http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/taz-Hauswand_Fallback.png

vonHelmut Höge 29.08.2006

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Grad traf ich mich im taz-café mit zwei „Wildcat“-Redakteuren, von denen der eine auf der Suche nach Kollektivierungsprozessen in Ostelbien unterwegs war. Mich wollten sie sprechen, weil ich in der Wende in einer LPG gearbeitet hatte und auch noch lange danach, eigentlich bis heute, mich für das Schicksal der umgewandelten LPGen interessiert habe. Zunächst sprachen wir jedoch über westdeutsche Landkommunen, wobei wir auf den „Vogelsberg“ kamen. Dort entstanden in den Siebzigerjahren besonders viele. Es gab in den frühen Achtzigerjahren sogar mal eine Suhrkamp-Studie über die Revitalisierung der hessischen Dörfer – einmal durch reiche Selbständige, die aufs Land zogen und zum anderen durch die gebildete aber eher arme Jugend, die sich dort in Bauernhäuser einmietete. Die hessischen Dorfsoziologen erwarteten sich gerade von dieser „Scene“ eine Wiederbelebung der „ländlichen Strukturen“. Damals mußte in jeder Sozialstudie das Wort „Struktur“ auftreten, so wie heute das Wort „Projekt“.

Gestern war hier bereits von zwei Vogelsberger Kollektiven die Rede: der Altenfelder Hof und der Palmenhof. Auf der Suche nach weiteren Kollektiverfahrungen verschlug es die Gelnhäuserin Eva Machnitzke und mich einmal bis hinter Wien – ins Burgenland: auf den Friedrichshof. Anschließend berichteten wir darüber im „Pflasterstrand“, der Frankfurter Spontizeitung, die im wesentlichen von im Vogelsberg lebenden Redakteuren gestaltet wurde:

„Der Sadeschen Gesellschaft (auf Schloß Silling z.B.) entspricht die Fouriersche Phalanstère: das gleiche Vorhaben, bis aufs Detail ein Internat zu erfinden, das sich selbst genügt; für beide das gleiche Bestreben, das Glück an einen endlichen und organisierten Raum zu binden; das gleiche Bemühen, die Menschen nach ihren jeweiligen Funktionen zu definieren und das Mitspielen dieser funktionalen Klassen nach einer genau ausgedachten Inszenierung festzulegen; das gleiche Bestreben, eine Ökonomie der Leidenschaften einzurichten; kurz, die gleiche ‚Harmonie‘ und sogar die gleiche ‚Utopie‘. Die Sadesche Utopie – wie auch die Fouriers – läßt sich sehr viel weniger an theoretischen Deklarationen als vielmehr an der Organisierung des alltäglichen Lebens ermessen; denn das Kennzeichen der Utopie ist das Alltägliche. Oder: alles Alltägliche ist utopisch: Stundenplan, Speisezettel, Kleidungsbestimmungen, Mobiliarangaben, Konversations- und Kommunikationsvorschriften – all das gibt es sowohl bei Sade als auch bei Fourier. Ihre Gesellschaften halten nicht nur wegen ihrer ‚Lustbarkeiten‘, sondern auch wegen ihrer Bedürfnisse zusammen: man kann daher eine Skizze von der Ethnographie ihrer ‚Dörfer‘ entwerfen.“ (Roland Barthes)

Vielleicht ist so etwas auch bei einer real existierenden „Utopie“ möglich. Die Aktions-Analyse-Kommune, auch „Muehl-Kommune“ genannt – nach ihrem Gründer Otto Muehl, zog Ende der Siebzigerjahre von Wien ins Burgenland, wo sie aus dem dortigen Gut „Friedrichshof“ ein ganzes Kommunedorf machte, das zu einem weithin bekannten Therapiezentrum gedieh.

Mit dem „Ökonomie-Chef“ des Projekts – Bernd Stein verabredeten wir einen Besuchstermin. Kurz vor unserer Abreise erschien in der Zeitschrift „Wiener“ ein PR-Artikel über den Friedrichshof: „Otto Muehl baut eine Stadt“, von einem Freund des Kommune-Gründers verfaßt. Überhaupt scheint der „Wiener“ den Friedrichshof und den „Wiener Aktionismus“ neu propagieren zu wollen – in ihrer nächsten Nummer zählen sie Muehl, Nitsch, Brus, Schwarzkogler und Oswald Wiener zu den „100 wichtigsten Österreichern der letzten 40 Jahre“, und im selben Heft wird die Premiere des ersten Spielfilms der Friedrichshofer: „Vincent“ (über Leben und Werk Vincent van Goghs) in der Wiener Hochschule für angewandte Kunst groß angekündigt.

Nachdem wir etliche burgenländische Tankstellenwarte nach der „Kommune“ gefragt hatten und eine Stunde durch die Parndorfer Heide gefahren waren, gelangten wir auf einem Feldweg zum Friedrichshof, der sich als Großbaustelle auf einem 30-ha-Areal entpuppte, und die vielen geschäftig dort herumlaufenden Kommunarden, die wie Bauarbeiter aussahen, erwiesen sich auch als Bauarbeiter – einer Firma aus dem Nachbardorf. Es dauerte eine Weile, bis Bernd Stein uns aus dem Informationsbüro abholte: da er gerade eine Kindergruppe betreute, musste erst eine Ersatzperson für ihn gefunden werden. Er erschien in Latzhose, aber duftete nach einem verführerischen After-Shave (ein Produkt, das neben anderen Kosmetikas auf dem Friedrichshof selbst hergestellt wird, für den eigenen Gebrauch und zum Verschenken, die Entwürfe für die Flaschen- und Dosen- Aufkleber stammen von Otto Muehl).

Wir begannen mit einer Betriebsführung. Sechs Männer waren gerade damit beschäftigt, neben der zentralen Heizanlage neue Bäume anzupflanzen, es waren Angestellte der „Kommune“, die auf dem Friedrichshof nur ihre Arbeitsstelle hatten. „Wir kommen jetzt in das Alter, in dem immer mehr von uns erben“, erklärte Bernd Stein, um uns die Beschäftigung der vielen Fremdarbeiter auf dem Gelände zu erklären. Dann kamen wir durch eine gerade fertiggestellte große Lagerhalle: sie sei von der letzten Erbschaft – „150.000 Mark und zwei Mercedesse“ – errichtet worden, erfuhren wir. In einer anderen Halle schichteten gerade mehrere Kommunarden angesammeltes und geerbtes Stückgut um, anschließend wurde der gesamte Lagerbestand in den neuen Computer gespeichert. In einem Teil des U-förmigen Gebäudes befand sich die Reithalle, in der im Winter therapeutische Reitkurse für behinderte Kinder stattfinden sollen. Des weiteren sind einige Werkstätten dort untergebracht: die Siebdruckerei und ein Atelier, in dem Leinwände auf Keilrahmen gespannt und grundiert werden (hauptsächlich für Muehl – „Otto malt wieder!“ hatte es in einer der letzten „AA-Nachrichten“, die bis 1978 erschienen, geheißen). Außerdem befand sich dort noch das Labor für Kosmetika, das von Sandro, einem ehemaligen Medizinstudenten und jetzigem Einkäufer, geleitet wird. Zur Zeit arbeitet er an der Entwicklung einer Zahnpasta: der „Zwölferrat“ (das oberste Leitungsgremium im „Dorf“) genehmigte ihm vor kurzem den Kauf eines Kühlaggregats, das im Sommer zur Herstellung von Eiscreme benutzt werden soll. Des weiteren ist die Entwicklung eines Lippenstifts und eines Verhütungsmittels (Schaum-Ovulum) geplant. Letzteres soll die bisher praktizierte Knaus-Ogino- und Präservativ-Methode ergänzen, bzw. „die sehr teuren, aber guten englischen Gleitmittel“ ersetzen. Bevor wir noch über die Anwendung dieser Paraphernalia in der „freien Sexualität“ der Kommune reden konnten (die Kommunarden bleiben sich nach außen hin absolut „treu“), drängte Bernd, der uns drei Tage lang betreute, weiter – zur Besichtigung des Wasserwerks, das von mehreren auf dem Gelände angelegten Brunnen gespeist wird. Zusammen mit dem Klärwerk machen sie den Friedrichshof in der Wasserversorgung von der nächsten Gemeinde – Zurndorf – unabhängig.

Man möchte sich irgendwann als eigene Gemeinde konstituieren, u.a. mit einem eigenen Standesamt, in dem es vielleicht einmal möglich sein wird, mit einem einzigen Trauungsakt jede mit jedem zu verheiraten. Bis jetzt sind alle Kommunarden (wegen der Kinder) auf dem Zurndorfer Standesamt paarweise getraut worden, wobei die Vaterschaft jedoch keine Rolle spielte.

Die derzeitige Organisationsform der Kommune ist die einer „gemeinnützigen Wohn-, Bau- und Siedlungsgenossenschaft“. Dies wurde durch Übernahme der in der Liquidation befindlichen „Siedlungsgenossenschaft Güssingen“ ermöglicht. Man kam dadurch in den Genuß staatlicher Subventionen und Bankkredite, womit sich z.T. der Bauboom auf dem Friedrichshof erklären läßt. Ähnlich wie die österreichischen Klöster hatte die Kommune das Problem, dass entweder nur Kleinfamilien-Wohnungen oder Heimbauten gefördert werden, was zur Folge hatte, das der von ihrem Architekten- und Ingenieur-Team geplante Wohnkomplex (der „Lilly-Bau“) eine langweilige Mischung aus beidem geworden ist. Innen hat man die Funktionseinheiten (Bad, Küche, Eßsaal und jeweils mehrere Einzelzimmer) durch lange dunkle Gänge verbunden, außen wurden einige schüchterne Anleihen bei der burgenländischen Gutshof-Architektur gemacht. Die Zimmer sind bieder und ebenso zweckmäßig wie billig eingerichtet. Jedes ist mit einem Neckermann Couch-Klapp-Bett und einem von der technisch perfekt ausgerüsteten Schreinerei hergestellten Einbauschrank ausgestattet (nirgendwo fanden wir eine Ottomane, wie de Sade sie beispielsweise bevorzugte!).

Diese Phantasielosigkeit kontrastiert auffallend mit den riesigen bunten Ölbildern von Otto Muehl, die zu hunderten im „Lilly-Bau“ hängen. Mehr als die Hälfte hat zum Thema gebärende, säugende oder kinderverschlingende nackte Mutterfrauen mit riesigen Brüsten (Dutten) und anonymen Gesichtern. Seine wenigen Männerportraits sind dagegen klar als Persönlichkeiten aus Kunst und Politik identifizierbar. Immerhin muß man sagen, dass gegenüber Muehls genialischer Pinselführung die Neuen Wilden nur wie ärmliche Hanuta- Bildermaler wirken. Selbst die Kinder, die schon im zarten Säuglingsalter am Aktzeichnen teilnehmen, produzieren erstaunlich kraftvolle Werke. Die Kommune gibt über 70.000 Mark im Jahr für Malutensilien aus, dagegen nur 500.000 Mark für Lebensmittel. Das Essen wird von der Zentralküche mit Elektrokarren zu den in vier „Familien“ aufgeteilten 240 Essern gebracht, es ist ebenso nahrhaft wie geschmacklos und wenig phantasievoll zubereitet. Den vier „Familien“ steht jeweils eine Frau als Familienoberhaupt vor.

Es gibt nach wie vor einen Begriff von und eine Hierarchie der „Gesundheit“ – die Frauen rangieren darin gleich nach Otto Muehl in den obersten Charts, insbesondere wenn sie sich zu Müttern entpuppt haben. Zur Zeit leben ca. 170 Erwachsene und 65 Kinder auf dem Friedrichshof. Seit 1980 gibt es einen Aufnahmestopp für weitere Erwachsene, aber für jedes Jahr sind 15 neue Kinder geplant. Potentielle Mütter müssen einen Gebär-Antrag beim Zwölferrat stellen. Kinder gelten natürlich als genuin „gesund“, damit das so bleibt, wird die Kindererziehung auf dem Friedrichshof als der „wichtigste Bereich“ angesehen. Es gibt inzwischen eine eigene Grund- und Hauptschule auf dem Gelände sowie eine kleine Behindertenklasse.

Im Biologieraum schauten wir uns mehrere Video-Filme an, in denen sämtliche Rollen von Kindern gespielt wurden, in allen Filmen hatte die spastische Lilly (nach der auch das Wohngebäude benannt worden ist) die Hauptrolle bekommen. Den Film „Stalin“ sahen wir in drei Versionen – einmal mit den Spastikern gedreht, dann mit einer Erwachsenen-Besetzung und schließlich mit allen Kindern (besonders hinreißend war darin ein kleiner Vietnamese, der Trotzki spielte, aber auch Lilly als Krupskaja war nicht zu verachten).

Den mittlerweile schon mehrmals in der Öffentlichkeit gezeigten Video-Film „Vincent“ bekamen wir in einer überlangen ungeschnittenen Fassung vorgeführt. In ihm spielen auch etliche Nicht-Kommunarden mit – z.B. Hermann Nitsch und Al Hanson, aber auch Liki Lauda, der sich für die Rolle des Vincent van Gogh fast von selbst anbot – mit seinem appen Ohr.

In dem Film flossen die Erfahrungen aus zwei den Friedrichshofern äußerst wichtige Aktivitäten ein: „Selbstdarstellungs“-Performances und Video-Experimente. Was in der Katholischen Kirche die Heilige Messe (HM), ist auf dem Friedrichshof die Selbstdarstellung (SD), die einmal wöchentlich mit allen Mitgliedern in der zum „SD-Zentrum“ umgebauten Alten Schule zelebriert wird. Die „Gesundheit“ der Gemeinde und jedes Einzelnen steht hierbei auf dem Spiel, meistens unter Anleitung des Therapeuten-Regisseurs Muehl, der mit einer Mischung aus Reich’scher Psychotherapie, Führerhypnose und Rollenspiel jongliert. Diese Psychodramen werden von einer Band musikalisch begleitet, auf Video aufgenommen und von den Drumherumsitzenden mit Applaus bzw. Buhrufen kommentiert. Auch die Kinder müssen sich auf diese Weise vor aller Augen in Szene setzen. Der „SD-Abend“, an dem wir teilnahmen (als Zuschauer nur, obwohl Muehl uns anbot, „in die Mitte“ zu kommen, das sei „der beste Therapieplatz der Welt“) wurde in der Hauptsache von Frauen bestritten, die entweder ihre Mutter-Kind-Symbiose, ihre baldige Geburt oder ihr Verhältnis zu ihrem Vater thematisierten.

Beim abschließenden gemeinsamen kurzen Tanzvergnügen fiel uns auf, dass alle rote Lederschuhe trugen, man erklärte uns, dass sie sich als besonders geeignet erwiesen hätten für den von Otto Muehl entwickelten Tanz „Goggy“ (eine Mischung aus Step, Jazz und Blues). Nach der kollektiven Lockerungsübung verließ alles fluchtartig und pärchenweise das „SD-Zentrum“. Bernd Stein brachte uns zum Gästehaus, wo wir uns noch eine Weile unterhielten. U.a. erzählte er uns, dass einige Mädchen mittlerweile schon über sechzehn wären und jetzt auch mit Erwachsenen ficken dürften, und sie seien die tollsten Frauen. Später kamen wir noch einmal auf die Ökonomie zu sprechen. Auf dem Friedrichshof wird nur für den Eigenbedarf produziert, täglich verpulvert man dort zigtausend Mark, woher kommt das Geld? Es gibt noch externe AA-Gruppen mit je ca. 40 Mitgliedern in Berlin, Düsseldorf, München, Amsterdam, Paris, Zürich und demnächst auch auf Gomera, in denen die meisten regulären Berufen (als Lehrer, Aktienhändler, Computer- Vertreter, etc.) nachgehen. Sie finanzieren den Friedrichshof und seinen ständigen Ausbau und benutzen ihn als Ferien- und Fortbildungszentrum. Etliche werden ihn dereinst auch wohl als letzte Ruhestätte aufsuchen: Ostern fand auf dem kommuneeigenen Friedhof bereits die erste Beerdigung statt.

Bernd Stein träumt davon, dass in einigen Jahren niemand von ihnen mehr zum Gelderwerb arbeiten gehen muß: „Wir sind dann ein kommunistisches Kollektiv, das wie ein Kapitalist vom Mehrwert lebt“. Am nächsten Morgen setzten wir unsere Betriebsführung fort. Als wir am künstlich angelegten Badesee vorbei zum „Kunstmuseum“ schlenderten, begegneten uns ständig aktenschleppende oder mit Fahrrädern Besorgungen auf dem Gelände erledigende AA-Mitglieder. Eva und ich fühlten uns wie in den Grünanlagen eines schwäbischen Großbetriebs und wagten es kaum, uns zu umarmen oder zu küssen.

Später unterhielten wir uns mit dem Theoretiker der Kommune, Aike Blechschmidt, bei Kaffee und Bio-Nußkuchen über ihre Feierabend-Sexualität bzw. ihren unzärtlichen Umgang miteinander. Er meinte dazu, dass wir mit der „Zärtlichkeit“ den zentralen Punkt berührt hätten: Als kreativ und positiv gelte bei ihnen derjenige, der sich für das Ganze (die Kommune) verausgabe, so etwas würde „honoriert“ werden, Frauen seien im übrigen dazu besser in der Lage als Männer. In den ersten Jahren hatten die AA-Leute versucht, die bürgerliche „Attraktivität“ dadurch außer Kraft zu setzen, dass sie sich optisch einander anglichen (mit Latzhose und Glatze) und die gelungene Durchbrechung des eigenen „Ich-Panzers“ bei den meist nackt durchgeführten Selbstdarstellungen zum Gradmeser einer „neuen Attraktivität“ machten, wobei sie dann jede Handlungsweise und jeden Gedanken auf einer Skala von „positiv“ bis „negativ“ bewerteten. Eine Zeitlang hatten die Frauen sich sogar ein Notensystem (von 1 bis 6) für das Fickverhalten der Männer ausgedacht. Positivsein, d.h. Gesundheit ist machbar, Herr Nachbar!

Täglich findet ein „Palaver“ statt (eine „urdemokratische Angelegenheit, die schon die Indianer kannten“, so Bernd Stein), auf dem sich die Kinder, Pädagogen und Betreuer um Otto Muehl scharen, um kleine und kleinste alltägliche Verfehlungen („Mira hat heute morgen ihr Bett nicht gemacht!“) zur Sprache zu bringen. Die Erwachsenen haben immer noch Angst vor diesem Tribunal. Ein Betreuer hatte den Kindern als Gutenachtgeschichte einen alten Film nacherzählt; am nächsten Tag hatten die Kinder einer anderen Betreuerin davon berichtet: „In dem Film ging es um einen tollen Mann, die Frauen kamen nur am Rande vor“. Der Vorfall wurde daraufhin auf dem „Palaver“ zur Verhandlung gebracht. Nach einer kurzen Beratung machte Muehl den Filmmärchenerzähler zur Schnecke.

Zurück zur Betriebsführung. Im „Kunstmuseum“ hingen die frühen Werke der Wiener Aktionisten, ein Stockwerk darunter befand sich die Näherei, in der u.a. die Filmkostüme hergestellt werden. In mehreren Holzbaracken aus der ersten Besiedlungsphase waren die kärglichen Reste der Landwirtschaft untergebracht – neben einigen Pferden und Schweinen auch eine Schafherde, die von Nitschs letztem „3-Tage-Aktions-Fest“ auf seinem Schloß in Prinzendorf übriggeblieben war. (In Prinzendorf gibt es inzwischen eine Bürgerinitiative gegen das mit Blut und Innereien operierende „Orgien-Mysterien-Theater“ von Nitsch).

Im Kommunedorf Friedrichshof gibt es jetzt ebenfalls eine eigene Bürgerinitiative, die gegen den Bau der allzu nah heranreichenden Autobahn Wien-Budapest kämpft. Unterstützt wird sie von Wiener Naturschützern, die die Parndorfer Heide (also die Umgebung des Friedrichshofes) großflächig zum einzigen Lebensraum der seltenen Ährenmäuse, Trappen und Triel erklärt haben. Überhaupt arbeiten die Friedrichsdorfer mehr und mehr mit ökologischem Gedankengut. Fürs nächste Jahr ist der Bau eines Atomschutzbunkers geplant, der vor allem Schutz vor radioaktivem Fall-Out, vom nahen tschechoslowakischen Kernkraftwerk beispielsweise, bieten soll. Die von allen Gebäuden aus zum Bunker hinführenden unterirdischen Fluchtgänge sind jetzt schon vorhanden, gleichzeitig hat man in ihnen die Versorgungsleitungen verlegt. Derzeit befindet sich ein neues zentrales Versorgungshaus (mit mehreren Speisesälen, Kühlräumen, Gästezimmern und einer Großküche) im Bau. Schon jetzt kann man eine halbfertige Arkade erkennen, die an die Wandelgänge eines Klosters erinnert. Im Konstruktionsbüro erklärte uns der französische Architekt die bereits fertigen Pläne für den nächsten Großbau: Ein Zentrum für aquaphile Hygiene-Spiele (mit Sauna, Hallenbad, etc.). Die Dachkonstruktion wird einem kirgisischen Zelt nachemfpunden. Überhaupt will man sich wieder mehr von der Welt draußen inspirieren lassen. Schon jetzt sind die acht PKWs ständig unterwegs. Im letzten Winter waren die Friedrichsdorfer eingeschneit; sie riefen fünf Firmen an, die Geländewagen verkauften, derjenige, der es schaffte, als erster zu ihnen durchzukommen, sollte genommen werden; das Rennen macht ein Toyota-Jeep.

Nach Roland Barthes sind Sade und Fourier bei der Konstruktion ihrer Utopien in folgender Weise vorgegangen: „Erster Schritt: sich abschließen/ Zweiter Schritt: gliedern/ Dritter Schritt: ordnen/ Vierter Schritt: Theatralisieren.“ Bei der „AA-Kommune“ kann man ebenfalls vier Phasen zur Unterscheidung bringen: 1. Phase (in Wien noch): ein neues Konzept des Zusammenlebens entwickeln/ 2. Phase: Bewußtseinsverbreitung (BV = nach außen gehen und agitieren)/ 3. Phase: Aufnahmestopp und Innenkonsolidierung (Ausbau des Friedrichshofes)/ 4. Phase: (jetzt noch im Anfangsstadium): nach außen gehen. Die Friedrichshof-Bewohner sind davon überzeugt, dass ihre Zukunft – die Kinder – ihnen sicher ist, d.h. dass die ihre Neu-Gier auch später „zu Hause“ befriedigen werden. Alle bisherigen Kommune-Erfahrungen sprechen jedoch dagegen.

Unser nächster Besuch auf dem Friedrichshof erfolgte sieben Jahre später, 1992, nachdem die Kommune bereits so gut wie auseinandergefallen war: Es lebten nur noch etwa 30 Leute dort draußen. Sie wirkten wie ein verlorener Haufen. Im Auf- und Ausbau befand sich bloß noch das von allem und allen anderen abgekoppelte „Kunstmuseum“ – mit Werken der Wiener Aktionisten, vor allem von Otto Muehl. Ihn selbst hatte man gerade wegen Verführung Minderjähriger zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Einige ehemalige Kommunardinnen, die auf dem Friedrichshof geboren worden waren, dann aber mit ihren Eltern zurück nach Wien gezogen waren, hatten gegen ihn ausgesagt. Dieter Duhm, ein „Kommuneforscher“, der u.a. auch auf dem Friedrichshof lebte, zählte für ihr Scheitern drei Gründe auf:

„1. Die absolutistische Führungsstruktur… 2. Die psychologische Struktur des geschlossenen Kollektivs. Die Geschlossenheit der Gruppe wurde durch die fatalen Sexualgesetze zementiert. Jeder sexuelle Kontakt zwischen Gruppenmitgliedern und Nichtmitgliedern war strengstens verboten. Als Friedrichshofvertreter durfte man eine externe Frau, die einem gefiel, nicht einmal auf den Mund küssen. 3. Die Verdrängung des Liebesthemas…Das Liebesthema im Sinne der Partnerschaft war tabu und kein Gegenstand der Auseinandersetzung“.

Insgesamt hatten die „AA-Gruppen“ (auf dem Friedrichshof, in den städtischen Ablegern und auf einer Finca der Mittelmeerinsel Gomera) etwa 2000 Mitglieder aufgenommen – zwischen 1971 und 1991; daneben besuchten mehr als 10.000 Interessierte den Friedrichshof als Kursusteilnehmer. Ab 1993 wurde um keine neuen Mitglieder mehr geworben, dafür wollte man sich durch die eigene „Kinderproduktion“ vermehren. Im darauffolgenden Jahr wurde die freie Berufs- und Ausbildungswahl eingeschränkt und stattdessen versucht, die Mitglieder in kommuneeigenen Firmen zu beschäftigen. Je mehr die soziale Dynamik draußen und von außen abnahm, desto bestimmender wurde Otto Muehl. Auch bei der Kindererziehung war er der „autoritäre Übervater“, schreibt der ehemalige Kommunarde Andreas Schlothauer, der einen Interessensverband geschädigter AA-Mitglieder gründete: „Wir glaubten, daß wir eine revolutionäre Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit Gemeinschaftseigentum und freier Sexualität seien, tatsächlich war es aber ein Experiment mit Autorität und dem Prinzip ‚Gehorsam‘.“

Schlothauers Strafanzeige löste 1988 die ersten polizeilichen Ermittlungen aus, dem mehrere Duchsuchungen auf dem Friedrichshof folgten. In der Anklageschrift hieß es dann: „Der Beschuldigte Muehl gibt an, mit einer Vielzahl von Frauen der Kommune nach Vollendung ihres 14. Lebensjahres geschlechtliche Beziehungen unterhalten zu haben“. Ähnliches gestand dann auch seine Ehefrau in bezug auf einige Jungs, darunter „ihr eigener Bub“, die sie zum Oralverkehr verleitet hatte. Darüber existierte sogar ein Video, das dann vor Gericht gezeigt wurde. Der Staatsanwalt meinte anschließend: „Was ein KZ ist, wissen wir aus der Geschichte. Was die Mädchen am Friedrichshof mitmachen mußten, war genauso schrecklich“. Mal abgesehen, dass das ein schrecklich dummer Vergleich ist, muß man dazu auch noch wissen, dass einige der Mädchen hernach zu Muehl sagten: „Jetzt haben wir dich in der Hand, Otto!“

Otto Muehl ist inzwischen aus dem Knast raus und lebt nun in Portugal. Und malt wieder, inzwischen erschienen bereits mehrere Bücher von ihm und über ihn. Auch sein einstiger Mitkommunarde Theo Altenberg hat wieder zur Kunst zurückgefunden: Derzeit tourt er mit einer Photoausstellung über die nackte, wilde AA-Kommunezeit – „Das Experiment Paradies“ – durch die in- und ausländische Galeriewelt. Im Vorwort seines Ausstellungskatalogs schreibt der Wiener Alt-Aktionist Günter Brus: „Altenberg glich die Spannung zwischen der Mikroanalyse ‚Selbstdarstellung‘ und der Makromanie ‚Welterlösung‘ durch einen gescheiten Schachzug aus“.

Nur einige wenige AA-Anhänger um Dieter Duhm schreckten die zeitweilig ins Hysterische lappenden öffentlichen Kampagnen gegen „Kinderschändung“ und „Sektenunwesen“ nicht: Sie gründeten in der Nähe von Berlin eine neue Landkommune: auf einem ehemaligen Militärgelände bei Belzig. In ihrem „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“ (ZEGG) finden nun auch wieder Kurse in freier Sexualität statt. Es ist da von einer „Erotischen Akademie“ und vom „Experiment für eine humane Erde“ die Rede. Immer wieder machen sich ins ZEGG eingeschlichene Journalisten anschließend über das dortige Geschehen lustig, aber das tun sie über alle Landkommunen, die sich seit der Wende im märkischen Umland Berlins (meistens in verlassenen Bauernhöfen) angesiedelt haben – und mehr oder weniger esoterisch wirtschaften.

——————————————————————————————————————————

Von diesen ganzen nachwendischen Kollektiven in Ostelbien wußte auch der „Wildcat“-Redakteur und hatte sie z.T. auch bereits besucht, u.a. den Longo-mai-Ableger „Uhlenhof“ in Mecklenburg. Er war nun jedoch mehr an Alteingesessenen und ganzen Dörfern interessiert, die sich zu Produktionsgemeinschaften oder Bürgerinitiativen und Ähnlichem zusammengeschlossen hatten bzw. gerade dabei waren, dies zu tun. Meistens geschah und geschieht so etwas ja zunächst zur Abwehr einer einschränkenden Maßnahme von oben oder von außen, die mehr oder weniger als Bedrohung empfunden wird.

Dazu hatten wir in der taz eine Kolumne für die 2004 neu eingeführten tazzwei-Seiten eingerichtet, in der gerade solche „Agronauten“ zu Wort kommen sollten, „die nach den Sternen greifen, aber Bodenhaltung bewahren“. In diesem Zusammenhang war dann gedacht, ein ganzes Netz von so genannten „Dorfkorrespondenten“ (nicht nur im Ostelbischen) aufzubauen. Die Agronauten-Kolumne kam jedoch nie richtig in Schwung (ich werde sie langsam in diesen blog integrieren, leider läßt sich dazu das Dorfkorrespondentennetz aber nicht ausbauen, da es kein Zeilenhonorar dafür gibt).

Dem „Wildcat“-Redakteur empfahl ich erst einmal die Dorfzeitung „Ortszeit“, die von der taz-mitgründerin Imma Harms redigiert wird und für die Orte „Möglin, Reichenow und Umgebung“ gedacht ist. Sie erscheint monatlich und ist ein hervorragendes Mobilisierungsinstrument, um es noch einmal kommunistisch auszudrücken. Schon wiederholt habe ich Imma gefragt, ob sie nicht auch Interesse an einem taz-blog hätte – als Möglin-Korrespondentin, aber bisher zögert sie noch. Eine Dorfzeitung ist in gewisser Weise das schiere Gegenteil von einem Internet-Blog, so wie das Regionale oder Lokale und das Globale, wobei man das erstere stets gegen das letztere verteidigen muß, damit es nicht gleichmacherisch geschluckt wird, d.h. im schlechten Ganzen aufgeht. Herbert Achternbusch hat dazu bereits Erhellendes gesagt und getan – einen „Klassiker des antikolonialen Befreiungskampfes auf dem Territorium der BRD“, nannte Heiner Müller ihn deswegen.
Unter den „Agronauten“, die Kolumnen verfaßten, waren fast nur Einzelbauern und -fischer oder Landarbeiter und Landärzte bzw. auf dem Land lebende Journalisten und Künstler (Anja Baum, Urbanart), die über solche Leute berichteten. Den Anfang machte der gelernte Landwirt und jetzige Regisseur Detlef Buck. Erhalten hat sich die Zusammenarbeit mit dem Landwirt und Buchautor Matthias Stührwoldt, dem taz-Blogwart Broeckers ebenfalls ein Angebot machte, dem aber wahrscheinlich erst mal die Ernte wichtiger war. Über ihn bzw. über eines seiner Bücher schrieb ich einmal eine Agronauten-Kolumne [1], und zusammen bestritten wir eine Veranstaltung auf der Grünen Woche. Zwischendurch kamen auch immer mal wieder allgemeine Berichte über die Situation in bestimmten Gebieten in Hinsicht auf die Landwirtschaft zum Abdruck [2]. Der Einzelne oder das Ganze. Die möglichen Kollektivierungsprozesse und Widerstandsaktionen dazwischen blieben jedoch eher ausgeblendet. Es gab möglicherweise gar keine. Diese kleine Ratlosigkeit angesichts des großen Unwissens überfiel mich noch bei dem Gespräch mit dem „Wildcat“-Redakteur vorhin. [3]

Einmal berichteten wir über das Longo mai-Kollektiv und den Uhlenhof, deren Widerstandsaktionen sich bis nach Spanien – zur Unterstützung der arabischen Landarbeiter in El Ejido, erstrecken, aber sie mißbilligten den Bericht, außerdem geben sie selber gleich mehrere Zeitungen heraus und haben einen eigenen Radiosender in Frankreich. Es ist nicht einfach über Kollektivierungsprozesse zu schreiben, eigentlich geht das nur übers Mitmachen, wie Viktor Schklowski 1926 feststellte, denn “ wertvolle Beobachtungen entspringen nur dem Gefühl emsiger Mitarbeit“. Dies war vor allem auf die Werke von Andrej Platonow und Sergej Tretjakow gemünzt, in denen sie die „Kollektivierung“ thematisiert hatten. An den Rand eines der unveröffentlichten Bücher von Platonow schrieb Stalin später „Schweinehund“. Der Autor konterte noch später, als so gut wie gar nichts mehr von ihm veröffentlicht wurde: „Ich habe nur noch einen Leser. Aber auf den kommt es auch an.“

——————————————————————————————————————————-

[1] „Der Bauer ist witzig geworden!“ (Martin Luther)

Der Biobauer Matthias Stührwoldt aus Schleswig Holstein, 60 Hektar, 40 Kühe, verheiratet, fünf Kinder, eine Schwiegermutter, die tippen kann, hat 29 Geschichten aus seinem Leben bei der „Edition Bauernstimme“ veröffentlicht – unter dem Titel „Verliebt Trecker fahren“. Die erste handelt von seiner Liebe zu der jungen Buchhändlerin Frida. Einmal gelang es ihm, sie zu sich aufs Land einzuladen, wo in der Nachbarschaft eine Party stattfand. Frida und er fuhren mit einem nagelneuen Fendt-Trecker und einem Strohanhänger dort hin. Auf diesem übernachteten sie anschließend auch: „Frida sank in meine Arme und seufzte: ‚Ach, dein Fendt ist soo stark!'“

Aus Versehen begann der Autor seine Landwirtschaftslehre bei einem üblen Leuteschinder. Irgendwann langte es ihm: „Schäper, du bist ein Arschloch!“ sagte er zu seinem Lehrherrn und kündigte. Er kaufte sich eine Flasche Sekt und holte die mit ihm befreundete Azubi Christine ab: „Wir setzten uns – zur Feier des Tages – in die nächste Bushaltestelle und tranken einen. Was auch immer folgen würde – es würde besser sein als die Zeit bei Schäper in Hechthude.“

Dass er dann seine Lehre auf einem Biohof fortsetzen wollte, traf seinen Vater tief, er sagte: „Die kommen vor Hunger nicht in den Schlaf“. Als eine Hofbesichtigung anstand, überredet er ihn dennoch, dort hin zu kommen: „Und was ist, wenn mich jemand erkennt?“ wich der aus, sein Sohn entgegnete: „Vater, du gehst nur auf einen Biohof, nicht in einen Sexshop!“

Nun ist der Vater längst Altenteiler und der Sohn bewirtschaftet den Hof ökologisch, aber schon beschleicht ihn ein schrecklicher Verdacht: „was geschieht, wenn meine Tochter oder mein Sohn als Hofnachfolger sich von ihrem ökologisch wirtschaftenden alten Sack dadurch absetzen wollen, dass sie auf Hightech-Landwirtschaft setzen, auf Gentechnik und diesen ganzen Satellitenmist? Nein, ich werde es nicht zulassen, dass sie Monsanto-T-Shirts tragen oder dämliche Pestizidwerbung auf blöden Baseballcaps…schon diese Schlabberhosen ohne Arsch sind ja wirklich eine Zumutung!“

Neben Jugendlieben, Traktoren und Buswartehäuschen thematisiert der Bauer auch immer wieder gerne seine Tiere: Besonders wenn die weiblichen Rinder (Starken) mal wieder ausgebrochen sind – dann ist die Kacke am Dampfen. Einmal gelang das einer ganzen Gruppe, wobei sie auch noch über einen neuen PKW sprang und ihn dabei ruinierten. Außerdem hatte sie schnell raus, dass auch Elektrozäune sie nicht aufhalten konnten – wenn sie einfach durchstürmten: „Zing!“ In Rathlau „war inzwischen das ganze Dorf auf den Beinen“, um die Viecher wieder einzufangen, „Zeitungsreporter bevölkerten die Straßen, Kamerateams der privaten Idiotensender flogen in Hubschraubern übers Feld“. Endlich hatte er die Starken alle wieder auf dem Hänger – bis auf eine. Über eines der Idiotensendermikrophone konnte er sich direkt an sie wenden: „Oh, Starki, ich liebe dich und vermisse dich so! Wo immer du steckst, bitte melde dich!“ Am nächsten Tag kam ein Anruf: ein Bauer hatte sie eingefangen. „Ich hatte eine solche Wut auf das Vieh, dass ich ihr den Rest des Betäubungsmittelkanisters in den Schinken knallte…Es war gerade noch auf den Hänger zu kriegen, dann schlief es einen ganzen Tag lang friedlich und still vor sich hin“. Wenig später wurde es als „Anstifterin allen Übels“ verkauft. Aber der nächste Aufrührer ließ nicht lange auf sich warten: „Es war ein schwarzbuntes Kälbchen, süß anzusehen. Noch heute bin ich überzeugt, dass es von irgendeinem fiesen Geheimdienst darauf angesetzt wurde, mich gezielt in den Wahnsinn zu treiben“: Schon gleich nach der Geburt, als es von seiner Mutter getrennt wurde, sprang es aus dem Kälberstall und lief wieder auf die Weide zurück. Als er es einfangen wollte, sprang es durch zwei Zäune und verschwand. Kurz vor der Autobahn blieb es im Gestrüpp stehen. Er holte es ein, warf sich auf das Kalb und drückte es nieder: „Ich hatte es geschafft, hatte es bezwungen. Ich blieb noch eine Viertelstunde auf ihm liegen. Das reichte. Heute sind wir beste Freunde, und Briefmarke – so heißt das platte Tier – ist die liebste Kuh im Stall.“

Die Erlebnisberichte werden abgerundet mit kleinen Alltagsforschungen – über „bäuerliche Badezimmer“, Handys in Bauernhänden, Bauernauftritte im Fernsehen und die „Benamung von Bullen“ – vor allem durch seine älteste Tochter Marie: „zeitweise selbsternannte Gleichstellungsbeauftragte auf unserem Hof“.

——————————————————————————————————————————
[2] Das postsowjetische System nichtformeller Einkünfte

Neulich schickte man uns aus München ein Interview mit dem russischen Sozialforscher Alexander Nikulin, der die neuen Formen der Agrarwirtschaft im Gebiet von Nischninowgorod und Saratow sowie im Kreis Krasnodarsk erforscht, u.a. durch intensive Gespräche mit Dorfbewohnern. Dies vor dem Hintergrund der in Russland immer noch anhaltenden Debatte über große Kolchosen (Agrar-industrielle Komplexe – APK) einerseits und kleine bäuerliche Privatlandwirtschaften bzw. Datschen (persönliche ergänzende Wirtschaften – LPCHA) andererseits.

Dabei ist etwas „sehr interessantes“ herausgekommen, meint Nikulin, und zitiert den Historiker Karamsin, der einmal einem in Paris lebenden Dichterfreund auf dessen Frage, was in Russland vorgehe, antwortete: „Das ist sehr einfach: Man klaut.“ Zwar wisse auch heute noch jeder darüber bescheid, aber niemand denke darüber nach, was das bedeutet: „Unsere Untersuchungen zeigen, dass in Wirklichkeit in der bäuerlichen Sphäre eine Symbiose zwischen dem Kleinen und dem Großen besteht“ – wobei es um eine „harmonische Koexistenz“ zwischen beiden gehe, was „in den merkwürdigsten Formen des Naturalaustauschs geschieht: Man zahlt seinen Kolchosmitgliedern für ihre Arbeit nichts, dafür nutzen die Kolchosmitglieder illegal die Ressourcen. Dadurch erhält und reproduziert sich das ganze System und fährt fort zu funktionieren. Wenn die Kolchosmitglieder zu viel klauen, dann geht die agrarische Produktionspotenz der Kolchose zugrunde, und sie können nirgendwo Ressourcen hernehmen; dann kehren sie zur Naturalwirtschaft zurück. Das ist schlecht. Wenn sie es andererseits überhaupt nicht schaffen, sich etwas zu nehmen, dann verelenden die Familien. Diese sehr interessante Balance zu erkunden war unsere Aufgabe“.
Dazu haben sich die Agrarforscher erst einmal von dem Begriff des Klauens gelöst: „Sagen wir, es vollzieht sich ein gegenseitiger Diebstahl…Das Problem zeigt sich darin, dass darin auch eine ganze Reihe positiver Aspekte liegt. Wir versuchen deswegen den Begriff des Diebstahls zu ersetzen durch ’nichtformelle Einkünfte‘, weil Diebstahl negative ethische Bewertungen erhält. Man kann dies aber kaum ethisch bewerten. Ein Kolchosnik, den ich darauf ansprach, dass die Gebote fordern ‚Du sollst nicht stehlen‘, antwortete mir: ‚Damals hat es ja auch keine Kolchosen gegeben‘. Obwohl man diesen fortdauernden Kampf zwischen APKs und LPCHAs im Westen nicht kennt, gibt es auch hier zwischen Betrieben und Arbeitnehmern ein Ausbalancieren durch „nichtformelle Einkünfte“. Nikulin knüpft zum Begreifen dessen bei Max Weber an: „Weber sagt, dass der Kapitalismus dort beginnt, wo die Trennung der Familie vom Unternehmen anfängt. In Russland sind sie bis heute miteinander verwachsen. Sie bilden einen gemeinsamen Komplex und darin gibt es eine gigantischen nichtformellen Fluß des Austauschs von Ressourcen zwischen den Familien und den Betrieben, auch in der Industrie, nicht nur in der Landwirtschaft.“

Als der Westen in den Osten eindrang, gab es dagegen immer wieder Versuche, diesen informellen Ressourcenfluß zu stoppen. So erinnere ich mich noch, dass z.B. der PDS-Bürgermeisterkandidat des Prignitz-Dorfes Grabow vor den Märzwahlen 1990 seinen CDU-Herausforderer, den Vorsitzenden der lokalen LPG, dadurch ausbremste, dass er ihn nächtens dabei überraschte, wie er sich mit der Schubkarre an der LPG-Maissilage bediente, um damit seine Privatrinder zu füttern: Der General genannte CDUler mußte daraufhin von seiner Bürgermeister-Kandidatur zurücktreten. Später bekam er von anderer Seite noch eine Strafanzeige wegen Betreibens einer nichtformellen, also illegalen Kneipe. Diesem ehemaligen Kolchosevorsitzenden war anscheinend die o.e. „Balance“ im Sozialismus zur Zweiten Natur geworden.

Ähnliches gilt auch für den Berliner Schriftsteller Falko Henning, der einmal seine ganze Ost-Biographie unter dem Aspekt des Klauens und Betrügens aufdröselte – „ohne alle negativen ethischen Bewertungen“. „Alles nur geklaut“ heißt sein mutiger Vorstoß zu einer vorurteilsfreien sozialistischen Existenzsicherung – auch noch im Spätkapitalismus, wo es umgekehrt heißt: „Eigentum ist Diebstahl“.

—————————————————————————————————————————

[3] Hier einige Kolumnen von Journalistinnen:

„Der Trog ist der gleiche, fressen nur andere Schweine draus“

Arnim Lossow ist Fischer im vorpommerschen Dorf Glashütte. Mitten durch seinen See geht die deutsch-polnische Grenze in der Nähe von Stettin. Zu DDR-Zeiten war die Gegend Jagdgebiet der NVA-Generäle und ihrer Gäste. Im Frühjahr und Sommer hab ich die besseren Fische, weil meine Seite des Sees flach ist. Aber jetzt im Herbst und im Winter haben die Polen den besseren Fang. Da verziehen sich die Fische ins Tiefe. Ich halte mich noch an die Grenze, doch die Kollegen drüben, für die gilt schon das vereinigte Europa. Bis an meinen Bootsschuppen kommen sie manchmal ran. Als drüben im Schloss Stolzenburg (heute Stolec) noch die polnische Grenztruppe war und die Jungs öfter bei mir angelten, da hieß es bloß: „Ich Hauptmann in Pomellen, kein Problem“. Jetzt hatten wir die Polen zum Herbstfest eingeladen – die beiden Dörfer Glashütte und Stolzenburg waren vor dem Krieg eine Gemeinde. Dort das Rittergut, hier die Glasproduktion. Man kann zu Fuß durch den Wald rüber laufen. Damals haben hier einige hundert Leute gearbeitet. Mit der ABM-Truppe habe ich eine Chronik darüber gemacht, vor allem zur Geschichte der Glashütte, die bis 1929 in Betrieb war. Fürs Heimatmuseum wurde auch ein Modell dazu gebaut und Erklär-Tafeln im Dorf aufgestellt. Man sieht ja heute nichts mehr, weil die Fabrik komplett abgerissen wurde. Na jedenfalls, es war das erste Treffen der beiden Dörfer seit 1945 und es hat was gebracht: Früher haben die Polen mir die Netze aus dem See geklaut, dann waren sie weg. Heute grüßen sie erst und klauen dann die Netze. Für 200 Euro kann ich mir dann das Zeug in Stettin auf dem Markt zurückkaufen.
Den See wollte ich schon 1979 haben, aber der Kreis war dagegen. Ich musste in die Jagdwirtschaft. Doch wenn General Hoffmann zur Jagd kam, hieß es: „Sieh zu Arnim, der isst gern Fisch“. Ich habe dann die Netze extra länger stehen lassen, damit mehr drin war. Den Fisch hat sich der General selbst geholt und mich dann zum Schnaps eingeladen. Da hab ich 1982 meinen ersten Tequila getrunken. Später kam Hoffmanns Nachfolger Kessler und auch Schalk-Golodkowski war dabei. Sigmund Jähn war besonders großzügig. Er stellte für die Treiber an jedes Geweihende des erlegten Hirsches eine Flasche Moskowskaja. Und das waren fast immer 14- und 16Ender, die hier geschossen wurden. Die Jagdhütte steht immer noch. Man hat einen herrlichen Blick von dort über den See. Jetzt gehört sie dem Rotary-Club und verfällt langsam. Die Jäger legen heute ihre Strecke woanders. Bis zu 5000 Euro zahlen sie für einen großen Hirsch oder einen Mufflon. Nur für den Abschuss – das Fleisch kostet noch mal extra. Es sind Adlige aus Bayern oder Barone aus Belgien, alles Leute mit Geld. Wie sagte mein alter Chef: „Der Trog ist der gleiche, fressen nur andere Schweine draus“. Es sind Trophäenjäger, bei denen es zu Hause keine Hirsche mehr gibt. Meinen Fisch nehmen sie aber auch gern mit. Als Kompott sozusagen. Wenn der Baron anruft und frisch geräucherten Lachs mitnehmen will, steh ich um vier Uhr auf. Kein Problem, der zahlt schließlich ordentlich. Doch das allein hält mich nicht über Wasser.
Über den Winter hab ich zum Glück wieder eine ABM im Nachbardorf. Anschließend fahre ich noch raus, nach den Netzen gucken. Sechs Hechte waren heute drin. Über die Woche leppert sich das zusammen: Aal, Karausche, Barsch oder Karpfen. Ich räuchere den Fisch und bring ihn auf Bestellung an die Haustür. Doch viele Leute zahlen nicht gleich und vertrösten mich auf später. Ausgerechnet die, die es dicke haben. Letztes Wochenende hatte ich über 250 Euro Außenstände. Das ist keine Zahlungsmoral, nee. Nach der Wende hatte ich mich gleich selbstständig gemacht. Bis 1995 lief das Geschäft auch ganz gut. Dann übernahm ich den Fischladen in Pasewalk, aber das war mein größter Fehler. Die Angestellten kosteten zuviel und ich fing an, alles allein zu machen: Morgens um drei nach Wolgast: Fisch geholt und um acht wieder zurück. Mit dem Auto vierzig Dörfer abgeklappert und abends noch zum See. Um zehn war Feierabend. Das habe ich ein Jahr gemacht und dann ist mir der Sargdeckel auf den Kopf gefallen: Herzinfarkt. Danach musste ich kürzer treten, zur Reha und eine Diät machen. In der Zeit fing ich an, Polnisch zu lernen. Inzwischen bin ich öfter in Stettin als in Pasewalk. Mich interessiert, was dort passiert. Mein Großvater hat noch im Stettiner Finanzamt gearbeitet. Zweimal in der Woche gehe ich zum Sprachkurs. Das kostet fast nichts, trotzdem kriegen wir jedes Mal kaum sieben Leute zusammen. Wenn ich um neun ich ins Bett gehe, lerne ich immer eine halbe Stunde Vokabeln mit Kassette. Und wer weiß, wenn wir jetzt öfter mit den Polen feiern, bleiben vielleicht eines Tages auch meine Netze stehen. (Anja Baum)

Der Flexible Kleinbauer

Janek wurde 1959 im pommerschen Morin geboren, sein Vater war Fahrer bei einer staatlichen Einrichtung, seine Mutter Zugabfertigerin. Janek wollte immer Bauer werden. Er arbeitete erst einmal im Wald, wo er zuletzt eine Brigade von Holzfällern und Rückern unter sich hatte. Nach dem Ende des Sozialismus wurde der Forst privatisiert und Janek arbeitslos. 1996 nahm er einen Bankkredit in Höhe von 40.000 Sloty auf (4,80 Sloty ein Euro). Mit dem Geld erwarb er 10 Hektar Land: 8 Hektar Acker und 2 Hektar Moor. Aus letzterem soll einmal ein Fischteich mit einem Campingplatz werden. Erst nach einem Jahr – d.h. nach der ersten Ernte – sollte er mit der Rückzahlung des zu 5,7% verzinsten Kredits beginnen. Doch dann verlangte die Bank die erste Rate in Höhe von monatlich 6500 Sloty plötzlich sofort, was Janeks Expansionspläne durcheinanderbrachte. Außerdem fiel dann seine erste Ernte wegen zu viel Regen schlecht aus. Er hatte Weizen, Gerste und Roggen angebaut. Letzteres als Futter für zehn Sauen, deren Ferkel er mästete. Kurz darauf starben ihm 56 Schweine an einer Viruserkrankung. Der hinzugezogene Tierarzt war ratlos, Janek konnte gerade noch 16 Tiere mit einem Hausmittel – einer Essigtherapie – retten. Für ein einjähriges Schwein bekam er 2001 rund 3000 Sloty.
Um seine Landwirtschaft zu stabilisieren und auszubauen, mußte er mehrmals neue Kredite aufnehmen, für den letzten, in Höhe von 7000 Sloty, verlangte die Bank bereits 16 % Zinsen. Anfänglich verdingte er sich nebenbei noch als Waldarbeiter in einem privaten Forst, wo er sich auch mit Brenn- und Nutzholz für seinen Hof versorgte. Die Bezahlung war sehr gering. Von seinem Cousin erfuhr er dann 2002, daß ein westdeutscher Milchbauer einen „kräftigen Mitarbeiter“ suchte. Janek bewarb sich und wurde eingestellt. Er hatte dort 92 Kühe und über 100 Rinder zu versorgen. Zusammen mit einem weiteren Betriebshelfer wohnte er in einem Nebengebäude auf dem Hof. Sie bekamen täglich zwei Flaschen Bier und jeden zweiten Tag eine Packung Tabak. Essen konnten sie so viel, wie sie wollten. Ihr Arbeitstag begann um 5 Uhr morgens und endete um 18 Uhr 30 – dafür bekamen sie 20 Euro pro Tag ausgezahlt. Er fuhr nur selten nach Hause, seine Landwirtschaft führte derweil ein Nachbarn weiter. Nach einem halben Jahr wechselte Janek die Arbeitsstelle: Er fing am Rande von Berlin auf einem Pferdehof an, der einer Heilpraktikerin gehörte. Nebenbei versorgte er bald auch noch die Tiere auf einem Pferdehof nebenan. Nach fünf Monaten lernte Janek dort seine jetzige Freundin Jutta kennen – woraufhin die Heilpraktikerin ihn rausschmiß. Eine zeitlang hielt er sich arbeitslos in Berlin auf und bewarb sich bei verschiedenen offenen Stellen auf dem Land. Im Sommer 2003 verdingte sich Janek zusammen mit Jutta für 45 Tage als Pflücker auf einer Erdbeerfarm in Schweden. Er hatte im polnischen Landwirtschaftsministerium von diesem Jobangebot erfahren. Der schwedische Farmer beschäftigte über 200 Erntehelfer, sie fingen morgens um 4 Uhr 30 an und arbeiteten bis Mittags. Bezahlt wurde man dort pro Kiste: für 15 Kilo Erdbeeren bekamen die Arbeiter 33 Kronen. Janek schaffte täglich 20 bis 25 Kisten, sein Rekord lag bei 40. Jutta und er verdienten dort insgesamt 3600 Euro, wovon sie sich allerdings selbst verpflegen mußten.
Ihre Unterkunft – in Wohnwagen – war kostenlos. Das gesamte schwerverdiente Geld der beiden diente dann zur Tilgung von Janeks Krediten. Da er danach aber wieder mittellos war, verkaufte er schweren Herzens fünf Hektar Ackerland – zu billig: für 25.000 Sloty. Davon wollte er sich zunächst ein kleines Sägewerk einrichten – zur Produktion von Euro-Plaetten. Als ehemaliger Waldarbeiter hatte er diesbezügliche Erfahrungen und auch gute Beziehungen. Gleichzeitig liebäugelte er aber auch noch mit der Idee, sich eine Straußenfarm aufzubauen. Dann kam ein Nachbar mit dem Angebot, ihm den Torf aus seinem Moor abzukaufen. Auf diese Weise käme Janek auch seinem Traum, einen Fischteich aus dem bisher ungenutzten Stück Land zu machen, näher. Mit dem Torfabbau soll im kommenden Sommer begonnen werden. Bis dahin hat Janek sein Geld vorsichtshalber bei der Deutschen Bank deponiert. Einige Monate lang erholte er sich bei Jutta in Berlin von seinen ganzen landwirtschaftlichen Abenteuern, Niederlagen und Plänen. Mit beginnendem Frühjahr wurde er aber immer nervöser. Im April fand er im brandenburgischen Großkreutz einen Job als Traktorist auf einem 300-Hektar-Hof. Es ließ sich alles gut an, aber schnell verlangte sein Chef immer mehr Leistung. Nach einem Monat hielt Janek es nicht mehr aus und kündigte. Er bekam nur ein Drittel des vereinbarten Gehalts ausbezahlt: 200 Euro. (Lilli Brand)

Pan alegre – fröhliches Brot

Als Privatperson kämpft Madeleine Porr in Havanna für eine Bio-Gas-Bäckerei und hat dafür ihre Sicherheit in Deutschland aufgegeben Vielleicht ist es ihre scheinbare Naivität, die Madeleine auf Kuba eine kleine Revolution anzetteln lässt: eine Agrar- und Ökologierevolution. Dazu kommt die Beharrlichkeit der 43-jährigen einstigen Berlinerin, mit der sie bis in höchste kubanische Regierungskreise vordringt und außerhalb der Insel Ministerien und Universitäten anschreibt – und Antworten erhält. Als Touristin kam Madeleine Porr zu Beginn der neunziger Jahre nach Kuba und verliebte sich schlagartig in das Land und die Menschen dort. Das einzige, was sie vermissen würde, wenn sie von Europa nach Mittelamerika zöge, das wusste die gelernte medizinisch-technisch Radiologieassistentin damals bereits am dritten Tag, wäre knuspriges, scharf gebackenes Schwarzbrot. Die pappigen, wenig nahrhaften Weißbrötchen, die es in der letzten kommunistischen Bastion nur auf Lebensmittelkarten gibt, schmeckten ihr nicht und sind ungesund. Zwei Wochen Urlaub reichten, und die Idee war geboren: Warum nicht in Havanna eine Bäckerei aufbauen, die mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt? Die zum großen Teil von Frauen betrieben wird, gesundes Brot bäckt und darüber hinaus ihre Energie aus Bio-Abfall bezieht? So dass die stinkenden Müll-Berge nicht wachsen, sondern schrumpfen. Das kann doch nicht so schwer sein, glaubte die Feministin, die 1992 als medizintechnische Assistentin Deutschlands Unterschriftenaktion gegen den Abtreibungsverbots-Paragraphen 218 ins Rollen brachte. Und startete vor acht Jahren ihr Projekt „Das fröhliche Brot“.
Sie löste ihren Hausstand und all ihren Versicherungen auf und zog mit jede Menge Ideale, aber ohne Geld, nach Havanna. Was sie nicht ahnte, war, dass der Weg durch die Instanzen Kubas nicht im Geringsten dem gleicht, den sie aus Deutschland kannte. Die Idee sei kühn, aber überlegenswert, hörte die misstrauisch beäugte Weiße stets, wenn sie irgendwo vorsprach. „Aber Sie haben doch auch das nötige Geld mitgebracht?“ wurde sie immer wieder gefragt. Verneinte Madeleine Porr, erntete sie nicht selten ein leises Lächeln. Ohne Dollar geht auf der Insel gar nichts. Doch niemand hatte mit dem Stoizismus der Frau gerechnet, die inzwischen mit einem Kubaner verheiratet ist und sich Projektmanagerin nennt. Bekomme ich keine Hilfe, muss ich mir selbst helfen, lautete ihre Devise. In Centro Habana lieh sie sich in einer Bibliothek eine Landkarte aus, die ihr die Bodenbeschaffenheiten des Landes erklärte. Weizen und Roggen wachsen auf Kuba nicht. Als Alternative stieß Madeleine Porr auf die hochwertige getreideähnliche Pflanze Amaranth, die einst von Indios kultiviert wurde. Sie fragte im Landwirtschaftsministerium in Havanna nach, traf sich mit Professoren und Ministern, ließ sich entsprechende Agrar- und Getreidestudien aus Kanada und der Berliner Humboldt-Universität schicken, führte Gespräche mit Leuten von der auf Ernährungswissenschaft spezialisierten Universität Weihenstephan, fragte bei Demeter Deutschland an, ob die Öko-Firma überschüssiges Amaranth abnehmen würde. Und immer und immer wieder klopfte die hartnäckige Frau im kubanischen Agrarministerium, im Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Umwelt sowie in der Veterinärhochschule Havanna an.
Die meint es wohl ernst, scheinen Entscheidungsträger gedacht zu haben und beobachteten das Treiben der ungewöhnlichen Frau mit Argusaugen. Kommt sie wieder, wenn sie hin und wieder ins Flugzeug nach Deutschland stieg? Welche verrückten Ideen bringt sie diesmal mit? Irgendwie schaffte es die Enthusiastin, die Bürokratie in Havanna zu überzeugen. Seit knapp zwei Jahren wird ein Amaranth- Versuchsfeld gefördert, das in einer Schulplantage betrieben wird. „Die Ergebnisse werden alle verblüffen“, da ist sich Madeleine Porr absolut sicher. Bisher werden zahlreiche Betriebe auf Kuba, auch für die Lebensmittelherstellung, mit Erdöl betrieben. Das ist umweltschädlich und kontaminiert die Produkte. Die Produktion erneuerbarer Energien wie Solar- und Windkraft benötigt teure Technik. Der Bio-Müll jedoch liegt in Kuba auf der Straße, stinkt vor sich hin und ernährt Ratten, Fliegen und Mäuse. Gemeinsam mit einem Professor an der Polytechnischen Hochschule Havanna entwickelte Madeleine Porr ein ebenso einfaches wie sinnvolles System, bei dem Müll zur Produktion von Bio-Gasen verwendet wird. Der Bio-Müll wird jeden Morgen (am besten mit Solarmobilen) in den Haushalten eingesammelt und in eine Verbrennungsanlage gebracht, die direkt mit der Bäckerei verbunden ist.
Etwa die Hälfte des Abfalls auf Kuba besteht aus organischen Bestandteilen. „Die einzige Schwierigkeit hierbei besteht darin, die Bevölkerung dazu zu bewegen, diesen Abfall strenger zu trennen als sonst“, sagt Madeleine Porr. Die Bäckerei soll rund um die Uhr arbeiten und vorrangig Frauen beschäftigen. Auch die Verbrennungsrückstände, das haben weitere Forschungen ergeben, können wiederverwendet werden: als Dünger auf den Amaranth-Feldern. Das Projekt „Fröhliches Brot“ basiert auf einem Recyclingprinzip, für das die Bedingungen auf Kuba wie geschaffen sind. Im Prinzip könnte es losgehen. Einzig mangelt es an einer Anschubfinanzierung von einigen tausend Euro: u.a. für die Betreuung des Pilotprojekts von etwa sechs Wochen, den ersten Lohn für die Bäckerinnen und die Bio-Mülltransporteure. Selbst der Bau der Bäckerei ist kein Zukunftsprojekt. Dafür hat Madeleine Porr einen kanadischen Sponsor gefunden. „Global denken, lokal handeln“, sagt sie. Für Kuba eigentlich nichts Neues. „Aber ein Umdenken, hin zu mehr Eigenverantwortung, Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein erfordert es schon.“ Madeleine Porr ist sich sicher, dass es funktioniert. (Simone Schmollack)
________________________________________________________________________________

Dörflichen Widerstand gab es in Ostdeutschland vor allem in den ersten Jahren nach der Wende – während der Privatisierungsphase. Einige seien hier in Erinnerung gerufen:

1. Liebenberg:

Die Treuhandanstalt, erst recht ihre Nachfolgeorganisation, die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS), versuchte mit immer größeren „Paketlösungen“ ihrer Auflösung Ende 1998 näher zu kommen. Gleichzeitig wurde sie auch immer weniger zimperlich bei der Wahl ihrer Investoren. Erst bemühte sie sich vergeblich, den abgewickelten sächsischen 100-Seelenort Amerika für zehn Millionen DM in den USA als „Westerndorf“ loszuschlagen: „Amerika for Sale“. Dann verkaufte sie den halben Kurort Heiligendamm auf einmal (an eine Immobiliengesellschaft, die dort höchstens mit einem „Spielerparadies“ ins Reine – d.h. in die Gewinnzone – kommen könnte). Anschließend schrieb sie die gesamte Ostsee-Halbinsel Wustrow – unter dem Ramschtitel „Catch your Island“ aus. Und nun appellierte sie auch noch an die niedrigsten Raubinstinkte der Reichen und sprach von einem „Rittergut“, als es darum ging, ihr märkisches „Sorgenkind“ – das 350-Einwohner-Dorf Liebenberg inklusive Schloß, Gutshof, Seehaus, Jagd, Landwirtschaft, Sägewerk und rund 50 Wohnhäuser per Zeitungsannnonce für etwa 18 Mio DM zu privatisieren.
Ritter hat es dort nie gegeben: Das Gut samt Schloß ist erst 300 Jahre alt und das Seehaus wurde 1906 von Philip Fürst zu Eulenburg erbaut, Wilhelm II. war oft bei ihm zu Gast. Vielleicht veranstalteten sie Ritterspiele? Ferner lebte dort die 1942 als Widerstandskämpferin der „Roten Kapelle“ hingerichtete Dichterin Libertas Schulze-Boysen. Außerdem war gelegentlich der Reichsjägermeister Hermann Göring auf dem Schloß zu Gast.
1945 konfiszierte die Rote Armee das „Schmuckstück“, aus dem dann bis zur Wende ein „Schul- und Mustergut“ nebst „Gästehaus der SED“ wurde. 1992 ging die PDS-Firma „Fundament“ dort mit dem ehemaligen Gutsdirektor als Geschäftsführer einer „Reittouristik GmbH“ pleite. Schließlich übernahm die „Stiftung Umwelt- und Naturschutz“ der brandenburgischen SPD das Juwel aus dem „Partei-Sondervermögen“. Ihr Generalbevollmächtigter, der ehemalige Hamburger Umweltsenator Jörg Kuhbier, sollte dort als „One-Dollar-Man“ und mit zunächst 116 ABM-Stellen ein Zentrum für behinderte Kinder und biologisch-dynamische Landwirtschaft schaffen. Es wurden etliche Millionen investiert, aber er „scheiterte“, wie der Theologe Steffen Reiche, Landesvorsitzender der SPD, sich hernach höflich ausdrückte.

Als nächstes versprachen das brandenburgische Finanzministerium und die Berliner Treuhand Ende 1992 den schon konzeptuell leicht angeschlagenen 310 Beschäftigten der Gutsbetriebs wenigstens eine „kurzfristige Übergangslösung“: in Person des laut eigener Einschätzung „erfolgreichsten Liquidators der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften im Umkreis“ – Erwin Heitmann aus Schleswig-Holstein. Dessen Masterplan sah einen „Bauernhof zum Anfassen“ vor. Da waren die Lieberberger erst mal baff!

Vier Jahre später, ist Heitmann „Hotelier im Seehaus“, und sagt der BZ am Sonntag: „Um dieses Haus werde ich kämpfen.“ Die BvS will ihn nämlich partout wieder loswerden. Auch der Gastwirt im „Gutshaus Liebenberg“, Detlev Scheel, sowie der örtliche ABM-Verein bangen um ihre Pachtverträge. Und dann ist da noch der westdeutsche Hubschrauber-Testpilot im Ruhestand: Baron von Engelhardt, ein Neffe der Widerstandskämpferin Libertas, der sich mit seiner Frau im „Kutscherhäuschen“ eingemietet hat: ihm geht es vor allem um seine Erinnerungen. Einmal, so berichtete er dem Rundfunk, habe Göring ihn auf seinen Schoß gezerrt und er, der damals Siebenjährige, habe dem Reichsmarschall eine runtergehauen.

Gerade weil alle Erlöse aus dem „Partei-Sondervermögen“ den fünf Neuen Bundesländern zugute kommen sollen, verzichtete die brandenburgische Regierung 1995 auf ihre 1380-Hektar-Schloßanlage Liebenberg: „Der Brocken ist zu groß!“ – das war kein Rittergut, sondern ein Danaergeschenk. Die Sanierungskosten waren allein für die alte Post und das Gutshaus auf 16 Mio DM geschätzt worden und außer Golf, Bio-Anbau und Haute Cuisine fehlte es in Potsdam an marktwirtschaftlich zündenden Nutzungs-Ideen für Liebenberg. Vor Ort war die alte Kirche und der von Joseph Lenné entworfene Park mit Seen inzwischen vom „größten Arbeitgeber der Region“, dem Verein für Strukturentwicklung und Qualifizierung“ gepflegt worden, auf ABM-Basis kümmerte man sich überdies laut Treuhand auch noch „um die Geschichte Liebenbergs“ und bewirtschaftete „naturnah“ 150 Hektar. Die übrigen Äcker und Wiesen sowie die Stallungen (mit Sauen, Rinder und Schafe), dazu noch sechs Beschäftigte, hatte eine zum Glück noch nicht vom Hotelier Heitmann im Umkreis liquiderte LPG, die Agrar GmbH Bergsdorf, übernommen. Auch dieser Betrieb sah im Falle einer Treuhand-„Paket-Verkaufslösung“ seine Wirtschaftsinteressen in Liebenberg gefährdet. Gleiches galt für den Betreiber des Sägewerks. Der gesamte Ort – bis hin zu den Straßen und Wohnhäusern – war im Grundbuch noch immer als „SED-Eigentum“ ausgewiesen, und auch immer noch ein bißchen privilegierter als die Nachbarorte, z.B. was die ABM-Ausstattung betraf, das gaben jedenfalls Steffen Reiche 1992 und auch der Geschäftsführer der Agrar GmbH 1996 zu bedenken.
Die Liebenberger hätten gut und wohl auch noch eine ganze Weile gerne mit einer solchen „kurzfristigen Übergangslösung“ leben können, zumal die Miet- und Pachtverträge günstig waren, und es „nicht einmal Müllabfuhr- und Abwassergebühren“ gab, wie der Treuhand/BvS-Sprecher Wolf Schöde verriet, den der Liebenberg-Konflikt („Das ist aber bisher auch alles unglücklich gelaufen!“) zu wahrer Hochform auflaufen ließ: Anläßlich einer ORB-Talkshow zum TV-Thema „Ein ganzes Dorf soll verkauft werden“ charterte er sogar einen Bus für die Journalisten, damit die alle live in Liebenberg dabei sein konnten. Immer wieder beteuerte er dort: Die Miet- und Pachtverträge sind vom Verkauf der Groß-Immobilie nicht berührt. Man wollte ihm nicht glauben.

Die Verbitterung begann damit, daß die Treuhand das „gesamte Gut“ am 27.10.96 annonciert, ihre über 140 Mieter in Liebenberg aber erst drei Tage später schriftlich darüber informiert hatte. In dem Brief stand jedoch auch, daß die Ausschreibung „nur ein Versuch“ sei und „weder Sie noch die BvS zu irgendetwas verpflichtet.“ Da brannte aber in Liebenberg schon die Luft: „Ein ganzes Dorf in Angst“ titelten die ersten Zeitungen und dann ritten die Journalisten, denen die gleichzeitig im Bundestag beschlosssene flächendeckende Zerschlagung der LPG-Nachfolgebetriebe völlig gleichgültig geblieben war, auch schon zu Dutzenden in das Rittergut ein.

Auf einer Protestversammlung ließ sich der BvS-Manager Bernd Stephan zu der Versicherung hinreißen: „daß sich die Berliner gar nicht für Ihr Dorf interessieren.“ Am 30.10. erinnerte das Finanzministerium in Potsdam die BvS via Berliner Morgenpost noch einmal daran: Bei Verkauf von Liebenberg könne man das Geld dem Land Brandenburg gutschreiben. Einen Tag später faxte der Treuhand-Pressesprecher an alle Medien: „Wer jetzt Angst schürt – und sei es nur durch flotte Überschriften in den Medien – geht an der Wahrheit vorbei und handelt unredlich.“ In der Woche darauf erzählte der „Gutshaus“-Wirt einem Journalisten: „Die Interviews wegen des Dorfverkaufs zähle ich gar nicht mehr.“ Als sich die New York Times im Dorf anmeldete, hatte Wilfried von Engelhardt bereits eine Bürgerinitiative (mit einem Konzept für „sanften Tourismus“) gegründet und elf ortsansässige Betriebe mit der Gemeinde eine „Arbeitsgemeinschaft“ gebildet. Außerdem gab es auch wieder einen Runden Tisch, an dem BvS-Manager, Vertreter der Gemeinde, des Amtes, des Landkreises sowie des Landes saßen und gemeinsam nach „Lösungen“ suchten.

Erst einmal wurde – wie üblich – der Post die Schuld gegeben, denn der Treuhand-Brief an die „Mieter der Liegenschaft Rittergut“ war bereits am 15.10. rausgegangen, also angeblich vierzehn Tage unterwegs gewesen. Dann gründete man eine „Liebenberg-Kommission“ – den Vorsitz übernahm SPD-Landrat Karl-Heinz Schröter. Sie sollte eine „Gesamtlösung“ erarbeiten. Damit war die Treuhand-„Paketlösung“ vom Tisch: „Wir nehmen die Ausschreibung zurück, und werden die Bürgerinitiative unterstützen,“ verkündete Wolf Schöde, der sich dann auch noch dem Kommissionsvorsitzenden als Pressesprecher zur Verfügung stellte. Der Landrat teilte daraufhin der Berliner Zeitung glücklich mit: „In sechseinhalb Jahren Arbeit mit der Treuhand habe ich nicht so viel erreicht wie in diesen zwei Gesprächsstunden!“ Von den 80 (garantiert Nicht-Berliner-) Investoren, die sich laut Treuhand für die Ausschreibung interessiert hatten, war fortan keine Rede mehr, stattdessen ging es nun darum, vor Ort unterschiedliche „Vorstellungen, Kaufkraft und Interessenslagen“ zu fixieren.

Dazu mußte aber erst einmal der gesamte Komplex neu vermessen werden: und…“hierfür ist einige Zeit erforderlich“, wie die Treuhand bereits in ihrem zu spät angekommenen Brief an die Mieter angedeutet hatte – um damit ihre „Paketlösung“ zu begründen. Diese bezeichnete die Ostberliner „Junge Welt“ dann rückblickend geradezu als „Erlösung Ost“ und nörgelte, daß nun stattdessen „Demokratiespiele West“ greifen sollen: „Wie langweilig!“ Dabei sah die „Gesamtlösung“ vor, daß die Liebenberger sich alle zusammenraufen und ihren Ort selbst erwerben sollten – in Form einer Genossenschaft etwa. „Was wir uns da aufhalsen…,“ schwante es bereits am 4.11. dem Rentner Buchholz auf einer Diskussion in der Dorfkneipe „Gutshaus“. Der BvS-Pressesprecher Schöde sprach jedoch vom „Glück im Unglück“ und drohte sogleich: Dieser Privatisierungsplan habe „große Aussicht auf Erfolg.“ Der BvS-Generalbevollmächtigte Dr.Wild setzte später noch einen drauf: „Wir sind lernfähig!“ Aber selbst wenn stattdessen – neueste Variante – der Landkreis nun die Groß-Immobilie zum „Null-Tarif“ übernimmt, die Kaufinteressen aller Mieter sowie Pächter einzeln befriedigt werden und der mit dem Verfassungsgericht drohende Hotelier Heitmann doch noch aus dem Seehaus rausgeklagt wird: Der Kampf geht weiter! Liebenberg goes „Internet“ und Wilfried von Engelhardt will in den USA nach „Sponsoren“ suchen.

….Im Jahr 2000 ist der Hotelier Heitmann endlich rausgeklagt, und ein ehemaliger Mitarbeiter des PDS-Reiterhofs, der dann Kellner im Seehaus geworden war, verwaltet statt seiner das Objekt, aber es haben sich noch immer keine Investoren oder gar Sponsoren gefunden. Dafür besuchen jetzt die in der Umgebung wohnenden Dörfler regelmäßig das Seehaus, sitzen am Kamin, trinken Kaffee für 2 DM die Tasse und essen dazu vom Kellner selbst gebackene Kekse. Auf ihre Fragen: „Wie geht es denn weiter“ bekommen sie von ihm jedesmal die selbe Antwort: „Es ist noch nichts entschieden!“

Daß das ganze Objekt „Liebenberg“ – 1500 Hektar Wald, Felder, Seen, Schloß, Kirche, Gutshöfe, Museum, Lenné-Park – inzwischen von der brandenburgischen Entwicklungsgesellschaft übernommen wurde und die ganzen Wohnhäuser von der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, kümmert kaum einen, da sich dadurch so gut wie nichts ändert.

Um noch einmal Investoren oder wenigstens Sponsoren heranzulocken, findet im Schloßpark im Sommer 2000 ein großangekündigtes „Landkonzert“ statt, flankiert von einigen Literaturlesungen. Es ist wie immer und überall im Osten: Wenn nichts mehr geht, muß die Kunst einspringen!

Ein Jahr danach kommt die Privatisierung aber doch – durch die Hintertür: Die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) ist pleite und wird kurzerhand an die Deutsche Kreditbank (DKB) verkauft. Und die Banker, die zuerst gar nicht wissen, was ihnen damit alles in den Schoß gefallen ist (besonders erstaunt sind sie darüber erstaunt, daß ihnen nun auch eine Kirche in Liebenberg ihnen gehört) entwickeln sofort große Pläne, die sich im „zweistelligen Millionenbereich“ bewegen, wie sie auf einer Pressekonferenz stolz verkünden. Im Endeffekt soll dabei jedoch annähernd das selbe rauskommen wie nach der Übernahme des Schloßes Neuhardenberg durch den Sparkassen- und Giroverband: „Eine Fort- und Weiterbildungsstätte“ mit gelegentlichen Kulturveranstaltungen auf hohem Niveau. Und so sah es dann dort auch aus:

Die bayerischen Banker haben die Halle gründlich ausgekehrt und die vielen Geweihe abgehängt. Auf fast allen stand „Erlegt: A.Neumann“ – ein zusammen mit Walter Ulbricht in Ungnade gefallenes ZK-Mitglied, ehemaliger Spanienkämpfer, der sich dorthin zurückgezogen hatte die letzten Jahrzehnte. Auch die von ihm eingebaute Saune wurde rausgerissen. Dafür stehen jetzt nach hinten raus lauter Zitronenbäume auf der Veranda. Überhaupt wurde das ganze Ambiente gleichsam vegetarisiert. Obwohl man auf fleischorientierte Jagdgesellschaften und Reiterspiele setzt. Nur gelegentlich stehen Dichterlesungen auf dem Programm. Neulich war Wladimir Kaminer geladen. Er las mit dem Rücken zum Kamin – vor einem überwiegend reifen Publikum, das aus der Umgebung angereist war. Jedoch nicht mehr aus dem nahen Liebenberg, dessen Bewohner einst das DDR-Staatsgut bewirtschaftet hatten und sich in der Wende, „endlich nach 80 Jahren“ erneut den Seezugang zwecks Angeln und Baden erkämpft hatten.

2. Passee:

„Leben – Erholen – Investieren“ (Motto der Wirtschaftsförderung Mecklenburg-Vorpommern)

„Es ist wichtig, daß man nach Lösungen sucht, damit die Leute Beschäftigung finden. Der Aufhänger, den hier der Bürgermeister gefunden hat, ist besonders vielversprechend“, meinte der Sozialminister von Mecklenburg- Vorpommern, als er den 11. ostdeutschen „Haustierrasse-Schutzpark“ – in Passee-Tüzen – eröffnete. Mittels 17 Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und 1,5 Millionen Mark Sachkosten hatte der ehrenamtliche Bürgermeister Adolf Wittek – als ABM-Projektleiter – seit 1993 ein 40-Hektar-Gelände hinterm Dorf umgestalten lassen. Ein Gutsgebäude in Tüzen wurde zu einer Stallanlage umgebaut, nebendran errichtet ein Ehepaar aus Thüringen ein Restaurant. Die Gemeinde Passee hat drei Tierpfleger angestellt, die Entwicklungsträger-Gesellschaft Kühlung-Salzhaff bezahlt das Leitungsgremium: Ein Tierarzt, eine Agraringenieurin und den gelernten Kellner Wittek. Das „Park-Informationssystem“ entwarf die schwindende Kunstschule Heiligendamm, die Ausrichtung des Eröffnungsfestes besorgte die prekäre Beschäftigungsgesellschaft „Musower Landschaft“. Der Landrat meinte in seiner Eröffnungsrede, daß das berühmt gewordene Dorf Passee mit diesem „Projekt“ hoffentlich erneut – „aber diesmal anders“ – in die Schlagzeilen gerate.

Er spielte damit auf das Wirken des Bad Schwartauer Maklers Christoph Wöhlcke und dessen Lübecker Rechtsanwalt Eckhard Tribess an, das seit 1991 die Gemeinde und seine 250 Einwohner buchstäblich in Atem hält. Es begann – harmlos – damit, daß Wöhlcke von einer Erbengemeinschaft für 60.000 Mark elf Hektar Land im Ortskern von Passee erwarb: für 52 Pfennig pro Quadratmeter. Das Grundstück hatte zu DDR-Zeiten bereits die LPG für 10.000 Mark gekauft, es jedoch nicht ins Grundbuch eintragen lassen. 1972 war dort mit Baugenehmigung eine Kläranlage und die Gemeindeverwaltung mit Post, Arztstation und Konsum errichtet worden. Außerdem hatte die LPG einen Bauernhof in ein Zweifamilienhaus umgebaut, und privat war eine Garage auf dem Grundstück errichtet sowie ein Obstgarten angelegt worden.

Als Wöhlcke dem Bürgermeister einen Mietvertrag für das öffentliche Gebäude präsentierte, ging dieser zunächst von einem Mißverständnis aus: „Wir hatten dafür doch schon zu DDR-Zeiten mit unseren Steuern gezahlt!“ Das war allzu naiv gedacht, denn dem nun auch in Passee geltenden westdeutschen Recht war diese Eigentumskonstruktion – die Trennung von Grund und Gebäuden – fremd. Da im Einigungsvertrag keine Überleitungsregeln dafür geschaffen worden waren, mußte mittels „Vermögensrechtsänderungsgesetz“ und „Sachenrechtsbereinigungsgesetz“ nachgebessert werden – und das dauerte. In der Zwischenzeit versuchten die mecklenburgischen Richter, zumeist Leihbeamte aus dem Westen, „business as usual“ durchzusetzen.

Der regelmäßig seinen neuen Passeer Grundbesitz inspizierende Wöhlcke steigerte seine Mietforderungen schließlich auf 12.000 Mark monatlich für das Mehrzweckgebäude und 15.500 für die Kläranlage. Vom Konsum, der seit der Wende von der Frau des Bürgermeisters, Regina Wittek, betrieben wird, verlangte er 5.000 Mark. Und weil er auf eigenem Grund und Boden machen könne, was er wolle, ließ er später die Garage niederreißen und die Obstbäume fällen. Während der Zweckverband in Wismar, als Betreiber des Klärwerks, sich bemühte, im Zuge eines Flurneuordnungsverfahrens nicht nur Nutzer, sondern auch Eigentümer des Grundstücks zu werden, versuchte Wöhlcke, für den dieses Ansinnen „Kommunismus in reinster Form“ war, gerichtlich das Nutzungsentgelt einzutreiben.

Unterdes betonierte ein großer „Unbekannter“ das Ablußrohr des Klärwerks zu und beschädigten den Bagger des Zweckverbands, der die Anlage in Passee schließlich von einem Nachtwächter schützen ließ. Als dieser eines morgens mit seinem PKW nach Hause fuhr, wurde er von Wöhlcke verfolgt, der das Auto des Nachtwächters rammte. Wenig später schlug Wöhlcke auch noch den Bürgermeister zusammen, als der trotz mehrmaligen Verbots, das Grundstück zu betreten, des Maklers vermeintlich unerlaubte Anwesenheit am Klärwerk zu photographieren versuchte. Just am Tag, als die Gemeinde Passee ihr 675jähriges Bestehen feierte, ließ Wöhlcke den Lebensmittelladen von einer Gerichtsvollzieherin, die zwanzig Polizisten mitbrachte, zwangsräumen. Frau Wittek ging daraufhin auf den Makler los. Auch die Dorfbewohner griffen ein: Mit Wäschekörben organisierten sie auf die Schnelle den Umzug des Konsum in das leerstehende LPG-Kulturhaus auf der anderen Seite des Dorfplatzes. Wöhlcke vermietete später „seinen“ Laden an die einzige CDU-Vertreterin im Gemeinderat: Anita Zielinski, die jedoch bald Konkurs anmeldete und wegzog.

Die Passeer hängten ein Transparent über die Straße: „Wöhlcke konnte den Laden erringen, aber uns wird er niemals bezwingen.“ Im Herbst 1992 ließ Wöhlcke die Zufahrt zum öffentlichen Parkplatz neben dem Gemeindebüro mit einer Schranke und einem Vorhängeschloß blockieren. Nachdem einige Passeer diese Sperre beseitigt hatten, verübten Unbekannte zwei Anschläge mit Buttersäure auf Witteks Wohnhaus und den Lebensmittelladen. Obwohl „ziemlich geschockt“ lehnte der Bürgermeister jedoch das Ansinnen einiger Passeer, nun eine „Bürgerwehr“ aufzustellen, ab. Der Lübecker Nachrichten erzählte Wöhlcke: Bisher sei stets er das Opfer von Anschlägen gewesen. So hätten Unbekannte die Scheiben seines Ladens beschmiert und zehnmal die Sicherheitsschlösser mit Klebstoff unbrauchbar gemacht. Im Sommer 1993 versperrte Wöhlcke erneut die Zufahrt zum Gemeindebüro – mit 4 Tonnen Kies. Wittek korrespondierte sechs Monate mit den Ämtern – „aber nichts passierte“. Schließlich ließ er den Haufen beiseite- schieben. In der folgenden Nacht besprühten Unbekannte seinen Mazda und seinen ABM-Projektleiter-Dienstwagen. Regina Wittek war laut Ostsee-Zeitung „den Tränen nahe“.

Ende 1994 stellte Wöhlcke das Wasser im Verwaltungsgebäude ab. „Wir haben sofort ein einstweiliges Verfügungsverfahren eingeleitet, aber passiert ist nichts“, so Adolf Wittek. Ähnlich sah es mit dem ehemaligen Laden seiner Frau aus: Sie konnte sich dort zwar vor dem Oberlandesgericht Rostock wieder reinklagen, aber der Laden steht bis heute leer. Den Prozeß wegen des Garagenabrisses gewann Wöhlcke zunächst. Dieser Rechtsstreit betraf auch die LPG als Bauherrin des Wohnhauses, bzw. ihre Rechtsnachfolgerin – die Öko-„LBG“: Landboden Glasin Treuhand GmbH & Co KG. Wöhlckes Rechtsanwalt Eckhard Tribess hatte dazu beim Landgericht Wismar im Genossenschaftsregister entdeckt, daß die dortige Lübecker Leihbeamtin wegen einiger Unklarheiten die von den ursprünglich 400 Genossenschaftlern übriggebliebenen 125 LBG-Kommanditisten noch nicht eingetragen hatte.

Vor Gericht trug Tribess sodann vor, alle – außer 19 von ihm vertretene Personen – hätten das LPG-Abfindungsangebot angenommen und seien damit nicht mehr Mitglieder. Die Rechtspflegerin ermächtigte ihn daraufhin, eine neue LPG-Vollversammlung einzuberufen, auf der dann 12 der 19 Personen erschienen. Sie setzten den Geschäftsführer der 100 Mitarbeiter beschäftigenden LBG ab und wählten für die „LPG in Liquidation“ einen neuen Geschäftsführer: Wöhlcke! „Damit brach das Unglück auch über die LPG herein“, so Tribess‘ Gegenspieler, der Westberliner Anwalt Rainer Prinz.

Bereits am nächsten Tag brachte Wöhlcke die neuen Beschlüsse zur Eintragung ins Register, während Tribess in seinem Namen die Geschäftsunterlagen bei der Bank einforderte. Als Wöhlcke auf „seinem“ LPG-Betriebsgelände in Passee auftauchte, verwehrten ihm der dortige Bereichsleiter und sein Kollege den Zutritt. „Sie sind entlassen“, verkündete Wöhlcke ihnen, und als die beiden ihn vom Hof drängten, fuhr er mit dem Auto auf sie los. Das diesbezügliche Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung stellte der Richter ein, Wöhlcke zahlte je 500 DM Schmerzensgeld.

Die Passeer waren empört und sammelten Unterschriften gegen das Urteil. Zu oft waren die Gerichte bisher gegen sie gewesen, auch die Gerichtsvollzieher und Polizisten hatten zumeist eher dem westdeutschen Makler zugearbeitet, fanden sie. Um dem bedrängten Dorf wenigstens moralisch beizustehen, erklärte der Kreistag den Makler aus Bad Schwartau zur „unerwünschten Person“ im Kreis Wismar. Mehr als 30 Räumungsaufforderungen und Abrißankündigungen hatten Wöhlcke/Tribess bis dahin nach Passee geschickt. „Allein als Folge der LPG-Versammlung sind über 10 Verfahren anhängig“, bilanzierte Rechtsanwalt Prinz.

Ende 1995 gelang es ihm jedoch vor dem Oberlandesgericht Rostock, die Umwandlung der LPG in die Landboden Glasin Treuhand GmbH & Co Landwirtschafts KG für rechtmäßig erklärt zu bekommen. Tribess legte dagegen „Verfassungsbeschwerde“ ein. Auf Betreiben der Ost-SPD, die mit Passee als „Musterfall“ argumentierte, war es unterdes im Bundestag zu einem „Moratorium“ gekommen, mit dem bis zum Inkrafttreten des 3. Sachenrechts-Bereinigungsgesetzes die Rechtsverhältnisse an Grundstücken und Gebäuden bis Ende 1998 zwischengeregelt wurden.

Wöhlcke hatte den Bürgermeister inzwischen wegen „unrechtmäßiger Nutzung“ der Amtsräume auf 18.000 Mark Schadenersatz verklagt und sogar eine einstweilige Verfügung erwirkt, mit der Wittek das Betreten seines Büros verboten wurde. Wochenlang erledigte der daraufhin seine Arbeit auf der Straße, und seine Schreibkraft reichte ihm die Akten aus dem Fenster. Das Landgericht Schwerin erlaubte ihm schließlich – „mit dem Moratorium im Rücken“ – die kostenlose Nutzung seiner Amtsräume wieder. Wöhlcke drohte mit dem Bundesverfassungsgericht: „Die kostenlose Nutzung kommt einer entschädigungslosen Enteignung gleich.“

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Kreistag Wismar nannte Wöhlcke einen „Vereinigungskriminellen“. Mindestens einmal im Monat berichtete das Rostocker TV-Studio des NDR über den „Krieg in Passee“, dessen Reporter Michael Schmidt 1995 sogar ein ganzes Buch (im Weymann Bauer Verlag Leipzig) unter diesem Titel veröffentlichte.

Um das maklerfreundliche Wirken der mecklenburgischen Justiz und ihrer Organe zu kompensieren, bedachten die anderen Behörden das Dorf mit großzügiger Aufmerksamkeit: So gelang es Wittek zum Beispiel mühelos, 15 ABM-Stellen zur Dorfverschönerung bewilligt zu bekommen. Mit den Plänen für den Haustierrasse-Schutzpark ging es dann „ABM-mäßig“ weiter. Allerdings auch mit dem Bad-Schwartauer Makler, der kurz vor dem Eröffnungsfest erneut das Wasser in den Gemeinderäumen abstellte und den Bürgermeister wegen wilder Entsorgung von Bauschutt aus dem Schutzpark anzeigte. Über 100 Verfahren sind vor den Gerichten wegen Passee derzeit noch anhängig.

Gleichzeitig waren Wöhlcke und Tribess aber auch noch in Frankenberg bei Chemnitz aktiv geworden. Hier ging es um eine große Kartoffellagerhalle, die von der Holzhaus-Baufirma Klaus Eckelmann genutzt wurde, als er Schwierigkeiten mit den Vermietern bekam, las er in der Bild-Zeitung einen Artikel über den Bad Schwartauer Makler Wöhlcke, der in dem Springerstiefelblatt als „Spezialist für komplizierte Grundstücksfragen im Osten“ angepriesen wurde. Im Endeffekt bekamen Wöhlcke und Tribess die Kartoffellagerhalle in ihren Besitz und Klaus Eckelmanns Firma ging in Konkurs. Jetzt versucht er zusammen mit dem Berliner Rechtsanwalt Prinz „zu retten, was noch zu retten ist“. hierzu sind ebenfalls noch Dutzende von Verfahren anhängig.

Wöhlckes Anwalt Tribess ließ sich unterdes in den Kirchenvorstand des Lübecker Doms wählen, von wo aus er nun gegen den Rechtsradikalismus, besonders im Osten, vorgehen will.

3. Alt-Rosenthal:

„Ein Riesenerfolg“, titelte die Märkische Oder-Zeitung und meinte damit das vorläufige Ende eines „öffentlichen Kampfes“ zwischen den Vorwerk-Bewohnern von Alt-Rosenthal, der „rabiatesten Bürgerinitiative Deutschlands“ (laut Tagesspiegel) und dem Grafen von Hardenberg, einem Düsseldorfer Porschevertreter, der einen Teil seiner ihm zusammen mit dem Schloß Neuhardenberg rückübereigneten Ländereien im Kreis Seelow an die Betonfirma Readymix verpachten wollte.

Dieser britische Konzern, dem weltweit 624 Firmen gehören, beabsichtigte unweit des Vorwerks auf drei „Aufsuchungsfeldern“ nach Kies zu schürfen und damit neue Arbeitsplätze zu schaffen („Alle Kraft für unsere Hauptstadt“).

Dann machte die Firma aber doch einen Rückzieher. Man werde das Projekt Aufsuchung von Kiesvorkommen im Raum Alt-Rosenthal unter Beibehaltung der Erlaubnisfrist nicht weiter bearbeiten: der Protest der Betroffenen war zu groß und zu laut. Zudem hatten die polnischen Kieslieferanten, die den Baustoff unweit des Niederfinower-Schiffshebewerks direkt an der Oder mit Schwimmbaggern abbauen und ihn dann mit Lastkähnen über den Finowkanal nach Berlin schaffen lassen, noch einmal ihre Preise gesenkt. Und der Kies-Abtransport von Alt-Rosenthal mit LKWs benötigte neue, mindestens bessere Straßen.

Das Vorwerk Alt-Rosenthal ist zwar nur eine kleine Häuseransammlung, diese hat es aber in sich. Der dort lebende Schriftsteller Klaus Schlesinger schreibt, als noch alles offen ist: „Tageslang wie benommen. Wutanfälle, ja Haß. So lange hat es eine politische Macht nicht geschafft, uns zu vertreiben, und nun soll es dem Geld gelingen? – Seit 1973 sind wir hier. Neun Häuser zwischen den welligen Feldern zweier Dörfer gelegen. Fast die Hälfte stand damals leer.“

Dann zogen immer mehr Künstler dort hin. „Laut Akten des MfS hatte eine ‚Operation Vorwerk‘ das Ziel, die ‚Ansammlung feindlich-negativer Schriftsteller‘ wie Plenzdorf, Stade, Schlesinger und Wegner zu zerstreuen…“ Das gelang jedoch nicht.

So dass Adel und Kapital dort im Oderbruch jetzt nicht nur diese wütenden Intellektuellen gegen sich haben, einschließlich des sie damals bespitzelnden Stasi-Zuträgers (der heute ein Asylantenheim bewacht), und eines aus Westberlin inzwischen zugezogenen Psychoanalytikers – beide haben sich sogar aktivitätsmäßig an die Spitze des Protests gesetzt – „um sich quasi zu rehabilitieren“, wie Klaus Schlesinger meint.

Daneben ist aber auch noch fast die gesamte Bevölkerung und Kommunalpolitik ringsum auf ihrer Seite. Der Landrat in Seelow ließ eilends die Kiesgebiete unter einstweiligen Naturschutz stellen: „Für Berlin lassen wir unsere Landschaft nicht kaputt machen“, so die Umweltdezernentin. Das Potsdamer Wirtschaftsministerium wog die Angelegenheit jedoch dann anders ab.

Auf einer Protestversammlung im Sommer vergangenen Jahres meinten deswegen einige die Protestler beratende Juristen: Nur nach dem Motto ‚Wehret den Anfängen!‘ und zwar ‚Von Unten!‘ könne noch etwas bewirkt werden. Läuft das Verfahren erst einmal, sind alle Gesetze gegen die Betroffenen: Die Möglichkeiten der Bergbaubehörde reichen bis hin zur Enteignung von Eigentümern, die ihr Land nicht freiwillig hergeben.

Der Widerstand gegen die „Kiesräuber Readymix“ begann bereits im Frühsommer 1993 – initiiert von dem e.e. Wessi, der sich, ebenso wie wenig später ein Westberliner Kleinverleger, im Vorwerk ein Haus gekauft hatte. Erst sammelte er von jedem Vorwerk-Bewohner eine Protestunterschrift ein, dann gründete er die „Interessengemeinschaft Naturschutzgebiet Bergvorwerk“. Selbst seinen Gegner, den Grafen Hardenberg, bat er am 12.8.93 um Mitarbeit: „helfen Sie uns zu verhindern, dass zum dritten Mal Verwüstung über die ehemaligen Länder Ihrer Familie kommt“.

Die „Bürgerinitiative“, der der Psychoanalytiker fortan zusammen mit dem Plenzdorf-Sohn Morten, der ein Fuhrunternehmen in Seelow betreibt, vorstand, bewirkte erst einmal seine eigene Integration in die Vorwerk-Datschengemeinschaft. Des weiteren betrieb die Initiative eine erfolgreiche „Pressekampagne“, die Tochter des Psychoanayltikers arbeitete in der taz. Bald interessierten sich aber auch die staatlichen Medien für den „Fall“, z.B. der ORB, der sogleich sein „Vor Ort“-Team dort hinschickte.

Während der Live-Sendung gelang Ulrich Plenzdorf, der wohl ebenfalls „Wutanfälle, ja Haß“ in sich spürte, ein äußerst effektvoller Auftritt – „da kam fast Volksfrontstimmung auf“, berichtete der Psychoanalytiker hernach erfreut.

Als zum Jahresende bei seinem Vorwerk-Nachbarn – dem Westberliner Kleinverleger – ein Festessen stattfand, war diese neuerliche Schlacht um die Seelower Höhen bereits so gut wie geschlagen. Ausgerichtet wurde das vorzügliche Mahl von den Untermietern des Verlegers, einem Westberliner Bioladen-Ehepaar. Bei ihren Gästen handelte es sich sämtlichst ebenfalls um Westdeutsche, die sich in der näheren oder entfernteren Nachbarschaft ein Haus zugelegt hatten.

Ich erfuhr dort: Die Jagd sei jetzt an einen Westler aus dem Ruhrgebiet verpachtet worden. Das hätte der Förster erzählt, den im übrigen seine vorgesetzte Behörde angewiesen hatte, ja nicht bei Aldi einzukaufen – wegen seiner Vorbildfunktion. Das Schloß im nahen Wulkow gehöre ebenfalls einem Westdeutschen, der dort bereits zwei Millionen reingesteckt habe, es soll ein Fünf-Sterne-Hotel daraus werden. Und dann gäbe es in der Nachbarschaft noch einige junge Leute, die ökologischen Landbau betreiben …

Klaus Schlesinger, der nicht so recht glücklich über diesen Etappensieg war, meinte: „Ohne diese blöde Wiedervereinigung wäre uns all das erspart geblieben – das Kapital hat seine eigenen Widersacher gleich mitgebracht.“

Irgendwann gab der Graf von Hardenberg ganz auf – und verkaufte das Schloß an den westdeutschen Sparkassenverband, der daraus ein vornehmes Kulturzentrum machte.

Sein Ost-Widersacher Klaus Schlesinger starb unterdes, ebenso der Psychoanalytiker und der Kleinverleger zog wieder zurück nach Westberlin, die anderen widmeten sich langsam wieder ihrer Landarbeit: Bücher schreiben.

4. Investoren – scheue Rehe bzw. Heuschrecken:

Der Dorf- und LPG-Korrespondent der Neuen Deutschen Bauernzeitung, Werner Wühst, riet uns ab, auf den „Bauerntag 1990“ nach Suhl zu fahren: Dort würden nur noch die zweit- und drittklassigen Bauernfunktionäre der DDR ein letztes Mal um ihre Fortexistenz ringen, aber das sei alles vergebliche Mühe. Nach dem Auftritt des westdeutschen Bauernpräsidenten von Heeremann, der den LPGen bloß noch den Charakter einer „Übergangslösung“ zubilligte und überdies meinte, die einstmals Bodenenteigneten müßten ihr Land wieder zurückbekommen – wurde jedoch auch den ganzen anwesenden LPG-Vorsitzenden klar, daß sie nun anfangen mußten, für sich und ihre Leute zu kämpfen. Zumal dann auch noch ihre eigene Partei, die Bauernpartei der DDR, sowie ihr eigener Verband, die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB), kurz darauf zum Feind überliefen, d.h. sich der CDU anschlossen bzw. dem westdeutschen Bauernverband und den Raiffeisenorganisationen. Auch die Bauernzeitung verhandelte dann mit einem Münchner Agrarzeitschriftenverlag und währenddessen ging bereits – in vorauseilender Anpassung – ein Ruck durch die Redaktion. Werner Wühst hielt das nicht länger aus und kündigte: „Jede Woche über Gülle zu schreiben, das ist für mich keine Perspektive!“

In der DDR gab es über 2000 landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, daneben noch volkseigene Güter und einige andere landwirtschaftliche Staatsbetriebe. Die LPG-Mitglieder wurden zwar in der Regel zum Eintritt gezwungen, brachten ihre Flächen jedoch nur zur Nutzung ein, sie blieben ihr Eigentum. Deswegen konnte der kommunistische bayrische Abgeordnete und Bauer Richard Scheringer auch noch in den Sechzigerjahren darauf bestehen: „Daß die Kommunisten den Bauern das Land wegnehmen wollen, ist einfach nicht wahr!“ Etwa zur gleichen Zeit ging man jedoch umgekehrt – im „Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung“ in Bonn – davon aus, daß die Einheit, „wenn sie morgen käme“, es zwingend erforderlich mache, daß die LPGen der auch in Ostelbien dann wieder gültigen „marktwirtschaftlichen Ordnung“ zuliebe aufgelöst werden müssten, nach einer Phase von „Übergangsgemeinschaften“, wobei das Prinzip „Rückgabe vor Entschädigung“ gelten sollte. Dabei würde es zu Arbeitslosigkeit kommen, deswegen empfahl der Forschungsbeirat schon damals, Vorsorge für einen reibungslosen Übergang von landwirtschaftlicher zu anderer Beschäftigung zu treffen – also Massen-Umschulung und ABM. 1965 war der Wiedervereinigungsplan der Bundesregierung fertig – und landete erst einmal in der Schublade.

Darüberhinaus ging man dann im Westen 1989/90 davon aus, wegen der „Zwangsmitgliedschaft“ in den LPGen würden ihre Mitglieder sich nach der Wiedervereinigung mit ihrem Land sowieso mehrheitlich wieder selbständig machen wollen und damit würde sich das „LPG-Problem“ quasi von selbst erledigen. Dies war jedoch ein Irrtum! Obwohl die Neu- und Wiedereinrichter großzügig gefördert wurden.

Der Rechtsanwalt und LPG-Umwandlungsberater Dr. Geyer führte am 4.5.1996 anläßlich einer Besichtigung der umgewandelten Groß-LPG in Golzow durch den Hildesheimer Rotary-Club aus:

„Nach der Wende standen die LPGen als eigentumslose Großbetriebe da, wären sie in westliche Rechtsform umgewandelt worden, hätten sie die von ihnen bearbeiteten Flächen in der Regel pachten können, da die Landeinbringer mit Kleinflächen zumeist keine Betriebe wieder aufbauten. Für die Landwirtschaftspolitik gegenüber den LPGen war die ideologische Losung von Kiechle, einem Kleinbauern aus dem Allgäu, maßgebend: ‚Die LPG ist ein Musterbeispiel sozialistischer Schlampwirtschaft‘. Dabei war die LPG als genossenschaftliches Gebilde noch eine Restinsel gelenkt-privaten Wirtschaftens im Sozialismus. Deshalb zielte das Landwirtschaftsanpassungsgesetz darauf ab, möglichst die LPG nicht umzuwandeln, sondern zu liquidieren. Zu den Initiatoren zählten viele Alteigentümer, jedoch kein einziger (der in der Wende zumeist neugewählten) LPG-Vorsitzenden. Bei der Liquidation einer LPG konnte man billig Gebäude und Gerätschaften erwerben sowie billig Land pachten, was viele westliche Neueinrichter auch taten. Wurde die LPG dagegen umgewandelt, musste sie zunächst auch für sämtliche Alt-Schulden geradestehen. Das Landwirtschaftsanpassungsgesetz gab – entgegen dem LPG-Recht – den Mitgliedern ein Kündigungsrecht, verbunden mit einem Abfindungsanspruch in Geld für 30 Jahre fiktive Pachtzeit. Da außerdem jeder Landeinbringer bei Eintritt in die LPG – vor rund 30 Jahren – einen Inventarbeitrag zu leisten hatte, 500 Mark/DDR je Hektar Fläche – weitgehend in Naturalien, musste auch dieser Beitrag jetzt von der LPG vergütet werden – und zwar 1:1 in DM (!), obwohl der Westen sonst die Ostmark nie so eingeschätzt hatte. Gleiches galt für die rückwirkende Verzinsung von drei Prozent. Für die Landeinbringung, also bei etwa 50 Bodenpunkten und 20 Hektar ergibt sich folgende Leistung: 2 DM x 50 Punkte x 20 Ha x 30 Jahre = 60.000 DM plus 10.000 DM Inventarbeitrag plus ca. 10.000 DM Verzinsung = 20.000 DM, insgesamt 80.000 DM. Geht man bei 6.000 Ha Nutzfläche der LPG von 300 Abfindungsberechtigten aus, so entspricht das einer Abfindungssumme von 24 Mio. DM – in bar.

Es liegt auf der Hand, dass kein Betrieb so etwas leisten konnte. Zusätzlich wären auch noch Arbeitnehmerinteressen zu bedienen gewesen. In der Regel war also eine solche LPG schon zu liquidieren, wenn auch nur 10 oder 15 Prozent ihrer Mitglieder kündigten und die Abfindungsansprüche verlangten. Die dann folgenden Liquidationen führten in der Regel allerdings dazu, dass die Aktiva verschleudert wurden, die Liquidatoren und Gutachter Geld verdienten, die Alt-Schulden voll auflebten und die Anspruchsberechtigten herausgingen. Hätte der westliche Gesetzgeber gerecht sein wollen, so hätte er die ostdeutsche Landwirtschaft rechtlich umgewandelt und nicht zerstört. Nahezu alle LPGen wären sanierbar gewesen, hätte man lediglich eine Umwandlung in westliche Rechtsform vorgeschrieben. Dann hätte auch jedes Mitglied seinen gerechten Anteil an dem Unternehmen erhalten und diesen frei am Markt verkaufen können. Der Verkaufserlös des Anteils hätte sich nach der Ertragskraft des Anteils gerichtet. Es hätte nur ein Gesellschafterwechsel stattgefunden. In vielen Fällen ist es jedoch den Beratern und Leistungen der LPGen gelungen, den Mitgliedern die verheerende Folge der Kündigung durch Gruppen klar zu machen. Dies geschah u.a. auch in der LPG Golzow.“

Die nach der Wende noch nicht sofort auf die neue „Deutungsmacht“ (W. Thierse) eingewestete „Wochenpost“ berichtete bereits Anfang 1991 von einem schnellen Neueinrichter: den Augsburger Großpächter Albrecht von Stetten, der mit nagelneuen „MB-Tracs“ bei einer LPG in Queis aufgetaucht war: Der Genossenschaft fehlte bald nicht nur das Geld zu solch Edelgerät, sie gab überhaupt entmutigt auf – und „von Stetten nutzte die Gunst der Stunde, um auf dem fruchtbaren Lößboden einen großstrukturierten Ackerbaubetrieb einzurichten. Dazu bietet er den Landeinbringern Pachtverträge auf 12 Jahre pro Ha 300 DM Zinsen jährlich. Rund 4500 von 5800 Ha hat er auf diese Weise zusammengebracht. ‚Gut Landsberg‘ heißt der neue Großbetrieb. Früher hieß die LPG ‚Thomas Müntzer‘.“

Sogar noch schneller als von Stetten in Sachsen, war der Sohn des ehemaligen mecklenburgischen Gutsbesitzers in Alt-Pannekow, von Paetow, zur Stelle. Zu BRD-Zeiten bewirtschaftete er einen Hof bei Kiel. Bereits im Dezember 1989 besuchte er den väterlichen Gutshof, der Teil einer LPG geworden war. Anfang 1990 lud von Paetow mehrere LPG-Vorsitzende des Kreises zu sich nach Kiel ein, wo er sie üppig bewirtete. Anschließend enthüllte er ihnen auf einer Kreidetafel die neue „landwirtschaftliche Marktwirtschaft“, in dem er ihnen darlegte, was fortan Einnahmen und Ausgaben sowie der Gewinn waren. Heute bewirtschaftet er 900 Ha eines Staatsgutes im benachbarten Schlutow (bei Gnoien), die er gerade von der BVVG zu kaufen beabsichtigt, ebenso den väterlichen Gutshof. Er sitzt mittlerweile auch im Gemeinderat von Schlutow, wo einer seiner Gegenspieler – ein ehemaliger LPG-Vorsitzender – zum Bürgermeister gewählt wurde.

Anders die Familie von der Osten, die nach Mecklenburg-Vorpommern (zurück) ging, um dort vor allem die „Adelstraditionen im modernen Gewand – mit westlichen Werten“ wiederzubeleben. Dazu wollen sie jedoch vor allem ihre Ländereien wiederhaben, den Gutshof hatten sie bereits gekauft. Derzeit kämpfen sie vor allem um das Schloß, das der Bürgermeister und ein LPG-Vorsitzender jedoch lieber an einen Hotelbetreiber verkaufen möchten. Nach Auskunft einer Journalistin haben sich die von der Osten geradezu in ihre altneue Scholle verkrallt.

Wegen der allseits von interessierten Westkreisen unterstützten „Begehrlichkeiten“ von LPG-Landbesitzern waren die reichsten LPGen schon bald am massivsten gefährdet. Und von dubiosen Beratern bzw. Anwälten geradezu umzingelt. Eine dieser wohlhabenden LPGen gab es auch im Berliner Umland: die Tierproduktion in Fresdorf – mit einer nagelneuen Milchviehanlage. Diese gehört heute einem Viehzüchter aus dem Rheinland. Eine arbeitslose Melkerin erklärte das Scheitern ihrer Muster-LPG so: „Als die Wende kam, haben wir gedacht, jetzt können wir richtig loslegen. Aber von unserem Vorsitzenden kam nichts, gar nichts“. Ein früherer Produktionsleiter, der von neuen Besitzer mitübernommen wurde, meint: „Das hätten wir auch alleine so hingekriegt“. Sein alter LPG- Vorsitzender, Jürgen Krebs, äußerte jedoch bereits am 10. August 1990 – gegenüber der Frankfurter Rundschau: „An der Liquidation führt kein Weg vorbei – mit sechs Mio. DM Altschulden.“ Heute erklärt Krebs, der inzwischen Bürgermeister in Wildenbruch ist: „Es fehlte uns damals auch an den intellektuellen Kapazitäten in der LPG.“ Als Bürgermeister hat er jedoch gerade mit durchgesetzt, dass an Stelle der dortigen früheren LPG „Fortschritt“ in Wildenbruch Berlins reichster „Golf- und Country-Club“ entstehen konnte. Für ihre 230-Hektar- Golfanlage am Seddin-See mußten die Investoren F. von Bismarck und A. Siddig164 Grundstücke von Altund Neu-Eigentümern erwerben.

Bei land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen ist die BVVG meist Verkäuferin. Von ihr erwarben jüngst z.B. der Herzog von Mecklenburg, Christian Ludwig und Franz-Albrecht Metternich-Sandor Prinz von Ratibor und Corvey einen 1.000-Hektar-Forst bei Raben-Steinfeld, und der Fürst von Isenburg-Birstein 850 Hektar Wald bei Schleiz-Langenbuch. Von einer Bevorzugung des Adels beim Verkauf des ostdeutschen Waldes könne jedoch überhaupt keine Rede sein, meinte dazu der Geschäftsführer der BVVG, Ranz- Ludwig Graf Stauffenberg, der zugleich Vorsitzender des westdeutschen „Verbands der (meist adligen) Waldbesitzer“ ist. Mindestens in der BVVG-Geschäftsstelle kann man von einer Bevorzugung des Adels sprechen, als es darum ging, die wichtigen Posten dort zu besetzen: an fast allen Türschildern prangen Adelsnamen.

„‚Adligsein‘ verlangt eine besondere Gesinnung, eine geistig-seelische Haltung, die als Eigenschaft vor allem dem Adel zugehörig sein sollte, wenn seine Mitglieder im heutigen Staatsleben eine Funktion ausüben sollen“, schrieb der Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg im Nachwort eines Buches zur 1000jährigen Geschichte des oberhessischen Fürstengeschlechts Ysenburg- Büdingen, dessen vorletzter Sproß, Fürst Friedrich-Otto, gleich nach der Wende von der Treuhand sein altes Porzellanwerk in Lichte mit 120 Mitarbeitern wiedererworben hatte. Sein ältester Sohn, Erbprinz Wolfgang- Ernst, ließ die Firma 1993 jedoch in Konkurs gehen: „Das ist wie mit dem Beschneiden der Bäume – das alte Holz muß weg“, erklärte er dazu in bester Forstbesitzermanier der FAZ.

Bei einer ähnlichen Charade sprach jedoch selbst diese Zeitung wenig später von einem „Raubritterspiel“: Gemeint war damit die Politik des Düsseldorfer Fürsten von Putbus auf Rügen: Erst erschlich dieser sich das Vertrauen der Rüganer, dann wurde er dort CDU-Abgeordneter, um mit seinen „Agenten“ die jetzt auf seinen 1945 enteigneten Ländereien Lebenden unter Druck zu setzen: Bei Zahlung „erklecklicher Summen“ versprach er ihnen, auf die Restitution zu verzichten: Viele gingen darauf ein, weil sie die sofortige Räumung nach seinem möglichen Sieg vor Gericht befürchteten. Die Greifswalder Verwaltungsrichter kamen jedoch kürzlich zu dem Urteil, daß die Enteignung des Fürsten gültig bleibt. Da kam Freude auf Rügen und in ganz Mecklenburg-Vorpommern auf. Sie hält immer noch an.

Im Gegensatz zum Putbusser Fürsten bekam der Historiker und Polizeipräsident von Potsdam, Graf von Schwerin, seinen umfangreichen Landbesitz im Norden zurück, weil sein Vater von den Nazis als Widerständler hingerichtet wurde. Sogleich schoß sein Sohn jedoch über den Pudding – und versuchte auch noch ein winziges Kulturzentrum dort auf dem Klageweg in seinen Besitz zu überführen – mit der Begründung, daß der Besitzer, ein Berliner Künstler, es zu spät – nämlich erst nach Verabschiedung des so genannten „Modrow-Gesetz“ – erworben hätte.

Das Info der Umweltbibliothek „Telegraph“ berichtet in seiner Mai-Ausgabe 1996, dass sogar schon westdeutsche Bürger mitunter – vom adligen genius loci im Ostelbien inspiriert – Junker-Attitüden entwickeln: Im mecklenburgischen Strasburg ist es der schwerreiche Fabrikant H. Redwisch, der sich dort mit seinen Kontakten zur BVVG und einigen maßgeblichen Leuten im Kreis zum „neuen Gutsherr“ mausern konnte, der mit „gütiger Hand“ über alles wacht, und als Jäger und Waldpächter selbst im Dorf inzwischen von seinem Schußrecht Gebrauch macht, wenn die „Problemlage“ es erfordert.

Anders die Familie von Wulffen, gebürtig aus dem sächsisch-anhaltinischen Wulffen bei Köthen, wo sie seit der Wende um ihren Schloßbesitz kämpft, den der Gemeinderat partout nicht herausrücken will, weil er mit dem Besitzer des Hansa-Parks in Sierksdorf an der Ostsee ins Geschäft kommen möchte. Hanno von Wulffen wanderte 1992 verbittert in die USA aus und denkt dort jetzt sogar – laut FAZ – darüber nach, „die deutsche Staatsbürgerschaft zugunsten der amerikanischen aufzugeben. Er sei vom Vaterland tief enttäuscht. Das kommunistische Unrecht von einst werde heute durch die deutsche Justiz positiv sanktioniert. Seine Bekannten und Freunde in Amerika seien beunruhigt, wenn er von den Geschehnissen im postkommunistischen Deutschland berichte, das Eigentümern auch nach dem Mauerfall keine Rechtssicherheit biete.“

Bei der überaus erfolgreichen LPG-Nachfolge-Großlandwirtschaft Golzow (bei Strausberg) ist es der Landadlige von Wittig, der sich – ebenso wie die LPG als bisherige Pächterin – mit einem Konzept um den Kauf von 300 Hektar Ackerland bewarb: Obwohl seine Bewirtschaftungspläne geradezu kindisch waren im Vergleich zu denen der LPG, gab die BVVG ihnen den Vorzug. Die LPG klagte dagegen. Erst einmal bestritt sie erfolgreich, dass von Wittig überhaupt Wiedereinrichter sei. Schließlich schlug das Gericht als Vergleich vor, die Wirtschaftskonzepte von der brandenburgischen Landesboden-Kommission begutachten zu lassen – das lehnte von Wittigs Anwalt jedoch ab – aus gutem Grund.

Ganz ähnlich sieht der Fall bei Witilo von Lochow aus, der ebenfalls über die BVVG an die Landwirtschaftsflächen der Kümmritzer Agrar GbR (bei Guben) heranzukommen versucht. Von Lochow will nicht einmal auf seinem zukünftigen Landbesitz im Osten wohnen, er will es nur haben. Auch dieser Streit beschäftigt noch immer die Gerichte. Anwalt der von Lochows ist Fritz Lohlein, der überaus aktiv im Beitrittsgebiet ist, u.a. auch als Liquidator. Als solcher wird er jetzt jedoch gerade in Brandenburg aus einem Landwirtschaftsbetrieb nach dem anderen rausgeschmissen. Laut FAZ gehört „der Bonner Spezialist Lohlein ebenso wie der Tübinger Dozent Winfried Schachten, der Münchner Anwalt Rainer Stumpf und der Steueranwalt Werner Kuchs zu einer kleinen Gruppe von westdeutschen Anwälten, die allen Widrigkeiten zum Trotz wenigstens denen zu helfen versuchen, die den Mut aufbringen, vor Gericht zu gehen. Jeder von ihnen hat inzwischen hunderte von Fällen zu bearbeiten.“ Der fast ganzseitige FAZ-Artikel haute auf die selbe Pauke wie ein halbes Jahr später der im Osten noch berüchtigter gewordene „SPIEGEL“-Aufmacher – über das anhaltende Unwesen der „roten Junker“ und ihre „alten Seilschaften“, die nicht einmal vor „Erpressung und Nötigung“ zurückschrecken, beim Versuch, auf Kosten von Alteigentümern und Wiedereinrichtern die „alten Strukturen“ zu erhalten. Und das auch schon fast geschafft haben: „Die Landwirtschaft gehört zu den Branchen in den neuen Ländern, die den Übergang in die Marktwirtschaft am besten bewältigt haben.“ (So Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert – zitiert in der FAZ, für die das freilich „wie ein Hohn“ klingt.)

In der darauffolgenden Zeit versuchten FDP-Teile im Osten und die Lohlein-Truppe wiederholt, juristisch gegen die großen Agrar-Betriebe vorzugehen, indem sie Unregelmäßigkeiten bei der Umwandlung anprangerten. Diese Gefechte wurden auch in der fast zur Gänze westdeutschen Konzernen gehörenden ostdeutschen Presse um so heftiger ausgetragen, je näher das Ende der Frist zur Einreichung von Ansprüchen gemäß des Landwirtschaftsanpassungsgesetzes näher rückte: der 1.1.1997. Ein halbes Jahr vorher, im Juni 1996, waren die an der Zerschlagung der ostdeutschen Großlandwirtschaft anscheinend besonders interessierten Bauernverbände Baden-Württembergs und Bayerns endlich so weit: Unter Federführung von Wolfgang Schäuble legten sie einen Novellierungsentwurf zum Landwirtschaftsanpassungsgesetz vor. Die wesentlichen „Knackpunkte“ darin sind: 1. Die Abfindungsansprüche verjähren erst nach zehn Jahren (im Jahr 2001). 2. Landwirte-Verbände mit mehr als zehn Mitgliedern erhalten Klagebefugnis. 3. Das Gericht bestellt einen gemeinsamen Klagevertreter für alle Mitglieder auf Kosten der Agrar-Gesellschaft. 4. Wird das Eigenkapital in einer Klage verbindlich für alle Verfahren festgesetzt, wobei Rückstellungen nur bedingt berücksichtigt werden. 5. Es erfolgt eine Bekanntmachung im Bundesanzeiger darüber. 6. Alle geschlossenen Abfindungsverträge können widerrufen werden.

Dr. Geyer und sein Partner Rechtsanwalt Prinz, die bei über 100 Umwandlungen berieten, sahen sich nach Bekanntwerden dieses Novellierungsentwurfs (im „Agrarrecht“ 7/96), der noch in dieser Ernteperiode durchgesetzt werden soll, zu größter Aktivität und Eile gezwungen. Etliche LPGen sowie Anwaltskanzleien schlossen sich ihren Initiativen an, die auf einen Kampf-Verband für die ostelbischen Großlandwirtschaften hinauslaufen. Bereits am 16.8.96 fand die Gründungsversammlung dafür statt. In ihrem Rundbrief schrieben sie: „Eine Meute von Interessenvertretern steht bereit, das Streit- und Abwicklungsgeschäft mit Leben zu erfüllen, das heißt mit Massenklagen. Außerdem erhält jeder LPG-Nachfolger einen Volkstribun als Gegenregierung. Dagegen und gegen andere Benachteiligungen der Großlandwirtschaft etwa der Berufsgenossenschafts-Beiträge hilft nur eine Maßnahme: Die Gründung eines Verbandes der Großlandwirtschaften, der als politisches Sprachrohr dient … Es ist höchste Zeit zum Handeln.“ Diese Gründung erfolgte dann auch, sie war jedoch wenig erfolgreich ebenso wie die Partei, die dann auch noch von Dr. Geyer gegründet wurde.

5. Lochow

Während die Geschichte der Privatisierung der DDR- Industrie vorwiegend grau in grau erscheint, hat die der ostdeutschen Land- und Forstwirtschaft das Territorium bunt (im Sinne von heterotopisch) gemacht. Die von der BRD immer wieder und immer noch angestrebte Auflösung der LPGs durch Aufhebung der Zwangsverpachtung und Altschuldengesetze hatte bereits bei den umgewandelten Großagrarbetrieben zu einer Artenvielfalt geführt, die sich nun weiter diversifiziert. Auf dem Land, wo alles vor sich hin zu dösen scheint und weitgehend Ruhe herrscht, wird hinter den Tüllgardinen hart gekämpft. Um jeden Quadratmeter. Wobei die Hauptkampflinien heute an den Bodenreformländereien entlang verlaufen.
Die Treuhand-Boden-Verwaltungs- und -Verwertungs-Gesellschaft (BVVG) – unter dem Vorsitz des Grafen von Stauffenberg – hat den ostdeutschen Niederwald inzwischen schon so gut wie ganz an den westdeutschen Hochadel verscherbelt, aber um die Landwirtschaftsflächen geht der Streit noch bis hoch zu den ostdeutschen Landwirtschaftsministerien auf der einen Seite und zum Bonner Justizminister sowie zu dem gerade ins Amt gewählten Nachfolger des Bauernverbandspräsidenten von Heeremann auf der anderen Seite. Gelegentlich schaltet sich dabei auch der eine oder andere russische Ex-Präsident noch ein. Oder Alteigentümer winken mit dubiosen „Moskauer Dokumenten“. Die LPGs betreiben derweil neben den eher politisch-juristischen Versuchen, ihr gepachtetes Bodenreformland von der BVVG zu kaufen, „Pächterpflege“, denn noch der kleinste Landeinbringer kann jetzt damit drohen, seinen Acker an einen Westberliner Pferdebesitzer oder einen holländischen Neu-Jonkheer in der Nachbarschaft zu verpachten. Auch die letzte Fruchtfolge – Bau- beziehungsweise Golf-Erwartungsland – ist für ihn interessant.
Während arbeitslos gewordene Traktoristen nach Hessen „auswandern“, ziehen immer mehr Kulturschaffende – aus Berlin etwa – in leerstehende Bauernhäuser. Was ihnen früher die Uni- Buchläden waren, sind jetzt die Heimwerkermärkte. Auf deren Parkplätzen stellen „Indianistik“- Projekte aus und finden gar atamanische „Sonnenwendfeiern“ statt, auch polnische Bauarbeiter werden dort vermittelt. Die B.Z. veröffentlichte neulich einen Plan mit sämtlichen märkischen Landbordellen, die taz die Adressen aller hanfanbauenden Betriebe und der Tagesspiegel widmete sämtlichen altadligen Neubauern in Brandenburg eine Serie – als diese sich zu ihrer ersten märkischen Adelsversammlung trafen, bei der es um ihre „Imageverbesserung“ ging. Das Spektrum der „Land- Freaks“ reicht aber noch weiter: von reichen Tu-Gut-Ehepaaren, die hemmungslos ihre Konten für dörfliche Kulturprogramme plündern, über versprengte Öko- Agrarkommunarden bis hin zu antiimperialistischen Diplomlandwirten auf Kirchengütern und verbrecherischen Maklern, die im Osten als „Spezialisten für schwierige Grundstücksfragen“ durchgehen. Wenn man Existenz(be)gründer sucht, muß man aufs Land. Ganze Dörfer sind dort im authentischen Widerstand. Mit ABM-Mitteln wird derweil – von Vorruheständlern – die Regionalforschung reorganisiert und herrenlose Gutshäuser – von ausgegründeten LPG-Gewerken – generalüberholt: zu Schulungszwecken!

Der kurioseste Fall eines neuen Schwungs durch alte Immobilität dürfte die Rückübertragung des Anwesens der von Bredows im havelländischen Lochow sein: ein Vorwerk des Schlosses von Görne, letzteres gehört heute einem Berliner Bordell-Besitzer. Nach der Flucht des alten Rittmeisters von Bredow war das Vorwerk teilweise in den Besitz seines ehemaligen ukrainischen Landarbeiters Nikolai Kolbatsch gelangt. Der mußte es später in die LPG einbringen, nach der Wende erhielt er das Land und die Gebäude, in denen er sich immer nur als „Verwalter“ gefühlt und seinen Kindern nie Baumaßnahmen erlaubt hatte, zurück. Er übertrug es sogleich – gegen den Willen der Treuhand – der Tochter des verstorbenen Grafen: Freifrau Josepha von Zedlitz. Diese hat inzwischen – mit einem Kredit – auch den Wald zurückbekommen und pendelt nun mit dem Pkw alle paar Wochen trotz ihrer fast achtzig Jahre zwischen ihrer bayerischen Pferdepension und dem alt-neuen märkischen Anwesen, in das ihre in Hamburg lebende Tochter einziehen wird.

In Hamburg lebt auch noch ihre Schwester: Ilse Gräfin von Bredow. Sie veröffentlichte ein Buch über diese glückliche „Rückkehr in die märkische Heimat“ unter dem Titel „Denn Engel wohnen nebenan“, womit ihr ukrainischer Landarbeiter und seine Familie gemeint sind. Er starb im übrigen kurz nach der Restitution 1993. Während Josepha von Zedlitz – „beherzt“, wie die Märkische Allgemeine schrieb – die Renovierung des Hofes in Angriff nahm, wobei ihr viele Alteingesessene im Dorf halfen, zu denen sie all die Jahrzehnte nie den Kontakt verlor, arbeitete ihre jüngere, fünfundsiebzigjährige, Schwester Ilse von Bredow an einem (literarischen) Denkmal für Nikolai Kolbatsch und seine Herrschaft.
Das ist ihr auch gelungen. Sie kann im übrigen gar nicht anders als erfolgreich schreiben. Nach der Flucht ihrer Familie in den Westen war die junge arbeitslose Gräfin zunächst kreuz und quer durch Deutschland getrampt, auch immer wieder – heimlich – nach Lochow. 1947 erkrankte sie an Tuberkulose und mußte lange Jahre in Kliniken verbringen. Bis heute ist sie auf ärztliche Betreuung angewiesen. In ihrer Not fing sie 1958 an, Kurzgeschichten für Tageszeitungen und „bunte Blätter“ zu schreiben. Ihr Durchbruch (bis zum Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde) kam 1979 mit dem märkischen Roman „Kartoffeln mit Stippe“. Auch ihr „Engel“-Buch ist ebenso wie das zweite („Deine Keile kriegste noch“) familienbiographisch – und wird wohl Lochow erneut berühmt machen.
Wie das Nachbardorf Kampehl, in dem der ehemalige Großbauer Emil Kort lebt. Der siebzigjährige Kort erfreut sich im Gegensatz zur Gräfin von Bredow einer robusten Gesundheit. Während er, der wie Nikolai Kolbatsch einige Zeit wegen „Sabotage“ im Rathenower Gefängnis einsaß, in seinem Buch zwischen Pathos und Trivialität schwankt und die „Schriftstellerei“ nurmehr als männliche Angeberei schätzt (immerhin gratulierten ihm neulich Manfred Stolpe und Stefan Heym zum Geburtstag), hält Ilse von Bredow einen quasi professionellen ironischen Ton durch, den man mit Günter Grass „Fonty light“ nennen könnte. Und dies sogar dort, wo es um ihre Krankheit geht, die sie streckenweise unterhalb des „Zauberbergs“ – in einer Davoser Klinik – auskurierte. Hier erinnerte mich ihre Erzählung an den Briefroman der Gräfin von Reventlow, die seinerzeit jedoch nur aus Geldmangel kurte. Die Anarcho-Artistik der Reventlow kommt somit eher den Lebensvolten von Emil Kort nahe. Auch in seinem Dorf Kampehl steht, nebenbei bemerkt, eine interessante Privatisierung des Gutsschlosses an. Es war zuletzt ein Kinderheim, in dem er als Heizer arbeitete: Während einer Lesungstournee durch Süddeutschland besuchte er gerade den möglichen Schloßerben von Blücher, um mit ihm ein gemeinsames Nutzungskonzept zu entwerfen, das bei der BVVG gegen das Kaufgebot einer Altvernativ-Ökogruppe aus Babe bestehen könnte.
Noch ist hier nichts entschieden. Rund um das Anwesen in Lochow ist bereits so etwas Ähnliches entstanden: Neben Josepha von Zedlitz zog 1992 auch Luzie Mateke mit ihrem Mann aus Wolhynien von Westberlin nach Lochow zurück. Und zusammen mit ihrer Schwägerin Genia Mateke, ihrer Schwester Ilse Mateke und der Schwester von Josepha, Ilse von Bredow, bilden sie nun – „inzwischen alle Rentner“ – den letzten Rest der „Eingeborenen“ des Dorfes. Wir trinken zusammen Kaffee im Garten und „verklären die Erinnerungen“, wie Ilse von Bredow ihre Treffen beschreibt. Mit den alten Männern verhält es sich vielleicht so, wie es der russische Dichter Block schrieb: „Was den alten Frauen den Rücken gebeugt, hat sie längst zerbrochen.“ Bei der 1976 verwitweten von Zedlitz kommt nun noch das Landadelsphänomen hinzu, daß die „Heimkehr ungeahnte Lebenskraft weckt“, wie die Märkische Allgemeine meint.
6. Möser:

Seit einigen Jahren gibt es in Ostdeutschland – nach dem Ausrollen der Mittelalter-Welle – immer mehr Country- und Western-Festivals und die Fahne der Konföderierten flattert an immer mehr märkischen Vorwerken. In ihrem Film „Ausfahrt Ost“ porträtierten zwei BRD-Filmemacherinnen unlängst drei arbeitslose Ostler, Stammgäste der Trucker-Raststätte „Hungriger Wolf“ in Möser bei Magdeburg, die sich als rebellische Südstaatler begreifen.

Ihre Identifikation mit den US-Losern hat System: Die Niederlage der Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 – und die anschließende Wiedervereinigung zwischen dem Süden und dem Norden – nimmt die deutsche Wende 1989/90 vorweg. Zwar hat man in den USA schon früher auf die Parallele zwischen der Plantagensklaven-Ökonomie des Südens und der ostelbischen Junkerherrschaft hingewiesen, die sich bis in ihren Antikapitalismus – gegenüber dem industriellen Westen bzw. Norden – ähnlich waren, aber hier geht es um die Niederlage des sozialistischen DDR-Staates, der nach der Zerstörung seiner ökonomischen Grundlagen – wie im US-Süden zuvor – einem gigantischen „reconstruction“ und „reeducation“-Programm unterworfen wurde, wobei er jedoch „als gesellschaftliches und geistiges Gebilde“ fortbestand, wie man damals im Süden trotzig behauptete.

Auch das dann immer mehr Westler (Yankees) den Charme der Beautiful Loser im Osten (die rassigen Südstaatenschönheiten) entdeckten – und ein ganz neues Beziehungsdrama-Genre (bis hin zu „Vom Winde verweht“) entstand – hat seine heutige Parallele. Bis hin zu Botho Strauß in der Uckermark. Und so wenig wie damals der Süden die Sklaverei bereute, will sich heute ein Großteil der DDRler vom Sozialismus distanzieren.

Auch die Verlaufsform dieses ganzen vereinigten Elends ist hier wie dort ähnlich: Zunächst dominierten die (ritterlichen) Joint-Ventures, dann ging es nur noch um Abwicklung – und strengstes Wirtschafts-Regiment. Dazwischen tönte z.B. der neue von der Treuhand eingesetzte West-Geschäftsführer bei Narva: „Wir putzen die Braut jetzt heraus, dann mögen die Investoren Schlange stehen!“ Was natürlich überhaupt nicht der Fall dann war. Übrigens begann auch der Ku-Klux-Klan einst als eine „Institution der Ritterlichkeit und der Menschlichkeit“. Derweil versank das Land immer mehr in Armut. Der Staat Mississippi gab ein Fünftel seines Nachkriegshaushaltes allein für Schwerbehinderten-Prothesen aus.

Bald sprachen die ersten neuen Meinungsführer des Südens jedoch von einem „New South“ – allerdings nur in den Zeitungen des Nordens, in denen des Südens trauten sie sich nicht. Einer dieser Krauses, namens Grady, behauptete sogar: „In den Wäldern zwischen Virginia und Texas tummeln sich die Kapitalisten aus Neuengland auf der Jagd nach Investitionsobjekten; man kann kaum einen Schuß abgeben, ohne einen von ihnen zu treffen“.

Die Reisejournalisten aus dem Norden waren dagegen eher entsetzt über „die Ruinenlandschaft der Städte und Plantagen“. Auch die Hoffnung auf frische, arbeitswillige Einwanderer zerschlug sich bald: Allein „New Jersey nahm doppelt so viele auf wie der gesamte Süden“, schreibt Wolfgang Schivelbusch in seiner „Kultur“-Geschichte „der Niederlage“.

All das führte dazu, daß man die Vergangenheit nostalgisch verklärte. So wie ein Mitarbeiter des Deutschen Historischen Museums in Ostberlin rückblickend meinte, „gegenüber dem neuen Direktor Stölzl war unser Chef doch der reinste Menschenfreund“, wurde bereits in „Onkel Toms Hütte“ der gute, willensschwache alte Plantagenbesitzer aus dem Süden dem aus dem Norden zugewanderten sklavenschindenden Bösewicht entgegengesetzt. Aber, „was vor der Niederlage Macht, Substanz, Überzeugung, Religion war, wird für den Sieger (nun) Ornament, Spiel, Unterhaltung“. Die „Eskapismusindustrie“ (a la MDR) blühte.

Im Norden (Westen) wurde die Heirat mit „Southern Belles“ (hier mit rassigen Russinnen) immer populärer: „Der Süden wurde für diese alternden Piraten so etwas wie eine späte Leidenschaft, an die sie ihre Reichtümer verschwendeten“, so C. Vann Woodward. Kurzum: es wurde zunehmend übler, auch ökonomisch.

Bald erkannten immer mehr Intellektuelle im Norden (Westen), daß die Niederlage des Südens (Ostens) auch ihre eigene war. Viele starben weg oder verfielen dem Suff, sie fühlten sich laut Henry Adams „wie die (letzten) Indianer und Büffel“. Und so wie in Vietnam vor allem junge Südstaatler kämpften, verpflichten sich jetzt auch bei der Bundeswehr vor allem junge Ostler – zu Auslandseinsätzen – „freiwillig“.

—————————————————————————————————————————–

7. Bericht aus einem chinesischen Dorf:

Als aufs Land geschickter jugendlicher Intellektueller hatte ich Schweine gezüchtet und Büffel auf die Weide getrieben. Ohne menschliche Aufsicht hätten diese Tiere durchaus gewußt, wie sie zu leben hätten. Sie hätten sich frei und sorgenlos herumgetrieben, bei Hunger und Durst gegessen bzw. getrunken und sich im Frühling gepaart. Auf diese Art hätten sie ein niveauloses Leben geführt, von dem nichts Gutes zu berichten wäre. Doch der Mensch kam dazu und hat ihr Leben durchorganisiert, dadurch bekam jeder Büffel und jedes Schwein einen Lebensinhalt. Nur, für die meisten von ihnen war dieser Lebensinhalt tragisch: Der Lebensinhalt des Büffels war Arbeit und der des Schweins war, Fleisch anzusetzen. Ich sah darin nichts Beklagenswertes, denn mein damaliges Leben war nicht viel inhaltsreicher. Außer den acht sogenannten Muster-Opern gab es keine andere Unterhaltung. Nur ganz wenige Schweine und Büffel hatten einen anderen Lebensinhalt.
Von den Schweinen zum Beispiel hatten die Zuchteber und Säue neben dem Fressen noch eine andere Aufgabe. Nach meiner Beobachtung mochten sie diese andere Aufgabe jedoch nicht besonders. Die Aufgabe der Zuchteber war es ja, die Sauen zu decken. Anders gesagt, unsere Politik erlaubte ihnen, Playboys zu sein. Doch die ermüdeten Zuchteber benahmen sich häufig so anständig und edel wie die Fleischschweine (diese waren kastriert), und wollten auf keinen Fall auf den Rücken der Sau springen. Aufgabe der Sauen war es, Ferkel zu werfen, doch manche Säue fraßen ihre eigenen Kinder auf. Insgesamt mußte man sagen, die von den Menschen aufgezwungenen Aufgaben ließen die Schweine unendlich leiden. Aber sie nahmen diese Aufgaben an: Schweine waren schließlich nur Schweine. Es ist eine menschliche Eigenschaft, das Leben mit verschiedenen Zielen und Aufgaben zu versehen, nicht nur das Leben von Tieren, sondern auch das eigene Leben. Wir wissen, in der griechischen Antike gab es das Land Sparta. Das Leben dort wurde so organisiert, daß es nicht mehr lustig war. Die Männer hatten Kämpfer zu sein, die ihr Leben zu opfern bereit waren und die Frauen hatten Gebärmaschinen zu sein. Die ersteren waren damit wie Kampfhähne und die letzteren wie die Sauen. Beide, Kampfhähne und Sauen, sind besondere Tiere. Aber ich denke, sie mögen ihr Leben bestimmt nicht. Doch was können sie tun, wenn sie ihr Leben nicht mögen? Keiner kann sein Schicksal verändern, weder der Mensch noch das Tier. Das Schwein, von dem ich jetzt erzählen möchte, war jedoch ganz anders als alle anderen.
Als ich mich um die Schweine kümmerte, war dieses Schwein schon vier oder fünf Jahre alt. Es war als Fleischschwein vorgesehen, war aber trocken und dürr gewachsen, dazu hatte es glänzende Augen. Es war so geschickt wie ein Steinbock – und sprang z.B. mit einem Satz über den Zaun des Schweinstalls hinweg, der höher als ein Meter war. Es konnte sogar auf das Dach des Stalls springen, in dieser Hinsicht war es wie eine Katze. Deshalb trieb es sich überall herum und blieb nie im Stall. Es war das Lieblingstier aller aufs Land verschickten jugendlichen Intellektuellen, die sich um die Schweine gekümmert hatten, es war auch mein Lieblingstier. Denn es war nur zu uns jugendlichen Intellektuellen gut und duldete es, daß wir uns ihm bis auf drei Meter näherten. Wenn andere Leute sich ihm zu nähern versuchten, rannte es sofort weg. Es war männlich und hätte kastriert werden sollen. Doch wehe dem, der sich mit solchen Absichten an ihn heranwagte. Selbst wenn man das Kastriermesser hinter dem Rücken hielt, konnte es das Werkzeug riechen. Dann riß es die Augen groß auf und fing laut an zu schreien. Den Brei aus fein gemahlten Hirseschalen gab ich immer zuerst ihm zu fressen. Erst wenn es genug gegessen hatte, mischte ich den restlichen Brei mit wilden Kräutern und gab ihn den anderen Schweinen. Alle Schweine waren eifersüchtig und schrieen. Während es fraß, war der ganze Stall erfüllt von wütendem Geheul und Geschrei der anderen Schweine. Das machte aber weder mir noch ihm etwas aus. Wenn es satt gegessen hatte, sprang es auf das Dach, um sich zu sonnen oder verschiedene Geräusche machen zu lernen. Es hatte gelernt, Geräusche von Lastwagen und Traktoren zu machen und sie klangen sehr echt. Manchmal war den ganzen Tag von ihm keine Spur zu sehen.
Dann machte es bestimmt, so vermutete ich, in den nahliegenden Dörfern einen Besuch bei seinen Schweinedamen. In unserem Stall gab es natürlich auch Sauen. Doch diese waren ständig im Stall eingesperrt und von zu vielen Geburten verunstaltet, so daß sie häßlich, dreckig und stinkig waren. Es hatte kein Interesse für diese Sauen. Die Sauen in den herumliegenden Dörfern sahen besser aus. Es verübte viele lustige Heldentaten. Aber ich habe mich nur kurze Zeit um die Schweine gekümmert und deswegen nur einige wenige dieser Heldentaten selbst miterlebt – deshalb lasse ich hier seine Heldentaten ganz weg. Kurz gesagt, alle jugendlichen Intellektuellen, die sich um die Schweine gekümmert hatten, mochten dieses Schwein, weil es sich nichts vorschreiben ließ und stattdessen ein freies und unabhängiges Leben führte. Die Dorfbewohner hatten aber keinen Sinn für Romantik. Sie sagten, dieses Schwein sei unanständig. Unsere Leiter haßten es geradezu – davon werde ich noch erzählen. Das Schwein mochte ich nicht nur, ich hatte sogar großen Respekt vor ihm. Ungeachtet der Tatsache, daß ich viel älter war als es, nannte ich es „mein Schweinebruder“. Wie gesagt, der Schweinebruder lernte verschiedene Geräusche machen. Ich bin sicher, er hat auch versucht, wie Menschen zu sprechen, hatte aber keinen Erfolg damit gehabt. Wenn ihm das gelungen wäre, hätten wir uns wunderbar unterhalten können. Aber das war nicht seine Schuld. Die Stimme eines Menschen ist doch zu sehr anders als die eines Schweins. Irgendwann hatte der Schweinebruder gelernt, das Sirenengeheul nach zu machen und dieses Kunststück brachte ihn richtig in Schwierigkeiten. In unserer Nähe befand sich eine Zuckerfabrik. Jeden Mittag heulte dort die Sirene, es war das Signal für den Schichtwechsel. Wenn wir auf dem Feld arbeiteten, machten wir beim Sirenenheulen Schluß und gingen heim. Mein Schweinebruder sprang aber immer schon um zehn Uhr aufs Dach und heulte wie die Sirene. Die Leute auf dem Feld hörten es und gingen heim, anderthalb Stunden bevor die Sirene der Zuckerfabrik losging. Offen gesagt war der Schweinebruder nicht allein schuld daran. Schließlich war der Schweinbruder kein Dampfkessel und sein Geheul war doch etwas anders als die von Dampf betriebene Sirene. Die Bauern behaupteten aber felsenfest, sie könnten beide nicht unterscheiden.
Unsere Leiter veranstalteten speziell deswegen eine Krisensitzung und stempelten meinen Schweinebruder zum bösen Element, das die Frühlingsarbeit sabotiere. Sie beschlossen, die Mittel der proletarischen Diktatur gegen ihn anzuwenden. Ich erfuhr von dem Beschluß dieser Sitzung, machte mir aber keine großen Sorgen. Wenn die Mittel der proletarischen Diktatur in diesem Fall Fessel und Schlachtmesser bedeuten sollten, dann würden sie nichts bewirken. Die Vorgänger der Leiter hatten es mit diesen Mitteln bereits versucht. Der Einsatz von einhundert Leuten hatte nichts gebracht. Auch Hunde konnten ihm nichts anhaben. Wenn der Schweinebruder losrannte, war er wie ein Torpedo und konnte einen Hund fünf Meter weit wegschleudern. Diesmal meinten die Leiter es aber ernst. Der Kommissar führte mit einer Armeepistole etwa zwanzig Leute an, sein Stellvertreter führte ein Dutzend Leute mit Flinten, beide Gruppen veranstalteten auf dem leeren Gelände vor dem Schweinstall eine Treibjagd. Das brachte mich in große Verlegenheit. Weil ich mit Schweinebruder befreundet war, hätte ich eigentlich zwei Schlachtmesser schwingend hinausstürzen und an seiner Seite kämpfen müssen. Da wäre ich wirklich in Schwierigkeiten geraten, aber letztendlich war der Schweinebruder ja nur ein Schwein. Ein anderer Grund war, ich hatte keinen Mut, meinen Vorgesetzten gegenüber Widerstand zu leisten – ich denke, das war der eigentliche Grund, warum ich es nicht gemacht habe. Wie auch immer, ich stand nur abseits und beobachtete die ganze Szene. Die Gelassenheit des Schweinebruders nötigte mir größten Respekt ab: Er lief ganz ruhig auf einer Linie zwischen Pistolen und Flinten hin und her und verließ die Linie nicht, einerlei, ob wie laut die Menschen schrieen oder die Hunde bellten. Derart hätten die Pistolen, wenn sie abgefeuert wären, die Flintenträger treffen können, und um gekehrt die Flinten die Pistolenhelden. Wenn beide gleichzeitig gefeuert hätten, wären auf beiden Seiten Leute angeschossen oder getötet worden. Der Schweinebruder selbst bot ein so kleines Ziel, daß die Schießerei ihm wahrscheinlich nicht einmal eine ernsthafte Verletzung zugefügt hätte. Nachdem er ein paar Mal auf der Linie hin und her gelaufen war, fand er endlich eine Lücke in und stürmte aus der Einkesselung hinaus. Wie elegant er doch rannte! Später traf ich ihn noch einmal im Zuckerrohrfeld. Ihm waren die Hauer herausgewachsen, aber er kannte mich noch, nur erlaubte er mir nicht mehr, nahe an ihn heranzutreten. Diese Abweisung machte mich traurig, doch ich mußte ich ihm recht geben, daß er zu den unberechenbaren Menschen eine gewisse Distanz bewahrte.

Nun habe ich vierzig Jahre gelebt. Außer dem Schweinebruder habe ich in meinem Leben noch kein anderes Wesen getroffen, das wie er es gewagt hätte, dem für ihn vorgesehenen Leben die Stirn zu bieten. Ganz im Gegenteil, ich habe viele Menschen getroffen, die das Leben anderer zu beeinflussen versuchen und Menschen, die ein von anderen vorgegebenes Leben führen und damit glücklich sind. Aus diesem Grund kann ich dieses Schwein, das seine eigenen Wege ging, nicht vergessen.

(Aus Wang Xiaobo: Meine geistige Heimat, Beijing 1998 Wang Xiaobo, 1952 in Beijing geboren, ab 1978 Studium an der Volksuniversität Beijing, 1984 bis 1988 Studium an der Universität Pittsburg, USA, danach Dozent an der Universität Beijing und der Volksuniversität, gestorben 1997 in Beijing. Hauptwerke: „Trilogie der Zeit“ – Roman, „Östlicher und westliche Palast“ – Filmdrehbuch. Der vorliegende Text wurde 2004 von Jia Zhiping ins Deutsche übersetzt.)

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2006/08/29/weitere-landkollektive/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Anfang November führten die nationalen Kartellbehörden zusammen mit der EU-Kartellbehörde Razzien bei nahezu sämtlichen Zementfabriken durch – auch wieder beim Readymix-Konzern, der inzwischen zum mexikanischen Cemex-Konzern gehört. Es geht um verbotene Kartellabsprachen. Bei einigen Zementfabriken könnte es sich dabei um „Wiederholungstäter“ handeln. 2003 verhängte das Bundeskartellamt Bußgelder gegen 12 Unternehmen der Branche in Höhe von 702 Mio Euro, darüberhinaus klagen auch noch Kunden gegen einige Konzerne auf Schadensersatz. Der „operative Gewinn“ bei Heidelberg-Cement lag 2007 bei 1,8 Milliarden Euro, nun bricht jedoch langsam wegen der Finanz- und Immobilienkrise in vielen Ländern der Markt ein, wenn auch noch nicht in Deutschland.

  • Durch den Widerstand der Alt-Rosenthaler gegen den Kiesabbau von Readymix vor ihrer Haustür quasi war bei mir das Wort „Readymix“ hängen geblieben. Bei nächster Gelegenheit nahm ich mir vor, mehr über diesen Konzern rauszukriegen.

    „Beton – es kommt draus an, was man draus macht!“ – im hiesigen Fall die neue Hauptstadt. Den Kies dafür bringen Frachtkähne von der polnischen Oderseite über das Schiffshebewerk Niederfinow nach Berlin. Anfänglich wollten die Zementhersteller wie gesagt noch auf kerndeutschen Kies reflektieren.Konkret:

    Der britische Konzern Readymix, der heute zur mexikanischen Cemex gehört und dem weltweit 624 Firmen angeschlossen sind, wollte zunächst auf drei „Aufsuchungsfelder“ bei im Oderbruch nach Kies schürfen und damit neue Arbeitsplätze schaffen („Alle Kraft für unsere Hauptstadt“), aber die Alt-Rosenthaler BI setzte dem Global Player derart wütend zu, dass er das Vorhaben schließlich aufgab.

    Einige Jahre später wurde der Readymix-Konzern selbst rabiat – indem er aus dem Betonkartell austrat, um u.a. gegen HeidelbergCement und Dyckerhoff Marktanteile zu gewinnen. Während der darauffolgenden Razzien bei zehn Kartellmitgliedern kooperierte Readymix mit der Polizei, um mit einer geringeren Strafe davon zu kommen. Und dann unterbot der Konzern auch noch alle Zementpreise seiner Konkurrenten, die notgedrungen mithielten, um ihre teuren Produktionsanlagen auszulasten.

    Aber plötzlich im letzten Jahr stiegen die Zementpreise wieder – trotz anhaltender Bauflaute. Schon scharrten die Kartellwächter erneut mit den Hufen. Aber die FAZ beruhigte sie: „Diesmal handelt es sich wohl nur um ein Kartell der Vernunft!“ Um Näheres über dieses merkwürdige Marktgeschehen vor den Toren der Hauptstadt zu erfahren, traf ich mich mit einem Readymixer in Rüdersdorf.

    Erst einmal erzählte er mir begeistert von dem mithilfe seiner Firma aufgebauten „Museumspark“, der Anschauungsobjekte vom altgermanischen Kalkbrennofen bis zu den modernsten Zementöfen biete. Dann von den Winnetoufilmen, die zu DDR-Zeiten in den malerischen Kalkbergen dort inszeniert wurden, und schließlich von dem West-Film „Befreite Zone“ der 2003 in Rüdersdorf gedreht wurde – und in dem mein Gesprächspartner als Statist mitgewirkt hatte. Plötzlich trat eine flammende Rothaarige an unseren Tisch – im „Steinzeit-Café“, das wir als ruhigen Gesprächsort gewählt hatten. Sie war mit dem Readymixer verheiratet, wie ich sogleich erfuhr – und zwar erst seit einer Woche. Die Frischvermählten erzählten mir stereo die Highlights ihrer Hochzeitsfeierlichkeiten, die in einem Rüdersdorfer Restaurant begannen und mit einem Picknick im Rüdersdorfer Tagebau endeten.

    Danach waren sie in das Berliner Hotel Interconti kutschiert worden, wo man ihnen eine Übernachtung als Hochzeitsgeschenk reserviert hatte. Schon bald redete nur noch die Rothaarige, während ihr Mann, der Readymixer, sie bloß verliebt von der Seite her anschaute. Sie hatten sich beim „Readymix-Umweltforum“ bzw. bei der anschließenden „Readymix-Werksbesichtigung“ kennengelernt. „Es war Liebe auf den ersten Blick,“ meinte der Readymixer.

    Seine Frau ergänzte: „Eigentlich wollte ich da gar nicht hin, aber mein damaliger Chef bestand darauf, weil er jemanden brauchte, der ihn anschließend sicher wieder nach Hause fuhr.“ Sie arbeitete ebenfalls in einer Zementfabrik, die jedoch kein Global Player zu sein schien, denn sie gebrauchte dafür das Wort „Klitsche“. Schon gleich nachdem sie den Readymixer kennengelernt und sich in ihn verliebt hatte, kündigte sie ihren Chefsekretärinnenjob – und zog nach Berlin, „um näher an Rüdersdorf dran zu sein“.

    Ihr Zukünftiger bemühte sich währenddessen „rührend“ um eine neue Arbeitsstelle für sie – „bei Readymix“. Aber ziemlich schnell hätte sie ihn dabei „ausgebremst“, denn „Zement“ würde sie „eigentlich gar nicht interessieren“, viel lieber hätte sie „mit Menschen zu tun“. Dafür hatte sie, arbeitslos und mit einigen Ersparnissen, dann auch genügend Zeit, die sie nutzte, um erst mal ihren Readymixer vor einer endgültigen Bindung „auf Herz und Nieren zu prüfen“ – und dann auch, um „seine ganze Sippschaft näher kennen zu lernen“ sowie sich mit den „zunächst befremdlichen ostdeutschen Gepflogenheiten in Rüdersdorf“ vertraut zu machen. Aber da ihr Zukünftiger in mehreren Vereinen aktiv war und sie sofort überall „mit hinschleppte“ war das alles „no problem“. Es folgte eine detaillierte Aufzählung aller Rüderdorfer Vereinsaktivitäten, mit Schwerpunkt auf Maibaumsetzen, Anangeln und Schützenfest.

    Nachdem ich mich von den beiden verabschiedet hatte, fiel mir Anna Seghers vernichtende Kritik an Fjodor Gladkows sowjetischen Aufbauroman „Zement“ aus dem Jahr 1927 ein, die in dem Satz gipfelte: „Es ist noch zu viel von Liebe und zu wenig von Zement die Rede!“ Ähnlich ließe sich auch meine Rüdersdorfer Betonrecherche 2006 resümieren.

  • Zu dem Matthias-Stührwoldt-Zitat „Ach, dein Fendt ist soo stark“ muß man sich ein bißchen auf dem „Treckermarkt“ auskennen. Dazu seien hier einige Informationen nachgereicht:

    In Gorleben hat der Widerstand der Bauern gegen das dort geplante Brennstäbe-Endlager eine eigene Traktorsprache hervorgebracht: „Treckerdemo, Demoktrecker, Treckerblockade“ etc. Die Polizei reagiert darauf mit „Trecker-Stillegungen, Treckerzerstörungen“ und Führerscheinentzüge. Auch sonst ist der Traktor ein Symbol für allerlei Wünsche – seitdem die Sowjetunion mit dem Traktorbau und den Traktoristen eine neue landwirtschaftliche Ära einleitete. Traktoristen gibt es jetzt auch in den Großlandwirtschaften im Westen und seit dem Zerfall der Sowjetunion einen boomenden Traktormarkt. Im Osten reorganisierten sich etliche große Traktorenwerke und starteten Verkaufsoffensiven nach Westen. Z.B. die Fabriken „Ursus“ in Polen, „Zetor“ in Tschechien und „Utus“ in Rumänien, wobei diese Traktoren nahezu baugleich mit den Zetor-Treckern sind. In der legendären russischen Traktorenfabrik, in Wolgograd, die eine eigene Zeitung „Traktor“ herausgibt, heißen erst die landwirtschaftlichen Zugmaschinen mit Ketten statt Rädern „Traktoren“, was die Umrüstung der Fabrik in eine Panzerproduktionsstätte erleichterte. Hier würden wir solche Traktoren eher Bulldozer nennen. Der polnische „Ursus“-Trecker ist übrigens ein Nachbau des alten Lanz-Bulldog und in Rumänien wurde einmal auf deutscher Patentbasis ein „Motorloco“ gebaut. Der erste Treckerkauf: das ist für jeden Bauer ein „Schlüsselerlebnis“.

    Obwohl ich es nur zum landwirtschaftlichen Betriebshelfer brachte, habe ich mir doch mehrmals einen Trecker gekauft: den ersten bekam ich geschenkt – einen Porsche, dann einen alten Deutz und schließlich einen englischen David Brown in weiß. Jede Traktormarke hat eine charakteristische Farbe. „Fiat“ wird von den deutschen Bauern verächtlich „Apfelsine“ genannt. Im Vogelsberg fuhren wir oft mit einem Unimog herum: das ist ein feines Fahrzeug, aber auf dem Acker fühlt man sich damit noch entfremdeter (von der Bodenbearbeitung), einen Kompromiß stellt der Mercedes-Benz-„Trac“ dar, den die aus dem Kombinat Fortschritt herausgelösten Traktorenbauer in Schönebeck seit einigen Jahren übernommen haben – d.h. „verbessert“ nachbauen.

    Sie verkaufen ihre „MB-Tracs“, mit angeblich bis zu 1000 PS, vor allem nach Asien, aber auch in Österreich schätzt man den guten Namen „MB“. Auf dem Land gibt es eine ganze Treckerkultur: Traktorclubs, Oldtimer-Sammler und -händler, Kneipen, Fußballvereine und Punkgruppen, die „Traktor“ heißen, und vom Wettpflügen über Traktorrennen bis zu den Landmaschinenmessen ein großes Interesse an allen Traktorneuheiten. Dafür sorgt schon der am Ort ansässige und in aller Regel einflußreiche Landmaschinenhändler. Aber die Bauern sind stur und wollen so viel wie möglich selber machen (reparieren), so daß sie ungerne ihre Treckermarke wechseln. Deswegen kann von einem Erfolg der Osttrecker auf dem Westmarkt nicht die Rede sein, obwohl bei ihnen „der Preis stimmt“. Umgekehrt haben aber die Händler und Unterhändler der West-Treckerfirmen – von John Deere, Ford, Deutz, Fendt, Massey Ferguson, Renault, Fiat, Mc Cormick, Lindner, Kramer. Schlüter, Same, Steyr. New Holland usw. auch keine besonders große Anzahl von Treckern im weiten Osten losschlagen können – bis 1998, als der Rubel völlig verfiel und der Import fast zum Erliegen kam.

    Wahrscheinlich wird man sich jetzt auf Fusionen bzw. auf mehr oder weniger feindliche Übernahmen einstellen. So daß am Ende – ebenso wie beim PKW-Bau – nicht mehr als 11-12 Traktorenwerke weltweit übrig bleiben werden, wie ein auf diese Branche spezialisierter Jurist aus der deutsch-polnischen Anwaltskammer orakelt. Im Gegensatz zu den PKWs sind jedoch die Trecker ebenso wie die obendrauf sitzenden Bauern zäh – d.h. sie werden uralt. Fast könnte man von einem traktoriellen Senioritätsprinzip sprechen. Wären da nicht die unermüdlichen Traktoringenieure, die sich laufend irgendeinen neuen Scheiß ausdenken: immer mehr Hightech, immer mehr Firlefanz, vollklimatisierte Fahrerkabinen, mit Fernseher, CD-Anlage und Kühlschrank usw. Damit haben sie die Traktoristen und Bauern bereits derart ausgetrickst, daß es schon jede Menge Nebenerwerbslandwirte gibt, die mehr PS haben als Quadratmeter, die sie nach Feierabend noch bewirtschaften. Es sind „Treckerirre“.

    In Sachsen-Anhalt hatte ein DDR-Traktorwerk, das zum Kombinat „Fortschritt“ gehörte, überlebt. 1993 übernahm die „Landtechnik Schönebeck“ (LTS) die Produktion der bayrischen Schlütertraktoren, zwei Jahre später gab die Treuhand-Firma diesen Traktorbau jedoch wieder ab – an die bayrische Egelseer GmbH, stattdessen führte sie dann mit geringfügigen Veränderungen den Bau des „MB-Trac“ von Mercedes-Benz weiter. Daneben wurden in Schönebeck noch Feldhäcksler und kommunale Mehrzweckfahrzeuge hergestellt.

    Ende 1998 rückten 300 wütende LTS-Mitarbeiter mit ihren Produkten bei der Treuhand-Nachfolgerin BvS am Alexanderplatz an. Den Haupteingang hatte eine Voraus-Brigade kurz zuvor bereits mit einem Transparent verhängt: „Traktorenwerker aus Schönebeck kämpfen um ihre Arbeitsplätze“. Die riesige westdeutsche Landtechnik-Konkurrenz Claas war an einer Übernahme der LTS interessiert, die immer noch nach Osteuropa und sogar darüberhinaus lieferte – damals beispielsweise gerade 16 Feldhecksler in den Irak.

    1997 hatten die Traktorenwerker schon einmal mit einer „Mahnwache“ vor der BvS protestiert. Damals wollte das westdeutsche Unternehmen Liebherr ihren Betrieb übernehmen, aber die BvS ließ den Interessenten abblitzen. Den Protestierenden vor der Tür versprach damals „ihr“ Privatisierungsmanager Schwegmann, das Liebherr- Konzept noch einmal zu prüfen, aber am Ende wurde nichts daraus. Ähnliches befürchteten die Schönebecker jetzt erneut: „Die BvS tut nur so, als würde sie ernsthaft verhandeln, in Wirklichkeit will sie uns abwickeln.“ Ihr IG-Metall-Bevollmächtigter Detlev Kiel nannte die Behörde einen „Sauhaufen“. Diesmal wollte ein „harter Kern“ der Schönebecker deswegen so lange ausharren, bis sie ein „konkretes Ergebnis“ der Verhandlungen zwischen der Firma Claas und der BvS mit nach Hause nehmen könnten: „Notfalls bleiben wir bis Weihnachten.“ Für die darauffolgenden Wochen oder gar Monate hatte die IG Metall ihnen Nachtquartiere besorgt, außerdem ein geräumiges Wohnmobil als Infozentrum, sowie Campingmöbel, Handys und jede Menge Regenschirme.

    Ihre Feuertonne brannte bald die ganze Nacht. Sie wird von verfrorenen Journalisten umlagert. Auch die Presseleute sind nicht gut auf die BvS zu sprechen: Die Treuhand-Nachfolgerin hat nur noch eine Pressesprecherin und die mußte sich erst einmal kundig machen. Gegen Mittag begab sie sich mutig in die wütende Menge: beschwichtigte, vertröstete und steckte schweigend Beleidigungen weg. „Es ist wieder wie früher“, meint ein Pressefotograf aus Hamburg zynisch. Etwas hat sich aber doch geändert: „Jetzt sind es konkret die Banken, die den letzten BvS-Betrieben den Todesstoß versetzen und damit die Arbeitsplatzpolitik der neuen – rotgrünen – Regierung abbremsen.

    Den Traktorbauern droht bereits die Gesamtvollstreckung, nachdem das Landgericht Berlin ihre Klage gegen die BvS abgewiesen hatte. Es ging dabei um einen Kredit der Deutschen Bank in Höhe von 4,3 Millionen DM, für den die BvS 1992, als alleinige Gesellschafterin der Landtechnik Schönebeck, gebürgt hatte. In der Zwischenzeit war der Betrieb über eine Management KG, die Lintra GmbH, privatisiert worden. Deren Hauptgesellschafter, unter anderem der ehemalige McKinsey-Unternehmensberater Emans, zogen sich jedoch schon bald aus dem „Ost-Geschäft“ zurück. Die Landtechnik Schönebeck (LTS) fiel zusammen mit der Lintra quasi wieder an die BvS, die daraufhin eine Zweitprivatisierung versprach.

    „Seit 1990 hatten wir 12 Geschäftsführer und wahrscheinlich ebenso viele Unternehmensberater in unserem Betrieb gehabt, insgesamt wurden dafür, sowie für Abfindungen und Fehlinvestititionen, Kredite in Höhe von über 100 Millionen DM verbraucht“, faßte der LTS-Betriebsratsvorsitzende Udo Simon das Wirken der BvS in seiner Firma zusammen.

    Zur Übernahme durch Claas kam es nicht, weil zwar die sachsen-anhaltinische Regierung finanzielle Unterstützung versprach, nicht jedoch die BvS. Diese weigerte sich sogar, weiter für die von ihr damals verbürgten Kredite geradezustehen, so daß die Deutsche Bank alle LTS-Konten inklusive Guthaben sperrte. Die LTS-Geschäftsführung mußte daraufhin die Treuhand-Nachfolgeorganisation verklagen. Die Traktorbauer sowie auch die IG Metall waren sich sicher, daß die BvS ihren Betrieb schon seit langem abwickeln wollte und nur vorgab, an seiner Zweitprivatisierung zu arbeiten. Bereits 1997 sei der BvS-Leitungsausschuß davon ausgegangen: „Die sind sowieso bald in der Gesamtvollstreckung!“ Der BvS-Chef Bohn hätte ihnen dann Anfang 1998 „Herzliches Beileid“ gewünscht. Als der Richter am Landgericht die Klage der LTS abwies und damit die Pfändung ihrer Konten freigab, tröstete er die Kläger zwar: „Das hat die BvS noch nie gemacht!“, aber bei der LTS war man sich da nicht so sicher: Angeblich hätte „ihr“ BvS-Privatisierungsmanager Schwegmann noch am selben Tag die Landesregierung Sachsen-Anhalts informiert: „Jetzt stellen wir fällig!“ Das sollte heißen: Jetzt ist die LTS endlich am Ende. Die BvS- Sprecherin verkündete jedoch weiterhin stereotyp: Es sei noch alles offen – d.h. nichts entschieden!

    Es ging dann so weiter, daß statt des Erntemaschinenherstellers Claas die Doppstadt GmbH, eine Firma für Kiesabbaumaschinen und Recyclingstechnik aus Kelve, die LTS übernahm – mit ungefähr der Hälfte der Belegschaft. Dafür investierte sie jedoch und baute das Vertriebsnetz aus, im nahen Calbe beteiligte man sich außerdem an einem Landmaschinenhandel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.