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vonHelmut Höge 12.01.2007

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Nicht nur im Internet und in den blogs hier, auch im Intranet der taz fragt man verwundert: Darf Wiglaf Droste wirklich nicht mehr in der taz schreiben? Der Redakteur der Wahrheitsseite zumindest will keine Texte von Wiglaf Droste mehr auf seiner Seite abdrucken.

Hintergrund ist nicht wie in der Vergangenheit ein für das taz-empfinden allzu scharfer oder polemischer oder jemand wohlmöglich persönlich verletzender Artikel von ihm, sondern fast das  Gegenteil: In den letzten Jahren hatte er oft und gerne von einem Landhaus nahe Vorpommern berichtet und dabei immer mal wieder seine „Liebste“ erwähnt. Aber dann hieß es, die beiden hätten sich getrennt. Dafür sprach nicht zuletzt, dass die darauffolgenden Kolumnen von Droste plötzlich twas anderes thematisierten. Sie waren so etwas wie Ausdruck eines posttraumatisches Syndroms.

Der Wahrheitsredakteur wollte damit jedenfalls nichts zu tun haben – als Text.  Als Aushilfshausmeister kann ich ihm interimsmäßig nur diesen blog hier zur Verfügung stellen.

Etwas anders liegt der Fall beim Vorwurf eines Französischübersetzers und Le-Monde-Diplomatique-Lesers, der nach Lektüre zweier LMD-Nummern – der deutschen und der französischen Ausgabe – zu der Überzeugung kam, dass die der taz assoziierte  Redaktion der deutschen LMD wiederholt bei ihrer Übersetzungsarbeit zensurmäßig vorgegangen war.

Und wieder anderer „Zensurfall bei der taz“ wurde gerade von der Zeitschrift „Contraste“ in ihrem Januarheft aufgegriffen: Im Wesentlichen geht es dabei um eine taz-Anzeige des Energie-Konzerns EnBW, in dem anläßlich des 30jährigen Bestehens der AKW Neckarwestheim davon die Rede ist, dass es sich dabei um „30 Jahre Klimaschutz“ handelt. Das ist natürlich starker Tobak – als Anzeige – ausgerechnet für eine Zeitung, die wie keine andere von und für die AKW-Bewegung lebte. Ich erinnere nur an Ute Scheub, die z.B. täglich – täglich! – vom „Lesbencamp in Gorleben“, und dann auch im Zusammenhang der Friedensbewegung – aus „Mutlangen“ – berichtete.

Die taz-anzeigenabteilung reagierte auf den wegen der EnBW-Anzeige entsetzen Brief von Marianne Bäumler mit ebenfalls einem Brief, in dem insbesondere die Wichtigkeit von Werbeanzeigen, die 20-25% der Einnahmen des Alternativprojekts inzwischen ausmachen würden,  betont wurde.

Die Antwort befriedigte zwar Marianne Bäumler mitnichten, aber in der Tat geht es in der taz um Arbeitsplätze (250 in etwa). Und der (freiberufliche) Ressortfinanz-Controller empfand in diesem „Projekt-Zusammenhang“ gerade gestern die Weigerung der Sportredaktion, über Formel-1-Rennen zu berichten, schier verstockt.

Am Ende stehen alle hier erwähnten „Zensur-Fälle“ in einem inneren Zusammenhang, wie man so schön sagt.

Die „Contraste“-Redaktion richtete dazu bereits einen Aufruf an ihre „Mitstreiter“, der mit der klassischen Frage beginnt:

„Was tun?“ – diese Frage stellt sich für die Zukunft, denn in einem fast lautlos schleichenden Prozess werden die Grenzen auch von Seiten der taz verschoben. Das Klima – nicht nur meteorologisch – des politisch Zumutbaren verändert sich kaum spürbar, aber folgenschwer. So, als ob – weil bei uns bisher kein größerer Störfall bekannt wurde – die Gefahr der todbringenden Strahlen sich irgendwie aufgelöst hätte, nach dem Motto „Aus dem Auge, aus dem Sinn“, werden wir allüberall medial beschwichtigt, als naive Tagträumer denunziert, die sich dem Fortschritt „immer noch“ pubertär in den Weg stellen.

Ich finde diesen Prozess des Verfalls öffentlicher Wahrnehmung von Gefahren durch eine nach wie vor totalitäre Monster-Technologie in der Tat verhängnisvoll. Robert Jungk sagte in den Achtzigern: „Es gibt keine friedliche Atomenergie.“ Warten wir nicht auf bessere Zeiten, sondern bemühen wir uns um eine souveräne Gegenöffentlichkeit! Fordern wir die taz heraus. Ihr und also unser Erfolg lag in frecher Basis-Demokratie. Also – back to the roots, der Widerstand von Unten ist wieder gefragt! Bitte schreibt uns eure Vorschläge.

P.S.: In ihrer taz-kritik erwähnte die „Contraste“ auch noch eine Unregelmäßigkeit bei der Mailing-Liste für die taz-genossenschaftler – diesen „taz-Zensurfall“ habe ich jedoch nicht zusammenfassen können, weil ich ihn nicht verstanden habe, ich bin aber auch kein Mitglied der taz-genossenschaft, die eher was für junge reiche Erben aus Süddeutschland ist als für Selbständige, die strebend sich bemühen, ständig auf Sozialhilfeniveau zu bleiben. Natürlich hätte ich die Geno-abteilung im Ersten Stock fragen können, aber das wären in diesem Fall ja die von der „Contraste“-Redaktion gerade Angegriffenen gewesen.

Ohne diesem Streitausgang vorzugreifen möchte ich jedoch zu bedenken geben, dass jede Bewegung sich ihr eigenes Medium schaffen muß, und dass dieses sich dann – ebenso wie die Grünen oder irgendeine andere Arschpartei bzw. -gewerkschaft – verselbständigt. Die tazler denken heute – wahrscheinlich mit satter Mehrheit – an Schöner Wohnen, Lieben, Kinderkriegen, Landhausleben, mit gesunden Lebensmitteln in gesunder Luft – bis in die Mountainbikereifen und und und…Dazu gehört Arbeitsplatz- und Lohnsicherheit, Inflationsausgleich und der zweimalige Jahresurlaub zum Streßabbau…Deswegen sind die „Menschenrechte“ auch so wichtig geworden.

Dazu gehört auch das Recht, etwas zu verbummfiedeln oder zu vergeigen – und sei es durch mangelnde Reife bzw. Veralberung. Die taz-arbeitsplätze sind zugleich – fast zur Hälfte – Ausbildungsplätze. Früher Durchlauferhitzer heute Praktikumsanlaufstelle – in gleich mehreren Variationen bis hin zu einem sogenannten „Creative Village“, was sich schon wie eine halbe Karriereleiter auf einmal anhört.

Heute will jeder Teenager mit Abitur in die Medien. MTV hat so viel ich weiß 14.000 Bewerbungen wegen Praktikum vom letzten Abiturausstoß bekommen. Auch die taz hat schon einjährige Wartezeiten. Wir leben nun in einer Informations- und Mediengesellschaft, so wird  gesagt. Daraus folgt wahrscheinlich zwingend, dass jede ernsthafte soziale Bewegung künftig die Medien wie die Pest meiden sollte. So viel zu der Frage „Was tun?“

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2007/01/12/taz-zensurmassnahmen-tzm/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Lieber Herr Bauer,
    Ihr anmaßender Tonfall („also noch mal langsam zum Mitdenken“)erübrigt eigentlich jeden weiteren Kommentar. Sie sind wohl einer von jenen Altvorderen, die immer noch meinen, wenn andere nur (so wie Sie) denken würden, kämen sie zu den gleichen Ergebnissen wie Sie selber. Eine Form altlinken Denkimperialismus, so was hat in der Geschichte der Menschheit schon zu üblen Folgen geführt.
    Jetzt habe ich eine schlechte Nachricht für Sie: So verhält sich die Sache mit dem Denken nicht. Traurig für Sie, kann ich verstehen. Aber lernen Sie mal, dieser fundamentalen Tatasache über die Natur des Menschen und seines Verstandes ins Auge zu blicken.
    Ärgern Sie sich nicht über die taz, die geht glücklicherweise andere Wege als die Contraste.
    Ich bezweifle, das es Ihnen wirklich um die Sache geht, eher darum, ihrer Lust an der Empörung zu frönen. Das mag früher mal ganz witzig gewesen sein, aber heute…

    Ein Tip am Schluss:

    Sag ja, sag total ja zum Leben!

    Osho

  • Lieber Heino Ripinski,
    also noch mal langsam zum Mitdenken: taz-Geschäftsführer Andreas Bull (oder Kalle Ruch – ein Name stand nicht drunter) hat kritische Beiträge von Genossenschaftsmitgliedern (also Miteigentümern) der taz in deren eigener Mailingliste zensiert. Zuerst hat er Beiträge mit Kommentaren versehen (in denen nicht immer die Wahrheit stand). Dann wurden kritische Mails ganz entfernt. Es ging nicht um Lappalien, sondern um die Personalpolitik (Nord-taz) und die Auswahl von taz-Kooperationspartnern (EnBW). Es waren auch keine starrköpfigen Rundumschläge oder Beleidigungen, wie man sie öfter in Mailinglisten und Foren findet, sondern meist sachliche und begründete Kritik.
    Vielleicht war das Vorgehen der Geschäftsführung folgerichtig im Sinne wirtschaftlicher Effizienz. Aber es war peinlich für eine Zeitung mit sonst so hohem Anspruch: „Für die Redaktion ist Freiheit die Freiheit der Andersdenkenden, entscheidet sich Demokratie an den demokratischen Rechten jedes einzelnen Menschen.“

  • Sapere aude „Wage weise zu sein“ oder „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

    Genau da scheint Frau Bäumlers Problem zu liegen. Der Verstand, dieses ständig schnetternde Etwas ist es, der sich über was auch immer empören möchte. Denn sonst fühlt er sich gelangweilt.
    Wäre Frau Bäumler nicht so stark mit ihrem Verstand identifiziert, würde sie vieleicht merken, dass es im Grunde um eine Lappalie geht (dich auch ich nicht verstanden habe, aber wichtig kann sie nicht sein).
    Und sie würde bemerken, dass das, worüber sie sich in Selbstgerechtigkeit empört, etwas ist, was sie selbst mitgeschaffen hat.

    Don’t fight with live
    Heino Ripinski

  • An den etwas überheblichen Bescheidwisser:
    das finde ich nun ziemlich merkwürdig, Empörtsein zu diskreditieren.
    ich bin gerne lebendig, und nehme die Ambivalenzen lieber wahr, als sie mir durch alle möglichen Stoffe und Zustände im Dämmrigen zu belassen; das macht eher krank und dumpf, und dafür finde ich das Leben trotz allem zu kostbar!
    Sapere aude, Marianne Bäumler

  • Was Frau Bäumler und Herrn Bauer antreibt, ist offenbar die Lust an der Empörung – eine altlinke Krankheit. Ein Grund findet sich immer, welcher es ist, ist letztlich auch völlig egal. Es geht nur darum, irgendwen ins Unrecht zu setzen, vorzugsweise jene, die man früher mal zu den eigenen Genossen zählte bzw. Leute oder Einrichtungen aus dem entsprechenden Umfeld.
    Dass man dadruch das, wofür man eintritt, zugrunde richtet sieht man an der Contraste, die vollkommen bedeutungs- und inhaltslos los mit geringster Auflage vor sich hindümpelt.

  • Helmut Höge fragt nach den “Unregelmäßigkeiten” bei der Mailing-Liste für die taz-Genossenschaftler. Diese Mailingliste wurde vor drei Jahren auf Beschluss der taz-Genossenschaftsversammlung eingerichtet, um die “horizontale Kommunikation” zu verbessern. Zuerst ging alles gut. Kritik an Porschewerbung und Titellayout, an vermuteter PDS-Phobie und unterstellter Kapitalismusverharmlosung in der taz wurde „gesendet“ und diskutiert.

    Doch schon nach ein paar Wochen bekamen einige der „GenossInnen“ den Eindruck, im real existierenden Sozialismus zu sein. Ihre Zeitung und ihre Mailingliste gehörten zwar irgendwie ihnen, aber der Listenmoderator im Rudi-Dutschke-Haus hörte gar nicht auf sie oder wenigstens auf seine eigene innere Stimme, sondern auf geheimnisvolle Zweitstimmen, die „von oben” zu kommen schienen. So kam es, dass einige denkwürdige Texte über die Mailingliste liefen – verfasst von taz-GenossInnen, aber gleich im Text kommentiert von “der Geschäftsführung”.

    Es ging da zum Beispiel um ein Kooperationsprojekt der taz mit – wer hätte das gedacht – EnBW, genauer: einer ihrer Töchter. Die taz hatte sich für die Aktion sehr gelobt
    http://www.taz.de/pt/2003/12/13/a0285.1/text
    und dafür geharnischte LeserInnenbriefe erhalten:
    http://www.taz.de/pt/2003/12/19/a0191.1/text

    In der Mailingliste sollte darüber aber nicht weiter diskutiert werden. Die taz-Geschäftsführung blockte später auch weitere Kritik ab, etwa am Umgang mit MitarbeiterInnen der Nord-taz. Statt dessen liefen peinliche Durchhalteparolen des taz-Aufsichtsrates über die Liste: „Wie sagte einer unserer größten Anzeigenkunden einst: Packen wir´s an!“

    Schließlich richteten einige kritische Genossenschaftsmitglieder eine eigene Diskussionsliste ohne “taz-Aufsicht” ein – siehe http://www.contraste.org/zensur_bei_der_taz .

    Die offizielle taz-Genossenschafts-Mailingliste ist inzwischen eingeschlafen.

  • Heino Ripinski,
    du willst dich also jedwedem Wandel unterordnen? Wer bestimmt die Entwicklung?
    In Contraste steht das, was nicht auf die taz-Leserbriefseite durfte!
    So long Marianne

  • Die Contraste – kennen wir doch noch aus alten Selbstverwaltungszeiten.
    Je bedeutungsloser dieses Blatt geworden ist, umso grösser wird offensichtlich das Maß der Empörung. So was passiert, wenn man sich dem Wandel der Zeit widersetzt. Geht nicht nur der Contraste so.

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