Zwei weiße Poller, die der Hausmeister der burmesischen Filmakademie in Rangoon nicht nur aufstellte, sondern auch meißelte – aus einem weichen Stein. Sie dienen dort jedoch nicht zur Verkehrsabweisung, sondern dem buddhistischen Glauben. Es sind gewissermaßen heilige Poller. Sie werden deswegen auch völlig unabhängig von irgendwelchen Verkehrssituationen da hingestellt, wo der Glaube ganzheitlich gestimmt einen Standort dafür – genau hier und nirgendwo anders! – favorisiert.
Archive for November, 2006
Auf der Kochstraße lief eine Frau hin und her und sagte laut vor sich hin “Man hat mich beklaut”. Nun suchte sie den Dieb, der ihr die Handtasche im Restaurant gegenüber der taz gestohlen hatte. “Ich bin doch gar keine Touristin,” fügte sie traurig hinzu. Der Dieb war längst über alle Berge. Vielleicht war er ein Tourist, mutmaßte ich. Die Stadt wird geradezu heimgesucht von Touristen, und zwar meistens von solchen, die wenig Geld haben, denn Berlin ist noch ein relativ billiges Reiseziel.
Das Berlin-Marketing begann zudem mit den Kreuzberger Hausbesetzern, als diese ein Transparent raushingen: “Wir sind die Terroristen – und grüßen die Touristen. Aber Hallo!” Seitdem kommen immer mehr Urlauber nach Berlin. Die Stadt hat zwar seit dem Mauerabriss keine Sehenswürdigkeiten mehr zu bieten, aber es ist die einzige, in der die Einwohner nicht die Touristen, sondern umgekehrt diese die Einheimischen ausrauben. Darin sind sich jedenfalls die meisten… weiter lesen
Diese zwei extravaganten Poller “gestaltete” der Hausmeister einer fotznoblen Villa im Grunewald, in der ein dubioses Pärchen, das innen alles in Gold ausstaffiert hat, seinen nicht minder dubiosen Geschäften nachgeht: Laufend suchen sie übers Arbeitsamt und per Annonce eine oder sogar mehrere “Sekretärinnen”. Wenn die sich dann vorstellen, geht es aber nur darum, dass sie als “selbständige Handelsvertreter” auf Provisionsbasis ebenso idiotische wie harmlose US-Medikamente (Vitaminpillen, Metalltabletten etc.) “draußen” verkaufen sollen. Das Schönste daran ist, dass sie sich dabei als “Förderer” und “Unterstützer”, wenn nicht gar als Mäzene, dieser armen arbeitslosen Frauen verstehen. Sie war lange Zeit Prostituierte – meist im Ruhrgebiet und er Zuhälter. Beide sehen immer noch sehr gut aus, brauchen jedoch inzwischen morgens mindestens drei Stunden, um sich derart aufzubrezeln.
Heutzutage geht es bei diesem Stiftungs-Vorläufermodell hin und her – und ständig entgleist dabei der Dialog. Während um mich herum viele Leute ihr Einkommen fast schon kontinuierlich steigern, Aktien gar kaufen oder ein Bauernhaus an der Elbe bzw. an der Oder erwerben, versuche ich krampfhaft, nicht weiter ins Minus zu rutschen. Dies gilt auch und erst recht bei den im Zusammenleben geltenden nicht-geldlichen Dingen: wie Einkaufen und Abwasch etwa. Mehreren Freundinnen blieb ich bereits nach meiner Trennung – unterm Strich – eine enorme Summe schuldig. Eine ebenfalls vom Schreiben lebende Freundin tröstete mich – und sich: Eigentlich komme es nur darauf an, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, und zwar vor allem nicht-verwertbare: so wie die zwischen Mutter und Kind. Ein arbeitsloser Soziologe fügte später hinzu: Zwischen Männern und Frauen bestehe immer noch eine Ungleichheit in der Anerkennungs-Ökonomie – dahingehend, daß z.B. wenig-verwertbare Geschichten auch weniger wert sind.
Die Besitzerin der… weiter lesen
In den kalten Flur des Lieferantentreppenhauses auf der Höhe der Vierten Etage, wo die Raucher aus tazzwei, tazplan und kulturredaktion ihre schöpferischen 5-Minuten-Pausen verbringen – dorthin zieht es aus Kommunikationsgründen auch immer mehr “Nichtraucher”. Für sie hängt da nun ein Schild:
HÖRT ENDLICH MIT DEM PASSIVRAUCHEN AUF – UND KAUFT EUCH EURE EIGENEN KIPPEN
Damit ist nicht gemeint, dass jemand etwas stiftet – eine Stiftung ins Leben ruft, sondern umgekehrt: dass eine ins Leben gerufene Stiftung stiften geht – also aus der “Stiftungslandschaft” verschwindet. Vor einigen Wochen berichtete ich über die Stiftung zur Förderung junger Autoren, die die Mutter des philosophischen Schriftstellers Kurt Leiner nach dessen Tod begründete, indem sie einige wertvolle Gemälde und Zeichnungen hergab. Das war 10 Jahren. Die Stiftung gibt es jedoch noch immer nicht – und angeblich soll das Geld dafür inzwischen “verschwunden” sein. Stattdessen wurde jede Menge symbolisches Kapital angehäuft – unter Kurts posthumen Autorennamen QRT. Die daran Arbeitenden haben dafür die Formel “Fröhliche Wissenschaft statt Trauerarbeit” gefunden. Dies alles erfuhr ich gerade und ausgerechnet im “Museum für Kommunikation”. Das gibts wirklich.
Es ist das Ex-”Postmuseum” in Ostberlin. Dort wurde eine neue Buchreihe – “Programm einer Medienwissenschaft” – vorgestellt. Sie erscheint im Kulturverlag Kadmos und wird von den Professoren… weiter lesen
Der verlorene Poller eines Hausmeisters einer abgewickelten Fabrik in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz, in der dann gelegentlich Punkkonzerte stattfanden. Was jetzt da ist, weiß ich nicht.
Die Folgen der nachgeholten – bolschewistischen – Modernisierung bedrohen erneut die russische Intelligenzija: “Dead again!” wie sich die Moskauer Schriftstellerin Masha Gessen bereits im Titel ihres US-Buches über diese Spezies äußerte. Als soziale Gruppe entstand sie in Rußland erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts und fand dann ihren wichtigsten Bezugspunkt im Leben und Werk von Puschkin, den sie bis heute nicht verloren hat. Ihr hoher moralischer Anspruch war ebenso persönlich wie stets aufs Ganze gerichtet. 1863 veröffentlichte Nikolai Tschernyschewski die Erzählung “Was tun?”. Der Philosoph und Dichter schrieb sie in der Peter- und-Paul-Festung, er wurde dann 19 Jahre nach Sibirien verbannt. In “Was tun?” skizzierte er für die kommende Intelligenzija den “Neuen Menschen” – den Revolutionär als “Beweger”. “Wir lasen es mit gebeugten Knien”, erinnerte sich ein ebenfalls nach Sibirien Verbannter, der sich davon mit vielen anderen zusammen zum Terrorismus inspirieren ließ. Die zweite Beantwortung der russischen Frage “Was tun?”… weiter lesen
Diesen Poller stellte der Hausmeister des Instituts für Genetik der FU, das heute nicht mehr so heißt, auf – damit der Institutsdirektor 1. seinen Parkplatz leichter finden und 2. damit genauer, d.h. mittig, einparken konnte.
Photo: politburodiktat.blogspot.com
Jetzt ist die hohe Zeit der Drosophila – aber schon fast wieder vorbei. Dennoch klagte Wladimir Kaminer kürzlich noch: “Die Fruchtfliegen gingen in den letzten Wochen vielen auf den Geist, mit ihrer hektischen Rumfliegerei. Sie waren überall, in der Küche, auf dem Bildschirm, im Bad und auf der Toilette. Sie schwammen in jedem Glas Bier, Wein und Cuba Libre, das man bestellte, man konnte weder Fruchtiges noch Alkoholisches zu sich nehmen, ohne dabei mindestens zwei Fruchtfliegen mit zu verschlucken. Sie waren penetrant und ekelhaft. Trotzdem sind meine Hände sauber geblieben, ich habe mich mit den Fruchtfliegen nicht angelegt, ich habe keine einzige von ihnen umgebracht. Ich konnte gut nachvollziehen, warum sie so nervös waren. Ihre Lebenserwartung ist nämlich zum Durchdrehen kurz, jeder würde in einer solchen Situation ins Glas fallen.”
Ähnlich äußerte sich wenig später – in einer taz-Küchen-Kolumne – auch Arno Frank: “Als ich mich unvorsichtigerweise… weiter lesen
