Schock.

Die Arbeit als Lehrer sei für Dietrich W. nicht leicht gewesen, erzählen Bekannte. W. habe 24 Stunden als Familienoberhaupt ansprechbar sein müssen. „Didi putschte sich abwechselnd auf – und nahm dann wieder Beruhigungsmittel. So was hält man nur ein paar Jahre durch“, berichtet der Pädagogikprofessor Günter Behrmann, der W. schon vor seiner Odenwald-Zeit kennen lernte.

Es kursieren auch Gerüchte, dass Dietrich W. die Schule verlassen musste, weil er Jungs angefasst habe. Von einem Exkollegen heißt es: W. habe die falschen Jungs angefasst, darunter auch den Favoriten Gerold Beckers, des Schulleiters und Haupttäters aus dem Odenwald.

Dass Dietrich W. immer engere Kontakte zu Beckers Liebling Jörg knüpfte, habe Unruhe in die aristokratische Männerherrschaft gebracht, die Becker ausgerufen hatte. In diesem System regiert der Mann mit der größten Ausstrahlung. W. machte Becker diesen Rang offenbar streitig.

Becker wird am 1. April 1972 Schulleiter. Kurze Zeit später ist Dietrich W. kein Lehrer der Odenwaldschule mehr.

Autoren: Astrid Geisler, Nina Apin, Christian Füller. Archiv-Recherche: Brigitte Marquardt

Kommentare (11)

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*

  1. Sollten Sie wirklich der taz-Autor C. Füller sein (was HOFFENTLICH nicht der Fall ist) rate ich Ihnen folgendes:

    1. Zunächst mal lesen, was andere Kommentatoren bereits geschrieben haben. Ihr Kollege Heiser hatte bereits auf den Indianer-Artikel verwiesen.

    2. Wenn Sie zu durchaus berechtigter Kritik Ihrer Leser Stellung nehmen, wäre es günstig, diese nicht zu beleidigen.
    Redbranch hat logisch und konsequent argumentiert und ist zu schlüssigen Ergebnissen gekommen. Ich finde es unangebracht, solche Kommentatoren mit „schlaten sie ihren kopf ein“ (Fehler aus Original übernommen) zu brüskieren. Schließlich hat sich dieser Mensch die Mühe gemacht, sich mit Ihrem (?) Artikel auseinanderzusetzen und hat seine Überlegungen in hochakzeptabler Art und Weise in Worte gefasst – und zwar unentgeltlich.

    3. Auf suggestiven Müll wie „wir sind gegen sippenhaft. sie nicht?“ dürfen Sie gerne verzichten.
    Ferner hatte diese Aussage nichts mit Redbranchs Ausführungen zu tun. Denn der hat angeregt, in solchen Fällen gänzlich auf die Nennung von Namen zu verzichten.

    4. Wenn Sie der Linken „auf ihrem pädokriminellen Auge eine Sehschwäche“ attestieren, würde es etwas seriöser wirken, wenn Sie ihre Auffassung auch begründen würden.

    Mit solchen Ausführungen, wie Sie sie hier abgeliefert haben, demonstrieren Sie aus meiner Sicht in erster Linie Ihre eigene mangelnde Kritikfähigkeit, wodurch sie indirekt den Ausführungen eines Redbranch deutlich mehr Gewicht verleihen.
    Glückwunsch!

  2. @anonymus wir wissen, dass didi w. über fajfr schrieb – aber er tat es pädo-kritisch. war meines wissens in unserem w-text auch mal drin. zwei seiten sind halt immer noch wenig für eine so weitverzweigte geschichte.

    @redbranch schlaten sie ihren kopf ein: die ansicht, jeder könne sich den namen schnell besorgen, stimmt zwar – aber es macht für die jugendlichen verwandten, die dietrich w.’s nachnamen tragen, dennoch einen gewaltigen unterschied: kaum ein klassenkamerad wird den namen googeln; steht er allerdings überall in der zeitung, müssen sich die kinder dafür rechtfertigen. wir sind gegen sippenhaft. sie nicht?

    @CR die taz hat sich bereits im april 2010 mit ihrer pädophilen vegangenheit auseinandergesetzt, und zwar die kollegin apin in einem verdienstvollen und riesigen stück. http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/kuscheln-mit-den-indianern/ wir hatten nun vor einiger zeit bereits beschlossen, dem kunstlehrer namens w. nachzugehen. wir haben ihn (und uns) dann als erstes veröffentlicht und insgesamt drei seiten dazu produziert, die nach dem heutigen wissenstand alles sagbare liefern. die linke mag auf ihrem pädokriminellen auge eine sehschwäche haben – die taz hat sie nicht, jedenfalls nicht mehr.

  3. An Herrn Füller:

    Dietrich W. hat sich sehr wohl zu Pädophilie geäußert. Nicht in der Taz, wohl aber in der Zeit: Zum Porzess gegen den Eiskundtlauftrainer Fajfr.

  4. Linke verharmlosen tendenziell Pädophile, so mein Eindruck. Die taz hätte schon lange mit der Aufarbeitung beginnen müssen. Aber bessser spät als gar nicht.
    Besser als die Katholische Kirche und/oder das Canisius-Gymnasium es macht, macht es diese Zeitung leider nicht.
    Es ist immer dasselbe, egal ob im linken oder rechten politischen Spektrum: Was man nicht wahr haben will wird jahrzehntelang verdrängt.
    Schade und vielsagend zugleich.

  5. @CR: Wenn Sie schreiben, dass die taz sich schon früher mit dem Thema hätte auseinandersetzen sollen, dann möchte ich nicht widersprechen. Sie fragen zusätzlich, was denn jetzt der Anlass für uns ist. Dies war zunächst die Debatte über Kindesmissbrauch im vergangenen Frühjahr. Während in der öffentlichen Diskussion hauptsächlich die katholische Kirche im Fokus der Kritik stand, hat die taz damit begonnen, ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten. Der Anlass für diesen Artikel war der Abschlussbericht der Odenwaldschule, der im Januar 2011 veröffentlicht wurde. Darin hieß es, dass Dietrich W. Kinder missbraucht hatte, bevor er zur taz kam. Dies war uns bis dahin nicht bekannt, also begann nun die Recherche zu diesem Fall.

  6. Die taz hätte sich auf jeden Fall schon früher mit dem Thema auseinandersetzen sollen.

    Zum jetzigen Zeitpunkt wirkt es, wie noch schnell auf den bereits fahrenden Missbrauchsskandalzug aufgesprungen.

    Dafür habe ich durchaus Verständnis, denn bei vielen ist erst durch diesen Skandal ein Bewusstsein für das Thema geschaffen worden.

    Ungünstig ist, dass derjenige, um den es hier geht, jetzt schon ein Weilchen tot ist.
    Wäre schon vor dem Ableben dieser Person gehandelt worden, hätte eine weitaus differenziertere Aufarbeitung dabei herauskommen können. In dem Fall hätte der Schuldige persönlich miteinbezogen werden können, was natürlich Sinn gemacht hätte.

    Im vorliegenden Artikel hätte dargelegt werden können, wieso die taz erst jetzt Vergangenheitsbewältigung betreibt.
    Diese Frage bleibt leider unbeantwortet. Schade.

  7. Die Zwickmühle, in der die taz bezüglich dieser Angelegenheit gesteckt hat, ist klar.

    Auf der einen Seite steht das Ansinnen, die Familie des Täters zu schützen.

    Auf der anderen Seite ist der Wunsch, maximale Transparenz hinsichtlich der eigenen Vergangenheit zu demonstrieren.

    Die vermeintliche Rücksicht auf die Familie des Täters wird in einer „Anonymisierung“, die in Wirklichkeit natürlich keine ist, zum Ausdruck gebracht. So ziemlich jeder und jede dürfte in der Lage sein, in blitzartiger Geschwindigkeit herauszufinden, um wen es hier geht. Und das soll also Rücksicht auf die Familie sein? Lächerlich!
    Wäre es wirklich um Respekt und Rücksichtnahme gegenüber der Familie des Täters gegangen, hätte der Name ganz weggelassen werden müssen.

    Dann hätte sich die taz natürlich unter Umständen den Vorwurf gefallen lassen müssen, keine wirkliche Transparenz zu schaffen, da unklar bleibt, um wen es sich handelt. Wäre das schlimm gewesen?

    Sicher ist es löblich, dass offenbar darüber nachgedacht wurde. Nur wäre es sinnvoll gewesen, beide Gedankengänge konsequent zu Ende zu denken und sich dann klar zu positionieren. Einen Tod muss man manchmal halt sterben.

    Der Kompromiss – die „Haltung“ wie Herr Heiser es nennt – den die taz nun meint, gefunden zu haben, ist meines Erachtens inkonsequent und beeindruckt allenfalls durch seine Absurdität und Scheinheiligkeit. Pfui Spinne.

    Insofern: Die taz bemüht sich offenbar redlich um eine glaubwürdige Aufarbeitung ihrer dunklen Vergangenheit. Zu mehr reicht es vor dem Hintergrund dieses ambivalenten Verhaltens hinsichtlich der „Anonymisierung“ aus meiner Sicht nicht.

  8. taz-Logik.
    Offenbar eine Welt für sich.

  9. @Redbranch: Das steht im Text: „Aus Rücksicht auf seine Familie heißt er auch in diesem Text nur W.“ Natürlich kann man den Namen auf anderem Wege herausfinden, aber es geht uns darum, unsere eigene Haltung zu dieser Frage zu zeigen.

  10. Bitte beachten Sie, dass Kommentare, die Pädosexualität rechtfertigen oder relativieren, hier nicht erwünscht sind und gelöscht werden. Auch die Kommentare, die sich auf solche Kommentare beziehen, werden gelöscht, weil es keinen Sinn ergibt, sie alleine stehen zu lassen. Erwünscht sind dagegen z.B. Kommentare darüber, ob die taz nicht früher schon ihre Geschichte hätte aufarbeiten sollen und ob sie es jetzt glaubwürdig macht. Vielen Dank!

  11. Merkwürdig, dass Ihr nicht mal den Arsch in der Hose habt, das Kind, bzw. den Kinderschänder beim Namen zu nennen:
    (Name gelöscht, S. Heiser)

    Hat bei Google gerade mal 3 Sek. gedauert, den vollen Namen des Herrn W. herauszufinden.

    Was soll diese merkwürdige Pseudo-Anonymisierung?
    Ich finde dieses Getue scheinheilig und albern.