Gründung der taz: „Sogenannte Alternativpresse“

25. Oktober 1977, in einer Meldung befürchtet die FAZ, was später wirklich eintritt – das Entstehen einer radikalen, linken Tageszeitung.

Heute vor 40 Jahren: Auf der Seite 4 der Frankfurter Allgemeinen erscheint eine Kurzmeldung:

„Die sogenannte Alternativpresse, zu der sich zum Beispiel die Frankfurter Spontizeitschrift Pflasterstrand und der „Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“, ebenfalls Frankfurt, zählen, möchte Ende November oder Anfang Dezember ein Wochenendseminar durchführen, um zu diskutieren, ob sie nicht eine überregionale Tageszeitung gründen könne. Kontaktadresse für inhaltliche Beiträge und technische Informationen dazu ist das Büro des Berliner Rechtsanwalts Ströbele, gegen den die Staatsanwaltschaft am Landgericht Berlin Anklage wegen Unterstützung der ‚Roten Armee Fraktion‘ erhoben hat“.​

Überschrieben ist die Meldung mit der furchteinflößenden Frage: „Gründet ex­treme Linke eine ‚überregionale Tageszeitung‘?“​ Die Antwort, so viel darf man verraten, hieß: Ja, klar!

September und Oktober 1977, das war die Zeit, die heute als „Deutscher Herbst“ bezeichnet wird. Die RAF hielt den entführten Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer gefangen, eine Lufthansa-Maschine wurde am 13. Oktober nach Aden und später nach Mogadischu entführt. Die Bundesregierung hatte eine Nachrichtensperre verhängt. Und in Frankfurt hatte wie jedes Jahr im Herbst die Buchmesse begonnen.

Thomas Hartmann 1979 (rechts)

Dort, so erinnert sich der spätere taz-Redakteur Thomas Hartmann, hätten linke Zeitungsmacher zusammengesessen. „Die Stimmung war: Wir bekommen keinen Fuß mehr auf den Boden.“ Deshalb habe man das in der FAZ erwähnte Treffen verabredet. Wann genau das stattfand, weiß Thomas Hartmann nicht mehr, nur dass es in Frankfurt war. Deshalb wundert er sich, warum in der FAZ ausgrechnet der Berliner Christian Ströbele als Ansprechpartner genannt worden sei. Denn den habe er erst später kennengelernt.

Bis dahin sei die Initiative vor allem von den Frankfurtern ausgegangen. In der Stadt am Main habe es schon Monate zuvor die Idee gegeben, aus dem „Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“ eine tägliche Zeitung werden zu lassen – für den Raum Frankfurt. Das sei den ID-Leuten aber zuviel gewesen.

Das Treffen in Frankfurt ist für Thomas Hartmann bis heute das eigentliche Gründungsdatum der überregionalen tageszeitung. Diesen Namen habe man später nach langen Diskussionen beibehalten – man konnte sich auf keinen anderen einigen. Die erste Nullnummer der taz erschien am 27. September 1978. Ab dem 17. April 1979 erschien die taz täglich. Thomas Hartmann übernimmt sieben Jahre später als „Freigestellter​“ Koordinations- und Leitungsfunktionen und wird somit zum ersten, noch inoffiziellen Chefredaktuer der taz.

Und auch der schon in der FAZ-Meldung erwähnte Christian Ströbele spielte stets eine radikale Rolle – zum Beispiel als Lieferant beschmierter Brötchen in den ersten Jahren. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Gereon Asmuth

Foto: taz Archiv

 

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