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vonHelmut Höge 09.01.2007

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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In der taz ist es unfreundlich kalt, das liegt jedoch nicht an der Drosselung der Ölzufuhr durch die Freundschafts-Pipeline von Transneft – wegen des Konflikts mit Weissrussland. Überhaupt könnte man die nächsten sommerlich warmen Wochen ganz gut ohne Heizöl überstehen. Abgesehen davon ist es idiotisch, dass die deutschen Politiker sich über diesen russisch-weissrussischen Konflikt so aufregen, Ähnliches passierte vor einigen Monaten in Polen, wo die polnischen Politiker sich über die um Polen herum durch die Ostsee geplante Pipeline aufregten, die von Russland und Deutschland unter der Federführung von Gazprom gebaut wird. Und davor gab es genau den selben Konflikt wie jetzt mit der Gaspipeline, die durch die Ukraine und die Slowakei sowie Tschechien nach Deutschland führt. Damals wehrte sich die Ukraine gegen die Einführung von Weltmarktpreisen durch Gazprom – sie drohte mit Sperrung der Gasflusses und Sabotage.

Vor einigen Jahren besuchten wir auf Einladung von Gazprom bzw. eines für den Konzern tätigen DDR-Betriebs die letzten Baustellen dieser Pipeline im Ural. Dazu flogen wir erst einmal nach Perm.

Als der Photograph Frank Splanemann und ich dort am Spätnachmittag noch einmal aus unserem Hotel gehen wollen, um in einem Restaurant im selben Gebäude etwas zu trinken, erklärt uns der Portier für verrückt. Es sei viel zu gefährlich draußen, auch wenn man nur um die Ecke wolle, meint er. Wir gehen trotzdem – und geraten in die Feier eines deutschen Ölbohrteams, das im Ural sechs Monate auf Montage war. Jetzt feierten sie zusammen mit ihren russischen Freundinnen ihre baldige Rückkehr nach Mecklenburg-Vorpommern. Ich komme  mit einem russischen Pärchen ins Gespräch. Wir reden über Filme. Ich erzähle ihnen, dass ein Freund von mir aus Ostberlin neulich eine Dokumentation über ein ehemaliges, längst geschlossenes  Straflager bei Perm drehte, in dem immer noch ein paar Wächter und alte Gefangene leben. Letztere trauen sich nicht raus, weil es dort, so sagten sie, von jungen Kriminellen nur so wimmelt – und denen wären sie nicht mehr gewachsen. Irgendwann sind wir fast die einzigen  im Lokal – das Pärchen schlägt vor, in ein anderes zu gehen. Da winkt mich der bewaffnete Restaurantbeschützer zu sich und flüstert mir „Mafia“ ins Ohr, gleichzeitig schiebt er mich durch die Küche und mehrere Lagerräume zurück ins Hotel, wo er mich sogar bis vor  mein Zimmer im Achten Stock begleitet.

Abends sind Frank und ich mit dem Leiter der Hauptdirektion Perm der ostdeutschen Pipelinebaufirma GABEG verabredet. Er will mit uns in einen neuen noblen Unternehmerclub gehen, wo wir seinen Partner von der sowjetischen Seite, den Direktor der Gazprom-Tochter Uralgasstroy: Juri N. Sergienko, treffen sollen. Der Ukrainer ist daneben  noch Vorstandsmitglied der Uralbank „Morgenröte“, Vizepräsident der Permer Warenbörse und Manager der Firma Kirasa, die u.a. Plastikteile, Parabolantennen und schußsichere Westen produziert und vertreibt. Von den Sicherheitswesten verkaufte Sergienko gerade 7000 Stück an „die Franzosen“. Er unterstützt die Partei des militärisch-industriellen Komplexes: Jabloko (Apfel). Mit einigen Permer Unternehmerfreunden zusammen ermöglichte er die Eröffnung des nicht-öffentlichen Clubs, wo wir ihn dann trafen.

Aber kaum daß er begonnen hatte, uns von den veränderten Bedingungen der deutsch-russischen Zusammenarbeit beim Bau der Erdgastrasse zu berichten, erzählte ich ihm schon eine witzige jüdische Geschichte aus Odessa, in der der KGB von einem Emigranten ausgetrickst wird. Sergienko verwahrte sich sogleich  entschieden gegen alle Witze über den KGB, vor allem aus deutschem Mund – und verabschiedete sich überstürzt. Was ich nicht bedauerte, da seine Darstellungen vornehmlich aus Geschäftsfloskeln bestanden hatten und der GABEG-Manager Rüdiger Pfennig dann weitaus interessanter über den Trassenbau, der bereits Anfang der Achtzigerjahre begann, berichtete.

Weil die USA wegen des Einmarsches der Roten Armee in Afghanistan ein sogenanntes Röhrenembargo verhängten, übernahmen damals die sozialistischen Bruderländer verschiedene Bauabschnitte. Die DDR zeichnete im „Jamburg Abkommen“ für drei „lineare Teile“ verantwortlich: In der Ukraine (an der Grenze zum Transitland CSSR), südlich von Moskau, und im Oblast Perm (am mittleren Ural). Neben der Gaspipeline waren dort jeweils eine gewisse Infrastruktur, Verdichterstationen alle 250 km sowie etliche Wohn- und Industriekomplexe zu errichten. Die Sowjetunion zahlte dafür mit Gas. Das Gesamtvolumen der von den Deutschen zu erbringenden Leistungen betrug rund 7 Milliarden DM. Seit der Wiedervereinigung ist die Bundesregierung für die Abwicklung dieser für beide Seiten profitablen Bruderhilfe zuständig. Der eigentliche Gasleitungsbau war zu dem Zeitpunkt aber schon im wesentlichen abgeschlossen. Weswegen die Bild-Zeitung auch 1991 für ein Vor-Ort-Photo einfach zwei Arbeiter bat, sich vor ein mickriges Abwasserleitungsrohr aufzustellen – und titelte: „Bei minus 28 Grad schweißen zwei deutsche Trassenbauer die Erdgasleitung zusammen“. „Deutsche“ schweißen dort überhaupt nicht mehr in diesem „Höllencamp“, in dem jetzt „die Russen-Mafia der wahre Chef“ ist, wie es in einem weiteren Bild-Bericht heißt.  1986 schrieb der Haushistoriker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bereits : „überall, auch an den Leitungen, aus denen die Bundesrepublik sowjetisches Erdgas bezieht, kleben das Blut, der Schweiß und die Tränen von Heeren sowjetischer Arbeitssklaven“. Das war Dreck, Lüge und überhaupt eine antikommunistische Riesensauerei – aber damals war man von den kalten Bauern der FAZ nichts anderes gewohnt!

Wir – Frank und ich – wollten nun herausfinden, was aus dem einstigen „Zentralen Jugendobjekt“ der FDJ geworden war. Zeitweilig arbeiteten bis zu 15000 „Botschafter im Blauhemd“ an der Erdgastrasse. Es fiel den FDJ-Hauptamtlichen zu keiner Zeit schwer, dafür laufend neue Freiwillige anzuwerben: Der Monatslohn war mit 4800 Mark mehr als üppig („Einmal Trasse und nie mehr arm!“). Nach dreijährigem Einsatz gab es einige weitere Privilegien (wie einen Pkw-Bezugsschein z.B.). Der Trassenbau war aber auch eine Art „staatlich organisierter Abenteuerurlaub“. Und gestandene Trassenbauer waren irgendwann für normale Erwerbstätigkeiten nicht mehr zu gebrauchen, schon allein wegen ihres lockeren Umgangs mit Geld: „Wenn jemand zu mir in Schönefeld ins Auto stieg und nach Leipzig gefahren werden wollte, wußte ich sofort, das ist einer von der Trasse“, so erzählte mir ein Berliner Taxifahrer.

Auch der Aufwand an staatlicher Aufmerksamkeit und Agitprop war enorm: „Ihr werdet aufrecht gesehen – vergeßt es nie!“ Es gab Bücher über den Trasseneinsatz, Filme, regelmäßige Fernsehberichte und sogar eine eigene Zeitung – das „Trassenecho“. Es gab auch Orden und Auszeichnungen, denn die 4451 km lange Exportgas-Pipeline zwischen dem sibirischen Erdgaslager Urengoi und dem ukrainisch-slowakischen Grenzort Ushgorod war nicht nur ein prima „Kampfplatz gegen den US-Imperialismus“, sondern auch eine hervorragende „Stätte kommunistischer Erziehung“.

Heute verlassen täglich 200 Millionen Kubikmeter Erdgas, im Wert von ca. 50 Millionen DM (der Erdgaspreis ist an den für Erdöl gebunden), das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Auf dem deutschen Territorium heißen die Aufkäufer im Westen Ruhrgas AG und im Osten Verbundnetz Gas AG. Ihre Geschäftspartner sind die beiden russischen Außenhandelsbetriebe Gazexport Moskau und Wintershall Handelshaus GmbH Berlin. An letzterer ist die BASF wesentlich beteiligt, die damit der Ruhrgas AG erstmalig eine Konkurrenz in Deutschland gegenüberstellt. Die beiden ehemaligen VEB „Außenhandelsbetrieb Kohle Energie Export Import“ und „Kombinat Gasanlagen Stammbetrieb“, einst für die gesamte Realisierung des Jamburg-Abkommens zuständig, heißen jetzt „GABEG Anlagenbau-Engineering GmbH“. Die Firma ist mittlerweile privatisiert – eine Tochter der Brochier Holding GmbH & Co Nürnberg geworden. Nachdem die Brochier 1995 in Liquidationsschwierigkeiten geraten war, übernahm sie der Bayrische Freistaat. Geschäftspartner der GABEG in Rußland ist die als Generalauftragnehmer fungierende Aktiengesellschaft Gazprom, die aus den Ministerien für Erdgasförderung und Erdgasanlagen hervorgegangen ist.

Auf der Trasse bekommen die wenigen dort noch beschäftigten deutschen GABEG-Mitarbeiter heute Gehälter zwischen 6000 und 12000 DM. Und Rüdiger Pfennig ist dort der höchstbezahlteste Manager – ein US-Wort übrigens, das auf den Gabeg-Baustellen niemand verwendet. Überhaupt erinnert dort noch vieles an „die gute alte DDR“. Das fängt schon mit den Baracken an, vor denen jetzt allerdings statt einer FDJ-Fahne die ebenfalls gelb-blaue GABEG-Flagge weht: lange Reihen von WUDs (Wohn-Unterkünfte Dölbau) und BUDs (Bau-Unterkünfte Dölbau), dazwischen einige TVBs (Textilverbundhallen), die großen Schneemassen nicht immer standhalten, und Zwickauer MLBs (Metalleichtbauhallen) sowie Boizenburger „8-Segment-Varianthallen“ (dem Bundesbürger als Intershop-Provisorien im Transit bekannt).

Das Herzstück jedes Camps ist das Heizwerk – so wichtig, daß man sich noch nicht traute, dafür russisches Personal einzustellen, das ansonsten einen Bereich nach dem anderen übernimmt. In den Küchen dominieren allerdings noch tschechische Köche. Früher wären Arbeitskräfte aus der Region zu teuer gewesen (da war 1 Rubel 3,20 Mark wert – ein Verhältnis, das heute nur noch für russische Entfernungen gilt: „Alles ist ungefähr dreieinhalb mal so weit wie bei uns“). Jetzt gibt es überdies viele Russen, die Arbeit suchen. Bei der GABEG verdienen sie maximal 450 DM im Monat – bei einer 6-Tage/60-Stunden-Woche mit Unterkunft und Vollverpflegung. Ermittelt wurde dieser Lohn im Vergleich mit den dort ortsüblichen Tarifen ausländischer Unternehmen. Heraus kamen dabei für den Oblast Perm noch ganz passable Nettogehälter, die jedoch wegen der Inflationsrate quartalsweise korrigiert werden müssen: ein Kranfahrer verdient derzeit etwa 400 DM (700000 Rubel), eine Kantinenhilfe 200 DM. Schwierig wird es, wenn z.B. eine der langsam in die Camp-Verwaltungshierarchie aufrückenden russischen Sekretärinnen, nicht selten ehemalige Deutsch-Lehrerinnen, einen deutschen Gabeg-Angestellten heiratet und ihr Status sich damit tarifrechtlich eigentlich nicht mehr von ihren deutschen Hochlohn-Kolleginnen unterscheidet: „Bisher haben wir dafür leider noch keine befriedigende Lösung gefunden“, meint Rüdiger Pfennig. Dabei gibt es diesbezüglich einen zunehmenden Problemdruck. Seitdem nur noch etwa 200 Deutsche „dort draußen“ – in Rußland – arbeiten (in der Berliner Zentrale sind es 130), haben sich die Außenbeziehungen erheblich intensiviert: Nicht nur, daß viele leitende Angestellte ihre russischen Kontakte mehr und mehr geschäftsmäßig pflegen und selbst Bauleiter Aquisitionstätigkeiten entfalten, auch der gemeine „Schipper“ ist umtriebig geworden.

Der Campleiter in Goldirewski bringt es auf die Formel: „Was früher der Alkohol war, sind jetzt die Frauen.“ Wenn sich die „Gaststätten“ (bis aufs I-Tüpfelchen im DDR-Clubdesign eingerichtet), die wie die Kantinen und Videoshops auf den Camps von der Chemnitzer Cateringfirma „Eurest“ betrieben werden, zur Wochenend-Disco rüsten, reisen die jungen Mädchen mittlerweile von weither an. Zwar gibt es schon fast einen Beischlaf-Tarif (50 DM pro Nacht oder entsprechende Geschenke), aber eine spätere Heirat wird von den wenigsten ausgeschlossen. „Jeder hat bisher eine Russin mit nach Hause genommen – und ist dort arbeitslos geworden, die Frauen wollen aber nicht arbeiten, sondern ernährt werden,“ behauptet die Lager-Bürgermeisterin von Tschajkowskij. Sie ist für Pässe, Flüge, medizinische Versorgung, Müllabfuhr zuständig: „einem Oberfeldwebel vergleichbar“.

Wegen des Alkoholismus ihrer Männer drängt es viele Frauen der sibirischen Völker, sich mit Russen zu verheiraten, ähnlich suchen auch immer mehr Russinnen im Westen ihr Glück: „Wir Frauen müssen mal wieder die ganze Scheiße ausbaden“, so sagte es eine im „Sex-Business“ tätige Frau in Perm, die von 100 verdienten Dollars 50 an den aus dem KGB rausprivatisierten Wachdienst des Hotels abgeben muß – und von „Prichwatisierung“ (Raub) spricht, ohne Bitternis. Wegen seiner Nähe zur Stadt Tschajkowsij ist die Disco des dortigen Camps größer und pompöser als die anderen. In der Wendezeit richtete der Standortleiter sogar einmal einen Busfahrdienst – „Linie der Freundschaft“ genannt – ein, mit dem „interessierte Damen“ in der Stadt eingesammelt wurden. Es gibt ein riesiges Textilkombinat in Tschajkowsij, in dem allein 15000 Frauen arbeiten. Derzeit steht das Werk jedoch nahezu still.

Für die bisher aus Taschkent gelieferte Rohseide müssen jetzt Weltmarktpreise gezahlt werden. Auch der zweite Großbetrieb am Ort, Tochmash, einst Produzent elektronischer Bauteile für Langstreckenraketen, muß sich mühsam umprofilieren. Man zahle zwar nach wie vor Spitzenlöhne, sei aber damit zwei Monate im Rückstand, erzählt Tochmash-Direktor Vladimir I. Kapin, Doktor der mechanischen Wissenschaften. Die ausgeklügelten Sicherheitsschleusen am Haupteingang sind sämtlichst noch in Funktion, aber dahinter dürfen wir mittlerweile hemmungslos photographieren und rumschnüffeln. Man zeigt uns eine fröhliche Frauenbrigade, die – ökonomisch erfolgreich – Metalltabletts und Samoware mit folkloristischen Motiven bemalt, ferner einen Großraum mit hunderten einstweilen auf Halde produzierter Standbohrmaschinen, sowie die Fitneß- und Saunaräume im Keller, auf die jeder russische Betrieb stolz ist. Es gibt sogar eine gynäkologische Station, auf der überall Antiaids-Plakate hängen. Direktor Kapin arbeitet an einem Joint-Venture mit einem japanischen Werkzeugmaschinen-Konzern. Auch von dem vor kurzem unterzeichneten deutsch-russischen Kredit- und Handelsabkommen, das allein für den Oblast Perm 800 Mio DM vorsieht, erhofft er sich einiges – auch die GABEG, die sich an der Ausschreibung zur Errichtung einer Tabakfabrik im Kohlerevier Kisel beteiligen will. „Die Deutschen geben uns Feuer und nicht nur das“, heißt es dazu in einer Regionalzeitung. Kurz vor der Fertigstellung befinden sich die noch zum Jamburg-Abkommen gehörenden zwei Bauprojekte der GABEG in Tschajkowskij: ein Wohnviertel (Microrayon) für Gazprom-Kader, an dessen letztem Bauabschnitt der türkische Baukonzern Enka beteiligt ist, und ein Industriekomplex – bestehend u.a. aus Fabrikhallen, Verwaltungsgebäude, Heizwerk, Feuerwehrhaus und Klärwerke.

„Unser großes Kapital, das sind die langjährigen Rußlanderfahrungen, die die GABEG mit dem Trassenbau gesammelt hat,“ meint der für das Vertrags- und Finanzcontrolling zuständige Manager Jens Steigleder, der einen Hubschrauberflug organisiert hat, um uns den „linearen Teil“ einmal von oben vorzuführen: die eigentliche Trasse, bestehend aus bis zu 6 ins Erdreich verlegte Rohre, deren Verlauf im Winter sichtbar wird, weil das durch die 140 Zentimeter dicken Pipes schießende Gas Reibungshitze entwickelt, die den Schnee schmelzen läßt. Wir überfliegen auch einige Verdichterstationen: riesige kraftwerksgroße Industrieanlagen, in denen das Gas mittels umgebauter Flugzeugturbinen abgekühlt, gereinigt und mit neuem Druck weiter in den nächsten Rohrabschnitt gepreßt wird. Ihr Herzstück ist die computerisierte Steuerungszentrale, in dem der diensthabende Chefingenieur uns dann sympathischerweise – trotz Rauchverbot – sofort eine Zigarette anbietet.

Seine Betriebsführung beschränkt sich jedoch leider auf eine Besichtigung des Fitneß- und Gymnastikraumes. Jens Steigleder gehört einem Jagdverein an und wandert gerne, er ist anders als die meisten Trassenbauer, die ihre Freizeit am Liebsten im Lager verbringen. „Einige ziehen sich 5 Karate-Videos hintereinander rein, am Sonntag,“ erzählt eine Buchhalterin, deren Mann ebenfalls bei der GABEG arbeitet. Wie die meisten haben auch diese beiden nun nur noch einen Zeitvertrag. Sollte der nicht verlängert werden, wollen sie sich eventuell mit einem kleinen Hotel in Mali selbständig machen – sie haben sich dort schon mal umgekuckt, wobei sie fast von einem Bruder des Westberliner Baulöwen Guttmann gelinkt wurden, an den sie sich vertrauenvoll, weil „Deutscher“, gewandt hatten. Ein Kollegin von ihnen, Helga Wünsche – „die schwarze Witwe“ auf dem Camp genannt – erfüllte sich im Februar, als die Temperaturen im Ural teilweise auf 39 Grad unter Null sanken und die Schneemassen sich höher als die Barackenfenster türmten, ihren Urlaubstraum. Sie flog auf die kanarischen Inseln. Als sie ankam, schneite es aber auch dort: zum ersten Mal seit 18 Jahren, wie ihr Einheimische versicherten, die hellauf begeistert von diesem Ereignis waren. Mehr Glück hatte eine Trassenbauer-Brigade, die eine Motorrad-Tour quer durch die USA unternahm. Ein alter DDR-Traum.

„Ich bleib besser Bodenphotograph,“ sagt Frank nach der Landung des Hubschraubers auf der Baustelle des Betonfertigteilwerks in Kungur, bleich aber entschlossen. Kungur macht einen deprimierenden Eindruck. Es war die erste große Station der nach Sibirien Verbannnten. Und noch heute prägen drei Straflager den Ort. Eins für Männer, eins für Frauen und ein Arbeitslager, in dem jetzt aber nur noch „kurzgearbeitet“  wird: es werden dort Armeeuniformen genäht. In einem Lager hat man die Kirche wieder den Gläubigen zugänglich gemacht, als wir dort eintreten und sofort von alten Frauen und Bettlern umringt werden, beschleicht uns das Gefühl, ins Mittelalter gestolpert zu sein.

Trotz der eskalierenden Multikulturalität auf den Baustellen und in den Wohn- und Versorgungslagern, wo auch diverse (zumeist ostdeutsche) Subunternehmen ansässig sind, die ebenfalls ihre deutschen Mitarbeiter zügig durch einheimische austauschen, besteht bei fast allen Deutschen Einigkeit darüber, daß „es besser geworden“ sei – „ruhiger, das gesamte Personal ist verantwortungsbewußter geworden, und die Freizeit hat sich ins Private verlagert“. Die Camp-Gaststätten haben deswegen unter der Woche kaum noch geöffnet. Früher gab es bei „groben Fahrlässigkeiten – einem in Brand gesteckten Papierkorb z.B. – die rote Karte“. Das hieß: Ab nach Hause! So etwas passiert heute kaum noch.

Stattdessen äußert sich der Bauleiter für den Armeewohnungsbau im Dorf Markovo, bei Tschajkowskij, begeistert über das Tempo und die Arbeitsweise der türkischen Bauleute. Die GABEG stampft dort zusammen mit dem Enka-Konzern ein ganzes Wohnviertel mit kompletter Infrastruktur für aus Deutschland zurückkehrende Militärangehörige buchstäblich aus dem Boden: „Ein 219 Mio DM Projekt“. Der Bauleiter, Udo Gode, hat am Erdölinstitut in Baku studiert. Der Armeewohnungsbau ist für die GABEG bereits ein Anschlußauftrag im Oblast Perm, der nichts mehr mit dem Jamburg-Abkommen zu tun hat. Beim „Plattenwerk“, der Großbaustelle inklusive Straßenbau in Kungur, ist dies jedoch noch der Fall. Der Baustellenleiter dort zeigt mir einige japanische Bagger, die einen Gleisanschluß vorbereiten: „Da sitzt eine polnische Brigade drauf, die können Ihnen mit den Dingern Ihre Uhr reparieren“, sagt er nicht ohne Stolz. Auch die Bauleistungen der anderen Subunternehmen und ihrer „Subsubs“ geben anscheinend kaum Anlaß zur Klage – weder bei den lokalen russischen Generalauftragnehmern noch bei der GABEG, dem Generalübernehmer.

Die Baustoffversorgung hat sich ebenfalls gebessert. Erst gab es immer wieder Engpässe, dann waren oft die Preise überhöht. Jetzt sind alle Seiten aus Erfahrung klüger geworden und die Dinge haben sich „eingespielt“. Nur daß mit dem Zerfall der Sowjetunion so viele Planungsprämissen und -ziele sich verändert haben, daß insbesondere die Industrieobjekte oftmals „in der Luft hängen“. In Ishewsk, ebenfalls ein von Militärproduktion beherrschter Ort (hier arbeitete z.B. der Erfinder der AK47, Kalaschnikow, als Waffeningenieur), hat die GABEG eine moderne Asphaltmischanlage, einen sogenannten „Teltomat“, gebaut: zur Verarbeitung von jetzt noch wilddeponiertem Bauschutt und zur dringend benötigten Kapazitätserweiterung im Straßenbau. Die Anlage wurde bereits im vergangenen Jahr schlüsselfertig übergeben, ist aber bis jetzt noch nicht in Betrieb gegangen – „und rostet vor sich hin“.

Nebenbei sind die GABEG-Leute auch noch für die „Lebensqualität“ in den Lagern, zu Anfang bestanden sie aus wenig mehr als Wohnwagen-Burgen, zuständig. Bis zur Wende eine echte Herausforderung für die FDJ-Kulturverantwortlichen, die z.B. zwei Sorten Kegelbahnen (transportable und stationäre) und fertig ausgestattete „Disco-Mobile“ an die Trasse brachten. Auf die Weise entstand u.a. aus einem, füher „Straflager Barda“ genannten Camp im Ural, mit der Zeit der „Luftkurort Bad Barda“. „Mit einem eigenen Skilift, den die Leute sich dort nach Feierabend bauten.“ Das Lager ist mittlerweile aufgegeben und wurde Flüchtlingen aus Abchasien zur Verfügung gestellt, aber der jetzige Standortleiter in Kungur, Klaus Weise, erinnert sich noch immer gerne daran: es hängt als Ölbild, von einem russischen Maler, in seinem Büro. Weise, seit 15 Jahren in Rußland, die Ehe ist ihm darüber „kaputtgegangen“, scheint überhaupt mit seinem „Kampfdolmetscher“ Oleg zusammen ein bißchen den alten Zeiten nachzutrauern: „Das sind jetzt nur noch die letzten Zuckungen der FDJ-Initiative!“ sagt er . Als positiv wird jedoch vermerkt, daß nun auch die mit der Wende aufgekommene „Phase der Überheblichkeit“ langsam vorbei ist.

Zudem werden immer mehr Leute nach Hause geschickt und ganze Bereiche abgewickelt, so daß alles übersichtlicher wird – u.a. wurden die Bücherbestände der Lager aufgelöst – und die Bücher russischen Bibliotheken gespendet. Selbst die erst nach der Wende angeschafften Billardtische sind schon wieder ausrangiert worden: das Interesse daran war zu gering. Gleiches gilt für die vor einigen Lager-Toren aufgestellten „Russen-Bars“: von der GABEG abgestoßene und dann umdekorierte Bauwagen, die mangels Umsatz von ihren neuen Besitzern schon wieder aufgegeben wurden. Einem Baustellenleiter fällt außerdem noch die „Südkurve“ ein, die es ebenfalls nicht mehr gibt: „Das war eine Ecke der Theke im Disco-Saal des Funktionsgebäudes, dort saß immer die Leitungsebene und beobachtete. Heute sind die Deutschen dort in der Minderheit und werden selber beobachtet“.

Auf der anderen Seite erzählt Rüdiger Pfennig, der über die Arbeiter-und Bauern-Inspektion einst seiner Frau auf die Trasse nachfolgte, daß sich bei ihnen immer mehr russische Wörter in die Umgangssprache eingeschlichen haben, besonders aus dem technischen Bereich: „Das macht auch Sinn, insofern die russische Verdingungsordnung, das Bau-Investitionsgesetz, und die hiesigen Qualitätsanforderungen das tägliche Brot der deutschen Bauleitungen sind“.

Primär geht es stets darum, an neue Aufträge heranzukommen, wobei man sich in der Berliner Zentrale bewußt ist, daß es ein derartig großes Pipeline-Projekt nie mehr geben wird: „Höchstens, daß wir das eine oder andere Los an einer neuen Trasse bekommen.“ – Beispielsweise bei der neuen Gastrasse, die von Nordsibirien über Polen nach Westdeutschland verlegt wird.

Auf dem Flughafen treffen wir die Ölbohrarbeiter aus Mecklenburg-Vorpommern wieder: Sie sitzen dort schon seit über zwei Tagen  fest, weil wegen des schlechten Wetters kein Flugzeug landen oder starten kann. Trotzdem sind sie noch immer ziemlich guter Laune: „Uns doch egal,“ meint einer, „wann wir hier wegkommen – so lange wir dafür bezahlt bekommen. Und wer weiß, was uns zu Hause erwartet?!“

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2007/01/09/druschba/

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kommentare

  • als trassengeschädigter Veteran würde ich ja gern mal mit dem Jens Steigleder Kontakt auf nehmen … das der Strolch sich noch immer im Russischen rumtreibt… tztztz …. vieleicht kann jemand helfen???

  • mein Vater Udo Valentin Gode (Dipl. Bergingenieur) für Tiefbohrtechnik (Erdöl- Erdgas) studiert von 1961 bis 1967 in Baku ist leider am 22.01.2007 in Königs Wusterhausen verstorben (geboren 12.09.1942 in Sandwiesen, Kreis Gleiwitz; gelebt in Roßwein , Gymnasium in Döbeln (Sachsen) Abitur in Halle (ABF Arbeiter und Bauern Fakulität) und Studium der Tiefbohrtechnick in Baku an der dortigen UNI später über fünfzehn Jahre in Russland tätig (so wie auch Sie benannten, davon ca. 6 Jahre in Moskau , auch als Chef der Gabeg / ZGG , und (Gazprom) repräsentiert durch ((Jochen Gornig, Gerhard Schröder)), der Brochier, repräsentant der BSR (berliner Stadtreinigung) und UGS (Untergrundspeicher und Gasanlagenbau Mittenwalde) mein Vater verstarb an Krebs (Lymphdrüsen-/ Blutkrebs) festgestellt vor ca. neun Jahren in Perm vom dortigen Professor der Uni-Klinik oder des Krankenhauses wahrscheinlich zu hohe Strahlenmengen
    mfg.
    Lutz Gode

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