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vonHelmut Höge 23.11.2006

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Damit ist nicht gemeint, dass jemand etwas stiftet – eine Stiftung ins Leben ruft, sondern umgekehrt: dass eine ins Leben gerufene Stiftung stiften geht – also aus der „Stiftungslandschaft“ verschwindet. Vor einigen Wochen berichtete ich über die Stiftung zur Förderung junger Autoren, die die Mutter des philosophischen Schriftstellers Kurt Leiner nach dessen Tod begründete, indem sie einige wertvolle Gemälde und Zeichnungen hergab. Das war 10 Jahren. Die Stiftung gibt es jedoch noch immer nicht – und angeblich soll das Geld dafür inzwischen „verschwunden“ sein. Stattdessen wurde jede Menge symbolisches Kapital angehäuft – unter Kurts posthumen Autorennamen QRT. Die daran Arbeitenden haben dafür die Formel „Fröhliche Wissenschaft statt Trauerarbeit“ gefunden. Dies alles erfuhr ich gerade und ausgerechnet im „Museum für Kommunikation“. Das gibts wirklich.

Es ist das Ex-„Postmuseum“ in Ostberlin. Dort wurde eine neue Buchreihe – „Programm einer Medienwissenschaft“ – vorgestellt. Sie erscheint im Kulturverlag Kadmos und wird von den Professoren Wolfgang Ernst und Friedrich Kittler herausgegeben. Ersterer umriß kurz ihre „Berliner Schule der Medienwissenschaft“, zu der Personen, Programme und Schriften gehören und nun eben auch die Kadmos-Reihe – für Arbeiten, „die im Kontext der Sophienstraße entstanden sind“. Letzterer erzählte, dass er bei der Umbenennung des Museums für Kommunikation mitgewirkt habe und außerdem, dass er einmal dem Gerücht nachgegangen sei, dass Goethe quasi die Briefmarke erfunden habe, weil zu seiner Zeit noch der Empfänger einer Sendung für diese zahlen mußte – und Goethe sich deswegen über seine ganze Fanpost nie richtig freuen konnte. Angeblich erwirkte er dann bei Thurn & Taxis eine Ausnahmegenehmigung – eine Goethe-Briefmarke sozusagen. Aber das konnte Kittler nicht verifizieren, weil das Thurn & Taxis-Archiv dafür zu unaufgeräumt und der Archivverwalter zu schlecht gelaunt war, als er dort aufkreuzte.

Sodann las der Kulturwissenschaftler Martin Carlé aus seiner Magisterarbeit „Signalmusik MK II“, die als eine der ersten in der Kadmos-Reihe veröffentlicht wurde. Es ist ein seltsames Buch mit einer CD hinten drin und einem Comic von „Kurt“ auf dem Cover, außerdem hat jede Seite einen Trauerrand. Es geht darin um „eine zeitkritische Archäologie des Technosystems QRT“.

Das ist keine neue Hard- oder Software. QRT steht für Kurt, auch Fascho-Kurt genannt, der mit richtigem Namen Markus Konradin Leiner hieß und aus einer Konstanzer Philosophenfamilie stammte. Er studierte ebenfalls Philosophie – an der FU. Einige seiner Professoren dort bezeichneten ihn als „den Besten“, andere profitierten schamlos von seinen Seminararbeiten. Viele Studenten haßten ihn – schon allein wegen seiner knarzenden Nazistiefel auf dem Parkett, wenn er – ewig zu spät – ins Seminar kam – und dann immer die scharfsinnigsten Diskussionsbeiträge lieferte. „Drachenblut“ hieß dann seine Magisterarbeit (beim inzwischen ebenfalls verstorbenen Dietmar Kamper). Danach wurde er Miteigentümer der Schöneberger Punkkneipe „Ex & Pop“ und Journalist beim Veranstaltungsmagazin „030“, außerdem spielte er in einer Frauenband mit.

Mit einigen Freunden zusammen arbeitete er daneben an einer „Hardcore-Theorie“, deren Leitwissenschaft die Pornographie sein sollte – mit Teresa Orlowski als Begründerin einer neuen „Hannoveraner Schule“. Einmal besuchte ich in der selbstverwalteten „Schweinemensa“ der FU ein Wochenendseminar über Splatterfilme, das Kurt veranstaltete, aber der autonome Hausmeister schmiß uns raus – mit der Begründung, er dulde keine Neonazi-Schulung in „seinen“ Räumen. Kurt heiratete gegen Bezahlung eine Nigerianerin. Von dem Geld kaufte er sich einen Porsche. Als er 1996 an einer Überdosis Heroin starb (er hatte sich einen „Goldenen Schuß“ gesetzt, um auch noch das auszuprobieren und außerdem langweilte er sich immer mehr), gab seine Mutter wie gesagt einige teure Bilder aus ihrer Sammlung her, um mit dem Geld die Stiftung für junge Schriftsteller zu gründen. Zunächst kümmerte sich der Leiter des Literaturhauses am Majakowskyring darum. Und Kurts Freunde, einer hatte sich inzwischen seines Porsches angenommen, machten sich daran, seinen Nachlaß in seinem Computer (etwa 40 Megabites) aufzubereiten.

Bisher entstanden daraus drei Merve-Bücher- mit dem Autorennamen QRT: „Schlachtfelder, Tekknologic und Drachensaat“, ein vierter Merve-TXT ist in Vorbereitung. Vielleicht wird daraus noch eine ganze – d.h.unendliche – QRT-Reihe im Verlag, zumal der zum Kurtkreis zählende Tom Lamberty gerade den Merve-Verlag quasi übernimmt – nachdem Peter Gente sich „ausgeklinkt“ und auf seine alten Tage noch einmal neuen Ufern – am Mekong (im weitesten Sinne) – zugewandt hat.
Martin Carlé, der Autor des zum großen Teil musiktheoretischen Buches über Kurt – „Signalmusik MK II“ in der Kadmos-Reihe – bezeichnete QRT im „Museum für Kommunikation“ als einen „Media Warrior“, der mit seiner „Zombologie“ die Generation der „Agonie des Realen“ hinter sich gelassen habe. Und nun hätte er endlich – mit dem Namen „Kurt Leiner“ – seinen „Autorenfrieden“ gefunden. In seiner Magisterarbeit hatte Carlé „die selbst induzierte Auflösung des Eigennamens ‚Kurt‘ (Markus Konradin Leiners) zur a-vokalischen Zeichenkette ‚Q R T“ verfolgt. Das ist zwar alles etwas verwirrend („Die Verwirrung muß noch größer werden!“ – Wolfgang Neuss), aber es ist schon mal ein Nachruhm – und zwar ein ziemlich schneller.

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