Zeitungssterben: Springer geht zügig voran

Karl-Heinz RuchDen vom Axel Springer Verlag angekündigten Verkauf von Traditionszeitungen und Zeitschriften kann man auch als ein Zeichen der Verzweiflung sehen, jetzt zu handeln und nicht abzuwarten. Die Strategen bei Springer sind wohl zu Recht der Meinung, dass das, was wir bisher als Zeitungskrise erlebt haben, immerhin verbunden mit einem Auflagenrückgang bei der Bild um 36 Prozent in zehn Jahren, nur Vorgeplänkel war. Der Niedergang des Gewerbes der gedruckten Zeitungen wird noch ganz andere Dimensionen annehmen.

Warum nicht die schon immer defizitäre Welt aufgegeben wurde, sondern gestandene regionale Tageszeitungen wie das Hamburger Abendblatt, lässt sich einfach beantworten. Für die Welt hätte man nichts bekommen, für die Traditionsmedien immerhin fast eine Milliarde. Das Geld wird man gut gebrauchen können für den nun kommenden Überlebenskampf der Marke Bild.

Angesichts der weiter zu erwarteten Umsatzeinbrüche bei Auflagen und Werbeeinnahmen und hoher Investitionen in die digitale Transformation schaut man auch in anderen Verlagshäusern genauer, wie lange denn das Geld noch reicht.

Bei der FAZ, im Eigentum einer Stiftung, „seien die Rücklagen beruhigend hoch“, so ihr Herausgeber Schirrmacher im Spiegel. Als FAZ-Leser hört man das gern. Ob das bei der Süddeutschen Zeitung ebenso der Fall ist? Erst 2008 wurde beim Süddeutschen Verlag die Mehrheit der Gesellschafteranteile von der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) übernommen, was dort die Bankverbindlichkeiten in der Bilanz um eine halbe Milliarde in die Höhe schießen ließ und heute immer noch zu hohen Zinslasten führt.

Die „Kapitalfrage“, also die Frage, wo die Mittel für den Transformationsprozess der Zeitungen ins digitale Zeitalter herkommen, wird immer mehr Bedeutung gewinnen. In den nächsten Jahren werden wir einen verschärften Konzentrationsprozess bei den Zeitungen erleben.

Bei der taz haben wir die Kapitalfrage nach dem Wegfall der Berlinförderungen vor gut 20 Jahren diskutiert. Wir haben uns gegen einen Investor und für eine Genossenschaft entschieden. Heute sichern bald 13.000 GenossInnen mit ihren Einlagen die taz. Wir konnten damals nicht ahnen, dass dieses Modell sehr gut ins Internetzeitalter passen würde.

 

Karl-Heinz Ruch, taz-Geschäftsführer, analysiert regelmäßig die Medienwirtschaft in der Krise

Kommentare (10)

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  1. seien wir doch ehrlich. auch hier wurde der umstieg auf das internetzeitalter verpennt. die veränderung ist eben wie in der mode.
    an einem tag sind ledergürtel, hosenträger, beanies IN, am nächsten Tag sind es v-Neck shirts oder jersey beanie.
    man muss mit der zeit gehen und zeitungen bieten null komfort und sind
    auch ein umweltproblem, was diesem zeitungssterben noch eine positive note verpasst. shenkyde

  2. Das Timing von Springer ist schon wirklich nicht schlecht, wenn auch wenig überraschend. Erst drückt man mit genügend Lobbyarbeit das Leistungsschutzrecht durch und kaum hat man sich rechtlich (gefühlt) genügend gegen die „Kostenloskultur“ im Internet abgesichert, fängt man an seine einzelnen Zeitungsableger zu versilbern, um im #Neuland kräftig investieren zu können. BILD+ war erst der Anfang. Da wird noch einiges folgen.

  3. Springer wird das Geld wohl weniger für den Überlebenskampf der Hetz- und Propaganda-Marke „Bild“ verwenden, denn dank der völligen Merkbefreitheit der Leser braucht man die schon immer praktizierte Schleichwerbung
    http://www.bildblog.de/tag/schleichwerbung-in-bild/
    nur etwas ausbauen und der Bild-Leser wird jeden überteuerten Sondermüll, dem man den Begriff „Volks-“ voranstellt, blind kaufen.

    Das Geld wird aber sicher für das schwarze Loch „Welt“ verbrannt werden, die durch den hektischen Verkauf der Schwesterblätter sogar ihrer Redaktionsgemenschaft beraubt wurde und damit noch mehr Verluste machen wird. Aber eigentlich sollten wir dankbar sein, dass es neben Bild mit der Welt noch einen Honeypot für Rechtskonservative gibt:
    http://www.der-postillon.com/2012/09/welt-online-in-wahrheit-trick-um-rechte.html

  4. Ich glaube Springer hat sehr klug entschieden .
    Es zeigt sich eine zu große Redundanz zwischen den einzelnen Zeitungen. Mehr Titel bringen im Internet nicht mehr Vielfalt. Es scheint mir sinnvoll, sich auf zwei Bereiche zu konzentrieren: Qualität in der „Welt“, die „Bild“ fürs Grobe, die Werbeblätter für den kleinteilig regionalen Markt.

    Wenn man im Print nicht die Zukunft sieht, dann ist das eine kluge Entscheidung.

  5. Pingback: Links oben: Reden wir über Zeitungen! - UNIVERSALCODE

  6. Die „Welt“ wurde behalten, damit Springer in 10 Jahren (wenn die Anbieterkonsolidierung abgeschlossen ist) profitabel überregionale Inhalte anbieten kann.

    Aktuelle journalistische Inhalte rechnen sich derzeit ja nur aus einem einzigen Grund nicht: Es gibt (noch) viel zu viele Anbieter.

  7. Damit steht die TAZ leider alleine da. Und es ist dringend noetig, dass Qualitaetsjournalismus wieder bezahlt wird! Dazu muss er fuer den Leser sichtbar werden. derzeit kann ich den Unterschied zwischen guter und schlechter (und damit billigerer) Recherche nicht erkennen, solange alles nur serioes ausieht! Dazu gibt es allerdings ein neues Projekt (Medienranking).
    https://www.facebook.com/#!/Medienranking

  8. Tja, in der Nische lässt sich die Krise gut überleben — das ist für die taz so und zeigt sich auch in allen anderen Wirtschaftsbereichen. Mach das, was Du machst, gut und genau so, wie die 10 Prozent, die Du erreichen kannst, es wollen — und strebe nicht danach, die 90 Prozent zu erreichen.
    Ändert aber alles nix daran, dass auch die taz sich tunlichst darauf vorbereiten sollte (und das ja auch schon mehr als die meisten anderen Medien es machen), dass das Ende des auf Papier gedruckten täglichen Mediums sicher ist.
    Spätestens wenn der große Knall kommt und mehrere große Blätter dichtmachen, werden sich damit auch die Kosten für Papier, Druck, Logistik etc. noch mal deutlich erhöhen. Aber das schöne daran: Das ist völlig egal. Die taz würde ich vermissen, die althergebrachte taz auf Papier und morgens im Briefkasten eher nicht.

  9. „Für die Welt hätte man nichts bekommen“…

    Köstlich, ja wahrscheinlich ist das so. Aber gerade dann hätte man damit ein Paket stützen können. Jedenfalls macht es wirtschaftlich keinen Sinn, sie zu behalten. Nicht mal Gratisexemplare für Vielflieger setzen sich in Abos um. Die WELT will keiner, weil niemand von den Investoren mehr so denkt wie deren Macher. Oh Friede, was bist du nur für ein rabenschwarzes Schaf !

    Die Genossenschaftsidee wird die TAZ wirtschaftlich langfristig tragen, aber auch nur wenn die Berliner Geschäftsführung sich endlich einmal produktive Gedanken über eine föderale Verankerung zu machen bereit ist.
    Ich verstehe nicht, worin die Hemmungen liegen, in den zukünftig springerfreien Städten die TAZ mit realen Strukturen unterfüttert erblühen zu lassen. Wenn nicht jetzt, wann dann ? Sonst werden andere Investoren die riesige Springerlücke zu besetzen versuchen. Auch die können gute Ideen haben.
    Sonst bleibt sie ein Berliner Blatt unter vielen.

    • Ich finde die Welt eigenhtlich nicht so schlecht. Musste sie mal professionell lesen und sie war aus Schuelerzeitungsperspektive gut gemacht. Uebersichtlich und man fand und findet auch haeufig irgendetwas interessantes, das es woanders nicht gibt. Meinungen interessieren nie.