vonhausblog 30.04.2019

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Am Montagabend, den 29. April, bekamen die taz-RedakteurInnen Malene Gürgen, Patricia Hecht, Christian Jakob und Sabine am Orde in der Wiener Hofburg, dem derzeitigen Sitz des oesterreichischen Nationalrats den Concordia-Journalistenpreis in der Kategorie Pressefreiheit, gemeinsam mit Kollegen der österreichischen Wochenzeitung Falter, dem italienischen Wochenmagazin Internazionale, der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborzca, der ungarischen Wochenzeitung HVG, der französischen Tageszeitung Libération und der Schweizer Wochenzeitung WOZ.

Sie alle haben gemeinsam das Journalistennetzwerk Europe’s Far Right gegründet, das sich mit den Rechtspopulisten in Europa beschäftigt.

„Das Bündeln der Kräfte über Grenzen hinweg ist im Sinne des Concordia Preises für Pressefreiheit journalistisch und verlegerisch vorbildhaft“, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Pressefreiheit in Ungarn oder Polen bereits stark eingeschränkt

Die europaweite Zusammenarbeit entspringe der Erkenntnis, dass kein Land vor Angriffen auf unsere Grundrechte gefeit sei, so die Jury weiter. Ansätze zur Beeinträchtigung, wie sie auch in Österreich und Deutschland zu beobachten seien, müssten kenntlich gemacht und abgewehrt werden.

Die erste große Recherche des Netzwerks behandelte die Medienstrategien der rechtspopulistischen Parteien in Europa und zeigte, wie weit die Pressefreiheit in Ungarn oder Polen bereits eingeschränkt ist.

Der Preis wird verliehen, nachdem die Angriffe der FPÖ auf den österreichischen ORF-Moderator Armin Wolf sich in den letzten Tagen stark zugespitzt hatten. Gastgeber der Preisverleihung ist der österreichische Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka von der ÖVP, dem Koalitionspartner der FPÖ.

 

Das ist die Dankesrede von Márton Gergely, dem leitenden Redakteur des ungarischen Wochenmagazins HVG:

„Als Ungar hat man es mit der Orientierung leicht. Man muss sich nicht weiter anstrengen. Unser Ministerpräsident ist nämlich immer bereit, seinen Bürgern Auskunft zu geben. Er hat auf alle Fragen eine Antwort oder, besser gesagt, ein Urteil. Wer ist zum Beispiel wirklich bemitleidenswert im Land? Die Antwort liegt auf der Hand: Natürlich ist es er selbst. Anfang dieses Jahres erklärte Orbán auf einer Pressekonferenz, er wache jeden Tag mit der Gewissheit auf, im Gegenwind der heimischen und internationalen Presse arbeiten zu müssen.

Wer gerne Rad fährt, wie zum Beispiel ich, der weiß, dass ein bisschen Gegenwind erfrischend wirkt. Nur wer ohne Anstrengung vorwärtskommen will, beschwert sich über den Wind.

Populisten mögen professionell geworden sein, sich besser tarnen, vernetzen und artikulieren, im Grunde aber sie sind vor allem eines: ungemein faul. Sie wollen es auf dem Weg an die Macht besonders leicht haben. Weil es eben am einfachsten ist, Angst zu verbreiten, Hass zu schüren und die Gesellschaft zu spalten, wählen sie diesen Weg. Wenn es dafür dann auch noch finanzielle Hilfe aus Russland oder auch anderen dubiosen Quellen gibt, nehmen sie diese dankend an. Man nimmt, was man bekommt. Das ist ihre Willkommenskultur. Erfinderisch ist das nicht gerade und es sollte ihnen dafür ein ohrenbetäubender Orkan ins Gesicht blasen. Nur passiert das leider nicht.

Wer doch dagegenhält, dem wird mit Konsequenzen gedroht, wie etwa Armin Wolf. Er hilft auch uns, Journalistinnen und Journalisten aus sieben verschiedenen Ländern, den Fokus nicht aus den Augen zu verlieren. Nur gemeinsam können wir uns notdürftig vor diesen Politikern, ihren Staatsanwälten und Oligarchen schützen. Heute stehen wir geschlossen hinter Armin Wolf. Er zeigt uns, wie unerschrocken auch wir sein sollten.

Heute sind wir hier in der wunderschönen Hofburg, in einem solchen Ambiente sollte man besonders höflich sein. Also bedanken wir uns zuerst einmal beim obersten Ungarn für die schmeichelhafte Beschreibung unserer Tätigkeit. Küss die Hand, köszönjük szépen! Wir nehmen diese Beschreibung gerne an, wir freuen uns, wenn er jeden Morgen an uns denkt. So sollte es sein. Wir alle – beim FALTER, bei der taz, in den Redaktionen der Libération, Internazionale, Gazetta Wyborcza, WOZ und HVG – wollen einen kräftigen Gegenwind mit unserer Arbeit erzeugen. Wir richten unseren Dank aber auch an all die anderen rechten Populisten, den Straches und Salvinis, Le Pens, Kaczyńskis und all den anderen Brüdern und Schwestern im Geiste Orbáns.

Heute bekommen wir den Preis, weil wir im vergangenen Jahr den rechten Rand der europäischen Politik zu unserem Schwerpunkt gemacht haben. Das machten wir, weil wir wichtige Veränderungen verstehen, erklären und beschreiben wollen. Das Phänomen der illiberalen Konterrevolution quer durch Europa ist unübersehbar.

Wir haben uns vernetzt, weil die Populisten sich in ihrer Abscheu gegenüber der Demokratie, den europäischen Werten und der grenzübergreifenden Solidarität selbst vernetzten. Sie wollen was abbauen, was die Menschen bis jetzt noch nicht verteidigen, weil sie die Gefahr noch nicht erkannt haben. Unsere Aufgabe als Journalistinnen und Journalisten ist es, die Menschen auf diese Entwicklungen aufmerksam zu machen. Was sie dann mit diesen Informationen, Recherchen und Analysen anfangen, sei ihnen überlassen. Der Leser ist der Souverän und so soll es bleiben.

Wir, kaum ein Dutzend Leute, vertreten heute hier stolz unsere Redaktionen, stellvertretend für Hunderte von Kollegen in Berlin, Rom, Warschau, Zürich, Paris, Budapest und, ja, aus der Marc-Aurel-Straße im ersten Bezirk von Wien.

Diese Populisten ziehen mit allem, was sie haben, gegen uns in den Krieg. Wir kämpfen aber nicht mit ihnen. Wir sind Journalisten, keine Krieger. Unsere Blätter sind voller spannender Geschichten aus aller Welt. Wir empören uns über Umweltsünder, wir hadern mit allen Parteien, wir streiten uns über Sachthemen, denken über kulturelle Ereignisse nach und freuen uns mit Katie Bouman, die das erste Mal ein schwarzes Loch auf einem Foto der Welt zeigen konnte. Das ganze Leben halt.

Im Gegensatz zum ungarischen Ministerpräsidenten wachen wir nicht mit dem Gedanken auf, wie wir es anstellen, uns bestmöglich zu präsentieren, wie es um unser Gesicht bestellt ist. Und genau das macht es aus, dass wir gesünder sind, als es der Medienbetrieb eigentlich zulässt.

Vielen Dank an den Presseclub Concordia für diese tolle Auszeichnung, vielen Dank für das Preisgeld, das direkt in die Produktion neuer journalistischer Inhalte fließt.

Wir freuen uns, dass wir aus großen Redaktionen so wenige sind, weil das letztendlich die wahre Wichtigkeit derer zeigt, die wir zu unserem Thema gemacht haben. Danke schön!“

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