Im Mund rumgedreht: Fahrscheinlos oder kostenlos?

Ein kostenloser Blick auf Gerwald Claus-Brunner. Foto: dpa

Ein kostenloser Blick auf Gerwald Claus-Brunner. Foto: dpa

In einem Artikel habe ich eine Behauptung über einen Berliner Piraten-Abgeordneten aufgestellt: “Gerwald Claus-Brunner hat gefordert, den Nahverkehr schrittweise kostenlos zu machen”, so schrieb ich es. Claus-Brunner widerspricht auf Twitter: “Fahrscheinloser/ Umlagefinanzierter ÖPNV ist nicht kostenlos”. Er vermutet, dass ich nicht in der Lage gewesen sei, richtig abzutippen: “Meldungen abschreiben sollte man können”.

Diese Vermutung ist falsch: Ich habe mit voller Absicht “kostenlos” geschrieben statt “fahrscheinlos” oder “umlagefinanziert”. Ich habe das gemacht, obwohl mir bewusst war, dass die Piraten das Wort nicht verwenden. Ich schrieb dennoch “kostenlos”, weil dieses Wort weit verbreitet und ohne zusätzliche Erklärung direkt verständlich ist. Und meine Aufgabe als Journalist ist ja, Sachverhalte so verständlich wie möglich wiederzugeben. Beim Wort “umlagefinanziert” hingegen fragt man sich, was das für eine Umlage sein soll und ob die Umlage alle Kosten decken soll, so dass die Fahrt dann kostenlos ist. “Fahrscheinlos” halte ich für ein ungewöhnliches und sperriges Wort. Ich muss dabei immer an ein Glückslos denken.

Also übersetze ich die Forderungen der Piraten für meine Leser. Genau wie ich in meinen Artikeln “Nichtproliferationsabkommen” in “Atomwaffensperrvertrag” übersetze, “spezifische tatsächliche Anhaltspunkte” in “Beweise” oder “verwertbare Feststellungen” in “erwischte Schwarzfahrer”.

Die Piraten argumentieren allerdings: Sie würden gar keinen “kostenlosen” Nahverkehr fordern, weil das bedeuten würde, dass keinerlei Kosten entstehen. Die Angestellten würden also keinen Lohn bekommen, die Busse wären ein Geschenk der Fahrzeughersteller und der Sprit würde als Biodiesel von landeseigenen Rapsfeldern kommen. Wie viele Leser vermuten wohl, dass das mit “kostenlos” gemeint ist? Ich halte es für ausgeschlossen, dass jemand das so missverstehen könnte. In der Realität werden viele Sachen als “kostenlos” bezeichnet, deren Kosten sehr wohl jemand trägt, nur halt jemand anders. Dieses Konzept ist weit verbreitet und allgemein bekannt. Niemand verwendet das Wort so wie die Piraten.

Aber Mooooment. Wenn im Bundesprogramm der Piraten steht, in Kindergärten solle es “eine kostenlose und auf Wunsch ganztägige Betreuung” geben. Heißt das dann, dass die Erzieher in Zukunft keinen Lohn mehr bekommen sollen und sie das Kita-Essen aus Abfallcontainern fischen müssen??

Update 12. Februar: Viele Kommentatoren vermuten, die Piraten würden mit dem Begriff “umlagefinanziert” meinen, dass der ÖPNV nicht über Steuern, sondern über eine zweckgebundene Umlage bezahlt wird. Das ist nicht richtig. Ein erster Entwurf (XLS-Datei) der Arbeitsgruppe “ÖPNV Ökosoziales Projekt Berlin” sieht vor, den kostenlosen ÖPNV über eine Erhöhung von Grundsteuer, Gewerbesteuer und Citytax zu finanzieren. Dieses Missverständnis zeigt erneut, warum man auf den Begriff “umlagefinanziert” verzichten sollte.

Update 15. Februar: Warum ich in meinen Texten so häufig nicht die offiziellen Begriffe verwende und wie ein Artikel aussehen würde, in dem kein solcher Fehler wäre, steht in einem neuen Blogbeitrag.

Kommentare (60)

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  1. Und während manchem hier noch der Geifer im Mundwinkel hängt, hat sich die Welt längst weitergedreht. Wem die “Übersetzung” legales Schwarzfahren nicht passt, kann gern den Kampf um die richtige Wortwahl auf die Kommentarseiten der Frankfurter FNP ausweiten:

    http://www.fnp.de/fnp/region/lokales/frankfurt/vorstoss-fuer-legales-schwarzfahren_rmn01.c.10481264.de_1.html

  2. Peter Vierig: Es stimmt, dass “Luna Loof” im Blog der Bremer Piraten eine Finanzierung über eine zweckgebundene Umlage durchgerechnet hat, bei der jeder Einwohner (mit ein paar Ausnahmen) einen pauschalen monatlichen Betrag zahlt. Das ist sehr gut mit der GEZ vergleichbar.

    Ich arbeite für den Lokalteil Berlin der taz und schrieb dort über die Forderungen des Berliner Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner. Der verfolgt ein anderes Konzept als “Luna Loof” und fordert, dass in einem ersten Schritt Freifahrkarten für Touristen über die Erlöse aus der Citytax finanziert werden. Die Citytax wird nicht zweckgebunden erhoben, es wird auch nicht der gleiche Betrag pro Kopf fällig (sondern eine prozentuale Steuer auf Hotelübernachtungen). Auch die zuständige Arbeitsgruppe der Berliner Piraten will laut dem ersten Entwurf für ein Finanzierungskonzept keine zweckgebundene Umlage, sondern Steuern erhöhen: Gewerbesteuer, Grundsteuer, Citytax.

    Für die Berliner Piratenforderungen passt der Begriff “kostenlos” also sehr gut. “Kostenlos” wie in “Kostenloses Wlan”, “kostenlose Kita”, “kostenloses Schulessen” oder “kostenlose Beratung”.

    In meinen Texten habe ich mich zudem nicht nur darauf beschränkt, das Konzept mit dem Wort “kostenlos” zu bezeichnen, sondern es auch näher erklärt. So steht dort ausdrücklich, dass Claus-Brunner das Geld aus der Citytax verwenden will, um den kostenlosen Nahverkehr für Touristen zu finanzieren:

    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2013/01/04/a0117
    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2013/01/04/a0116

    Im Hausblog werden die Kommentare sofort veröffentlicht, ohne manuelles Freischalten. Leider landen manche Kommentare aber fälschlicherweise im Spam-Filter von WordPress. Dann kann es etwas dauern, bis ich sie dort entdecke und befreie.

  3. An einem sogenannten “Tag der politischen Arbeit” sind wir (Piraten der Verkehrspolitik) in NRW mal wieder auf die Missverständlichkeit des Begriffes gestoßen. Sebastian Heiser hat halt einfach Recht. Die Interpretation “fahrscheinlos” würde “RFID-Ticket” bedeuten ist erfahrungsgemäß sogar am häufigsten. Das kann kein Piratenziel sein. Daher machen wir nun das mit dem Crowdsourcing und suchen für zukünftige Aktionen einen griffigeren Begriff.
    Bericht: http://www.oliver-bayer.de/fahrscheinloser-opnv-am-tag-der-politischen-arbeit/
    Pad: https://podcast.piratenpad.de/32

  4. Lieber Herr Heiser,

    mal sehen, ob es wieder 3 Tage bis zur Freischaltung meines Kommentares dauert. Das ist ermüdend und erwürgt jede Debatte. Aber vielleicht ist das ja der Sinn der Übung. Denn kaum ein Leser scrollt 3 Tage später zurück, um zu schauen, ob noch etwas zwischengeschoben wurde.

    Ich weiß schon, Buske, Pressekammer Hamburg, BGH, Kommentarhaftung & Co.

    Das könnten Sie auch mal thematisieren – wahrheitsgemäß – was das mit unserer Demokratie macht.

    Sie könnten natürlich wenigstens einfach Ihrer IT sagen, daß das gehöriger Murks ist. Und wenigstens sollte dem Kommentator ein irgendwie geartetes Feedback gegeben werden, auch wenn sein Kommentar, warum auch immer, nicht erscheint.

    Ich jedenfalls habe darauf nun wirklich keine Lust mehr.

    Bis später. Woanders.

    Viele Grüße

    Peter Viehrig

  5. Kein Leser konnte den Eindruck haben, mit “kostenlos” sei Schlaraffenland gemeint oder eine Umlagefinanzierung wie bei der GEZ/Beitragsservice

    Genau.

    Die Piraten wollen aber eine Umlagefinazierung, wie Sie unter anderem hier nachlesen können:

    bremen.piratenpartei.de/Blog/2011-10-30/fahrscheinloser-oepnv-in-bremen–einmal-durchgerechnet/

    Dieser darf aber nicht mit der Forderung nach einem kostenlosen ÖPNV verwechselt werden, denn der fahrscheinlose ÖPNV soll durch eine Umlage in Form von kommunalen Abgaben gemeinschaftsfinanziert werden

    Sie haben also, wie Sie nun richtig feststellen, bei keinem Leser den korrekten Eindruck hinterlassen.

    Was immer das auch ist, das Sie davon abhält – Orientierung an der Sache, an der Wahrheitsvermittlung für Ihre Leser, ist es ganz offensichtlich nicht. Das ist aber existenzelle Basis, um eine kritische politische Auseinandersetzung mit der Idee der Piraten überhaupt führen zu können. Sie hingegen übernehmen die Methode allzu vieler, die eine solche Auseinandersetzung scheuen. Nebelkerzen werfen und Falschbehauptungen aufstellen, die Methode Ziercke.

    Sehen Sie es endlich ein. Nehmen Sie die Piraten gerne auseinander, wenn Sie wollen, nötig wäre das nämlich bei vielen Gelegenheiten. Aber fangen Sie dazu bitte mit der Wahrheit an.

  6. Jan Bühler: Die BVG führt gerade eine elektronische “FahrCard” mit NFC-Chip ein. Sie benutzt den Begriff “Fahrschein” für die alten Papierfahrscheine. In der FAQ heißt es zum Beispiel zu der Frage, was man tun soll, wenn die elektronische FahrCard kaputt ist: “Für die Weiterfahrt benötigen Sie einen Fahrschein.”

    http://www.bvg.de/index.php/de/16428/name/FAQ/faq/fahrCard.html#faq10

    Wenn man jetzt schreibt, die Piraten würden einen “fahrscheinlosen” Nahverkehr fordern – besteht dann nicht die Gefahr, die Leser könnten denken, hier solle der Papierfahrschein durch ein elektronisches (und kostenpflichtiges) Ticket ersetzt werden?

  7. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Kostenlos und Fahrscheinlos:
    Tallinn führte einen für die Einwohner der Stadt kostenlosen ÖPNV – jeder braucht eine Chipkarte (außerhalb von Deutschland nicht unüblicher Ersatz für Papiertickets), wer Einwohner ist zahlt nichts, wer von Außerhalb kommt schon.
    Die Piraten fordern einen fahrscheinlosen ÖPNV, d.h. jeder, ob Bürger, AusländerIn, Pendlerin, Tourist*innen, Studierende oder Transsexuelle Eichhörnchen können einfach so mitfahren. Dies stellt natürlich besondere Anforderungen ans Finanzierungskonzept.

  8. Peter Viehrig: In den Artikeln ging es ja gerade ausdrücklich darum, dass die Einnahmen aus der Citytax verwendet werden sollen, um einen kostenlosen Nahverkehr für Touristen zu finanzieren. Kein Leser konnte den Eindruck haben, mit “kostenlos” sei Schlaraffenland gemeint oder eine Umlagefinanzierung wie bei der GEZ/Beitragsservice. Jeder wird verstanden haben, dass es um eine Steuerfinanzierung ging. Lesen Sie selbst:

    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2013/01/04/a0117
    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2013/01/04/a0116

  9. Nun, Herr Heiser, der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht kostenlos. Ihre wiederholte Behauptung dessen ändert daran nichts. Ihre Behauptung ist falsch. Das kann demnächst jeder Haushalt anhand eintreffender Post von “ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice” nochmal verifizieren. Auch Ihrer.

  10. Name: Wer definiert denn, was die “sachlich korrekte” Bedeutung des Wortes “kostenlos” ist? Ich halte mich da immer an den allgemeinen Sprachgebrauch. Im Café gibt es “kostenloses Wlan”. Viele Zeitungen bieten ein “kostenloses Probeabo”. Auf Webseiten kann man sich “kostenlos registrieren”. In der Schulförderungs- und Betreuungsverordnung heißt es, an den Kitas müsse “eine kostenlose Betreuung bis 13.30 Uhr” sichergestellt werden. Der Duden nennt als Beispiel für die Verwendung des Begriffs die “kostenlose Verpflegung”.

    Bitte beachten Sie auch den Zusammenhang, in dem ich vom “kostenlosen” Nahverkehr schrieb. Es geht um zwei Texte, die auf der ersten Seite des Lokalteils Berlin erschienen. Der erste Text ist eine dapd-Tickermeldung, in der Gerwald Claus-Brunner fordert, dass Freifahrkarten für Touristen über die Erlöse aus der Citytax finanziert werden. Der zweite Text ist ein Kommentar von mir zu diesem Thema. Darin findet sich der umstrittene Satz: “Gerwald Claus-Brunner hat gefordert, den Nahverkehr schrittweise kostenlos zu machen.”

    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2013/01/04/a0117
    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2013/01/04/a0116

    Ich kann daher Ihre Einschätzung, es handele sich um “sinnentstellende Berichterstattung”, nicht nachvollziehen. Es geht ja in den Artikeln gerade ausdrücklich darum, welche Steuern erhöht werden sollten, um für welche Personen den Nahverkehr kostenlos zu machen. Wie soll da ein Leser denken, die Piraten würden einen Nahverkehr fordern, der wie im Schlaraffenland ohne irgendwelche Ausgaben funktioniert?

  11. Herrlich, die Diskussion. Darf ich mitspielen in dem Sandkasten?

    Mir ist aufgefallen, dass zwei Begriffe noch nicht gefallen sind: “umsonst” und “unentgeltlich”. Vielleicht käme man ja damit weiter.

    (Falls das doch schon irgendwo der Fall war, ziehe ich diesen Beitrag zurück – habe halt nicht alles ganz präzise gelesen…)

  12. > Ich schrieb dennoch “kostenlos”, weil dieses Wort weit verbreitet und ohne zusätzliche Erklärung direkt verständlich ist.

    Die Möglichkeit, daß Sie persönlich “kostenlos” synonym für “umlagefinanziert” verwenden, macht es noch lange nicht sachlich korrekt.

    > Und meine Aufgabe als Journalist ist ja, Sachverhalte so verständlich wie möglich wiederzugeben.

    Wenn Sie Journalist sind, dann sollte Ihnen die Phrase “wahrheitsgetreue Berichterstattung” etwas sagen.

    Und dann sollte Ihre Intelligenz Ihnen erklären können, daß “kostenlos” — so verständlich es als Attribut für sich genommen auch sein mag, kein Synonym für “umlagefinanziert” ist.

    Sie logen also Ihren Lesern ins Gesicht oder sind nicht intelligent genug, die Semantik von Wortverwendung zu überblicken.

    Ich empfehle Ihnen, sich Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre anzueignen. Und sich derweil nicht weiter zu blamieren. Sinnentstellende Berichterstattung wie die Ihrige sind eines der Kernprobleme in dieser Demokratie.

    Ich habe nur Verachtung für Ihren Rechtfertigungsversuch übrig.

  13. Pingback: Jeder Satz falsch: Kein Bug, sondern Feature! at taz Hausblog

  14. Frank schrieb:

    > Schon wieder ein Fehler. Nur weil irgendwo ein
    > Dokument existiert, wo einzelne Piraten etwas
    > herumrechnen, heißt es noch lange nicht,
    > daß es Parteiposition ist.

    Stimmt, danke für den Hinweis. Ich habe das jetzt in meinem Kommentar oben korrigiert.

  15. Mario: Es geht um zwei Texte, die auf der ersten Seite des Lokalteils Berlin erschienen. Der erste Text ist eine dapd-Tickermeldung, in der Gerwald Claus-Brunner fordert, dass Freifahrkarten für Touristen über die Erlöse aus der Citytax finanziert werden. Der zweite Text ist ein Kommentar von mir zu diesem Thema. Darin findet sich der umstrittene Satz: “Gerwald Claus-Brunner hat gefordert, den Nahverkehr schrittweise kostenlos zu machen.”

    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2013/01/04/a0117
    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2013/01/04/a0116

    Gerade auch in diesem Zusammenhang finde ich es absurd, wenn die Piraten vermuten, dass der Begriff “kostenlos” hier missverstanden werden könnte. Es geht ja in den Artikeln gerade ausdrücklich darum, welche Steuern erhöht werden sollten, um für welche Personen den Nahverkehr kostenlos zu machen. Wie soll da ein Leser denken, die Piraten würden einen Nahverkehr fordern, der wie im Schlaraffenland ohne irgendwelche Ausgaben funktioniert?

  16. Lars: Ich habe mir das mit den “hinreichenden tatsächlichen Anhaltspunkten” nochmal angeschaut. Konkret ging es in meinem Artikel um das Cicero-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes. In dem Fall ging es um die Frage, ob bei dem Magazin durchsucht werden durfte wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Geheimnisverrat. Dieser Tatbestand ist etwa erfüllt, wenn ein Beamter eine interne Unterlage an den Journalisten weiterreicht, damit der sie veröffentlicht. Das Verfassungsgericht legte hohe Anforderungen für die Durchsuchung fest.

    Das Gericht sah zum Beispiel die Tatsache, dass in dem Magazin die Details aus geheimen Unterlagen veröffentlicht wurden, noch nicht als ausreichend. Denn es hätte ja auch sein können, dass der Journalist die Unterlagen auf der Parkbank gefunden hat. Oder dass er sie von einem Beamten zwar bekommen hat, aber dieser Beamte gar nicht wollte, dass der Journalist die Informationen daraus auch veröffentlichte. Nach allgemeiner Lebenserfahrung dürften diese beiden letzten Alternativen eher lebensfremd sein. Trotzdem meinte das Verfassungsgericht: Die Veröffentlichung selbst reicht nicht aus. Es brauche darüber hinaus “spezifische tatsächliche Anhaltspunkte” dafür, dass der Beamte dem Journalisten die Unterlagen genau deshalb gegeben hat, damit der die veröffentlicht.

    Den Begriff “spezifische tatsächliche Anhaltspunkte” fand ich zu sperrig. Und teilweise auch unverständlich, weil Juristen mit “tatsächlich” meinen, dass etwas auf objektiven Tatsachen beruht. Umgangssprachlich wird der Begriff etwas anders verwendet, eher im Sinne von “wirklich”. Zum Beispiel: “Und das hast du tatsächlich zum Chef gesagt?”

    Also suchte ich nach einer Alternative. “Indiz” fand ich zu schwach. Das Verfassungsgericht verlangte deutlich mehr als ein “Indiz”. Das Indiz, dass der Artikel veröffentlicht wurde, reichte ja gerade nicht aus. Also entschied ich mich für “Beweis”. Der ganze Satz in meinem Artikel lautet: “Das Bundesverfassungsgericht war 2007 im Cicero-Urteil zu dem Ergebnis gekommen, dass bei Journalisten nur durchsucht werden darf. wenn es Beweise dafür gibt, dass sie selbst eine Straftat begangen haben.”

    Hier der ganze Artikel:
    http://taz.de/Hausdurchsuchung-bei-taz-Fotografen/!110503/

    Als ich die Sache hier im Hausblog wiedergab, erinnerte ich mich allerdings falsch an die genaue Formulierung im Urteil. Ich schrieb in meinem Artikel, ich hätte den Begriff “hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte” mit “Beweis” wiedergegeben. Tatsächlich forderte das Gericht aber “spezifische tatsächliche Anhaltspunkte”. Ich habe es jetzt im Artikel korrigiert.

  17. @Falk

    Jeder weiss, dass mit den heutigen Beitraegen die jetztigen Rentner verosrgt werden. Wenn ich spaeter Rente bekommen, versorgen mich die zukuenftigen Beitraege.
    Ich glaube nur sehr sehr wenige gehen davon aus, dass die Rente “eine Art Lebensversicherung ist”, also sie fuer sich selbst zuruecklegen.
    Natuerlich darf man sich dennoch darueber aufregen,dass mman “so viel” eingezahlt hat und “so wenig” rausbekommt.
    @Sebastian Heiser
    Bezueglich Ihrer Argumentation, dass der Piratenvorschlag eben keine Umlagefinanzierung vorsieht:
    Dann scheint es so, dass es tatsaechlich richtig war von “kostenlos” zu schreiben.
    Schade,dass der ursprüngliche Artikel nicht verlinkt ist, wuerde jetzt schon gern lesen was Gerwald Claus-Brunner nun genau gesagt hat. (schleisslich muss der “erste Entwurf der Arbeitsgruppe ÖPNV Ökosoziales Projekt Berlin” hier nicht unbedingt mit seiner Aussage zu tun haben)

  18. Fahrscheinlos ist ein Begriff, der bereits seit Jahren besetzt ist. z.B. für eine Fahrt mit einem elektronischen Ticket, dass über das Smartphone erworben würde.
    Aber selbst wenn der Begriff nicht besetzt wäre: Jeder Mensch mit ein paar Jahren praktischer Erfahrung im politischen oder gesellschaftlichen Leben weiß, dass er niemals nie wortwörtlich zitiert wird. Ob Freund, ob Feind, seine Rede wird paraphrasiert. Und ich z.B. bin immer dankbar, wenn Politik-Sprech verständlich übersetzt wird, also die Formulierung (für den Nutzer) “kostenlos” verwendet wird.

  19. Hallo Sebastian Heiser et al,

    bin etwas spät mit meinem Kommentar, aber vielleicht liest es der Autor noch:
    Ja, “fahrscheinloser” oder “ticketloser” ÖPNV ist alles andere als verständlich.

    Die Berliner Piraten erfanden den Begriff 2011, um dem Vorwurf zu entgegnen, eine Finanzierung eines solchen Projekts sei nicht realistisch.

    Im Wahlprogramm der NRW-Piraten von 2010 heißt es noch “Modellversuch für einen Öffentlichen Personennahverkehr zum Nulltarif” und wir in NRW (ich bin Verkehrspolitiker der Piraten im Landtag NRW) hatten kein Problem mit dem Wort “kostenlos”.
    http://wiki.piratenpartei.de/NRW-Web:Wahlprogramm_Landtagswahl_NRW_2010

    Im Gespräch mit Bekannten, Infostand-Besuchern oder auch den Passanten beim ÖPNV-Aktionstag in Hannover am 12.01.2013 habe ich immer wieder die Erfahrung gesammelt, dass “fahrscheinlos” nicht verstanden wird. Oft werden die Karten mit RFID-Chip damit assoziiert: Nichts, was Piraten oben ins Wahlprogramm schieben würden.

    In einem Gastbeitrag bei den Ruhrbaronen vor drei Wochen..
    http://www.ruhrbarone.de/piraten-alternative-kostenloser-nahverkehr/

    ..habe ich absichtlich mehrere Begriffe genutzt und mich auch nicht beschwert, dass die Redaktion das griffige “Alternative kostenloser Nahverkehr?” als Überschrift gewählt hat.
    Denn auch “umlagefinanziert” trifft es nicht, weil es verschiedene Modelle gibt. Am ehesten wirkt die Erklärung “Flatrate-ÖPNV”. Das passt ganz gut. Oder eben doch “Bus und Bahn zum Nulltarif”.

    Es gibt halt mehrere Finanzierungsmodelle und je nach Region, Stadt oder Gemeinde können unterschiedliche Modelle interessant sein. Eine City-Maut für Großstädte, Kurtaxe in touristischen Gemeinden, Umlage auf die ansässigen Firmen, Gemeindeumlage etc..
    Solange Flatrate-ÖPNV lokal realisiert wird – und das ist zur Etablierung zunächst empfehlenswert – wird es unterschiedliche Finanzierungsarten geben. Wichtig ist jeweils eine starke lokale Initiative und ein Land, das die lokalen Initiativen durch entsprechende Rahmenbedingungen unterstützt.

    Viele Grüße
    Oliver @kreon_nrw

  20. @Frank:

    Der Begriff “umlagefinanziert” wirft für mich viele Fragen auf. Ich wüsste zum Beispiel gerne, wer diese Umlage bezahlen soll, wie hoch sie sein würde usw. All diese Fragen scheinen ja noch nicht geklärt zu sein, wenn intern noch über Alternativen wie eine Finanzierung über Steuern diskutiert wird.

    Eine Sache ändert sich jedoch nicht: In dem wie auch immer finanzierten System muss ich für eine Fahrt mit dem Bus, zehn, zwanzig oder hundert Fahrten, nichts mehr dazu bezahlen. Für eine einzelne Fahrt entstehen keine Kosten – sie ist “kostenlos”. Von daher ist die Verwendung dieses Begriffs legitim, von einer Verzerrung kann keine Rede sein.

  21. Wenn der Blick auf das obige Bild kostenlos sein soll – erstattet mir die taz dann die Kosten für PC, ISP, Strom etc.? Und sind dann nicht doch Kosten entstanden?

  22. @frank:

    WAAAAAAS?
    die piraten finden also plötzlich die vergütungsansprüche des urhebers gem- UrhG in ordnung, sie sind gegen die ausbeutung der urheber durch große konzerne wie google und sie sind mittlerweile gegen die legalisierung lillegaler downloads? die piraten finden es mittlerweile auch ok, dass und wie sich die GEMA um die rechtlichen ansprüche der musikurheber kümmert???

    red bitte keinen scheiß! wen willst du hier überzeugen? dich oder mich?
    die piraten sind in ihren ansichten zum urheberrecht totalitär und antidemokratisch. die bequemlichkeit der breiten masse triumphiert über die rechtlichen ansprüche einer kleinen minderheit. so siehts aus und nicht anders.

  23. An Sebastian: Schon wieder ein Fehler. Nur weil irgendwo ein Dokument existiert, wo einzelne Piraten etwas herumrechnen, heißt es noch lange nicht, daß es Parteiposition ist.

    An Schuhe des Fischers & Sebastian: Ich verstehe die Diskussion nicht. Umlagefinanziert ist Umlagefinanziert. Teilumlagefinanziert ist Teilumlagefinanziert.

    An SZ: Bitte nicht wieder mit Dingen anfangen, die so in der Form schon seit einiger Zeit nicht mehr gültig sind…

  24. Obwohl ich Pirat bin, finde ich den schlimmsten Teil am Artikel, dass man zugibt, “hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte” einfach durch “Beweise” zu ersetzen.

    Wenn ich bei der Polizei aussage, dass der Autor ein Mörder ist, dann ist das ein hinreichender tatsächlicher Anhaltspunkt, wodurch die Polizei entsprechende Rechte erhält, diesen Anhaltspunkt weiter aufzuklären. Das ist aber doch wohl eindeutig Lichtjahre von einem Beweis, dass der Autor ein Mörder ist, entfernt.

    Wenn Journalismus bedeutet, die Realität so zu vereinfachen, dass sie schlichtweg falsch ist, dann ist es wohl doch nicht schade um diese 4. Gewalt.

    Ich habe ja aber noch die Hoffnung, dass das nur ein schlecht gewähltes und falsches Beispiel war.

    Wer also zugibt, die Realität für seine Leser so zu vereinfachen, der sollte seinen Beruf lieber aufgeben.

  25. Jeder vernunftbegabte Mensch wird “kostenlos” genau so verstehen, wie die Piraten es meinen. Da braucht man nicht das Rad neu zu erfinden und mit Begriffen wie “Fahrscheinlos” um sich zu werfen. Immerhin fordern die Piraten ja auch “kostenlose” Kinderbetreuung , und nicht etwa “beitragslose”.

    Kein Mensch würde an sein Cafe “WLAN bezahllos” schreiben – sondern mit “kostenlosem WLAN” werben. Und auch dort ist jedem klar, dass die Infrastruktur dem Cafe nicht geschenkt wurde. Tatsächlich _existiert_ – nach Definition der Piraten – der Begriff “kostenlos” gar nicht, denn alles wurde irgendwann von irgendwem mal gekauft, gewartet etc.

    Es ist NICHTS unkorrekt daran, zu behaupten, die Piraten forderten kostenlosen Nahverkehr, nur weil sie selbst ein anderes Etikett draufkleben, was ausser ihnen selbst niemand verwendet.

    Wenn die Piraten ihre Abrechnungen intern in Goldstücken machen würden, könnte man das ja schließlich auch in Euro umrechnen und ein Euro in den Medien veröffetlichen, ohne an der Sache etwas zu verändern.

  26. Wie einfach kann die Welt doch sein, wenn man wenigstens versuchen würde, sich nicht absichtlich misszuverstehen bzw. Korinthen zu kacken.

    NATÜRLICH ist es falsch, wenn man statt “fahrscheinlos” nun “kostenlos” schreibt. Auch wenn das viele Menschen sicher richtig verstehen, ist es ebenso falsch wie z.B. “Raubkopie” (es findet weder Gewalt oder Androhung von Gewalt statt, noch wird dabei etwas entwendet).

    Was Sie gesucht haben, ist der Begriff “für die Nutzer kostenlos”. So einfach ist das. Alle verstehen es und die Piraten sind auch zufrieden.
    Wobei ich es schon vermessen finde, den Lesern zu unterstellen, sie würden den Begriff “fahrscheinlos” nicht verstehen können. Sind ja nicht alles BLÖD-Zeitungsleser da draußen, die dann sagen “Aber ik fahr doch jetze schon ohne Fahrschein…?”.

    Sollte es nicht die Kunst der Journalisten sein, komplizierte Inhalten mit einfachen Worten UND korrekt wiederzugeben? Nur eines von beiden ist nicht zielführend.

    Ziggy

  27. Es geht um zwei Texte, die auf der ersten Seite des Lokalteils Berlin erschienen. Der erste Text ist eine dapd-Tickermeldung, in der Gerwald Claus-Brunner fordert, dass Freifahrkarten für Touristen über die Erlöse aus der Citytax finanziert werden. Der zweite Text ist ein Kommentar von mir zu diesem Thema. Darin findet sich der umstrittene Satz: “Gerwald Claus-Brunner hat gefordert, den Nahverkehr schrittweise kostenlos zu machen.”

    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2013/01/04/a0117
    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2013/01/04/a0116

    Gerade auch in diesem Zusammenhang finde ich es absurd, wenn die Piraten vermuten, dass der Begriff “kostenlos” hier missverstanden werden könnte. Es geht ja in den Artikeln gerade ausdrücklich darum, welche Steuern erhöht werden sollten, um für welche Personen den Nahverkehr kostenlos zu machen. Wie soll da ein Leser denken, die Piraten würden einen Nahverkehr fordern, der wie im Schlaraffenland ohne irgendwelche Ausgaben funktioniert?

  28. Warum ist denn eigentlich nicht der ursprüngliche Artikel verlinkt?

  29. Anstatt missverständlich zu vereinfachen wäre es wohl sinnvoller gewesen, den Sachverhalt kurz, prägnant und verständlich zu erläutern.

    Wenn sich so viele qualifizierte Kommentare gegen die Vereinfachung aussprechen kann man ja ruhig mal selbstkritisch reflektieren und vielleicht was draus lernen. Das wäre dann eine kostenlose Persönlichkeitsentwicklungshilfe. (es geht einfach nicht ohne Wortspiel ;))

  30. Die Ursache für diese Diskussion ist doch bereits erkannt:
    Die Piraten sind auf die Nase gefallen, als sie 2011 der Konkurrenz und einigen Journalisten zu schnell zu erfolgreich wurden.
    Es war in der Folge ein Leichtes, die miefige Info-Bande als Utopisten und Ahnungslose darzustellen, u.a. weil sie rhetorisch meistens deutlich unterlegen waren.
    Also genuegte den Kritikern/Gegnern ein kurzer Blick in die Piraten-Forderungen, um die neue Partei an die Wand zu quatschen, weil sich dort ein “kostenlos” an einer ungewoehnlichen Stelle befand.

    Die Konsequenz, die die Piraten nun daraus ziehen, ist nur zu verstaendlich, typisch piratig und absolut unpolitisch.
    Sie benennen ihre politische Idee jetzt im Zweifel lieber falsch und kompliziert, um irgendwelchen Menschen gerecht zu werden, die ueberhaupt kein Interesse haben, deren Programm “richtig” zu verstehen.

  31. das wundert mich jetzt aber, dass die piraten einen unterschied machen zwischen “kostenlos” und “umlagefinanziert”.

    naja, eigentlich wundert es mich nicht. wenn es um downloads geht, sprechen sie von “freiheit” und meinen eigentlich “freibier”. wer die schöpfer des inhaltes bezahlt, ist ihnen gelinde gesagt scheißegal. man könnte also meinen, die piraten hätten auch kein problem damit, wenn die angestellten des ÖPNV nicht mehr bezahlt werden.

    diese dumme haarspalterei des abgeordneten an einer stelle, wo er keine argumente hat und einfach nicht die intellektuelle kapazität hat, um zu diskutieren, spricht bände. wird zeit, dass dieser sauhaufen wieder in derselben versenkung verschwindet, aus der er gekommen ist.

  32. “sprinkledcupcake” hat es schon auf den Punkt gebracht. Für alle zum Nachsprechen:

    1) Eine Leistung kostet Geld (Material, Löhne).
    2) Jemand muss das finanzieren.
    3) Es gibt ziemlich viele Möglichkeiten, wie man diese Finanzierung organisiert. Und auch viele Möglichkeiten, bestimmte Leute von der Finanzierung auszunehmen, zB bei Steuern die Einkommenschwachen über die Freibeträge und bei Fahrscheinerfordernis die Nichtnutzer unabhängig vom Einkommen etc.

    Darüber kann man sehr fruchtbar und unterhaltsam duskutieren – allerdings muss man zuvor über die Kindergartensophistik eines GSB hinwegkommen.

  33. Ein anderer Aspekt, den Sebastian Heiser anspricht, wird leider von den meisten Kommentatoren übergangen: Aus dem Begriff “umlagefinanziert” wird nicht klar, ob diese Umlagefinanzierung alle Kosten deckt oder nur einen Teil. Im letzteren Fall müsste der Nutzer ja trotzdem noch seinen Anteil der Kosten bezahlen.
    “Fahrscheinlos” klingt für mich eher nach bargeldlosem Zahlungsverkehr – beispielsweise, wenn man sich den “Fahrschein” virtuell aufs Smartphone lädt und daher keinen Papier-Fahrschein mehr benötigt. Auch so ein fahrscheinloses System könnte also durchaus noch mit Kosten für den Nutzer verbunden sein.

    Die Dünnhäutigkeit vieler Piraten und ihrer Anhänger spricht für sich…

  34. Wow …

    Nichts ist kostenlos im infantilen Sinn des Herrn Piraten. Für wie doof hält er eigentlich die Leute da draußen?

    Und solche Banalitäten aufzuzeigen, das ist der Job eines Journalisten, dem der Pirat noch dankbar dafür sein müsste, dass er versucht hat, seinem Geschwurbel einem Sinn zu geben.

    Mann oh Mann – das kommt von zuviel Tagesfreizeit.

  35. Die Diskussion unter dem Beitrag ist nicht ernst gemeint, oder? Leseverständnis und mitdenken sind keine Hexenkunst, die nur wenige Eingeweihte beherrschen; “kostenlos” sollte von den meisten mitdenkenden Zeitgenossen richtigerweise so verstanden werden, dass keine Zusatzkosten bei Fahrtantritt entstehen. Dass das System Geld kostet und irgendwie finanziert werden muss, steht außer Frage. Ob das über Steuern oder Beiträge oder auf anderem Wege geschieht, ist unerheblich: Letztendlich muss irgendjemand zahlen. Und ganz ehrlich: Dem Bürger ist es scheißegal, ob er das über eine Steuererhöhung finanziert oder über einen Beitrag in gleicher Höhe.

  36. @Sebsatian: Da war ich auf einen anderen Stand. Wenn es aus Steuern finanziert werden soll, dann ist “kostenlos” in der Tat richtig. Die Kritiker haben Unrecht. Selbst Steuerfinanziert wäre ja dann missverständlich, weil es je keine extra Steuer geben soll.

  37. @Mario: Ich glaube, keiner versteht tatsächlich so recht, was mit “umlagefinanziertes Rentensystem” gemeint ist, da dies ja auch im Gegensatz zu “kapitalfinanzierte Rente” gemeint ist. Viele halten die Rente doch für eine Art Lebensversicherung (also wie kapitalfinanziert), obwohl sie umlagefinanziert ist, und argumentieren dann “Jetzt habe ich so viel eingezahlt und bekomm doch nur so wenig raus”…
    Wenn alle wüssten, was umlagefinanziert bedeutet, würden sie das nicht sagen.

  38. Äh, Piraten wollen die Arbeitsgruppe “ÖPNV Ökosoziales Projekt Berlin” will ihren “umlagefinanzierten” Nahverkehr aber durch Steuern finanzieren und überhaupt nicht nicht durch eine zweckgebundene Umlage. Ein erster Entwurf (XLS-Datei) der Arbeitsgruppe “ÖPNV Ökosoziales Projekt Berlin” sieht vor, dass die Grundsteuer, die Gewerbesteuer und die Citytax um 750 Millionen Euro im Jahr erhöht werden sollen, um den kostenlosen Nahverkehr zu finanzieren.

    Wenn hier viele Kommentatoren denken, die Piraten würden den “umlagefinanzierten” ÖPNV über zweckgebundene Beiträge finanzieren wollen, dann zeigt das, wie richtig es ist, dass ich den Begriff “umlagefinanziert” nicht benutze.

    Update: Ich hatte in diesem Kommentar zuerst behauptet, die Piraten würden den kostenlosen Nahverkehr über Steuern finanzieren wollen. Tatsächlich gibt es aber gar keinen Parteibeschluss. Es handelt sich lediglich um Überlegungen der Arbeitsgruppe “ÖPNV Ökosoziales Projekt”, die innerhalb des Berliner Landesverbandes derzeit ein Konzept erarbeitet. Danke an Frank für den Hinweis!

  39. In der Tat wäre “kostenlos” doch etwas missverständlich, umlagefinanziert kapiert aber auf Anhieb auch keiner, der sich damit nicht intensiv beschäftigt. Also muss man dann schon zum Beispiel ausführlicher sagen: Jeder Bürger soll stattdessen den Nahverkehrs durch eine Nahverkehrs-Abgabe finanzieren, also auch Nichtnutzer. Oder auch: eine Art Rundfunkabgabe für den Nahverkehr, jeder zahlt pauschal unabhängig von der Nutzung.

    Dies ist aber eine berechtigte Diskussion. Unberechtigt sind daher irgendwelche Angriffe auf die Redlichkeit oder journalistische Qualifikation von Sebastian Heiser. Er hat seine Argumente offen dargelegt, diese kann man akzeptieren oder ihnen widersprechen. Aber das hat nichts mit Verfälschung oder Springerjournalismus oder Kampagne u.ä. zu tun. Wer das vorwirft, begeht jene Fehler, die er Sebastian Heiser (fälschlicherweise) vorwirft. Solch bigotte Argumentation hilft niemandem.

  40. Na ja,
    ich glaube die Leser wissen sehr wohl was “umlagefinanziert” bedeutet. Man kann sich ja gar nicht mehr retten vor lauter Infos ueber das “umlagefinanzierte Rentensystem”.
    Der Argumentation der Piraten kann ich daher sehr gut folgen.
    Natuerlich klingt “Piraten fordern kostenlosen Nahverkehr” absurd populistisch, während “Piraten fordern umlagefinanzierten Nahverkehr” durchaus durchdacht und klingt.

  41. Herr Heiser,
    ist das ernsthaft das Niveau, das auf deutschen Journalistenschulen gelehrt wird, oder ist das die taz in Springer’schem Einfluss?

    Wenn Sie nicht kapieren, was der Unterschied zwischen kostenlos und fahrscheinlos/umlagefinanziert (entspricht “zuzahlungsfrei”) ist, dann gehen Sie doch mal wieder mit Ihrer Gehaltsabrechnung zum Arzt. Wenn Sie dann nämlich herausfinden, dass Sie da nichts bezahlen müssen, weil Ihnen monatlich ein bestimmter Betrag für Krankenversicherung abgezogen wird, dann haben Sie den Unterschied verstanden.

    Ich fürchte allerdings, wenn jetzt selbst die Schreiberlinke (schön aufs Wortspiel achten!) nur darauf aus sind, ihre Artikel so zu vereinfachen, dass die Leser nach der Lektüre dümmer sind als vorher – eigentlich eher ein Metier von BILD und WELT -, dann fürchte ich, dass ein Arztbesuch für Sie ohnehin eher umsonst als kostenlos ist…

  42. Es gibt einen (juristischen, praktischen) Unterschied zwischen Steuern und Beiträgen. Die Kommunen sind verpflichtet erst Beiträge zu erheben und dann Steuern.

    Beiträge/Gebühren sind zweckgebunden, also zum Beispiel Friedhofs- oder Abwassergebühren. Sie werden für einen Zweck erhoben und werden für diesen verwand. Das liebt der Politiker heute, weil es keine Spielräume für Nachfolger läßt. Eine Maut als Straßenbenutzungegebühr wird (nach Abzug der Verwaltungkosten / Profite für Dritte) für den Straßenbau verwendet.

    Steuern (z.B. die Grundsteuer) werden erhoben und können für alles mögliche verwendet werden, was das Kommunalparlament zum Beispiel so machen will/kann/darf.

    Erhöht man Steuern hat man schlechte Presse und Dritte keine Gewinne, Erhebt man Gebühren die alle zahlen (GEZ) ist man gerecht? Verstehe wer die Welt.

  43. Kein Mensch versteht “kostenlos” im Sinne, dass keine Kosten entstehen würden, sondern nur, dass man als Endkunde nicht direkt für das Produkt bezahlen muss.

    Die Benutzung von Straßen würde man in Deutschland z.B. als “kostenlos” bezeichnen. Und dabei weiß jeder, dass er die Kosten für die Straßenerhaltung natürlich über die Steuern unter anderem mitfinanziert.

    Das deutsche Privat-Fernsehen ist üblicherweise auch kostenlos, obwohl natürlich hohe Kosten im Hintergrund erstmal entstehen, die dann z.B. über Werbeeinnahmen rückfinanziert werden.

    (Es gibt eh nichts, wo nicht doch irgendwelche Kosten bei irgendjemanden irgendwie entstehen. Deswegen hat der Begriff “kostenlos” schon nicht die Bedeutung, die hier die einige Piraten dem Begriff andichten wollen.)

    Dazu könnte sich auch Claus-Brunner irgendwie den pöbelnden Ton sparen.

  44. “In der Realität werden viele Sachen als “kostenlos” bezeichnet, deren Kosten sehr wohl jemand trägt, nur halt jemand anders.”

    Die Begründung macht es nur noch schlimmer. Die Kosten trägt eben nicht “jemand anders”. Ich frage mich ob der Hintergrund dieser Forderung überhaupt verstanden wurde…

  45. Also, wenn Kita-Plätze steuerfinanziert sein sollen, wären sie kostenlos. Wenn der ÖPNV umlagefinanziert sein soll, wäre er nicht kostenlos, sondern nur fahrscheinlos.
    Leider bin ich mit dem Unterschied, ob ich etwas über Steuern oder eine Umlage indirekt mitfinanziere, intellektuell überfordert.

  46. Lieber Herr Heiser, da ich mich selbst auch mit dieser Thematik beschäftige, finde ich die Vereinfachung an dieser Stelle falsch. Fahrscheinlos bedeutet, dass ich die Leistung wahrnehmen kann, ohne darlegen zu müssen, dass ich sie bezahlt habe. Das heißt aber nicht, dass ich sie nicht bezahlen muss, auf welchem Wege auch immer. “Kostenlos” suggeriert das keine Belastung für die Bürger entstehen, “Fahrscheinlos”, dass eine alternative Bezahlweise eingeführt wird.
    Auch halte ich ihre Begründung, den Zwang als Journalist alles möglich einfach wiederzugeben, für eine schallende Ohrfeige gegen über dem Leser, also mir. Lassen Sie es sich gesagt sein, dass ich und ich denke auch die Mehrheit ihrer Leser, nicht so dumm sind, wie sie meinen.
    Ich hoffe, dieser Kommentar war nicht gratis -äh- umsonst.

  47. Bei Ihnen wird sicherlich auch ein “mutmaßlicher Täter” zum “Täter” – die Leser und Leserinnen will man schliesslich nicht überfordern :-)

  48. Ich stimme durchaus zu, dass man als Journalist Begriffe der Zielgruppe anpassen muss, damit diese sie besser versteht. Aber das ist kein Deckmantel dafür, Begriffe zu verzerren.

    Wenn eine öffentliche Dienstleistung kostenlos ist, dann suggeriert das, dass sie komplett aus Steuern bezahlt wird (wie bspw. die Forderung nach den Kitaplätzen). Aber genau das ist der umlagefinanzierte Nahverkehr nicht. Ein Beitrag wäre da vermutlich ein besserer und einfach erklärter Begriff.

    @jp: Der Begriff “umlagefinanziert” konkretisiert es nur. Unter einem fahrscheinlosen Nahverkehr kann man auch einen kostenlosen verstehen. Um dieses Missverständnis aus dem Weg zu gehen, ist das nun ein besserer Begriff.

  49. Naja, ursprünglich haben die Piraten das ja auch als kostenlos bezeichnet. Dann kamen Vorwürfe von Journalisten und Politiker anderer Parteien, das sei gelogen den es sei ja nicht kostenlos.

    Also haben die Piraten auf umlagefinanziert etc umgeschwenkt weil viele Journalisten und Politiker anscheinen doch zu doof waren zu merken dass es kostenlos nicht gibt. (Naja, in Wirklichkeit haben sie es schon verstanden aber absichtlich falsch ausgelegt. Das machen Politiker und Journalisten recht gerne, das ist einer der rhetorischen Tricks der eine Sach-Diskussion mit Politikern unmöglich macht).

    Naja, und jetzt heißt es bei den Piraten halt umlagenfinanziert. Ich kann schon verstehen dass Piraten nicht wollen dass das von Journalist [A] in kostenlos übersetzt wird, Journalist [B] ‘kostenlos’ liest und den Piraten dann wieder vorwirft zu lügen, Kostenloskutlur, etc, denn das sei ja gar nicht kostenlos, sondern umlagefinanziert.

  50. Finde ich gut, dass die TAZ für ihre LeserInnen die Texte vereinfacht. So einen schönen Leserservice findet man sonst nur noch bei der BILD. Und wenn man dann die ganzen doofen Fremdwörter vermeidet, besteht auch keine Verwechslung mehr zwischen TAZ und FAZ. Das eine ist dann halt die Zeitung für junge, linke Intellektuelle und das andere die TAZ.

    PS: demnächst in Artikeln statt “führerscheinlos” einfach “fahruntüchtig” schreiben. Ist ja fast das selbe (oder das gleiche?) und klingt nicht so nach Verlosung.

    3fach Glosse, Helau!

  51. Ich kann Herrn Heiser verstehen. Schliesslich würde er auch seinen Rechtfertigungsartikel hier kostenlos – und nicht korrekt: umsonst – nennen.

  52. Nur _ein_Wort dazu: Korithenkackerei!

  53. Einige Piraten reagieren auf “kostenlos” inzwischen gereizt, genervt oder gar pampig, da ihnen oft genug unterstellt wurde, dass sie ein utopisches Schlaraffenland fordern und sich somit für die ganze Diskussion disqualifizieren. Diese Gereiztheit von u.a. Brunner ist natürlich albern, weil jedem, der für 2 Cent nachdenkt, klar sein sollte, dass es um Umlagefinanzierung geht. Eine Position klar zu stellen ist ja OK, sich stets von Trollen verfolgt fühlen eher nicht.

  54. Sie behaupten also, die ÖR seien kostenlos. Das ist nunmal falsch.

    Die Analogie zu den ÖR ist tatsächlich eine recht gute. Sie ist plastisch genug, jedem den Unterschied zwischen fahrscheinlos und kostenlos zu veranschaulichen.

    Man muß die Idee der Piraten nicht gut finden, man kann sie auch für vollkommen falsch befinden. Es gebietet aber schon die journalistische Redlichkeit, sie wenigstens korrekt darzustellen, allerspätestens dann, wenn man als politischer Journalist in den vergangenen mindestens 2 Jahren mitbekommen hat, daß die auch von Ihnen vorgenommene Falschdarstellung hergenommen wird, die Piraten (in dem Fall eben unzulässigerweise) zu diskreditieren, um die Auseinandersetzung mit der eigentlichen Idee der Piraten zu vermeiden.

    Ihre “andere Bezeichnung” der Forderung der Piraten ist mehr als eine solche, sie ist eine Falschdarstellung.

    Die ÖR sind nunmal nicht kostenlos. Tatsache.

  55. So lange simplifizieren bis es falsch ist ist gängige journalistische Praxis.

  56. Ich bin Meinung, dass ein Journalist besonders die Aufgabe hat, Sachverhalte wahrheitsgemäß und relativ betrachtet aufzuführen. Und sehe ich mir Ihren Artikel an, sehe ich darin einen Widerspruch.
    Meiner Meinung nach ergibt sich aus dem Wort “fahrscheinlos” eine andere Bedeutung als aus “kostenlos”, eben weil sich bei dem ersteren sich auf einmal die Frage stellen könnte: “Kostet es dann gleichviel oder wie will man das finanzieren?” Somit könnte man in der Position des Lesers Ihres Artikels ersteinmal auf zwei Schlussfolgerungen kommen:
    1. Sie haben damals ebenfalls investigativ schlechte journalistische Arbeit verübt, somit auch einfach zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, dass die Piraten “fahrscheinlos” meinten.
    2. Meinungsmacherei.

    Trotzdem
    Mit freundlichen Grüßen

  57. Die Analogie zu den ÖR ist tatsächlich eine recht gute. Sie ist anschaulich genug, jedem den Unterschied zu kostenlos zu veranschaulichen.
    Man muß die Idee der Piraten nicht gut finden, man kann sie auch für vollkommen falsch befinden. Es gebietet aber schon die journalistische Redlichkeit, sie wenigstens korrekt darzustellen, allerspätestens dann, wenn man als politischer Journalist in den vergangenen mindestens 2 Jahren mitbekommen hat, daß die auch von Ihnen vorgenommene Falschdarstellung hergenommen wird, die Piraten (in dem Fall eben unzulässigerweise) zu diskreditieren.

  58. Ja bin Peter Viehrigs Meinung, ganz klar.

  59. Nach dem Tweet von Gerwald Claus-Brunner rief ich in der Pressetelle der Fraktion, um die Sache im Gespräch mit ihm aufzuklären. Die Pressesprecherin erläuterte mir, dass die Piraten das Wort “kostenlos” aus genau diesem Grund nicht verwenden.

    Auch online schreiben die Piraten: “Der Begriff ‘kostenlos’ kann schnell mit linkem Idealismus verwechselt werden. Er lädt geradezu dazu ein, dem Verwender (egal ob berechtigt oder nicht) vorzuwerfen, dass er sich keine Gedanken macht, dass der ÖPNV ja trotzdem Geld kostet und das Geld irgendwo herkommen muss.”

    > Wenn Sie Sachverhalte so weit herunterbrechen, daß diese anschließend
    > falsch dargestellt werden, und das auch noch mit voller Absicht,
    > dann haben Sie Ihren Beruf verfehlt.

    Richtig. Aber wo habe ich die Forderungen der Piraten falsch dargestellt? Ich habe sie nur anders bezeichnet, um damit das von den Piraten geforderte Konzept besser und verständlicher zu erklären.

  60. “Die Piraten argumentieren allerdings: Sie würden gar keinen “kostenlosen” Nahverkehr fordern, weil das bedeuten würde, dass keinerlei Kosten entstehen.”

    Aha. Wo genau argumentieren die denn so?

    Wenn Sie Sachverhalte so weit herunterbrechen, daß diese anschließend falsch dargestellt werden, und das auch noch mit voller Absicht, dann haben Sie Ihren Beruf verfehlt.

    Als Analogie fällt mir auf Anhieb ein, daß Sie dann auch behaupten müssen, der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk sei kostenlos.