vonandreas bull 29.06.2015

taz Hausblog

Wie tickt die denn? Der Blog aus und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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36 inhaltlich wie wirtschaftlich bewegte Jahre liegen hinter der taz, dass sie heute noch existiert verdankt sie ihren LeserInnen und GenossInnen. Zeit für eine Bull-Analyse dessen, was in dieser Zeit passiert ist.

Eigentlich sollte die taz bereits in ihrer Gründungsphase als Genossenschaft organisiert werden. Doch Ende der 70er Jahre waren Genossenschaften alles andere als innovativ, das Führungspersonal der Prüfungsverbände, bei denen Genossenschaften zur Genehmigung ihrer Gründung obligatorisch Mitglied sein mussten, konnte mit den ungewöhnlichen Vorstellungen der taz Aktivisten nichts anfangen.

Um dennoch anfangen zu können – „wir warten nicht auf bessere Zeit(ung)en“ – wurde eben ein Verein gegründet, aus dessen Reihen treuhänderisch Gesellschafter für wirtschaftlich tätige GmbH’s gefunden wurden. Kapital, um Maschinen zu beschaffen und die Herstellung der ersten Ausgaben vorzufinanzieren, gab es nicht.

„Wir verkaufen die taz – an unsere LeserInnen“

Das Geld dafür stammte aus Abonnements, die von etwa 7.000 Leuten vorab bestellt worden waren, die einmal LeserInnen der taz werden wollten. Die Mittel so zu verwenden, war nicht legal, aber erfolgreich, denn letztlich konnten die mit den Abonnementverträgen eingegangenen Lieferverpflichtungen durch die Einnahmen aus den steigenden Verkäufen der ersten Zeitungen erfüllt werden. Schneeballsystem.

Zehn Jahre darauf war die finanzielle Lage nicht grundsätzlich besser. Zwar war mit dem überaus glücklichen Kauf der Immobilie direkt an der gerade gefallenen Mauer eine Stille Reserve zu dem mittlerweile wertvollen, aber nicht bewertbaren Titel „taz“ gekommen, aber ob der Verlag nicht dennoch im wirtschaftlichen Sinne überschuldet war, ist nie bis zum Ende überprüft worden.

Ein Sozialdemokrat als Mentor – ausgerechnet

Obwohl es im Vorfeld der innerbetrieblichen Auseinandersetzungen über den Weg des Projekts aus der andauernden Krise beinahe dazu gekommen wäre. Immerhin hatte sich ein Teil der Belegschaft mit dem schon damals irrlichternden Rechtsanwalt Horst Mahler bewaffnet, um sich mit Plänen, die taz durch den Verkauf an einzelne aufgeklärte linksliberale Vermögende zu sanieren, durchzusetzen.

Und dann kam Olaf Scholz. Auf dem langen Marsch durch die Institutionen war mit dem jetzigen Hamburger Regierenden eine neue Generation in die Spitze des „Revisionsverbandes Deutscher Konsumgenossenschaften“ vorgedrungen und half der taz, eine maßgeschneiderte Satzung zu formulieren.

(c) Grafik: infotext-berlin.de
taz Genossenschaftsmitglieder und -kapital im Vergleich: 1992 vs. 2014 (Anklicken zum Vergrößern) | (c) Grafik: infotext-berlin.de

Es galt, die Unabhängigkeit der Redaktion gegenüber Interessen von Kapitalgebern abzusichern, einen weitgehend unbürokratisch zu organisierenden Kapitalzuwachs zu ermöglichen und besondere Mitbestimmungsrechte der Mitarbeitenden, die ja immerhin über Jahre hinweg der taz zu ihrer jetzigen Bedeutung verholfen hatten, zu gewährleisten.

Mitte April 1992 wurde „taz, die tageszeitung. Verlagsgenossenschaft eG“ ins Handelsregister eingetragen, eine Konsumgenossenschaft der Lesenden mit einem Kern Produktivgenossenschaft, mit dem die Mitarbeitenden Sonderrechte bei der Wahl des Vorstands und mit der „Versammlung der Mitarbeitenden“ exklusiv über ein eigenes gesellschaftsrechtliches Organ verfügen.

Gemeinschaft der Vielen

„Wir verkaufen die taz – an unsere LeserInnen“. Das war angesichts des gerade überstandenen tazinternen Streits die Botschaft ans Publikum.

Auch wenn die Anteilnahme der neuen Eigentümer der taz an den unterschiedlichen inhaltlichen Positionen und Rettungskonzepten nicht ohne Ambivalenz war, die Ambition, das Projekt taz weiter zu fördern und solidarisch zu begleiten, war – und ist es mit steigender Zustimmung auch heute – ganz offensichtlich stärker.

Mittlerweile ist die taz eine so starke Gemeinschaft der Vielen geworden, dass sie mitten in der tiefsten Krise der Branche mit dem neuen Verlagshaus für die Redaktion ein Zeichen der Zuversicht bauen kann.

Mehr noch, die vergangenen Jahre seit Ausbruch der Wirtschaftskrise im Jahre 2008, verliefen auch wirtschaftlich (mit Ausnahme von 2012) ohne Verluste, eine Serie, die es in der Geschichte der taz zuvor nie gegeben hat.

Das Eigenkapital der taz in ihren Bilanzen ist derzeit zufriedenstellend. Der Erfolg der Genossenschaft sichert das Rückgrat des Projektes taz und die einzigartige Unabhängigkeit der taz-Redaktion. Wirtschaftlich kommt die taz also über die Runden – aber nur gerade so eben.

Keine Redaktion ohne Subskription

Die Mitarbeitenden tragen mit ihrem großen Engagement bei vergleichsweise niedrigem Lohnniveau täglich zum Gelingen des Ganzen das Entscheidende bei. Der wirtschaftliche Erfolg kann nur Bestand haben, wenn genug Einnahmen aus den täglichen Tätigkeiten erzielt werden.

An dieser Grundlage hat sich seit Beginn der taz nichts Wesentliches geändert: das Abonnement ist auch in Zeiten der digitalen Transformation der Gesellschaft die am besten geeignete Form, die professionellen Produkte des Redaktionskollektivs zu finanzieren.

Es ist die Subskription für noch nicht verfasste Texte, die man damit erwirbt und deren tägliches Erarbeiten durch die Redaktion erst ermöglicht wird.

Ganz gleich, welches Produkt Sie dabei für sich als am besten geeignet halten: ob es das Abo für die gedruckte Zeitung oder für dieselbe im digitalen ePaper oder ob es mit dem taz.zahlich-Abo die Publikation auf taz.de im Internet ist – Ihre taz-Redaktion ist auf Ihren regelmäßigen Beitrag angewiesen.

ANDREAS BULL, Geschäftsführer der taz

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http://blogs.taz.de/hausblog/2015/06/29/taz-geschichte-nicht-legal-aber-erfolgreich/

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