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vonHelmut Höge 02.02.2007

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Früher“ wußten die Daimler-Benz-Leute schon lange im voraus, wieviele Autos sie dannunddann produzieren würden – und die Kunden mußten dementsprechend lange auf ihr Auto warten. Auch Siemens wußte schon im voraus, wieviele Telefone die Post ihnen in demunddem Jahr abnehmen würde, bzw. die Post gab allen drei oder vier deutschen Telefonherstellern vor, wieviele Telefone sie ihnen abkaufen würden – und auf dieser Grundlage wurde betriebsintern geplant.

Als die Kybernetik – hervorgegangen aus der Kriegsforschung im Zweiten Weltkrieg – Gestalt angenommen hatte, wurde daneben auch versucht, die Nationalpolitik damit auf Vordermann zu bringen:
Nachdem Salvator Allende 1970 Präsident geworden war, ließ seine Regierung u.a. eine Reihe von Banken verstaatlichen und den Großgrundbesitz enteignen, woraufhin sich langsam die Reaktion formierte. Ihre Streiks und Geldtransfers ins Ausland wurden mit einer Import-Blockade (für Maschinenteile) und einer Export-Blockade (für Kupfer) vom Ausland flankiert. Von Amerika aus wurden dann nicht nur die späteren Putschisten um General Pinochet unterstützt, auch Allendes Regierung bekam Hilfe von dort:

Der im Zweiten Weltkrieg mit militärischen „Operations Research“-Aufgaben befaßte Kybernetiker Stafford Beer eröffnete dem zwischen Revolution und Konterrevolution immer hilfloser agierenden Allende einen „dritten – soften – (Aus-)Weg“ – jenseits der Dogmen von Zentralisierung oder Dezentralisierung, jenseits der Doktrinen von freier Marktwirtschaft oder Planwirtschaft und jenseits der Expertisen von Bürokratie und Vetternwirtschaft.

Er argumentierte, die Regierung treffe ihre Entscheidungen auf Basis von Monate wenn nicht Jahre alten Wirtschaftsdaten sowie aktuellen Ereignissen, wie sie sich in den Medien täglich, beispielhaft hochgerechnet, widerspiegeln. Beim Stand der Technik sei es jedoch möglich – und notwendig, nach Art der Echtzeit-Frühwarnsysteme Regelungen und Entscheidungen zu treffen auf der Basis eines Regierungswissens, das sich netzwerkhafter Frühinformationssysteme bediene. Das Zeitalter der Statistik müsse (endlich) beendet werden! so Stafford Beer, der daraufhin in den bereits von ihren Redakteuren verlassenen Büros des „Reader’s Digest“ in Santiago einen „Operations Room“ einrichtete, von dem aus er bis zum Sturz Allendes mit einer Reihe von Großrechnern das „Projekt Cyberstride“ (kybernetische Überschreitung) realisierte, „wenn auch nicht mit tatsächlicher real-time-control, sondern einer Verzögerung von 24 Stunden,“ wie Claus Pias in einem Beitrag für zwei Workshops schrieb, die sich vor einiger Zeit in Berlin mit den Anfängen der Kybernetik und ihren Travestien bis heute beschäftigten und weitergehende Diskussionen anregen sollen (www.expolar.de/kybernetik).

Man möchte natürlich gerne wissen, wie dieses nahezu echtzeitliche Hineinregieren in Chile praktisch aussah und ob es nicht vielleicht auf Dauer sogar noch unmenschlicher gewesen wäre als jedes auf Basis veralteter Statistiken operierende Staatsmanagement, aber Pias erwähnte den „Fall“ nur am Rande als ein „wenig bekanntes Beispiel“ für die praktische (politische) Anwendung von Kybernetik.

Neuerdings begeistern sich immer mal wieder JW-Autoren für so etwas. So schreiben z.B. Dunkhase und Feuerstein:

“ Man muß sich entscheiden: Entweder der Preis wird durch das Wertgesetz bestimmt, dann braucht man unabhängige Produzenten und einen freien Markt; oder aber – wenn man sich für den Plan entscheidet – durch direkte Messung des gesellschaftlichen Aufwands. Dazu kommt nur die Arbeitszeitrechnung in Frage. Paul Cockshott und Allin Cottrell haben in ihrem Buch »Alternativen aus dem Rechner. Plädoyer für sozialistische Planung und direkte Demokratie« gezeigt…“

„Cockshott – er gehörte 2006 zu den Referenten der Rosa-Luxemburg-Konferenz – und Cottrell sehen es als Tragik an, daß in der Sowjetunion in der Zeit nach dem Krieg, als es neben Skepsis und Widerständen auch eine Offenheit gegenüber Bemühungen gab, mit den fortgeschrittensten wissenschaftlichen Methoden den Planungsprozeß zu vertiefen, die technischen Möglichkeiten tatsächlich sehr begrenzt waren, und als diese technischen Möglichkeiten heranreiften, die Reise immer mehr in Richtung Markt ging und schließlich kein Interesse mehr an einer gesamtgesellschaftlichen, detaillierten Planung da war.

Heute dürfte klar sein, daß nicht nur der Weg in Richtung Markt falsch war, sondern auch, daß es nicht die theoretische Unmöglichkeit einer effektiven Planwirtschaft, sondern »nur« eine Handvoll Shareholder ist, die uns daran hindert, ein gesichertes und befreites Leben für alle zu führen, die Verwirklichung des historisch Möglichen also eine praktische Frage ist.

Die Chávez-Regierung in Venezuela hat das erkannt: Das Ministerium für Schwerindustrie ist dabei, das Buch von Cockshott und Cottrell ins Spanische zu übersetzen, und für die dafür erforderlichen Softwareimplementationen wird ein weltweites Open-Source-Projekt ins Leben gerufen. Es lohnt sich also – auch und gerade bei uns – für politische Machtverhältnisse zu kämpfen, die Konzepte wie die hier dargelegten umzusetzen erlauben.“

Alexej Brykowski meint – aus (antistaatlich-) anarchistischer Sicht:

“ Wozu kann Kybernetik überhaupt gut sein? Nun, meines Erachtens hat sie die materialistische Dialektik (die keine »Anleitung zur gesellschaftlichen Praxis« ist, nur eine abstrakte philosophische Lehre) mit einem Sprung überholt und kann jetzt als wissenschaftliche Grundlage des Sozialismus dienen. Kybernetik ist die lang ersehnte seriöse, strikt wissenschaftliche Grundlage der sozialen Ordnung, die schon seit fast 200 Jahren als Chaos und Barbarei verleumdet wird – die einzig verbliebene Lehre, die der Menschheit echte Freiheit, Gleichheit und Solidarität verspricht: Anarchie.“

Zuletzt schrieb Heinz Dieterich, Soziologe an der Universidad Autonoma Metropolitana in Mexiko-City:

„Die Interaktion profitorientierter Marktpreise, von Adam Smith visionär als »invisible hand« in das erste kybernetische Modell moderner kapitalistischer Marktwirtschaft verwandelt, ist erstaunlich koordinationseffektiv, wenn verschiedene Bedingungen gegeben sind, unter anderem, wenn es sich um a) nicht-monopolistische Märkte; b) kaufkraftgestützte Nachfrage; c) freie Preisbildung handelt und d) Staaten, die die funktional notwendigen Rahmenbedingungen der politischen Ökonomie garantieren können.

Sie wird ineffektiv in dem Maße, wie diese Konditionen nicht erfüllt werden, zum Beispiel, wenn es sich um kaufkraftschwache öffentliche Güter wie Arbeitsplatzsicherung, Altersversorgung usw. handelt, oder die freie Preisbildung zu sehr durch administrative Preise des Staates oder Monopolbedingungen ersetzt wird. In diesen Fällen verliert der Markt seine Rückkoppelungskapazität und -effizienz und wird zum Pseudomarkt.

Wie ist dieses Dilemma von relativer kybernetischer Effektivität und antidemokratischer Ansammlung politisch-ökonomischer Macht der »invisible hand« (Kapitaleigner) aufzulösen?“

Dem Autor geht es dabei im Zusammenhang der Parteineugründungen WASG und Linkspartei.PDS um eine radikale Marktkritik.

„Da Theorie immer aus praktischer Realität resultiert, bezeichnet das Symptom der Atrophie [Auszehrung] ein objektives Problem. Würde man das entsprechende Marx-Diktum, die Menschheit stelle sich immer nur »Aufgaben, die sie auch lösen kann«, mit einem Schlüsselbegriff der fortgeschrittensten kapitalistischen Produktionsweise umschreiben, dann könnte man sagen, daß Theorie, dialektisch gesehen, immer »Just-in-time-Produktion« ist.“

Was kann nun den Markt ersetzen?

„Die für jede nachkapitalistische Gesellschaft vitale Notwendigkeit der Überwindung der Marktwirtschaft reduziert sich für das 21. Jahrhundert daher auf eine zentrale Frage: Kann der Marktmechanismus durch ein anderes kybernetisches System ersetzt werden, das ähnlich koordinationseffektiv ist, aber demokratischer und humaner fungiert? Und nicht auf idealistischen Prämissen beruht, wie etwa der »neue Mensch« des Sozialismus?“

Man kann geradezu von einem kybernetischen Weg zum Sozialismus in Lateinamerika sprechen… Zur Erinnerung:

In der BRD entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ausgehend von Amerika mit der Ulmer Schule um Thure von Uexküll und Max Bense sowie der Künstlergruppe „Zero“ vorübergehend eine Art kybernetischer Sonderweg, der dann „Informatik“ hieß. Der Begriff stammt von Helmut Gröttrup: Der Peenemünder Steuerungsexperte für Raketen-Lenksysteme hatte zunächst ab 1945 in der Raketenforschung der Sowjetunion gearbeitet und war dann – nach Berlin zurückgekehrt – von der CIA für die US-Kriegsforschung angeworben worden.

Der sowjetische Kosmos ist etwas ganz anderes als der amerikanische Weltraum!

„Die Familie, in der ich zur Welt gekommen bin, unterscheidet sich in keiner Weise von Millionen anderer werktätiger Familien unseres sozialistischen Heimatlandes. Meine Eltern sind schlichte russische Menschen, denen die Große Sozialistische Oktoberrevolution ebenso wie unserem ganzen Volk einen breiten und geraden Lebensweg erschlossen hat“.

So beginnt die schlichte aber ergreifende Autobiographie von Juri Gagarin: „Der Weg in den Kosmos“. Der Gedanke eines geradewegs in das Universum führenden „Lebensweges“ scheint überhaupt russisch zu sein. So unterscheidet sich der sowjetische „Kosmos“-Begriff vom amerikanischen „outer space“ schon dadurch, dass ersterer mit der irdischen Lebenswelt „harmonisch“ verbunden ist, während der US-Weltraum so etwas wie eine „new frontier“ darstellt. Dies behauptet jedenfalls die in den USA lebende russische Kulturwissenschaftlerin Swetlana Boym in einem Essay zum beeindruckenden Bildband „Kosmos“ von Adam Bartos, das noch einmal das sowjetische Weltraum-Programm nostalgisch und en détail feiert.

Aber auch dem amerikanischen Programm fehlt seit dem Zerfall der Sowjetunion der Schwung – und das Geld. Lustlos werden privatwirtschaftliche Kooperationen vereinbart und reiche Touristen mit preisgünstigen Angebote in den Weltraum gelockt – „just for fun“. 1998 war diese immer offensichtlicher werdende systemübergreifende Krise bereits in dem Dokumentarfilm des polnischen Regisseurs Maciej Drygas: „Der Zustand der Schwerelosigkeit“ von drei ehemaligen sowjetischen Kosmonauten diskutiert worden. K1 meinte damals: „Die Zeit von Gagarin – das war großartig. Die ganze Nation war begeistert. Es ist uns gelungen. Wir sind die ersten!“ K2 ergänzte: „Jetzt wollen die Leute dagegen, dass etwas Nützliches bei der Weltraumforschung herauskommt“. K3 präzisierte daraufhin: „Wir haben unser Hauptproblem nicht gelöst. Wir können in den Weltraum fliegen, dort arbeiten und wieder zurückkehren, aber wir haben keine natürliche menschliche Betätigung im Weltraum – im Zustand der Schwerelosigkeit – gefunden. Bis jetzt haben wir keine produktive Tätigkeit dort oben entwickeln können. Ich empfinde das als persönliches Versagen“.

Inzwischen sind auf Deutsch auch die vierbändigen Erinnerungen „Raketen und Menschen“ des stellvertretenden Leiters des sowjetischen Raumfahrt-Programms B.E.Tschertok erschienen. Ein fünfter Band wird vom Autor vorbereitet. Diese nun fast abgeschlossene Geschichte beginnt mit dem Einsammeln der ersten versprengten deutschen Raketeningenieure 1945 durch die Rote Armee, nachdem die Amerikaner sich bereits die Führungsgruppe der „Peenemünder“ – um Wernher von Braun – geschnappt hatten. Den Sowjets half dabei der Peenemünder Chefingenieur für Funksteuerung Helmut Gröttrup, dem sie zunächst alle Vollmachten dafür einräumten.

Seine Frau Irmgard führte später ein Tagebuch, das sie einige Jahre nach der Repatriierung ihrer Familie in Westdeutschland veröffentlichte – unter dem schönen Titel „Die Besessenen im Schatten der roten Rakete“. Zwar gibt es daran von vielen Seiten inzwischen Kritik – an einigen ihrer „Übertreibungen“, aber dieses Buch verdient es trotzdem oder gerade deswegen, noch einmal wieder neu aufgelegt zu werden, einschließlich der im Anhang abgedruckten „Tarif- und Arbeitsverträge“, die ihr Mann für die etwa 150 deutschen Mitarbeiter entwarf, und die man dann 1946 zusammen mit ihren Familien von Bleicherode nach Moskau verfrachtete.

Dort beginnt das Tagebuch von Irmgard Gröttrup. Sie war nicht nur eine exzentrische Frau, die bald fließend Russisch sprach, sondern auch die Managerin ihres Mannes, überdies Mutter zweier Kinder. Tschertok schreibt, dass sie es überhaupt war, die zuerst mit ihnen, den Russen, verhandelte: „Sie gab uns zu verstehen, daß die Frage, wohin sie gehen, nicht ihr Mann, sondern sie entscheidet“. Auch als ihre Familie 1953 wieder in Westdeutschland eintrifft – und sofort vom CIA verhört wird, wobei man ihrem Mann einen lukrativen Job in den USA anbietet, ist sie es, die entscheidet: „Wir bleiben hier!“ Daraufhin mußten sie die Villa, die man ihnen in Köln zur Verfügung gestellt hatte, räumen.

Auch in Bleicherode 1945 stellten die Russen den Gröttrups sofort eine Villa zur Verfügung sowie jede Menge andere Vergünstigungen.

„Rückblickend kann ich sagen, daß wir uns in Gröttrup nicht getäuscht hatten,“ schreibt Tschertok, der daneben auch die Initiativkraft von Frau Gröttrup bewunderte: So schaffte sie z.B. als erstes zwei Kühe an, um die Ernährungslage der Leitungskader des „Instituts Rabe“ sowie der Kinder zu verbessern und zwang überdies immer wieder den für die Versorgung zuständigen Offizier, „defizitäre Produkte“ heran zu schaffen. Erst als sie auch noch zwei Pferde kaufte und jeweils ein diensthabender Offizier sie auf ihren Ausritten begleiten sollte, weigerten sich ihre russischen Bewacher – und tauschten die Pferde in zwei Dienstwagen um, von denen sich Irmgard Gröttrup einen sofort „aneignete“. Später nahm sie ihn auch nach Moskau mit, ebenso wie die zwei Kühe. Und nachdem man die in Moskau zentrierten deutschen Raketenbauer in ein Objekt außerhalb der Stadt verlagert hatte, besuchte sie mit ihrem BMW Theatervorstellungen oder traf sich mit ihrem sowjetischen Freund, der als hoher Funktionär in einem Ministerium arbeitete.

Diese selbstbewußte pragmatische Einstellung auf die sowjetischen Lebensbedingungen – als hochprivilegierte „Zwangsarbeiter“ mit eigenem Dienstpersonal, die man zuletzt auf die Insel „Gorodomlia“ im Seliger-See verfrachtete – verhalf auch ihrem Mann Helmut Gröttrup als Leiter des deutschen Kollektivs zu den „richtigen Ideen“ bei der sowjetischen Umsetzung der „Peenemünder Produktionskultur“, deren geistige Arbeiter nicht auf fast kalifornischen Luxus verzichtet hatten, die für die körperlich Arbeitenden jedoch auf mörderischste Versklavung basierte.

Die Anstrengungen von Helmut Gröttrup liefen in der UDSSR darauf hinaus, alle Systeme zu reduzieren – die Rakete zu vereinfachen, mithin „die Peenemünder Linie zu verlassen“, während die sowjetische Seite sich bemühte, alle daran beteiligten Kollektive zu einer „systemartigen“ Kooperation zusammen zu fassen. Dabei kam es für die Deutschen, die man mittelfristig sowieso ersetzen wollte, immer wieder zu demotivierenden Entscheidungen. Umgekehrt ließen diese sich aber auch nicht alles gefallen. So notierte Irmgard Gröttrup am 20.6.1952 über ihre Haushaltshilfe: „Ruwa ist frech geworden, ich habe sie entlassen“. Zuvor hatte sie geschrieben: „Ich bin, wie alle, müde, nur noch Anhängsel der Männer zu sein: dieser politischen Objekte“. Ihr Tag sieht so aus: „Zum Strand laufen, Tennis spielen oder den Platz renovieren, lesen, bei Freundinnen sitzen und palavern“.

Dabei kennt sie sich durchaus auch mit der Materie aus, mit der die Männer sich beschäftigen: Bereits 1939 war sie zum ersten Mal nach Peenemünde gekommen, wo sie dann, ähnlich wie die in Ostdeutschland lebende Schriftstellerin Ruth Kraft, als „Rechenmädchen“ gearbeitet und später auch ihr erstes Kind bekommen hatte: Ständig unter dem „Rauschen des Prüfstands“. Irmgard Gröttrups Ohr war bald so geschult, „daß ich die einzelnen Brennstufen erkannte“.

Auch auf Gorodomlia errichten die Deutschen bald einen Prüfstand, der ständig rauscht. Ihr Mann arbeitet unermüdlich und versucht nebenbei, um besser mit der russischen Leitung verhandeln zu können, einen „deutschen Verwaltungsrat“ zu gründen. Noch nachts werden in den Holzhäusern Reichweiten-Verbesserungsvorschläge diskutiert: „Jochens neue Idee mußte besprochen werden, wir Frauen waren abgemeldet. Ruth griff mechanisch zum Strickzeug. Die beiden Männer – einer so arbeitswütig wie der andere – berauschten sich an ihren Ideen“. Sie hält es oft nicht aus – und als ihr Freund Alexander Petrowitsch mit unbekanntem Ziel aus dem Moskauer Ministerium versetzt wird, läßt sie sich einen Termin beim Minister geben, um die Erlaubnis zu bekommen, ihm nachfahren zu können. Der Minister warnt sie: „Sie sind eine verwöhnte, zarte junge Frau. Sie kommen aus einer bürgerlichen Gesellschaft. Wollen Sie ihre Gesundheit aufs Spiel setzen?“ Weil sie uneinsichtig bleibt, liest er ihr aus einem Gedicht von Puschkin vor: „Die Liebe kann warten. Die Liebe ist ewig…“ Ein Jahr später notiert Irmgard Gröttrup: „In diesen Frühlingsnächten wird in mir die russische Seele geboren: das Hinnehmen können“.

Auf Gorodomlia fängt sie irgendwann an, einen Raben zu zähmen. Diesen nimmt sie dann auch mit nach Deutschland, wo sie zunächst im Ostberliner Hotel Adlon unterkommen. Wegen des Rabens, der alles vollschiß, mußten sie jedoch das Hotel bald wieder verlassen – und zogen nach Westberlin um. Das behauptet jedenfalls Tschertok in seinen Memoiren. Er war 1992 auf die Spur von Gröttrups Tochter Ursula gestoßen und hatte sie nach Moskau eingeladen. Laut ihrer Tochter erklärte Irmgard Gröttrup dann den CIA-Leuten, nachdem sie das Ehepaar von Westberlin nach Köln gebracht hatten: „daß sie sich ausreichend mit der Raketentechnik in Rußland befaßt haben und jetzt aus Deutschland nicht wieder wegfahren wollen“. Helmut Gröttrup wurde dann von Siemens eingestellt – und dort schließlich Leiter einer Abteilung von zuletzt 400 Mitarbeitern, die sich mit elektronischen Rechenmaschinen beschäftigte. U.a. kreierte er dabei das Wort „Informatik“. Seine Computerbegeisterung ging so weit, dass er in einem Vortrag vor Hamburger Geschäftsleuten meinte: Die unternehmerische Freiheit sei ein bloßer Irrtum, der auf Informationsmangel beruhe.

Um diesen zu beheben, ließ Helmut Gröttrup 1969 zusammen mit seinem Mitarbeiter Jürgen Dethloff einen „Identifikanden mit integrierter Schaltung“ patentieren, aus der dann erst die Chipkarte und schließlich die Mikroprozessorkarte wurde, mit der wir alle heute an den Bankautomaten zu unserem Geld kommen. Auch an der Entwicklung dieser Technik war Gröttrup maßgeblich beteiligt – jedoch erst nachdem er die Firma Siemens verlassen hatte. Der Grund dafür war, dass er dort einen jungen Ingenieur zu seinem Stellvertreter ernannt hatte, der wenig später als „sowjetischer Spion“ verhaftet wurde. Vor Gericht verbürgte sich Gröttrup für ihn, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn eher selbst für einen sowjetischen Agenten, der schon einmal deutsche Patente an die Sowjets verraten hatte.

Helmut Gröttrup starb 1981 an Krebs, seitdem erinnert sein inzwischen reich gewordener Mitpatentinhaber Jürgen Dethloff immer mal wieder an ihn – im Internet. In der Siemens-Mitarbeiter-Datei existiert er seit seiner „Kündigung“ nicht mehr. Irmgard Gröttrup starb 1989. Drei Jahre später notiert sich Tschertok: „Die Tochter war, ohne zu widersprechen, einverstanden, daß ihre Mutter sich sehr viel ausgedacht hatte“. Weil sie ihr Rußland-Tagebuch erst fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes veröffentlichte, hatte sie dazu auch „alle Freiheit der Phantasie“. Es ist erstaunlich, dass sogar Imrgard Gröttrups Tochter diese Meinung vertreten haben soll, denn ihre Mutter veröffentlichte ihr Tagebuch erstmalig 1958 (nicht wie Tschertok schreibt: 1985) – und zwar gleich nach dem „Sputnik-Schock“. Ihr Stuttgarter Verlag bemühte sich damals, wenigstens im Klappentext nahe zu legen, dass die Arbeit der Deutschen in Rußland noch schlimmer als in Peenemünde gewesen sei: „…Wir erfahren von dem technischen und wissenschaftlichen Fortgang der Arbeit der Forscher, dieser ‚Besessenen‘, die ohne Rücksicht auf menschliche und politische Probleme einem Ziel dienten: der Rakete“.

Von Helmut Gröttrup erschienen etwa zur selben Zeit nur einige „allgemeinverständliche Einführungen“ in die Raketentechnik und -physik. Außerdem stammt von ihm wahrscheinlich auch der „kleine technische Exkurs“ im Anhang des Tagebuchs seiner Frau, wo außerdem seine sämtlichen Verträge mit den Sowjets abgedruckt wurden. Noch im selben Jahr 1958 interviewte der Spiegel die beiden, wobei Irmgard Gröttrup sich kurz über die anfänglichen Pläne von Helmut Gröttrup in Rußland äußerte: „Mein Mann wollte gleich munter zum Mond!“

Neuerdings, da die Gröttrups sogar aus vielen Archiven verschwunden sind, gibt es ganze Gruppen von neuen Raketenforschern – bei den Historikern und den Kulturwissenschaftlern, wobei einige sich auch mit der „Sowjetisierung der deutschen Fernlenkwaffentechnik“ befassen. So werden jetzt z.B. die Memoiren von Tschertok gerade ins Amerikanische übersetzt. Leider mehren sich damit auch jene Stimmen, die Irmgard Gröttrups Buch über „Die Besessenen“ als nicht ganz glaubwürdige Quelle abtun.

In bezug auf die Peenemünder Technologie, aber auch, was zeitgleich an anderen Stellen entwickelt wurde, meinte Thomas Pynchon in seinem Roman „Die Enden der Parabel“, dass die politische Konfrontation im Zweiten Weltkrieg nur ein Scheingefecht war, ein Manöver, um den neuen Technologien zum Durchbruch zu verhelfen. Diesen Gedanken legt er dem (Herero-) Schwarzkommando unter der Führung von „Enzian“ in den Mund.

!984 griff Pynchon die Kritik an der industriellen Anwendung der Kybernetik von Kurt Vonnegut (auf die bereits an anderer Stelle im blog eingegangen wurde) noch einmal auf: „Is it o.k. to be a Luddit?“ fragte er sich in der New York Times Book Review – und antwortete dann:

„Wir leben jetzt, so wird uns gesagt, im Computer-Zeitalter. Wie steht es um das Gespür der Ludditen? Werden Zentraleinheiten dieselbe feindliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie einst die Webmaschinen? Ich bezweifle es sehr…Aber wenn die Kurven der Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Robotern und der Molekularbiologie konvergieren. Jungejunge! Es wird unglaublich und nicht vorherzusagen sein, und selbst die höchsten Tiere wird es, so wollen wir demütig hoffen, die Beine wegschlagen. Es ist bestimmt etwas, worauf sich alle guten Ludditen freuen dürfen, wenn Gott will, dass wir so lange leben sollten.“

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2007/02/02/mangelwirtschaft-von-unten-mit-hartz-iv-und-von-oben-nach-plan/

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kommentare

  • Andererseits sucht Siemens nicht nur über Stellenanzeigen Dutzende von Hausmeister, im „finanzen net“ berichtet auch ein anonymer Siemensmanager:

    „Die Handy-Sparte war schon länger ein Tollhaus“, erzählt er. Ständige Umorganisationen hätten dazu geführt, „daß in manchen Fragen der Hausmeister der beste Ansprechpartner war – weil er als einziger lange genug dabei war, um den Überblick zu haben“.

  • Das geht nun aber wirklich zu weit:

    Siemens bietet einen „virtuellen Hausmeister“ (in Kliniken) an.

    „Siemens Building Technologies hat ein umfassendes Lösungs- und Produktportfolio für die technische Infrastruktur einer Klinik entwickelt, das sowohl den wirtschaftlichem Nutzen als auch die Sicherheit für Patienten deutlich erhöht.“

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