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vonHelmut Höge 10.08.2008

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Mit Genossenschaften beschäftigte sich der aus Mailand stammende Bremer Professor Sergio Bologna nur am Rande – in seinem Beitrag über „Probleme der selbständigen Arbeit in Italien„, der zuerst in „AltreRagioi“ abgedruckt wurde und dann auf Deutsch als „Wildcat-Zirkular“ Nr. 33. Es geht ihm um die Organisations- und Reorganisationsformen der Arbeiterklasse seit den Achtzigerjahren – und in diesem Zusammenhang kann man die vielen neuen Genossenschaften auch als ein Ausdruck ihrer, d.h. der Arbeiterbewegung, Schwäche begreifen:

Teil I

Mit diesem Artikel knüpfe ich an einige Überlegungen über die selbständige Arbeit an, die ich erstmals im März 1990 in Paris im Rahmen einer Seminarreihe beim Forschungsministerium vorgestellt habe. [1]

Ein erster Auslöser war meine Mitte der 80er Jahre systematisch begonnene Forschungstätigkeit im Güterverkehrsbereich (mein Interesse an dem Thema reicht allerdings in die 70er Jahre zurück), [2] durch das ich einige Arbeitssituationen der Transportarbeiter in Häfen, Lager- und Verarbeitungszentren und auf Straßen und Schiffen und die jeweiligen Branchenorganisationen kennenlernte.

Ein anderer Auslöser war meine persönliche Erfahrung als Neuling in der bunten Gruppe der selbständigen Arbeiter in der Branche der »sonstigen und unternehmensbezogenen Dienstleistungen«; und ein weiterer Auslöser war schließlich eine kurze Zusammenarbeit mit der CGIL Emilia-Romagna, bei der ich einen Blick auf eine für die »Flexibilität all’italiana« typische Region werfen konnte. [3]

Zunächst muß man sich klarmachen, daß die Welt der Kleinstfirmen (wir werden noch sehen, wie ungeeignet dieser Begriff ist) nicht zur »Schatten«-Wirtschaft oder zur »Schwarz«-Arbeit gehört (trotz zahlreicher Berührungspunkte), denn die Kleinstfirmen sind beim Finanzamt angemeldet, d.h. es gibt sie ganz offiziell.

Die einschlägigen Forschungsinstitutionen könnten den von diesem Universum produzierten Reichtum, die Art der dort geleisteten Arbeit und alle sonstigen Bestandteile dieser komplexen sozio-ökonomischen Erscheinung mühelos statistisch untersuchen, wenn sie nur wollten. Statt dessen müssen wir uns immer noch mit Schätzwerten begnügen, die das Vorurteil bestätigen, die Welt der Kleinstfirmen gehöre zur »Grauzone« des Systems und insofern zur Schattenwirtschaft.

Ich habe mich nicht beschäftigt mit den sogenannten Ausbildungsverträgen, mit den Volontären, mit den working poor oder mit dem Universum der Arbeiter aus Nicht-EG-Ländern, das mit Sicherheit einen Großteil der inoffiziellen Arbeit ausmacht. Paradoxerweise ist dieser Bereich gründlicher untersucht als die selbständige Arbeit italienischer Bürger, was darauf hinweist, daß die »Grauzonen« oder völlig dunklen Zonen der Klassenzusammensetzung in Italien nicht unbedingt die marginalsten sind.

Der Arbeitsmarkt in Italien wird üblicherweise in drei Sektoren unterteilt: einen öffentlichen Sektor mit sicheren Arbeitsplätzen, einen zweigeteilten privaten Sektor (einerseits die großen und mittleren Betriebe mit einem formalisierten System industrieller Beziehungen, andererseits die kleinen Familien- und Handwerksbetriebe) und schließlich einen durch Unterbeschäftigung gekennzeichneten Schattenwirtschaftssektor. [4]

Dabei wird vergessen, daß alle diese drei Sektoren in einer Flüssigkeit »schwimmen«, die aus Millionen von unzutreffenderweise als Kleinstfirmen bezeichneten selbständigen Arbeitern besteht. Über diese selbständigen Arbeiter weiß man fast nichts, höchstens und auch nur wenig über die Handwerker oder Kooperativen unter ihnen.

Sie arbeiten in der Landwirtschaft, für große und mittlere Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, viele in den (auch hochqualifizierten) Dienstleistungen, nicht so viele, aber immer mehr für die öffentliche Verwaltung und öffentliche Einrichtungen, und eine ganze Menge von ihnen arbeiten schließlich auch in den sogenannten Industrierevieren.

In bestimmten Bereichen wie dem Güter- und Personentransport macht die selbständige Arbeit einen großen, wenn nicht den überwiegenden Teil der gesamten Arbeitskraft aus.

Zwischen den Arbeitsverhältnissen, in denen die Flexibilität tarifvertraglich oder gesetzlich geregelt ist, und dem gesamten Universum der Schwarzarbeit oder »inoffiziellen« Arbeit stellt die selbständige Arbeit eine Art »zweite Ebene der Flexibilität der Arbeit« dar.

Eine korrekte Analyse der Rolle von ImmigrantInnen aus Nicht-EG-Ländern auf dem Arbeitsmarkt müßte diesen Arbeitsmarkt in seiner ganzen Komplexität miteinbeziehen. Üblicherweise wird angenommen, daß die Immigranten entweder als abhängig Beschäftigte im Privatsektor oder schwarz arbeiten, aber immer meint man, daß sie die dirty jobs machen.

In Wirklichkeit gibt es auch andere Einstiegsmöglichkeiten in den italienischen Arbeitsmarkt, unter anderem die selbständige Arbeit, die ja teilweise hochqualifiziert ist und sich daher für ImmigrantInnen anbietet, die im Gegensatz zur »historischen« Immigration über eine hohe Schulbildung verfügen.

Dann könnten wir auch jenen Rest von Rassismus über Bord werfen, der nach wie vor in allen menschenfreundlichen Visionen des westlichen Menschen, einschließlich der vorgeblichen »Linken«, steckt, die davon ausgehen, daß die ImmigrantInnen aus Nicht-EG-Ländern nur schmutzige und körperlich schwere Arbeiten machen könnten.

Wieviele selbständige Arbeiter gibt es in Italien? Wenn wir vorläufig von der Zahl der sogenannten »Ein-Personen-Firmen« ausgehen, um eine Größenordnung zu haben, gibt es nur einen einzigen brauchbaren Datenbestand, nämlich den von Cerved, dem Informationsinstitut der Handelskammern. [5]

Diese Zahlen umfassen nur die bei der Handelskammer eingetragenen und als aktiv betrachteten Firmen; dabei handelt es sich schätzungsweise um 50 bis 55 Prozent der wirklich aktiven Firmen, da nicht alle zum Eintrag bei der Handelskammer verpflichtet sind.

Nach den Daten von Cerved sind also 68,7 Prozent der in Italien tätigen Firmen Ein-Personen-Firmen. Ihre Zahl scheint heute nach einer starken Wachstumsphase langsamer zuzunehmen, so als wäre der Markt gesättigt.

Betrachten wir jetzt die Verteilung der Ein-Personen-Unternehmen nach Tätigkeitsbereichen (Tab. 2).

Allein 43,3 Prozent der aktiven Firmen gehören zur Branche Handel und Gaststätten, die der Lizenzpflicht unterliegt und daher vermutlich vollständig in den Cerved-Daten enthalten ist. Es folgen die Baubranche mit 13,0 Prozent; Lebensmittelindustrie, Textil- und Bekleidungsindustrie und Möbelindustrie mit 12,2 Prozent; Kreditwesen und Unternehmensdienstleistungen mit 7,5 Prozent; öffentliche und private Dienstleistungen mit 6,9 Prozent; Metallbearbeitung/ Feinmechanik mit 6,8 Prozent; während der Transportbereich nur 5,5 Prozent ausmacht. Dabei ist allerdings zu bedenken, daß die allermeisten Ein-Fahrzeug-Unternehmen im Handwerk organisiert sind und gesondert eingeordnet werden. Alle anderen Bereiche liegen unter 2 Prozent.

Interessant ist die Wachstumsrate in den einzelnen Branchen: Am schnellsten entwickeln sich die »Unternehmensdienstleistungen«, am langsamsten der Transportsektor, woran sich auf jeden Fall schon eine starke Sättigung zeigt.

Es lohnt sich, sich Verteilung nach Tätigkeitszweigen in drei besonders entwickelten Regionen anzusehen, nämlich in der Lombardei, im Veneto und in der Emilia-Romagna. Obwohl der Handel hier ein paar Prozentpunkte höher liegt als im Landesdurchschnitt, nämlich bei 45 Prozent, fällt vor allem die Bedeutung der Bereiche ins Auge, die mit typisch italienischen Produktionszyklen wie der Metall-, Textil- und Bekleidungs-, Möbel-, Lebensmittelindustrie usw. zusammenhängen (Tab. 3).

Bei der Verteilung der Ein-Personen-Firmen im Land fällt auf, daß sie in den entwickeltsten Regionen wie der Lombardei konzentriert sind; allein in der Provinz Mailand gibt es ungefähr genauso viele Ein-Personen-Firmen wie in der ganzen Emilia-Romagna. (Tab. 4)

Das niedrigste Wachstum (Verhältnis zwischen Gründungs- und Schließungsrate bei Firmen) fand sich in der Emilia-Romagna, der Toskana und der Lombardei, das höchste dagegen in der Basilicata und den Abruzzen.

So wenig wir über das Universum der Ein-Personen-Firmen wissen, können wir doch die Hypothese formulieren, daß viele »selbständige Arbeiter« einfache Aufgaben fern von der Produktionseinheit ausüben, die diese in Auftrag gegeben hat, daß ihr Lohn sich in den Rechnungen darstellt, die sie je nach geleisteter Arbeit in unterschiedlichen Abständen ausstellen, und daß die Auftraggeber ihnen immer härtere Bedingungen diktieren.

Diejenigen, die diese Arbeiten machen, sind nicht nur in den jeweiligen Branchen wie der Lebensmittel-, Metall- oder Textilindustrie usw. registriert, sondern auch im Bereich »Dienstleistungen für Unternehmen« oder »sonstige Dienstleistungen«. In Wirklichkeit sind sie weniger Ein-Personen-Firmen als vielmehr Arbeitnehmer, Erben des alten »Massenarbeiters«. Sie stellen einen Großteil der Beschäftigten im vernetzten Unternehmen dar, das Rohmaterial des hochflexiblen Systems, das gesellschaftliche Terrain der Dezentralisierung.

Wenn es 2,5 Millionen aktive Ein-Personen-Firmen gibt, wenn Cerved 50 Prozent der geschätzten Gesamtzahl registriert hat und wenn ungefähr ein Drittel der eingetragenen und wahrscheinlich noch ein größerer Teil der nicht registrierten Ein-Personen-Firmen (da die lizenzpflichtigen Sektoren alle in den Cerved-Daten enthalten sind) aus den Bereichen besteht, in denen sich zusammengenommen die Beschäftigten des vernetzten Unternehmens konzentrieren, gibt es folglich ein Heer von ungefähr zweieinhalb, vielleicht drei Millionen Menschen, das einen ersten wichtigen Bestandteil der »selbständigen Arbeit« darstellt.

Aber nicht genug: dazu kommen noch die Handwerksfirmen, von denen es 1988 nach einer später leider nicht mehr aktualisierten Cerved-Umfrage 1.385.116 gab. Davon waren 703.506 nach 1980 gegründet wurden. Nur 2.111 hatten die Form von Kooperativen oder Konsortien. [6]

Wie leicht zu merken ist, sind die Daten in Tabelle 5 etwas problematisch, was die Zahl der Beschäftigten angeht, die in einigen regionalen Fällen niedriger ist als die der Handwerksfirmen. Diese Zahlen beziehen sich auf die »offiziell« Beschäftigten. Diskrepanzen bedeuten, daß die Firmen keine Angaben über ihre Beschäftigten gemacht haben. Es gibt also 1.680.275 offiziell Beschäftigte, davon ungefähr 20 Prozent Frauen. Vermutlich ist die Zahl der im Handwerk Beschäftigten viel höher, wenn man die Firmeninhaber, die abhängig Beschäftigten, die Auszubildenden usw. mitrechnet, auch wenn die Schätzungen einiger Branchenverbände überzogen scheinen, die von 10 Millionen Beschäftigten im Handwerk sprechen.

Das Merkmal des Handwerksbetriebs ist gemäß juristischer Definition, daß der Firmeninhaber selbst arbeitet, und nicht hauptsächlich die Arbeit von anderen organisiert.

Der Handwerksbetrieb gehört daher ganz und gar zur Welt der Arbeit und besonders der hochqualifizierten Handarbeit. Dadurch, daß er, wie sich auch an der zahlenmäßigen Zunahme im Verlauf der letzten zehn Jahre in Italien ablesen läßt, in die postfordistische Produktionsweise einbezogen worden ist, ist er ein wesentlicher Bestandteil der Industriearbeiterschaft der vernetzten Fabrik geworden, was sich auch an der Beschäftigtenstruktur der Industrieregionen ablesen läßt. Die Provinzen mit dem höchsten Handwerkeranteil sind nicht zufällig Vicenza und Modena. Dies waren die Zentren des neuen Booms der Leichtindustrie- und der flexiblen Spezialisierung. Den Handwerker des frühindustriellen Zyklus hat also der Handwerker des postfordistischen (aber nicht postindustriellen) Zyklus abgelöst (Tab. 6).

Zu den zweieinhalb Millionen Kleinstfirmen muß man also die Millionen von Handwerker-Arbeitern hinzuzählen. Dann ergibt sich, daß das Heer der direkt produktiven selbständigen Arbeit zwischen fünf und sieben Millionen Menschen zählt. Diese Schätzung wurde auch schon mehrmals vom Leiter des italienischen statistischen Zentralamtes bestätigt. Diese Zahl ist beeindruckend, und dennoch findet sich im Tagungsbericht des zuletzt im Oktober 1991 in Bergamo abgehaltenen 6. Kongresses des italienischen Arbeitswissenschaftlerverbandes keine Spur von den Problemen der selbständigen Arbeit in diesem Land.
Selbständige Arbeit oder Kleinstfirma?

Kann man den selbständigen Arbeiter wirklich als Ein-Personen-Unternehmen bezeichnen? Versteckt sich in dem Wort »Unternehmen« nicht in Wirklichkeit eine verworrene Ideologie?

Sehen wir uns einmal drei Faktoren an, die ein Unternehmen ausmachen: das investierte Kapital, die Selbständigkeit auf dem Markt und die Qualität der Produktion und/oder Dienstleistung, und vergleichen wir sie mit einigen Formen der selbständigen Arbeit, wobei es uns weniger um die traditionellen (wie Bewirtung, Handel und Einzelhandel) als um die für die »postfordistische« Periode typischen gehen soll.

Man könnte meinen, daß das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Kapitalinvestition den eigentlichen Unterschied zwischen »Unternehmen« und und selbständiger Arbeit darstellt. Nehmen wir zum Beispiel den Lastwagenfahrer mit eigenem LKW. [7]

In diesem Fall könnte man den Begriff »Kleinstunternehmen« (in diesem besonderen Fall auch »Handwerksbetrieb mit einem Fahrzeug« genannt) mit dem sehr hohen Verhältnis zwischen Arbeitskraft und Kapital rechtfertigen. Ein LKW kostet mindestens 200 Millionen Lire (200.000 DM) plus mindestens 4 bis 5 Millionen Lire (4.000 bis 5.000 DM) Unterhalt im Jahr.

Hier handelt es sich um ein ziemlich hohes Verhältnis zwischen fixem und variablem Kapital, wie das gute Karlchen sagte, aber dadurch sind diese Arbeiter weder selbständig am Markt noch beruht ihre Arbeit im wesentlichen auf etwas anderem als körperlicher Anstrengung.

Was die Selbständigkeit am Markt anbetrifft, hat diese Art von Arbeitern ein ähnliches Verhältnis zu Vermittlungsagenturen wie eine Haushaltshilfen oder ein Fotomodell, bei denen der Kapitaleinsatz gleich null ist.

Falls es solchen selbständigen Transporteuren mit eigenem schwerem LKW oder eigener Zugmaschine für Auflieger (die auch ca. 200 Millionen kostet) gelingt, auf der Basis von Abmachungen oder Jahresverträgen ein festes Verhältnis mit einem großen Versender (Produktions- oder Speditionsfirma) einzugehen, ähneln sie eher abhängigen Arbeitern, mit dem Unterschied bei der Bezahlung, daß sie keinen Monatslohn bekommen, sondern stattdessen eine monatliche Rechnung ausstellen, deren fixe Bestandteile (z.B. der Kilometertarif) am Jahresanfang festgelegt werden. Sie sind nicht versichert, sie haben keine vorher festgelegte Mindest- und Höchstarbeitszeit, und außerdem tragen sie die gesamten Instandhaltungslasten der Maschinerie. Bei den Eigentümern von Lieferwagen (die den Löwenanteil der in Italien verkehrenden gewerblichen Fahrzeuge stellen) findet die Bezahlung häufig »tageweise« statt, wie bei den Kurierfahrern, die nicht selten ein rein mündliches Arbeitsverhältnis zum Auftraggeber haben.

Das System, sich zu Kooperativen und Konsortien zusammenzuschließen, hat das Problem der Selbständigkeit am Markt nur teilweise gelöst und höchstens dazu geführt, daß ihre Lage mehr jener von abhängigen Arbeitern ähnelt.

In den Kooperativen schließen sich mehrere Kleinstunternehmen zusammen: Jeder Handwerker ist Fahrzeugbesitzer und besitzt die Genehmigung, Transporte von Gegenständen auf Rechnung Dritter durchzuführen, wobei die Leitung der Kooperative die Festlegung der Transportpreise und die Verteilung der Arbeitsaufträge übernimmt. Wo hier die Selbständigkeit der Kleinstfirma am Markt liegen soll, ist völlig unklar. Die Beziehung, die hier entsteht, entspricht einem abhängigen Arbeitsverhältnis. Die Leitung der Kooperative ist zum großen Teil Arbeitgeberin und zum kleineren Teil Vermittlerin. Dagegen hat die Kooperative mit ungeteiltem Fahrzeug- und/oder Genehmigungsbesitz ganz klar die Arbeitgeberrolle inne.

Anders ist es bei den Konsortien: Hier schließen sich verschiedene Kleinstfirmen auf der Basis von viel weniger strengen und bindenden Regeln als in den Kooperativen zusammen, so daß das Konsortium hauptsächlich Vermittler und in geringerem Maß Arbeitgeber ist und insofern die relative Selbständigkeit der Handwerksfirma oder der Kleinstfirma mit einem Fahrzeug eher gewährleistet ist.

Wir befinden uns also in einem Bereich, wo sich keine »Unternehmenskultur« erkennen läßt, weil es um Subjekte geht, deren Selbständigkeit auf dem Markt wenig mit dem Begriff »Unternehmen«, d.h. mit einem organisierten, multifunktionalen Gebilde zu tun hat und viel mit der »Kultur der Arbeit«, der regulären wie der irregulären.

Der LKW-Fahrer, der in der Kneipe neben dem Großmarkt auf den Telefonanruf der Agentur wartet, die ihm die Rückfracht für sein leeres Fahrzeug besorgen soll, ist keine besondere Art von Firma, sondern höchstens eine moderne Version des Stauers, der Anfang des Jahrhunderts in den Hafenkneipen darauf wartete, daß der Vorarbeiter ihn aufrief. Der Unterschied besteht darin, daß das Arbeitsmittel des Stauers von damals ein Haken war, der vier Lire kostete, und das Arbeitsmittel des modernen LKW-Fahrers ein Fahrzeug ist, das 200 Millionen kostet. Ihn »Unternehmer« zu nennen, ist ein ideologisch hoch aufgeladener semantischer Trick.

Wenn man sich statt mit juristisch-administrativen Formulierungen mit den ökonomischen Beziehungen zwischen der Ein-Fahrzeug-Kleinstfirma und dem Markt und den gesellschaftlichen Beziehungen zwischen ihm und dem Universum seiner Arbeit- bzw. Auftraggeber beschäftigt, dann erweist sich der Begriff »Unternehmen« wahrlich als ungeeignet und in gewisser Hinsicht als grotesk.

Ähnliche Bedingungen wie die Transporteure können wir bei den Handwerkern der Industriereviere finden, die als Subunternehmer mit hochmodernen Maschinen für die Metall-, Textil- und Bekleidungs-, holzverarbeitende und Möbelindustrie usw. arbeiten.

Die Umstände des Erwerbs der Maschinerie, d.h. die Investition in fixes Kapital, mögen ähnlich sein, etwa daß die Maschinerie (oder das Fahrzeug) über die Rechnung für die Arbeitsleistung bezahlt wird. Aber der große Unterschied scheint darin zu liegen, daß einerseits eine spezialisierte Maschine und andrerseits ein multifunktionales Fahrzeug benutzt wird, so daß der Transporteur auf dem Markt »selbständiger« erscheint, einfach weil er in ein flexibleres Werkzeug investiert hat, mit dem er mehr Kunden aus verschiedenen Bereichen bedienen kann als jemand, der zum Beispiel an einer numerisch gesteuerten Metallbearbeitungs- oder Stoffzuschneidemaschine arbeitet, dessen Kunden auf seinen besonderen Tätigkeitsbereich beschränkt sind.

Wenn wir den Transportsektor aus der Nähe analysieren, stellt sich heraus, daß er in Wirklichkeit viel spezialisierter ist, als man gemeinhin glaubt. Der Bereich ist stark in spezielle Segmente gegliedert und spezialisiert sich zunehmend innerhalb eines jeden Segments, so daß die Fahrzeuge immer weniger »universelle« und immer mehr spezifische Arbeitsmittel sind. Außerdem braucht der Transporteur eine Lizenz, die in Italien Kontingentierungsvorschriften unterliegt (die Fahrer leichter Fahrzeuge sind davon befreit, daher gibt es so viele Lieferwagen, die wie gesagt die große Mehrheit der in Italien zugelassenen gewerblichen Fahrzeuge darstellen).

Versuchen wir jetzt einmal, das Werkzeug des selbständigen Transporteurs mit einem anderen Werkzeug zu vergleichen, das ebenfalls als »universell« gilt: dem PC. Auch bei einem besonders leistungsfähigen, auf Computer Aided Design oder auf Graphik-Funktionen ausgelegten PC lassen sich die für eine Informatik-Kleinfirma notwendigen Investitionen in Maschinen einschließlich Software nicht mit denen eines selbständigen Transporteurs vergleichen.

Daß viel Kapital in Maschinerie investiert wurde, scheint also nicht auszureichen, um einen selbständigen Arbeiter auf dem Markt selbständig zu machen.

Entscheidender scheint die Unterscheidung zwischen selbständigem Arbeiter mit einem Kunden und selbständigem Arbeiter mit mehreren Kunden zu sein. Der Arbeiter mit einem Kunden ist hat eine feste oder langfristige Beziehung zu einem einzigen Auftraggeber wie z.B. ein Ingenieur, der in Frührente gegangen ist und für seinen alten Arbeitgeber weiter dieselbe Tätigkeit wie früher ausübt, oder jemand, der in seiner Heimwerkstatt auf einer Textilmaschine im Auftrag für Max Mara arbeitet, oder ein Physiotherapeut, der die Kranken einer einzigen Klinik betreut, oder ein Van-Carrier-Fahrer, der die Container einer Großreederei stapelt.

Sie sind nichts anderes als aus dem Lohnverhältnis entlassene Arbeiter. Sie setzen sich nicht selbständig ins Verhältnis zu einem Markt mit mehreren Kunden. Sie sind aber nicht aus dem Taylorismus entlassen, da sie streng festgelegte dienstliche Zeiten und Verfahrensweisen einhalten müssen. Obwohl sie also die Form der Kleinstfirma tragen, sind sie in Wirklichkeit der neue Massenarbeiter des vernetzten Unternehmens. [8]

Der selbständige Arbeiter mit mehreren Kunden schafft sich selbst seinen eigenen Markt und muß daher zwangsläufig Zeit und Geld investieren, um sich Kunden zu suchen. Damit ist aber nicht gesagt, daß er viel selbständiger ist als der Arbeiter mit einem Kunden, da er – hier hilft wieder das Beispiel der Transporteure – oft nur zu einem Vermittler Beziehungen hat (man denke dabei auch an die Subunternehmer aus Prato, die nur zu einem Bekleidungshersteller Beziehungen haben), eben um die Kosten der Kundenakquisition zu senken.

Dennoch ist die Unterscheidung zwischen einem und mit mehreren Kunden schon eher ein Unterscheidungskriterium zwischen Kleinstfirma und selbständiger Arbeit.

Die hier zur Diskussion gestellten Beobachtungen sollen unterstreichen, wie grundlegend wichtig es ist, herauszufinden, welche Art von Tätigkeiten und welcher Typ von Beziehungen zum Auftraggeber die Situation des selbständigen Arbeiters in Italien charakterisieren. Solange wir nicht über zufriedenstellende qualitative Untersuchungen zu diesen beiden Punkten verfügen, werden wir die gesellschaftliche und ökonomische Funktion der sogenannten Kleinstfirmen und der damit zusammenhängenden Formen selbständiger Arbeit nie begreifen.

Diese Fragen immer nur auf der Basis des Zivilrechts und von der Rechtsform des Unternehmens beantworten zu wollen, d.h. sich auf ein Rechts- und Verwaltungswissen zurückzuziehen, ist gleichbedeutend mit der Weigerung, zu begreifen, welche Rolle die selbständige Arbeit historisch in der postfordistischen Epoche spielt. Tatsächlich sind die in der Rechts- und Verwaltungsliteratur gebräuchlichen Definitionen voll von Zweideutigkeiten und Widersprüchen.

In dem kürzlich veröffentlichten Handbuch Professionisti e lavoratori autonomi von De Franceschi und Sibilia, das bei der Erledigung von Steuererklärung und Buchführung helfen soll, wird die selbständige Arbeit den im Berufsregister (artt. 2222-2228, 2229-2238, titolo III, libro V, Codice Civile {Zivilgesetzbuch}) erfaßten intellektuellen freien Berufen zugeordnet. [9]

Das Zivilgesetzbuch definiert den selbständigen Arbeiter im Gegensatz zum abhängig beschäftigten Arbeiter und zum Unternehmer. Gemäß Artikel 2222 liegt selbständige Arbeit vor, »wenn eine Person sich verpflichtet, gegen Vergütung eine Arbeit oder eine Dienstleistung mit vorwiegend eigener Arbeit und ohne abhängige Bindung an den Auftraggeber auszuführen«.

Die Tatsache, daß die erbrachte Leistung im wesentlichen aus einer Werkleistung besteht, stellt das Problem des Materialeinsatzes; laut Autoren »darf das eingesetzte Material nicht die erbrachte Dienstleistung überwiegen«. Dabei ist aber nicht klar, ob unter »eingesetztem Material« – wie es logisch wäre – auch das notwendige Werkzeug, d.h. die Maschinerie verstanden wird oder nicht. Wenn man bei dem von uns untersuchten LKW-Fahrer unter dem eingesetzten Material das Fahrzeug versteht, läßt sich schwer sagen, ob bei der erbrachten Werkleistung mehr die Arbeit oder das Material zählt.

»Der Umstand, der den Unternehmer eindeutig vom selbständigen Arbeiter unterscheidet«, ist für De Franceschi und Sibilia, »daß die Tätigkeit des ersteren darin besteht, die Arbeit Dritter zu organisieren, während letzterer das geforderte Werk oder die geforderte Dienstleistung mit eigener Tätigkeit vollbringt«.

Aus dieser Definition ergibt sich recht deutlich der Widerspruch, der dem Begriff »Ein-Personen-Unternehmen« innewohnt. Wenn wir ihn als eine Form bezeichnen, in der Unternehmer und Leistungserbringer dieselbe Person sind, dann gilt die soeben formulierte Definition des selbständigen Arbeiters nichts mehr, oder kann man dann kaum noch sagen, welche Definition zweideutiger ist: »Ein-Personen-Unternehmen« oder »selbständiger Arbeiter«.

Ebenso eindeutig scheint den Autoren die Gegenüberstellung mit dem abhängigen Arbeiter, insofern der selbständige Arbeiter sich »nach den technischen Kriterien, die er für die Erreichung eines bestimmten Ergebnisses am geeignetsten erachtet, in seiner Tätigkeit selbst organisiert«. Daraus soll sich »eine gewisse Selbständigkeit« ableiten, da er »das Risiko tragen muß, das zuvor festgelegte Ziel zu erreichen« (»Unternehmerrisiko«).

Zur Stützung dieser Interpretation führen sie die Definition aus einem der angesehensten Kommentare zum Zivilrecht an, nach der »das selbständige Arbeitsverhältnis in allen Fällen eintritt, in denen dem Arbeitenden nicht von vornherein eine festgelegte Vergütung garantiert ist und er persönlich für die Erreichung des zuvor festgelegten Ergebnisses verantwortlich ist: Tatsächlich gestaltet sich die Vergütung bei der selbständigen Arbeit derart, daß das überwiegende Risiko aus der Schwierigkeit der Arbeit vom Leistungserbringer zu tragen ist«.

Nebenbei fügen sie hinzu, die Selbständigkeit sei nicht »absolut, da es verschiedenartige Einschränkungen gäbe, nicht zuletzt die vom Auftraggeber gesetzten«.

Vielleicht passen diese Definitionen auf die selbständige Arbeit traditionellen Typs wie im Handel, in der Gastronomie oder im Einzelhandel, aber angesichts der tiefgreifenden Veränderungen der Arbeit durch die postfordistische Produktionsweise, vor allem durch die gegenwärtige Jagd nach der »totalen Qualität«, angesichts der immer strengeren Auflagen der Auftraggeber an die selbständigen Arbeiter löst sich die Vorstellung von der Selbstorganisation der Arbeit in nichts auf.

Um zum Straßentransport zurückzukehren: Wenn wir bedenken, daß es mit der Einführung von neuen Informationstechnologien möglich sein wird, die LKW-Fahrer auf ihren Touren in Echtzeit zu verfolgen und zu kontrollieren, und daß sie auch den laufenden Anweisungen der Streckenoptimierungsprogramme werden folgen müssen (noch unentwickelte Formen dieser Kontrollpraktiken sind schon in der Distributionslogistik der großen Unternehmen im Einsatz), dann sieht es so aus, als wäre die Selbständigkeit im Sinne der Möglichkeit, die eigene Arbeit unabhängig zu organisieren, eine aussterbende Situation.

Ausgehend von der Erfahrung im Forschungsfeld und der verfügbaren Literatur – zum Beispiel zum Phänomen der Auftragsarbeit in den Industrierevieren – läßt sich m.E. die Hypothese formulieren, daß die gesellschaftliche und produktive Funktion der selbständigen Arbeit sich nicht sehr von der des Massenarbeiters in der fordistischen Epoche unterscheidet, d.h. von der Ausführung einfacher Aufgaben innerhalb einer vorbestimmten Organisation des Arbeitsprozesses.

Wirklichkeitsnäher ließe sich die selbständige Arbeit als Arbeit definieren, bei welcher der Arbeitleistende alle aus dem Arbeitsverhältnis rührenden Risiken auf sich nimmt: das Risiko seiner persönlichen Unversehrtheit, das Risiko des Maschinenausfalls, das Risiko der Nichtbezahlung seines Arbeitsentgelts wegen Unzufriedenheit des Auftraggebers.

Das ist eine gesellschaftlichen Abhängigkeitssituation, die uns in die frühindustrielle Epoche zurückversetzt; unsere Gesellschaft nähert sich einem Grad von Arbeitsunsicherheit, der hundert Jahre politischer und gesellschaftlicher Geschichte des Westens und damit hundert Jahre Geschichte der Demokratie zunichte machen wird.

Der Neoliberalismus der 80er Jahre hat einen Großteil der produktiven Arbeit und der intellektuell hochqualifizierten Arbeit wieder in diese Abhängigkeitssituation gebracht. Das geschah aber, abgesehen von einigen Sonderfällen wie Italien, nicht mit Gewalt oder durch den Umsturz der Institutionen, sondern ausgehend von einem neuen gesellschaftlichen Kompromiß: Die selbständige Arbeit konnte über einen Anteil der zirkulierenden Liquidität (ich ziehe diesen Begriff dem Begriff »Einkommen« vor) verfügen, der ihr ein befriedigendes Konsumniveau erlaubte – das teilweise viel höherer war als das der abhängigen Arbeit, so daß ein Statussprung stattfand. [10]

Der Begriff der »Verfügbarkeit von Liquidität« ist grundlegend, um zu verstehen, wie die selbständige Arbeit funktioniert und was für Widersprüche scheinbar darin stecken.

Wenn wir noch einmal den selbständigen LKW-Fahrer nehmen und sein Einkommen auf der Basis des Nettogewinns berechnen, der seinem Kleinstunternehmen am Jahresende verbleibt, werden wir kaum etwas auf der Aktivseite finden: so wenig, daß viele sich inzwischen – in den letzten Jahren sind die realen Tarife durch die äußerst starke Konkurrenz zwischen den Fuhr-Subunternehmen gesunken – fragen, was die selbständigen LKW-Fahrer abgesehen vom wirtschaftlichen Kalkül dazu bringt, ihrem Beruf treu zu bleiben.

Unter anderem muß man bedenken, daß diese selbständigen Arbeiter oder Handwerker, oder wie auch immer man sie nennt, über eine völlig andere Liquidität verfügen als ein abhängiger Arbeiter, wenn man bedenkt, daß die Bezahlung für eine einzige Langstreckentour dem Monatslohn eines Industriearbeiters in Lohngruppe 3 entspricht.

Lassen wir vorläufig das Problem außen vor, wie viele Arbeitsstunden eine einzige Tour bedeuten, und konzentrieren wir uns zunächst auf die Verfügbarkeit von Liquidität in diesem Beruf, sowohl wegen der hohen Betriebskosten als auch wegen des hohen Unsicherheitsfaktors in diesem Gewerbe als auch wegen des getätigten Umsatzes. Aber dieser hohen Liquidität stehen am Jahresende ziemlich magere Reingewinne und manchmal sogar Verluste gegenüber.

Die unechte Tertiarisierung

Das Fehlen von systematischen Analysen zur Qualität der Arbeit im Kleinstbetrieb und das Wirrwar von Vorstellungen hinsichtlich der Art der gesellschaftlichen Beziehungen, in deren Rahmen die selbständige Arbeit stattfindet, haben zu einer Reihe von Mißverständnissen geführt, die wiederum zur Grundlage von Ideologien und Allgemeinplätze geworden sind.

Ein solche Mißverständnis betrifft das Problem der Tertiarisierung des ökonomischen Systems: Niemand kann leugnen, daß die Beschäftigtenzahl in der Landwirtschaft und im Verarbeitungssektor im Vergleich zum Dienstleistungssektor stark zurückgegangen ist. Das ist ein sekulärer Trend: Die Vereinigten Staaten hatten das Stadium einer überwiegend tertiären Wirtschaft schon zur Zeit der Weltwirtschaftskrise erreicht.

Ohne jetzt genauer auf die Arbeitsstatistiken in den USA der 30er Jahre einzugehen, muß man sich m.E. allerdings fragen, ob der Begriff »Dienstleistungssektor« in einer Zeit des Postfordismus und des »vernetzten« Unternehmens wirklich so klar ist, wie er scheint, oder ob man ihn nicht einer sorgfältigen Überprüfung unterziehen muß.

Ich vertrete die These, daß die Gesamtgröße »Tertiärsektor« teilweise eine statistische Illusion ist.

Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Ein Teil der Tätigkeiten der Kleinstfirmen stellt sich als Fortführung einer abhängigen Arbeit an einem anderen Ort als der auftraggebenden Produktionseinheit dar. Der Verwaltungsangestellte eines Süßwarenbetriebs oder der Software-Ingenieur einer Maschinenbaufirma, die dieselbe Arbeit wie vorher für dieselbe Firma fortführen, allerdings formal nicht mehr als abhängige Beschäftigte, sondern als Berater oder als in der Sparte »Unternehmensdienstleistungen« registrierte Kleinstfirmen: Gehören sie zum Dienstleistungssektor oder nicht vielmehr zum Verarbeitenden Sektor?

Wieviele direkte Produktionstätigkeiten gelten heute als »Dienstleistungstätigkeiten«, nur weil sie im Rahmen der typischen postfordistischen Beziehungen selbständiger Arbeit stattfinden? Wieviele Dienstleistungsfirmen sind in Wirklichkeit Subunternehmer des Verarbeitenden Sektors?

Die größte Verwirrung gibt es wiederum im Gütertransport: Ist er eine Industrie oder eine Dienstleistung? Der gute Karl Marx hatte keine Zweifel, daß er eine Industrie ist. Vielleicht können sich alle auf die Definition von Michel Savy, Professor an der École des Ponts in Paris einigen: Er ist eine Industrie, die als Dienstleistung erscheint. [11]

Arbeitszeiten in den Industrierevieren und im Straßentransport

Obwohl die in den letzten fünfzehn Jahren produzierte Literatur über die Industriereviere eindrucksvoll ist, gibt es nur wenige Studien, die sich mit dem Problem der Arbeitsbedingungen auseinandergesetzt haben – die allermeisten beschäftigen sich mit der Organisationsform des Unternehmens, aus der Sicht des Betriebswirtschaftlers oder des Unternehmenshistorikers.

Einer Untersuchung von Nomisma (1989) über Prato sind nützliche Informationen über die Arbeitsorganisation im Textil- und Bekleidungssektor zu entnehmen: Die Aufteilung der an die Subunternehmer vergebenen Arbeitspartien hat die Maschinenleerlaufzeiten um 50 bis 130 Prozent erhöht, so daß die vertraglichen Tarife um 30 Prozent gesunken sind. [12]

Die Handwerker sind gezwungen, bis zu 16 Stunden am Tag zu arbeiten, 3 bis 5 davon brauchen sie allein für den Transport der Waren (je kleiner die Partien sind, desto öfter müssen sie fahren, um das Rohmaterial abzuholen und das fertige Produkt abzuliefern). Das hat das Revier nicht vor der Krise gerettet: Von den 16.839 Firmen, die 1985 in Prato ansässig waren, gab es 1991 noch 11.894, davon waren 80 Prozent Handwerksbetriebe.

Die eigentliche Verarbeitungszeit macht nur 5 Prozent des Gesamtzyklus aus. In den restlichen 95 Prozent liegt die Ware beim Auftraggeber im Lager oder in der Maschine oder im LKW oder Lieferwagen.

Nach einer anderen Untersuchung von 1988 zum Wirkereisektor von Carpi, wo zur Zeit der Untersuchung etwa 4.300 Unternehmen tätig waren, der größte Teil von ihnen Sub-Lieferanten (85 Prozent von ihnen hatten feste Beziehungen mit den Auftraggebern), führt die dezentralisierte Produktionsorganisation dazu, daß bei den kleinen Handwerksfirmen die Transportkosten 2 bis 10 Prozent der Gesamtkosten ausmachen. Um mit der japanischen Konkurrenz fertigzuwerden, haben sich die Handwerker-Subunternehmer auf Fertigmode [pronto-moda] spezialisiert, bei der bestehende Modelle kopiert werden. Alles hängt von der Schnelligkeit ab, mit der sie Aufträge erledigen, wobei der Arbeitszyklus insgesamt höchstens 20 bis 60 Tage dauern darf. [13]

Produziert wird auf Bestellung und just in time, d.h. daß der Handwerker nicht nur die Arbeit so schnell wie möglich erledigen, sondern auch die Ware zu einer festgelegten Zeit abliefern muß, damit sie direkt komplettiert oder vermarktet werden kann. Daher werden tägliche Arbeitszeiten von 16 Stunden zur Norm. Die Studie gibt die Daten verschiedener Untersuchungen wieder, laut denen in der zweiten Hälfte der 80er Jahre die Handwerker im Wirkereisektor durchschnittlich 2.428 und die Weber 2.817 Stunden im Jahr arbeiteten, und zitiert das Urteil einer staatlich geförderten Untersuchung, die Handwerker seien bereit, »lange Arbeitszeiten in Kauf zu nehmen, fast unbegrenzt, manchmal auch an Sonn- und Feiertagen« (Hervorhebung von mir).

Die Länge der Arbeitszeit der LKW-Fahrer ist sprichwörtlich. Trotzdem herrschte in den 80er Jahren ein derart tiefgreifendes Desinteresse am Phänomen »Arbeit«, vor allem in der sogenannten »Linken«, daß niemand je versucht hat, eine umfassende Untersuchung über die Arbeitsbedingungen der LKW-Fahrer durchzuführen, trotz der Milliarden, die der CNR {Staatlicher Forschungsausschuß} und andere öffentliche Einrichtungen ausgegeben haben, um die Untersuchungen zum Generalverkehrsplan {Piano generale dei trasporti} zu finanzieren.

Eine Ausnahme bildet die 1988 – leider nur mit einer kleinen Stichprobe – durchgeführte Untersuchung des Istituto Italiano di Medicina Sociale über Berufskrankheiten bei selbständigen LKW-Fahrern. Die Untersuchung wurde geleitet von Giovanni Berlinguer und gefördert vom Handwerker-Arbeitgeberverband Epasa. [14]

Die festgestellte Durchschnittsarbeitszeit betrug 12½ Stunden am Tag, die Standardabweichung 5 Stunden 52 Minuten. Gut 20 Prozent der Befragten gaben an, 16 oder mehr Stunden zu arbeiten.

Diese Daten werden bestätigt durch verschiedene ausländische Untersuchungen: eine Untersuchung von Patrick Hamelin (1987), nach der 74 Prozent der Fahrer einen Arbeitstag von 12 Stunden oder mehr haben [15]; eine Untersuchung der EWG über 650 TIR-Fahrer (1988), bei der sich ein durchschnittlicher Arbeitstag von 14½ Stunden ergab [16]; eine INRETS-Untersuchung über Zugmaschinenfahrer im Containerverkehr von Patrick Nierat (1989) ergab einen Durchschnittsarbeitstag von 13 Stunden und 11 Minuten. [17]

Der Mythos von der »immateriellen Arbeit«

Im Zeitraum von Juli 1991 bis April 1992 hat die Tageszeitung »Il Sole – 24 Ore« eine Untersuchung über 60 italienische Industriereviere veröffentlicht, aus der trotz der journalistischen Grenzen hervorging, welch tiefgreifende Veränderung sich in den letzten Jahren vollzogen hat: das Ende einiger Reviere und der Niedergang einer Produktionsweise, die bei ihren Ideologen so viel Begeisterung hervorgerufen hatte.

Trotzdem wird in etwa 40 Revieren weiter nach dem in den Untersuchungen über Prato und Carpi beschriebenen Schema gearbeitet, und logischerweise läßt sich annehmen, daß sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessert haben: im Gegenteil.

Eine kürzlich (Oktober 1991 – März 1992) bei den Transport- und Logistikverantwortlichen einiger großer Unternehmen durchgeführte Untersuchung hat ans Licht gebracht, daß den Auftraggebern völlig bewußt ist, daß die Arbeitszeiten ihrer Transport-Subunternehmer zwischen 12 und 16 Stunden täglich liegen. [18]

All das bestätigt die Hypothese, daß die Verlängerung des Arbeitstages zu den grundlegenden Merkmalen der Verbreitung der selbständigen Arbeit gehört.

Das gilt nicht nur für die stark von körperlicher Anstrengung, Handarbeit und die Bedienung von industrieller Maschinerie geprägte, sondern auch für die die intellektuell hochqualifizierte selbständige Arbeit, über die es leider noch nicht so viele Untersuchungen gibt (siehe verschiedene diesbezügliche Fallstudien zum Raum San Francisco im Buch der amerikanischen Soziologin Beverly Lozano). [19]

Angesichts der Bedeutung der selbständigen Arbeit in Italien, der in diesem Bereich üblichen Arbeitszeiten und der Qualität der ausgeführten Tätigkeiten ist die Oberflächlichkeit bestürzend, mit der gewisse Theoretiker vom »linken« Flügel des kommunistischen Lagers den Postfordismus in Italien analysiert und damit stark das Denken des PDS-Umfeldes, der CGIL und der Lega Ambiente beeinflußt haben.

Eine gewichtige Rolle unter ihnen spielt Pietro Barcellona. Dr. Barcellona, früher Mitglied des Obersten Richterrates [Consiglio Superiore della Magistratura] und heute Universitätsprofessor, hat in seinen Schriften die These aufgestellt, daß die Krise der liberalbürgerlichen Systeme und des realen Sozialismus herrühre

a) aus der Veränderung in der Struktur der Bedürfnisse, die immer »immaterieller« geworden seien (Lebensqualität, zwischenmenschliche Beziehungen),

b) aus dem starken Rückgang der direkten und »körperlichen« Ausbeutung in der Fabrik, die durch das »telematische Kommando aus der Distanz« ersetzt worden sei.

Laut Dr. Barcellona soll sich die Arbeit von den Fesseln des »Bedürfnisses« und der »Körperlichkeit« befreit und stattdessen die ätherische Immaterialität informatischer, multifunktionaler Beziehungen gewonnen haben. Die Grenzen der Demokratie sollen sich auf ein völlig anderes Terrain verlagert haben, als die »labouristische« Tradition der Arbeiterbewegung und der europäischen Sozialdemokratie, auf die sich das kommunistische Umfeld in Italien – heute noch – bezieht, immer gemeint hatte.

Der Demokratie sollen zwar weiterhin Gefahren drohen, aber wenn überhaupt, sollen diese in der Konzentration der Finanzmacht, in der Kontrolle der Medien durch wenige Einzelne usw. bestehen, und dagegen müßte der antimonopolistische Geist der liberalen Tradition, Kartellgesetze, die Regulierungsverordnungen mobilisiert werden, und so geht die Argumentation juristisch weiter. [20]

Nun kann man dem Ex-Richter zwar zustimmen, daß für viele Produktionsarbeiter Arbeit und Befriedigung von Grundbedürfnissen nicht mehr eng aneinander gebunden sind (dabei muß man allerdings betonen, daß die meisten Menschen ohne minimalen Subsistenzstandard, wie alle Untersuchungen über die Armut gezeigt haben, arbeitende Menschen sind, sogenannte working poor [21]), aber der Vorstellung von der Entmaterialisierung der Arbeit und vom »Kommando aus der Distanz« kann man nur widersprechen.

Sicher, wenn man die Beschäftigten von Benetton untersucht, wird man feststellen, daß sie zum größten Teil Verwaltungs-, Forschungs-, Datenverarbeitungs-, Promotion-, Marketing- und Logistiktätigkeiten usw. ausführen, aber wenn man sich Benettons 800 regelmäßige Subunternehmer und Hunderte von Gelegenheitsarbeitern ansieht, wird man gesellschaftliche Subjekte finden, die ziemlich viel Ähnlichkeit mit dem altbekannten Massenarbeiter haben, nur daß sie doppelt so lange Arbeitszeiten haben und versicherungsmäßig schlechter gestellt sind.

Wenn man dann noch analysiert, wie die physische und technische Distanz zwischen Auftraggeber und Subunternehmern überbrückt wird, wird man feststellen, daß die Bestellungen und Informationen oft telematisch übertragen werden, je nach Organisationsgrad des Auftraggebers und der technischen Ausstattung des Subunternehmers, daß der die Manufakturware aber immer mittels körperlicher Bewegung von Menschen und Fahrzeugen bewegt wird; nur so erklärt sich, daß der von Nomisma untersuchte Subunternehmer aus Prato mit Transportarbeiten drei bis fünf Stunden am Tag verbringt, während der er wenig an Lebensqualität und zwischenmenschliche Beziehungen denken kann.

Im Grunde hat Dr. Barcellona keine Ahnung von der technischen Organisation des vernetzten Unternehmens, und auf diese Ignoranz gründet er seine Vision von den Grenzen der Demokratie im Postfordismus; nur daß sein Niveau, wenn er von gesellschaftlich-technischen zu politisch-juristischen Überlegungen übergeht, noch weiter abfällt.

Denn selbst wenn man die These von einer fortschreitenden Entmaterialisierung der Arbeit aufstellt: Wie kann man die Arbeitswelt einfach vom Bestimmungszusammenhang der Demokratie in einer Gesellschaft trennen? Wie kann man, bloß weil die organisierte Arbeit in einer bestimmten Phase des historischen Zyklus an politischem Gewicht verloren hat, die Arbeit als »kulturelle Variable« abschaffen?

Wie kann man meinen, daß die Bedingungen, unter denen man arbeitet, womit der westliche Mensch schließlich den größten Teil seines Tages verbringt, Zusammenhangsfaktoren der Demokratie nicht beeinflussen?

Wie kann man meinen, durch den Bruch des Verhältnisses von Grundbedürfnissen und Arbeit für einen beträchtlichen Teil der Arbeiterschaft sei die sozialdemokratische Kultur des welfare state überwunden?

Demokratie und Arbeit

Die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts hatte die Reduzierung der Arbeitszeit zum Ziel. Ohne den Kampf um den Achtstundentag gäbe es den 1. Mai nicht. Was die tatsächlichen Arbeitszeiten angeht, wissen wir, daß dieses Ziel niemals erreicht wurde, aber nichtsdestotrotz hat es dazu beigetragen, unsere Idee von Demokratie zu »begründen«. Diese beruht auf den historischen Erfahrungen der Organisierung der Arbeiter, der gegenseitigen Unterstützung usw. Ohne die historische Erfahrung der Arbeiterbewegung hätte es keine andere demokratische Kultur als die bürgerlich-liberale gegeben. Aber es gab eine zuerst »sozialistische« und dann »kommunistische« Idee von Demokratie, die sich ganz klar von der bürgerlich-liberalen unterschied.

Worin unterschied sie sich? In der Erkenntnis, daß die Existenz eines gesetzlichen und verfassungsmäßigen Rahmens als solchen zur Definition einer Demokratie nicht ausreichte, sondern daß man an die Wurzeln der Arbeitsbeziehungen gehen mußte, um zu beurteilen, wie demokratisch eine Gesellschaft war. Arbeit und Demokratie waren kulturell untrennbar. Diese anfänglich sozialistische Idee wurde dann vom auf der Symbiose zwischen bürgerlich-liberalen und sozialistischen Kulturen beruhenden Kapitalismus der keynesianischen Epoche akzeptiert, d.h. in der Zeit zwischen Anfang der 30er Jahre und Ende der 70er Jahre.

Diese Idee ging von einer genauen Analyse der technischen und gesellschaftlichen Organisation des Produktionsprozesses aus. Was bei Barcellona bestürzt, ist das Unwissen über die Organisationsmechanismen der für den Postfordismus charakteristischen vernetzten Fabrik, sein völlig abstraktes Bild von der in den Informationsflüssen entmaterialisierten Arbeit, das ihn zu unschlüssigen Argumentationen über die Krise der Demokratie führt.

Wenn wir dagegen von konkreten Analysen der Arbeit oder der Arbeiten ausgehen, können wir uns andere Fragen stellen und andere Gründe für die Krise der Demokratie finden, die uns genauso beunruhigt wie Barcellona: Läßt sich die Verlängerung des Arbeitstages durch den Postfordismus (was anscheinend auch die Arbeitszeiten der Manager betrifft und zur Verkürzung ihres Arbeitsalters führt) als Faktor der Krise der Demokratie definieren? Läßt es sich als ein Indiz für den Verfall der demokratischen Sensibilität einer Kultur verstehen, wenn jemand die Verlängerung des Arbeitstages für irrelevant hält? Ist die kulturelle Spaltung zwischen der Sphäre der Überlegungen zur Arbeit und der Sphäre der Überlegungen zur Demokratie nicht vielleicht eines der offensichtlichen Symptome des intellektuellen Selbstmords der europäischen Linken? Das gewalttätige Wiedererwachen der rechten Bewegungen, ihre Fähigkeit, bei den kleinen Leuten und in die Randschichten einzudringen (Fall Deutschland), das Wiederauftauchen von »operaistischen« Tendenzen in den rechtsexstremistischen Ideologien, das Verfangen der Lega-Thematik bei den postfordistischen Arbeitern (selbständigen Arbeitern, Beschäftigten im Privatsektor, Handwerkern, Auszubildenden, Jobbern) sind ein Zeichen dafür, daß irgendjemand dabei ist, die Fahne der Arbeit aufzunehmen, die die Linke fallengelassen hat (wie die Kommunisten zur Zeit der Faschismen die Fahne der liberalen Demokratie aufgenommen haben, die das Bürgertum fallengelassen hatte). Obwohl die soziale Basis der angeblich »linken« Parteien und Bewegungen zum Teil noch aus Angehörigen der »Volks«schichten besteht, spiegelt die Kultur dieser Parteien nur noch die der hohen Staatsbürokraten, der Berufspolitiker, der Akademiker und einiger Managerschichten wider.

Im zweiten Teil dieses Artikels werde ich versuchen, einige Aspekte dieser Kultur zu untersuchen, hinsichtlich

* der Interpretation des Fordismus als historischer Erscheinung,
* der Interpretation des Postfordismus im Lichte der Debatte über die Industriereviere Italiens,
* der Bestimmung der Arbeit als Feind durch die Umweltschützer,
* der selbständigen Arbeit und der Krise der Kulturen der sozialen Sicherheit.

Teil II

In dieser Skizze einer Untersuchung über die selbständige Arbeit wollte ich die Analyse auf zwei Ebenen verfolgen:

* auf einer banalen arbeitssoziologischen Ebene wollte ich rekonstruieren, welche Mechanismen zur Bildung der sogenannten Kleinstfirmen geführt haben, um herauszufinden, in welchem Verhältnis sie zu den anderen Firmenklassen, zum Markt und zum Staat stehen, und zu begreifen versuchen, was sie tun und unter welchen Bedingungen sie arbeiten;
* auf einer elementaren mentalitätengeschichtlichen Ebene wollte ich herausfinden, wie sich die Denk- und Verhaltensweisen der in der Welt der Unternehmen anzutreffenden Subjekte verändert haben.

Seit der Veröffentlichung des ersten Teils dieses Texts sind etliche Monate vergangen. Inzwischen sind neue Fakten dazugekommen und haben Diskussionen stattgefunden, aus denen sich neue Fragen ergeben haben. Aus diesem Grund meinte ich, daß ich die für den zweiten Teil vorgesehene Reihenfolge ändern und einige Präzisierungen vorausschicken müßte. [22]
Arbeitszufriedenheit und Überwindung der historischen Konfliktformen

Im ersten Teil ging es mir nämlich v.a. um solche Dienstleistungen, die am ehesten der historischen »Blaumann«-Arbeit ähneln, eine gewisse körperliche Robustheit voraussetzen und in einem despotischen Abhängigkeitsverhältnis vom Auftraggeber stehen. Ich hatte von einer Verlängerung der Figur des Massenarbeiters gesprochen.

Auf die Frage der Mentalität und der subjektiven Wahrnehmung der Arbeit war ich gar nicht eingegangen, und das hatte zu einigen Mißverständnissen geführt.

Die selbständige Arbeit umfaßt inzwischen viele Tätigkeiten, in denen »lebendige Arbeit« vernutzt wird. Die ideologischen, politischen und sozialen Entwicklungen der letzten hundert Jahre führten dazu, daß diese Tätigkeiten von Menschen übernommen wurden, die ihre Arbeit als Entfremdung und intensive Ausbeutung wahrgenommen haben. Diese Tätigkeiten verbanden sich eng mit kämpferischem Verhalten, Abneigung gegen die und Flucht vor der Arbeit. Gleichzeitig war das Verhältnis sowohl zum Staat und den Institutionen als auch zum Arbeitsplatz in der Fabrik insgesamt ambivalent und widersprüchlich. Die gesellschaftliche Figur des Massenarbeiters steht nämlich einerseits für die Verweigerung der Arbeit, andererseits für Forderungen nach Arbeitsplatzgarantien und Sicherung des Einkommens bei zeitweiliger Arbeitslosigkeit. [23]

Der selbständige Arbeiter nimmt die Ausbeutung ganz anders wahr, denn die Ausbeutung wird als solche nur wahrgenommen, wenn sie mit einer Vorstellung oder Perspektive von Befreiung verbunden ist. Der Massenarbeiter (und vor ihm der Facharbeiter) hatte sich eine eigene Kultur, eigene Kampfformen und Institutionen zur Kontrolle der Ausbeutung geschaffen, die seine Wahrnehmung der Arbeit verändert hatten. Dagegen kann der selbständige Arbeiter nicht nur die Ausbeutung nicht ausschließlich einem äußeren Kommando zuschreiben, da er sie teilweise seiner eigenen Bereitschaft zuschreiben muß, sondern er kann sich auch keine Formen des Kampfes, der Rebellion, der Erpressung vorstellen (bisher ist es ihm nicht gelungen, sich welche vorzustellen), die ihn dem Auftraggeber gegenüber in dieselbe Machtposition versetzt, in der sich der Massenarbeiter manchmal befand, wenn er streikte.

Daß es der kapitalistischen Gesellschaft gelungen ist, die ureigenste Waffe des Arbeitskampfes, den Streik, zu entschärfen und einem großen Teil der »lebendigen Arbeit« diese Waffe zu nehmen, ist ein großer Erfolg für sie, denn diese Kampfform war die Keimzelle aller organisierten Formen der Arbeiterbewegung. Jede Gewerkschaft, Partei und Vereinigung zur gegenseitigen Hilfe, jeder Arbeitsvertrag und jede arbeiterfreundliche Gesetzesinitiative hat mit irgendeinem Streik begonnen.

Damit ist nicht nur der Begriff der Ausbeutung verloren gegangen, sondern auch ein Begriff des Konflikts obsolet geworden, auf dem die politische Kultur jeder und jedes einzelnen beruht hatte. Daher verschwinden nicht nur antikapitalistische Mentalitäten, sondern politische Kulturen schlechthin. Da die Standards der Demokratie eines Landes vom Grad der politischen Kultur bestimmt werden, hat der Verlust des Konfliktbegriffes nicht nur zu einer allgemeinen gesellschaftlichen »Passivität« geführt, sondern auch zu einem (vielleicht vorübergehenden) Verfall der Sensibilität für Demokratie, da nichts anderes den obsolet gewordenen Konfliktbegriff ersetzt hat.

Dazu müssen allerdings drei Anmerkungen gemacht werden:

* Die Geschichte des Massenarbeiters besteht nicht nur aus Rebellionen gegen die Arbeit, sondern auch (vielleicht noch mehr) aus langen Zeiten von Passivität und Akzeptanz sowohl der ökonomischen Ausbeutung als auch der politischen Diktatur.
* Die fordistische Epoche ist zugleich die Epoche, in der der Staatssozialismus noch härtere Formen der Ausbeutung und Disziplinierung des Massenarbeiters verwirklicht als der Kapitalismus, indem er dem Massenarbeiter kulturelle und ideologische Elemente wegnimmt, die als Mittel zum Kampf und zur Befreiung hätten dienen können. [24]
* Man kann zwar also nicht behaupten, daß nur der selbständige Arbeiter »passiv« sei, aber man kann doch deutlich unterscheiden zwischen
o der für den Massenarbeiter typischen Abneigung gegen die Arbeit und Neigung dazu, mittelmäßige Qualität zu bringen, und
o der anscheinend für den selbständigen Arbeiter typischen Leidenschaft für die eigene Arbeit und Neigung dazu, beste Leistung zu bringen.

Wenn die Ausbreitung selbständiger Arbeit mit einer höheren Produktivität zusammenfällt, dann liegt das nicht nur an der Verlängerung der Arbeitszeit, sondern auch an der veränderten Einstellung zur Leistung. In den von uns gesammelten Aussagen sind wir nicht ein einziges Mal auf den Satz »Ich mache eine Arbeit, die mir nicht gefällt« gestoßen. Beruht diese positive Einstellung zur Arbeit nur darauf, »daß man nicht mehr stempeln muß«, daß man sich seinen Arbeitsplatz selbst aussuchen und seine Arbeitszeit selbst bestimmen kann, oder beruht sie darauf, daß die Ausübung selbständiger Arbeit die Beherrschung eines breiten Spektrums von Qualifikationen erfordert, »Humankapital«, wie es Mario Deaglio nennt? [25]

Der immer komplexere Erwerb von Wissen, Techniken und Erfahrungen scheint den stärksten Antrieb für die »Zufriedenheit« zu bieten. Manchmal sind auch die Ungewißheit des Marktes, die ständige Kundensuche, die Notwendigkeit, noch perfektioniertere oder neue Dienstleistungen zu erfinden, ein Antrieb dazu, die eigene Leistung zu verbessern und daher eine positive Einstellung gegenüber der Arbeit zu haben.

Diese neue Lust an der Arbeit hat zu der Vorstellung geführt, der »Klassenkampf« sei endgültig vorbei, und die Zeit des Kampfverhältnisses zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen innerhalb der Produktionsorganisation sei von einer Zeit der Kooperation zwischen den verschiedenen Produktions-»Funktionen« abgelöst worden. Die gesellschaftlichen Konflikte hätten sich auf andere Gebiete, wie die sexuelle Differenz, die Umwelt, die Regeln des politischen Spiels, die Ethnien, usw. verlagert. [26]

Gegen diese Vorstellung sind verschiedene Argumentationen möglich:

– Der Begriff »Klassenkampf« läßt sich nicht trennen vom historischen Entwicklungsgang der Parteien, die sich auf den Kommunismus beriefen, von der Veränderung ihrer Programmatik und von ihrer Regierungspraxis in den sogenannten sozialistischen Ländern. Man kann sagen, daß der Klassenkampf im Sinne einer Auseinandersetzung, die mit der Niederlage eines der beiden Gegner enden muß, schon mindestens seit den 30er Jahren, lange vor dem sogenannten »Postfordismus«, aus dem Denken und der Propaganda der kommunistischen Parteien in den hochindustrialisierten Ländern verschwunden ist.

– Die »gewerkschaftliche« Organisation der Interessen der Beschäftigten läßt sich nicht mit dem institutionellen Ausdruck des Klassenkampfs gleichsetzen. Die Gewerkschaftskultur ist nicht nur im Arbeiterprinzip der Gegenseitigkeit, sondern auch im liberalen Prinzip der Konkurrenz auf dem Markt begründet. [27]

– Die Behauptung, die postfordistische Arbeitsorganisation habe die Interessenkonflikte abgeschafft, nur weil die »gewerkschaftliche Ausdrucksform« solcher Konflikte obsolet geworden oder von der Gewerkschaft selbst aufgegeben worden ist, oder einige Waffen wie der Streik nicht mehr benutzt werden können, läßt sich nur schwer halten. Denn obwohl die selbständigen Arbeiter derzeit wirklich nicht kämpferisch gegenüber ihren Auftraggebern auftreten und mit der Ausübung ihrer Tätigkeit zufrieden wirken, ist damit nicht gesagt, daß sie sich in einem veränderten historisch-ökonomischen Kontext weiter so verhalten werden.

– Die bisher angestellten Überlegungen beziehen sich auf einen zu kurzen Zeitraum, nämlich ca. 15 Jahre. Wenn das Verhältnis zwischen Auftraggebern und selbständigen Arbeitern despotisch wird, wenn die Wirtschaftskonjunktur die Marktbedingungen verschlechtert, wenn die Steuerbelastung steigt, wenn die Rezentralisierung der Unternehmen den Markt schrumpfen läßt: Wer garantiert dann, daß in den von der selbständigen Arbeit hervorgebrachten Mentalitäten nicht Gedanken an Kampf und Revolte gegen dieselben Symbole aufblühen, die der Kampf und die Revolte der Arbeiter verwandt hatten?

– Fünfzehn Jahre sind noch nicht einmal der Abstand einer Generation, und wie Deaglio richtig beobachtet hat, läßt sich das Kapital der selbständigen Arbeit nur zum geringsten Teil an die Kinder übertragen. Der Generationenwechsel könnte noch Überraschungen für uns bereithalten. [28]

– Die positive oder negative Einstellung zur Arbeit, die vorhandene oder nicht vorhandene Bereitschaft zum Kampf hängen nicht von »anthropologischen«, sondern von historisch-politischen Faktoren ab. [29]

Daher dürfen wir nicht von der frei erfundenen Frage ausgehen, ob es »den Klassenkampf« noch geben wird oder nicht, sondern

– ob wir denken, daß die Existenz gegensätzlicher Interessen und die Organisation der Interessen überwunden ist oder nicht, und

– ob die organisierte Form der Interessen noch die »Gewerkschaftsform« sein kann oder nicht, d.h. eine Form, die ein soziales Kollektiv voraussetzt.

Auf die Vorstellung, daß der Konflikt sich auf andere Gebiete verlagert habe (Umwelt, sexuelle Differenz, Nationalismen usw.), läßt sich im übrigen sehr leicht anworten, daß diese Konflikte, wenn man bestimmte Interpretationsschemata anwendet, nur als andere Formen des Interessenkonflikts zwischen gesellschaftlichen Gruppen erscheinen. Wiederum sollten wir nicht diskutieren, ob gewisse gesellschaftliche Erscheinungen aus der Geschichte verschwunden sind oder nicht, als handele es sich um ausgestorbene Pflanzen- oder Tierarten, sondern uns klarmachen, von welchen Standpunkten aus eben diese gesellschaftlichen Erscheinungen analysiert werden. Es gibt nicht »einen Umweltkonflikt«, es gibt Dutzende von möglichen Umweltideologien mit unterschiedlichen Kampfintensitäten, -formen und -zielen und unterschiedlichen gesellschaftlichen Subjekten. Wir können bloß beobachten, daß die vorherrschende Umweltideologie in den achtziger Jahren den Klassenstandpunkt aus ihrem Gesichtskreis verbannt hatte, während das vor 70 oder auch nur vor 15 Jahren anders war. [30]

Selbständige Arbeit, Individualismus und staatliche Institutionen

Die gängige Annahme, daß die selbständige Arbeit zum »Individualismus« oder einer individualistischen Mentalität führe, während die abhängige Arbeit, vor allem in Großbetrieben, »solidaritätsorientierte« Mentalitäten hervorgebracht habe, halte ich für sehr fragwürdig. [31]

Da dies ideologische Begriffe sind, muß man überprüfen, in welchem historisch-politischem Kontext sie formuliert werden. Die Solidarity, in deren Zeichen die ersten Arbeiterrevolten gegen den Individualismus und Egoismus der Streikbrecher stattfanden, zeigte den Bruch innerhalb der Belegschaften an: zwischen den wenigen, die versuchten, den eigenen Rechten Geltung zu verschaffen, und den vielen, die den Kopf einzogen. Die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung ist eine Geschichte von Brüchen mit dem Individualismus zugunsten der gegenseitigen Hilfe oder des kollektiven Protests. Die Massenorientierung wurde immer wieder neu als Widerspruch gegen ein auf dem Individualismus beruhendes »Normal«-Verhalten formuliert. Die Existenz einer kollektiven Mentalität bedeutet nicht per se Solidarität. Die Geschichte des Kapitalismus, insbesondere des Taylorismus und Fordismus, ist eine Geschichte der Einführung von Techniken (wie der Akkordarbeit), die dort, wo sich solidaritätsorientierte Verhaltensweisen durchgesetzt hatten, den Individualismus wiederherstellen sollten. Zu den Grundlagen der Wiederherstellung individualistischer Verhaltensweisen gehörte die Verwandlung der Arbeiterbewegung in eine Bürokratie zur Kontrolle der Klassenbewegungen. Die Solidarität unter Arbeitern wurde zur Gefahr für die Kontrollfähigkeit der Bürokratien. Nicht zufällig tauften im angelsächsischen Raum die meisten Arbeitergruppen, die sich der bürokratisch-mafiosen Verfilzung der Gewerkschaft entgegensetzten, ihre Heftchen auf den Namen »Solidarity«. Solidarische Mentalitäten sind der abhängigen Arbeit nicht »angeboren«, sondern müssen ständig neu erkämpft werden. [32]

In der Geschichte des Begriff Solidarität gibt es schließlich noch eine ganz »italienische« Bedeutung: Im Gewerkschaftsjargon der 80er Jahre heißt »Solidarität«, daß die abhängige Arbeit auf besondere Forderungen und jegliche Rigidität verzichtet, da diese angeblich die Kollektivität schwächen und auf eine spalterische »korporative« Bewegung hinauslaufen. War die Solidarität ursprünglich ein Mittel zur Durchsetzung von Rechten und ökonomischen Spielräumen, so wird sie jetzt zu einem Mittel des Verzichts darauf zugunsten eines abstrakten »kollektiven Interesses« aller Bürger. Ende der 80er Jahre konnotiert der Begriff »Solidarität« eine bestimmte Politik im Verhältnis zur Einwanderung von außerhalb der EG. [33]

Aber hier öffnet sich ein weites Feld, das weit über die Unterscheidung zwischen selbständiger Arbeit und abhängiger Arbeit hinausgeht und ein kritisches Nachdenken über die Einwanderungspolitik, über den angeblichen »Rassismus« der weniger begünstigten Schichten und die angebliche »Solidarität« der privilegierten Schichten nötig macht. Umso mehr erscheint die Zuordnung »individualistischer« Verhaltensweisen zur selbständigen Arbeit als Unsinn oder als x-te selbstmitleidige Erfindung der »Linken« zur Erklärung ihres gesellschaftlichen Bedeutungsverlustes.

Statt über den angeblichen »Individualismus« sollte man sich lieber Gedanken über die räumliche und wirtschaftliche Fragmentierung der selbständigen Arbeit machen, die nicht nur einen Begriff von Konflikt obsolet macht, sondern auch dazu führt, daß die selbständige Arbeit die Öffentlichkeit [agorà] der sozialen Bewegungen nicht benutzen kann. Das verstärkt die Unsichtbarkeit der selbständigen Arbeit als kollektivem Subjekt und gesellschaftlichem Akteur. Interessanter wäre es, das von den Ansätzen der Frauenforschung aufgeworfene Problem der domestication genauer zu untersuchen. [34]

Um sich politisch ausdrücken zu können und sich überhaupt wieder einen Raum dafür zu schaffen, muß die selbständige Arbeit vielleicht bis zur Erfindung einer telekommunikativen Öffentlichkeit [agorà telematica] warten. Solange diese oder andere Formen nicht erfunden sind, stellt die selbständige Arbeit einfach zwangsläufig einen politischen Schattensektor voller Unbekannter dar.

Aus allen von uns gesammelten Interviews ergibt sich eine Haltung von totalem Mißtrauen gegenüber dem Staat wenn nicht gar Feindseligkeit gegenüber einer Institution, die nicht da ist, wenn man ihre Hilfe braucht, die nicht funktioniert, wenn man sie benutzen will, und die einem unersättlich an den Geldbeutel will. Das Gefühl, nur eine halbierte Staatsbürgerschaft zu besitzen, nicht voll zum System der Regeln und der Vorteile zu gehören, das ein staatliches Gefüge bietet, führt zu einem Unbehagen, das bis heute keine geeigneten und eigenen Ausdrucksformen gefunden hat, zu einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Verachtung gegenüber den Garantierten, besonders gegenüber den oberen Schichten im öffentlichen Dienst. Je mehr sich der Staat mit den Parteien identifiziert, desto mehr verstärkt diese Einstellung noch die Fremdheit gegenüber der Sprache und den Ritualen der Politik, außer wenn diese einen Marktvorteil darstellen. Deshalb sind sie eher Wechselwähler als ideologische Wähler, bzw. haben sie das »Lagerdenken« zugunsten eines tendenziell warenförmigen Verhältnisses zur Politik aufgegeben. [35]

Selbständige Arbeit und Steuermoral

Zu dieser Problematik gehört die Behauptung, die selbständigen Arbeiter seien die wichtigsten Steuerhinterzieher.

Dazu gibt es nicht viel zu sagen: Bei traditionellen selbständigen Arbeitern (Händler, Freiberufler usw.) ist Steuerhinterziehung vielleicht gang und gäbe, aber die selbständigen Arbeiter, um die es uns hier geht, die durch dezentralisierte Produktionsformen und neue unternehmensorientierte Dienstleistungen entstanden sind, können schon aus dem einfachen Grund nicht in großen Umfang Steuern hinterziehen, weil ihre Auftraggeber ein Interesse daran haben, die ihnen entstandenen Kosten nachzuweisen. Von daher ist das Haupthindernis bei der Steuerhinterziehung nicht das Finanzamt, sondern der Auftraggeber selbst – meist ein Industrieunternehmen oder zumindest eine Einrichtung mit unternehmerischen Zielen. In den letzten Jahren hat die steuerliche Belastung der selbständigen Arbeit zugenommen, während der im Parteiensystem verkörperte Staat stark verkommen ist, was das Gefühl von Fremdheit und Feindschaft gegenüber den Institutionen noch verstärkt hat, falls das überhaupt möglich war. Die Einführung der minimum tax [Mindeststeuer, die jeder unabhängig von einer Steuererklärung bezahlen soll, A.d.Ü.] riskiert einen endgültigen Bruch zwischen staatlichen/politischen Institutionen und selbständiger Arbeit, ohne spürbar mehr Steuereinnahmen zu bringen. Das Prinzip der minimum tax kehrt das Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Bürger, auf dem die von Vanoni eingeführte Einkommenssteuererklärung beruhte, vollkommen um und ersetzt es durch eine Schuldvermutung gegenüber dem Bürger.

Noch eine letzte Beobachtung zu einer verbreiteten Mentalität im Umkreis der selbständigen Arbeit: Nicht wenige derjenigen, die diese Form von Tätigkeit gewählt haben, sind infolge der Entlassungen und Säuberungen Ende der 70er Jahre dazu gezwungen worden, d.h. sie gehören zu der Generation, die von den damaligen Utopien und dem damaligen gesellschaftlichen sozialen Antagonismus lebte. Sie haben eine Niederlage und einen Marginalisierungsprozeß ähnlich wie in den Jahren nach dem Krieg hinter sich, als Tausende von Menschen nach verlorenen Kämpfen auf dem Land und in den Fabriken emigrierten oder sich in Produktions- und Arbeitskooperativen organisierten. Der große Unterschied besteht höchstens im Schulbildungsniveau und in der Art der Arbeit, die die Ausgeschlossenen der 50er Jahre im Vergleich zu denen der 70er Jahre ausüben konnten. Diese Generation der 70er Jahre hatte die Muster der fordistischen Gesellschaft und der kommunistischen Ideologie kulturell schon überwunden. In vielen Fällen stand hinter der Entscheidung für eine selbständige Arbeit die bewußte Ablehnung der totalen Institutionen der Produktion [in der Soziologie sind mit »totalen Institutionen« v.a. Knäste und Psychiatrien gemeint; A.d.Ü.]. So oder so, ob die Entscheidung aufgezwungen war oder nicht, ist die selbständige Arbeit der 80er Jahre in Italien von den Ereignissen der 70er Jahre und der politischen Atmosphäre der »bleiernen Zeit« kulturell geprägt. Es ist gut möglich, daß die mißtrauische Haltung gegenüber den Institutionen von diesen Prozessen herrührt.

Der Kongreß von Nijmegen (November 1992)

Am 30. November und 1. Dezember 1992 fand in der holländischen Universitätsstadt ein internationaler Kongreß mit dem Titel Autonomy and independent work? und dem Untertitel Experiences with restructuring industrial organization in West and East statt.

Es war eine wichtige Gelegenheit, um

– eine Bilanz über den Wissensstand und die Erklärungsversuche zum Phänomen der selbständigen Arbeit zu ziehen;

– eine Reihe von Daten über die Ausbreitung des selbständigen Unternehmertums in den ehemaligen sozialistischen Staaten seit 1989 zu bekommen;

– festzustellen, daß der Begriff »selbständige Arbeit« auch in der sogenannten »internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft« langsam eine eigene, vom Begriff »Kleinstfirma« unterschiedene Bedeutung gewinnt.

Die Lektüre der Unterlagen bestätigt die im ersten Teil dieses Aufsatzes eingeschlagene Untersuchungsrichtung; zahlreiche Forscher anderer Länder sind zu denselben Schlußfolgerungen gelangt. [36]

Das Eröffnungsreferat wurde von dem amerikanischen Ökonomen Charles Sabel gehalten, der entscheidend dazu beigetragen hatte, den Mythos vom italienischen Modell der flexiblen Spezialisierung zu kreieren, und sozusagen als einer der Väter der historischen Kategorie »Postfordismus« gilt.

Der Ansatz von Sabel und Michael Piore, die 1984 in dem Buch The Second Industrial Divide ausgehend von einer Untersuchung der italienischen Industriereviere den Kleinbetrieb und das vernetzte Unternehmen analysierten, hat in der ganzen Welt Schule gemacht und wird, ohne daß die Verfasser selbst dies gewollt hätten, in den östlichen Ländern, die die Marktwirtschaft einführen wollen, als positives politisches Modell verstanden.

Interessanterweise ließ sich in Nijmegen nämlich feststellen, daß sich zwei gegensätzliche Interpretationsrichtungen abzeichnen: die eine sieht im Klein- und Kleinstunternehmen weiter einen neuen Entwicklungshorizont des Kapitalismus und der Demokratie, eine moderne Version der »animalischen Geister« des Unternehmertums. Die andere unterstreicht die tiefe Kluft zwischen Unternehmensorganisation und selbständiger Arbeit, betont die Arbeitsleistung und begreift sie als Teil der Krise des kapitalistischen Modells, der Deindustrialisierung und der Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt.

Das Interessante daran ist, daß diese zweite Interpretationsrichtung, der ich mich zurechne, keine marxistischen Analyseschemata benutzt, sondern höchstens vage Anklänge an den Marxismus. Das zeigt einerseits, daß man nur die klassischen Kategorien der »bürgerlichen« ökonomischen und soziologischen Analyse korrekt anwenden muß, um die Ideologie und Praxis des heutigen Neoliberalismus zu kritisieren. Zum anderen zeigt es, daß in der Kritik nicht notwendigerweise die Forderung nach Abschaffung der Marktwirtschaft enthalten ist.

Es würde sich lohnen, die etwa hundert Referate und Beiträge auf dem Konreß zu analysieren; leider reicht der Platz dafür hier nicht. Ich beschränke ich mich auf einige wenige, um die wichtigsten Untersuchungsrichtungen anzudeuten.

Jane Wheelock vom Fachbereich Sozialpolitik der Universität Newcastle hat eine Stichprobe von Kleinstfirmen im nordostbritischen Wearside untersucht. Sie sieht das self employment als Folge des Deindustrialisierungsprozesses und insofern als eine notgedrungene Entscheidung, um aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen, was übrigens von einigen Untersuchungen über die Zwischenkriegszeit bestätigt wird. [37]

In den vier Konfigurationen subcontract, self employment, freelance und associate employees funktioniert die Kleinstfirma in den Nischen der Wettbewerbsökonomie, steigert die Arbeitsintensität und führt zu Einkommensniveaus, die das reine Überleben decken und oft unter dem Einkommen vor Gründung des Kleinstunternehmens liegen.

Wheelock ist Autorin verschiedener Veröffentlichungen in dieser Richtung. In der Tradition der Frauenforschung sieht sie als entscheidendes Element dafür, daß das Geschäft funktioniert, die Kleinfamilie. Sie erlaubt Teamwork (auf demselben Niveau wie die Gruppenarbeit bei Nissan); sie ist für die Flexibilisierung der Arbeit verantwortlich, und sie macht die Selbstausbeutung möglich, weil sie Verdienstanreize mit Gefühlsanreizen verbindet; sie ist der Kleber zwischen entlohnter Arbeit und unbezahlter Hausarbeit; sie erlaubt eine Austauschbeziehung zwischen Männer- und Frauenrolle, die der Kleinstfirma auch ohne öffentliche Sozialleistungen das Überleben sichert.

Die Autorin greift in diesem Zusammenhang auf den Begriff domestication zurück, der den häuslichen Bereich als Schutz vor den Schwierigkeiten des Marktes versteht und ihr eine viel komplexere und interessantere Interpretation der selbständigen Arbeit ermöglicht als Begriffe wie »Individualismus«. [38]

Kiril Todoroff vom Fachbereich Industrie-Business der Universität Sofia erinnert zunächst daran, daß in Bulgarien seit 1989 etwa 180.000 neue Firmen entstanden sind, daß die durchschnittliche Beschäftigtenzahl pro Firma kaum mehr als drei beträgt, daß nur 19,4 Prozent dieser Firmen immaterielle Güter produzieren und daß 25 Prozent Handel betreiben. Davon ausgehend betont er,

– daß diejenigen, die wegen der Abwicklung der staatlichen Industrie arbeitslos geworden sind, sich notgedrungen für neue Kleinstfirmen entschieden haben;

– daß die neuen Kleinstfirmen nur mit Mühe überleben, da sich die Verbraucherpreise vervierfacht haben, so daß sie sich bei ihren staatlichen Lieferanten verschulden;

– daß sie zum größten Teil aus Menschen zwischen 35 und 40 mit höherer Schulbildung und umfangreichen beruflichen Kenntnissen bestehen. [39]

Zu noch eindeutigeren Schlußfolgerungen kommt Saija Katila von der Schule für Ökonomie in Helsinki nach einer großangelegten empirischen Untersuchung über Motivationen und Werte bei finnischen Kleinstunternehmern. Sie spricht von einem »erzwungenen« Prozeß der Aufnahme nichtländlicher Unternehmertätigkeiten, den der Ruin der traditionellen Landwirtschaftsbetriebe ausgelöst habe. [40]

Das Referat von Klara Foti vom Institut für Weltwirtschaft in Budapest, das zusammen mit der Universität von Nijmegen die Konferenz organisiert hat, läßt klar erahnen, daß das Modell der flexiblen Spezialisierung der italienischen Industriereviere für die neuen Ökonomen der östlichen Länder eine politische Ausrichtung und symbolische Bedeutung gewinnt, die meilenweit von der Wirklichkeit entfernt ist. In ihrem Sprachgebrauch sind die Begriffe »Fordismus« oder »fordistisches System der Massenproduktion« inzwischen gleichbedeutend mit dem »sowjetischen System«, d.h. mit der staatlichen Zentralisierung der Produktionsmittel (der arme Henry Ford würde sich im Grab umdrehen), die zu Stagnation und Krise geführt habe. Das Modell der flexiblen Spezialisierung ist folglich ein neues Paradigma, eine Synthese des neuen demokratischen Denkens. Es sieht so aus, als würden sehr viele neue Ökonomen in den osteuropäischen Länder entweder dieses Modell als allgemeines Paradigma übernehmen oder ganz unverfroren mit dem Schumpeterschen Begriff der »schöpferischen Zerstörung« hantieren.

Mit der Analyse der Entwicklung einer Reihe von ungarischen Verarbeitungsbetrieben seit den ersten Reformen (1968-1988) will Foti zeigen, wie die Bemühungen um Wettbewerb und Effizienz trotz angeblicher Autonomie der Unternehmerentscheidungen von ständigen Eingriffen des Staates auf die Produkt- und Prozeßentscheidungen frustriert worden seien. [41]

Der Übergangsprozeß zur Marktwirtschaft folgt dem gleichen Muster wie die Reformen in der kommunistischen Zeit, da es sich bei ihm um eine von oben gesteuerte Privatisierung handelt. Obwohl sie an das Modell des kleinen spezialisierten Unternehmens glaubt, betont die Autorin, die sich hierin mit ihrer Kollegin Magdolna Sass einig ist, daß in Ungarn bis heute die institutionellen, Markt- und subjektiven Bedingungen für die Durchsetzung eines derartigen Modells fehlen. [42] Der Staat hat die »Filetstücke« verkauft, und die privatisierten Firmen verwandeln sich schnell in Subunternehmerfirmen, seit ein Steuerrecht eingeführt wurde, das subcontractors begünstigt. Auch die beiden Ökonominnen aus Budapest heben hervor, daß die Menschen, von denen neue unternehmerische Initiativen ausgehen oder ausgehen könnten, über ein sehr hohes Bildungsniveau und großes »Humankapital« verfügen.

Malgorzata Balkowska von der Wirtschaftsstiftung der NSZZ »Solidarnosc« in Danzig erzählt, daß ihre Stiftung zusammen mit der Ohio State University Schulungsprogramme für kleine Firmengründer organisiert und Klein- und Mittelbetrieben »Brutkasten«-Dienste in Form von finanzieller und juristischer Unterstützung bietet. [43] Die vom Vorstand der »Solidarnosc« eingerichtete Stiftung finanziert sich aus Beiträgen des polnischen Staates und ausländischer Regierungen, besonders der USA. Staaten. Aber nicht alle glauben, daß diesem Weg Erfolg beschieden sein wird.

Scharfsichtig und streng analysiert Witold Jakobik, ein Ökonom vom Institut für politische Studien der polnischen Akademie der Wissenschaften, die Schocktherapie, der die Wirtschaft Polens seit fünf Jahren nach den monetaristischen Rezepten unterworfen worden ist. [44] An einem konkreten Beispiel legt Jakobik die Strategie der »schöpferischen Zerstörung« bloß und benennt die Gründe für ihr Scheitern. Es habe sich um einen Prozeß gewollter Rezession gehandelt, um die wettbewerbsschwachen Firmen zur Aufgabe zu zwingen und damit die Verschiebung von Ressourcen in effizientere Sektoren und Firmen zu fördern. Trotz unbestreitbarer Erfolge bei der Wechselkursstabilität, der Inflationsabbremsung und der Verfügbarkeit von Waren auf dem Markt sei das Ziel des Umbaus des Produktionsapparats vollständig gescheitert. Der vorgebliche Rückzug des Staates aus dem Wirtschaftsinterventionismus habe sich ins Gegenteil verkehrt, da der Staat immer noch mit den Mitteln der Geld- und Haushaltspolitik den makroökonomischen Rahmen bestimme, einschließlich der Finanzierungsbedingungen der Privatfirmen und besonders der finanziellen Möglichkeiten der öffentlichen Firmen, die noch 75 Prozent des verarbeitenden Sektors ausmachen. Es gab also einen dramatischen Zusammenbruch der Produktion, ohne daß neue Initiativen entstünden, da der Staat weder über eine Strategie noch über ein industriepolitisches Instrumentarium verfüge, um selektiv zu intervenieren und nach der Zerstörung die Aufbauphase einzuleiten. Jakobik scheint nicht an die Modelle der flexiblen Spezialisierung und den Mythos des spontanen Kleinbetriebs zu glauben. Seiner Meinung nach bieten nur gemischte Eigentumsverhältnisse einen Ausweg.

Ähnlich skeptisch werden die Aussichten des Kleinunternehmens und das Modell der flexiblen Spezialisierung von Al Rainnie beurteilt, der der englischen Zeitschrift Capital and Class nahesteht und den Forschungsbereich Lokale Wirtschaft an der Universität Hertfordshire leitet. Er greift eine von Wissenschaftlern wie Ben Harrison und Ash Amin initiierte Interpretationslinie auf. [45]

Ihre These ist, daß die Tendenz des gegenwärtigen Kapitalismus nicht in Richtung Abbau vertikaler Strukturen, sondern in Richtung Konzentration des Kommandos geht, wobei eine vernetzte Struktur benutzt wird, in der die Hierarchien verschiedene Formen annehmen, nicht nur die einer Pyramide. Besonders beobachtet Rainnie die Veränderungen, die im Verlauf dieses Prozesses in den Subunternehmen vor sich gehen. Er unterscheidet drei Typen von Subunternehmen: Subunternehmen aufgrund von mangelnden Produktionskapazitäten, spezialisierte Subunternehmen, die eine Art Partnerschaft mit dem Auftraggeber eingehen, und Zulieferer. Die Einführung der just-in-time-Techniken und der Qualitätskontrolle hätten das Verhältnis zwischen Auftraggeber und Subunternehmer radikal geändert – entlang der subcontracting chain. Außer bei den Firmen »ganz oben«, von denen es immer weniger gibt, findet man die Subunternehmerkette hinab hierarchische Beziehungen, an denen deutlich wird, daß der unabhängige Kleinbetrieb verschwindet. Je weiter nach unten oder an die (funktionale, nicht räumliche) Peripherie man kommt, desto austauschbarer werden die Subunternehmer; das Großunternehmen sucht sich die mit den niedrigsten Arbeitskosten aus. Es ist eine völlige Illusion, zu glauben, daß sich auf einer derart wackligen Grundlage und ausgehend von einem derart despotischen Verhältnis zum Auftraggeber lokale Ökonomien errichten ließen. Die Auftraggeber, d.h. die großen Konzerne, werden immer mehr auf outsourcing und global sourcing zurückgreifen. Einmal werden sie sich bei Subunternehmern vor Ort eindecken, dann wieder bei Subunternehmern in Fernost oder Lateinamerika oder in den Steppen Zentralasiens. Daher sei das »postfordistische« Modell auf dem absteigenden Ast: Es sei weder ein Erklärungs-Paradigma noch eine Perspektive für eine neue Ökonomie mehr, und mit ihm seien auch die Lokalismen im Untergang begriffen.

Entgegengesetzter Meinung ist Huib Ernste vom Fachbereich Geographie des Schweizerischen Bundesinstituts für Technologie, der sein Vertrauen in die Modelle des Industriereviers und der flexiblen Spezialisierung bekräftigt, wobei er die Uhrenproduktion im Jura als Beispiel nimmt. [46] Ernstes Referat ist interessant, weil er darauf hinweist, daß Charles Sabel das Produktionsmodell der Reviere nicht nur als Kapitalismus von morgen gelobt hatte, sondern auch als neue Form des Sozialstaats, in der die öffentliche Hand Hilfen und Dienstleistungen für die Unternehmensstrategien bereitstellt und lokale Selbstregulierungssysteme eine grundlegende Rolle spielen, die in einer bestehenden Kooperationskultur wurzeln (wie im weißen Veneto oder in der roten Emilia). Es handele sich daher um »harmonische« Gesellschafts- und Produktions-Modelle, die die lokale Struktur intakt lassen. Ernste, der die ökologische Dimension außer acht läßt und stattdessen eine Art humanistischen Marxismus wiederaufgreift, meint, man könne dieses System von »Mini-Sonnenstädten« [»microcittà del sole«] weiterentwickeln. Dabei bezieht er sich auf Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns, die der Definition auf ethischen Prinzipien beruhender sozio-ökonomischer Systeme neuen theoretischen Raum eröffnet. Die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Gleichgewichts sei wichtiger als die technische Innovation selbst. Sabel folgend behauptet der Schweizer Wissenschaftler, daß es legitim sei, wenn die Reviergemeinden die eigene Besonderheit auch gegen die zerstörerischen Gefahren der Innovation verteidigten, was er am Beispiel von Swatch zeigt. Wenn sich die Jura-Gemeinde auf den neuen Produkttyp geworfen hätte, um den Japanern nachzueifern, hätte sie wahrscheinlich sowohl die eigene Identität, das eigene Selbstregulierungssystem als auch den Wettlauf auf dem Markt verloren. Durch eine kluge Politik der Bereitstellung lokaler Dienstleistungen und der Schulung und Förderung für Unternehmen, die Anreize zur Übernahme des computer integrated manufacturing geben sollte, habe man die Produktion mechanischer Uhren umstellen und mit einem Produkt hoher Qualität auf dem Markt bleiben können.

Sehr interessant war die Untersuchung, die die Russen Natalia Chernina und Efim Chernin vom wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereich der Universität Novosibirsk vorstellten. Erstens machen sie eine klare Unterscheidung zwischen Kleinbetrieb und selbständiger Arbeit, und zweitens enthalten sie sich ideologischer Vorurteile für oder gegen das postfordistische Modell. [47] Nach Aussage der beiden russischen Wissenschaftler stellen die Kleinbetriebe, die durch die Verselbständigung von aus Großunternehmen herausgelösten Bereichen oder ihrer Privatisierung mittels der Ausgabe von Belegschaftsaktien entstanden sind, den dynamischen Faktor in der russischen Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt dar. Sie hätten aber keine Innovationsprozesse ausgelöst, denn erstens verteilten die neuen Aktionäre die Profite lieber, als sie in neue Maschinerie zu investieren, zweitens täten die völlig vom militärisch-industriellen Komplex abhängigen Universitäten, denen die Welt der Kleinbetriebe völlig fremd sei, nichts für Ausbildung und Forschung, und drittens falle ihr Aufschwung mit einer ökonomischen Krisenphase zusammen. Die russischen Kleinbetriebe sähen sich selbst als »Guerillaeinheiten auf dem Territorium eines von Großunternehmen kontrollierten Marktes«.

Dieser kurzen Zusammenstellung läßt sich entnehmen, daß die Debatte noch reichlich verworren ist, da sich verschiedene Ebenen vermischen. Ich meine weiter, daß diese Verwirrung unter anderem daher rührt, daß zu den »Kleinbetrieben« sowohl Betriebe mit bis zu hundert Beschäftigten als auch selbständige Arbeiter gerechnet werden. Die Überdehnung des Begriffs »Unternehmen« stiftet Verwirrung, denn die Kategorien zur Analyse von betrieblichen Organismen stammen ausschließlich aus der Praxis der Großunternehmen. Die Gesetze der Mikroökonomie werden vom big business bestimmt. So sehr man sich auch bemüht hat, die spezifischen Merkmale der Kleinunternehmen zu erkennen: in den Augen des Betrachters sind sie immer Mikro-Fiats oder Mikro-IBMs oder Mikro-Toyotas.

Die Forschung hat Mühe, self employment von enterprise oder selbständige Arbeit von Unternehmen zu unterscheiden, auch weil der angelsächsische Begriff business ganz allgemein eine profitorientierte Tätigkeit bezeichnet und insofern allumfassend ist. Es war schon ein Schritt nach vorn, daß der Kongreß im Titel von work sprach und nicht von business.

Nichtsdestotrotz ist ein frischer Wind zu spüren, eine kritische Einstellung, die sich nicht mit den üblichen Gemeinplätzen zufriedengibt. Nicht immer weist die Kritik am vorschnellen Enthusiasmus für das »postfordistische« Modell allerdings nach vorn; sehr oft ist sie nostalgisch im alten fabrikorientierten Schema befangen. Die Grenzen des Kongresses waren auch durch die Entscheidung bestimmt, sich nur mit dem Verarbeitenden Gewerbe zu befassen.

Auf jeden Fall bieten die Referate, die die kritischen Aspekte der gegenwärtigen Übergangszeit betonen, verschiedene Anstöße, die sich auf die Situation in Italien anwenden lassen. Jakobiks Feststellung, es gebe in Polen heute keine industriepolitische öffentliche Kultur und Instrumentarien, trifft heute besonders dramatisch auch auf Italien zu, wo sich das Produktionssystem als weder der Herausforderung des neuen europäischen Marktes noch der des Weltmarktes gewachsen erweist. Der Neoliberalismus beschränkte sich darauf, mit den Hebeln der Geldpolitik und der Haushaltspolitik die makroökonomischen Entwicklungsbedingungen zu schaffen und löste seine industriepolitischen Probleme durch Privatisierungen. Nachdem die Besitzverhältnisse nun geändert sind, müßte aber vielleicht auch eine industrielle Strategie gefunden werden. Wer soll das tun, wenn nicht das Management der großen Konzerne, die die früheren öffentlichen Industrie erworben haben? Und wer bestimmt die Richtung der angewandten Forschung, wenn nicht die großen Konzerne? Und wo werden die Leitlinien der Bildungs- und Ausbildungsprogramme ausgearbeitet, wenn nicht innerhalb der großen corporations? Die italienischen Industriereviere überleben oft nur auf dem Papier, sie sind von anderswo kontrollierten Ketten eingegliedert worden, oder Multis sind an ihre Stelle getreten. Wer sorgt dafür, daß sie und die von den Regionen zur Verfügung gestellten Dienstleistungssysteme neu qualifiziert werden? Soll das spontan geschehen? Genügen die linearen wachstumsorientierten Innovationen, oder müssen die Produktstrategien radikal gerändert werden? Geht es nur darum, die Zukunft der Betriebe zu überdenken, oder darum, neue gesellschaftliche Paradigmen, neue historische Szenarien auf den Punkt zu bringen?

Welche Rolle spielt dann die selbständige Arbeit in den Lernprozessen und der Wissensproduktion? Ist sie trotz ihrer unverzichtbaren Rolle auf dieser Ebene ein völlig abhängiges [subalternes] Subjekt?

Wir haben die ökonomischen Vorteile untersucht, die sie Ausbreitung der selbständigen Arbeit mit sich bringt (Arbeitszeit, gesellschaftliche Belastung, Verfügbarkeit), aber wir haben uns kaum mit den Vorteilen beschäftigt, die die selbständige Arbeit dem Gesamtkapital bietet bei

* der Einsparung von Ausbildungskosten
* den Lernzusammenhängen
* der Qualität des Wissens.

Ein neuer Forschungsstrang: Die räumliche Verlagerung des Wissens

Im ersten Teil dieses Textes, der in der ersten Nummer von Altre ragioni erschien, hatte ich die selbständige Arbeit vor allem hinsichtlich der intensiven Ausbeutung der Arbeitskraft betrachtet.

Es schien mir ebenfalls wichtig, die selbständige Arbeit unter dem Aspekt von beruflichen Tätigkeiten anzusehen, die ein großes intellektuelles Engagement und eine höhere technisch-wissenschaftliche Ausbildung erfordern, und die bislang den Führungstätigkeiten zugerechnet wurden.

Auch hierbei habe ich auf meine persönliche Erfahrung – weniger als Akteur, sondern eher als jemand, der die Arbeit von anderen aus der Nähe beobachtet – und auf einige Interviews, vor allem mit Michele Pacifico, zurückgegriffen.

Eine Branche, die sich besonders gut eignet, um einige Ausgangshypothesen zu überprüfen, ist die Unternehmensberatung. Die Wurzeln dieses Berufs gehen auf das scientific management der 20er Jahre zurück, aber wie wir sehen werden, hat eine Reihe von Umständen in den letzten 20 Jahren dazu geführt, daß er den »neuen freien Berufen« zugerechnet wird. Er steht also zwischen »Fordismus« und »Postfordismus«.

An dem anderen Sektor, mit dem ich mich beschäftigt habe, lassen sich eigentlich sowohl die Probleme aus dem ersten Teil dieser Studie als auch die aus dem zweiten Teil untersuchen, da Überausbeutung und Einsatz hoher technisch-wissenschaftlicher Kenntnisse hier eng miteinander verwoben sind. Da er eine Brücke zwischen dem ersten und dem zweiten Teil darstellt, will ich ihn zuerst vorstellen.
Anmerkungen über die handwerklichen Zulieferbetriebe in der hochentwickelten Großindustrie (Chemie, Stahl)

Im Bereich der Instandhaltung/Reparatur in den großen Industriewerken werden seit mindestens 15 Jahren immer mehr Arbeiten ausgelagert. Daher läßt sich die selbständige Arbeit in der Produktion hier besonders gut untersuchen. Hier gibt es spezialisierte kleine Handwerksfirmen, deren Inhaber zwei oder drei feste Mitarbeiter plus je nach Arbeitsanfall ein paar andere beschäftigen (die Arbeit wird meist überdurchschnittlich bezahlt, weil das Personal hochspezialisiert ist und diese Arbeit außerdem meist als Zweitjob macht). Dann gibt es unspezialisierte kleine Handwerksunternehmen, die gegründet werden, kaputtgehen, sich neu zusammensetzen und einen Bereich mobiler prekärer Hilfsarbeit schaffen. Schließlich gibt es Einzelpersonen, Arbeiter und Einpersonenfirmen, meist ehemalige Beschäftigte und Frührentner, die den Großunternehmen ständig für Instandhaltungsdienste oder andere Arbeiten zur Verfügung stehen. [48]

Das Problem der ständigen Verfügbarkeit ist ein Sonderproblem in der großen Galaxis der selbständigen Arbeit an der Grenzlinie zur prekären Beschäftigung und zur Unterbeschäftigung. Sie ist weder vertraglich noch juristisch definiert, sondern eine mündliche Übereinkunft zwischen dem Betrieb und meist ehemaligen Beschäftigten, um rund um die Uhr Mädchen für alles zur Verfügung zu haben. Die Verfügbarkeit ist die eigentliche Arbeitsleistung, die tatsächliche Arbeitsleistung ist in Wirklichkeit eine Nebensache. Da diese Beziehungen informeller Natur sind, könnte man schlußfolgern, daß es hier um Schwarzarbeit tout court geht. Das ist in Wirklichkeit aber oft nicht so, denn der Betrieb muß seine Ausgaben nachweisen können, und dadurch wird der Auftraggeber indirekt zum Finanzbeamten. Schwarzarbeit ist es nur insofern, als die Verfügbarkeit nicht als entlohnbar anerkannt wird. Rund um jedes große Stahl- oder Chemiewerk gibt es Dutzende von Kleinstunternehmen, die unter faktischen Monopolbedingungen arbeiten: Wenn sie zur Arbeit gerufen werden, müssen ihre Leute Doppelschichten und 70, 80 Überstunden pro Woche bei einer Siebentagewoche machen. Die Tarife liegen seit drei Jahren bei 24.000 Lire pro Stunde plus Auslöse, aber obwohl das schon 20 bis 30 Prozent unter dem tarifvertraglichen Mindestlohn liegt, wird eine zehnprozentigen Senkung gefordert. Seit einem Jahr haben viele Großunternehmen hier die Zahlungen ausgesetzt oder erheblich verzögert.

Die Instandhaltungsarbeit setzt jedenfalls ständige Verfügbarkeit voraus, sei es, weil es sich um Notfälle handelt, sei es, weil sie fast ausschließlich an Sonn- und Feiertagen ausgeübt wird. Ein Wartungsmann kennt weder Sonntage noch Weihnachten; an Tagen, wenn alle anderen arbeiten, hat er nichts zu tun; er arbeitet in den Sommerferien. Das ist einer der Hauptgründe, weswegen die Betriebe die Instandhaltung ausgelagert haben: Das eigene Personal war zu teuer, hatte die Woche über oft nichts zu tun und bekam außerhalb der regulären Arbeitszeit 100 Prozent Überstundenzuschlag. Ein Wartungsmann arbeitet bis zum Umfallen und kann sich unter oft stark gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen nur auf seine eigene körperliche Widerstandskraft verlassen.

Tatsächlich stellt das Unfallrisiko den zweiten Hauptgrund für die Auslagerung dar. Da diese Tätigkeiten mit hohem Risiko behaftet sind oder jedenfalls die Gesundheit gefährden, haben sich die Betriebe geweigert, die Kosten für das Risiko zu übernehmen. Beim eigenen Personal ließ sich die Häufung gesundheitsschädlicher Wirkungen nachweisen, während sich beim prekären Personal Gesundheitsschäden »nicht einem Betrieb oder einer spezifischen Arbeit zuordnen lassen« und bei Betriebsunfällen die Verantwortung auf das Subunternehmen abgewälzt wird. Tatsächlich gehört die Erhöhung des durchschnittlichen Arbeitsrisikos zu den besonderen Merkmalen des Postfordismus, denn hier wirkt sich die Prekarisierung dreifach aus: durch ein unbekanntes Arbeitsumfeld geht die »Erfahrungskurve« gegen Null; es wird überdurchschnittlich viel gefährliche Arbeit angeboten; es gibt keine Rechts- und Versicherungsgarantien.

Durch die Auslagerung wurde die Instandhaltung drastisch reduziert, so daß die Unsicherheit, Unzuverlässigkeit und Veraltung der Anlagen exponentiell zunahm. Die in Kleinstfirmen aus dem Bereich Anlagenwartung und Instandhaltung gesammelten Interviews zeigen, daß es mit der Sicherheit und Effizienz der Anlagen in den italienischen Chemie- und Stahlkomplexen seit 1980 immer schlechter aussieht, was die angeblichen Bemühungen um Qualität lächerlich macht.

Die Abschaffung des festen Instandhaltungspersonals und die Auslagerung dieser Arbeit hat tiefgreifende Veränderungen in der Struktur des technischen Wissens des Unternehmens und indirekt in der industriellen Kultur mit sich gebracht. Diese Veränderungen ließen sich folgendermaßen zusammenfassen: »Im Betrieb gibt es keine Leute mehr, die die Anlagen kennen.« Die meisten Großbetriebe der hochentwickelten Sektoren wie Chemie und Stahl haben die technischen Abteilungen abgeschafft, die die Eigenheiten der Anlagen und der Prozesse kannten und nicht nur einschätzen konnten, welche und wie umfangreiche Reparatur- oder Instandhaltungsmaßnahmen nötig waren, sondern auch, was das kosten würde und wie lange es dauern würde – so daß das Unternehmen den mit der Ausführung beauftragten Firmen einen Zeitlohn zahlen konnte. Wegen der Abschaffung der technischen Abteilungen haben die Betriebe jetzt große Schwierigkeiten, den Lieferanten exakte Angaben über die zu liefernden Materialien und Werkzeuge zu machen. Daher haben sich all diese Kenntnisse auf die Subunternehmen verlagert, bzw. auf jene Handvoll von Subunternehmen, die eben wegen ihrer wirtschaftlichen Stabilität und organisatorischen Kontinuität die »technische Erinnerung« an die Eigenheiten der Anlagen bewahren, mit denen sie zu tun hatten. Heute verhandeln nicht mehr die technischen Abteilungen, sondern die Einkaufsabteilungen mit den Subunternehmen.

Wozu hat diese Vernichtung des technischen Kenntnisschatzes geführt? Dazu, daß die normalen Reparaturen und die begrenzten Instandhaltungsmaßnahmen abgeschafft werden und man die Anlage solange verrotten läßt, bis sie ganz ersetzt werden muß. Dadurch veralten die Anlagen schneller, womit nicht nur die Investitionen angekurbelt werden, sondern natürlich auch die Notwendigkeit entsteht, »schlüsselfertige« Anlagen zu liefern. Nach dieser Philosophie würde sich jemand, dem ein Ventil im Automotor verschmort ist, statt den Zylinderkopf zu erneuern, ein neues Auto kaufen.

Außerdem müssen die Unternehmen die Qualitätssicherung einführen, sind aber nicht in der Lage, die technischen Vorgaben für die Zulieferer auszuarbeiten, so daß die Qualitätssicherung zu einem rein formalen Akt wird, der nach Erpressung riecht.

Bestimmte Kenntnisse werden auch deshalb ausgelöscht, weil die Managementtechniken sie in gewisser Weise überflüssig gemacht haben. Ein Manager kennt nämlich eine einzige, eiserne Regel: das ihm zur Verfügung stehende Budget; er tut nicht, was zu tun ist oder was die technischen Merkmale der Anlage erfordern, sondern was das Budget erlaubt. Da jetzt in den jährlich aufgestellten Instandhaltungsplänen die sich aus der Kenntnis der Anlagen ergebenden Bewertungskriterien fehlen, fehlt auch die Fähigkeit, die Kosten im voraus abzuschätzen. Deshalb muß die Firma, die sich um einen Werkvertrag bewirbt, schon bei Angebotsstellung Aufstellungen und Kostenvoranschläge einreichen (d.h. einen zusätzlichen, nicht anerkannten Service bieten), um Arbeiten durchführen zu können, für die eigentlich spezialisiertes Personal und eine eigene technische Abteilung nötig wären. Dies führt gegenwärtig unter den Subunternehmen, die Anlagen warten oder reparieren, zu einem harten Ausleseprozeß. Da sie alle in einem sehr engen Kostenrahmen arbeiten, können sie sich keine eigene technische Abteilung leisten, sondern bewahren häufig die »Erinnerung« an die Anlagen, mit denen sie schon zu tun hatten. Das heißt aber noch lange nicht, daß sie Aufstellungen oder Pläne erarbeiten können. Also arrangieren sie sich, so gut es geht, sonst müßten sie sich aus der Konkurrenz um die attraktiveren Aufträge nämlich gleich verabschieden. Wenn sie nicht in der Lage sind, die Variablen eines Auftrags genau einzuschätzen, dann können sie auch nicht einschätzen, wie lange sie zur Durchführung der Arbeit brauchen, und laufen daher Gefahr, zu niedrige Angebote abzugeben. Da die Verträge aus den oben genannten Gründen nicht mehr wie früher auf Zeitlohn basieren, sondern »pauschal« abgeschlossen werden, ist das Risiko groß: Lohnaufträge basieren auf einer meist recht präzisen Abschätzung der Mannstunden. Daher riskierte die Werkvertragsfirma nichts; sie mußte einfach die Mannstunden mit dem Stundensatz multiplizieren, den sie fordern wollte, und konnte sich dabei auch noch dicke Spekulations- und Arbeitsvermittlungsgewinne einstecken (die Differenz zwischen dem mit dem Auftraggeber vereinbarten Stundensatz und dem seinen gelegentlich Beschäftigten ausbezahlten Stundenlohn). Heute muß der Subunternehmer den Kostenvoranschlag selbst erstellen. Der Auftraggeber beschränkt sich darauf, das »Problem darzustellen«, er kann nur noch das Angebot mit seinem Budget vergleichen, um alles andere »soll sich der Subunternehmer kümmern«. Dieser ist an sehr engen Zeitrahmen gebunden, da die Anlagen still stehen, solange er arbeitet. Die selbständigen Arbeiter müssen immer mehr wissen, wenn sie sich auf dem Markt halten wollen, aber dadurch erlangen sie keine größere Verhandlungsmacht gegenüber dem Auftraggeber, sondern konkurrieren sich nur untereinander nieder. Sehr selten kann eine Firma z.B. Zahlungsbedingungen aushandeln – diese werden vom Auftraggeber diktiert (60-90 Tage nach Rechnungsstellung).

Die pauschalen Werkverträge sind riskant für die Subunternehmer, weil sie auch Material liefern, d.h. vorfinanzieren müssen, was zu einem weiteren Auslesefaktor unter den Subunternehmern wird, vor allem aber, weil nur für ein »taugliches« »Werk« bezahlt wird. Was besagt das? Daß die Anlage nach Beendigung der Reparatur- oder Wartungsarbeiten funktionieren muß, und wenn sie aus anderen als denen von der Werkvertragsfirma gefundenen Gründen nicht funktioniert, ist sie dafür verantwortlich. Daher ist die Werkvertragsfirma implizit dazu gezwungen, die Anlage vor Vertragsabschluß komplett durchzuchecken; manchmal muß sie sogar die technische Abnahme übernehmen. Ergebnis: Während die Subunternehmer (einmal abgesehen von den Arbeitsvermittlern) vor fünfzehn Jahren nur handwerkliche Qualifikationen organisierten, waren sie seither, um auf dem Markt zu bleiben, gezwungen, sich in High-Tech-Unternehmen (Anlageninspektion, Projekterstellung, technische Abnahme usw.) zu verwandeln und mit einem stark ausgeweiteten Geschäftsvolumen ihr finanzielle Selbständigkeit bewahren. Nur so können sie Firmen mit mehreren Kunden werden. Aber weil der Gewinn immer ziemlich niedrig bleibt, da der Auftraggeber sie weiter wie einen Handwerksbetrieb behandelt, konzentriert sich das notwendige neue Wissen auf die zwei, drei Firmeninhaber.

Mit der Rezession seit 1991 hat in Italien eine neue und noch erbarmungslosere Auslesephase begonnen, die daher rührt, daß die Großunternehmen die Zahlungsfristen für die Zulieferer und damit auch für die Instandhaltungsfirmen verlängert haben. Da die großen Chemie- und Stahlwerke zu einem Großteil in Staatsbesitz sind, bekommt das Volk der Dienstleister, d.h. die selbständigen Arbeiter nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die politisch-institutionellen Schwierigkeiten der staatlichen Industrie zu spüren.

Normalerweise erfolgte die Zahlung 60 oder 90 Tage nach der Rechnungstellung bei Abschluß der Arbeiten. Einige Industrien haben die Zahlungen eingestellt, andere haben die Frist auf sechs Monate verlängert. Das hat unter denjenigen Werkvertragsfirmen, die nicht mehr einfache Handwerker oder Arbeitsvermittler waren, sondern die Modernisierung geschafft und deshalb ihr Überleben für gesichert gehalten hatten, ein Massensterben ausgelöst. Durch Konkurse und Geschäftsaufgaben wurde viel mühsam erworbenes Know how und Kleinstunternehmerenergie verschleudert, während prekäre Arbeit, Verfügbarkeit ohne Gegenleistung und qualitativ schlechte Leistungen zunehmen und die Zuverlässigkeit und Sicherheit der Anlagen abnehmen.

Auch da, wo die Zahlung 60 Tage nach Rechnungsstellung erfolgt, führen die im Rahmen der Qualitätskontrollen eingeführten neuen bürokratischen Verfahren zu derartigen Verzögerungen, daß zwischen Beendigung der Arbeiten und Zahlungseingang sechs Monate vergehen.

Einige Großunternehmen haben nämlich gegenüber den Subunternehmern, mit denen sie Werkverträge abschließen, einen sogenannten Zertifikatsschein eingeführt. Dabei legt das Unternehmen zu Jahresbeginn eine Obergrenze für die Instandhaltungskosten fest und gibt einen Instandhaltungsauftrag hinaus, in dem einige Parameter wie die Lohntarife und die Materialkosten festgelegt werden (die Unordnung auf dem Wechselkursmarkt macht ihnen dann wieder einen Strich durch die Rechnung). Man vergibt den Werkvertrag an eine Firma. Diese soll nach Beendigung der Arbeit eine Abrechnung aufstellen, in der die Lohnkosten und Materialkosten getrennt aufgeführt sind. Die Abrechnung für die entstandenen Materialkosten wird an die Einkaufsabteilung weitergeleitet, die nach sorgfältiger Kontrolle der angegebenen Lieferbeträge eine »Bedarfsaufstellung« anfertigt, bei der jede einzelne Materiallieferung eine laufende Nummer bekommt. Erst jetzt kann das Verfahren zur Ausstellung des Zertifikatsscheins beginnen, d.h. der Bescheinigung, die besagt, daß der Auftraggeber die vom Subunternehmer vorgestreckten Einzelkosten akzeptiert, und diesen zur Rechnungsstellung berechtigt. Trotz Automatisierung der Verwaltungstechniken vergehen Monate, bis das bürokratische Procedere abgeschlossen ist, und auch wenn die Zahlung 60 Tage nach Rechnungsstellung eingeht, erfolgt sie insofern faktisch erst sechs Monate nach Abschluß der Arbeit. Um mit der Verspätung der Zahlungen fertigzuwerden, greifen einige Werkvertragsfirmen auf das factoring zurück, aber dieses stellt nach Aussage meiner Interviewpartner eher ein Erpressungsinstrument als einen Finanzierungsservice für ihre Firma dar: abgesehen von den an den aktuellen Geldkosten orientierten Zinsen führt das factoring zu einem 7,5-prozentigen Rabatt bei der Auftragssumme und schließt den Rücktritt des Vertragspartners aus. Manche Großfirmen, die es gewöhnt sind, mit Verspätung zu zahlen, verpflichten die Subunternehmer zur Nutzung ihrer eigenen factoring-Dienste. Dabei handelt es sich zum allergrößten Teil um staatliche Firmen.

Man sieht also, daß das Großunternehmen technische Kenntnisse und Dienste abstößt, gleichzeitig aber bürokratische Kenntnisse und Funktionen sammelt und dabei immer mehr zu einem Organismus wird, der nicht Waren, sondern Verfahren produziert. Die reine Orientierung an der Bilanz und die Eliminierung aller technischen Kenntnisse hat in den Großunternehmen zu einer tiefgreifenden Veränderung der Mentalitäten und Kulturen geführt, die immer weniger technisch-industriell und immer mehr Verwaltungs- und Managementkulturen sind. Neben dem zunehmenden Verschwinden der Arbeiterklasse läßt sich auch ein starker Rückgang der technischen Kenntnisse von Meistern, Angestellten und Managern feststellen. Die Mentalitäten des industrialistischen Zeitalters werden in der Großfabrik immer seltener und verlagern sich immer mehr in die Galaxis der selbständigen Arbeit.
Organisations- und Managementberatung

Die Unternehmensberatung entsteht in dem Moment, wo die Entwicklung der Unternehmen und die Kapitalfinanzierungspraktiken, besonders an der Börse, die Einrichtung einer äußeren Autorität zur Kontrolle der Managementmethoden mit gleichzeitigen Aufsichts- und Notariatsfunktionen erforderlich machen. [49]

So entstehen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, ein »neuer« Dienstleistungstyp, denn die Finanzierungsverfahren der Unternehmen wie die gewöhnliche Kreditaufnahme, der Eintritt neuer Gesellschafter oder die Ausgabe von Aktien machen eine Überprüfung der Managementmethoden nötig.

Einige der ersten Unternehmensberatungsfirmen auf dem Markt waren ursprünglich Wirtschaftsprüfungsgesellschaften.

Die Unternehmensberatung entwickelt sich aber in dem Moment zu einer spezifischen Sparte, wo die Organisationssysteme und Managementverfahren, d.h. der technische und kulturelle Wissensstand des scientific management, derart anwächst und sich ausdifferenziert (Personalverwaltung, Marketing, Buchhaltung, Ausbildung usw.), daß spezialisierte Profis notwendig werden.

MacKinsey als bekannteste und Andersen als größte Unternehmensberatungsfirma sind inzwischen auf 7.000 bzw. 30.000 Beschäftigte angewachsen. Das Problem der selbständigen Arbeit taucht in dem Moment auf, wo wie heute neben den größeren Gesellschaften eine Schicht von Ein-Personen-Firmen entsteht, von Büros mit zwei, drei oder fünf Gesellschaftern. Es rührt aber auch daher, daß die Beschäftigten der großen Gesellschaften letztlich sehr ähnliche Arbeitsverhältnisse wie selbständige Arbeiter haben, gerade weil es um den Verkauf von professionellen Dienstleistungen geht.

Die selbständige Arbeit in dieser Sparte müßte nach zwei verschiedenen Arten von Kriterien analysiert werden:

– die Organisation der Arbeit selbst und die erforderlichen Qualifikationen;

– die fachlichen Inhalte, d.h. die durch das Eingreifen des Beraters erzeugte Kultur, ihr Innovationsgrad. [50]
Die Hegemonie der US-Kultur

Methode, Jargon und Kultur der Unternehmensberatung wurden und werden bis heute fast ausschließlich von den US-Gesellschaften und den amerikanischen Business Schools bestimmt.

Ihre Verfahren sind am besten überprüft, ihre Ausbildungsmethoden am klarsten; die Berater passen sich nicht nur aus Gewohnheit, sondern pflichtgemäß an sie an; sowohl ihnen als auch den Kunden gibt die Einhaltung der Standardverfahren der US-Schule ein Gefühl von »Sicherheit«.

Man kann in diesem Zusammenhang unmittelbar zweierlei von Beobachtungen machen:

Erstens, daß die Unternehmensberatung eines der deutlichsten Beispiele für die kulturelle Hegemonie der USA über das westliche Gesellschaftssystem ist. Da der Betrieb in den 80er Jahren zum sozialen Archetyp par excellence geworden ist, zu dem Organisationsmodell, an das die anderen sozialen Organismen sich in Stil, Sprache und Zielen anpassen mußten, funktionierte er schließlich auch als Vervielfältigungsmechanismus für die amerikanische kulturelle Hegemonie: Wenn der Betrieb einen US-Jargon spricht und die Gesellschaft den Betriebsjargon, verstärkt sich der Kolonisationseffekt.

Diese Hegemonie wird von der gesamten Geschäftswelt ohne jede Diskussion akzeptiert, sogar von der französischen. Seit der Ausbreitung des Europagedankens und der allmählichen Zunahme des Austauschs zwischen Italien und den EG-Ländern und der gleichzeitigen drastischen Abnahme des Austauschs mit den USA bekommt die totale kulturelle Abhängigkeit von den USA in Sachen Management und Betriebsorganisation allerdings Risse.

Von daher könnte es interessant sein – wir werden gleich sehen, wie das mit dem Problem der selbständigen Arbeit zusammenhängt -, zu überprüfen, ob die Erfolge der Lega Nord in den Teilen Italiens mit sehr vielen Kleinunternehmern nicht zu einem Niedergang des amerikanischen Mythos und zu seiner Ersetzung durch einen »deutschen« oder »französischen Mythos« geführt haben, d.h. ob im Bewußtsein des italienischen Unternehmers Frankreich und Deutschland – angeblich effiziente Länder, wo es viele Dienstleistungen zur Unternehmensentwicklung gibt – den USA nicht die kulturelle Führung abgenommen haben.

Trotz der unbestreitbaren Erfolge bestimmter europäischer Länder und der ebenso unbestreitbaren Mißerfolge bestimmter amerikanischer Firmen und Institutionen ist die Abhängigkeit vom amerikanischen Modell in der Kultur der Unternehmensberatung so stark, daß man hier geradezu von kolonialer Unterwerfung sprechen kann.

Einer der neuen Unternehmensberatungssektoren der 90er Jahre ist der Logistik- und Transportsektor; auf diesem Feld führen die USA nicht. Ohne von den Japanern und vom Toyotismus zu reden, haben Schweden, Holländer, Engländer, Deutsche und Franzosen äußerst fortgeschrittene und ausgeklügelte Organisations- und integrierte Steuerungsmethoden für Lagerhaltung und Warenströme entwickelt. Sie haben eigene Techniken und eigene Schulen entwickelt. Dennoch ist die koloniale Trägheit so stark, daß man oft Untersuchungen von Unternehmensberatungsfirmen oder Universitätsinstituten über den Logistik-, Transport- und Distributionsektor lesen kann, die sich ausschließlich auf US-Quellen beziehen. Auch wenn sich die Dinge langsam ändern, spricht dieses Beispiel dafür, daß die Unternehmensberatung in Italien im europäischen Vergleich am stärksten von den USA abhängig ist. Dabei läuft sie Gefahr, sich selbst »aus dem Markt« zu drängen, nicht zuletzt, weil auch die italienischen Unternehmen selbst mit der festen Überzeugung in die 90er Jahre gehen, ein immer integralerer Teil Europas zu sein, und sich auch kulturell von der Unterwerfung unter die Herrschaft der USA befreien möchten.

Sei es, weil der Beruf des Unternehmensberaters das Markenzeichen USA trägt, oder sei es, weil er die Werte Effizienz, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit konkretisiert: so oder so mußte er in den Rang eines der kommenden »neuen freien Berufe« aufsteigen, zum Symbol der »Modernität« der 80er Jahre werden, auch wenn seine Ursprünge im allerältesten Fordismus liegen. Da er vorwiegend in Form von selbständiger Arbeit ausgeübt wird, mußten die mit ihm verbundenen Symbole, Werte und Phantasien auf die ganze selbständige Arbeit im sogenannten modernen Dienstleistungssektor ausstrahlen.
Beziehungsqualifikationen und berufliche Qualifikationen

Die zweite Reihe von Beobachtungen betrifft das Verhältnis zwischen der »Kreativität« des einzelnen Beraters und der Anwendung standardisierter Verfahren. Da sich der Berater zwangsläufig an die überprüften Verfahren anpassen muß, macht es keinen großen Unterschied, ob er freelancer oder Partner oder Beschäftigter einer großen Beratungsgesellschaft mit ihren besonderen Methoden und besonderen Produkten ist. Ein-Personen-Firmen oder ein paar zu einer Sozietät zusammengeschlossene Freiberufler kochen – auf dieser Ebene – mit demselben Wasser wie Berater, die für eine große Gesellschaft arbeiten.

Der Berater lernt also eine Methode und wendet sie an, aber das ist nicht seine ganze Qualifikation. Ich will hier die Hypothese aufstellen, daß dieser Teil seiner Qualifikation im ganzen gerechnet weniger wichtig ist.

Der wichtigere Teil ist seine Fähigkeit, sich auf den Kunden einzustellen, d.h. einen Beziehungsmechanismus mit dem komplexen System einzugehen, mit dem er es zu tun hat: dem Kundenunternehmen.

Auf dieser Ebene bringt es ihm wenig, daß er die standardisierten Verfahren parat hat. Er braucht vielmehr Einfühlungsvermögen, Diplomatie und Behutsamkeit, d.h. Kenntnisse, die – wie bei allen Berufen normal und üblich – teilweise eine Frage der Erfahrung sind, die aber keine Innovationen produzieren, d.h. es sind Anpassungskenntnisse, keine Veränderungskenntnisse.

Der Berater mischt die Karten der Macht im Unternehmen neu und er stößt möglicherweise genau bei den Subjekten auf Widerstand, die ihm die für die Voruntersuchung unverzichtbaren Informationen geben sollen. Während er die Karten der Macht im Unternehmen neu mischt, ist er oft Beobachter von Machtkämpfen zwischen verschiedenen Fraktionen. Als Berater sollte er sich neutral verhalten, aber damit löst er sein Problem nicht, nämlich die organisatorischen Mechanismen zu durchdringen, um seine Rationalisierungsmaßnahmen und -verfahren zum Ansatz bringen zu können.

Das Produkt, das der Berater verkauft – ob als freelancer oder als Angestellter einer großen Gesellschaft -, ist also nur teilweise innovativ, letzten Endes ist es immer dasselbe. Der innovative und kreative Teil seiner Arbeit ist die »Beziehungsarbeit« und läßt sich daher sehr schwer standardisieren, hier herrscht die Informalität.

Die informelle Beziehung zeichnet sich dadurch aus, daß sie sich nur schwer in Verfahren einbinden, d.h. übertragen läßt. Sie ist eine Innovation, die im selben Moment verbraucht wird, in dem sie erzeugt wird.

Die »abgesehen von besonderen Qualifikationen« und standardisierten Verfahren (also abgesehen vom eigentlichen Beratungsprodukt) zum Kunden hergestellte Beziehung ist so wichtig, daß sie auch erklärt, warum ständig neue Beratungsgesellschaften gegründet werden, d.h. warum sich ein Berater vom Mutterunternehmen löst, um »sich selbständig zu machen«.

Wenn ein bei einer großen Gesellschaft angestellter Berater die Firma verläßt, um eine eigene Firma zu gründen oder selbständiger Arbeiter zu werden, spricht man von einem spin off-Prozeß.

Obwohl das Kundenunternehmen natürlich möchte, daß geprüfte Verfahren angewandt werden, möchte es natürlich ebenso einen »persönlichen« Service und eine ganz besondere Aufmerksamkeit seitens des Beraters bekommen. So stellt sich ein Mechanismus von Vertrauen und Komplizenschaft mit dem Berater her, aus dem die Firma, mit dem das Kundenunternehmen den Vertrag abgeschlossen hat, d.h. der Arbeitgeber oder -vermittler des Beraters, der zwischen 40 und 60 Prozent seines Lohns abschöpft, nach und nach ausgeschlossen wird.

Der Berater trennt sich vom Mutterunternehmen und beginnt seine Laufbahn als selbständiger Arbeiter, oft aufgrund von mündlichen Absprachen, d.h. informellen Beziehungen mit dem Kundenunternehmen, das ihm lange genug Arbeit zusichert, damit er sich selbständig machen kann.

Die beim spin off mitgenommenen Kenntnisse bestehen aus den Grundlagenkenntnissen (Methoden und Verfahren) und der permanenten Weiterbildung bei der Muttergesellschaft. Der Beziehungsmechanismus zum Kunden wiederum macht die Trennung und den Start möglich. Sehr selten dagegen steht hinter einem spin off die Entwicklung eines neuen Produktes, d.h. ein authentischer Innovationsprozeß.

Wenn unser Mann völlig selbständiger Arbeiter geworden ist, sind seine beiden größten Probleme:

– der Aufbau eines Kundenstammes, der von ihm eine neue Investition in Beziehungsfähigkeiten erfordert;

– die permanente Weiterbildung, die ihm gewisse Kosten abverlangt, um sich immer auf dem laufenden zu halten.

Tatsächlich stehen hinter der umgekehrten Entscheidung, nämlich an eine große Gesellschaft gebunden zu bleiben, folgende beiden Faktoren: die Fort- und Weiterbildung, die eine große Gesellschaft ihren Beschäftigten bietet, und die Geschäftsaktivität. In Wirklichkeit muß bei Gelegenheiten zur Fort- und Weiterbildung, d.h. die meist ziemlich teure Teilnahme an Seminaren und Kongressen, selbst wieder Beziehungsarbeit geleistet werden: Der als selbständiger Arbeiter tätige Berater muß sehr sichtbar bleiben, und während er lernt, muß er gleichzeitig auch immer gesellschaftlich-geschäftliche Beziehungen herstellen. Die Beratungskultur unterliegt stark der Mode: Auf dem neuesten Stand zu sein, bedeutet mitunter, frühzeitig über die neuen Moden und die neuen Schlüsselwörter informiert zu sein. Die Bildungsinhalte können also sehr oberflächlich sein, pseudokulturell und pseudotechnisch, und ihr Wert und ihre Verwertbarkeit liegt wiederum überwiegend auf der Beziehungsebene: Die Moden sind weder Kultur noch Innovation, sondern Zeichen der Zugehörigkeit, also Beziehungsprozesse.

Der spin off ist eine Form der Schaffung neuer unternehmerischer Subjekte. Eine andere besteht darin, daß jemand, der in einem Großunternehmen nach oben gekommen ist oder besonders verantwortliche organisatorische Leitungsaufgaben übernommen hat, sich irgendwann von der Firma trennt, um sich als Berater selbständig zu machen.

Während im ersten Fall ein Fachmann seinen Beruf in anderer Form fortsetzt, handelt es sich hier um einen richtigen Berufswechsel: Der leitende Angestellte oder Manager, der den Beruf des Beraters ergreift, weiß weder so gut über Methoden und Verfahren Bescheid wie jemand, der schon immer Berater war, noch hat er Erfahrungen mit so vielen unterschiedlichen Unternehmen. Dafür kann er oft auf einen viel breiteren und gefestigteren Fundus von Beziehungen zählen, und dies ist das wahre »Kapital«, das er mitnimmt, viel mehr oder mindestens genauso sehr wie sein berufliches Knowhow. Wer eine bestimmte Stellung in einem Großunternehmen einnimmt, hat hunderte von Menschen kennengelernt, kleine und große Gefälligkeiten erweisen können, vor allem an Menschen außerhalb des Unternehmens. Er hat Aufträge vermittelt, kleine und große Geschäfte, wenn er in der Personalabteilung gearbeitet hat, hat er Menschen kennengelernt und ausgesucht und mit der Gewerkschaftsgalaxis verhandelt.

Auch hier sehen wir – sogar noch mehr -, daß der informelle, freundschaftliche Beziehungsfaktor wichtiger oder genauso wichtig ist wie der fachliche Faktor, d.h. die Gesamtheit der Kenntnisse, aus denen das verkäufliche Produkt besteht.

Wir können also die Hypothese aufstellen, daß die selbständige Arbeit sich von der abhängigen Arbeit durch das besondere Gewicht – was Zeit, Energie und Geld angeht – des nötigen »Beziehungs«-Engagements und durch den extrem hohen Wert des »Beziehungskapitals« des einzelnen – seines Systems informeller Beziehungen – unterscheidet.

Die eigentliche technisch-wissenschaftliche Qualifikation, d.h. der eigentliche fachliche Inhalt, erscheint als etwas Repetitives, wesentlich Lebloses, das keinen Anreiz zu kreativem oder intellektuell produktivem Verhalten bietet.

Außerdem versuchen die großen Beratungsgesellschaften, zu ihrem Personal Beziehungen herzustellen, die nichts mit den Formalien abhängiger Arbeit zu tun haben. Die Laufbahn eines Angestellten innerhalb einer solchen Gesellschaft mündet in eine Partnerschaft, d.h. in den Erwerb eines Anteils am Unternehmensrisikos durch den Mitarbeiter. An diesem Punkt ist der Partner auch ein Handelsvertreter – in manchen Fällen wird ein Jahresumsatz festgelegt, den er erreichen muß. Oft findet der spin off genau dann statt, wenn der Berater Partner werden soll. Wenn er dagegen lieber in neuem Gewand in der Firma bleibt, hat seine Tätigkeit große Ähnlichkeit mit der eines selbständigen Arbeiters: er muß Kunden suchen, d.h. persönlich sichtbar sein. Sein einziger, sehr wichtiger Vorteil gegenüber dem freelance liegt in der Fort- und Weiterbildung, die ihm die Firma, der er angehört, bietet.

Auch hier sehen wir, daß es bei der geforderten Arbeit mehr um die Herstellung von Geschäftsbeziehungen als um Fachwissen geht.

(wird fortgesetzt [schrieb der Autor in Altreragioni 2/93])

Fußnoten (die im Text erwähnten Tabellen wurden hier weggelassen):

[1] Composition de classe en Italie dans les années 90, Paris, den 12. März, 1990. Dieser hektographierte Text wurde an verschiedene Personen und Forscher verteilt, von denen einige kritische Anmerkungen oder Anregungen geäußert haben, die ich hoffentlich in dieser gegenüber dem französischen Text erheblich überarbeiteten italienischen Version berücksichtigt habe. Besonderer Dank geht an Riccardo Bellofiore, Patrizio Bianchi, Sergio Bruno und Enzo Rullani.

[2] In der Zeitschrift »Primo Maggio«, die 1973 von einer Forschergruppe, darunter dem Autor dieser Zeilen, gegründet wurde, wurden verschiedene, auch historische Essays über die Arbeit im Gütertransport veröffentlicht, die dann im Juni 1978 gesammelt als »Dossier Trasporti« herauskamen.

[3] Die Beziehung zur CGIL wurde zwar später unterbrochen, aber es besteht nach wie vor eine intellektuellen Austauschbeziehung mit einigen Gewerkschaftskadern, die mir Material und nützliche Anregungen für diese Studie zur Verfügung gestellt haben, besonders Alves Baraldi, damals beim Ufficio Innovazione der CGIL von Reggio Emilia.

[4] Vgl. der »Rapporto 88« des Arbeitsministeriums, Lavoro e politiche dell‘ occupazione in Italia, Fondazione Brodolini 1988.

[5] CERVED, »Movimprese. Movimento anagrafico delle imprese italiane«, verschiedene Nummern.

[6] Le imprese artigiane in Italia. Dati statistici. Beilage zu »Movimprese« Nr. 1/1988.

[7] Die folgenden Betrachtungen sind die Zusammenfassung einer Untersuchungsarbeit, von der verschiedene schriftliche Darstellungen existieren, auf die ich zur Vertiefung verweise. Vgl. besonders: S. Bologna, Professions du transport et réglémentation du travail dans le secteur coopératif et artisanal italien, Referat auf dem Kongreß »Berufe und Regulierung im Transportwesen im Hinblick auf Europa 1993«, Paris, 31. März, 1989 und Les micro-entreprises de transport en Italie, Referat auf dem Kongreß »Les Transports des marchandises dans les pays européens«, Paris, 7. Juni, 1989, italienische Version Il camionista come merce, in »Politica ed economia«, November 1989; siehe auch Les messageries express en Europe. Le cas italien. Forschungsbericht für den »Club Eurotrans«, Paris, Mai 1990.

[8] Mittlerweile wird allgemein anerkannt, daß diese Beschäftigtenstruktur typisch für die postfordistischen Phase ist, s. unter anderem André Gorz, Metamorfosi del lavoro, Torino 1992, (»die großen Unternehmen haben gelernt, nach japanischem Modell die größtmögliche Zahl von Produktionen und Dienstleistungen zu dezentralisieren und auszulagern. Dazu bedienen sie sich meist winziger Satellitenfirmen – die im Grenzfall aus einem einzigen Handwerker-»Unternehmer« bestehen, der mit vom Großbetrieb zur Verfügung gestelltem Kapital ausschließlich für diesen arbeitet«, S. 73).

[9] E. de Franceschi, L. Sibilia, Professionisti e lavoratori autonomi, (Fachleute und selbständige Arbeiter), Milano 1992.

[10] Im zweiten Teil dieser Arbeit werde ich mich mit der Bedeutung der Phase des antiterroristischen Notstands (1979-82) für den Übergang der italienischen Gesellschaft zum Postfordismus befassen. Die wahre »zweite« Republik ist damals entstanden. Sie zeichnete sich aus durch die Verdrängung der Arbeit aus dem Wertesystem, auf dem die erste Republik beruhte. Dieses war genauso sehr ein Verfassungsphänomen wie ein kulturelles, da die Verfassung der aus der Resistenza entstandenen ersten Republik nicht von der Formulierung juristischer und philosophischer Prinzipien ausging, sondern vom Postulat, die Arbeit als produktives und gesellschaftliches Phänomen zur Grundlage des Staates zu machen. Formelle Verfassung und materielle Verfassung wurden also untrennbar miteinander verbunden. Alle, die die Arbeit aus ihrer eigenen kulturellen Sphäre entfernt haben, haben sich damit implizit außerhalb der Verfassungsprinzipien der ersten Republik gestellt und zur Gründung der zweiten beigetragen. Historisch geschah das als Folge der vom antiterroristischen Notstand erzeugten Kultur, einer Zeit, die als einzig wirklich erfolgreicher »Putsch« in Italien nach dem Krieg gelten kann. Welchen Beitrag die PCI zur Kultur des Notstands und damit indirekt zur Formierung der zweiten Republik geleistet hat, ist allen bekannt.

[11] Michel Savy, »Le fret: industrie ou service?« in: Les cahiers Scientifiques du Transport, Nr. 15-16, 1987.

[12] Nomisma, Laboratorio di politica industriale, Ristrutturazione industriale e piccole imprese, Bologna 1989.

[13] M. Lazerson, »La subfornitura nell’industria della magliera a Modena«, in Pyke, Becattini und Sengenberger (Hrsg.), Distretti industriali e cooperazione tra piccole imprese, Studi e informazioni (Zeitschrift der Banca Toscana), Nr. 1, 1991; siehe auch I distretti dell’industria manifatturiera in Italia, Fabio Nuti (Hrsg.), 2 Bde., Milano 1992.

[14] Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden bei einem Kongreß in Rom am 27. Oktober 1989 vorgestellt. Die Kongreßmaterialien wurden veröffentlicht in dem Band Rischi, patalogia e prevenzione nel lavoro degli autotrasportatori, hrsg. vom Istituto Italiano di Medicina Sociale, Roma 1990. Als Kongreßteilnehmer erinnere ich mich noch daran, wie bestürzt die Referenten über die Realität der Ausbeutung waren, die sie während ihrer Untersuchung entdeckten. Es lohnt sich, aus dem Schlußwort des nationalen Sekretärs der FITA-CNA, Angelo Valenti zu zitieren: »Das Gesundheitsministerium unternimmt nichts zur medizinischen Kontrolle, zur Vorbeugung und zur Anerkennung der Berufsrisiken und Berufskrankheiten der Beschäftigten in dieser Branche, die bei Erkrankung mit 400 000 Lire im Monat in Rente geschickt werden« (ebd. S. 198).

[15] Patrick Hermlin, Lorry drivers‘ time habits in work and their involvment in traffic accidents, Referat auf dem Kongreß »Irregular and abnormal hours of work« in Brighton am 16.-18. Januar 1987.

[16] F. van Ouwerkerk, »Working Hours of European Truck Drivers«, in INRETS CEE, Working Conditions of Drivers in Road Transport, Actes INRETS, Nr. 23, Oktober 1989.

[17] P. Niérat, Traction routière en longue distance: les navettes, une organisation particulière, Rapport INRETS Nr. 91, Februar 1989, und ders., Transport combiné: organisation des dessertes terminales, Rapport INRETS Nr. 110, Januar 1990.

[18] Eurostaf, Transports et logistique en Italie, Paris/Milano 1992.

[19] Es sollte betont werden, daß das Interesse an informeller Arbeit, Heimarbeit, Subunternehmertum usw. in modernen Industriesystemen und technologisch modernen Sektoren Ende der 80er Jahre in den USA aufgetaucht ist, und zwar im Zusammenhang mit einer Identitätskrise des amerikanischen Modells, wie sich u.a. an den Untersuchungen des MIT über Made in America und den Toyotismus ablesen läßt. Siehe außer dem Buch von Lozano auch die Forschung einer anderen Wissenschaftlerin, Norma Chalmers, Industrial relations in Japan. The peripheral workforce, London/New York 1989. Der Zusammenbruch der sozialistischen Regime und die nachfolgende Selbstbeweihräucherung des Kapitalismus scheinen das kritische Nachdenken über den Postfordismus gestoppt zu haben.

[20] Barcellona hat seine Auffassungen in verschiedenen bei Bollati/Boringhieri veröffentlichten Schriften – siehe v.a. L’individualismo proprietario (1987), L’egoismo maturo e la follia del capitale (1988), Il ritorno del legame sociale (1990) – und in verschiedenen Artikeln dargelegt, von denen ich jene ziemlich bezeichnend finde, die gleichzeitig mit dem Fall der Mauer in Berlin erschienen sind: Gli anni di regime del terzo capitalismo, in »L’Unità« vom 9.11.1989 und Per una sinistra che vada oltre l’orrizonte socialdemocratico, »L’Unità« vom 12.7.1990. In dem ersten Buch behauptet Barcellona die Zentralität des Rechts in der Regelung [governo] der gesellschaftlichen Erscheinungen: »Nur die Formalisierung des Rechts, indem es zur reinen Form, zum reinen Verfahren, zur reinen ‚Spielregel‘ wird (gleichgültig gegen den materiellen Inhalt der Gerechtigkeit), kann das Wunder der reductio ad unitatem vollbringen, die die Sprengkraft des neuen Individualismus nicht leugnet. Nur das formale Recht der Gleichheit kann das Wunder der Koexistenz von Einheit (Ordnung) und Vielfalt, von Bleiben (Stabilität) und Werden (Veränderung) vollbringen. Um dieses Wunder zu vollbringen, muß aber ein Preis entrichtet werden: die Spaltung des Subjekts und der Welt in zwei verschiedene, entgegengesetzte Sphären: die öffentliche Sphäre und die private Sphäre; die ökonomische Sphäre und die politische Sphäre, die des Privatinteresses und die des öffentlichen Allgemeininteresses« (S. 60). In dem zweiten Buch (L’egoismo maturo e la follia del capitale) wechselt Barcellona den Ansatz und stützt seine Analysen nicht auf juristisches Wissen (Konstitutionalismus, Systemtheorie usw.), sondern auf die gesellschaftliche Komplexität, indem er den Akzent auf die Zerstückelung der Arbeit, die Einsamkeit des neuen Arbeiters vor dem Computer und das Ende der materiellen und organisatorischen Basis der Solidarität legt. Dabei nimmt er jedoch allein die Implosion der fordianischen Fabrik wahr, aber nicht ihre Rekonstruktion im vernetzten Unternehmen; die Implosion der gesellschaftlichen Beziehungen, ohne genau zu sagen, welche Arten von neuen Bindungen sich herauszubilden im Begriff sind. Nicht zufällig begeistert ihn das Moment des Konsums (»Sichtbarkeit der Bedürfnisse«) und nicht das der Produktion der Waren und Dienstleistungen. In dem dritten Buch (Il ritorno del legame sociale) versucht Barcellona eine Überlegung aus positiver Sicht und gerät sogleich bei der Analyse der Produktionsformen ins Stolpern: »Der Produktionsprozeß stellt sich objektiv als ein großer Informationsstrom dar, der die traditionellen Räume durchmißt und zerstört und mit einer unerhörten Beschleunigung der Zeit die zeitlichen Entfernungen aufhebt bis gleichsam zum Verschwinden der traditionellen Zeitbegriffe, Tag, Nacht, Arbeitszeit, Freizeit usw.« (S. 25-26). Und weiter: »Die Destrukturierung des Raumes, des Ortes Stadt, und die symbolisch und praktisch von der Geschwindigkeit der Informationsflüsse des telematischen Universums dargestellte extreme Beschleunigung der Zeit lassen die alte Stadt in ein continuum ohne Grenzen stürzen. Bilder und Leistungen wandern mit engelhafter Geschwindigkeit von einem Punkt des Planeten zum andern, die Arbeit hat keinen bestimmten Ort mehr und das Kommando auch nicht … Die Endlichkeit des städtischen Raumes und der städtischen Zeit hat sich in einen unbegrenzten Raum ausgeweitet, in dem jeder Punkt gleich dem anderen ist und die Zeit sich in der Kontextualität der informatischen Gegenwart anulliert hat. Während die Produktionswelt im System der funktionalen Beziehungen das Maximum an »Transparenz« erreicht, stürzt die Welt der Produktion von Bewußtsein, Leben und zwischenmenschlichen, individuellen und kollektiven Beziehungen in die Verwirrung des Fehlens von Grenzen, von räumlich-zeitlichen Bestimmungen« (S. 44-45). Ausgehend von diesen Voraussetzungen kann Barcellona nur zu ebenso unbestimmten und abgehobenen Schlüssen über die Krise der liberaldemokratischen und sozialdemokratischen Modelle kommen, wobei er auf seiner Informatik-Besessenheit verharrt. Bezeichnend ist sein Beispiel von der Krise der Schule, die er eher den schädlichen Auswirkungen des Einsatzes von Videotechnik beim Lernen zuschreibt als zum Beispiel den schädlichen Auswirkungen der Revision der modernen Geschichte durch gewisse Historiker.

[21] Commissione d’indagine sulla povertà e l’emarginazione, Secondo rapporto sulla povertà in Italia, Milano 1992.

[22] Die neuen Fakten, auf die ich mich beziehe, betreffen die erhitzte Gegenüberstellung von abhängiger Arbeit und selbständiger Arbeit in den Protestbewegungen der FabrikarbeiterInnen, der Beschäftigten im öffentlichen Dienst und eines Teils der SchülerInnen und StudentInnen gegen den gewerkschaftlichen Tarifabschluß vom 31.07.1992: Ich verweise auf die Berichterstattung über diese Bewegung in der Tagespresse zwischen Oktober und Dezember 1992 und auf die Erklärung von Vertretern der Gewerkschaftslinken und der Rätebewegung, die damals die Tageszeitung Il manifesto als Plattform benutzt haben. Die Diskussionen, auf denen einige Passagen des ersten Teils dieses Artikels kritisiert wurden, fanden im Zuge der Vorstellungsveranstaltungen für die erste Ausgabe von Altreragioni im Herbst/Winter 1992/93 statt.

[23] Zur Rekonstruktion der Debatte über den Begriff und die Geschichte des Massenarbeiters verweise ich auf meinen Aufsatz »Theorie und Geschichte des Massenarbeiters in Italien«, der in drei Teilen in den Ausgaben 2/89, 1/90 und 2/90 von 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts erschien. Eine gekürzte Version erschien in zwei Teile in den Ausgaben 11 (1991) und 12 (1992) von Common Sense. Journal of the Edinburgh Conference of Socialist Economists. Zum Problem Nationalsozialismus – Fordismus – Konsens/Dissens des Massenarbeiters verweise ich auf die nach wie vor erhitzten Debatten, die die Veröffentlichung von Tim Masons Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft. Dokumente und Materialien zur deutschen Arbeiterpolitik (1975) und die Herausgabe des Daimler-Benz-Buches (1987) durch die Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts ausgelöst haben. Eine vorläufige Bilanz der beiden Debatten hat kürzlich Karl-Heinz Roth im Begleitband mit Kommentar und Geschichte (1992), der die neunbändige Ausgabe der Dokumente des arbeitswissenschaftlichen Instituts der DAF abschließt (Sozialstrategien der Deutschen Arbeitsfront, Saur Verlag, München/Leipzig/London/New York/Paris 1990 ff.), und in dem Artikel »Daimler-Benz. Kontroversen und neue Forschungen«, in der Ausgabe 1/93 von 1999 gezogen.

[24] Vgl. Anmerkungen 27, 41, 42, 43, 44, 47. Die Gleichsetzung der Begriffe »Fordismus« und »sowjetisches System« gehört zur kulturellen Nach-89er-Atmosphäre in Osteuropa. Ich beziehe mich hier eher auf die politische und historiographische Tradition der Haltung zum Stalinismus von den Anarchisten über die Bordighisten und Socialisme ou Barbarie bis zu den italienischen Operaisten, die das sowjetische System immer als eine Form der Disziplinierung der Arbeitskraft betrachtet hat.

[25] M. Deaglio, La nuova borghesia e la sfida del capitalismo, Laterza, Bari 1991.

[26] Siehe Anm. 20.

[27] Die radikalen Tendenzen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung, die sich grob auf die anarchosyndikalistische oder libertäre Tradition zurückführen lassen (zu einem historischen Urteil über diese Tendenzen verweise ich auf die gesammelten Ausgaben von Primo Maggio, 1973 ff.) und t eilweise von den neuen sozialen Bewegungen der 60er und 70er Jahre aufgesogen und verwandelt wurden, überleben noch in manchen Ländern (z.B. in Spanien), aber konkret stellen sie nichts anderes dar als die hiesigen Cobas. Um die Vorschläge und das Wesen dieser basisgewerkschaftlichen Organisationen einzuschätzen, sollte man ihre Publikationen verfolgen. Eine der wichtigsten ist La Estiba aus Barcelona, die die Positionen der nationalen Coordinadora der Hafenarbeiter Spaniens und der Kanarischen Inseln vertritt. Ähnlich sind die Zeitschriften Ancora in marcia! und Ferrovieri der italienischen Eisenbahn-Cobas. Zur Geschichte und inneren Organisation der Coordinadora hat Peter Waterman eine breitangelegte Untersuchung durchgeführt: »International Communication and International Solidarity. The Experience of the Coordinadora of Spanish Dockworkers«, L’Aia, Istituto di Studi Sociali, 1990. Waterman ist Autor zahlreicher Untersuchungen über den Basissyndikalismus auf der ganzen Welt (vgl. die ausführliche Biographie dazu im Anhang zu seinem Referat »Internationalism is dead; long live Internationalism«, Arbeitspapiere der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Nr. 8, Januar 1992). Die aktivsten Forschungs- und Verbindungszentren zum und für den Basissyndikalismus gibt es heute in Holland. Zur Forschung sollte man außer an das erwähnte Istituto dell’Aja [? in Holland, oben mit i, hier mit j] immer an das Institute of Social History in Amsterdam denken. Zu Verbindungen in Informationen gibt es, ebenfalls in Amsterdam, den Transnational Information Exchange (T.I.E.), der auch einen Sitz in Sao Paulo hat. T.I.E. interessiert sich mehr für Informationen und Verbindungen zwischen »Rätebewegungen« innerhalb der Gewerkschaften als für selbständige Gruppen außerhalb der offiziellen Gewerkschaften. Es ist nicht immer leicht, die Entwicklung der heutigen basisgewerkschaftlichen Gruppen in der Geschichte der Branchenorganisationen zu verorten. Auch in dieser Hinsicht stellt die Geschichte der Transportarbeiter sowohl in Italien wie anderswo eine Ausnahme dar. Um die Archive und die Geschichte der Internationalen Transportarbeiterföderation, v.a. die intensiven antinazistischen Aktivitäten zwischen den beiden Weltkriegen, geht es in neuen Untersuchungen (siehe N. Baldwin, »The International Transport Workers‘ Federation Archive«, University of Warwick Library, Coventry 1985, und H. Knüpfen, D. Nelles, »Über den Widerstand der Internationalen Transportarbeiterföderation«, in 1999, Nr. 3/92). Was Italien angeht, ist von grundlegender Bedeutung die Società Nazionale di Mutuo Soccorso fra Ferrovieri e Lavoratori del Trasporto, die 1877 gegründet wurde und heute immer noch etw 80 000 Mitglieder stark ist. An ihrem Sitz in Mailand befindet sich eine kostbare Bibliothek und werden historische Untersuchungen gefördert (s. Catalogo della Biblioteca Cesare Pozzo und Appendice al Catalogo, 2 Bde., 1985 sowie Contributo alla formazione di una bibliografia storica sulle ferrovie in Italia von A. Giuntini, 1989). Die aktive Präsenz der anarchistisch-libertären Tradition begegnet einem in der ganzen Geschichte der Gewerkschaftsbewegung im Transportsektor von den Anfängen bis heute.

[28] M. Deaglio, a.a.O., S. 56.

[29] Wenn polemische Verweise nötig sind, eilt uns stets der unerschöpfliche Pietro Barcellona zu Hilfe, ein wahrer Salbader-Brunnen; vgl. »Alle radici della nostra sconfitta«, Il manifesto, 16.01.1993, und »Caro Asor Rosa, la ‚politica‘ non basta«, Il manifesto, 26.01.1993.

[30] Siehe S. Bologna: »Emarginazione e ambientalismo«, Classe, 1987, und den Band Arbeitsschutz und Umweltgeschichte, hrsg. von der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Volksblatt Verlag, Köln 1990.

[31] Ich beziehe mich auf die undifferenzierte Beschuldigung der selbständigen Arbeiter, sie seien für sämtliche Steuerhinterziehungen verantwortlich und stellten daher den »egoistischsten« Teil des Landes dar. Vgl. Anm. 1.

[32] R. Fantasia, Cultures of Solidarity, Berkeley, University of California Press, 1988; Internationalism in the Labour Movement, hrsg. von F. v. Holthoon und M. v.d. Linden, Brill, Leiden 1988; J. Brecher, T. Costello: Building Bridges. The Emerging Grassroots Coalition of Labour and Community, New York, Monthly Review Press, 1990.

[33] Zu den Problemen von Ethnien und nationalen Egoismen hat Iter, die Zeitschrift des A.A.S.Ter von Mailand, in den Ausgaben 1 (Januar-April 1991) bis 5/6 (Mai-Dezember 1992) eine Reihe von interessanten Forschungen eröffnet.

[34] R.E. Pahl und C. Wallace, »Household Work Strategies in Economic Recession«, in dem Band Beyond Employment: Gender, Household and Subsistence, hrsg. von Redcliff und Mingione, Oxford: Blackwell 1985.

[35] Zu Veränderungen sowohl des Wechselwahlverhaltens als auch der süditalienische Klientelismus in der gegenwärtigen Krise des Parteiensystems bietet interessante Anregungen Guiseppe Gario, »Lombardia, Italia, Europa. Regionalizzazione e internationalizzazione all’inizio degli anni Novanta«, Iter, Nr. 5/6 (Mai-Dezember 1992).

[36] Die italienischen Forscher wurden auf dem Kongreß von Nijmegen vertreten von Andrea Fumagalli und Giuliano Mussati vom Centro Furio Cicogna der Università Bocconi in Mailand (»The evolution of the flexible specialisation system: some Italian experiences«), die auch auf einige ihrer Forschungen zurückgriffen (veröffentlicht u.a. in Alle origini dell’imprenditorialità, hrsg. von G. Mussati, Milano: Etaslibri 1990; und im ersten Band von Nuovi imprenditori a Milano negli anni Ottanta, Milano: Ricerche Formaper 1990), von Marco Raffa vom Fachbereich Computer Science and Systems der Universität Napoli (»The fole of small and medium-sized enterprises in the transformation of industrial organization«) und von Giuseppe Calabrese und Secondo Rolfo vom CERIS (»Small innovative forms in southern Italy«). Nach dem Lesen der letzteren beiden Referate verstärkt sich das Gefühl, daß hier anstelle des 80er-Jahre-Mythos der bekanntlich in Mittel- und Norditalien konzentrierten Industriereviere immer mehr ein 90er-Jahre-Mythos vom »süditalienischen Weg zur Innovation« kreiert werden soll. Siehe auch A. Mutti, »Sociologia dello sviluppo e questione meridionale oggi«, Rassegna italiana di Sociologia, Nr. 2, 1991.

[37] J. Wheelock, »Autonomy and Dependence: The Flexibility of the Small Business Family in a Peripheral Local Economy«.

[38] Die historische Rekonstruktion der Zwischenkriegszeit stammt von J. Foreman-Reck, »’Seed Corn or Chaff?‘ New Firm Formation and the Performance of the Interwar Economy«, Economic History Review, Vol. 38, Nr. 3, 1985. Die interessanteste Diskussion über einige Aspekte der selbständigen Arbeit findet sich im von R. Keat und N. Abercrombie herausgegebenen Band Enterprise Culture, London: Routledge 1991, v.a. die Beiträge von P. Bagguley, »Post-Fordism and Enterprise Culture: Flexibility, Autonomy and Changes in Economic Organization« und H. Rainbird, »The Self Employed: Small Entrepreneurs or Disguised Wage Labourers?«.

[39] Kiril Todorov, »Between the Entrepreneurial Phase and Growth Phase: The Challenges for the Bulgarian Entrepreneur«.

[40] Saija Katila, »Forced Entrepreneurship. A Case of Rural Entrepreneurs and Start-up Entrepreneurs.

[41] Klara Foti, »Experiences of Some Hungarian Enterprises. Lessons for Industrial Restructuring«.

[42] Magdolna Sass, »Possibilities of flexible specialization in Hungary in the process of stabilization and transformation«. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, daß in der italienischen Forschung seit einiger Zeit ein Prozeß des Umdenkens über die Untersuchungskategorien der Industriereviere läuft, sowohl in der soziologischen (s. M. Franchi, V. Rieser, »Le categorie sociologiche nell’analisi del distretto industriale: tra comunità e razionalizzazione«, Stato e mercato, Nr. 33, Dezember 1991) als auch in der ökonomischen (s. P. Bianchi, Produzione e potere di mercato, Roma: Ediesse 1991). Eine vertiefte Bilanz der Rolle des Kleinbetriebs im Denken der europäischen Linken fand auf dem von der CNA der Emilia-Romagna am 15. Oktober 1990 in Rom organisierten Kongreß »Grande e piccola impresa nella ideologia della sinistra italiana ed europea« statt; ich beziehe mich v.a. auf die Beiträge von Robin Murray, Albert Pfuhl und Sebastiano Brusco in Zusammenarbeit mit Mario Pezzini.

[43] Malgorzata Balkowska, »Programs Supporting the Development of Small Business in Poland«.

[44] Witold Jakobik, »The Public Enterprise in Transition: Towards Efficiency and Competition. The Polish Case«.

[45] Al Rainnie, »Subcontracting and the Global, Local Connection. Myth and Reality«. Die Thesen von Harrison über die italienischen Industriereviere werden schon in Teil I dieses Artikels wiedergegeben. Der Text, auf den sich Rainnie ausdrücklich bezieht, ist B. Harrison und M. Kelley, »Outsourcing and the Search for Flexibility«, Working Paper 90/14 der School of Urban and Public Affairs der Carnegie Mellon University, 1990. Von Ash Amins Forschungen dagegen A. Amin und M. Dietrich, »From Hierarchy to Hierarchy«, Referat bei der European Association for Evolutionary Political Economy, 1990.

[46] Huib Ernste, »Flexible Specialisation and Regional Policy«.

[47] N. Chernina und E. Chernin, »The Potential of Small Business in Solving Socio-economic Problems of Russia During Transition to a Market Economy«.

[48] Diese Bemerkungen, die als Formulierung einer Forschungshypothese verstanden werden sollten, gründen sich ausschließlich auf Aussagen von Technikern und kleinen Handwerksunternehmern in Interviews im Dezember 1992.

[49] F. Butera, Dalle occupazioni industriali alle nuove professioni, Milano: Franco Angeli 1986; Isfol, Lavoro e professionalità, Milano: Franco Angeli 1988; G.P. Prandstraller, Le nuove professioni nel terziario, Milano: Franco Angeli 1990; A.M. Ajello, M. Cevoli, S. Meghnagi, La competenza esperta, IRES CGIL, Roma: Ediesse 1992.

[50] ASSCO, La consulenza di direzione e il suo mercato, ISEDI, Milano 1990.
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In einem weiteren Text von Sergio Bologna (und Luigi Mara) geht es u.a. um eine Kooperation von Kopf- und Handarbeit im Widerstand: „Sevesos unbekannte Geschichte“ (zuerst abgedruckt in: Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Hrsg., Arbeitsschutz und Umweltgeschichte, Köln 1990)

Die Geschichte des Widerstands der Arbeiterklasse gegen die Zerstörung des Menschen und der Umwelt in den 70er Jahren und die damit zusammenhängende Geschichte der kritischen Wissenschaft, der alternativen Medizin und Psychiatrie, in Italien lassen sich am besten an den Erfahrungen einer Betriebsgruppe in der chemischen Fabrik des Montedison-Konzerns in Castellanza – 25 Kilometer von Mailand entfernt – beschreiben.

Bezüglich des Techniker-Anteils an der Belegschaft nahm der italienische Chemie-Sektor einen Mittelplatz zwischen den mit hochqualifizierten Arbeitskräften ausgestatteten Industrien und den Industrien der Massenarbeiter ein. In den chemischen Betrieben war Ende der 60er Jahre der Einfluß der Kämpfe der Mailänder Techniker und der Arbeiter der Autoproduktion (Pirelli, Fiat) entsprechend stark. Für Castellanza spielte die Geschichte der lokalen Kommunisten, die eine »harte« Richtung vertraten, eine wichtige Rolle.

Einige militante Arbeiter waren schon während der 60er Jahre in die noch bestehende »Unfall-Kontroll-Kommission« des Betriebes eingetreten, die nur eine beratende Funktion hatte und in der drei Vertreter der Arbeiter 20 Vertretern der Betriebsleitung gegenübersaßen. Folgende Forderungen wurden von ihnen gestellt:

1. Kontrolle des Gesundheitszustandes der Arbeitnehmer;
2. Überwachung der gesetzlichen Arbeitsschutzmaßnahmen bei den kleinen Fremdfirmen, die für Montedison Arbeiten durchführten;
3. Strafanzeige, wenn diese Unternehmen die Vorschriften nicht beachteten.

Alle diese Forderungen wurden von der Betriebsleitung zurückgewiesen. Wichtig bei diesem ersten gescheiterten Vorstoß war der Versuch, ein Bündnis mit den Leiharbeitern herzustellen.

Als sich 1969 die Kräfteverhältnisse im Betrieb zugunsten der Arbeitnehmer verschoben, stellten die Vertreter des inzwischen neugewählten Betriebsrats neue Forderungen auf: Arzt- und Krankenpflegerdienst müssen an jedem Arbeitstag 24 Stunden zur Verfügung stehen, weil die Fabrik rund um die Uhr lief (vorher war der Arzt nur vier Stunden pro Tag am Ort), und die Tätigkeit des Dienstes müsse unter der ständigen Kontrolle des Betriebsrates stehen.

Ferner wurde die Forderung erhoben, daß das Krankenblatt vom Arzt dem Betroffenen und nicht, wie es üblich war, der Krankenkasse übergeben werden sollte und alle wichtigen klinisch-statistischen Daten auch dem Betriebsrat mitgeteilt werden müßten.

Bis zu diesem Zeitpunkt gingen die Forderungen meist in Richtung systemimmanenter Rationalisierung und Verbesserung.

Der Qualitätssprung kam, als der Betriebsrat selbst die Reorganisation des Arbeitsschutzes übernahm. Voraussetzung dafür war Fachwissen. Mit Unterstützung durch Wissenschaftler, Ärzte und Medizinstudenten wurde die aktuelle internationale Literatur ausgewertet und eine ganze Reihe von Informationen über die in der Produktion entstehenden Schadstoffe gesammelt und unter den Arbeitern verteilt. Zu den wichtigsten Giften wurden Informationskarten angelegt. Die erste dieser Informationskarten betraf das Quecksilber, das in der Melamin-Abteilung in großen Mengen verarbeitet wurde. Die toxikologischen Aspekte und die Symptome der Vergiftung wurden detailliert beschrieben.

Dadurch sollten die Arbeiter zur Selbst-Anamnese und zur Beurteilung der Risiken ihres Arbeitsplatzes befähigt werden. Wissenschaftliche Ausdrücke und Kenntnisse, die früher zur Sprache der Macht und der Entfremdung gehört hatten, wurden nun Selbstschutzinstrumente. Der Objektivität des Kapitals wurde die Subjektivität der Arbeiter gegenübergestellt. Den standardisierten Verträglichkeitsbegriffen, den berüchtigten MAK-Werten (Maximale Arbeitsplatzkonzentration) wurden andere Kriterien nach der Prämisse »Null-Risiko« gegenübergestellt. Das Risiko sollte nicht unter Kontrolle gehalten, sondern einfach abgeschafft werden.

Die MAK-Kriterien sahen maximale Toleranzwerte einzelner Schadstoffe vor, Stoffverbindungen wurden nicht berücksichtigt. Es gibt aber Stoffe, die nur in Kombination schädlich wirken; die Mischung von zwei Schadstoffen innerhalb ihrer jeweiligen Toleranzdosis kann eine unverträgliche Dosis schaffen. Zudem erfassen MAK-Werte nicht die individuelle Situation der Arbeiter. Damit ist nicht nur die psychophysische oder psychosomatische Verfassung gemeint, sondern vor allem die gesamte persönliche Arbeitsbiographie. Für welchen Zeitraum hatte der einzelne Arbeiter Schadstoffe eingeatmet, durch die Haut absorbiert? Wieviele Lärmstunden hatten sein Nervensystem erschüttert? Vor diesem Hintergrund erweisen sich die MAK-Kriterien als fragwürdig; jeder einzelne hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Toleranzgrenzen. Doch wer ermittelt und schreibt diese Geschichte? Oral history kann vielleicht dazu beitragen, nicht jedoch eine nur akademische oral history. Die Arbeiter von Montedison erkannten die Notwendigkeit, eine breite Untersuchung der Belegschaft mit medizinstatistischen Methoden und eine detaillierte Analyse der für jeden Arbeitsplatz existierenden Risikofaktoren anzugehen. Eine neue gesetzliche Regelung bot dazu die Möglichkeit.

1970 wurde in Italien infolge des »heißen Herbstes« das Gesetz Nr. 300 – das sogenannte »Arbeitnehmerstatut« – verabschiedet. Paragraph 9 des Gesetzes lautet: »Die Arbeitnehmer haben das Recht, über ihre Vertretungen die Durchführung der gesetzmäßigen Maßnahmen zur Verhütung der Arbeitsunfälle und der Berufskrankheiten zu überprüfen, und das Recht, die Anwendung aller Maßnahmen zu fördern, die zum Schutz ihrer physischen Integrität und Gesundheit bestimmt sind«.

In dem Montedison-Werk von Castellanza (ca. 1400 Arbeiter) schuf die Belegschaft daraufhin einen eigenen Ausschuß zur Bekämpfung des Gesundheitsrisikos, die Gruppe für Verhütung und Umwelthygiene (Gruppo di prevenzione e igiene ambientale, GPIA), die aus Arbeitern, Technikern und Angestellten der verschiedenen Abteilungen und einigen externen Experten bestand. Die Zahl der Teilnehmer schwankte zwischen 25 und 30; die Initiative war offen für alle Betroffenen und Interessierten. Träger der allgemeinen gewerkschaftspolitischen Verantwortung auf Betriebsebene war aber das Betriebsratskollektiv, das aus 117 Mitgliedern bestand. Es handelte sich um eine basisdemokratische Organisation, die sich weigerte, ein leitendes Führungskomitee zu benennen und diesem – wie es in den meisten italienischen Betrieben üblich war – ihre Machtbefugnisse zu übertragen. Diese Komitees standen unter der Kontrolle der Partei- und Gewerkschaftsbürokratien und gerieten häufig in Konflikt mit den basisdemokratischen, abteilungsnahen Vertretungen der Belegschaft.

Das Betriebsratskollektiv kontrollierte die Arbeit der GPIA. Es stützte sich auf ein Netz von abteilungsnahen Zellen, die sogenannten »homogenen Arbeitnehmergruppen« (Gruppi operai omogeni, GO), die sich aus Personen zusammensetzten, die ähnlichen Arbeitsbedingungen und damit ähnlichen Risikofaktoren unterlagen.

Die 1972/73 vorgenommene Massenuntersuchung aller Arbeiter der Montedison-Werke von Castellanza wurde nicht ohne harte Kämpfe gegen den Widerstand der Betriebsleitung durchgesetzt. Es dauerte 28 Monate, in denen mehrfach gestreikt wurde, bevor der Konzern den Forderungen der Arbeitnehmer entgegenkam. Diese Zeit wurde von der GPIA genutzt, um die Untersuchung so anzulegen, daß weder ein »neutraler« noch ein »befreundeter« Experte sie ohne die entscheidende aktive Beteiligung der Betroffenen hätte durchführen können. Die hinzugezogenen Techniker und Experten mußten dem Erhebungskatalog, der von den Betroffenen nach einer von der GPIA entwickelten Methode selbst aufgestellt wurde, folgen, und nicht umgekehrt. Ein Vertreter der GPIA erklärte auf einer Versammlung: »Der Schlüssel muß immer bei den Betroffenen bleiben«.
Das Register der Umweltdaten

Die Datenerhebung war in verschiedene aufeinanderfolgende Phasen gegliedert:

1. Besichtigung des Arbeitsplatzes durch die GPIA zusammen mit den Abteilungsdelegierten und der homogenen Arbeitergruppe (GO).

2. Die GO redigiert das Register der Umweltdaten, es enthält die genaue Beschreibung der Arbeitsphasen und des Arbeitsplatzes (der mit einer oder mit mehreren Arbeitsphasen übereinstimmen kann, weil der einzelne Arbeiter bei verschiedenen Arbeitsphasen eingesetzt werden kann).

3. Gemeinsame Diskussion zwischen GPIA, GO und Abteilungsdelegierten einerseits und Abteilungsverantwortlichen und Technikern des Betriebslabors für industrielle Hygiene andererseits über das Programm, das alle gefährdenden Faktoren und die Quantifizierung der verschiedenen Risikofaktoren für jede Phase des Produktionszyklus und für die Zahl der Arbeitsstunden umfassen sollte.

4. Dieses gemeinsam aufgestellte Programm wird den Arbeitnehmern der einzelnen Abteilungen vorgestellt und diskutiert.

5. Direkte Erhebungen durch Betriebstechniker und/oder hinzugezogene Experten mit aktiver Beteiligung und unter Aufsicht der Arbeiter der einzelnen Abteilungen, Betriebsratsdelegierten und GPIA.

6. Zwischenbericht mit Daten und Methodenbeschreibung; im Streitfall werden die Erhebungen nach der Methode der GPIA wiederholt; wenn es nötig wird, werden Vertrauenstechniker der GPIA hinzugezogen und vom Konzern bezahlt.

7. Außerordentliche Erhebungen. Wenn Störfälle, Pannen usw. eintreten, werden sofort neue Erhebungen (Fristzeit acht Stunden, sonst wird die Anlage stillgelegt) durchgeführt; es muß berücksichtigt werden, daß Pannen und Störfälle häufig auftreten, wenn die Anlage alt ist, schlecht instandgehalten wird oder wenn zur Steigerung der Produktivität Verfahrensänderungen eingeführt wurden.

Die von der GPIA entwickelte Methode der Datenerfassung förderte ein bisher immer unterdrücktes und nie formalisiertes kollektives Wissen zutage. Ziel der Datenerfassung war es, Vorschläge zur technologischen Änderung der Anlagen bzw. des Produktionsprozesses und der Arbeitsplatzgestaltung auszuarbeiten oder zusätzliche Forderungen in bezug auf schon begonnene Änderungen aufzustellen. Parallel lief das Programm klinischer Erhebungen mit der Feststellung von pathologischen Zuständen, die reversibel erschienen. Die hygienischen und ergonomischen Maßnahmen sollten gemeinsam durchgeführt werden.

Die Ergebnisse der Arbeitsplatz- und der klinischen Erhebungen bildeten das Register der Umweltdaten (registro dei dati ambientali), das jeweils aktualisiert wurde. Jeder Betroffene bekam seine Daten ausgehändigt, eine anonymisierte Kopie davon bekam die GO; damit entstand ein kollektives Wissen und ein für alle zugängliches Informationssystem, das das Recht des einzelnen auf Datenschutz gewährleistete.
Herzleiden und Lärm

Dr. Aldo Sachero und seine Kollegen vom »Zentrum für die Verhütung der Tuberkulose« wurden von der GPIA beauftragt, eine breite klinische Erhebung in Mailand durchzuführen. Dieser Untersuchung unterzogen sich 1346 Personen (98,5 Prozent der Belegschaft). Die Erhebungsstationen wurden innerhalb des Betriebsgeländes eingerichtet, untersucht wurde der allgemeine Gesundheitszustand der Betroffenen anhand von EKG, Urin- und Blutproben. Die Untersuchungen erfolgten während der Arbeitszeit, die GPIA übernahm zusammen mit dem Betriebsrat die praktische Organisation.

Nach einiger Zeit verbot die Betriebsleitung die weitere Durchführung der Untersuchungen auf dem Fabrikgelände. In den Räumen der Camera del Lavoro von Castellanza (Gewerkschaftshaus) wurde daraufhin eine Station für die Untersuchungen eingerichtet. Trotz der nun größeren Probleme bei der Bewältigung der Abwesenheiten der Schichtarbeiter konnte die Untersuchung erfolgreich beendet werden. 180 Fälle von vermuteten Cardiopathien mußten in den Mailänder Labors nachgeprüft werden. Bei dem dritten »screening« wurden 93 Fälle von Herzkrankheiten festgestellt. In dieser letzten Phase der Erhebung weigerte sich die Betriebsleitung, die Arbeiter während der Untersuchungszeit zu bezahlen. Nur dank der Solidarität aller Arbeiter, die eine Selbsthilfekasse einrichteten, konnten auch die letzten notwendigen Untersuchungen zuende geführt werden.

Die Auswertung ergab eine deutliche statistische Korrelation zwischen Herzkrankheiten und Lärm.

Diese Ergebnisse, die von der wissenschaftlichen Öffentlichkeit registriert wurden, erwiesen sich für eine ganze Reihe kleiner und mittlerer Betriebe des metallverarbeitenden Gewerbes, der Papier- und Lederverarbeitung und Färbereien in der Region von Castellanza als besonders wichtig. In diesen Unternehmen, in denen es keine gewerkschaftliche Organisation gab und die Arbeitsbedingungen häufig sehr gesundheitsgefährdend waren, entstanden ebenfalls Initiativen zur Erfassung von Risikofaktoren, zur Bekämpfung von Gesundheitsgefahren am Arbeitsplatz und seiner Umstrukturierung nach ergonomischen Kriterien.

Die Behörden erarbeiteten zusammen mit den Betroffenen Projekte zur Reorganisation des gesamten betrieblichen Gesundheitswesens, die zum Teil dann von den Gemeindeverwaltungen übernommen wurden.

In der ganzen Region entwickelte sich ein Netzwerk von Initiativen, die hauptsächlich von Betriebsdelegierten und Angehörigen des Gesundheitswesens getragen wurden. So wurde das Bewußtsein von den Risiken der Industrieproduktion auch außerhalb der Fabrikmauern verbreitet. Es war eine klassenbewußte ökologische Bewegung. Ausbildungskurse, Informationsmaterial und Beratung wurden von Fabrikarbeitern, Technikern und sympathisierenden Experten zugunsten der betroffenen Bevölkerung als alternative soziale Dienstleistung angeboten.

Besondere Bedeutung erlangte im Rahmen dieser Zusammenarbeit die epidemiologische Untersuchung über die Arbeiter, die mit CMME (Chlormethylmethyläther) in Berührung gekommen waren. Der Betriebsrat des Montedison-Werks in Castellanza und die GPIA hatten über Fachliteratur von der krebserregenden Wirkung dieser Substanz erfahren. Um persönliche Daten über die Betroffenen sammeln zu können, wurden ungefähr tausend Gemeindeverwaltungen angeschrieben. Nur zwei antworteten.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden dem Weltkongreß über Krebsforschung in Florenz (1973) vorgestellt. Die Ergebnisse der Massenuntersuchung zogen Veränderungen des Produktionsprozesses nach sich. So mußte das krebserregende Monomer Vinylzyanid in einem geschlossenen Kreislauf hergestellt werden.
Die Redaktionsgruppe von »Sapere«

Diese und andere Ergebnisse hätten die Arbeiter des Montedison-Werks und der anderen Betriebe der Region nicht erreichen können ohne einen ständigen Kontakt- und Informationsaustausch mit Fachleuten, die bereit waren, das Fachwissen der Arbeiter zu akzeptieren und anzuerkennen – ein in der wissenschaftlichen Zunft nicht häufiger Fall. Bevorzugte Gesprächspartner waren die Fachleute, die sich um die Redaktion der 1972 gegründeten Zeitschrift »Sapere« gesammelt hatten.

Das Projekt der neuen »Sapere« beschrieb der Herausgeber Guilio Maccacaro wie folgt: »Die Initiative konzentriert sich auf ein einziges Thema: Wissenschaft und Macht. Die behauptete Macht des Kapitals und die geforderte Macht der Arbeiterklasse. Die Wissenschaft als Multiplikator der ersten und als Befreiungsfaktor der zweiten. […] Wir müssen denen das Wort geben, die wegen der Wissenschaft sterben, und denen, die – bewußt oder unbewußt – durch die Wissenschaft sterben. Wir müssen das politische Primat des Kampfes der ersten anerkennen; nur dieser Kampf kann Vereinheitlichungsmoment der Befreiung der zweiten werden.«6

Anhand dieser Prämissen skizzierte Maccacaro Methode und Inhalte der Arbeit der Redaktionsgruppe, die aus Leuten bestand, »die schon an verschiedenen Stellen einen Beitrag zu dieser Debatte leisten; es handelt sich nicht darum, ihnen einen gemeinsamen Ort für Diskussionen zu geben, sondern eine kollektive Arbeitsweise zu schaffen, bei der Wechselwirkungen entstehen.«

Das bestehende Netzwerk von Wissenschaftlern, Dozenten, Angehörigen des Gesundheitswesens, Sozialarbeitern usw. erweiterte sich schnell, dem Ansatz der Initiative entsprechend stießen zu der Redaktionsgruppe Wirtschaftswissenschaftler, Sozialwissenschaftler, Historiker, Juristen und Politologen. Als Chefredakteur holte sich Maccacaro einen Medienspezialisten, Giovanni Cesareo, der jahrelang bei der Zentralredaktion der Tageszeitung der KPI »L’Unità« tätig war. Das Problem der Sprache, der Vermittlung war für Maccacaro entscheidend, auch wenn er ausdrücklich keine populärwissenschaftliche Zeitschrift machen wollte.

Die Mehrheit der Redaktionsmitglieder bestand aus bereits etablierten Intellektuellen. Obwohl die Zeitschrift gegen den Strom schwamm, scharfe Kritik an der öffentlichen Verwaltung, der Regierung und der Opposition (KPI und Gewerkschaft) übte, unterstützte jedes Mitglied der Redaktion diese sonst als »linksextremistisch« gebrandmarkte Einstellung. Natürlich war die Zeitschrift nicht linksextremistisch, sie war nur realistisch und gut informiert. Wenn man aber bedenkt, wie vorsichtig sich sonst auch aufrichtige Wissenschaftler ausdrücken, drängt sich der Schluß auf, daß »Sapere« das Produkt eines erstaunlichen Nonkonformismus in der italienischen Kultur war. Sie galt auch als ein Indiz für den großen Einfluß des »operaistischen« Denkens auf italienische Intellektuelle in den 70er Jahren. Es muß aber gleichzeitig berücksichtigt werden, daß damals die Reform des ganzen Systems der Krankenversicherung und des Gesundheitswesens zur Debatte stand.

Hier nur ein kurzer Überblick über die Themen, die »Sapere« in den zehn Jahren ihrer Existenz (1972-1983) behandelt hat: 1973 nach der Ölkrise wurde das Thema Energie mit der Anti-Atom-Kampagne in Zusammenhang gestellt; mehrere Sondernummern wurden dieser Problematik gewidmet. »Sapere« wurde das Organ der fundierten Opposition gegen das Atomprogramm der Regierung, das viele Befürworter auch bei kommunistischen Physikern besaß.

1974 trat neben das Thema »Kernkraftwerke« die kritische Analyse der italienischen Chemie-Industrie. Dieser Themenbereich wurden unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet: Die Erfahrungen der Arbeiter und Techniker von Castellanza, Porto Marghera und anderen großen chemischen Betrieben lieferten die Basis für eine aktuelle Dokumentation der ökologischen und gesundheitlichen Schäden, die die chemische Industrie in Italien verursacht hatte; ähnliche Dokumentationen wurden über die internationale Produktion von Pharmazeutika, über die Kampagne gegen bestimmte pharmakotherapeutische Methoden und die Organisation des betrieblichen Gesundheitswesens veröffentlicht. Diese Untersuchungen über die chemischen Industrie leisteten einen wichtigen Beitrag zur Offenlegung der Risiken dieser Industrie. Viele Berufstätige, Gewerkschafter und öffentlich Bedienstete, die später direkt oder indirekt mit der Katastrophe von Seveso konfrontiert wurden, haben die Analysen von »Sapere« bestätigt und haben ihr »alternatives Wissen« anwenden können.8
Sevesos unbekannte Geschichte

Viele Veröffentlichungen informieren über diese Öko-Katastrophe, die der von Tschernobyl vorangegangen ist.9 Dabei wird jedoch die Rolle des »Wissens der Arbeiterklasse« entweder total verschwiegen oder ungenügend analysiert.

Die Dioxin-Wolke ging von dem Reaktor der Abteilung B der Fabrik ICMESA am Samstag, dem 10. Juli 1976 gegen 12.30 Uhr, aus. Die Produktion lief noch zehn Tage weiter, bis endlich von der Betriebsleitung zugegeben wurde, daß eine sehr gefährliche Substanz aus dem Reaktor ausgetreten sei und die Gegend verseucht sein könne. Während dieser Tage gab es ein Massensterben von Tieren aller Art, und viele Menschen zeigten gesundheitliche Beeinträchtigungen. Nach den ersten Nachrichten hatten Mitglieder der GPIA von Castellanza, das etwa 50 Kilometer von Seveso entfernt liegt, versucht, mit Arbeitern der ICMESA Kontakt aufzunehmen. Die Angst der Arbeiter bildete jedoch eine Barriere gegenüber Außenwelt. Nur mit großer Mühe und Vorsicht gelang es den Leuten von Castellanza, zunächst unzusammenhängende Informationen zu sammeln und zu einem Mosaik zusammenzufügen. Das Ziel war zu erfahren, was in dem Reaktor passiert war und warum, was und mit welchen Verfahren produziert wurde, welche Substanzen kombiniert wurden und welche Störfälle bei solchen Verfahren eintreten können, damit der »sehr gefährlichen Substanz« ein Name gegeben werden kann. Nachdem die Barriere des Schweigens gebrochen war, bestand die größte Schwierigkeit in dem mangelnden Wissen der Betroffenen. Es zeichnete sich ein dramatisches Bild der Arbeitsbedingungen bei der ICMESA ab. »Wenn eine Birne der Beleuchtungsanlage unserer Abteilung kaputt war«, erzählte ein ICMESA-Arbeiter, »mußte man erstmal Dampf unter Druck austreten lassen, um die giftigen Rauchwolken, die sich ständig unter dem Dach sammelten, zu entfernen, bevor einer von uns mit einer Leiter die Birne wechseln durfte«. Die Fluktuation der Arbeiter war sehr hoch, und sie mußten ständig die Abteilungen wechseln, so daß kein »Gedächtnis« und nur wenig Wissen über den Produktionsprozeß entstehen konnte. Vor allem durften sie keine Fragen stellen. Drohungen und »schwarzer Lohn« waren die Mittel der Betriebsleitung, um die Komplizenschaft der Arbeiter zu gewinnen. Das alles geschah in einem Land und in einer Zeit mit einer beispielhaft entwickelten, betriebsnahen gewerkschaftlichen Organisation. ICMESA gehörte dem Konzern Hoffmann-La Roche. Lukas Hoffmann, einer der größten Aktionäre, war stellvertretender Vorsitzender des World Wildlife Fund (WWF). Die ICMESA war eine kleine Fabrik: 153 Arbeiter und drei leitende Angestellte, ein Drittel der Arbeiter war über 55 Jahre alt, viele hatten bereits gesundheitliche Schäden in anderen Fabriken erlitten und sahen die Einstellung bei ICMESA als letzte Chance an, ihre Rente abzusichern. Der Unfall ereignete sich an einem Samstag, als in dem Betrieb nur ein paar Leute der Instandhaltung und einige Leiharbeiter anwesend waren.

Zufällig hatte ein Mitglied der GPIA von Castellanza in einem ähnlichen »multipurpose«-Reaktor gearbeitet und konnte aus den bruchstückhaften Zeugnissen der Arbeiter von ICMESA durch gezieltes Fragen rekonstruieren, was passiert sein könnte. Dozenten und wissenschaftliche Mitarbeiter der Fakultäten für industrielle Chemie und Ingenieurwesen prüften alle Angaben nach. Das Interesse galt der Frage, ob die Betriebsleitung die vorgesehenen Abläufe des Produktionsprozesses genau eingehalten hatte. Es stellte sich heraus, daß die ICMESA bestimmte Phasen des Produktionszyklus des Trichlorphenols übersprungen hatte, um die Produktivität zu steigern. War darauf die esothermische Reaktion zurückzuführen, die Dioxin erzeugt hatte?

Während dieser mühseligen wissenschaftlichen »oral history«-Arbeit hatten die Arbeiter der ICMESA und des Montedison-Werks von Castellanza zusammen mit einem Teil der betroffenen Bevölkerung und vielen Experten des Redaktionskollektivs von »Sapere« ein »comitato tecnico-scientifico popolare« (technisch-wissenschaftliches Volkskomitee) gegründet, um fundierte Information zu vermitteln, jede Maßnahme der öffentlichen Behörden nachzuprüfen und eventuell alternative Vorschläge zu entwickeln.

Viele Ärzte und Sozialarbeiter, die mit diesem Komitee sympathisierten, leisteten in den ersten Wochen, in denen totale Konfusion herrschte, freiwillige und wichtige Basisarbeit. Diese war umso wichtiger, als die Behörden sich lediglich von den Informationen, die ICMESA veröffentlichte, leiten ließen. Erwähnenswert ist besonders die Rolle der im April 1989 an Krebs gestorbenen Journalistin Neva Agazzi Maffii, die als erste eine wissenschaftlich kritische Dokumentation über Dioxin erstellt und diese den Betroffenen sowie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Trotz dieser wertvollen Arbeit blieben alle Experten, Wissenschaftler, Ärzte und Sozialarbeiter des Volkskomitees vom staatlichen Krisenman-agement ausgeschlossen. Die Regierungsparteien, vor allem die Democrazia Cristiana, und die Behörden griffen nicht nur mit großer Verspätung ein (die Evakuierung eines Teils der Bevölkerung begann erst zwei Wochen nach der Katastrophe), sondern ihre Notmaßnahmen vergrößerten noch die Schädigung der Umwelt und der Bevölkerung.

Im Dezember 1976 erschien die Sondernummer von »Sapere« zum Thema Seveso, in der die gesamte Gegeninformation veröffentlicht und erstmals der Produktionsablauf der ICMESA detailliert beschrieben wurde.

Giulio Maccacaro bezeichnete in seinem Leitartikel die Katastrophe von Seveso als »un crimine di pace« (Friedensverbrechen). Dieser Artikel sollte eine Art politisches Testament werden, da Maccacaro einige Wochen nach dem Erscheinen starb. Die Zeitschrift setzte ihre Arbeit noch bis Anfang 1983 fort. Jedes Jahr widmete »Sapere« eine Nummer der Fortsetzung der Geschichte von Seveso, um zu dokumentieren, wie dem großen Verbrechen eine ganze Reihe von kleinen und großen Versäumnissen folgten. Die periodische Wiederaufnahme des Falls Seveso entsprach nicht nur dem Motto »Nicht vergessen!«, sondern auch der Notwendigkeit, langfristige Veränderungen des Gesundheitszustandes der Betroffenen zu dokumentieren.

Als es die Zeitschrift nicht mehr gab, wurden auch die Betriebsleitung und der Konzern nicht mehr in Verantwortung genommen.

Der Prozeß gegen die Verantwortlichen zog sich jahrelang hin und endete 1987 mit einem fast allgemeinen Freispruch. Trotz dieser Niederlage bleibt Seveso ein Meilenstein des ökologischen Bewußtseins unserer Zeit und ein Ansatzpunkt der internationalen Gesetzgebung für die öffentliche Kontrolle der Herstellung gefährlicher Produkte.
Die Veränderung der Instandhaltungsarbeiten und der Kampf gegen das Leiharbeitersystem

Der Unfall von Seveso hat die These bestätigt, daß ohne eine bewußte und autonome Organisation der Arbeiterklasse die Gefahr von gesundheitlichen und ökologischen Schäden bei der Produktion gefährlicher Stoffe größer wird und daß Selbstschutz auf seiten der Arbeiter Verhütung des Risikos für die Umwelt bedeutet. Zum Selbstschutz brauchen die Arbeiter vor allem kontinuierliche umfassende Informationen. Dies kann auch in gut organisierten Betrieben wie in Castellanza sehr schwierig werden, wenn die Firma immer größere Teile des Produktionszyklus dezentralisiert oder von verschiedenen Leiharbeiterfirmen durchführen läßt.

Wie bei anderen chemischen Betrieben in Italien stand auch bei dem Montedison-Werk von Castellanza der festen Belegschaft eine große und immer schwankende Zahl von Leiharbeitern gegenüber. Sie führten Instandhaltungs-, Reparatur- und Reinigungsarbeiten durch und wechselten häufig. Sie wurden – wie die Gruppe von Castellanza feststellte – in den Armenhäusern oder den Hauptbahnhöfen großer Städte rekrutiert. Sie erhielten keine Ausbildung, und niemand warnte sie vor den bestehenden Gefahren. Sie kamen und gingen ohne Kontakte mit der Stammbelegschaft, so daß sie nicht selten auch die Rolle der Streikbrecher spielten. Ihre gesundheitliche Gefährdung war groß. So stellte die GPIA zum Beispiel fest, daß diejenigen, die die Reinigungsarbeiten der inneren Reaktorleitungen für die Herstellung von Formaldehyd durchführen mußten, von herunterfallenden giftigen Rückständen des Verarbeitungsprozesses gefährdet wurden. Daher wurde der Betriebsleitung der Vorschlag gemacht, diese Gefahr durch eine einfache mechanische Einrichtung abzuwenden. Das zeigt die solidarische Haltung der Stammbelegschaft den Leiharbeitern gegenüber, eine Haltung, die sich in der Verteilung von Informationsmaterial über Sicherheitsprobleme fortsetzte und bis zum Streik führte. Es wurde durchgesetzt, daß diese Arbeiter in der Betriebskantine essen und die ärztliche Station in Anspruch nehmen konnten. Um den Widerstand der Betriebsleitung gegen diese Forderungen zu brechen, kauften die 117 Betriebsratsmitglieder mit Geldern der Selbsthilfekasse Essensmarken, verteilten sie unter diesen Arbeitern und bedienten sie am Tisch in der Mensa. Mehrmals wurden die Obleute der Leiharbeiterfirmen wegen der gesetzwidrigen Rekrutierungsmethoden vom Betriebsrat bei der Arbeitsjustiz oder bei dem Arbeitsinspektor angezeigt. Diese Initiativen basierten nicht allein auf menschlicher und klassenspezifischer Solidarität. Da die Arbeiten, die die Leiharbeiter ausführten, besonders risikoträchtig waren, hing von ihrer richtigen Durchführung die Sicherheit aller Arbeiter ab. Die Geschichte der chemischen Industrie ist die Geschichte von Unfällen, die sich im Laufe von Instandhaltungsarbeiten ereignet haben.

1978 spitzte sich die Auseinandersetzung mit der Betriebsleitung zu, weil eine Reduzierung der festen Belegschaft der Instandhaltungsschichten geplant war.10

Die damals gewählte Kampfform war der »umgekehrte Streik« (sciopero alla rovescia): Die feste Belegschaft übernahm gegen den Willen und die Arbeitsplanung der Betriebsleitung die Instandhaltungsarbeiten, die sie plante und durchführte.

Es sollte der letzte wichtige Kampf gegen die Ausgliederungstendenzen vor der Periode der großen Massenentlassungen sein. Entscheidend wurde die radikale Wende in der Politik der KPI und der Gewerkschaften. Seit 1976 waren die Aktionen und die Anschläge der bewaffneten Gruppen in Italien häufiger und blutiger geworden. In den Reihen der KPI und der Spitze der Gewerkschaft entwickelte sich die Bekämpfung des »roten Terrors« zur wahren Besessenheit. Die KPI-nahen Richter führten die Verhaftungskampagne von 1979, die sich hauptsächlich gegen Intellektuelle und Dozenten richtete, die der »operaistischen« Richtung angehörten. Das war jedoch nur der erste Schritt. In einem zweiten Schritt kamen KPI und Gewerkschaftsführung zu der Überzeugung, die basisdemokratische Organisationen der Arbeiter – die Betriebsräte – mit ihren »harten« Kampfformen seien Motor der sozialen und antikapitalistischen Gewalt und Rekrutierungsfeld des Terrorismus.

Aufgrund dieser Beurteilung erteilte die Gewerkschaftsführung ihre Zustimmung zu den Ausgliederungsplänen der großen Konzerne wie Fiat und Montedison und zu den Säuberungsaktionen gegen alle militanten Arbeiter. Die Entlassungslisten wurden nach gesundheitspolitischen Kriterien aufgestellt: Betroffen waren durch die Arbeit Verschlissene und Aktivisten. Eine ganze Generation von Arbeiterkadern, auch diejenigen, die sich besonders um die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen gekümmert hatten, fielen der Säuberung zum Opfer.

In den folgenden Jahren wurde das Thema Arbeitsschutz von den italienischen Gewerkschaften nicht mehr aufgegriffen. Diese Wende manifestierte sich auch in der chemischen Industrie. In Castellanza wurde der Kern der Gruppe, die die Initiative gegen das Gesundheitsrisiko und gegen die physische Zerstörung der Menschen getragen hatte, 1982 entlassen. Die Gewerkschaft unterstützte die vom Betriebsratskollektiv mit der vollen Zustimmung der Belegschaft beschlossenen Abwehrkämpfe nicht mehr und schloß die basisdemokratische Organisation der Arbeiter aus ihren Reihen aus. Trotzdem wurden die Entlassungen vom Arbeitsrichter für ungültig erklärt, und die Betroffenen durften wieder an ihren Arbeitsplatz zurück. Das Wechselspiel zwischen Entlassung und der vom Arbeitsrichter angeordneten Wiedereinstellung wiederholte sich mehrmals.

An die Stelle der vielen Leiharbeiterfirmen für die Instandhaltungsarbeiten trat die der roten Genossenschaftszentrale angehörende Manutencoop (Cooperativa di manutenzione, Genossenschaft für Instandhaltungsarbeiten), die einen Teil der früheren Leiharbeiter als »Assoziierte« eingliederte, um sie dann 1984, als sich die sozialpolitische Situation wieder beruhigt hatte, zu entlassen. Alle Vorteile, die die Leiharbeiter in Castellanza durch die Unterstützung der Stammbelegschaft gewonnen hatten, sind inzwischen verlorengegangen. Ende 1988 gab es im Montedison-Werk nicht weniger als 72 Leiharbeiterfirmen.

Als Folge dieser Umstrukturierung, die es in ähnlicher Form auch in anderen Betrieben gegeben hatte, nahmen in den chemischen Fabriken in den 80er Jahren die schweren Unfälle und Umweltschäden wieder zu.

Der Kampf gegen das von chemischen Anlagen ausgehende Risiko hat daher einen neuen Aufschwung genommen. Die Akteure sind dieselben geblieben, hingegen sind die Rollen anders verteilt. Anfang 1989 gab es drei große Konfliktzentren:

* Massa Carrara, hier hatte ein Montedison-Werk jahrelang Pestizide gelagert und das ganze Gebiet verseucht. Obwohl sich bei einer Volksabstimmung die große Mehrheit der Bevölkerung für eine Schließung des Betriebes ausgesprochen hatte, weigerte sich das Werk, die Produktion einzustellen.
* Das Dorf Cengio im Bormida-Tal (Piemont), in dem ein weiteres Montedison-Werk für Farbenproduktion das Fluß- und Grundwasser verseucht und einen Teil der Agrikultur zerstört hatte. Die Bevölkerung, unterstützt von ihren Gemeindeverwaltungen und der lokalen Kirche, verlangte die Schließung des Betriebes.
* Manfredonia (Apulien) an der südlichen Adriaküste; hier hatten sich in den letzten Jahren mehrere schwere Unfälle in einem chemischen Betrieb ereignet. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist gegen den Bau eines neuen Kraftwerks aktiv geworden.

In allen diesen Zentren der Auseinandersetzung stellt sich die Chemie-Gewerkschaft mit einem Teil der Arbeiter gegen die Kritiker. Die neue grüne Bewegung sieht darin eine Bestätigung ihrer These, daß die Arbeiterklasse reaktionär sei. Tatsächlich ist die momentane Spaltung zwischen Ökologie- und Arbeiterbewegung das Ergebnis der großen Säuberungskampagne Anfang der 80er Jahre.

Nachdem das Betriebsratskollektiv nicht mehr von der Gewerkschaft anerkannt ist, hat sich in Castellanza ein Koordinationskomitee der Arbeiterinnen und Arbeiter des Montedison-Werks gebildet, das die organisatorische Arbeit mit der vollen Unterstützung der Belegschaft weiterführt. Auch der Kern der GPIA ist intakt geblieben und weiter aktiv. Von seinen letzten Initiativen seien drei genannt:

1. Die Erstellung einer detaillierten Dokumentation der Arbeits- und Gefahrenbedingungen in bestimmten Abteilungen des Betriebes mit genauer Benennung der Verantwortlichen und Vorschlägen für Umstrukturierungen der Anlagen (9. Dezember 1988).
2. Die Untersuchung der Vergiftung von Trinkwasserreservoirs im Gebiet von Castellanza (13. März 1989), deren Ergebnisse als Warnung und Aufforderung zu durchgreifenden Notmaßnahmen an alle zuständigen Behörden verschickt wurden.
3. Das von den Experten in Castellanza mitkonzipierte Projekt für die Dekontaminierung des Bodens, für die Produktkonversion des Betriebes und für die Umschulung der Arbeiterschaft in Massa Carrara

(April 1989)

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/08/10/genossenschaftencooperative_10/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Die oben erwähnte Zeitschrift, die Sergio Bolognas Artikel zuerst abdruckte, heißt richtig „AltreRagioni“ (weiter nachdenken?). Näheres dazu finde man in einem Jungle-World-Artikel von Andrea Fumagalli – über die italienische Linke:

    Eine Sprache finden. Im Jahr 1989 erscheint in Rom die erste Ausgabe einer neuen Zeitschrift, Luogo comune. Die Analyse der gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen gerät selbst zum Ort, an dem die soziale Auseinandersetzung gesucht wird. Im Redaktionskollektiv arbeiten unter anderem Marco Bascetta, Papi Bronzini und Paolo Virno. Sie verwenden eine Sprache, die aus der jüngeren französischen Philosophie kommt, von Foucault und Deleuze; Begriffe wie Kontrollgesellschaft, Biopolitik oder Multitude eröffnen eine Perspektive auf noch unabgeschlossene gesellschaftliche Entwicklungen, die darauf warten, präziser und grundlegender beschrieben und analysiert zu werden.

    Eine zweite Zeitschrift, AltreRagioni, wird 1991 auf eine Initiative Sergio Bolognas von einer Gruppe Intellektueller gegründet, die bereits in den siebziger Jahren eine Linie der undogmatischen Kritik verfolgten. Die erste Ausgabe von AltreRagioni erscheint im Februar 1992 im Selbstverlag. Breiten Raum nimmt die Analyse der Arbeitsverhältnisse und des Arbeitsmarkts in Italien ein – Sergio Bologna prägt den Terminus »Selbstständige der zweiten Generation« -, unter anderem finden sich hier Untersuchungen zur Flexibilität, zum Kleinunternehmertum und zu neuen Arten netzwerkförmiger Organisation.

    Fällt diesen beiden Zeitschriften die Funktion zu, die Analyse der aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen auf theoretischem Gebiet neu zu begründen und, wenn auch mit unterschiedlichen Positionen, so etwas wie eine »Theorie des Postfordismus« zu entwickeln, so ist der Ausgangspunkt für DeriveApprodi ein ganz anderer: Diese Zeitschrift ist in der Bewegung der centri sociali situiert und bildet einen Resonanzboden für die damit verbundene Subkultur.

    Auf akademischem Niveau existiert eine Analyse der ökonomischen, sozialen und juridischen Veränderungen des Postfordismus praktisch nicht, die Underground-Debatte hingegen ist lebhaft. Die Zahl der Zeitschriften wächst, ein regelrechter Boom, in dem Titel entstehen wie Marx101, Alternative, InterMarx, Infoxoa, das kurzlebige RiffRaff, Vis-à-Vis und Futuro Anteriore (die italienische Ausgabe des in Paris von Toni Negri herausgegebenen Futur Antérieur). Zu den Zeitschriftenartikeln gesellen sich Monografien, innerhalb der Bewegung entwickeln sich eine »alternative« Publizistik und ein eigenes Verlagswesen.

  • 2. Ein Beitrag aus dem IRU Courier

    Liebe Leserin, lieber Leser,

    Der stellv. Generaldirektor der Generaldirektion Unternehmen bei der EU-Kommission in Brüssel, Heinz Zourek, hat die Einschätzung der EU hinsichtlich der Genossenschaften dargestellt. In der Zwischenzeit hat die Kommission das Papier „Mitteilung der Kommission an den Rat, das Europäische Parlament, den Europäi-schen Wirtschafts- und Sozialausschuss, und den Ausschuss der Regionen über die Förderung der Genossenschaften in Europa“ veröffentlicht, das unter aktiver Beteili-gung der europäischen Genossenschaftsorganisationen, in denen die IRU-Mitglieder mit eine tragende Rolle spielen, erarbeitet wurde. Das Referat und die Verlautbarung der EU zeigen die positive Einschätzung der Genossenschaften seitens der europäi-schen Autoritäten. Diese Einschätzung ist vor allem auf die aktive unternehmerische Ausrichtung der Genossenschaften in den EU-Mitgliedsstaaten zurückzuführen, die in den einzelnen Volkswirtschaften eine wichtige Rolle spielen. Insofern wird die poli-tische Einschätzung seitens der EU durch die Aussagen von Frau Prof. Dr. Theresia Theurl von der makroökonomischen Seite aus betrachtet mehr als bestätigt. Beste-hende Genossenschaften stehen unter einem ständigen Anpassungsdruck, der vom Markt induziert wird, aber sich an den Mitgliederinteressen ausrichten muss. Neue Genossenschaften, wie sie erfreulicherweise in ganz Europa entstehen, können sich nur durch Konkurrenzfähigkeit am Markt etablieren und fortentwickeln. Sowohl die „alten“ als auch die „neuen“ können nur zukunftsgerichtet ihre Funktion erfüllen. Was sie aber gegenüber den anderen Unternehmensformen voraus haben, ist dass sie über eine identitätsstiftende, zukunftsweisende Tradition verfügen.

    Die von der Cera, unserem Mitglied, geförderte Studie über die Entwicklungszusam-menarbeit der genossenschaftlichen Organisationen ist von den Autoren mit dem Titel „Taten wiegen schwerer als Worte“ überschrieben worden. Ähnlich hat sich bereits vor 140 Jahren Friedrich Wilhelm Raiffeisen ausgedrückt: „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert“. Die Studie zeigt, wie stark Solidarität durch praktisches Handeln zum Erfolg führt. Wenn auch die Ansätze der einzelnen Organisationen unterschiedlich sind, ist doch allen gemeinsam, dass der Aufbau wirtschaftlich orientierter genossenschaftlicher Selbsthilfeorganisationen das Ziel jeder Unterstützung sein muss und dass Handels- und Geschäftskontakte auf lange Sicht die beste Hilfe sind.
    Dr. Paul Armbruster, Generalsekretär

    GENOSSENSCHAFTEN UND ENTWICKLUNG:
    TATEN WIEGEN SCHWERER ALS WORTE

    von Patrick Develtere – Professor für Entwicklungszusammenarbeit an der Universität von Leuven, Belgien und Direktor der Abteilung für Nachhaltige Entwicklung an der Hochschule für Arbeitsforschung, Leuven, und Ignace Pollet – leitender Forschungsmitarbeiter mit Fachgebiet Organisation und Genossenschaftsforschung an der Hochschule für Arbeitsforschung (Leuven, Belgien).

    Der vorliegende Artikel basiert auf einer Untersuchung unter großen Genossen-schaften und internationalen Einrichtungen (mit genossenschaftlich ausgerichteten Programmen), die ein repräsentatives Bild der Hilfe von Genossenschaft zu Ge-nossenschaft bietet. Dabei wurde deutlich, dass die in der Entwicklungszusam-menarbeit eingesetzten Instrumente eng verknüpft waren mit ihrem genossen-schaftlichen Hintergrund. Technische Unterstützung bleibt weiterhin das wichtigste entwicklungspolitische Instrument der Agenturen, gefolgt von finanzieller Unter-stützung und Wissens- und Ausbildungstransfer. Interessanterweise befassen sich viele Agenturen aktiv mit der Gestaltung günstiger institutioneller und rechtlicher Rahmenbedingungen für genossenschaftliche Entwicklungen in südlichen Län-dern. In den letzten Jahren haben viele Agenturen eine wichtige Rolle dabei ge-spielt, Handels- und Geschäftskontakte zwischen Genossenschaften im Norden und Süden anzuknüpfen. Qualitativ stehen Genossenschaften in der ersten Reihe bei der Entwicklungszusammenarbeit. Es wird vorgeschlagen, für mehr öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Modell zu werben.

    Alter Wein in neuen Schläuchen? Eine neuere Untersuchung

    Sowohl in den industrialisierten wie den Entwicklungsländern nimmt das Interesse an Genossenschaften wieder zu. Das gilt auch für das Interesse an einer Zusammen-arbeit zwischen Genossenschaften des Nordens und des Südens. Der Grund dafür liegt in einer veränderten Entwicklungsagenda. Diese neue Entwicklungs-Agenda eröffnet neue Möglichkeiten für Genossenschaften und genossenschaftliche Ent-wicklungsagenturen, da sie auf (a) Beteiligung einer Vielzahl von Akteuren (mul-tistakeholdership), (b) Dezentralisierung und Privatisierung, (c) lokales Unterneh-mertum, (d) Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung und (e) Spezialisie-rung und Professionalisierung besteht. Genossenschaften und ihnen nahestehende Organisationen in den westlichen Industrieländern haben in den letzten zehn Jahren ausgiebig ihren Seelenzustand erforscht. Vielleicht müssen sie auch gar nicht zu neuen Ufern aufbrechen, um eine aktualisierte Form ihrer Identität zu finden. Statt-dessen sieht es so aus, als ob die neuen Entwicklungsanforderungen die genossen-schaftliche Welt eingeholt haben. Anders gesagt: was Genossenschaften seit Urzei-ten gemacht haben, ist ganz plötzlich ausgesprochen angesagt.

    Um dieses zu untermauern, gibt der vorliegende Artikel einen Überblick über eine Untersuchung der wichtigsten genossenschaftlichen Entwicklungsagenturen, die zum Genossenschaftswesen der nördlichen Industrieländer gehören. Im Grunde ging es dabei um die Rolle, die Genossenschaften im Norden bei der Unterstützung der Kollegen im Süden spielen. Die Untersuchung wurde im Auftrag der belgischen Cera-Stiftung durchgeführt, die die Arbeitsergebnisse für ihre eigene Entwicklungs-Agentur, die belgische “Raiffeisenstichting”, verwenden wollte.

    Die im Sommer 2003 durchgeführte Untersuchung sollte ein repräsentatives Bild der von Genossenschaften an Genossenschaften gegebenen Hilfe ergeben. Dazu wurden ungefähr 45 Fragebogen entweder per Email versandt oder als Grundlage für ein Interview verwendet. 35 wurden ausgefüllt und zurückgeschickt. Zusätzlich wurden Webseiten und Broschüren herangezogen, um zuverlässige Informationen über einige andere Organisationen zu erhalten. Die Ergebnisse** dieser Datensamm-lung boten einen Einblick in die von diesen Organisationen verwendeten Strategien und institutionellen Rahmenbedingungen sowie der verwendeten Methoden zur Mobilisierung finanzieller und menschlicher Ressourcen. Im vorliegenden Artikel konzentrieren wir uns auf die im Süden durchgeführten und unterstützten Aktivitä-ten. Die an der Untersuchung beteiligten Organisationen sind in Anhang 1 aufgelis-tet.

    Auf die Frage nach den von genossenschaftlichen Entwicklungsagenturen durchge-führten Aktivitäten wurde am häufigsten auf technische Hilfe, finanzielle Unterstüt-zung und Wissens- und Ausbildungstransfer verwiesen. Weniger häufig, aber trotz-dem wichtig ist die Entwicklung genossenschaftlicher Gesetzgebung und Vorschrif-ten. Ebenso wichtig sind die Entwicklung und Unterstützung von Handelsaktivitä-ten, wobei der Zusatz ‘fair trade’ in den Augen der Öffentlichkeit zunehmend an Bedeutung gewinnt. Eine der zentralen Fragen dieser Übersicht und im Grunde des Forschungsprojektes insgesamt besteht darin, wie sich Genossenschaften als Ent-wicklungsakteure unterscheiden (verglichen mit NROs, bilateraler Zusammenarbeit und internationalen Initiativen).

    Technische Hilfe

    Technische Hilfe bleibt weiterhin an erster Stelle unter den Aktivitäten nördlicher genossenschaftlicher Entwicklungsagenturen. Sie unterscheiden sich darin nicht sehr von regulären NROs. Aber die Dauer der Partnerschaft ist bei genossenschaft-lichen Entwicklungsagenturen tendenziell länger als bei NROs. Auch inhaltlich könnte es Unterschiede geben. NROs leisten häufig eher technische Hilfe allgemei-nerer Art. Genossenschaftliche Entwicklungsagenturen geben fachspezifischere ge-nossenschafts- und geschäftsbezogene Erfahrungen weiter. Anders gesagt: NROs haben einen eher ganzheitlichen Ansatz in Bezug auf Entwicklung und technische Hilfe und konzentrieren sich auf Zielgruppen und ihre Bedürfnisse mit Betonung eher auf Hilfe als auf technisch. Genossenschaftliche Entwicklungs-Agenturen ha-ben einen enger gefassten Ansatz in Bezug auf Entwicklung und technische Hilfe. Sie konzentrieren sich auf das genossenschaftliche Geschäft als Instrument oder Mechanismus. Ihre Betonung liegt auf technisch mehr als auf Hilfe. Die Mitarbeiter in der genossenschaftlichen technischen Hilfe vertreten nicht nur das Gedankengut der Genossenschaften, sondern sind in den meisten Fällen auch in der einen oder anderen Sparte des Genossenschaftsgeschäftes ausgebildet. Vielfach liegt der tech-nischen Hilfe das Fachwissen zu Grunde, dass das Genossenschaftswesen im Nor-den und Süden im Laufe der Jahre zusammengetragen und entwickelt hat. Zur Ver-deutlichung folgendes Beispiel:

    Aus der eigenen Geschichte weiß die Rabobank-Gruppe, wie wichtig ein Spar- und Kreditwesen ist, um Anreize für die Volkwirtschaft eines Landes und Wohlstand zu schaffen. Deshalb ist es ein besonderes Anliegen der Rabobank Stiftung, Beratung und aktive Unterstützung für genossenschaftliche Finanzsys-teme und Institutionen in Entwicklungsländern zu leisten. Dazu stehen Experten der Rabobank zur Verfügung. (…) Unter der Anleitung der Rabobank-Experten hat sich die “Union Bank of Cameroon” (UBC) zu einem expandierenden Un-ternehmen entwickelt. Diese Genossenschaftsbank hat sich inzwischen erfolg-reich als Regionalbank im Westen des Landes etabliert. Eines der ständigen Diskussionsthemen ist dabei jedoch die strategische Beziehung der UBC zur “credit union”-Bewegung unter CAMCULL. Die Zusammenarbeit mit der Hilfs-organisation SNV Kameroen wurde inzwischen erneuert und der Vertrag mit un-serem Mitarbeiter um weitere zwei Jahre verlängert. (…) Im Berichtsjahr erhöh-te sich der Bestand an ausländischen Krediten weiter. Insgesamt wurden 32 neue Kredite von insgesamt über 2 Millionen Euro an 32 Partner in 16 Ländern vergeben, von denen drei zur Vorfinanzierung der Kaffee- und Kakaoernten dienten. Zwei Drittel der Kredite gingen in die Region Lateinamerika. Das Ge-samtkreditvolumen belief sich auf 6,6 Millionen Euro (Stand 31. Dezember 2001) und lag damit um 23% über dem des Vorjahres am Ende 2000. Es ist der Stiftung daran gelegen, dass die lokalen Finanzmärkte nicht in Unruhe versetzt werden und die geforderte Zinsrate deshalb zumindest über der Inflationsrate liegen sollte. So zahlen die Kreditnehmer einen annehmbaren Zins, ihr Haupt-vorteil liegt aber darin, dass sie überhaupt einen Kredit erhalten. (…) (Rabo-bank-Gruppe, 2001)

    Aber es geht in der zwischengenossenschaftlichen Hilfe nicht nur um Sparen und Mikrokredite. Ausgesprochen häufig arbeiten Genossenschaften in mehreren Sekto-ren, d.h. gleichzeitig in mehr als einem Sektor, und beeinflussen verschiedene As-pekte des Lebens (Wohnungsbau, Nahrungsmittelsicherheit, Kreditzugang etc.). Für die deutsche Agentur DESWOS ist ihr eigener Bereich (Wohnungsbau) z.B. nur der Ausgangspunkt, um allmählich alle schwierigen Lebenssituationen der Armen auf-zugreifen. Lokale Genossenschaften sind der Aufhänger für Bildungs- und ein-kommensfördernde Maßnahmen (Hachmann, 2001).

    Aufgrund ihres integrierten Ansatzes und ihrer Größe können Genossenschaften als Mittel dienen, um nachhaltigere Anbaumethoden einzuführen, wie die schwedische Genossenschaftszentrale (SCC) erfahren konnte. Da sie mit einer großen Genossen-schaft in Sambia als ihrem Partner zusammenarbeitete, wurde es ihr gestattet, biolo-gischen Anbau als billige und umweltfreundliche Methode einzuführen:

    Sambias Kleinbauern haben i.A. Probleme mit nachlassenden Ernten. Eine der Ursachen sind die wiederkehrenden Dürren, eine andere die von den Bauern eingesetzten Anbaumethoden, die Wasserzugang und teures Saatgut, Düngemit-tel und Pestizide erfordern. Im Distrikt von Chongwe hat die schwedische Ge-nossenschaftszentrale deshalb ein Ausbildungsprogramm für Kleinbauern unter-stützt, bei dem es um alternative Anbaumethoden ging, die ohne teure Import-chemikalien auskommen. Landwirtschaftliche Berater haben Musterhöfe einge-richtet, auf denen natürlicher Dünger und Kompost zum Einsatz kommen. Mehr als eintausend Bauern haben sich bisher an der praktischen Vorführung alterna-tiver Anbaumethoden beteiligt. Mehr als ein Drittel davon waren Frauen. Die Partnerorganisation der schwedischen Genossenschaftszentrale – KATC – hat sogenannte Studienkurse eingeführt, um die Kenntnisse über umweltfreundliche Anbaumethoden weiterzugeben. Man hat Informationsmaterial über nachhaltige Landwirtschaft, lokale Forstwirtschaft, Teichbau und Gemüseanbau für die Stu-dienkurse zusammengestellt. 2001 nahmen 150 Kleinbauern an zehn Studienkur-sen teil. (SCC, 2001)

    Finanzielle Unterstützung

    Die zweitwichtigste Aktivität, von der die untersuchten genossenschaftlichen Entwicklungsagenturen berichten, bezieht sich auf finanzielle Unterstützung. Diese Form der Unterstützung kann sehr unterschiedlich gestaltet sein und vielfältigen Zwecken dienen. In den meisten Fällen wird finanzielle Unterstützung noch immer als Zuschuss gewährt. Aber in wachsendem Maße setzen genossenschaftliche Entwicklungsagenturen auch neue Finanzinstrumente wie z.B. revolvierende Fonds, Darlehen, Eigenkapital oder Bürgschaften ein.

    Man kann finanzielle Unterstützung bei Existenzgründungen gewähren, um be-stimmte wiederkehrende oder betriebsbedingte Kosten der Partnerorganisation zu decken, um Gemeinschaftsaufgaben zu finanzieren oder Netzwerke aufzubauen. Viele genossenschaftliche Entwicklungsagenturen machen sich aber allmählich auch Gedanken darüber, wie sich die verschiedenen Formen finanzieller Unterstützung auf die örtliche Genossenschaft und genossenschaftliche Strukturen auswirken. Man kümmert sich in zunehmendem Maße auch darum, dass die finanzierten Aktivitäten in der Gemeinschaft verankert und nachhaltig sind und die Partner vor Ort weniger abhängig machen von Gebern.

    Der kanadische Genossenschaftsverband (CCA) hat seit 1989 genossenschaftliche Organisationen, Netzwerke und Einzelpersonen in Indonesien gefördert. 2002 setzte der CCA seine Arbeit mit der Gründung von 15 Modellgenossenschaften im Finanz- und Agrarsektor in Java und Sulawesi fort. Ein genossenschaftliches Entwicklungsteam, bestehend aus einer Gruppe fachlich qualifizierter, über drei Jahre vom CCA ausgebildeter indonesischer Entwicklungshelfer, erhielt den Auftrag, bei der Entwicklung der Genossenschaften zu helfen. Mit dem nahen Abschluss des Projektes im März 2004 werden diese Pilotgenossenschaften zunehmend zu autonomen, transparenten und mitgliederorientierten Organisationen. (CCA Fragebogen)

    Wissens- und Ausbildungstransfer

    Eine große Mehrheit der untersuchten genossenschaftlichen Entwicklungsagenturen investieren auch viel in den Wissens- und Ausbildungstransfer. Ein großer Teil dieses Wissens- und Ausbildungstransfers bezieht sich direkt auf genossenschaftliche Themen wie die Geschäftsführung von Genossenschaften, genossenschaftliche Selbstverwaltung, Buchführung und Rechnungswesen oder Personal-Entwicklung. Einige Agenturen veranstalten spezielle internationale und nationale Ausbildungsprogramme. Organisationen wie z.B. WOCCU, ILO, CCA und andere haben auch spezialisiertes Ausbildungsmaterial entwickelt. Vieles davon wurde den örtlichen Gegebenheiten angepasst und in die lokalen Sprachen übersetzt. Die Agenturen setzen häufig auch neue Ausbildungsmedien wie Videos oder Internet-Tools ein.

    In den letzten Jahren hat man sich bemüht, von einem “top-down”-Ansatz beim Wissenstransfer weg zu kommen und Wissen von unten nach oben zu vermitteln. Nach dem früheren Modell war es die Entwicklungsagentur, die über den Inhalt der Ausbildung und den Ausbildungsprozess entschied. Im neueren System hat der Teilnehmer sehr viel mehr Einfluss auf den Ausbildungsprozess. Er oder sie bestimmt den Ausbildungsbedarf und hat dann die Wahl zwischen einer Vielzahl an Ausbildungsmöglichkeiten.

    Die von der Irischen Stiftung für Genossenschaftliche Entwicklung (IFCD) finan-zierte “Community Enterprise Development Organisation” (CEDO) in Uganda hat sich als sehr erfolgreich bei der Expansion und Entwicklung von Genossen-schaften, Erzeugervermarktungsgruppen, Kredit- und Spargruppen und Frauengruppen zur Einkommensgenerierung erwiesen. 2002 konnte CEDO auf dem Erfolg der vergangenen Jahre aufbauen (…). Man führt den Erfolg der CEDO bei der Erschließung neuer Gruppen darauf zurück, dass die Organisation qualifiziert ist, Zugang zur Beratung und Finanzierung durch die IFCD hat und dass sich der Erfolg der Vergangenheit jetzt in anderen Regionen multipliziert. Die genossenschaftlichen Erzeugergruppen produzieren und vermarkten Bohnen, Erdnüsse, Kassava, Mais, Kaffee und Fleischprodukte (…).

    Im Laufe von zwei Jahren (2001-2002) hat die IFCD 51 Genossenschaften, 30 Frauengruppen, 33 Gruppen zur Mikro-Einkommensgenerierung und 7 Kredit- und Spargruppen beraten.

    Die Frauengruppen und die Gruppen zur Mikro-Einkommensgenerierung bestehen aus Frauen, die mit Saatgutvermehrung und Kunsthandwerk ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Kredit- und Spareinrichtungen werden zusammen mit den Genossenschaften und den Vermarktungsgruppen der Erzeuger entwickelt. CEDO stellt seinen Genossenschaften und Erzeugergruppen außerdem ein intensives Beratungs- und Ausbildungsprogramm zu Themen wie Verlaufskontrolle, Kassava-Erzeugung, Einkommensgenerierung, Wertschöpfungstechniken und Produktvermarktung zur Verfügung. Man geht davon aus, dass 2002 bis zu 642 Beratungs- und Ausbildungsprogramme stattfanden, von denen 14.830 Bauern und Gruppenmitglieder profitierten. (Quelle:Webseite http://www.icos.ie)

    Jenseits der Projekte: Regulierungsansatz und Systemansatz

    Im letzten Jahrzehnt haben sich die größeren genossenschaftlichen Entwicklungs-Agenturen stärker mit dem institutionellen Rahmen auseinandergesetzt, in dem sich ihre Partner bewegen. Tatsächlich wird die genossenschaftliche Entwicklung in vie-len Ländern hauptsächlich durch ein wenig förderliches Umfeld mit restriktiven Gesetzen und Vorschriften, die noch aus dem populistisch-nationalistischen Ansatz der 1970er – 1980er Jahre stammen, eingeschränkt. Das hat negative Auswirkun-gen auf die Autonomie und Wirtschaftsleistung der Genossenschaften. Die Agentu-ren setzen sich deshalb für rechtliche Grundlagen ein, die Genossenschaften den Geschäftsbetrieb als private, mitgliederkontrollierte Unternehmen erlauben. Einige Agenturen sind bei der Formulierung von Modellgesetzgebung für Genossenschaf-ten behilflich oder finanzieren den Genossenschaften einen Prozess des Nachden-kens über die Beziehungen zwischen Genossenschaften und Staat. Berücksichtigt werden dabei auch die Beziehungen zu Genossenschaftsämtern sowie der Zentral-bank und Finanzämtern. In einigen Fällen haben die Agenturen auch die Regierun-gen bei der Novellierung der Genossenschaftsgesetze fachlich beraten. In den 1990er Jahren unterstützte die kanadische “Développement International Desjar-dins” die Zentralbank Westafrikanischer Staaten bei den Vorbereitungen für die Regulierung der Kredit- und Spargenossenschaften in sieben Ländern der Region.

    Die genossenschaftliche Abteilung der ILO hat ein Dokumentationszentrum ein-gerichtet, in dem ein großer Teil der Genossenschaftsgesetze aus der Mehrzahl der ILO-Mitgliedsstaaten gesammelt werden. Eine Kurzbeschreibung dieser Ge-setze ist auch in die NATLEX-Datenbank aufgenommen worden und kann über das Internet abgerufen werden. Außerdem ist eine Datenbank, die eine Volltext-Auswahl moderner Genossenschaftsgesetze umfasst, im Internet veröffentlicht worden. In vielen Ländern war die ILO beratend tätig und hat technische Hilfe bei der genossenschaftlichen Gesetzgebung geleistet. Die wichtigsten Publikatio-nen dieses Programms sind u.a.: ‘Rahmenbedingungen für genossenschaftliche Gesetzgebung’, erhältlich in Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Chinesisch und Arabisch, sowie das ‘Handbuch für partizipative ge-nossenschaftliche Politikgestaltung’, erhältlich in Englisch, Französisch und Portugiesisch.( Quelle: ILO-Genossenschaftsabteilung)

    Der deutsche DGRV verfolgt einen anderen projektübergreifenden Ansatz. Man geht bei der genossenschaftlichen Entwicklung nach einem ‘Systemansatz’ vor. In diesem Ansatz werden genossenschaftliche Partner als Akteure in einem System betrachtet: ihre Entwicklung hängt nicht nur von ihrer eigenen Leistung, sondern im gleichen Maße von einer Vielzahl anderer Faktoren ab. Der DGRV identifiziert zu-sammen mit seinen Partnern diese Faktoren, die entweder förderlich oder hinderlich sind, und versucht, sie zu beeinflussen. Aus diesem Grund geht es in vielen DGRV-Projekten auch um Zusammenarbeit mit Regierungen, Zentralbanken, Parlamenten, mit Bankaufsichtsbehörden, Vermarktungsgremien, genossenschaftlichen Dachver-bänden und Ausbildungseinrichtungen. Das erfordert enorme Anstrengungen von allen Beteiligten, hat aber auch erstaunliche Erfolge zu verzeichnen.

    Der Förderansatz des DGRV ist systemorientiert: einzelne Genossenschaften sol-len in die Lage versetzt werden, den Förderauftrag gegenüber ihren Mitgliedern zu erfüllen, da nur wirtschaftlich leistungsstarke Genossenschaften und ihre Mit-glieder zum Motor des Strukturwandels und der Entwicklung werden können. Die einzelne Genossenschaft muss aber Teil des Systems sein; das setzt den Aufbau von Zentralgenossenschaften und Verbänden voraus, die nach dem Subsidiari-tätsprinzip bestimmte Aufgaben für diese Genossenschaften erfüllen. (…) Aufbau eines Ausbildungssystems, genossenschaftlicher Prüfungseinrichtungen in Zu-sammenarbeit mit maßgeblichen staatlichen Stellen (Bankenaufsichtsbehörden, Genossenschaftsaufsicht der Regierungen), die Einrichtung (mobiler) Beratungs-teams vor Ort, die vor allem die Genossenschaften im ländlichen Raum beraten sowie zentrale genossenschaftliche Einrichtungen – dies alles sind Maßnahmen, die im Zuge der Projektimplementierung ergriffen werden. (…) So wurde z.B. 1990 eine Spar-und Darlehensgenossenschaft von Kleinunternehmern in Puyo/Ekuador, einer Kleinstadt mitten im tropischen Regenwald, mit einem Startkapital von 60 US$ gegründet. Ende 2003 hatte die Genossenschaft 13.900 Mitglieder, darunter viele Frauen und kleine Handwerker, Spareinlagen von 3,5 Millionen US$ und Eigenkapital von 1,5 Millionen US$. Dies wurde durch die Initiative des Geschäftsführers und das Engagement der Mitglieder möglich. Ohne den besonderen Projektansatz des DGRV, der auch umfassende Unterstüt-zungs- und Beratungsleistungen umfasst, wäre dies jedoch nach Aussage der Ge-nossenschaftsführung nicht zu erreichen gewesen. Aber die 125 Genossenschaf-ten in Ekuador hatten schon erhebliche Vorleistungen für den Aufbau eines Ver-bundsystems erbracht, indem sie ein genossenschaftliches Ausbildungszentrum, eine Zentralbank (FINANCOOP), eine Datenverarbeitungsgesellschaft und eine Prüfungsfirma gegründet hatten. Der vom DGRV initiierte Kreditfonds gewährte Refinanzierung für Betriebskredite zu marktüblichen Bedingungen. FINAN-COOP wurde 2001 von der Bankenaufsichtsbehörde qualifiziert und bekam im Mai 2003 endgültig die Lizenz als genossenschaftliche Zentralkasse. Entspre-chend den Auflagen der Bankenaufsichtsbehörde konnte FINANCOOP Ende 2003 die erforderlichen 1 Million US$ Eigenkapital vorweisen, von den Mit-glieds-Basisgenossenschaften ohne externe Mittel selbst aufgebracht. (Quelle: Armbruster)

    Genossenschaftlicher “Fair Trade”-Handel

    Ein neuerer, von der “Oxford Swindon & Gloucester Co-op” im Vereinigten König-reich in Auftrag gegebener Bericht über eine Befragung ihrer Mitglieder machte deutlich, dass die am häufigsten von den Genossenschaften des Nordens erwarteten Unterstützungsleistungen in der ‘Schaffung von Handelsmöglichkeiten’ und ‘Wis-sens- und Erfahrungsaustausch’ bestanden. Viele Agenturen bieten deshalb auch Handelsaktivitäten als Teil ihres Programms.

    Die “British Group Union” sagte Folgendes zugunsten von “Fairtrade”:

    Gegenwärtig macht die Fairtrade-Banane nur 1,4% der insgesamt im Vereinig-ten Königreich verkauften Bananen aus. Letztes Jahr wurden insgesamt 700.000 Tonnen Bananen verkauft, davon waren 10.000 Tonnen Fairtrade-Bananen und damit 1,7% des Wertes des Bananenmarktes im Vereinigten Königreich 2001. Verglichen dazu bestanden letztes Jahr elf Prozent des genossenschaftlichen Ge-samtumsatzes an Bananen aus Fairtrade und Fairtrade-Bananen machten 40% des Umsatzes an fertigverpackten Bananen bei Coop aus. Würden alle Einzel-händler sich im gleichen Umfang engagieren, würde der Umsatz an Fairtrade-Bananen im Vereinigten Königreich von 10.000 auf 64.000 Tonnen steigen. In-zwischen hat Coop im ausgereiftesten Fairtrade-Marktsegment für gemahlenen Kaffee einen in dem Ausmaß bisher noch nie dagewesenen Erfolg erzielt, denn Fairtrade hat einen Anteil von ungefähr 20% am gesamten Coop-Umsatz bei gemahlenem Kaffee. Die Gründung einer Fairtrade-Genossenschaft setzt einen positiven Kreislauf in Gang: eine anständige, gleichbleibende Rendite für die Arbeit bedeutet, dass die Kaffeebauern ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder planen können und weniger unter menschlicher Ausbeutung oder Naturkatastro-phen zu leiden haben. (Quelle: Co-operative Group)

    Ebenso beansprucht die italienische Legacoop stolz für sich, die erste italienische Supermarktkette zu sein, in der es “fair trade”-Produkte zu kaufen gibt. I.A. besteht das Sortiment aus 12 Produkten: Kaffee, Honig, Kakao, Tee, Obstsäfte und unter-schiedliche Sportbälle. 2003 werden diese Produkte als genossenschaftliche Mar-kenprodukte aufgenommen und als eigene Produktlinie namens “Solidal“ verkauft werden. Damit wird die Auswahl an Produkten von vorher 12 auf 25 erhöht werden und der Umsatz dieser Produkte beträchtlich steigen. Außerdem werden diese Pro-dukte auch vom Preis her noch konkurrenzfähiger werden. COOP ist eines der Gründungsmitglieder der italienischen Transfair-Organisation, die als einzige Stelle in Italien “fair trade”-Produkte zertifizieren darf. “Fair trade”-Produkte stammen aus Zentralamerika, Südamerika, Kenia, Indien, Pakistan und Palästina. Seit 1996 ist der Umsatz kontinuierlich gestiegen. 2002 belief er sich auf insgesamt 3,5 Milli-onen Euro.

    Nicht nur die mit Konsumgenossenschaften des Nordens verbundenen genossen-schaftlichen Entwicklungsagenturen engagieren sich im Handel mit “fair trade”-Produkten. Die niederländische Rabobank-Stiftung beteiligt sich an Risikokapital und Handelsfinanzierung der “fair trade-Netzwerke. Die kanadische NRO “SOCO-DEVI” sieht ihre Rolle als Vermittler und hilft ihren Partnern dabei, den Markt für “fair trade”-Produkte zu erobern. Gleichzeitig erweitert sie aber auch nachdrücklich das “fair trade”-Konzept, indem sie sich vorzugsweise im Handel zwischen Genos-senschaften und in genossenschaftlichen “Joint-Ventures” zwischen Nord und Süd engagiert. So half sie 2003 den ivorischen Kakao-Erzeugergenossenschaften dabei, 3 Millionen Tonnen Kakao über genossenschaftlichen Handel auf dem Weltmarkt zu platzieren. In Guatemala unterstützte SOCODEVI die Gründung einer genossen-schaftlichen Fabrik zur Verarbeitung von Kohl und Lauch. Die Genossenschaft ist im gemeinsamen Besitz einer guatemaltekischen Genossenschaft (51%) und einem kanadischen genossenschaftlichen Einzelhändler (49%). Einige kanadische Genos-senschaften nutzten das CIDA-Programm für Industrielle Zusammenarbeit (CIDA Inc.), um Machbarkeitsstudien über das Potenzial des zwischengenossenschaftli-chen Handels anzufertigen. Ähnliche Kontakte zwischen Geschäftspartnern werden von der norwegischen NORCOOP unterstützt. Konsumgenossenschaften aus Hon-duras pflegen Geschäftsbeziehungen zu norwegischen Konsumgenossenschaften und Wohnungsbaugenossenschaften in Guatemala sind “Joint-Ventures” mit nor-wegischen Wohnungsbaugenossenschaften eingegangen.

    Im April 2004 findet eine internationale genossenschaftliche Handelsmesse in Bei-jing, China statt. Die Initiative ist ein gemeinsames Projekt des Gesamtchinesischen Verbandes der Versorgungs- und Vermarktungsgenossenschaften, der kanadischen Co-op Atlanta, der Genossenschaftlichen Gruppe aus dem Vereinigten Königreich, des “Fairprice”-Systems des Gewerkschaftsdachverbandes aus Singapur und des Internationalen Genossenschaftsbundes.

    Einige Agenturen unterstützen in ihrer Arbeit auch die Handelsinteressen ihrer Partner (advocacy). Dies macht z.B. die belgische NRO FOS. Sie setzt sich für die Interessen ihrer Partner ein, wenn es um Einflussnahme auf regionale oder interna-tionale Handelsthemen geht, so z.B. bei Mercosur in Südamerika, SADCC im süd-lichen Afrika oder die Auswirkungen der europäischen Gemeinsamen Agrarpolitik auf den Agrarhandel mit Ländern des Südens.

    Partner: spezialisiert und langfristig

    In welchen Regionen suchen sich die Genossenschaften aus dem Norden ihre Part-ner? Die Untersuchung gestattet keine genaue Aussage, aber Lateinamerika und Afrika scheinen miteinander um die meiste Aufmerksamkeit zu wetteifern, wobei Asien nur wenig hinterher hinkt. Daraus lässt sich erkennen, dass Bedürfnisse und Armut zweifelsohne nicht die einzigen Parameter sind, die bei der Auswahl mögli-cher Partner zählen: ebenso schwer wiegen dabei sicherlich weltanschauliche Bin-dungen und die Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Ergebnisse. Eine von USAID (2001) errechnete Verteilungstabelle zeigt, dass zwischen 1971 und 2001 die acht führenden genossenschaftlichen Entwicklungsorganisationen der USA 42,3 % ihrer Geldmittel in Lateinamerika und nur 13,4 % in Afrika einsetzten.

    Die meisten der von uns untersuchten Agenturen geben ungefähr 75 bis 80% ihres Budgets im Süden aus, der Rest fließt in Forschung, Kampagnen und Sensibilisie-rungsprogramme, Interessenvertretung und unterschiedliche Gemeinkosten. Im Durchschnitt gehen ca. 80% der Ausgaben im Süden an Genossenschaften, weitere 15% an Mikro-Finanzeinrichtungen (nicht genossenschaftlicher Art) und der Rest an NROs und Kommunen.

    Einige Agenturen suchen sich ihre Partner ganz aktiv aus und berücksichtigen dabei die Bedürfnisse und die Kapazitäten der Organisation. Andere reagieren eher auf Nachfrage. Aber Engagement, gute Unternehmensführung (good governance) und gemeinsame ethische Werte sind Kriterien für die Auswahl. Da es im Genossen-schaftswesen immer auch um eine gemeinsame Vertrauensbasis geht, sind auch fi-nanzielle Solidität und Zuverlässigkeit wichtige Eigenschaften. Noch andere kom-binieren Identifikationsstrategien oder arbeiten über ein großes Netzwerk, zu dem sowohl die Entwicklungsagenturen wie auch potenzielle Partner gehören.

    Was die Art der Partner anbetrifft, mit denen man zusammenarbeitet, so werden Dachverbände oder Genossenschaften der Sekundärstufe am häufigsten genannt. Die anderen Optionen wurden gleich häufig erwähnt: Primärgenossenschaften, den Genossenschaften angeschlossene Ausbildungseinrichtungen, Mikro-Finanzeinrichtungen, genossenschaftsunterstützende NROs. In wenigen Antworten werden auch soziale Bewegungen (Bauern-, Frauen- oder Arbeiterbewegungen) und Regierungsstellen als Partner erwähnt.

    Die Partner werden gewöhnlich als langfristige Partner gesehen. Häufig ermutigt man sie, der internationalen Bewegung oder dem Netzwerk, zu dem die Agentur gehört, beizutreten (z.B. dem IGB oder eines seines sektoralen Netzwerke und Re-gionalverbände, dem Netzwerk der Spar- und Kreditgenossenschaften des Raiffei-sentyps, dem “World Council of Credit Unions”, dem Internationalen Verband der Agrarerzeuger etc.). Infolge dieses Ansatzes von Partnerschaft im Rahmen von Netzwerken oder Bewegungen investieren die Agenturen auch sehr viel Energie in einen bilateralen und gegenseitigen Informationsaustausch und Kontakte. Zu diesem Zweck setzen sie Ausbildungsprogramme, Besuchsprogramme und Praktika sowie das Internet, Broschüren und Handbücher ein.

    Nutznießer: die Ärmsten oder eine Mischung?

    Wer ist letzten Endes der Nutznießer dieser Entwicklungszusammenarbeit zwischen Genossenschaften? Mit anderen Worten: welches sind die Mitglieder, an denen sich die Partnerorganisationen im Süden orientieren? Die von uns gesammelten Beispie-le machten deutlich, dass Genossenschaften für ganz spezifische Zielgruppen ge-schaffen werden (und in derem Besitz sind). Der kanadische DID erkannte z.B., wie wichtig Unternehmerinnen für die senegalesische Volkswirtschaft sein könnten und beschloss, deren Zugang zu Krediten zu verbessern (DID, 1998). Einige von der ILO initiierte Projekte sind auf bestimmte Berufsgruppen auch im informellen Sek-tor (z.B. Schuhputzer in Uganda) und ethnische und stammesmäßige Minderheiten (z.B. Angehörige des Orissa-Stammes) ausgerichtet (Birchall, 2003; ILO, 2001).

    Eine wichtige Frage, die den Kern der Entwicklungsstrategie der Genossenschaften berührt, ist jedoch, ob die ärmsten Bevölkerungsgruppen als vorrangige Zielgruppe betrachtet werden sollten. Die Antworten, die wir darauf erhielten, waren nicht ein-deutig: einige sagen ja und meinen ja (Rabobank, Land O’Lakes, Socodevi), andere nein und meinen nein (SCC), aber die meisten sagten entweder ja oder nein mit ei-nem Zusatz, der eine weder-noch-Haltung andeutete. Der DGRV konzentriert sich stark auf Menschen, die sich selber helfen können, schaut aber gleichzeitig darauf, welche spezifischen Bedürfnisse von Genossenschaften befriedigt werden können.

    Der CCA fördert die Gründung von Genossenschaften unter den Armen und unter-stützt gleichzeitig die Genossenschaften des Mittelstandes dabei, ihre Produkte und Dienstleistungen unter den Armen zu vermarkten. Der amerikanische NCBA be-richtet, dass die Genossenschaften, mit denen man zusammenarbeitet, “alle Mitglie-der fördern, die innerhalb ihres Landes unter die Armutsgrenze fallen – aber nicht zu “den Ärmsten” gehören”. WOCCU behauptet, dass die Armen von Vielfalt (d.h. verschiedene Einkommensgruppen unter den Mitgliedern) sehr viel mehr profitieren als wenn man sich ausschließlich auf die Armen konzentriere.

    Das Thema “Ausrichtung auf die Ärmsten oder die Ärmsten haben mehr von einem allgemeineren Ansatz” ist ausgiebigst unter genossenschaftlichen Entwicklungs-Agenturen diskutiert worden, aber leider gibt es wenig Untersuchungen zu diesem Thema. Birchall (2003) argumentiert, dass “Genossenschaften potenziell Armut reduzieren können und – vorausgesetzt, dass ihre Werte und Grundsätze eingehalten werden – dabei größere Wirkung entfalten können als andere Formen wirtschaftli-cher Organisation. Aber dieses Potenzial wird nicht immer ausgeschöpft, entweder weil Mitglieder die Bedürfnisse anderer potenzieller Mitglieder aus den Augen ver-lieren oder weil jene, die sich für Armutsbekämpfung einsetzen, Genossenschaften als Instrumente und nicht so sehr als autonome Organisationen betrachten”. In die gleiche Richtung geht die Feststellung von Münkner (2001), dass “Genossenschaf-ten helfen den Armen nicht, aber dadurch, dass sie zusammenarbeiten, ihre Res-sourcen bündeln, sich einer Gruppendisziplin unterwerfen und akzeptieren, dass Eigeninteresse und Gruppensolidarität zusammengehören, können die Armen einige ihrer Probleme besser durch organisierte Selbsthilfe und gegenseitige Hilfe als al-lein lösen”.

    Die verfügbare Literatur zum Thema zeigt, dass die meisten Mitglieder von Genos-senschaften nicht zu den Ärmsten der Armen gehören, aber dass Genossenschaften aufgrund des breiten Spektrums ihrer Aktivitäten viele arme Menschen erreichen. Genossenschaften haben gewöhnlich eine in der Zusammensetzung gemischte Mit-gliedschaft und Kundschaft, die Ressourcen zur Verfügung stellt und damit wesent-lich zur Nachhaltigkeit von Genossenschaften als selbstverwaltete Unternehmen beiträgt. Solche Ressourcen sind u.a.: Finanzkapital, Fähigkeiten unterschiedlicher Art und Sozialkapital (Zeller, 2003; Develtere 1994; Develtere und Fonteneau, 2003).

    Viele genossenschaftliche Entwicklungsagenturen haben in den letzten Jahren ihre Strategie angepasst und sich ausdrücklich auf die Arbeit mit ärmeren Bevölkerungs-schichten konzentriert. Die Mehrzahl hat sich deshalb auf die Zusammenarbeit mit anderen Formen von Selbsthilfeorganisationen wie Solidaritätsgruppen, Dorfbanken (village banks) und Mikro-Finanzinstitutionen eingestellt.

    Genossenschaften im Entwicklungsgeschäft: König, Dame und Bube

    Wenn wir uns anschauen, worin die relativen Vorteile der zwischen-genossenschaftlichen Hilfe bestehen, zeigt sich, dass Genossenschaften vor allem deshalb am häufigsten von Partnern im Süden nachgefragt werden, weil sie alle Prinzipien der “community-based organizations” in sich vereinen. Sie haben eine rechtlich festgeschriebene Eigentumsstruktur, Selbsthilfe als Voraussetzung für Hil-feleistungen, institutionell verankerte Rechenschaftspflicht von und gegenüber den Mitgliedern und – offensichtlich – eine institutionelle Zukunftsfähigkeit aufgrund ihrer Geschäftstätigkeiten und Sorgfalt in finanziellen Dingen. Genossenschaften im Norden und ihre Partner im Süden sprechen die gleiche Sprache. Bei so vielfältigen Themen wie “Mitgliederbeteiligung”, “genossenschaftliche Willensbildung”, “Bei-träge, Geschäftsanteile, Sparaufkommen” oder “Gewinnausschüttung” geht es ihnen um ziemlich das Gleiche. Oder sie können zumindest Erfahrungen und Informatio-nen darüber austauschen, wie die genossenschaftlichen Betriebsgrundsätze in der Praxis aussehen sollen.

    Davon abgesehen sind Genossenschaften keine sich abschottenden Bewegungen. Sie sind wohlgerüstet für vielfältige Verbindungen untereinander als Netzwerke na-tionaler und internationaler Art. Wir haben schon festgestellt, dass die nördlichen Genossenschaftsagenturen vorzugsweise jene Genossenschaften unterstützen, die zum gleichen Netzwerk gehören oder die sie auffordern, diesem beizutreten. So wird die Beziehung zwischen den zwei “Partnern” auch nicht zu einem “blind date”. Normalerweise wird eine ganze Menge Information ausgetauscht und Kontakte ge-pflegt, bevor man sich für eine projektbezogene Zusammenarbeit entscheidet. Als Teil des gleichen Netzwerks gibt es auch in horizontaler Richtung Beziehungen zwischen den betreffenden Partnern und sowohl gegenseitige Rechte wie Pflichten. Die nördliche Genossenschaft hat deshalb auch nicht eine Ersatzfunktion, sondern sie soll einige ihrer vielfältigen Ressourcen (Wissen, Geldmittel, Kontakte, Märkte etc.) einsetzen wann, wie viel und wie lange immer erforderlich, um die Partnerge-nossenschaft in ihrer sozialen und unternehmerischen Funktion auf sich allein ge-stellt lebensfähig zu machen. Derartige Verbindungen wirken sich auf den Zeitrah-men aus und führen zu langlebigen Partnerschaften (im Gegensatz zu vielen ande-ren Entwicklungspartnerschaften, die mit dem Projektzyklus entstehen und ver-schwinden). Wie vorher schon dargestellt, kann sich das Netzwerk auch nachdrück-lich durch “fair trade”- Praxis einbringen.

    Es ist außerdem dargelegt worden, dass Genossenschaften selten nur ein Thema im Auge haben. Zwar mag am Anfang nur ein Thema stehen (gemeinsame Nutzung von Rohstoffen, Infrastruktur, Vertrieb und Kreditsystemen), aber tendenziell wei-ten sie ihre Ziele aus und agieren integrativ. Folglich müssen sie sich mit vielen un-terschiedlichen Aspekten des Sozial- und Wirtschaftsgefüges einer Gesellschaft auseinandersetzen.

    Wir dürfen die Augen aber nicht vor einer unmittelbaren Herausforderung für das Genossenschaftswesen verschließen. Nördliche Genossenschaften haben ein Prob-lem damit, sich als Entwicklungsakteure zu profilieren, wenn man sie mit den NROs des Nordens oder staatlichen Entwicklungsagenturen vergleicht, für die Ent-wicklungszusammenarbeit der Lebensinhalt ist. Viele Genossenschaften des Nor-dens (wie auch Gewerkschaften und Privatunternehmen) betrachten Entwicklungs-zusammenarbeit als einen Nebenschauplatz, selbst wenn sie sehr viel Geld dafür ausgeben. Dabei sollten die Genossenschaften eine Hauptrolle im gegenwärtigen Trend übernehmen, der Entwicklung als Anliegen aller gesellschaftlichen Akteure versteht, nicht nur der Regierung und den NROs. Es stehen riesige Ressourcen im nördlichen Genossenschaftswesen zur Verfügung, von denen viele gar nicht ange-zapft werden. Wir haben auch festgestellt, dass einige genossenschaftliche Entwick-lungsagenturen das Fachwissen ihrer eigenen genossenschaftlichen Mitarbeiter für ihre Programme einsetzen. Aber man könnte noch mehr in dieser Richtung tun. Wir haben auch beobachtet, dass einige genossenschaftliche Entwicklungsagenturen ihr genossenschaftliches Umfeld sehr kreativ einsetzen, um finanzielle Ressourcen zu mobilisieren. Die Mehrzahl der Agenturen wendet sich jedoch (zunehmend) an Re-gierungsstellen oder den “Entwicklungsprojektmarkt”, um ihre finanziellen Mög-lichkeiten zu verbessern. Viele beschweren sich, dass daran Bedingungen geknüpft werden. Bilaterale und internationale Geber betrachten die Agenturen und Genos-senschaften als Instrumente, mit denen sie ihre eigenen Ziele verfolgen. Diese Stra-tegie ist durchaus fragwürdig und widerspricht genossenschaftlichen Zielen und Traditionen. Genossenschaften sollten an vorderster Front kämpfen, wenn es darum geht, Geld für Produkte und für Menschen aufzubringen. Dadurch werden sie unab-hängiger und erreichen größere Legitimität. Sie sollten das einsetzen, was Genos-senschaften schon mitbringen – als etablierte genossenschaftliche Unternehmen auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, durch die größere und andere Teile der Ge-sellschaften des Südens einbezogen würden.

    Letztes Endes ist das Gesamtergebnis vielversprechend. Integrierter Ansatz, spezi-fische Zielgruppen, fairer Handel, Umweltfreundlichkeit, Förderung menschenwür-diger Arbeit und ein Faktor zur Bewältigung gesellschaftlicher Unruhen etcetera: Genossenschaften scheinen alles zu bieten. Ihr eigenes historisches Erbe gibt ihnen die Geheimformel an die Hand, die Gruppen und Bevölkerungen auf den Weg der Entwicklung führt.

    Anhang: an der Untersuchung beteiligte Organisationen

    Agricord (international), BRS (Belgien), CCA (Kanada), CICM (Frankreich), CHF International (USA), Confcoop Piemonte (Italien), Confcooperative (Italien), Co-operative Group (GB), Cooperativa sociale Spazi Mediani (Italien), COPAC (inter-national), DGRV (Deutschland), DID (Kanada), FAO (international), FDC (Däne-mark), Federcasse (Italien), Federcopesca (Italien), FOS (Belgien), IGB (internatio-nal), IFCD (Irland), ILO-Coop (international), IRU (international), Land O’Lakes (USA), Legascoop (Italien), Pellervo (Finnland), NCBA (USA), NRECA (USA), NORCOOP (Norwegen), OCDC (USA), Rabobank Stiftung (Niederlande), SCC (Schweden), SOCODEVI (Kanada), Vereinte Nationen (international), USAID (USA), WOCCU (international), Weltbank (international), WSM (Belgien)

    Literaturhinweise

    Armbruster P. (1998), The Development Policy Approach of DGRV, IRU Courier 3/98.
    Birchall J. (2003), Rediscovering the co-operative advantage; Poverty reduction through self-help, ILO, Genf.
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  • Es sieht nicht gut aus – mit der wirtschaftlichen Entwicklung. In dieser Situation besinnt man sich zum einen wieder auf den Keynsianismus und zum anderen auf Genossenschaften und deren Kooperationsmöglichkeiten.

    Zwei Beiträge aus Genf:

    1. Ein Interview der Jungen Welt mit Heiner Flassbeck – Chef-Volkswirt der UNCTAD (United Nations Conference on Trade and Development) mit Sitz in Genf.

    Die USA stehen laut Alan Greenspan, ehemals Chef der US-Notenbank, vor der größten Wirtschaftskrise seit 1929. Die offiziellen Statistiken der USA gehen allerdings immer noch vom Wirtschaftswachstum aus. Werden uns da etwa falsche Zahlen präsentiert?
    »Falsche Zahlen« würde ich vielleicht nicht sagen. Allerdings ist es in den USA üblich, die Wirtschaftszahlen aufs Jahr hochzurechnen, was dann schnell schöner aussieht, als es in Wirklichkeit ist. Man muß jedoch berücksichtigen, daß die US-Wirtschaft momentan von drei Seiten massiv entlastet wird: Erstens zieht wegen des schwachen Dollars der Export mächtig an, zweitens wurden die Zinsen gesenkt und drittens gab es ein fiskalisches Konjunkturprogramm.

    Die Immobilienkrise in den USA hat sich zu einer Lawine entwickelt. In Europa sind mehrere Volkswirtschaften akut von einer Rezession bedroht: Spanien etwa oder Polen, Bulgarien, Rumänien und weitere Länder. Stehen wir auch in Europa vor einer Jahrhundertkrise, wie Greenspan sie für die USA befürchtet?
    Nicht alles ist auf die von den USA ausgehende Krise zurückzuführen. In Spanien ist sie hausgemacht, auch wenn sie die gleichen Ursachen hat wie das Desaster in den USA. In den baltischen Ländern und anderen Staaten Osteuropas gibt es gewaltige Probleme, weil sie massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben, denn die Währungen wurden spekulativ aufgewertet. Diese Länder haben inzwischen irrsinnige Leistungsbilanzdefizite, sie werden früher oder später abwerten müssen. Das wird natürlich auch die deutsche Wirtschaft treffen.

    Macht die Europäische Zentralbank (EZB) angesichts dieser Bedrohung eigentlich die richtige Politik? In den USA wurden die Zinsen gesenkt, in Europa erhöht.
    Was die EZB zur Zeit macht, ist völliger Unsinn, sie leidet unter Inflationsphobie. Sie redet von einer gar nicht existierenden Bedrohung der Wirtschaft durch hohe Löhne. 1973 gab es das in der Tat – damals stiegen die nominalen Lohnkosten in Europa um 17 Prozent! 2008 dürften es ungefähr 2,5 Prozent sein.

    In der Bundesrepublik hat der Export erneut zugelegt, der Auftragseingang ist aber rapide zurückgegangen. Wo steht die deutsche Wirtschaft am Ende des Jahres?
    Wir stehen vor der Gefahr, daß Deutschland in eine richtige Rezession hineinrutscht. Das zweite Quartal dieses Jahres war wahrscheinlich schon negativ, das dritte wird es bestimmt sein. Die Situation ist auf jeden Fall sehr bedrohlich. Das gilt ja nicht nur für Deutschland – die Lage in Spanien z.B. ist jetzt schon eine Katastrophe. Die Industrieproduktion ist dort um zehn Prozent zurückgegangen, und auf dem Immobilienmarkt sieht es noch schlimmer aus. In Frankreich, Italien und anderswo ist es ähnlich. Man muß sich wundern, mit welcher Nonchalance alle verantwortlichen Institutionen in Europa darüber hinweggehen. Diese ganze Währungsunion ist völlig falsch konstruiert.

    Wie wirkt sich denn diese Entwicklung auf den Arbeitsmarkt der BRD aus?
    Wie immer. Konjunkturschwäche läßt die Arbeitslosenzahlen steigen.

    Die US-Regierung hat den Binnenmarkt dadurch anzukurbeln versucht, daß sie Schecks an die Steuerzahler verteilt hat. Wäre das nicht auch ein Weg für die BRD?
    Das könnte eine Lösung sein, wenn man einen intelligenten Weg fände, auch denjenigen, die keine Steuern zahlen, solche Schecks zukommen zu lassen. Viel wirksamer aber wäre es, wenn der Staat selbst mehr Geld ausgäbe. Es gibt in Deutschland mittlerweile einen unglaublichen Bedarf an Infrastruktur oder im Bildungsbereich – der Staat tut aber nichts. Wir haben die niedrigsten öffentlichen Investitionen aller Zeiten. Der Staat müßte also Geld in die Hand nehmen und auch für diese Zwecke ausgeben. Das Verteilen von Schecks an private Haushalte könnte sich als unsinnig erweisen, wenn das Geld angesichts der allgemeinen Verunsicherung gespart statt ausgegeben wird.

    Also neue Staatsverschuldung?
    An einer zusätzlichen Staatsverschuldung kommt die Bundesregierung in einer Rezession nicht vorbei. Die Frage ist nur, ob man es schafft, die zusätzlichen Schulden mit Investitionen zu verknüpfen oder ob man am Ende nur Schulden hat.

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