Historie: Wie die taz ins Internet kam

"Intuitiv zu bedienen": Der erste Online-Auftritt der taz

“Im Rahmen des beschriebenen Projektes konnte demonstriert werden, dass die Bereitstellung eines aktualisierten, WWW-gestützen Online-Angebots für eine Tageszeitung weitgehend ohne zusätzlichen Personalaufwand möglich ist”, schrieb Dirk Kuhlmann im Jahr 1996 in seiner Studienarbeit (PDF) für die Technische Universität Berlin. Unser erster Online-Auftritt war also ein Projekt eines Studenten, der dabei von der Technik- und Archivabteilung der taz, vor allem Ralf Klever, unterstützt wurde. Kuhlmann entwickelte für uns ein System, das täglich vollautomatisch alle Artikel aus der gedruckten taz im Internet veröffentlicht. “Es soll eine Dienstgestaltung gefunden werden, die intuitiv zu bedienen ist und eine möglichst einfache Navigation in der Dokumentenstruktur erlaubt”, so Kuhlmann in der Studienarbeit. Wenig intuitiv war hingegen die Adresse: http://www.prz.tu-berlin.de/~taz (aber immer noch besser als beim Spiegel, der anfangs unter http://muenchen.bda.de:80/bda/int/sponel.de erreichbar war).

Online waren die Texte genauso angeordnet wie in der gedruckten Ausgabe

Mit seiner Arbeit wollte Kuhlmann zum Beipiel auch untersuchen “ob und in welchem Umfang das Online-Angebot überhaupt angenommen wird”. Im Mai 1995 berichtete die taz über die neue Leseoption. Im Oktober 1995 hatte die Seite bereits durchschnittlich 1559 Leser am Tag, schreibt Kuhlmann. Laut einer Umfrage auf der Webseite las ein Drittel der Leser die taz von zu Hause “über vergleichsweise schmalbandige Verbindungen”, beim “derzeitigen Stand der Technik sind das Modems mit 14.400 baud”. Der monatliche Traffic bei der Technischen Universität für dieses Angebot lag bei 6 GB.

Am 12. Mai 1995 berichtete die taz erstmals über ihren Online-Auftritt

Zu Kannibalisierungseffekten auf die gedruckte Ausgabe kam es damals nicht: “Während des Projektzeitraums konnten weder positive noch negative Auswirkungen auf Abonnements- und Kioskverkaufszahlen festgestellt werden.” Die Umfrage ergab zudem: Etwa ein Viertel aller Teilnehmer konnte sich vorstellen, für ein elektronisches Abonnement zu bezahlen, und zwar in einer Größenordnung von durchschnittlich 15 DM pro Monat. “Solange keine bequemen Zahlungsverfahren und Mikroabrechnungsmethoden (Abbuchung von Kleinbeträgen pro angefordertem Artikel) zur Verfügung stehen, dürfte die Zahl jener Leser, die tatsächlich eine Abonnementsgebühr an die tageszeitung abführen würden, geringer sein”, so Kuhlmann.

Inzwischen gibt es solche bequemen Mikrozahlverfahren, trotzdem zahlt viel weniger als ein Viertel der Leser für taz.de. Aber auch wird Kuhlmann nicht überraschen, wenn er heute davon erfährt. Bereits 1996 schrieb er, es könne “eine mögliche systematische Verzerrung des Ergebnisses nicht ausgeschlossen werden: Denkbar ist, dass die antwortenden Personen durch bewusst falsche Angaben die Chancen für eine Weiterführung des Online-Dienstes zu erhöhen versuchen.”

Das Leserforum

Im Leserforum wurden im Verlauf von vier Monaten 164 Leserkommentare geschrieben, also einer bis zwei pro Tag. Dabei bezogen sich nur 13 Leserkommentare auf andere Leserkommentare. “Das elektronische Leserforum wurde demnach fast ausschließlich in der Art und Weise traditioneller Leserbriefe (d.h. als Forum für Statements) genutzt, weniger im Sinne einer USENET-Newsgroup (d.h. als Forum für Diskussionen).”

Viel häufiger nutzten die Leser dagegen die Möglichkeit, über die Webseite E-Mails an die taz zu schicken. “Während der Anfangsphase des Projekts waren die taz-internen Zuständigkeiten zur Bearbeitung von E-Mails noch nicht ausreichend geregelt.” Sie wurden daher offenbar nicht von der taz, sondern an der Prozessrechnerverbundzentrale der TU Berlin bearbeitet, was mehrere Stunden pro Tag in Anspruch nahm. “Unserer Erfahrung nach erfordert die (inhaltliche) Bearbeitung der Lesermitteilungen und -anfragen jedoch ein Vielfaches jener Zeit, die für die laufende (technische) Wartung des Angebots nötig ist.”

Eine eigene Online-Redaktion hielt Kuhlmann für sinnvoll: “Obwohl der laufende technische Betrieb eines Online-Angebots ohne nennenswerten Personalaufwand möglich ist, deuten sowohl eigene Erfahrungen mit verschiedenen hypertextgestützten Zeitungen als auch eine Vielzahl von Leserbriefen darauf hin, dass zusätzlicher inhalticher Aufwand nötig ist, um eine Online-Tageszeitung attraktiv und benutzerfreundlich zu machen.” Trotzdem behielt die taz das Grundkonzept von Kuhlmann noch bis zum Jahr 2007 bei: Jeder Artikel aus der gedruckten Ausgabe wurde automatisch online gestellt. Erst danach gründete die taz eine eigene Redaktion, die die Artikel noch einmal onlinegerecht aufbereitet, also zum Beispiel mit Bildern und Links versieht.

Kommentare (3)

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  2. Pingback: Zeitungen mögen sterben, der Journalismus wird es nicht | taz Hausblog

  3. Ich weiss nicht wann ich angefangen habe regelmäßig online zu lesen, ich schätze vor ca 10 Jahren Es war ein toller Sevice der Taz alles online zu stellen. Damals gab es auch noch intelligente Kommentare von LeserInnen. Leider sind die Kommentare seit einigen Jahren oft unterirdisch, das liegt an Eurem Erfolg und Eurer Reichweite. Es wird Zeit, dass bei der Taz nur noch nach Anmeldung kommentiert werden kann und noch besser wäre es wenn nur AbonentInnen kommentieren dürften. Für die macht Ihr schließlich die Zeitung. Sämtliche rechten Deppen und Trolls wäre so sofort draußen.