vonhausblog 02.12.2016

taz Hausblog

Wie tickt die taz? Das Blog aus der und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Ein Besuch bei der taz.mit behinderung, die ihre Zelte im großen Konferenzraum der taz-Redaktion aufgeschlagen hat.

Ganz so mühelos klappt das dann doch nicht mit der Inklusion. Es ist 13.30 Uhr, im Konferenzraum der taz in Berlin wird über die Seite 1 entschieden. Am Tisch sitzen die RedakteurInnen, die für einen Tag die Zeitung übernommen haben, um sie herum steht die übliche Belegschaft – und hat die Diskussion fest im Griff. Die Schrift der Titelzeile links? Oder zentriert? Oder doch nur als Überschrift des Editorials? Endlich grätscht ein Redakteur dazwischen: „Warum lassen wir das nicht die entscheiden, die die Zeitung machen?“ Das tun sie dann auch. Die Chefredakteurin Judyta Smykowski und ihre KollegInnen nutzen den Raum, der sich für sie öffnet. Nach kurzer Diskussion steht fest: Die Titelzeile gehört ins Bild.

Die Ausgabe der freundlichen Übernahme, koordiniert von leidmedien.de, wird keine gewöhnliche Zeitung. Das sieht man schon bei der Produktion. Zwei großzügige Tischgruppen sind seit Wochenbeginn im Konferenzraum aufgebaut, für die RollstuhlfahrerInnen bleibt mehr Platz als in den Redaktionsbüros. An den Computern redigieren die AutorInnen mit Behinderung ihre Texte gemeinsam mit den RedakteurInnen ohne Behinderung. Ständig laufen Leute ein und aus, das Layout muss noch abgestimmt werden, letzte Bilder werden ausgesucht.

Die AutorInnen haben viel zu erzählen, jede und jeden treibt etwas anderes um. „Ich war auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs und wollte sehen, wie barrierefrei der ist“, erzählt Hannah-Louisa Schmidt. Sie sitzt in der Küche vor dem Konferenzraum und lächelt entspannt durch ihre Brille. „Der Getränkeausschank war zum Beispiel zu hoch, da kam ich aus dem Rollstuhl nicht ran.“ Auch in ihrem Alltag erlebt die Studentin Barrieren. Deshalb studiert sie Stadtplanung. „Ich finde es wichtig, dass diese Arbeit auch Leute machen, die wissen, wo die Hindernisse lauern“, meint Hannah-Louisa Schmidt. Sie wird auch auf der Titelseite der Zeitung zu sehen sein. Schmidt lacht ein wenig verlegen und sagt: „Das ist cool. Und ungewohnt, mal so im Mittelpunkt zu stehen.“

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Hannah-Louisa Schmidt bei der taz-Redaktionskonferenz anlässlich der taz.mit behinderung

Vorsichtig die Bewegungen, etwas unbeholfen das Ansprechen – man sieht den taz-RedakteurInnen die Unsicherheit an, die sie zu Beginn des Tages in der Begegnung mit den „Neuen“ verspüren. „Geb ich die Hand, gehe ich in die Knie, wie spreche ich über die Behinderung? Natürlich hatte ich Berührungsängste“, erinnert sich Paul Wrusch, Redakteur der taz. am wochenende. Gemeinsam mit Annabelle Seubert hat er die Produktion seit Wochenbeginn begleitet. Mittlerweile hat sich der Umgang normalisiert. Wrusch wundert sich: „Warum war ich so komisch, denke ich jetzt. Aber das ist dieses Projekt ja auch: ein Raum für Begegnungen.“

In der taz haben freundliche Übernahmen eine lange Tradition. 1987 produzierten SchriftstellerInnen die taz für einen Tag. In den Neunzigern gab es fast jährlich eine Übernahme aus verschiedensten Bereichen, in den letzten Jahren nicht mehr ganz so oft. Die Idee für die taz.mit behinderung kam der stellvertretenden Chefredakteurin Katrin Gottschalk im Juli. Sie nahm Kontakt zu den Leidmedien auf. Deren Mitarbeiterin Judyta Smykowksi, ebenfalls taz-Kolumnistin, fragte schließlich AutorInnen an, bestellte Texte und schaffte es, dass behinderte AutorInnen eine ganze Zeitung übernehmen.

Im Laufe des Nachmittags der Übernahme am Donnerstag wird der Umgang schließlich vertrauter. Anstatt sich mit den Hürden im Umgang aufzuhalten, vertiefen sich die „alten“ und „neuen“ RedakteurInnen in inhaltliche Diskussionen. Laura Gehlhaar zum Beispiel erzählt von ihrem nicht behinderten Freund. Weil sie auf eine Assistenz angewiesen ist, darf sie bisher nicht mehr als 2600 Euro besitzen. Wenn die beiden heiraten würden, dürfte das auch ihr Freund nicht mehr. „Da fühle ich mich angefasst vom Staat, und frage mich, was soll das? Ich will heiraten können wie jeder andere auch“, meint sie.

Ein Brief an Monika Grütters

Raul Krauthausen tippt auf seinem Laptop herum, auf den Ohren dicke Kopfhörer, damit ihn das Gewusel im Konferenzraum nicht ablenkt. Krauthausen hat leidmedien.de gegründet. In der täglichen Morgenkonferenz der taz um 9.30 Uhr, hatte er am Donnerstag die Sitekritik übernommen und sich anschließend spontan bereit erklärt, einen Kommentar zum neuen Teilhabegesetz zu schreiben. Dass die Vermögensgrenze angehoben wird, gilt vielen als positive Entwicklung. Dass behinderte Menschen vermutlich gezwungen werden können, in ein Heim zu ziehen oder sich die Pflegekraft zu teilen, wenn die eigene Pflege zu teuer wird, ist für ihn dagegen ein herber Rückschlag. „Ich meine, wir haben ja nicht mal auf Besserungen gehofft, wir wollten nur, dass das Gesetz nicht noch schlechter wird. Das war ein beispielloser Abwehrkampf“, erklärt er.

Mittlerweile hat es sich Christian Specht vor dem Konferenzraum auf dem Sofa gemütlich gemacht. „Ich habe eine Geschichte über Rollstuhlfahrer geschrieben, die sich verlieben tun“, erzählt das taz-Urgestein. Seit 1987 ist er fast täglich in der Redaktion und malt Bilder für seine Kolumne „Specht der Woche“. Heute ist er auch Chefredakteur der taz.mit behinderung. Entspannt berichtet er, seine Seiten sind schließlich schon fertig. „Manche Leute schauen komisch, wenn sich die Leute im Rollstuhl küssen tun.“ Dabei sei es doch normal, dass sie sich verlieben, findet Specht, der dazu auch Bilder in der taz. mit behinderung gezeichnet hat. Außerdem hat er der neuen Berliner CDU-Chefin Monika Grütters einen offenen Brief geschrieben. „Die CDU hat keine Gruppe, die für die Behinderten was macht. Das soll sie ändern. Und ich will, dass ein Behindertenvertreter in den rbb-Rundfunkrat kommt“, erklärt Specht.

Viel zu tun hat dagegen bis zum Schluss Judyta Smykowski. Bereits am Morgen hatte sie kurz für Aufsehen gesorgt, als sie der versammelten Redaktion verkündete, dass die Zeitung bis auf wenige Seiten schon fertig vorbereitet sei. Gegen fünf Uhr überarbeitet und korrigiert sie immer noch die letzten Texte. Den ganzen Tag schon sitzt sie konzentriert am Computer.

Ich habe die Texte geplant und Autoren gefragt, ob sie Lust haben. Und das Editorial habe ich noch schreiben“, erzählt Smykowski, als sie kurz von ihrer Arbeit aufblickt. Sie spricht besonnen, kein bisschen aufdringlich und arbeitet so unaufgeregt, als wäre es bei Weitem nicht die erste Ausgabe, die sie als Chefredakteurin betreut. Sie achtet auf jedes Wort, als Teil von leidmedien.de macht sie JournalistInnen auf diskriminierende Sprache aufmerksam.

Erst als die ersten Sektgläser bereits geleert sind und der Süßigkeiten-Tisch so gut wie leer gefuttert ist, lässt auch Judyta die Arbeit ruhen. Warum sie die taz.mit behinderung gemacht hat? „Es schreiben noch viel zu wenige Menschen mit Behinderung in den Redaktionen“, findet sie. „Hier haben wir die Kooperation eine Woche lang mal gelebt.“ Und dann fügt sie noch hinzu: „Wenn wir Vielfalt in der Zeitung haben wollen, dann brauchen wir erst einmal Vielfalt in den Redaktionen.“

KRISTOF BOTKA, Autor der taz

 

Titelbild: Die Chefredakteurin der taz.mit behinderung, Judyta Smykowski bei der Diskussion mit einer der Autorinnen der Ausgabe; alle Fotos: Anna Spindelndreier

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