Sind unsere Fragen an Rösler rassistisch?

Meine Kolleginnen Anja Maier und Sabine am Orde haben ein Interview mit dem Vizekanzler und FDP-Parteivorsitzenden Philipp Rösler geführt, in dem es in vielen Fragen um seine Herkunft aus Vietnam und sein asiatisches Aussehen geht. Dutzende Hausblog-Kommentatoren sind empört. Heike Schmitt meint etwa:

Diese Fragen und dieses Interview ist eine bodenlose Frechheit. Warum möchten Sie es nicht kapieren: Hr. Rösler ist und fühlt sich als Deutscher; er ist hier aufgewachsen, von deutschen Eltern erzogen, seine Muttersprache IST deutsch – ihn immer und immer wieder auf sein asiatisches Aussehen anzusprechen, ist ohne Worte. Das wäre, als würde man jedes Interview mit Hr. Westerwelle mit Fragen zur Homosexualität kombinieren

Und Ralph Lange schreibt auf Twitter:

Die Fragen der taz sind rassistisch

Diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Wir stellen Röslers Eignung nicht wegen seines Aussehens in Frage. Sondern wir sprechen an, dass andere das offenbar so sehen. Das Thema des Interviews sind die rassistischen Diskriminierungen in dieser Gesellschaft. Gleich unsere erste Frage lautet: „Herr Rösler, welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, dass Andere Probleme mit Ihrem asiatischen Aussehen haben?“ Im weiteren Verlauf des Interviews geht es um Hassmails, um die Bezeichnung als „der Chinese“ und um Rainer Brüderles Vergleich von Bambusrohr und Eiche. Nach meiner Überzeugung ist Rassismus ein Problem in dieser Gesellschaft, über das man offen reden sollte. Und zum Thema Rassismus sollten nicht nur Weiße zu Wort kommen, sondern auch Betroffene.

 

Zum Vorwürf, wir würden Röslers Aussehen „immer und immer wieder“ ansprechen, habe ich unser Archiv durchgesehen. In diesem Jahr haben wir 173 Artikel veröffentlicht, in denen Philipp Rösler auftaucht. In genau fünfeinhalb dieser Artikel wird seine Herkunft erwähnt. Zum ersten Mal am 8. Februar in einer Kurzmeldung:

FDP-Mann moniert Röslers Herkunft

 

Wiesbaden | Hessens FDP-Landeschef und Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn hat die Akzeptanz von FDP-Vizekanzler Philipp Rösler wegen dessen vietnamesischer Herkunft infrage gestellt. „Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren“, sagte Hahn der Frankfurter Neuen Presse. Die SPD im Hessischen Landtag sprach von einer „stillosen Entgleisung“.

Am nächsten Tag erwähnten wir Röserls Herkunft erneut in einem Artikel über die Reaktionen, die dieses Zitat auslöste. Ein Auszug:

„Herr Hahn scheint nicht alle beieinanderzuhaben“, schimpfte SPD-Parteichef Sigmar Gabriel, es handele sich bei seinem „unglaublichen Satz“ um „versteckten Rassismus“. Der Grünen-Politiker Volker Beck forderte die Liberalen auf, eine Debatte über ihre parteiinterne gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu führen – „egal ob es um Sexismus oder Rassismus geht, die FDP ist dazu unfähig“. Und Linksparteichef Bernd Riexinger forderte den Rücktritt Jörg-Uwe Hahns.

Am gleichen Tag erschien ein Kommentar von Anja Maier. Ein Auszug:

Das Problem der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in seiner Partei sollte der Parteivorsitzende besser nicht wegdiskutieren wollen. Die liberale Wagenburgmentalität – das hat die unterdrückte Sexismusdebatte über den designierten Spitzenkandidaten Rainer Brüderle gezeigt – macht die FDP für tatsächlich liberal denkende Bürger letztlich unwählbar. Die Wählerinnen und Wähler haben ein feines Gespür dafür, wo es zur politischen Kultur gehört, sich auf Kosten gesellschaftlicher Randgruppen zu profilieren. Seien es Frauen, Behinderte – oder ein Parteichef mit migrantischer Biografie.

Zwei Tage später thematisierten wir Röslers Herkunft erneut, diesmal in einem Interview mit Friedrich Küppersbusch, in dem wir diese Frage stellten:

Der hessische FDP-Vorsitzende und Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn hatte infrage gestellt, ob die Gesellschaft einen „asiatisch aussehenden Vizekanzler“ noch länger akzeptiere. Tickt der noch ganz richtig?

Am 7. Mai führen wir ein Interview mit Christopher Kerkovius, 2006 Landtagskandidat für die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern, der auf Facebook über Rösler geschrieben hatte: „Schade dass die NSU-Gruppe sich nicht solche vorgenommen haben, denn das wäre nicht so schlimm.“ Als Kerkovius zu Beginn des Interviews abstreitet, ein Rassist zu sein, thematisieren wir Röslers Herkunft:

Entschuldigen Sie, aber einem vietnamesisch-stämmigen Politiker ein rechtes Mordkommando hinterherzuwünschen, ist rassistisch.

Und schließlich am 12. Juni ein Artikel über Rolf Kleine, den Pressesprecher von Peer Steinbrück:

Anlässlich der Wahl in Niedersachsen hatte der 52-jährige Exjournalist unter ein Foto des früheren vietnamesischen Verteidigungsministers Võ Nguyên Giáp geschrieben: „Die FDP ist wieder da!“ – offenkundig eine Anspielung auf FDP-Chef Philipp Rösler. Damit habe Kleine „sich schon vor Dienstantritt als Alltagsrassist“ entpuppt, empört sich nun der JuLis-Vorsitzende Lasse Becker. „Wir fordern Peer Steinbrück dazu auf, seinen neuen Pressesprecher umgehend wieder zu entlassen!“

Diesen Artikel zähle ich nur halb, weil wir darin genaugenommen nicht explizit über Röslers Herkunft geschrieben haben. Dort steht nur, Steinbrücks Sprecher habe mit dem Foto des früheren vietnamesischen Verteidigungsministers „offenkundig eine Anspielung“ auf Rösler verbunden. Dass diese Anspielung auf der Herkunft und dem Aussehen beruht, erschließt sich nur dem Leser, der das bereits weiß. Für den Leser, der das weiß, wird jedoch eindeutig Röslers Aussehen thematisiert.

 

Mein Fazit: Wir erwähnen Röslers Aussehen, wenn es eine gesellschaftliche Debatte darum gibt. Wenn es also von anderen thematisiert wird und es daraufhin Rassismus-Vorwürfe gibt. Genauso wie auch jetzt in dem umstrittenen Interview.

 

Zur Diskussion: Bitte hier lang, die Debatte wird dort an einer Stelle gebündelt. Die Kommentarfunktion ist daher unter diesem Artikel geschlossen.

 

Siehe auch Timo Reinfrank von der Amadeu-Antonio-Stiftung findet die Fragen sehr wohl rassistisch