vonhausblog 09.05.2016

taz Hausblog

Wie tickt die denn? Der Blog aus und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Am 1. Mai feierte die Kontext Wochenzeitung im Stuttgarter Theaterhaus ihr fünfjähriges Bestehen mit einem Festakt. taz-Chefredakteur Georg Löwisch laudatierte zu diesem Anlass in Stuttgart den Kontext-KollegInnen. Im folgenden dokumentieren wir das Manuskript seiner Laudatio.

Löwisch geht darin auf ein Gespräch mit einem taz-Genossen ein, welcher in der wöchentlich der taz beiliegenden Kontext Wochenzeitung gelegentlich sogar „einen Hauch der jungen taz“ verspürt. Und er arbeitet vier Stärken der Kontext und ihrer MacherInnen heraus.

Liebe Geburtstagsgäste,
liebe Geburtstagskinder von Kontext!

Dass ich hier reden darf, ist ein doppelter Vertrauensbeweis. Einerseits, weil ich ein gebürtiger Freiburger bin, also ein Badenser. Bei uns in Freiburg sagt man natürlich nicht Badenser, bei uns ist ein gebürtiger Freiburger: ein Bobbele. Und als Bobbele bin ich trotzdem hier bei Euch ausgewachsenen Schwaben zum Geburtstag eingeladen, das ist schon mal toll.

Auch ein Vertrauensbeweis ist es, weil Kontext ja seinen eigenen Stolz hat. Die besten Artikel liegen zwar jede Woche auf vier Seiten der taz.am wochenende bei. Aber Kontext ist eben nicht ein Regionalteil der taz. Ihr möchtet nicht vereinnahmt werden, sondern achtet penibel auf Eure Autonomie.

Ich habe das gemerkt, als ich Josef-Otto Freudenreich im Januar vorgeschlagen habe, dass Kontext und die taz zur Landtagswahl ihre Kräfte zusammen tun können: und zwar unter gemeinsamer Flagge in einer taz.Kontext am Wochenende. Ganz vorn in der Zeitung, an prominenter Stelle, ich habe gedacht: Die wichtige Spätzle-Wahl, die Kontext-Kompetenz, das wird super, wir bringen Euch ganz groß raus!

Der Josef hat die gemeinsame Supersonderausgabe zur Landtagswahl dann hier in Stuttgart beraten und mir gemailt:

„Lieber Georg, wir haben deinen Plan in der Redaktion diskutiert, und sagen wir es mal so: Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Die Sorge, vom Dickschiff taz als Wahl-Beiboot vereinnahmt zu werden, ist einfach da. Susanne nennt das immer so nett ‚Beilaufböppele‘.“

Susanne Stiefel hat mir das vorhin erst erklärt, dass ein Beilaufböppele ein Begriff aus dem Stricken ist. Immerhin endete Josefs Mail dann so:

„Wir werden das schon gebacken kriegen, wir müssen schließlich zusammen halten in diesen wilden Zeiten.“

Wir haben es gebacken gekriegt, wir haben uns gemeinsam reingehängt und, wie man hier in Stuttgart sagt, gut zusammen geschafft, wir haben sogar das Lay-Out gemischt. Dann kamen noch gleich drei Diskussions-Veranstaltungen zur Landtagswahl dazu, eine war hier im Theaterhaus. Alles immer auf Augenhöhe, und mir hat es Riesenspaß gemacht. Wir haben Euren Geburtstag schon gemeinsam vorgefeiert.

Fans in ganz Deutschland

Und jetzt geht Ihr noch einen Schritt weiter. Ich darf hier reden. Ohne dass Ihr den Verdacht habt, dass ich Kontext dadurch vereinnahmen wollen könnte. Und Ihr habt Recht: Das Bobbele versteht schon, dass das Beilaufböppele gar keins ist.

Sondern eine Zeitung, die viele genauso gern mögen wie die taz.

Was viele überrascht: Kontext hat in ganz Deutschland Fans, nicht nur in Baden-Württemberg. Damit Euch klar ist, dass das nicht nur so ein Geburtstags-Zuckerguss ist, mit dem ich Euch überziehe, mache ich es ganz konkret. Ich habe nachrecherchiert.

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Georg Löwisch bei seiner Laudatio am 1. Mai 2016 im Theaterhaus Stuttgart

In Mainz lebt ein Mann namens Wolfgang Martin-Beyer. Wolfgang Martin-Beyer stammt nicht aus Stuttgart, auch nicht aus Mutlangen oder Freiburg oder sonstwo aus Baden-Württemberg. Er ist Pfälzer. Bis vor ein paar Jahren Lehrer, jetzt im Ruhestand. Und langjähriger taz-Genosse ist er auch.

Am Samstag steht Wolfgang Martin-Beyer um 7 Uhr auf und holt sich die taz.am wochenende aus dem Briefkasten. Er schaut sich den Tom-Comic an, dann beginnt er das Kreuzworträtsel, dann geht er Joggen. Später macht er sich einen Tee, Darjeeling, First Flush. Seine Frau sitzt schon im Wohnzimmer, und sie teilen sich die Zeitungseiten. Die taz.am wochenende ist umfangreich, es sind genug Seiten für beide da. Wolfgang Martin-Beyer nimmt sehr gerne die vier Seiten heraus, die keine Beilage ist, sondern eben eine eigene Zeitung. Die Kontext: Wochenzeitung.

Ich möchte hier zitieren, was Wolfgang Martin-Beyer uns gemailt hat.

„Ich lese oft und vieles in Kontext, obwohl ich kein Stuttgarter, auch kein Baden-Württemberger bin. Die Schreibart ist nicht so professionell journalistisch wie inzwischen auch in der taz: nicht so viele Klugheiten, (Besser-)Wissereien, Gewissheiten, nicht so viele Satzbausteine, Formeln, Leer-Intellektualismen, die unbegründet bleiben.“

Jetzt kommt noch ein Satz, der mich stutzig gemacht hat:

„Oft weht mich in Kontext ein Hauch der jungen taz an.“

Ein Hauch der jungen taz: Das liest sich ja schon so, als ob die taz, na ja, ganz schön alt sei. Kontext: leidenschaftlich, jugendlich, unabhängig. Und die taz und ich? Bloß Bobbele vom Berliner Böppele.

Ich habe mit Wolfgang Martin-Beyer das Gespräch gesucht. Und nicht nur über die taz, sondern auch über Kontext. Was schätzen Sie? Was ist bedeutsam? Es ist ein intensives Gespräch unter Genossen geworden. Und wir haben darin für diesen Geburtstag herausgearbeitet, was das Großartige an Kontext ist.

Stärke 1: Das Überleben von Kontext ist rekordverdächtig.

Die Robustheit von Kontext ist deshalb phänomenal, weil lokale oder regionale Zeitungsgründungen nie lange überlebt haben. Nirgendwo ist die Pressekonzentration so stark wie im Lokalen. Wer sich eine Deutschlandkarte der Zeitungen anschaut, sieht die Struktur, die man Einzeitungs-Kreis nennt. Ein Landkreis oder eine kreisfreie Stadt, wo sich die Einwohner nur über eine Zeitung informieren können, was vor Ort passiert. Das ist in mehr als der Hälfte der 400 Städte und Kreise so. Man nennt das auf Deutsch auch: Monopol. In Stuttgart nennt man es anders: SWMH [1].

Weil es lokal und regional schlecht aussieht mit der Vielfalt, gab es in Deutschland viele Zeitungsinitiativen im Lokalen. Und auch heute engagieren sich Journalistinnen und Journalisten vor Ort mit Zeitungen, Magazinen und Blogs, regional, lokal und hyperlokal. In den Gründerjahren der taz, in den Achtzigern, gab es auch viele lokale Initiativen. Damals war ich noch ein Schulkind in Freiburg. Aber wenn ich später als taz-Reporter herumgereist bin nach München, in die Oberpfalz oder nach Heidelberg, haben mir immer wieder Leute erzählt, wie sie an kleinen taz-Projekten mitgearbeitet haben.

Aber ansonsten gibt es unzählige gescheiterte Projekte. Josef-Otto Freudenreich hat Anfang der Achtziger die Karlsruher Rundschau mitbegründet, und es ist nicht gut ausgegangen. Es sind meist Geschichten, die mit großem Engagement begonnen haben und dann ziemlich traurig enden. Mir ist die Görlitzer Allgemeine in Erinnerung, 2004 hat eine Familie mit ihr die riesige Sächsische Zeitung herausgefordert. Nach 37 Ausgaben war Schluss.

Also: Es ist eine fast einmalige Leistung, dass Kontext jetzt schon fünf Jahre alt ist. Man müsste die Jahre von regionalen Zeitungsprojekten immer mindestens mal drei nehmen. Das hier ist also in Wahrheit der 15. Geburtstag!

Stärke 2: Kontext berichtet über die vierte Gewalt.

Woran erkennt man Pressekonzentration? Man erkennt sie schnell an der Berichterstattung über die Presse selbst. Das ist Journalismus über Medien, der Medienjournalismus. Wenn es ihn nicht gibt – wer soll dann die Presse kontrollieren?

In Monopolgebieten wird erstmal die Berichterstattung über Schwesterfirmen und Tochterfirmen des eigenen Verlagshauses abgestellt. Oder aus der Medienseite wird eine verkappte Reklameseite. Oder es gibt Gefälligkeitsberichte über Geschäftspartner und Freunde des Verlegers.

In Kontext sticht der Medienjournalismus geradezu hervor. Das Kreuz mit der vierten Gewalt, so heißt ja ein Kapitel im Jubiläumsband. Unabhängige Berichterstattung über Presse, Radio und Fernsehen tut gerade hier in Baden-Württemberg Not. Sie wissen das aus Kontext.

Was sagt der Mainzer taz-Genosse Wolfgang Martin-Beyer? „Die Pressekonzentration frisst sich durch die Landschaft.“ Und darüber schreibt: Kontext.

Stärke 3: Kontext ist Provinz im besten Sinne.

Wolfgang Martin-Beyer sagt, dass er in Kontext die Provinz findet. Er sagt, das sei wohltuend. Er wohnt ja selber in der Provinz. Und ich ja auch: Denn welche Stadt ist provinzieller als Berlin?

Provinz, das ist ein Kompliment.

Es braucht die Berichterstattung über die große Politik, es braucht die Auslandsberichterstattung, aber es braucht eben auch den Blick in die Provinz.

Ein rein zentralistischer Journalismus macht gern mal alle gleich. Vor allem alle außerhalb der Zentrale. Aber Deutschland ist kein Klub der Gleichen. Das sehen wir ja an der Bewegung gegen Stuttgart 21, das sehen wir am Kretschmann-Phänomen.

Deshalb tut der Blick von der Provinz in die Provinz gut. Dieser Blick kommt fast immer ohne Arroganz aus. In der Provinz schaut man seinem Gegenüber in die Augen, bevor man schreibt. Und nachdem man geschrieben hat. Der Blick aus der Provinz ist kein Blick aus der Ferne, sondern man schaut um sich herum. Der Blick von der Provinz in die Provinz ist scharf, aber trotzdem liebevoll.

Stärke 4: Kontext ist Leidenschaft.

Wolfgang Martin-Beyer, der taz-Genosse aus Mainz, sagt: „Ich spüre es, wenn die in Stuttgart was aufregt.“

Er sagt: „Die erleben Journalismus als etwas ganz tolles!“

Er sagt: „Das ist der Hammer!“

Und so ist es, liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde von Kontext.

Ich möchte Euch ganz herzlich gratulieren!

Der Redaktion, aber auch dem Verein. Denn ohne Verein und Community, das ist wie bei
der taz und ihrer Genossenschaft, ohne so eine Basis von Unterstützerinnen und Unterstützern schafft es so ein Projekt nicht.

Und Ihnen, liebe Gäste gratuliere ich dazu, dass Sie so eine Zeitung haben.

Wir sehen uns in fünf Jahren!

GEORG LÖWISCH, Chefredakteur der taz

 

Fotos: Kontext Wochenzeitung

[1] SWMH: Südwestdeutsche Medienholding, Anteilseignerin u.A. der Süddeutschen Zeitung, der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten

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kommentare

  • Herr Löwisch, liebe TAZ
    „Man“ sagt nicht nur in Friburg nicht „Badenser“-
    „man“ sagt es überhaupt nicht.
    Bad-e-ner Nördlich von ca Bühl -Baden-Baden, Bad-n-er Südlich davon in Ihrem Herr löwisch in MEINEM Alemannischen teil Badens !
    Baden-s-er war ist und bleibt eine Verunglimpfung die ich partout nicht akzeptiere und welche Ihr von der TAZ nicht nötig habt !
    Wenn der Raktionäre Blödmann Fleischklopper vom SPIEGEL von seiner uneinsichtigen Unverschämtheit, alle Baden-Württemberger hätten Schwaben zu sein anstatt zur Einsicht zu gelangen dass die schwaben ein Minoritärer Teil der alemannischen Familie waren sind und bleiben, dann ist dies das eine ! Dass aber SIE als gebürtige Bobbeli ( mit I !- de Alemannischi Suffix und diminutiv isch „i“ und niemals das Schwäbische „e“ !!!) darauf nicht achten dafür fehlt mir jedes Verständnis ! Wenn NIEMAND wegen seiner Herkunft und Kulturellen Zugehörigkeit verunglimpft werden soll sondern Respekt zu beanspruchen hat, dann gilt dies wenigstens auch für MICH ! Und daran haltet euch gefälligst – Verdammt noch mal und AMEN !

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