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	<title>Kommentare zu: Auslaufende Konjunkturen</title>
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	<description>Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.</description>
	<lastBuildDate>Thu, 16 Feb 2012 13:42:25 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Von: Helmut Höge</title>
		<link>http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/03/28/auslaufende-konjunkturen/comment-page-1/#comment-32889</link>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Apr 2008 16:06:37 +0000</pubDate>
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		<description>3.Ausstellungsbesprechung taz v. 28.11.87:

Sie zählt zu den besten Perry-Rho-
dan-Kennern Norddeutschlands.
Sie malt meistens mit Buntstiften,
träumt aber in Öl. Hilka Nordhau-
sen, Begründerin der Buch Hand-
lung Welt und der Künstlerförde-
rung Weltbekannte. V., Hamburg,
lebt eigenen Aussagen zufolge nie
länger als drei Monate, höchstens
ein Jahr am selben Ort. Bei jedem
Umzug kommt der Ballast ins De-
pot -- aufden Dachboden der Mut-
ter in Harburg. Hilka Nordhausen
stellt keine obszönen Bilder aus:
»Das kann ich meiner Mutter nicht
zumuten, die lebt noch.« Nur für
vier Tage bezieht sie jetzt drei
Zimmer in der weit über die Gren-
zen Wilmersdorfs hinaus bekann-
ten und von einschlägigen Ken-
nern geschätzten Kunstpension
»Nürnberger Eck«. In drei trau-
matischen Variationen wird das
existentielle Hinundhergewor-
fensein thematisiert: »Gehn wir zu
dir oder gehn wir zu mir?« (DAF)
Konkret -- wird der Frühstücks-
 raum flächendeckend, farbfroh
 »vollgeballert: Mexiko, Tanger,
damit man nicht mehr weiß, wo
 man ist«.
    »Finnland, Friesland Ade«, wie
 sie 1984 ein Fragment ihres Fort-
setzungsromans vertitelte. »Ich
wollte mich nicht vertüddeln«,
sagt sie heute. Ganz andere Töne
hingegen schlägt sie in folgender
Stelle--von 1983--an: »Wir sit-
zen auf einer Bank und kucken uns
die Bescherung an. Überall tote
rote zerquetschte Igel. »Das war
der aus Hamburg?« »Ja, denk ich
auch.«
   In Hamburg müssen auch die
Ursprünge ihrer latenten Buddel-
schiff-Liebe liegen. Kontrastie-
rend zum self-fullfilling Femweh
des Frühstückssalons ist das Ein-
bett- und ein Doppelzimmer her-
gerichtet worden: vierfarbige, auf
Zetteln zergrübelte Zeichen eines
»düsteren Dichters« in Zimmer 4
und zierliche Zitate eines rhizo-
matischen Renaissanceforschers
-- mit einer gewissen Neigung
zum periodischen Blau in Num-
mer 6. Wie heißt es so schön beim
frühen Perry Rhodan (Heft 47):
»Die Beschleunigungsformel des
Systems genialer Deliranz (gD)
verhält sich zur Echtzeit der Rei-
segeschwindigkeit quasi kon-
traproduktiv.« Vogel/Höge


4. Und noch mal eine Ausstellung von Hilka Nordhausen besprochen in der taz v. 13.4. 2006 - nach ihrem Tod:

  In der neu eröffneten Galerie Dörrie &amp; Priess in der Yorckstraße 89a werden gerade die Bleistift-Strichzeichnungen von Hilka Nordhausen ausgestellt. &quot;Die Künstlerin (geb. 1949) war eine der wichtigen Persönlichkeiten des Hamburger Kunst- und Kulturbetriebs der 70er- und 80er-Jahre&quot;, heißt es über sie im Internet, wobei sie sich damals selbst eher als &quot;daneben&quot; begriffen hätte. Die Strichübungen dienten der Aus- und Abschweifungen nicht abgeneigten Hilka Nordhausen eine Zeit lang zur künstlerischen Selbstdisziplinierung. Sie bilden somit eine Art Kontrastprogramm zu ihren sonstigen Lebensäußerungen, etwa dem Perry-Rhodan-Hefte studieren, Tageszeitungsseiten übermalen und Dias sammeln. In Berlin war sie in dieser Hinsicht meine einzige Konkurrentin bei den Trödlern - bis wir uns zusammentaten und die brauchbarsten Dias untereinander austauschten.

Bei den &quot;Untersuchungen zum Zeichenvorgang&quot;, so der Ausstellungstitel, ging es ihr unter anderem darum: Wie viel kleine Striche kann man in zehn, zwanzig, dreißig usw. Minuten auf einem A3-Blatt schaffen? Oder umgekehrt, mit einem Metronom - wie lange hält man das Strichemachen durch? Wie sehen die Strichfiguren aus, die man bei unveränderter Körperposition stehend mit der Hand auf einem riesigen Blatt ausführt? Und wie sieht ein ganzer Bogen aus, wenn man ihn mit verbundenen Augen zustrichelt?

Die Ergebnisse wurden anschließend abfotografiert, ihre dabei zugrunde liegende Versuchsanordnung protokolliert - und das Ganze dann abgeheftet. So pedantisch konnte Nordhausen sein, auch wenn sie sonst eher lebensfroh verwuselt wirkte. Kurz vor ihrem Tod 1993 erschien noch im Verlag von Michael Kellner ihr Buch: &quot;Glücklichsein für Doofe&quot;.Vor zwei Jahren erinnerte ein Beitrag an sie in dem vom Kölner Verlag Walther König herausgegebenen Band: &quot;Kurze Karrieren&quot;.

Die letzten Jahre wohnte die an Krebs erkrankte Nordhausen am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Acht Jahre nach ihrem Tod widmete die Hamburger Kunsthalle der Künstlerin, Galeristin, Schauspielerin und Buchautorin 2001 eine umfangreiche Retrospektive. &quot;Montags Realität herstellen&quot; hieß sie - sehr passend. Schon 1998 hatten ihre Hamburger Freunde in einem dicken Bildband mit dem ebenfalls passenden Titel &quot;dagegen-dabei&quot; das riesige Künstlernetz nachgezeichnet, das Nordhausen zwischen 1969 und 1989 knüpfte - vor allem mit ihrer &quot;Buch Handlung Welt&quot; im Hamburger Karolinenviertel und seinem Förderverein &quot;weltbekannt e.V.&quot;

Es waren zumeist die von der Punkbewegung noch einmal flankierten Künstler - von der Tödlichen Doris und Heinz Emigholz über Dieter Roth und Allen Ginsberg bis zu Helmut Salzinger und Pola Reuth -, die in ihrem Laden Filme und Performances zeigten, Vorträge hielten, Gedichte lallten oder eine Wand bemalten, die nach einigen Wochen vom nächsten übermalt wurde.

Etliche solcher &quot;Knoten&quot; standen damals miteinander in Kontakt, weil sie an ähnlicher Kunst interessiert waren. In Berlin die Galerie Zwinger, wo Wolfgang Müller und Ueli Etter ausstellten, sowie das Tonstudio von Frieder Butzmann und der Merve-Verlag, in Frankfurt die Zeitungen von Indulis Bilzenz und Walther Baumann, in Heidelberg die Turmgalerie von Sharon Levinson und die Buchhandlung von Jörg Burkhard. Dazwischen turnten sich die eher nomadischen Künstler frei.

Nun sind auch schon eine ganze Reihe der ihr lieb und wichtig gewesenen Kunden und Künstlerkollegen tot (Martin Kippenberger) oder liegen im Koma (wie Walther Baumann), noch mehr sind verschollen (was machen zum Beispiel Mike Hentz und Minus Delta T oder Boris Nieslony?). Andere sind in der Tat nicht mehr dagegen, sondern dabei, weltbekannt zu werden - wie der Bremer Maler Norbert Schwontkowski und der Neuköllner Kunstprofessor Thomas Kapielski.

Daneben sind aber auch neue Verbindungen entstanden: Hilka Nordhausens früherer Mitarbeiter Michael Kellner hat sich mit ihrem einstigen Verleger Peter Engstler, der ihr Buch &quot;Melonen für Bagdad&quot; herausbrachte, zusammengetan, um bei ihm in der Rhön Lesungen auf einer nahen Jungviehweide mit zu organisieren, wo sich die Überlebenden und Mobilen alle zwei Jahre treffen. An Buchläden und Verlagen sind b-books und der Basisdruck-Verlag in Berlin dazu gekommen und an Galerien gleich mehrere - bis weit in den Osten. Dazu gehört jetzt auch die von Dörrie &amp; Priess. Die beiden haben bereits eine Galerie in Hamburg, und sie vertreten den Nachlass von Hilka Nordhausen schon lange - zusammen mit ihrer Archivverwalterin Bettina Sefkow, die den Bildband &quot;dagegen-dabei&quot; mit herausgab. So kommen nach und nach nun alle Ansätze der schon früh als Netzwerkerin in Erscheinung getretenen Hilka Nordhausen noch einmal vors Publikum.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>3.Ausstellungsbesprechung taz v. 28.11.87:</p>
<p>Sie zählt zu den besten Perry-Rho-<br />
dan-Kennern Norddeutschlands.<br />
Sie malt meistens mit Buntstiften,<br />
träumt aber in Öl. Hilka Nordhau-<br />
sen, Begründerin der Buch Hand-<br />
lung Welt und der Künstlerförde-<br />
rung Weltbekannte. V., Hamburg,<br />
lebt eigenen Aussagen zufolge nie<br />
länger als drei Monate, höchstens<br />
ein Jahr am selben Ort. Bei jedem<br />
Umzug kommt der Ballast ins De-<br />
pot &#8212; aufden Dachboden der Mut-<br />
ter in Harburg. Hilka Nordhausen<br />
stellt keine obszönen Bilder aus:<br />
»Das kann ich meiner Mutter nicht<br />
zumuten, die lebt noch.« Nur für<br />
vier Tage bezieht sie jetzt drei<br />
Zimmer in der weit über die Gren-<br />
zen Wilmersdorfs hinaus bekann-<br />
ten und von einschlägigen Ken-<br />
nern geschätzten Kunstpension<br />
»Nürnberger Eck«. In drei trau-<br />
matischen Variationen wird das<br />
existentielle Hinundhergewor-<br />
fensein thematisiert: »Gehn wir zu<br />
dir oder gehn wir zu mir?« (DAF)<br />
Konkret &#8212; wird der Frühstücks-<br />
 raum flächendeckend, farbfroh<br />
 »vollgeballert: Mexiko, Tanger,<br />
damit man nicht mehr weiß, wo<br />
 man ist«.<br />
    »Finnland, Friesland Ade«, wie<br />
 sie 1984 ein Fragment ihres Fort-<br />
setzungsromans vertitelte. »Ich<br />
wollte mich nicht vertüddeln«,<br />
sagt sie heute. Ganz andere Töne<br />
hingegen schlägt sie in folgender<br />
Stelle&#8211;von 1983&#8211;an: »Wir sit-<br />
zen auf einer Bank und kucken uns<br />
die Bescherung an. Überall tote<br />
rote zerquetschte Igel. »Das war<br />
der aus Hamburg?« »Ja, denk ich<br />
auch.«<br />
   In Hamburg müssen auch die<br />
Ursprünge ihrer latenten Buddel-<br />
schiff-Liebe liegen. Kontrastie-<br />
rend zum self-fullfilling Femweh<br />
des Frühstückssalons ist das Ein-<br />
bett- und ein Doppelzimmer her-<br />
gerichtet worden: vierfarbige, auf<br />
Zetteln zergrübelte Zeichen eines<br />
»düsteren Dichters« in Zimmer 4<br />
und zierliche Zitate eines rhizo-<br />
matischen Renaissanceforschers<br />
&#8211; mit einer gewissen Neigung<br />
zum periodischen Blau in Num-<br />
mer 6. Wie heißt es so schön beim<br />
frühen Perry Rhodan (Heft 47):<br />
»Die Beschleunigungsformel des<br />
Systems genialer Deliranz (gD)<br />
verhält sich zur Echtzeit der Rei-<br />
segeschwindigkeit quasi kon-<br />
traproduktiv.« Vogel/Höge</p>
<p>4. Und noch mal eine Ausstellung von Hilka Nordhausen besprochen in der taz v. 13.4. 2006 &#8211; nach ihrem Tod:</p>
<p>  In der neu eröffneten Galerie Dörrie &amp; Priess in der Yorckstraße 89a werden gerade die Bleistift-Strichzeichnungen von Hilka Nordhausen ausgestellt. &#8220;Die Künstlerin (geb. 1949) war eine der wichtigen Persönlichkeiten des Hamburger Kunst- und Kulturbetriebs der 70er- und 80er-Jahre&#8221;, heißt es über sie im Internet, wobei sie sich damals selbst eher als &#8220;daneben&#8221; begriffen hätte. Die Strichübungen dienten der Aus- und Abschweifungen nicht abgeneigten Hilka Nordhausen eine Zeit lang zur künstlerischen Selbstdisziplinierung. Sie bilden somit eine Art Kontrastprogramm zu ihren sonstigen Lebensäußerungen, etwa dem Perry-Rhodan-Hefte studieren, Tageszeitungsseiten übermalen und Dias sammeln. In Berlin war sie in dieser Hinsicht meine einzige Konkurrentin bei den Trödlern &#8211; bis wir uns zusammentaten und die brauchbarsten Dias untereinander austauschten.</p>
<p>Bei den &#8220;Untersuchungen zum Zeichenvorgang&#8221;, so der Ausstellungstitel, ging es ihr unter anderem darum: Wie viel kleine Striche kann man in zehn, zwanzig, dreißig usw. Minuten auf einem A3-Blatt schaffen? Oder umgekehrt, mit einem Metronom &#8211; wie lange hält man das Strichemachen durch? Wie sehen die Strichfiguren aus, die man bei unveränderter Körperposition stehend mit der Hand auf einem riesigen Blatt ausführt? Und wie sieht ein ganzer Bogen aus, wenn man ihn mit verbundenen Augen zustrichelt?</p>
<p>Die Ergebnisse wurden anschließend abfotografiert, ihre dabei zugrunde liegende Versuchsanordnung protokolliert &#8211; und das Ganze dann abgeheftet. So pedantisch konnte Nordhausen sein, auch wenn sie sonst eher lebensfroh verwuselt wirkte. Kurz vor ihrem Tod 1993 erschien noch im Verlag von Michael Kellner ihr Buch: &#8220;Glücklichsein für Doofe&#8221;.Vor zwei Jahren erinnerte ein Beitrag an sie in dem vom Kölner Verlag Walther König herausgegebenen Band: &#8220;Kurze Karrieren&#8221;.</p>
<p>Die letzten Jahre wohnte die an Krebs erkrankte Nordhausen am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Acht Jahre nach ihrem Tod widmete die Hamburger Kunsthalle der Künstlerin, Galeristin, Schauspielerin und Buchautorin 2001 eine umfangreiche Retrospektive. &#8220;Montags Realität herstellen&#8221; hieß sie &#8211; sehr passend. Schon 1998 hatten ihre Hamburger Freunde in einem dicken Bildband mit dem ebenfalls passenden Titel &#8220;dagegen-dabei&#8221; das riesige Künstlernetz nachgezeichnet, das Nordhausen zwischen 1969 und 1989 knüpfte &#8211; vor allem mit ihrer &#8220;Buch Handlung Welt&#8221; im Hamburger Karolinenviertel und seinem Förderverein &#8220;weltbekannt e.V.&#8221;</p>
<p>Es waren zumeist die von der Punkbewegung noch einmal flankierten Künstler &#8211; von der Tödlichen Doris und Heinz Emigholz über Dieter Roth und Allen Ginsberg bis zu Helmut Salzinger und Pola Reuth -, die in ihrem Laden Filme und Performances zeigten, Vorträge hielten, Gedichte lallten oder eine Wand bemalten, die nach einigen Wochen vom nächsten übermalt wurde.</p>
<p>Etliche solcher &#8220;Knoten&#8221; standen damals miteinander in Kontakt, weil sie an ähnlicher Kunst interessiert waren. In Berlin die Galerie Zwinger, wo Wolfgang Müller und Ueli Etter ausstellten, sowie das Tonstudio von Frieder Butzmann und der Merve-Verlag, in Frankfurt die Zeitungen von Indulis Bilzenz und Walther Baumann, in Heidelberg die Turmgalerie von Sharon Levinson und die Buchhandlung von Jörg Burkhard. Dazwischen turnten sich die eher nomadischen Künstler frei.</p>
<p>Nun sind auch schon eine ganze Reihe der ihr lieb und wichtig gewesenen Kunden und Künstlerkollegen tot (Martin Kippenberger) oder liegen im Koma (wie Walther Baumann), noch mehr sind verschollen (was machen zum Beispiel Mike Hentz und Minus Delta T oder Boris Nieslony?). Andere sind in der Tat nicht mehr dagegen, sondern dabei, weltbekannt zu werden &#8211; wie der Bremer Maler Norbert Schwontkowski und der Neuköllner Kunstprofessor Thomas Kapielski.</p>
<p>Daneben sind aber auch neue Verbindungen entstanden: Hilka Nordhausens früherer Mitarbeiter Michael Kellner hat sich mit ihrem einstigen Verleger Peter Engstler, der ihr Buch &#8220;Melonen für Bagdad&#8221; herausbrachte, zusammengetan, um bei ihm in der Rhön Lesungen auf einer nahen Jungviehweide mit zu organisieren, wo sich die Überlebenden und Mobilen alle zwei Jahre treffen. An Buchläden und Verlagen sind b-books und der Basisdruck-Verlag in Berlin dazu gekommen und an Galerien gleich mehrere &#8211; bis weit in den Osten. Dazu gehört jetzt auch die von Dörrie &amp; Priess. Die beiden haben bereits eine Galerie in Hamburg, und sie vertreten den Nachlass von Hilka Nordhausen schon lange &#8211; zusammen mit ihrer Archivverwalterin Bettina Sefkow, die den Bildband &#8220;dagegen-dabei&#8221; mit herausgab. So kommen nach und nach nun alle Ansätze der schon früh als Netzwerkerin in Erscheinung getretenen Hilka Nordhausen noch einmal vors Publikum.</p>
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	</item>
	<item>
		<title>Von: Helmut Höge</title>
		<link>http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/03/28/auslaufende-konjunkturen/comment-page-1/#comment-32886</link>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Apr 2008 15:59:49 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://taz.de/blogs/hausmeisterblog/2008/03/28/auslaufende-konjunkturen/#comment-32886</guid>
		<description>Die folgenden Anmerkungen über Hilka Nordhause hätte man auch unter Beerdigungen in diesem blog abbuchen können...

1. taz v. 12.2.88 - aus einem Interview mit Heinz Emigholz:

      Kreuzberg ist ja eine beliebte Ge-
  gend für Filmarbeiten...

      So? Und wenn schon. Ich weiß
  genau, daß SO 36 voll ist von Mil-
  liardärstöchtern, die ihre Vergan-
  genheit vergessen wollen und
  Bolle plündern. Ganz trotzig wi-
  schen sie ihre Küche mit Kasch-
 mirpullovern auf.Ich bin auf den
Drehort verfallen, weil Ueli Etter
  mich eingeladen hatte,in der Ga-
  lerie Eisenbahnstraße in der Man-
  teuffelstraße eine Ausstellung zu
  machen. Galerien kannte ich bis
  dahin nur als Witz. Diese konnte
  ich immerhin nervlich ertragen.
  Wir sägten ein rechteckiges Loch
  in den Holzfußboden und die mär-
kische Erde kam sofort zum Vor-
  schein. Dann gruben wir ein 
  grundwassertiefes Grab. Nie-
  mand ist während der Eröffung
  hineingefallen, obwohl es sehr
  voll war. Reinhard Wilhelmi kam
mit einem Lilienstrauß. 

   Man hört, daß dujetzt zur Gale-
rie Zwinger übergewechselt bist.

   Ja, das ist jetzt perfekt. Für den
Film wurde das Grab übrigens
noch einmal ausgehoben. Hilka
Nqrdhausen mußte in ihrem knit-
terfreien grauen Anzug dort hin-
ein. Nach den Dreharbeiten wurde
das Grab ein drittes Mal geöffnet,
weil Etter keinen Trevira-Stoff
unter dem Boden seiner Galerie
dulden wollte. Ein ziemliches Hin
und Her. Der Gebäudestatiker
runzelte schon die Stirn. Käthe
Kruse hat dann aber die Verant-
wortung auf sich genommen.


2. Ein Porträt von Hilka Nordhausen - taz.v. 22.9.83:

Während eines Gewitters versuchte Hilka
mir die in ihrem Laden &quot;Buch 
Handlung Welt&quot; gemachte 7jährige
Erfahrung so zu verklickern, daß daraus
was für die taz entstehen könnte. Mittler-
weile hatte sie allerdings diese ,,Geschich-
te&quot; schon öfters erzählt -- für ,,Brigitte&quot;,
,,Stern&quot;, ,,Medium&quot;, Rowohlt&quot;, ,,FAZ&quot;
und ,,TIP&quot; und jetzt eben ,,TAZ&quot;. ,,Macht
nichts. Die kann man dann nehmen und
damit zur Kulturbehörde dackeln!&quot; Man
kann also sagen, daß das Ding jetzt lang-
sam ,,eingeführt&quot; ist. Und dies ist auch der
Grund, warum Hilka Nordhausen wieder
nach außen gegangen ist. Z. Zt. hält sie sich
gerade in Köln auf, will dort malen, sich ein
bißchen in der Scene in Köln und Düssel-
dorf umtun.

Taz: Wie war das eigentlich in den 7 Jahren
mit der BUCHHANDLUNG WELT?

Hilka: Es ging mir die ganze Zeit nicht gut. 
So ein Einzelhandelsding ist mir sowieso 
ein Greuel. Aber darum gings ja erst mal 
gar nicht, es ging um einen öffentlichen 
Raum für Spinner, risikobereite Dichter 
und Künstler, die sich nicht in einer Mode- 
richtung verheizen lassen wollten, sondern 
was in der Birne hatten, was mit Marktge- 
sichtspunkten nichts zu tun hatte. Aber 
eben auch solche Witze müssen finanziert 
weiden und die Einzelhandelsnummer ist 
mir von Kind auf an geläufig gewesen und 
ich habe mir zugetraut, das so zu verknüp- 
fen, daß sich der ,,Platz&quot; halten und ent- 
wickeln läßt.
Dann aber jeden Morgen um 10 Uhr in der 
 Handlung stehen, immer am Programm 
des Ladens rumdenken, und dabei immer 
 noch die Kohle im Kopf haben müssen... 
 Für mich ist es ein Hammer, daß das Ding 
erst akzeptiert wird, wenn ich aus dem 
letzten Loch pfeife, jetzt, wo ich grad noch 
 ne Runde durchgehalten habe. Mittlerwei- 
 le bin ich sehr skeptisch, so ein Projekt mit 
 Haut und Haaren durchzusetzen--ob das 
 ein guter Weg ist.

  1970 bis 75 habe ich in Hamburg Kunst 
 studiert, mit großzügigen Unterbrechun- 
 gen -- in den Kneipen, Schachspielen ge- 
 lernt (Duchamp/Halberstadt: &#039;Opposi- 
 tion und Schwesterfelder sind versöhnt&#039;-- 
 ein Schachbuch) Derweil haben die 
 Macker Fußball gespielt -- &#039;Cosinus&#039; ge- 
 gen &#039;Ganz&#039;, &#039;Ganz&#039; gegen &#039;Külpi&#039; etc. Auf 
 solchen Feldern entstand dann die erste 
 Nummer der &#039;Boa Vista&#039; 1973.
  Zu dem Zeitpunkt wußte ich eigentlich 
 schon, daß ich keine Kunst machen wollte 
 -- zu korrupt, so etwas halte ich nicht 
 durch auf die Dauer. Wir haben also die
 erste &#039;Boa Vista&#039; gemacht, 1000 Stück. Wie 
 verkauft man die? Dann der Laden, der 
 war dann Arbeitsraum der Zeitschriften- 
  gruppe, nebenbei liefen da alle vier Wo- 
  chen Multi-Media-Sessions. Jemand proji- 
  zierte seine Dias in einen offenen Kühl- 
  schrank der Marke &#039;Bauknecht&#039;, ein ande- 
  rer lief dabei auf Stelzen herum und dekla-
  mierte irgendein Zeugs, während der Dia- 
  vorführer ein Telefongespräch zwischen 
  New York und Hamburg simulierte. Beim 
  nächsten Mal führte jemand seine Caset- 
  ten-Recorder-Stücke vor oder zeigte seine 
  neuesten noch ungeschnittenen Filme, Po- 
  la Reuth kam mit ihrem Film ,,Credit 00&quot; 
  angereist, Kiev Stingl sang irgendwelche 
  Lieder über seinen Arbeitsamts-Vater, Det- 
  lev Heyer versuchte in einem Dia-Vortrag 
  zu beweisen, daß die Römische Kurie das 
  Attentat auf den polnischen Papst hatte 
  verüben lassen.
  Ein anderes Mal sprach eine Negerin in 
  kreolisch-kölschen Dialekt über die prote- 
  stantischen Initiationsrituale im Rhein- 
  land. Ein Tübinger Germanistik-Student 
  kochte japanische Gerichte--beim Servie- 
  ren erläuterte er, daß die japanische Speise 
  kein Zentrum kennt, alles ist hier Verzie- 
  rung einer weiteren Verzierung; speisen 
  heißt nicht ein Menü, eine Speisefolge ein- 
  zuhalten.sondern mit einer leichten Berüh- 
  rung der Stäbchen bald hier bald dort eine 
   Farbe aufnehmen, ganz so, als folgte man 
  einer Eingebung, die in ihrer Langsamkeit 
  wie eine abgehobene, indirekte Begleitung 
   zur Konversation erscheint. Dann wieder
veranstalteten einige Jungs einen Abend
 lang einen Höllenlärm, indem sie mit
 Schlagstocken und Griffeln auf zwei Dut-
 zend metallenen Industrieabfällen der ver-
 schiedensten Art herumhämmerten. Wie-
 derholt konnten wir den Wirt der &#039;Mark-
 thalle&#039; überreden, seine Fähigkeit, besser
 &#039;Begabung&#039;,, im Laden unter Beweis zu
 stellen--nur mit einer Badehose aus Tiger-
 fellimitat bekleidet. Wyborni plädiert da-
 für, seine Begabung &#039;Autochromatismus&#039;
 zu nennen. Er kann nämlich, d.h. wenn er
 besoffen ist, durch reine Willenskraft eine
 seiner Aminosäuren -- das Tyrosin --
 chemisch umwandeln in seinem Körper.
 Dabei entsteht Melanin, das braunschwar-
 ze Pigment, das für die Hautfarbe beim
 Menschen verantwortlich ist. Er kann die-
 se Metabolisierung aber auch unter-
 drücken, indem er, so hat es den Anschein,
 den, Pheny-lalinspiegel in seinem Blut ver-
 ändert. Auf diese Weise verändert er seine&#039;
 Häuffarbe vom geisterhaften Albinoweiß
 (Andy Warhol) über eine stufenlose Palet-
 te von Zwischentönen bis hin zu einem
 äußerst intensiven, purpurnen Schwarz (ä
 la James Baldwin). Wenn er sich konzent-
 riert, vermag er jede dieser Farben bis zur
 vollständigen Ausnüchterung (meistens
 am nächsten Morgen) aufrechtzuerhalten.
 Für gewöhnlich aber laßt er sich ziemlich
 schnell ablenken oder vergißt es einfach
 und fällt dann stufenweise wieder in den
 Normalzustand eines blassen sommer-
 sprossigen älteren Seemanns aus Husum
 mit schütteren roten Haaren zurück. Im
 Anschluß an seine zweite ,,Vorführung?
 debattierten Hans Eppendorfer und der
 auf Dermatologie spezialisierte Gunter
  Schmidt über das ,,Phänomen&quot;. Gunter
 Schmidt nimmt an, daß eine bislang unent-
 deckte Verbindung besteht, eine Art über-
 lebendes Zellgedächtnis, das noch als Ko-
 lonie fühlt und auf die Botschaften des
  Mutterlandes, des Gehirns, reagiert. Bot-
 schaften, die dem Wirt der ,,Markthalle&quot;
 nicht einmal bewußt zu sein brauchen.
  Aber das führt hier vielleicht alles zu weit,
  oder?
  Auf jeden Fall, wichtig bei diesen ganzen
  Performances ist, daß die einzelnen Veran-
 staltungen nicht für sich Realisierung eines
  Programms bedeuteten, sondern wie Ab-
  schnitte oder Akte eines einzigen endlosen
  Stückes funktionierten und nur so funldo-
  nieren sollten.

  Thorwald Roussel und Raymond Proll
 führten im Duett irgendwelche Text-Col-
  lagen vor, ähnlich gaben Allen Ginsberg,
  Helmut Salzinger oder Dennis Timm sich 
  gegenseitig das Stehpult mit dem Glas Mi-
  neralwasser frei. Einmal veranstaltete Ed
  Sanders eine Lyrik-Session. Obwohl hier-
 bei mehr und mehr die &#039;neue Eleganz&#039; bzw.
  &#039;Kaputtheit&#039; gefragt .ist, haben doch die
  echten Beatpoeten nach wie vor den mei-
  sten Applaus --jemand, dem die Armut
  ins Gesicht geschrieben steht, sein Zenfa-
  natismus und die verheerenden Auswir-
  kungen von jahrelangen Tramptouren,
  von einem Sufi-Camp in Dalmatien zum
  Theaterfestival bei Rimini, vom Guru-
  Wettbewerb in Neu-Dehli zur Van-Gogh-
  Retrospektive in Arles, von den Salzburger
  Mozartfestspielen oder den Linzer Flug-
  objekttagen zum Meditationsmarathon in
  die Schweizer Alpen, von den Frankfurter
  Experimentalfilm-Tagen (wo Warhols
  Empire-State-Building-Film in voller Län-
  ge gezeigt wurde) zum Feuerwerk in Barce-
  lona oder zum Foucault in Paris. Und das
  alles im Oberlin-Sweatshirt, mit Schmet-
  terlings-Sonnenbrille, schwarzem Seiden-
  schal, der im Nacken zusammengeknotet
  wird und weißen Roots-Schuhen, und
  über die Schulter locker die Weltkrieg-
Zwo-Meldertasche gehängt, die vollge-
stopft ist mit leeren Tagebüchern, Penxac-
ta-Stiften, Aquarellfarben, Tipp-Ex-Flüs-
sig, schmutziger Unterwäsche und Land-
karten. Nach einem bärtigen Keruoac-Pla-
giator unter Amphetamin-Schock kamen
mehrere, die unheimlich geil drauf waren,
ihre eigene Version von der babylonischen
Schöpfungsgeschichte in elegische Zwei-
zeiler zu übertragen. Ein anderer, eigent-
lich Mathematik-Lehrer in Harburg, trug
 seinen ,,Gesang über das letzte Hochwas-
ser der Elbe&quot; vor, den er auf eigene Kosten
in Reinbek hatte drucken lassen.und der in
 gedrechselten Alexandrinern seine Vision
 von der Sintflut mit einer Lobeshymne auf
 Thea Bock verschmolz. Seine Dichtung
 hatte kosmische Dimensionen, und seine
 Verse waren technisch erstaunlich. Er
brachte das Kunststück fertig, das Sterben
 einer Region unter Verwendung von Idio-
 men und&#039;geographischem Latein in ge-
 reimte Distichen zu pressen. 

 In der nächsten Lesung trug eine Frau eine
 Serie von Haikus vor, die von ihren Erleb- ·
 nissen mit Mayonaise und dem 1973er
 Telefonbuch von Düsseldorf handelten.
 Nach ihr kam eine weitere Frau nach vorn.
 Sie begann: ,,Das Material, das ich heute
 abend vortragen möchte, ist ein Abschnitt
 aus meinem Lebenswerk--&#039;Die Reise der
 Mondgöttin nach Cuxhaven&#039;. Es ist ziem-
 lich lang, deshalb beschränke ich mich auf
 den Höhepunkt, also die letzton 600 Zei-
 len. Sie enthalten zahlreiche, in gälischer
 Sprache abgefaßte Sentenzen, die die 78
  Gebote der Mondgöttin an die Frauen von
 Cuxhaven repräsentieren. Diese 78 Gebo-
 te werde ich dann am Ende des Vortrags
 übersetzen.&quot;
 Schon ihre Einleitung bewirkte, daß etwa
 zehn männliche Zuhörer die BUCH-
 HANDLUNG WELT verließen. Als auch
 noch einige Frauen sich zum Gehen an-
 schickten, eilte Michael Kellner durch den
 Hintereingang nach draußen und schloß
 schnell die Ladentür von außen ab. Vieles
 von dem Zeugs, was so vorgetragen wurde,
 befand sich auf der Schwelle, im Bruch
 zwischen alter Postbeatnik-Schwärmerei
 und neuem Zynismus, fröhlichem Leiden
 oder Runtermachen. Daneben gab es dann
 natürlich mehr und mehr Vortragende, die
  sich avantgardistisch, postavantgardi-
 stisch gar,- auszudrücken versuchten - so
  Zeugs, in dem periodisch immer wieder
  Rasierklingen, Kokain, Neonreklame,
 rimbaudsche Massaker, BMWs und Ka-
  mener Kreuze auftauchten. Ich selber habe
  einmal was über Perry Phodan vorzutra-
 gen versucht. Dazu muß ich erwähnen,
  daß es neben der BUCH HANDLUNG
  WELT einen Second Hand Shop gibt, in
 dem man Groschenhefte tauschen kann,
  20 Pfennig das Stück oder drei alte gegen
  ein neues. Ich begann Perry Rhodan zu
  sammeln - von Nr. 1 bis 780. Das da ca. 10
  Autoren in gleicher Sprache über das glei-
  che Personennetz schreiben und jede Wo-
  che ne neue Fortsetzung vorlag, faszinierte
  mich irgendwann mehr als der ewige
  Tratsch über verlagsinterne Geschichten,
  Autorenhickhack oder das Gekakel über
  wichtige Neuerscheinungen.
  Das Hechten nach Trends und der
  Wunsch, immer in der &#039;aktuellen Diskus-
  sion&#039; am Ball zu bleiben, es ist unglaublich
  ermüdend, dem täglich etwas entgegenzu-
  setzen, und irgendwann, nach tausendfa-
  chen gutwilligen Erläuterungen des Buch-
  programms, hieß es oft nur noch: ,,Sorry,,
  hab&#039; ich nicht gelesen, ich lese gerade Perry
  Rhodan&quot;. Also dieser Vortrag - konkret
  ging es darum, daß und wie auf einem
  anderen Planeten die Bewohner statt Sau-
  erstoff Methan bzw. Butan einatmen.

  Wie das funktioniert und wie sich das auf
  die Entwicklung ihrer Denksystemeausge-
  wirkt hat, langfristig. Nach einer kurzen
  Einleitung, in der es um den genauen Stand-
  ort dieses Planeten ging, in welchem Son-
  nensystem und so, kam ich zur Sache -
  Methan, Butan und was für Alveolarepi-
  thel und Kapilarendothel in der Lunge das
  voraussetzt. Weiter kam ich aber nicht,
 denn unter den Zuhörern befand sich auch
 der Besitzer des Second Hand Shops von
  nebenan, stinkbesoffen und der war 11
  Jahre-bis 1955-in russischer Kriegsgefan-
  genschaft gewesen, in einem Bergwerk in
  Sibirien, der verstand nurdas Wort,,Gas&quot;,
  und zwar russisches Erdgas aus Sibirien
  irgendwie, das hierher in die Bundesrepu-
  blik geliefert werden sollte, und polterte
  gleich los, ließ sich überhaupt nicht mehr
  unterbrechen - Röhrenembargo, Bol-
  schwikenschweine, nur über seine Leiche
  würde man hier mit russischem Erdgas
  kochen können, usw.
  Naja. Das waren die Lesungen. Die finden
 jetzt auch noch im LADEN statt, monat-
  lich.
 Daneben täglich der reguläre Buchladen,
 d. h. so regulär war der natürlich nicht, ist
 er immer noch nicht - mit den Schwerpunk-
 ten ,,Surrealismus&quot;, ,,Expressionismus&quot;,
 neuere US-Lyrik, die ganzen Minipressen,
 fast alle Literatur-Zeitschriften, die sich
 natürlich zum großen Teil überhaupt nicht
 ,,bewegen&quot;, das ist wie ein Museum schon
 bald, dann immer wieder die neuen Kon-
 junkturen, die da so durchgezogen sind:
 ,,Frauen&quot;, ,,Öko&quot;, ,,Windenergie&quot;, ,,Astro-
 logie&quot;, ,,Frieden&quot;, ,,Anarchie&quot;, der MER-
 VE-Verlag meint, ihre Bücher verkaufen
  sich in der BUCH HANDLUNG WELT
  noch am Besten.

  Dann waren wir Herausgeber verschiede-
  ner Kataloge.
  Und seit neuestem gibt es ein erweitertes
  Taschenbuchprogramm, die Regale sind
  vollgknallt mit Camus, Sartre, Dostojews-
  ki - es ist unglaublich, wie da auf einmal der
  Rubel rollt, mit dem ganzen abgesicherten
  Scheiß. Vor einigen Jahren hatten wir,
  ohne zu wissen was das war, mal ,,Momo&quot;
  von Michael Ende bestellt, und plötzlich
  ging das los wie der Teufel, da kamen
  plötzlich diese komischen Momo-Leser zu
   Haufen angewackelt und wollten das Buch
   kaufen, da haben wir es schnell wieder
   remittiert. Es hat lange gedauert, bis wir
   uns mit diesem Kunst-Konzept durchsetz-
  ten, das sollte es nämlich sein, BUCH
   HANDLUNG WELT, ein Zentrum der
   Peripherie, die man auf französisch sehr
   schön ,,terrain vague&quot; nennt. Das sollte nie
   meine Erfindung sein, das sollte ein Arbeit-
   sprinzip werden, das funktioniert wie eine
   Beatgruppe meinetwegen, in der jeder sei-
   ne Arbeit macht. Aber zwei Kollektive hat
   diese Idee überlebt, verheizt dabei.
   Ich bin daran krank geworden, letztes Jahr
   besonders.
   Davon muß ich mich jetzt erst mal erholen.
   Ich will endlich, daß es mir gut geht Sybille
   Brüggemann und Ulrich Dörrie schmei-
   ßen die HANDLUNG, ich habe mich in
   den Außendienst versetzen lassen - unter
   dem Deckmantel einer Kunstmalerin un-
   terwegs. Und wieder lesen. Einfach für
   mich, und nicht im Hinblick auf ein Sorti-
   ment.
   Bis Anfang 1981 hat Michael Keller noch
    mitgearbeitet, der hatte mehr Geduld in
   den ganzen Literatur-Konjunkturen als
   ich. Oder jedenfalls hat er sich nicht die
    Lust an Büchern verderben lassen, son-
   dern Abstand vom ,,Einzelhandel&quot; genom-
    men und seinen Verlag energisch forciert.
    Dann war da noch Eckhard Rhode, 81er-
    Kollektiv. Er hat schnell gemerkt, daß ein
    Projekt durchziehen nicht seine Sache sein
    kann und ist seit diesen Bemühungen
    Dichter und Denker. Ein anderer wurde
    später Richter. Ein weiterer Henker. Das
   stimmt! Aber sowas kennt man ja aus
   jedem Kollektiv.
    Für mich war die Neuentdeckung der Ma-
    lerei eine zweischneidige Sache. Es ist un-
    möglich, hauptverantwortlich ein Projekt
    durchzuziehen und sich gleichzeitig mit
    den schönen Künsten aktiv auseinander-
    zusetzen, die Malerei ist für mich eher die
    Krücke geworden, mit der Hilfe ich das
    Konzept BUCH HANDLUNG WELT
    weiterhin machen konnte, und insofern
    abgelöst als mein privates Ding.
    Das gefällt mir daran nicht. Bis jetzt habe
    ich dafür keine Lösung gefunden und gehe
    nun mal etwas anders an diese Geschichte
    ran. Versuchsweise. Ich meine, die BUCH
     HANDLUNG WELT hat ja als Konzept
    seinen Anspruch erfüllt, hat als Platz funk-
    tioniert. Die wirtschftliche Seite der Ange-
  legenheit war und ist ein Fiasko/persönli-
    cher Raubbau gewesen, und da ist bisher
    kein Rauskommen und da wären die Gren-
    zen jetzt erreicht.
    Nun könnte man noch ein Postscheck-
    Konto angeben - ,,Weltbekannt e. V.&quot;,
     Hamburg, 82782-202. Kennwort &#039;Lein-
     wand für Hilka&#039; und/oder &#039;Förderverein&#039;.
    ,,Sowas steht in der taz unter jedem Artikel.
     Und dabei hat keiner, der das liest, Geld.
    Außerdem, um wirklich an Kohle ranzukom
    men, muß man immer so tun als schwimme
    man schon im Geld&quot;.
    ,,Aber das ist doch auch weltbekannt&quot;.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Die folgenden Anmerkungen über Hilka Nordhause hätte man auch unter Beerdigungen in diesem blog abbuchen können&#8230;</p>
<p>1. taz v. 12.2.88 &#8211; aus einem Interview mit Heinz Emigholz:</p>
<p>      Kreuzberg ist ja eine beliebte Ge-<br />
  gend für Filmarbeiten&#8230;</p>
<p>      So? Und wenn schon. Ich weiß<br />
  genau, daß SO 36 voll ist von Mil-<br />
  liardärstöchtern, die ihre Vergan-<br />
  genheit vergessen wollen und<br />
  Bolle plündern. Ganz trotzig wi-<br />
  schen sie ihre Küche mit Kasch-<br />
 mirpullovern auf.Ich bin auf den<br />
Drehort verfallen, weil Ueli Etter<br />
  mich eingeladen hatte,in der Ga-<br />
  lerie Eisenbahnstraße in der Man-<br />
  teuffelstraße eine Ausstellung zu<br />
  machen. Galerien kannte ich bis<br />
  dahin nur als Witz. Diese konnte<br />
  ich immerhin nervlich ertragen.<br />
  Wir sägten ein rechteckiges Loch<br />
  in den Holzfußboden und die mär-<br />
kische Erde kam sofort zum Vor-<br />
  schein. Dann gruben wir ein<br />
  grundwassertiefes Grab. Nie-<br />
  mand ist während der Eröffung<br />
  hineingefallen, obwohl es sehr<br />
  voll war. Reinhard Wilhelmi kam<br />
mit einem Lilienstrauß. </p>
<p>   Man hört, daß dujetzt zur Gale-<br />
rie Zwinger übergewechselt bist.</p>
<p>   Ja, das ist jetzt perfekt. Für den<br />
Film wurde das Grab übrigens<br />
noch einmal ausgehoben. Hilka<br />
Nqrdhausen mußte in ihrem knit-<br />
terfreien grauen Anzug dort hin-<br />
ein. Nach den Dreharbeiten wurde<br />
das Grab ein drittes Mal geöffnet,<br />
weil Etter keinen Trevira-Stoff<br />
unter dem Boden seiner Galerie<br />
dulden wollte. Ein ziemliches Hin<br />
und Her. Der Gebäudestatiker<br />
runzelte schon die Stirn. Käthe<br />
Kruse hat dann aber die Verant-<br />
wortung auf sich genommen.</p>
<p>2. Ein Porträt von Hilka Nordhausen &#8211; taz.v. 22.9.83:</p>
<p>Während eines Gewitters versuchte Hilka<br />
mir die in ihrem Laden &#8220;Buch<br />
Handlung Welt&#8221; gemachte 7jährige<br />
Erfahrung so zu verklickern, daß daraus<br />
was für die taz entstehen könnte. Mittler-<br />
weile hatte sie allerdings diese ,,Geschich-<br />
te&#8221; schon öfters erzählt &#8212; für ,,Brigitte&#8221;,<br />
,,Stern&#8221;, ,,Medium&#8221;, Rowohlt&#8221;, ,,FAZ&#8221;<br />
und ,,TIP&#8221; und jetzt eben ,,TAZ&#8221;. ,,Macht<br />
nichts. Die kann man dann nehmen und<br />
damit zur Kulturbehörde dackeln!&#8221; Man<br />
kann also sagen, daß das Ding jetzt lang-<br />
sam ,,eingeführt&#8221; ist. Und dies ist auch der<br />
Grund, warum Hilka Nordhausen wieder<br />
nach außen gegangen ist. Z. Zt. hält sie sich<br />
gerade in Köln auf, will dort malen, sich ein<br />
bißchen in der Scene in Köln und Düssel-<br />
dorf umtun.</p>
<p>Taz: Wie war das eigentlich in den 7 Jahren<br />
mit der BUCHHANDLUNG WELT?</p>
<p>Hilka: Es ging mir die ganze Zeit nicht gut.<br />
So ein Einzelhandelsding ist mir sowieso<br />
ein Greuel. Aber darum gings ja erst mal<br />
gar nicht, es ging um einen öffentlichen<br />
Raum für Spinner, risikobereite Dichter<br />
und Künstler, die sich nicht in einer Mode-<br />
richtung verheizen lassen wollten, sondern<br />
was in der Birne hatten, was mit Marktge-<br />
sichtspunkten nichts zu tun hatte. Aber<br />
eben auch solche Witze müssen finanziert<br />
weiden und die Einzelhandelsnummer ist<br />
mir von Kind auf an geläufig gewesen und<br />
ich habe mir zugetraut, das so zu verknüp-<br />
fen, daß sich der ,,Platz&#8221; halten und ent-<br />
wickeln läßt.<br />
Dann aber jeden Morgen um 10 Uhr in der<br />
 Handlung stehen, immer am Programm<br />
des Ladens rumdenken, und dabei immer<br />
 noch die Kohle im Kopf haben müssen&#8230;<br />
 Für mich ist es ein Hammer, daß das Ding<br />
erst akzeptiert wird, wenn ich aus dem<br />
letzten Loch pfeife, jetzt, wo ich grad noch<br />
 ne Runde durchgehalten habe. Mittlerwei-<br />
 le bin ich sehr skeptisch, so ein Projekt mit<br />
 Haut und Haaren durchzusetzen&#8211;ob das<br />
 ein guter Weg ist.</p>
<p>  1970 bis 75 habe ich in Hamburg Kunst<br />
 studiert, mit großzügigen Unterbrechun-<br />
 gen &#8212; in den Kneipen, Schachspielen ge-<br />
 lernt (Duchamp/Halberstadt: &#8216;Opposi-<br />
 tion und Schwesterfelder sind versöhnt&#8217;&#8211;<br />
 ein Schachbuch) Derweil haben die<br />
 Macker Fußball gespielt &#8212; &#8216;Cosinus&#8217; ge-<br />
 gen &#8216;Ganz&#8217;, &#8216;Ganz&#8217; gegen &#8216;Külpi&#8217; etc. Auf<br />
 solchen Feldern entstand dann die erste<br />
 Nummer der &#8216;Boa Vista&#8217; 1973.<br />
  Zu dem Zeitpunkt wußte ich eigentlich<br />
 schon, daß ich keine Kunst machen wollte<br />
 &#8212; zu korrupt, so etwas halte ich nicht<br />
 durch auf die Dauer. Wir haben also die<br />
 erste &#8216;Boa Vista&#8217; gemacht, 1000 Stück. Wie<br />
 verkauft man die? Dann der Laden, der<br />
 war dann Arbeitsraum der Zeitschriften-<br />
  gruppe, nebenbei liefen da alle vier Wo-<br />
  chen Multi-Media-Sessions. Jemand proji-<br />
  zierte seine Dias in einen offenen Kühl-<br />
  schrank der Marke &#8216;Bauknecht&#8217;, ein ande-<br />
  rer lief dabei auf Stelzen herum und dekla-<br />
  mierte irgendein Zeugs, während der Dia-<br />
  vorführer ein Telefongespräch zwischen<br />
  New York und Hamburg simulierte. Beim<br />
  nächsten Mal führte jemand seine Caset-<br />
  ten-Recorder-Stücke vor oder zeigte seine<br />
  neuesten noch ungeschnittenen Filme, Po-<br />
  la Reuth kam mit ihrem Film ,,Credit 00&#8243;<br />
  angereist, Kiev Stingl sang irgendwelche<br />
  Lieder über seinen Arbeitsamts-Vater, Det-<br />
  lev Heyer versuchte in einem Dia-Vortrag<br />
  zu beweisen, daß die Römische Kurie das<br />
  Attentat auf den polnischen Papst hatte<br />
  verüben lassen.<br />
  Ein anderes Mal sprach eine Negerin in<br />
  kreolisch-kölschen Dialekt über die prote-<br />
  stantischen Initiationsrituale im Rhein-<br />
  land. Ein Tübinger Germanistik-Student<br />
  kochte japanische Gerichte&#8211;beim Servie-<br />
  ren erläuterte er, daß die japanische Speise<br />
  kein Zentrum kennt, alles ist hier Verzie-<br />
  rung einer weiteren Verzierung; speisen<br />
  heißt nicht ein Menü, eine Speisefolge ein-<br />
  zuhalten.sondern mit einer leichten Berüh-<br />
  rung der Stäbchen bald hier bald dort eine<br />
   Farbe aufnehmen, ganz so, als folgte man<br />
  einer Eingebung, die in ihrer Langsamkeit<br />
  wie eine abgehobene, indirekte Begleitung<br />
   zur Konversation erscheint. Dann wieder<br />
veranstalteten einige Jungs einen Abend<br />
 lang einen Höllenlärm, indem sie mit<br />
 Schlagstocken und Griffeln auf zwei Dut-<br />
 zend metallenen Industrieabfällen der ver-<br />
 schiedensten Art herumhämmerten. Wie-<br />
 derholt konnten wir den Wirt der &#8216;Mark-<br />
 thalle&#8217; überreden, seine Fähigkeit, besser<br />
 &#8216;Begabung&#8217;,, im Laden unter Beweis zu<br />
 stellen&#8211;nur mit einer Badehose aus Tiger-<br />
 fellimitat bekleidet. Wyborni plädiert da-<br />
 für, seine Begabung &#8216;Autochromatismus&#8217;<br />
 zu nennen. Er kann nämlich, d.h. wenn er<br />
 besoffen ist, durch reine Willenskraft eine<br />
 seiner Aminosäuren &#8212; das Tyrosin &#8211;<br />
 chemisch umwandeln in seinem Körper.<br />
 Dabei entsteht Melanin, das braunschwar-<br />
 ze Pigment, das für die Hautfarbe beim<br />
 Menschen verantwortlich ist. Er kann die-<br />
 se Metabolisierung aber auch unter-<br />
 drücken, indem er, so hat es den Anschein,<br />
 den, Pheny-lalinspiegel in seinem Blut ver-<br />
 ändert. Auf diese Weise verändert er seine&#8217;<br />
 Häuffarbe vom geisterhaften Albinoweiß<br />
 (Andy Warhol) über eine stufenlose Palet-<br />
 te von Zwischentönen bis hin zu einem<br />
 äußerst intensiven, purpurnen Schwarz (ä<br />
 la James Baldwin). Wenn er sich konzent-<br />
 riert, vermag er jede dieser Farben bis zur<br />
 vollständigen Ausnüchterung (meistens<br />
 am nächsten Morgen) aufrechtzuerhalten.<br />
 Für gewöhnlich aber laßt er sich ziemlich<br />
 schnell ablenken oder vergißt es einfach<br />
 und fällt dann stufenweise wieder in den<br />
 Normalzustand eines blassen sommer-<br />
 sprossigen älteren Seemanns aus Husum<br />
 mit schütteren roten Haaren zurück. Im<br />
 Anschluß an seine zweite ,,Vorführung?<br />
 debattierten Hans Eppendorfer und der<br />
 auf Dermatologie spezialisierte Gunter<br />
  Schmidt über das ,,Phänomen&#8221;. Gunter<br />
 Schmidt nimmt an, daß eine bislang unent-<br />
 deckte Verbindung besteht, eine Art über-<br />
 lebendes Zellgedächtnis, das noch als Ko-<br />
 lonie fühlt und auf die Botschaften des<br />
  Mutterlandes, des Gehirns, reagiert. Bot-<br />
 schaften, die dem Wirt der ,,Markthalle&#8221;<br />
 nicht einmal bewußt zu sein brauchen.<br />
  Aber das führt hier vielleicht alles zu weit,<br />
  oder?<br />
  Auf jeden Fall, wichtig bei diesen ganzen<br />
  Performances ist, daß die einzelnen Veran-<br />
 staltungen nicht für sich Realisierung eines<br />
  Programms bedeuteten, sondern wie Ab-<br />
  schnitte oder Akte eines einzigen endlosen<br />
  Stückes funktionierten und nur so funldo-<br />
  nieren sollten.</p>
<p>  Thorwald Roussel und Raymond Proll<br />
 führten im Duett irgendwelche Text-Col-<br />
  lagen vor, ähnlich gaben Allen Ginsberg,<br />
  Helmut Salzinger oder Dennis Timm sich<br />
  gegenseitig das Stehpult mit dem Glas Mi-<br />
  neralwasser frei. Einmal veranstaltete Ed<br />
  Sanders eine Lyrik-Session. Obwohl hier-<br />
 bei mehr und mehr die &#8216;neue Eleganz&#8217; bzw.<br />
  &#8216;Kaputtheit&#8217; gefragt .ist, haben doch die<br />
  echten Beatpoeten nach wie vor den mei-<br />
  sten Applaus &#8211;jemand, dem die Armut<br />
  ins Gesicht geschrieben steht, sein Zenfa-<br />
  natismus und die verheerenden Auswir-<br />
  kungen von jahrelangen Tramptouren,<br />
  von einem Sufi-Camp in Dalmatien zum<br />
  Theaterfestival bei Rimini, vom Guru-<br />
  Wettbewerb in Neu-Dehli zur Van-Gogh-<br />
  Retrospektive in Arles, von den Salzburger<br />
  Mozartfestspielen oder den Linzer Flug-<br />
  objekttagen zum Meditationsmarathon in<br />
  die Schweizer Alpen, von den Frankfurter<br />
  Experimentalfilm-Tagen (wo Warhols<br />
  Empire-State-Building-Film in voller Län-<br />
  ge gezeigt wurde) zum Feuerwerk in Barce-<br />
  lona oder zum Foucault in Paris. Und das<br />
  alles im Oberlin-Sweatshirt, mit Schmet-<br />
  terlings-Sonnenbrille, schwarzem Seiden-<br />
  schal, der im Nacken zusammengeknotet<br />
  wird und weißen Roots-Schuhen, und<br />
  über die Schulter locker die Weltkrieg-<br />
Zwo-Meldertasche gehängt, die vollge-<br />
stopft ist mit leeren Tagebüchern, Penxac-<br />
ta-Stiften, Aquarellfarben, Tipp-Ex-Flüs-<br />
sig, schmutziger Unterwäsche und Land-<br />
karten. Nach einem bärtigen Keruoac-Pla-<br />
giator unter Amphetamin-Schock kamen<br />
mehrere, die unheimlich geil drauf waren,<br />
ihre eigene Version von der babylonischen<br />
Schöpfungsgeschichte in elegische Zwei-<br />
zeiler zu übertragen. Ein anderer, eigent-<br />
lich Mathematik-Lehrer in Harburg, trug<br />
 seinen ,,Gesang über das letzte Hochwas-<br />
ser der Elbe&#8221; vor, den er auf eigene Kosten<br />
in Reinbek hatte drucken lassen.und der in<br />
 gedrechselten Alexandrinern seine Vision<br />
 von der Sintflut mit einer Lobeshymne auf<br />
 Thea Bock verschmolz. Seine Dichtung<br />
 hatte kosmische Dimensionen, und seine<br />
 Verse waren technisch erstaunlich. Er<br />
brachte das Kunststück fertig, das Sterben<br />
 einer Region unter Verwendung von Idio-<br />
 men und&#8217;geographischem Latein in ge-<br />
 reimte Distichen zu pressen. </p>
<p> In der nächsten Lesung trug eine Frau eine<br />
 Serie von Haikus vor, die von ihren Erleb- ·<br />
 nissen mit Mayonaise und dem 1973er<br />
 Telefonbuch von Düsseldorf handelten.<br />
 Nach ihr kam eine weitere Frau nach vorn.<br />
 Sie begann: ,,Das Material, das ich heute<br />
 abend vortragen möchte, ist ein Abschnitt<br />
 aus meinem Lebenswerk&#8211;&#8217;Die Reise der<br />
 Mondgöttin nach Cuxhaven&#8217;. Es ist ziem-<br />
 lich lang, deshalb beschränke ich mich auf<br />
 den Höhepunkt, also die letzton 600 Zei-<br />
 len. Sie enthalten zahlreiche, in gälischer<br />
 Sprache abgefaßte Sentenzen, die die 78<br />
  Gebote der Mondgöttin an die Frauen von<br />
 Cuxhaven repräsentieren. Diese 78 Gebo-<br />
 te werde ich dann am Ende des Vortrags<br />
 übersetzen.&#8221;<br />
 Schon ihre Einleitung bewirkte, daß etwa<br />
 zehn männliche Zuhörer die BUCH-<br />
 HANDLUNG WELT verließen. Als auch<br />
 noch einige Frauen sich zum Gehen an-<br />
 schickten, eilte Michael Kellner durch den<br />
 Hintereingang nach draußen und schloß<br />
 schnell die Ladentür von außen ab. Vieles<br />
 von dem Zeugs, was so vorgetragen wurde,<br />
 befand sich auf der Schwelle, im Bruch<br />
 zwischen alter Postbeatnik-Schwärmerei<br />
 und neuem Zynismus, fröhlichem Leiden<br />
 oder Runtermachen. Daneben gab es dann<br />
 natürlich mehr und mehr Vortragende, die<br />
  sich avantgardistisch, postavantgardi-<br />
 stisch gar,- auszudrücken versuchten &#8211; so<br />
  Zeugs, in dem periodisch immer wieder<br />
  Rasierklingen, Kokain, Neonreklame,<br />
 rimbaudsche Massaker, BMWs und Ka-<br />
  mener Kreuze auftauchten. Ich selber habe<br />
  einmal was über Perry Phodan vorzutra-<br />
 gen versucht. Dazu muß ich erwähnen,<br />
  daß es neben der BUCH HANDLUNG<br />
  WELT einen Second Hand Shop gibt, in<br />
 dem man Groschenhefte tauschen kann,<br />
  20 Pfennig das Stück oder drei alte gegen<br />
  ein neues. Ich begann Perry Rhodan zu<br />
  sammeln &#8211; von Nr. 1 bis 780. Das da ca. 10<br />
  Autoren in gleicher Sprache über das glei-<br />
  che Personennetz schreiben und jede Wo-<br />
  che ne neue Fortsetzung vorlag, faszinierte<br />
  mich irgendwann mehr als der ewige<br />
  Tratsch über verlagsinterne Geschichten,<br />
  Autorenhickhack oder das Gekakel über<br />
  wichtige Neuerscheinungen.<br />
  Das Hechten nach Trends und der<br />
  Wunsch, immer in der &#8216;aktuellen Diskus-<br />
  sion&#8217; am Ball zu bleiben, es ist unglaublich<br />
  ermüdend, dem täglich etwas entgegenzu-<br />
  setzen, und irgendwann, nach tausendfa-<br />
  chen gutwilligen Erläuterungen des Buch-<br />
  programms, hieß es oft nur noch: ,,Sorry,,<br />
  hab&#8217; ich nicht gelesen, ich lese gerade Perry<br />
  Rhodan&#8221;. Also dieser Vortrag &#8211; konkret<br />
  ging es darum, daß und wie auf einem<br />
  anderen Planeten die Bewohner statt Sau-<br />
  erstoff Methan bzw. Butan einatmen.</p>
<p>  Wie das funktioniert und wie sich das auf<br />
  die Entwicklung ihrer Denksystemeausge-<br />
  wirkt hat, langfristig. Nach einer kurzen<br />
  Einleitung, in der es um den genauen Stand-<br />
  ort dieses Planeten ging, in welchem Son-<br />
  nensystem und so, kam ich zur Sache -<br />
  Methan, Butan und was für Alveolarepi-<br />
  thel und Kapilarendothel in der Lunge das<br />
  voraussetzt. Weiter kam ich aber nicht,<br />
 denn unter den Zuhörern befand sich auch<br />
 der Besitzer des Second Hand Shops von<br />
  nebenan, stinkbesoffen und der war 11<br />
  Jahre-bis 1955-in russischer Kriegsgefan-<br />
  genschaft gewesen, in einem Bergwerk in<br />
  Sibirien, der verstand nurdas Wort,,Gas&#8221;,<br />
  und zwar russisches Erdgas aus Sibirien<br />
  irgendwie, das hierher in die Bundesrepu-<br />
  blik geliefert werden sollte, und polterte<br />
  gleich los, ließ sich überhaupt nicht mehr<br />
  unterbrechen &#8211; Röhrenembargo, Bol-<br />
  schwikenschweine, nur über seine Leiche<br />
  würde man hier mit russischem Erdgas<br />
  kochen können, usw.<br />
  Naja. Das waren die Lesungen. Die finden<br />
 jetzt auch noch im LADEN statt, monat-<br />
  lich.<br />
 Daneben täglich der reguläre Buchladen,<br />
 d. h. so regulär war der natürlich nicht, ist<br />
 er immer noch nicht &#8211; mit den Schwerpunk-<br />
 ten ,,Surrealismus&#8221;, ,,Expressionismus&#8221;,<br />
 neuere US-Lyrik, die ganzen Minipressen,<br />
 fast alle Literatur-Zeitschriften, die sich<br />
 natürlich zum großen Teil überhaupt nicht<br />
 ,,bewegen&#8221;, das ist wie ein Museum schon<br />
 bald, dann immer wieder die neuen Kon-<br />
 junkturen, die da so durchgezogen sind:<br />
 ,,Frauen&#8221;, ,,Öko&#8221;, ,,Windenergie&#8221;, ,,Astro-<br />
 logie&#8221;, ,,Frieden&#8221;, ,,Anarchie&#8221;, der MER-<br />
 VE-Verlag meint, ihre Bücher verkaufen<br />
  sich in der BUCH HANDLUNG WELT<br />
  noch am Besten.</p>
<p>  Dann waren wir Herausgeber verschiede-<br />
  ner Kataloge.<br />
  Und seit neuestem gibt es ein erweitertes<br />
  Taschenbuchprogramm, die Regale sind<br />
  vollgknallt mit Camus, Sartre, Dostojews-<br />
  ki &#8211; es ist unglaublich, wie da auf einmal der<br />
  Rubel rollt, mit dem ganzen abgesicherten<br />
  Scheiß. Vor einigen Jahren hatten wir,<br />
  ohne zu wissen was das war, mal ,,Momo&#8221;<br />
  von Michael Ende bestellt, und plötzlich<br />
  ging das los wie der Teufel, da kamen<br />
  plötzlich diese komischen Momo-Leser zu<br />
   Haufen angewackelt und wollten das Buch<br />
   kaufen, da haben wir es schnell wieder<br />
   remittiert. Es hat lange gedauert, bis wir<br />
   uns mit diesem Kunst-Konzept durchsetz-<br />
  ten, das sollte es nämlich sein, BUCH<br />
   HANDLUNG WELT, ein Zentrum der<br />
   Peripherie, die man auf französisch sehr<br />
   schön ,,terrain vague&#8221; nennt. Das sollte nie<br />
   meine Erfindung sein, das sollte ein Arbeit-<br />
   sprinzip werden, das funktioniert wie eine<br />
   Beatgruppe meinetwegen, in der jeder sei-<br />
   ne Arbeit macht. Aber zwei Kollektive hat<br />
   diese Idee überlebt, verheizt dabei.<br />
   Ich bin daran krank geworden, letztes Jahr<br />
   besonders.<br />
   Davon muß ich mich jetzt erst mal erholen.<br />
   Ich will endlich, daß es mir gut geht Sybille<br />
   Brüggemann und Ulrich Dörrie schmei-<br />
   ßen die HANDLUNG, ich habe mich in<br />
   den Außendienst versetzen lassen &#8211; unter<br />
   dem Deckmantel einer Kunstmalerin un-<br />
   terwegs. Und wieder lesen. Einfach für<br />
   mich, und nicht im Hinblick auf ein Sorti-<br />
   ment.<br />
   Bis Anfang 1981 hat Michael Keller noch<br />
    mitgearbeitet, der hatte mehr Geduld in<br />
   den ganzen Literatur-Konjunkturen als<br />
   ich. Oder jedenfalls hat er sich nicht die<br />
    Lust an Büchern verderben lassen, son-<br />
   dern Abstand vom ,,Einzelhandel&#8221; genom-<br />
    men und seinen Verlag energisch forciert.<br />
    Dann war da noch Eckhard Rhode, 81er-<br />
    Kollektiv. Er hat schnell gemerkt, daß ein<br />
    Projekt durchziehen nicht seine Sache sein<br />
    kann und ist seit diesen Bemühungen<br />
    Dichter und Denker. Ein anderer wurde<br />
    später Richter. Ein weiterer Henker. Das<br />
   stimmt! Aber sowas kennt man ja aus<br />
   jedem Kollektiv.<br />
    Für mich war die Neuentdeckung der Ma-<br />
    lerei eine zweischneidige Sache. Es ist un-<br />
    möglich, hauptverantwortlich ein Projekt<br />
    durchzuziehen und sich gleichzeitig mit<br />
    den schönen Künsten aktiv auseinander-<br />
    zusetzen, die Malerei ist für mich eher die<br />
    Krücke geworden, mit der Hilfe ich das<br />
    Konzept BUCH HANDLUNG WELT<br />
    weiterhin machen konnte, und insofern<br />
    abgelöst als mein privates Ding.<br />
    Das gefällt mir daran nicht. Bis jetzt habe<br />
    ich dafür keine Lösung gefunden und gehe<br />
    nun mal etwas anders an diese Geschichte<br />
    ran. Versuchsweise. Ich meine, die BUCH<br />
     HANDLUNG WELT hat ja als Konzept<br />
    seinen Anspruch erfüllt, hat als Platz funk-<br />
    tioniert. Die wirtschftliche Seite der Ange-<br />
  legenheit war und ist ein Fiasko/persönli-<br />
    cher Raubbau gewesen, und da ist bisher<br />
    kein Rauskommen und da wären die Gren-<br />
    zen jetzt erreicht.<br />
    Nun könnte man noch ein Postscheck-<br />
    Konto angeben &#8211; ,,Weltbekannt e. V.&#8221;,<br />
     Hamburg, 82782-202. Kennwort &#8216;Lein-<br />
     wand für Hilka&#8217; und/oder &#8216;Förderverein&#8217;.<br />
    ,,Sowas steht in der taz unter jedem Artikel.<br />
     Und dabei hat keiner, der das liest, Geld.<br />
    Außerdem, um wirklich an Kohle ranzukom<br />
    men, muß man immer so tun als schwimme<br />
    man schon im Geld&#8221;.<br />
    ,,Aber das ist doch auch weltbekannt&#8221;.</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: hausmeisterblog</title>
		<link>http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/03/28/auslaufende-konjunkturen/comment-page-1/#comment-29619</link>
		<dc:creator>hausmeisterblog</dc:creator>
		<pubDate>Fri, 04 Apr 2008 14:09:18 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://taz.de/blogs/hausmeisterblog/2008/03/28/auslaufende-konjunkturen/#comment-29619</guid>
		<description>Die F.R. druckte kürzlich einen langen Nachruf auf ihren Layouter Walter E. Baumann ab, er gab nebenbei noch die Zeitschriften “Neger” und “rogue” heraus, deren Autor ich war, nicht zuletzt deswegen erlaube ich mir hier, den Nachruf auf Walter hier einzustellen:

Seine Augen waren immer hellwach, neugierig, strahlend. Die Hände voller Ringe, manchmal der kleine Fingernagel schwarz lackiert. Die Füße steckten in schwarzen Stiefeln. Schwarz mochte er ohnehin, obwohl er alles andere als ein Schwarzseher war. Und wenn er mal nicht ganz und gar in Schwarz erschien, liebte er es schrill: Seine Auftritte im Leopardenmuster-Hemd sind legendär.

Rauschte er in diesem Outfit morgens durch die Bürotür, konnte eigentlich nichts mehr schief gehen. Walter E. Baumann war ein Mensch, der alle um sich herum mitriss, voller Ideen und Lebenslust. Er war ein Wunder an Energie.

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Vor allem aber war der Art-Director des vor acht Jahren neu gestalteten FR-Magazins ein Mann mit vielen Eigenschaften. Und es ist nicht ganz so leicht, all seine Facetten in “nur” 270 Zeilen zu beschreiben. “Ooookay”, hätte er uns jetzt herausfordernd zugerufen, “so viele Zeichen sind aber ein Haufen Text, wenn ihr mir noch mehr auf die Seite stellt, wird das ziemlich scheiße aussehen.”

Nein, das wollen wir natürlich nicht. Deswegen haben wir, seine Freunde und Kollegen aus der FR-Redaktion, unsere Erinnerungen an ihn in einer Text-Collage verdichtet - ein bisschen wie die Cut-up-Technik (ooookay, Cut-up für Arme) des von ihm so geschätzten Beat-Schriftstellers William Burroughs.

Wo anfangen? Am besten am Anfang. Walter wurde am 20. Januar 1950 in Bayreuth geboren, von 1977 bis 1982 studierte er an der Städelhochschule für Bildende Künste in Frankfurt, parallel dazu arbeitete er als Layouter, Grafiker und Kunstkritiker beim Szene-Magazin Pflasterstrand, später als leitender Grafiker bei der Frankfurter Ausgabe der taz.

1979 organisierte er an der Städelhochschule das legendäre “Shvantz-Festival” - mit Punk-Pionieren wie Der Plan, den Troggs und seiner eigenen Performance-Gruppe Minus Delta T. Der Rezensent der Musikzeitschrift Sounds war erschüttert: “Mit zerfetztem Gesang, mit dem Hammer, Bohrer und Kreissäge zwingen sie das Publikum zur Reaktion.

Einer von Minus Delta T setzt den Schlusspunkt: Mit bloßen Händen zertrümmert er mitten unter den wütenden Punks einen Tisch bis in die letzte Faser.” Ohne Walter, schwärmen Szenekenner noch heute, wäre der Punkrock, der 79 noch Avantgarde war, an Frankfurt vorbei gegangen.

Anfang der 80er ging er dann mit Minus Delta T auf eine Art Welttournee - sie fuhren einen 5,5 Tonnen schweren Stein auf einem LKW von Wales aus, am Himalaya-Gebirge vorbei bis nach Bangkok. Walter hat uns manchmal davon erzählt, beim Chill Out nach Redaktionsschluss mit einem Glas Gin (ohne Eis!) in der Hand.

1989 gründete er das Kulturmagazin “Rogue”, 1993 kam er als Redakteur im Grafischen Büro zur Frankfurter Rundschau. Aber er gestaltete nicht nur Seiten der Wochenendbeilage “Moderne Zeiten” oder der “Literatur-Rundschau”, er brachte sich auch auf die ihm eigene Weise als Autor ein. Als ein neuer Kollege der Feuilleton-Redaktion wissen wollte, wo in Frankfurt die Szene zu finden war, bat er Walter um ein paar Infos.

Der schrieb ihm gleich eine Seite voll: Das war so witzig, originell und kenntnisreich, dass der Text spontan auf der regionalen Kulturseite gedruckt wurde: “Walters Wochenende” war geboren und blieb lange eine beliebte Kolumne. “He was a cat that could play any instrument”, sagte Mick Jagger einmal über Brian Jones. So war Walter.

Capt. oder Captain Baumann, wie er sich oft in seiner Wochenend-Kolumne nannte, erschuf spontan seine ureigene Sprache. “Das, o my brothers and my sisters, war das heutige Wochenende.” So endete “Walters Wochenende” oft. Und wie er schrieb, so sprach er auch. Einmal kam eine Kollegin gesundheitlich angeschlagen in die Redaktion. Walter machte allerlei Scherze, weil er sie aufheitern wollte. Also sagte er: “Es gibt für alles Bubizin und Mädizin.” Am Ende hat die junge Frau gelacht.

Walter rauschte auch mit fast 50 durch das Leben wie ein Kind über einen Jahrmarkt. Immer neugierig, immer begeisterungsfähig, immer staunend. Auf einer Party wurde er mal gefragt, ob er sich all diesen Kunstkram, all diese Performances, Ausstellungen, all diese Event-Partys tatsächlich selbst anschaut, ob er das alles wirklich ernst nehmen würde? Da lachte er und sagte sinngemäß: Natürlich nehme er das alles nicht ernst, nur deshalb mache es ihm ja so viel Spaß.

Das neue Magazin der Frankfurter Rundschau, erstmals Ende April 2000 erschienen, wurde Walters ganz großer Wurf als Grafiker. Vorausgegangen waren monatelange Entwicklungsarbeit bis in die Nächte hinein. Dann war sie da: Die erste Ausgabe des von ihm neu gestalteten Supplements - mit Christus auf dem Cover: “Jesus!”, schrieb damals die Süddeutsche Zeitung, “welcher Blitz ist in die Frankfurter Rundschau gefahren?

Das ist hedonistisch, relevant und verblüffend.” Der Blitz hieß Walter E. Baumann. Das FR-Magazin war für ihn die größtmögliche Spielwiese. Anything goes. Als er den AC/DC-Gitarristen Angus Young auf dem Magazintitel vor eine Feuerwand montierte, war der Manager der Band so begeistert, dass er das Copyright erwerben wollte.

Walter hat das damals noch große Zeitungsformat für ein klares, plakatives Magazin-Layout genutzt, das durch Weißraum, klare Linien und Esprit bestach. Er liebte die kleinen Irritationen und setzte durch, dass die Überschriften konsequent klein geschrieben wurden. Für seine visionären und stilbildenden Magazin-Layouts ist er mehrfach mit dem “European Newspaper Award”, dem Oscar der Zeitungsbranche, ausgezeichnet worden.

Aber auch der Job im Magazin füllte einen wie ihn nicht völlig aus. Nach Produktionsschluss war er unter anderem als Kurator der Galerie Station im Mousonturm in Frankfurt aktiv. Und bei allen Kunstausstellungen, die Walter auf die Beine stellte, gab es immer einen Moment, der besonders verblüffte und anrührte. Das war seine Begrüßungsrede als Kurator an die Gäste - im Mousonturm oder anderswo.

Wochen- und monatelang hatte er für diesen Moment geschuftet. Hatte junge, spannende Künstler für sich entdeckt, ihn oder sie zum Kommen überredet, das Honorar ausgehandelt, einen Raum für die Schau besorgt, einen DJ mit kunstkompatiblem Musikgeschmack für die Vernissage gebucht, Einladungskarten gestaltet, viele Leute persönlich eingeladen. Und die Rede vorbereitet. Dann hob Walter zu reden an: leise, kurz, oft zaghaft, die eigene Schüchternheit vor dem Publikum mit selbstironisch-theatralischen Gesten überspielend. Ein großer Moment, der Künstler, Gäste und oft sogar den DJ zu einem sympathischen Lächeln brachte.

Wenn wir jetzt an ihn denken, hören wir ihn oft reden. “Okay”, sagte er oft, die Steigerungsform war dann “ziemlich okay”. Ablehnung konnte er uns ebenso charmant wie unmissverständlich mit dem Satz: “Das ist doch Scheiße!” vermitteln. Das trug er gerne auch mal eruptiv in Redaktionskonferenz vor, die nach solchen Ausbrüchen schon mal zum Abkühlen unterbrochen werden mussten.

Er war ein wilder Empfindsamer, ein Meister darin, aus solchen Clashs immer wieder neue Ideen zu entwickeln. Die meisten davon klebten, auf gelbe Post-It-Zettelchen notiert, an seinem türkisfarbenen Mac. In Stoßzeiten überlagerten sich dort schon mal an die 20 Zettel, die er in einem aberwitzigen Tempo abarbeitete und in kunstvolle Layouts übersetzte.

Wir haben uns mehr als einmal gefragt, woher er zu jeder Tages- und Nachtzeit die Energie für all seine Kreativitätsschübe nahm. Wie er das hinbekam, jeden Tag aufs Neue mit einer derartigen Begeisterung und Leidenschaft ans Werk zu gehen. Und bei alledem fand er noch in der schlimmsten aller Heftproduktionen Zeit, für jeden irgendein Geschenk zu besorgen.

Geschenke für alle, auch das war Walter - aus der Mitte seines großen Herzens schenken. Irgendetwas fiel ihm da immer ein. Er verschenkte kleine Sachen, Schokoküsse oder Kaugummi, den man in Pink oder Neon-Gelb meterweise aus einer Plastikhülle rollen konnte.

Vor fünf, sechs Jahren, in schweren Zeiten, als es um die Zukunft des Magazins nicht gut bestellt war, verschenkte er unter Kollegen Zigaretten-Päckchen der Marke “Hope” und wie so oft regelmäßig feste Umarmungen, bei denen einem die Luft wegblieb, nach deren Lockerung man sich aber fragte, ob man sich je in seinem Leben so gut aufgehoben gefühlt hatte wie in jenem Moment.

Vor fast genau fünf Jahren fasste sich Walter, vor seinem Mac sitzend, an die Brust. Wir brachten ihn zum Arzt. Ein Herzinfarkt. Seit er in der Tür zum Behandlungszimmer verschwand, war er auf tragische Weise dem richtigen Leben entrissen, lag fünf Jahre lang in einem Wachkoma. Vor wenigen Tagen ist unser Freund Walter E. Baumann gestorben. Wir werden ihn nicht vergessen.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Die F.R. druckte kürzlich einen langen Nachruf auf ihren Layouter Walter E. Baumann ab, er gab nebenbei noch die Zeitschriften “Neger” und “rogue” heraus, deren Autor ich war, nicht zuletzt deswegen erlaube ich mir hier, den Nachruf auf Walter hier einzustellen:</p>
<p>Seine Augen waren immer hellwach, neugierig, strahlend. Die Hände voller Ringe, manchmal der kleine Fingernagel schwarz lackiert. Die Füße steckten in schwarzen Stiefeln. Schwarz mochte er ohnehin, obwohl er alles andere als ein Schwarzseher war. Und wenn er mal nicht ganz und gar in Schwarz erschien, liebte er es schrill: Seine Auftritte im Leopardenmuster-Hemd sind legendär.</p>
<p>Rauschte er in diesem Outfit morgens durch die Bürotür, konnte eigentlich nichts mehr schief gehen. Walter E. Baumann war ein Mensch, der alle um sich herum mitriss, voller Ideen und Lebenslust. Er war ein Wunder an Energie.</p>
<p>Default Banner Werbung<br />
Vor allem aber war der Art-Director des vor acht Jahren neu gestalteten FR-Magazins ein Mann mit vielen Eigenschaften. Und es ist nicht ganz so leicht, all seine Facetten in “nur” 270 Zeilen zu beschreiben. “Ooookay”, hätte er uns jetzt herausfordernd zugerufen, “so viele Zeichen sind aber ein Haufen Text, wenn ihr mir noch mehr auf die Seite stellt, wird das ziemlich scheiße aussehen.”</p>
<p>Nein, das wollen wir natürlich nicht. Deswegen haben wir, seine Freunde und Kollegen aus der FR-Redaktion, unsere Erinnerungen an ihn in einer Text-Collage verdichtet &#8211; ein bisschen wie die Cut-up-Technik (ooookay, Cut-up für Arme) des von ihm so geschätzten Beat-Schriftstellers William Burroughs.</p>
<p>Wo anfangen? Am besten am Anfang. Walter wurde am 20. Januar 1950 in Bayreuth geboren, von 1977 bis 1982 studierte er an der Städelhochschule für Bildende Künste in Frankfurt, parallel dazu arbeitete er als Layouter, Grafiker und Kunstkritiker beim Szene-Magazin Pflasterstrand, später als leitender Grafiker bei der Frankfurter Ausgabe der taz.</p>
<p>1979 organisierte er an der Städelhochschule das legendäre “Shvantz-Festival” &#8211; mit Punk-Pionieren wie Der Plan, den Troggs und seiner eigenen Performance-Gruppe Minus Delta T. Der Rezensent der Musikzeitschrift Sounds war erschüttert: “Mit zerfetztem Gesang, mit dem Hammer, Bohrer und Kreissäge zwingen sie das Publikum zur Reaktion.</p>
<p>Einer von Minus Delta T setzt den Schlusspunkt: Mit bloßen Händen zertrümmert er mitten unter den wütenden Punks einen Tisch bis in die letzte Faser.” Ohne Walter, schwärmen Szenekenner noch heute, wäre der Punkrock, der 79 noch Avantgarde war, an Frankfurt vorbei gegangen.</p>
<p>Anfang der 80er ging er dann mit Minus Delta T auf eine Art Welttournee &#8211; sie fuhren einen 5,5 Tonnen schweren Stein auf einem LKW von Wales aus, am Himalaya-Gebirge vorbei bis nach Bangkok. Walter hat uns manchmal davon erzählt, beim Chill Out nach Redaktionsschluss mit einem Glas Gin (ohne Eis!) in der Hand.</p>
<p>1989 gründete er das Kulturmagazin “Rogue”, 1993 kam er als Redakteur im Grafischen Büro zur Frankfurter Rundschau. Aber er gestaltete nicht nur Seiten der Wochenendbeilage “Moderne Zeiten” oder der “Literatur-Rundschau”, er brachte sich auch auf die ihm eigene Weise als Autor ein. Als ein neuer Kollege der Feuilleton-Redaktion wissen wollte, wo in Frankfurt die Szene zu finden war, bat er Walter um ein paar Infos.</p>
<p>Der schrieb ihm gleich eine Seite voll: Das war so witzig, originell und kenntnisreich, dass der Text spontan auf der regionalen Kulturseite gedruckt wurde: “Walters Wochenende” war geboren und blieb lange eine beliebte Kolumne. “He was a cat that could play any instrument”, sagte Mick Jagger einmal über Brian Jones. So war Walter.</p>
<p>Capt. oder Captain Baumann, wie er sich oft in seiner Wochenend-Kolumne nannte, erschuf spontan seine ureigene Sprache. “Das, o my brothers and my sisters, war das heutige Wochenende.” So endete “Walters Wochenende” oft. Und wie er schrieb, so sprach er auch. Einmal kam eine Kollegin gesundheitlich angeschlagen in die Redaktion. Walter machte allerlei Scherze, weil er sie aufheitern wollte. Also sagte er: “Es gibt für alles Bubizin und Mädizin.” Am Ende hat die junge Frau gelacht.</p>
<p>Walter rauschte auch mit fast 50 durch das Leben wie ein Kind über einen Jahrmarkt. Immer neugierig, immer begeisterungsfähig, immer staunend. Auf einer Party wurde er mal gefragt, ob er sich all diesen Kunstkram, all diese Performances, Ausstellungen, all diese Event-Partys tatsächlich selbst anschaut, ob er das alles wirklich ernst nehmen würde? Da lachte er und sagte sinngemäß: Natürlich nehme er das alles nicht ernst, nur deshalb mache es ihm ja so viel Spaß.</p>
<p>Das neue Magazin der Frankfurter Rundschau, erstmals Ende April 2000 erschienen, wurde Walters ganz großer Wurf als Grafiker. Vorausgegangen waren monatelange Entwicklungsarbeit bis in die Nächte hinein. Dann war sie da: Die erste Ausgabe des von ihm neu gestalteten Supplements &#8211; mit Christus auf dem Cover: “Jesus!”, schrieb damals die Süddeutsche Zeitung, “welcher Blitz ist in die Frankfurter Rundschau gefahren?</p>
<p>Das ist hedonistisch, relevant und verblüffend.” Der Blitz hieß Walter E. Baumann. Das FR-Magazin war für ihn die größtmögliche Spielwiese. Anything goes. Als er den AC/DC-Gitarristen Angus Young auf dem Magazintitel vor eine Feuerwand montierte, war der Manager der Band so begeistert, dass er das Copyright erwerben wollte.</p>
<p>Walter hat das damals noch große Zeitungsformat für ein klares, plakatives Magazin-Layout genutzt, das durch Weißraum, klare Linien und Esprit bestach. Er liebte die kleinen Irritationen und setzte durch, dass die Überschriften konsequent klein geschrieben wurden. Für seine visionären und stilbildenden Magazin-Layouts ist er mehrfach mit dem “European Newspaper Award”, dem Oscar der Zeitungsbranche, ausgezeichnet worden.</p>
<p>Aber auch der Job im Magazin füllte einen wie ihn nicht völlig aus. Nach Produktionsschluss war er unter anderem als Kurator der Galerie Station im Mousonturm in Frankfurt aktiv. Und bei allen Kunstausstellungen, die Walter auf die Beine stellte, gab es immer einen Moment, der besonders verblüffte und anrührte. Das war seine Begrüßungsrede als Kurator an die Gäste &#8211; im Mousonturm oder anderswo.</p>
<p>Wochen- und monatelang hatte er für diesen Moment geschuftet. Hatte junge, spannende Künstler für sich entdeckt, ihn oder sie zum Kommen überredet, das Honorar ausgehandelt, einen Raum für die Schau besorgt, einen DJ mit kunstkompatiblem Musikgeschmack für die Vernissage gebucht, Einladungskarten gestaltet, viele Leute persönlich eingeladen. Und die Rede vorbereitet. Dann hob Walter zu reden an: leise, kurz, oft zaghaft, die eigene Schüchternheit vor dem Publikum mit selbstironisch-theatralischen Gesten überspielend. Ein großer Moment, der Künstler, Gäste und oft sogar den DJ zu einem sympathischen Lächeln brachte.</p>
<p>Wenn wir jetzt an ihn denken, hören wir ihn oft reden. “Okay”, sagte er oft, die Steigerungsform war dann “ziemlich okay”. Ablehnung konnte er uns ebenso charmant wie unmissverständlich mit dem Satz: “Das ist doch Scheiße!” vermitteln. Das trug er gerne auch mal eruptiv in Redaktionskonferenz vor, die nach solchen Ausbrüchen schon mal zum Abkühlen unterbrochen werden mussten.</p>
<p>Er war ein wilder Empfindsamer, ein Meister darin, aus solchen Clashs immer wieder neue Ideen zu entwickeln. Die meisten davon klebten, auf gelbe Post-It-Zettelchen notiert, an seinem türkisfarbenen Mac. In Stoßzeiten überlagerten sich dort schon mal an die 20 Zettel, die er in einem aberwitzigen Tempo abarbeitete und in kunstvolle Layouts übersetzte.</p>
<p>Wir haben uns mehr als einmal gefragt, woher er zu jeder Tages- und Nachtzeit die Energie für all seine Kreativitätsschübe nahm. Wie er das hinbekam, jeden Tag aufs Neue mit einer derartigen Begeisterung und Leidenschaft ans Werk zu gehen. Und bei alledem fand er noch in der schlimmsten aller Heftproduktionen Zeit, für jeden irgendein Geschenk zu besorgen.</p>
<p>Geschenke für alle, auch das war Walter &#8211; aus der Mitte seines großen Herzens schenken. Irgendetwas fiel ihm da immer ein. Er verschenkte kleine Sachen, Schokoküsse oder Kaugummi, den man in Pink oder Neon-Gelb meterweise aus einer Plastikhülle rollen konnte.</p>
<p>Vor fünf, sechs Jahren, in schweren Zeiten, als es um die Zukunft des Magazins nicht gut bestellt war, verschenkte er unter Kollegen Zigaretten-Päckchen der Marke “Hope” und wie so oft regelmäßig feste Umarmungen, bei denen einem die Luft wegblieb, nach deren Lockerung man sich aber fragte, ob man sich je in seinem Leben so gut aufgehoben gefühlt hatte wie in jenem Moment.</p>
<p>Vor fast genau fünf Jahren fasste sich Walter, vor seinem Mac sitzend, an die Brust. Wir brachten ihn zum Arzt. Ein Herzinfarkt. Seit er in der Tür zum Behandlungszimmer verschwand, war er auf tragische Weise dem richtigen Leben entrissen, lag fünf Jahre lang in einem Wachkoma. Vor wenigen Tagen ist unser Freund Walter E. Baumann gestorben. Wir werden ihn nicht vergessen.</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: Diedrich Diederichsen</title>
		<link>http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/03/28/auslaufende-konjunkturen/comment-page-1/#comment-28017</link>
		<dc:creator>Diedrich Diederichsen</dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Apr 2008 09:35:29 +0000</pubDate>
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		<description>Ich habe Hilka in der Tat nicht ignoriert, sondern mehrfach über sie geschrieben, auch im Zusammenmhang mit Salzinger übrigens, u.a. in der &quot;Beute&quot; und in einer &quot;Hommage a Helmut Salzinger&quot;, die Klaus Modick herausgegeben hat. In &quot;dagegen dabei&quot; habe ich nichts geschrieben, aber den Band in &quot;Texte zur Kunst&quot; rezensiert</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Ich habe Hilka in der Tat nicht ignoriert, sondern mehrfach über sie geschrieben, auch im Zusammenmhang mit Salzinger übrigens, u.a. in der &#8220;Beute&#8221; und in einer &#8220;Hommage a Helmut Salzinger&#8221;, die Klaus Modick herausgegeben hat. In &#8220;dagegen dabei&#8221; habe ich nichts geschrieben, aber den Band in &#8220;Texte zur Kunst&#8221; rezensiert</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: Felix Hildebrand</title>
		<link>http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/03/28/auslaufende-konjunkturen/comment-page-1/#comment-27520</link>
		<dc:creator>Felix Hildebrand</dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Mar 2008 18:44:55 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://taz.de/blogs/hausmeisterblog/2008/03/28/auslaufende-konjunkturen/#comment-27520</guid>
		<description>Diederichsen hat Frau Nordhausen nicht ignoriert, soweit mir bekannt ist, hat er damals eine großartige Einführung zu dem Buch “dagegen-dabei” geschrieben. Korrigiert mich bitte wenn das falsch ist. Danke Felix aus HH</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Diederichsen hat Frau Nordhausen nicht ignoriert, soweit mir bekannt ist, hat er damals eine großartige Einführung zu dem Buch “dagegen-dabei” geschrieben. Korrigiert mich bitte wenn das falsch ist. Danke Felix aus HH</p>
]]></content:encoded>
	</item>
</channel>
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