Aus der Relaunch-Werkstatt (V): Kultur in guter Gesellschaft

von Andreas Rüttenauer

Ab 2. Oktober erscheint die neue taz. Bis dahin verraten wir ein paar Dinge über die Neugestaltung der Zeitung – heute geht es um die Seiten, die auf die Politikberichterstattung folgen, um das hintere Buch.

Es war im Jahre 2002. Ganz Deutschland sprach da über den Kannibalen von Rotenburg. Es ging um mehr als ein grausames Verbrechen, das es irgendwie zu verstehen galt. Die Gesellschaft stand auf dem Prüfstand. Was sagt es über das Land, in dem wir leben, wenn es Menschen gibt, die sich auf die Suche machen nach Mitmenschen, die sich verspeisen lassen wollen.In der taz tat man sich schwer, dafür einen Platz zu finden. Gesellschaftsthemen hatten es nicht leicht damals. Ein Jahr später war das anders. Das gab es ein neues Ressort: taz.zwei. Endlich gab es einen Platz für die Gesellschaft. Auf Seite 13 für eingroßes Stück, dahinter viele kleine Plätze für die Gedanken zur Zeit. Das hintere Buch der Zeitung hatte einen neuen Aufschlag.

Wenn am Montag die taz in neuem Outfit erscheint, wird taz.zwei wieder sein altes selbstbewusstes Gesicht haben. Die größeren Gedanken zur Zeit bleiben der Kultur vorbehalten. So wie es immer war. Was die Kulturschaffenden der Welt in ihren Werken über den Lauf der Welt zu sagen haben, braucht einen eigenen Platz. Hier geht es nicht um Gedanken, die sich alle machen, sondern um das Denken großer Denker, Theatermacher, Autoren und das Wirken von Musik auf die Zeitläufe.

„Gesellschaft,Kultur, Medien“ steht derzeit noch vor den Seiten des hinteren Buchs. Und natürlich gehört das irgendwie zusammen. Aber eben auch nur irgendwie. Und so sollen die Bereiche mit der neuen taz wieder mehr für sich stehen können. Das Feuilleton strahlt für sich selbst und der Gesellschaftsteil wird nicht in die Rolle eines Boulevardfeuilletons gedrängt. Die Dinge können sein, was sie sind.Wer genau hinschaut, wird auch sehen, dass sie auch heißen, was sie sind.

Das „Flimmern und Rauschen“ eines Röhrenfernsehers – da kennen die meisten Netflix-Junkies nicht mehr

Der Medienteil nannte sich seit jeher „Flimmern und Rauschen“. Nun mages gewiss noch Menschen geben, deren Empfangsgeräte noch keinen klaren Ton und kein sauberes Bild absondern, doch wird es kaum jemanden geben, der beim Wort Medien an das Sendersuchgeräusch eines Röhrenradios denkt. „Medien“ wird also über der Medienseite stehen. Und wer wissen will, wie am öffentlich-rechtliche Rundfunk rumgedoktort wird, soll hier ebenso bedient werden wie der Serienjunkie, der schon lange nicht mehr von Netflix loskommt.

Ja, auch das ist irgendwie Gesellschaft, aber was ist das eigentlich nicht? Um die Zukunft der Gesellschaft kümmert sich traditionell ebenfalls das hintere Buch. So soll es auch bleiben. Die Bildungsseite wird ihren Platz am Mittwoch ebenso behalten wie die Wissenschaft den ihren am Freitag. Kleinressorts sind das im Hausjargon – ebenso wie die „Leibesübungen“. Auch die Sportseiten behalten ihren angestammten Platz fast ganz hintenim hinteren Buch.

Auf diesen wird weiterhin die Reklame auf Trikots und Wer-bebanden unkenntlich gemacht. Die taz druckt nur Werbung, wenn sie auch dafür bezahlt wird. Ansonsten wird gnadenlos verpixelt. Da mag sich also noch soviel anders sein ab Montag, am Ende kommt sowieso die Wahrheit, die wahre Heimat aller Fake News, mit dem täglichen Touché von ©Tom. Der wird sein Layout ganz gewiss nicht ändern.

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