von 13.09.2012

taz Hausblog

Wie tickt die denn? Der Blog aus und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Robert Matthies. Foto: Miguel Ferraz
Robert Matthies. Foto: Miguel Ferraz
Im taz-Korrektorat wartet man stundenlang auf Artikel, die man dann alle innerhalb kurzer Zeit gegenlesen soll. Am nächsten Tag sieht niemand die vielen Fehler, die ein Korrektor entfernt hat, sondern nur die einzelnen, die noch übrig geblieben sind. Man kann diese Arbeit „im Grunde nur ertragen, weil man vor allem andere Dinge macht“, sagt Robert Matthies. Er hat den Job bei der taz.nord ertragen, jahrelang. Und sagt inzwischen: Das war vor allem Ausdruck seiner Schwäche, zu gehen.

Wie kamst Du zum Korrektorat der taz?

Wie das so ist: Ich brauchte Geld und die taz einen neuen Korrektor. Jemand, der hier schon Korrektorin war, hat mir Bescheid gesagt. Es gab ein Vorstellungsgespräch, aber ich erinnere mich nicht mehr genau daran. Ich glaube, es genügte, dass ich studierte und Bücher las.

Wie war Dein erster Arbeitstag bei der taz?

Ich bin eingearbeitet worden und jemand hat mir furchtbar lange sehr einfache Dinge erklärt. Das war aber deswegen interessant, weil es eine Kostprobe war auf die langweilige Arbeit. Das ist eine wesentliche, wenn auch inoffizielle Anforderung, wie bei vielen Jobs: dass man mit der Langeweile, nun ja, irgendwie klarkommt.

Ist das Korrektorat eine undankbare Aufgabe, weil immer nur die nicht korrigierten Fehler wahrgenommen werden, nie aber die korrigierten?

Natürlich. In Bezug darauf ist das natürlich ein durch und durch niederschmetternder Job. Man kann ihn im Grunde nur ertragen, weil man vor allem andere Dinge macht.

Dafür hast Du ihn ziemlich lange gemacht.

Dass ich so lange hier als Korrektor war, ist Ausdruck meiner Schwäche, zu gehen. Ich habe zwei Minuten von der taz entfernt gewohnt und bin eben nachmittags kurz vorbeigekommen, zwischendurch gewissermaßen, vor dem Abendbrot. Und habe die taz und ein Buch gelesen.

Das Korrektorat hat sich zu Deinen Zeiten regelmäßig getroffen.

Ja, das ist heute nicht mehr so. Das war wohl so ein Residuum aus alten Zeiten: Damit man ein bisschen das Gefühl bekommt, dass man wichtig ist und auch was zu sagen hat. Und die Redaktion hat den Vorteil, dass man die Dienstpläne selber macht.

Was war Thema bei Euren Treffen?

Es ging vor allem um Organisatorisches, wir waren ja fast alle Studierende und hatten ständig andere Stundenpläne, Ferien, wollten auf Festivals fahren. Aber auch um Rechtschreibprobleme, die immer wieder aufgetaucht sind.

Du hast einmal eine Statistik über die von Dir gefundenen Fehler geführt.

Ja, da ging es damals um den Vorwurf, dass das Korrektorat ohnehin nichts leistet oder dauernd Fehler übersieht.

Kam der Vorwurf vor oder nach der Einführung der automatischen Rechtschreibprüfung?

Das kommt an einem Tag, an dem jemand schlechte Laune hat, die Zeitung liest und sich darüber aufregt, dass in einem von ihm selbst geschriebenen Text ein von ihm selbst gemachter Fehler nicht herausgenommen wurde und das dem Korrektorat ankreidet. Dann gibt es eine große Grundsatzdiskussion je nach Stimmung des Anklagenden und dann muss man sich verteidigen.

Und was war das Ergebnis der Statistik?

Ich habe zwei Wochen lang die Fehler gezählt, die ich herausgenommen habe. Im Durchschnitt waren es bis zu 100 pro Ausgabe, also 25 Fehler pro Seite. Es ist eine unsichtbare, aber wesentliche Arbeit, die das Korrektorat da macht, gemeinsam mit den Chefs vom Dienst. Aber das können Journalisten nicht wahrnehmen, die müssen sich ja auf ihre wichtigen Themen konzentrieren. Im Grunde habe ich nicht selten auch Endredaktion bei den Texten gemacht. Nach ein paar Jahren machst du das einfach, man bekommt irgendwann so etwas wie eine Verantwortung für das Produkt. Und das ist auch so etwas, was am nächsten Tag ohnehin niemand merkt – wenn es nicht ein Fehler war.

Wenn es mal Auseinandersetzungen mit der Redaktion gab – gingen die dann um die Rechtschreibung oder um die Inhalte?

Ich habe eine Zeit lang ganz viele Diskussionen geführt: Über Worte, die benutzt worden sind, von denen ich glaube, dass man sie aus historischen oder politischen Gründen nicht mehr benutzen sollte. Da muss man zum Beispiel immer wieder lange Diskussionen führen, warum es scheiße ist, wenn „mauscheln“ in der Zeitung steht.

Was mir auffällt, ist, dass die Höflichkeitsform, also das „Sie“, oft falsch geschrieben ist. Ist das ein Ausdruck von Hierarchiefeindlichkeit?

Das hat fast immer mit Hektik zu tun. Man sitzt vier Stunden hier, soll aber alle Texte in dreißig Minuten von sechs bis halb sieben lesen. Man rennt hinterher, sammelt ein paar Leichen auf, die ganzen Verbrechen finden vorher statt.

Jetzt werden Deine eigenen Texte auf der Kompass-Seite Korrektur gelesen.

Nicht immer.

Warum nicht?

Sagen wir: Ich bin da durch meine jahrelange Korrekteurstätigkeit vorbelastet. Und ich lese, wenn ich Zeit dafür habe, jeden Text vier oder fünf Mal. Und wenn die Korrektur über meinen Sätzen war, lese ich die Texte noch einmal Korrektur. Ich bin heute die Korrektur der Korrektur.

Interview: Friederike Gräff

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http://blogs.taz.de/hausblog/2012/09/13/taz-korrektor-ein-durch-und-durch-niederschmetternder-job/

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kommentare

  • Hut ab vor Ihrem Durchhaltevermögen, Herr Matthies!

    Ich lese selbst Korrektur und kann im Gegensatz zu einigen Kommentarschreibern nachvollziehen, wie frustbeladen diese Arbeit ist. Und langweilig. Und nötigst!

    Ohne all die Menschen, die anderer Leute Fehler beseitigen, würde ich überhaupt keine Zeitung lesen – ich würde es schlichtweg nicht ertragen. Dass immer noch genügend Fehler in den veröffentlichten Texten verbleiben, kann ich nach Lektüre Ihres Statements nun erst recht verstehen. Und werde mich darüber nur noch ganz wenig ärgern.

    Nochmal: Hut ab!

  • Wieso korrigiert das taz-Korrektorat nicht auch mal langsam die vielen Leserkommentare der Internet-SA von „PI-News“? Die vielen orthografischen Fehler dieser PI-Nazis sind ein echtes Gräuel!
    Ihr könntet diesen widerwärtigen asozialen Menschenhassern um den Kölner Sportlehrer und Nazichristen Stefan Herre aus Bergisch-Gladbach doch auch mal Nachhilfe geben, wenn Ihr ihn und seine braunen Sturmtruppen auf taz.de schon so hofiert.

  • In der Tat. Es ist schon niederschmetternd. Das Niveau der Rechtschreibung ist unterirdisch schlecht. Auch der Wortgebrauch wird immer schlechter: Daß bei BMW das neue Auto „extremste“ Leistungen bringt und viele Radiosender auf „extremste“ Wetterlagen hinweisen, ist der alltägliche Wahnsinn. Daß sogar Journalisten anstelle von „bislang“ oft „zunächst“ benutzen, kommt auch sehr häufig vor. Daß kein Unterschied mehr zwischen dem Sterben (von alleine) und dem Getötetwerden (per Kugel, Strang oder Autounfall) gemacht wird, beweist uns das Fernsehen auch schon fast jeden Tag. Die Liste kann man endlos fortsetzen. Ob ich in Maßen trinke oder in Massen; für Viele kein Unterschied mehr. Ob wir die gegnerische Mannschaft zusammen schlagen, nämlich fünf zu null, oder sie nach einem verlorenen Spiel zusammenschlagen, bis sie blaue Augen haben, auch diesen Unterschied können die wenigsten Menschen noch schriftlich ausdrücken oder erkennen. Damit dieser kleine Artikel möööööglicherweise auch noch einen Sinn hat (und nicht „macht“, bittesehr) hier eine wahre Geschichte aus dem Leben: „Frau Doktor Peters, ich begreif´ einfach nicht, wann zusammengeschrieben werden muß und wann nicht“. „Aber das ist doch ganz einfach, Thomas. Hör´ Dir doch einfach beim Sprechen zu: Wenn du beispielsweise auf der ersten Silbe betonst, wie bei „zusammenschlagen“ (blaue Augen), dann wird zusammengeschrieben, wenn du auf beiden Silben betonst, wie bei „zusammen schlagen“ (nämlich fünf zu null), wird es auch in zwei Worten geschrieben.“ Seit dieser Erklärung habe ich es immer richtiggemacht.

  • Liebe Frau Held,

    es sind hoffentlich nicht die „letzten“ Jahre. Korrekt ist das Adjektiv immer im Sinne von „final“ zu gebrauchen. Richtig wäre: in den „vergangenen“ Jahren. ;-)

  • Mich würde mal das Gehalt interessieren. Wenn das stimmt, scheint es doch der perfekte Studentenjob zu sein. Wo kann ich mich bewerben?

    Es ist doch überall so: Wenn alles glatt läuft, dankt einem keiner. Wenn man mal was falsch macht oder übersieht, wird man so richtig rund gemacht. Gerade ungelernte Hilfskräfte müssen sich da einiges anhören.

    • An Robert Urban: Wer bei einem Korrektor zunächst an einen einfachen Studentenjob denkt, hat die Berufung, die es für dieses Berufsbild braucht, verfehlt! Und wenn man diese Berufung, zu der beste deutsche (und gegebenenfalls andere) Sprachkenntnisse, Konzentrationsfähigkeit und Hingabe an die Texte gehören, hat, wird diese Tätigkeit auch nicht langweilig!

      Ich habe zwar auch schon während meines Studiums in den Sommerferien als Korrektor gearbeitet, aber da war jeweils die Kombination Germanistik, was ich studierte, und eine abgeschlossene Ausbildung zum Schriftsetzer für die Einstellung entscheidend, denn es geht oft auch um Typografie, besonders dann, wenn man in einer Druckerei arbeitet.

      Inzwischen habe ich viele Jahre Erfahrung als Korrektor und Lektor, auch in Verlagen. Langweilig ist es mir nie geworden!

  • Wäre es nicht lustig, wenn jetzt jemand auf einen Fehler hinweisen würde? Also, ich zum Beispiel: Antwort auf die zweite Frage: „KEINE wesentliche […] Anforderung“? ;)

  • Als Kluchscheißer sollte man aber nicht schreiben, dass die Putzfrau die schmutzigen Ecken wegmacht. Die Ecken bleiben schließlich an Ort und Stelle, nur der Schmutz wird weggemacht. ;-)

    Mich irritiert das Komma vor „zu gehen“. Seit wann wird vor einen nicht erweiterten Infinitiv ein Komma gesetzt? Hat die Rechtschreibreform nicht sogar das Komma vor dem erweiterten Infinitiv zumindest optional gemacht?
    Und jetzt habe ich es auch gemacht – nur den übriggebliebenen Fehler (falls es denn tatsächlich einer ist) beachtet.

    Danke an die Korrektoren für das Entfernen der offenbar doch zahlreichen Fehler.
    Ich kann mich noch gut an unsere Abi-Zeitung erinnern. Durch plötzlichen Termindruck gab es keine Korrektur und entsprechend viele Fehler waren noch in den Artikeln. Das war mir damals doch unangenehm.

    (PS: Ich hoffe, das wird nicht gleich doppelt hier landen. Erst war mein Captcha wegen fehlender Cookie-Berechtigungen falsch, dann habe ich zu schnell kommentiert. Also jetzt ein ruhiger dritter Versuch, der hoffentlich nicht zu einem zweiten Post führt.)

  • Wird das Korrektorat eigentlich nur bei der Printausgabe oder auch bei den Onlineartikeln tätig?

    Und gibt es bei der taz eigentlich so etwas wie eine Nachkontrolle, dass zumindest nachträglich entdeckte Fehler in ständig abrufbaren Onlineartikeln korrigiert werden?

    Beispiel: Im Interview „Man funktioniert wie eine Maschine“ lässt man Spitzer Grossman zitieren, der von „Kriegssimulationen“ spricht. Im Kontext meint man, dass damit Videospiele gemeint sind. Tatsächlich schreibt Grossman aber von echten Gefechtssimulationen mit realen Waffen. Ich habe aber allgemein die Erfahrung gemacht, dass man in der Presse dazu neigt sich für die Richtigkeit von „nur“ verbreiteten Aussagen Dritter nicht verantwortlich zu fühlen.

    Anderes Beispiel das Streitgespräch „Kein Computer in der Grundschule!“. Dort schreibt die taz, dass „alle Täter bei Schulmassakern […] Ego-Shooter gespielt“ haben. Das ist natürlich falsch. Leider hat der Presserat ebenso wie die taz keinen Grund für eine Korrektur gesehen. Die Autor meinte mir gegenüber, dass man nicht genügend Zeit hätte um jedes Detail zu prüfen während der Presserat sagte, dass die Aussage, dass alle die Spiele gespielt hätten erkennbar nur Fälle nach 2001 erfasst, wobei auch danach Täter – z.B. bei Blacksburg (2007), Ansbach (2009) und St. Augustin (2009) ohne ausgekommen sind.

    Vor dem Hintergund freut man sich natürlich, dass manche Fehler korrigiert werden. Wenn solche aber bleiben, kann man den ganzen Kram aber doch gleich lassen …

  • Dennis Arndt: Robert Matthies war Korrektor in der taz.nord, und die hat tatsächlich nur vier Seiten. Ich habe diese Information jetzt noch im Vorspann ergänzt.

  • Man möchte sagen „Heul doch“, was ich aber natürlich nicht tue. Was müssen das erst für bedauernswerte Menschen sein, die den Müll aller Bürger wegbringen oder für uns in die Kanalisation steigen, um den verknasterten Dreck zu entfernen, damit die Scheiße nicht aus dem Fallrohr wieder hoch kommt.

    Also verleiht dem Mann hier das Bundesverdienstkreuz am Bande dafür, daß er Tippfehler beseitigt und gut ists. Er kann ja dann bei der Müllabfuhr arbeiten oder sich einen Job als Schweißer bei einer Werft suchen, das ist bestimmt nicht halb so hart und „niederschmetternd“.

    m(

  • Lieber Herr Matthies,
    Sie haben recht, Korrektur lesen ist ein langweiliger und doch höchst anstrengender Beruf — leider ist der Korrektor am Aussterben, weil niemand seine Dienste zu schätzen weiß, geschweige denn bezahlen will. Danke für die Einblicke!

    Liebe Frau Held,
    von „Lektorat“ war im Artikel nicht die Rede. Der Korrektor ist für einen Text so etwas wie die Putzfrau in der Wohnung: Die Aufgabe ist es, die schmuddeligen Ecken wegzumachen. Ein Lektor hingegen ist in diesem Bild der Einrichtungsberater, er kann (und soll!) nämlich auch in einen Text eingreifen (sprich die Möbel umstellen, vielleicht sogar auswählen).
    Im Übrigen schließe ich mich Ihrem Lob für das Lektorat an, auch wenn wohl das Korrektorat gemeint war. Ein guter Korrektor hätte im Übrigen (ich muss ja meinem Nick alle Ehre machen) auch den fehlenden Bindestrich in Ihrer Online-Redaktion gefunden…

  • Die Aufgabe eine Lektorats sollte man bei vielen Online Redaktionen verpflichtend einführen. Die Textqualität hat in einigen Bereichen in den letzten Jahren doch sehr stark gelitten. Ein Lob für alle, die im Lektorat arbeiten und dort einen guten Job machen!

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