“FR”-Insolvenz: Ein ungefragter Vorschlag zur Frankfurter Rundschau

Karl-Heinz Ruch, Verlagsgeschäftsführer der taz

Karl-Heinz Ruch, Verlagsgeschäftsführer der taz

Weil jetzt hier alle anrufen und nach der taz-Genossenschaft fragen. Ob das nicht ne gute Idee wäre. Für die Frankfurter Rundschau. Ein Satz nur zum Zitieren. In einem Satz kann man das nicht sagen. Jedenfalls habe ich gestern (Mittwoch) erstmals seit langem die FR gelesen statt der gewohnten FAZ. Man fühlt sich sofort zu Hause. Die beiden Meinungsseiten werden von zwei ehemaligen taz-ChefredakteurInnen beherrscht, offensichtlich eine gute Zeitung. Was muss man tun, damit diese gute Zeitung bleibt?

Erstens, das war ein Befreiungsschlag, was da am Dienstag passiert ist, der Insolvenzantrag. Man konnte ja schon nicht mehr mit anschauen, in welchen Unsummen da jedes Jahr Geld verbrannt wurde, um etwas, ja was eigentlich, am Leben zu erhalten. Die Insolvenz bietet nun eine gute Möglichkeit, alles neu zu ordnen.

Da ist dieses traditionsreiche Druckhaus in Neu-Isenburg, in dem neben der FR auch Teilauflagen anderer überregionaler Tageszeitungen gedruckt werden. Das wird für eine neue FR nicht mehr gebraucht. Es steht ohnehin auf Abriss, weil die Zeitungsauflagen dramatisch fallen, Aufträge auslaufen und von den anderen großen Verlagen neu disponiert werden.

Zweitens, auch das wäre ein Befreiungsschlag für die FR: Man könnte endlich weg von dem blöden Tabloidformat, das das Lesen der FR in Frankfurt mit mehreren lokalen und regionalen herauszunehmenden Zeitungsteilen zum Akrobatikakt macht.

Mit einer neuen Frankfurter Rundschau im Rheinischen Format ließe sich dann auch die Zusammenarbeit mit der Berliner Zentralredaktion endlich auf praktikable Beine stellen. Man muss Seiten für die dann im selben Format erscheinenden Blätter nicht mehr doppelt gestalten und jedesmal Artikel neu redigieren. Die meisten überregionalen Seiten können von der Zentralredaktion in Berlin für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau identisch gemacht werden. Ich habe den Eindruck, dass bei der FR solche ja sinnvollen modernen publizistischen Konzepte wie die gemeinsame Redaktionsgesellschaft in der Praxis dann doch an einem personellen Aufwand scheitern, der vor allem technokratisch begründet ist. Oder klassische Beschäftigungssicherung eben, für die jetzt aber kein Geld mehr da ist. Verstanden habe ich auch noch nie die Ängste vor einem Identitätsverlust der FR, die mit solchen gemeinsamen in Berlin produzierten Seiten verbunden sind.

Was muss von der FR in Frankfurt bleiben? Eine motivierte, gut ausgestattete Lokal- und Regionalredaktion und ein engagiertes Verkaufs- und Marketingteam, die in der Lage sind, den besten Lokal- und Regionalteil auf die Beine zu stellen und zu vermarkten. Die neue FR darf nicht darauf verzichten, in der Wirtschafts- und Finanzmetropole Frankfurt den regionalen Führungsanspruch zu erheben. Über einen überregionalen Vertrieb muss man in heutigen digitalen Zeiten für eine gedruckte Tageszeitung nicht lange nachdenken. Nachts in die letzten Ecken des Landes zu fahren, ist teuer, kostet viel Zeit und führt zu unverhältnismäßig starken redaktionellen Restriktionen.

Rechnet sich so eine neue FR? Von den von der IVW aktuell ausgewiesenen 65.000 Abonnements dürfte sich der überwiegende Teil im Bereich Frankfurt, Rhein-Main und Hessen befinden. Das ist harte rentable Auflage. Die erste Rechnung wäre also die, wie weit man damit kommt und nach meinen einschlägigen Kenntnissen müsste man damit schon ziemlich weit kommen.

Braucht man dazu eine Genossenschaft? Nein. Das kann Dumont allein. Und Dumont sollte es allein machen. Die SPD muss da raus. Sie war ja ohnehin nur so etwas wie ein Lebensretter und stiller Gesellschafter, der jedes Jahr Millionen draufzahlte. Für den Ruf einer unabhängigen Zeitung ist das ja noch schlimmer als eine SPD, die als Gesellschafter eine anständige Rendite erzielt.

Karl Heinz Ruch ist Geschäftsführer des taz-Verlags

Kommentare (11)

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  1. Pingback: rocking steady: E-Zine geht Druck | Houseofreggae.de

  2. Das letzte ist doch ein genialer Vorschlag! Damit würde die taz auf einen Schlag ihre verkaufte Auflage verdoppeln. Einen Namensvorschlag für die fusionierte Zeitung hätte ich auch schon: FRatz.

  3. Lieber Kalle, wie wäre es, wenn die taz einfach die Rundschau kauft? So teuer kann die doch nicht mehr sein, oder? Wenn die FR-Redakteure dann mit einem taz-Gehalt weiterbeschäftigt werden und es einen Anzeigen- und Redaktionsverbund gibt, könnte das klappen!

  4. Lieber Kalle Ruch,
    Du solltest wissen, dass Alfred Neven duMont weitgehend beratungsrisistent gegen “Verbesserungsvorschläge” war und ist… Die Reduzierung des Gesellschaftsanteils auf rd. 40 % der SPD-Medienholding hat ihm das Sagen und der SPD den Verlust eingebracht. Eine geradezu schwachsinnige Konstellation.
    Der von Dir angenommene Abo-Anteil ist zwar eine recht ordentliche taz-Ausgangsposition aber nicht für die FR.
    Es sei denn, der Verlag würde sich insgesamt auf taz-Gehaltsniveau begeben…
    So bleibt es wohl bei dem letzten “Vorschlag”, eine Huffington post draus zu machen…
    Nichts für ungut !
    Christian G. Christiansen, taz-Begleiter seit Gründungstagen

  5. Das Tabloid ist Spitze! Als Bahnfahrer kommen für mich gedruckt nur FR und Handelsblatt in Frage, wobei das Handelsblatt in der Tat besser zu handhaben ist, weil es getackert wird. Die FR sollte ihr Format auf keinen Fall aufgegeben, es war zuletzt das einzig Gute!
    Vielmehr muss die FR ihr digitales Angebot erweitern. Zum Beispiel die Taz geht da mit gutem Beispiel voran.

  6. Ich finde Ruchs Kommentare zu den wirtschaftlich-organisatorischen Voraussetzungen eines Überlebens
    pragmatisch-genial.
    Er sollte jetzt dort kommissarisch eingesetzt werden; die Wahrheitsseite könnte er der FR als Geschenk mitbringen (creative writing for beginners).

    Das Format ist mir ziemlich egal; jede Form von Kassiber ist mir recht.
    Allerdings finde ich etwas anderes, was auch egal ist, sehr sexy: Das ist die grüne Aufmachung der FR, viel moderner als die spießige Aufmachung der ansonsten unspießigen Berliner Zeitung. Nun gut – bei meinen ersten Versuchen sexueller Befreiung 1969, 70 lag die grüne Zeitung meist nicht weit vom …Gestrampel auf dem Bett. Deshalb darf die FR nicht untergehen.

  7. Das Tabloid war für wahr eine Katastrophe, wenn man es mit der klassischen Rundschau vergleicht. Während man die mit etwas Übung selbst in der vollen S-Bahn umgeblättert bekam, musste man beim neuen Format etwas Glück haben, damit sie einem nicht entglitt – ob es am Format, Gewicht oder Qualität des Papiers lag, kann ich nicht beurteilen, aber wenn man sich aufs Reflektieren konzentrieren will, sollte man sich nicht noch auf die Handhabung konzentrieren müssen.

  8. Fehlt da nicht etwas die digitale Perspektive?

    Die Gedanken von Herrn Jakubetz z.B.

    http://www.blog-cj.de/blog/2012/11/14/zeitungskrise-zeitungsende/

    wirken da eher wie ein wirklicher Neustart.

  9. Tabloidformat finde auch ich gar nicht so schlecht wie der Autor – gibt dem Blatt etwas Frisches, “Magaziniges”. Andererseits finde auch ich es nicht glücklich, die verschiedenen Teile/”Bücher” der Zeitung einfach ineinanderzulegen, wie es die FR tut. Das mit dem Akrobatikakt stimmt schon. Zusammenheften – das wär’s. Ich war nie ein Fan der Zeitungszerfledderei.

  10. Aber das Problem der Rundschau war doch in letzter Zeit grade, dass das Niveau der Lokalberichterstattung in Richtung eines Anzeigenblattes abgedriftet ist. Also ohne politische Linie. Da wurde einerseits massiv für den Ausbau der Radwege und des ÖPNV daher geschrieben, andererseits aber mit Penetranz immer wieder einigen winzigen “Bürgerinitiativen” viel Platz eingeräumt, die sich gegen den viergleisigen Ausbau einer überlasteten S-Bahn-Strecke aussprechen oder gegen Verbesserungen einer durch den Autoverkehr stark behinderten U-Bahn-Linie (ja: in Frankfurt fahren die U-Bahnen meistens oberirdisch). Und die Berichte aus den Stadtteilen wurden nach Jahren der Zuordnung auf jeweils eigene Seiten wild durcheinander gemengt, obwohl die Leut’ aus dem südlichen urbanen Sachsenhausen sich einen Dreck interessieren für die Spielplatzgestaltung im nördlich-dörflichen Bonames.

  11. Akrobatikakt? Weil ein paar Teile zum Rausnehmen sind? Was für das denn für ein Schwachsinn? Das Tabloidformat ist eines der wenigen guten Dinge bei der FR. Wenn ich die Berliner Morgenpost in der Bahn lesen will – DAS ist Akrobatik!