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vonHelmut Höge 13.06.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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In diese Kategorie gehört die Hochstapelei, der Hochstapler. Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil ist der Titel eines Romans von Thomas Mann, der in den Jahren 1909 bis 1911 entstand. Thomas Mann plante den Roman seit 1905. Angeregt hatten ihn die Memoiren des Hochstaplers und Betrügers Manolescu. Sie wurden 1929 unter dem Titel „Manolescu – der König der Hochstapler“ verfilmt – und waren ein Bestseller.  Die Staatsanwaltschaft hatte dem Angeklagten Manolescu zuvor allerdings den Ehrentitel  „Hochstapler“, der in der  Verbrecherhierarchie hoch angesehen war,  verweigert – und ihn als schnöden Dieb verurteilt.  Berliner Gerichtsgutachter hatten ihm „manischen Entartungswahnsinn“ attestiert.

Mich regte nun die „Die New Economy und ihre formbildenden Kräfte“ zu einer
Beschäftigung mit Hochstaplern an. Vor etwa einem Jahr ergab sich die Gelegenheit, darüber für eine Kunstzeitschrift zu schreiben, die die „Hochstapelei“ zu ihrem Schwerpunktthema gewählt hatte. Ich weiß gar nicht, ob mein Text darin jemals erschienen ist…

2001 erschienen zwei Autobiographien von Hochstaplern: „Doktorspiele“ von Gert Postel und „Catch Me if You Can“ von Frank Abagnale. Beide Bücher sollen bzw. wurden bereits verfilmt und sind ihrerseits Hochstapeleien – insofern sie von den Autoren – der eine gab sich immer wieder als Arzt aus, der andere als Pilot – nicht selbst geschrieben wurden.

Ihren Biographien ging bereits ein Ende 1999 von Studenten organisierter „Erster Internationaler Hochstaplerkongreß“ in Berlin voraus. Auf ihm wurde der Hochstapler folgendermaßen definiert: Er ist „1. ein Revolutionär, der durch Affirmation die herrschenden Charaktermasken entlarvt, 2. ein Reaktionär, der das Normen- und Regelwerk überbeherrscht und 3. ein Vorreiter jenes gesellschaftlichen Mainstreams, der die Dominanz des Scheins über das Sein besiegelt – und damit derzeit ein Trendsetter“. Dieser Befund trifft sich mit den Analysen des boomenden Fortbildungs- und Umschulungssektors, die der Filmemacher Harun Farocki seit der Wende gemacht hat. In den vor allem im Osten entstandenen Bildungszentren wird den Arbeitslosen u.a. beigebracht, wie man sich richtig bewirbt, d.h. besser verkauft. Es sind videogestützte Auftritts-Schulungen, in denen das wirkliche (d.h. das neue westliche) Leben geübt werden soll – für eine neue Gesellschaft, die laut Farocki „vollständig auf ihr Abbild hin organisiert ist“. Die letzte Shell-Studie zeigt, dass die deutsche Jugend dieses „Ziel“ bereits mehrheitlich gefressen hat: „In“ sind danach – für 82% der Befragten – die individuelle „Karriere“ sowie – für 88% – das „tolle Aussehen“. Für beides kommt den oben erwähnten Hochstaplern eine Vorbildfunktion zu. (1)

Frank Abagnale schreibt: „Noch vor meinem zwanzigsten Lebensjahr hatte ich es zum zweieinhalbfachen Millionär gebracht. Jeder Pfennig dieser Summe war gestohlen und ich gab ein Großteil davon für exklusive Kleidung, Essen vom Feinsten, luxuriöse Unterkünfte, phantastische Bräute, teure Autos und andere sinnliche Genüsse aus“. Ähnlich klingen auch die „Geständnisse“ von Gert Postel, nur daß er zuletzt als Oberarzt an einer ostdeutschen psychiatrischen Klinik etwas weniger verdiente. Was die beiden außerdem eint, ist die strenge Orientierung nach oben, d.h. ihre vollständige Ausrichtung auf diejenigen, die es geschafft haben. Das geht einher mit einer großen Verachtung aller, die von ihnen abhängig sind, d.h. die „unten“ sind (2) – vor allem Frauen: Bei dem falschen Arzt Postel waren das erst Prostituierte und zuletzt Patientinnen mit schweren psychischen Problemen. Er behandelte sie alles andere als freundlich. Der Gerichtsreporter Gerhard Mauz schrieb über ihn – in dem ebenfalls stets auf die Mächtigen hin orientierten Nachrichtenmagazin Der Spiegel, „daß da ein Artist sein Spiel trieb“. Eher sollte man von einem Charakterschwein reden. Ob die lumpenproletarische Gewissenlosigkeit ihnen die Hochstapelei erleichtert hat, mag jedoch dahingestellt sein (3), Tatsache ist, daß sie damit das Fehlen einer mehr oder weniger soliden (universitären) Ausbildung kompensierten, indem sie diese oberflächlich um so perfekter nachäfften (4).

Mit dieser „Artistik“ sind sie jedoch keine Außenseiter mehr, insofern die Universitäten selbst längst Hochburgen des Auftrittsbetrugs geworden sind: des „großen Bluffs“, wie das eine Rotbuch-Studie in den Siebzigerjahren bereits nannte. Heute veröffentlichen Spiegel und Focus regelmäßig „Ranking“-Listen der besten Universitäten. Und je höher es die Studierenden zieht, desto mehr handelt es sich bei den Hochschulreifen um moralische Kretins. Den Gipfel an Verkommenheit bildet immer noch die Universität Harvard in Massachusetts aus. Harvard ist für die allgemeine Herzensbildung ungefähr das, was Tschernobyl für die Umwelt darstellt: eine schwere Belastung. Dies hängt ebenfalls mit dem Ranking (der US-Universitäten) zusammen, das die Höhe der Studiengebühren bestimmt – und Harvard ist am Teuersten: Mittlerweile gibt es wahrscheinlich keine erfolgreichen Massenmörder, Mafiosi, Gangster, Waffenhändler, Rauschgiftschieber und korrupte Politiker mehr weltweit, die ihre Söhne und Töchter nicht nach Harvard schicken – um sie veredeln und verfeinern zu lassen. Für diese sauberen Sprößlinge gibt es dort dann nur noch ein Verbrechen: das Kooperieren. Die „Competition“ wird in Harvard derart groß geschrieben, daß die Studenten untereinander nicht einmal andeuten mögen, was sie denken oder an welcher These sie gerade arbeiten – aus Angst, man könnte ihnen ihre mickrigen Ideen klauen, die im übrigen alle fast identisch sind. Was an deutschen Unis immer noch gefördert wird, die Gruppenarbeit, kann in Harvard sogar disziplinarische Folgen haben, wenn sie auffliegt. Im Endeffekt hat sich diese vollkommen asoziale Elite zu dem gemausert, was man jetzt auch hier der Unterschicht zumuten möchte: Sie bilden einen wüsten Haufen „Ich-AGs“. In Amerika, wo schon die kleinste gewerkschaftliche Zusammenrottung als kriminelle Verschwörung angesehen wird, ist es gang und gäbe, dass man von der Wiege bis zur Bahre Ich sagt: Ich denke, ich meine, ich will dies und das! In Deutschland und Frankreich ist man sich dagegen mindestens unter den Philosophen schon lange einig, dass es nichts Verabscheuungswürdigeres als das Ich gibt, das einst mit dem Geldverkehr der Griechen aufkam. „Im Grunde verletzt es meine Eitelkeit, dass jeder Name in der Geschichte Ich bin,“ meinte Nietzsche. „Bei manchen ist es schon eine Lüge, wenn sie Ich sagen,“ klagte Adorno. Lévy-Strauss ist sich sicher: „Das Ich ist nicht nur hassenswert, es hat nicht einmal Platz zwischen Uns und dem Nichts“. Und Antonin Artaud behauptete kurz und knapp: „Ich ist eine Sauerei!“ Die „Ich-AG“ – von Harvard bis Hameln – gehört mithin auf den Misthaufen der Geschichte! Und die uns dies immer wieder deutlich vor Augen führen, das sind die Hochstapler. Deswegen lieben wir sie – trotzdem. Und sind mit ihnen solidarisch – wenn sie endlich auffliegen!

Bei einer speziellen Sorte von Hochstaplern kann das Auffliegen auch gleichsam unmerklich geschehen: bei den Doppelgängern, „Look-Alikes“ auf Englisch genannt. Und zwar bei solchen, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, dass sie einem Prominenten oder Reichen (einer Celebrity) täuschend ähnlich sehen bzw. sich diesem immer mehr anverwandeln. Im Tier- und Pflanzenreich spricht man in diesem Zusammenhang von Mimesis bzw. Mimikry, ich komme später darauf zurück. Menschliche Doppelgänger fliegen dann auf, wenn ihr „Vorbild“ stirbt – und sie ihm irgendwann nicht einmal mehr mit Schönheitsoperationen ähnlich sehen. Oder, nicht weniger tragisch, wenn sich niemand mehr an den Promi erinnern kann, den sie immer noch nachäffen. Bis sie überhaupt nicht mehr gebucht werden.

Ich kann mich hierbei auf Rosemarie Fieting berufen, eine ehemalige Chefsekretärin bei Borsig, die 1987 im Märkischen Viertel Berlins die erste Künstleragentur für Look-Alikes mit einer Lizenz der Bundesanstalt für Arbeit eröffnete. Sie hat z.B. vier „Marilyn Monroes“ in ihrer Kartei – und die tun alles, um so zu sein wie ihr frühverstorbenes Vorbild, bis hin zur Stimme, aber irgendwann ist trotzdem Schluß: „Eine hat sich deswegen sogar – genauso wie die Monroe – umgebracht.“ Auch ihre rund 35 Elvis-Interpreten, „mit unterschiedlichen Tanz- und Gesangsqualitäten“, müssen früher oder später traurig aufgeben, nicht zuletzt, weil sich immer wieder neue, ähnlicher aussehende einstellen. Rosemarie Fietings „Humphrey Bogart“ hat sich deswegen kürzlich für 10.000 Euro liften lassen, um seinem toten Vorbild ähnlich zu bleiben. Und ihr „Freddie Mercury“ hat sich die Zähne nach seinem Vorbild machen lassen, „außerdem besucht er an jedem Todestag auf dem Londoner Friedhof dessen Grab“. Eher umgekehrt ist es bei einem ihrer 35 „Michael Jackson“, ein Südafrikaner, über den es bereits einen Film gibt „Das gestohlene Gesicht“: „Er sieht ohne Operationen genauso aus wie Michael Jackson nach seinen ganzen kosmetischen Eingriffen.“ Der nicht seltene Fall, wo die Kopie quasi das Original ist. Auch über ihre in Israel lebende „Julia Roberts“, die Gottschalk für eine Sendung haben wollte, weil zur gleichen Zeit auf einem Konkurrenzsender „Pretty Woman“ lief, schrieben die Zeitungen am nächsten Tag: „Es war die echte!“ Während ihre „Pamela Anderson“ Authentizität dadurch erreicht, dass sie zu ihren Auftritten stets mit einer echten Fantruppe erscheint: „Die rennen ihr bei Dreharbeiten bis aufs Mädchenklo nach.“ Außerdem hat sie die selben Hobbys wie die wahre Pamela. Unlängst war sie ganz verzweifelt, weil sich in Hollywood alle Frauen ihre Brüste vergrößern ließen und sie das eigentlich nicht wollte. Rosemarie Fieting bestärkte sie darin. Der älteste Look-Alike ihrer Agentur ist achtzig: „Albert Einstein“, früher war er halb leitender Angestellter: „Er kennt die Relativitätstheorie und alle Formeln und spielt Geige. Mit einem Professor ist er schon mal auf Lesetournee gegangen. Der ist wirklich sehr brauchbar.“ Während einer der „Roger Moore“ in ihrer Kartei, ein gefragter Dressman, von Rosemarie Fieting vorsichtig als „mindestens so schwierig wie der richtige“ bezeichnet wird.

„Das Phänomen der Doppelgänger ist: Sie wissen nicht, wer war das Original und wer bin ich?“ Damit nähern sie sich der Hochstapelei, denn sie wollen nicht nur so aussehen, sondern auch so behandelt werden wie ihr berühmtes Vorbild. Ihr „Prinz Charles z.B.: „Der will genauso behandelt werden wie der richtige – man muß immer einen roten Teppich ausrollen für ihn. Anstrengend! Meine ,Queen‘ ging sogar so weit, daß sie dem Bürgermeister nicht die Hand geben wollte: ,Das steht nicht im Protokoll‘, hat sie gesagt.“ Und ihr „Udo Lindenberg“, im bürgerlichen Beruf Koch, benimmt sich immer öfter so unbürgerlich wie sein Vorbild: „Er trinkt und flucht gerne.“ Jüngst geriet er in eine Schlägerei und mußte mit verbundener Nase auftreten. Aber Rosemarie Fieting hat Verständnis für solche Naturexperimente: Schon als Fünfjährige sah sie Liz Taylor ähnlich und wurde oft Liz genannt, 35jährig gab sie Autogramme – als Liz Taylor. Ihr Vater hatte eine Autoreparaturwerkstatt und fuhr einen Dodge. Ihr Sohn – ein Image-Mix aus Freddie Mercury und Tom Selleck – hat jetzt ebenfalls eine Werkstatt, in der er Oldtimer restauriert.

Mit der Umwandlung der Industriegesellschaft in eine Mediengesellschaft nehmen auch die Doppelgänger zu. In vielen Städten, so auch in Berlin, gibt es mittlerweile regelmäßig „Look-Alike-Contests“ und Rosemarie Fietings Kartei wird immer umfangreicher. Wie wird man Doppelgänger? Aus Dessau kam z.B. ein arbeitsloser Brauingenieur zu Rosemarie Fieting – er meinte: „Ich selber kuck wenig Fernsehn, aber die Kollegen behaupten, ich sehe aus wie Herbert Feuerstein. Wenn ich eine Hornbrille aufsetze, sehe ich ihm noch ähnlicher“. So fängt es an, der Rest ist dann Feinarbeit, nicht zuletzt von der Agenturchefin. Aber das Wesentliche der Anverwandlung läßt sich mit einer Medientheorie erklären, die der englische Botaniker Rupert Sheldrake entwickelte. Er spricht von „morphogenetischen Feldern“: Immaterielle Strukturen, die bei Lebewesen und sogar bei Kristallen qua Resonanz formbildend wirken. Danach würden die Stars und Celebrities über die Medien in deren und ihrem jeweiligen kulturellen Epizentrum die größte „Wirkung auf Distanz“ erzielen – das heißt, die größte Anzahl von Lookalikes. Und dabei wiederum ließen sich – über ihre geographische Verteilung – quasi Zonen medialer Beeinflussung ausmachen, die im „Globalen Dorf“ zwar weit reichen können, aber nicht beliebig sind. Es gibt zum Beispiel vier „Queens“, drei kommen aus London, wo die Königsfamilie anscheinend noch eine starke Vorbildfunktion besitzt. Rosemarie Fieting hat ferner drei mal „Lady Di“ im Angebot: zwei kommen ebenfalls aus England, eine aus dem englischen Sektor Berlins. „Sie sagt immer: ,Ick bin aus Brighton!'“ Ihre „Marlene Dietrich“ kommt aus Berlin und „George Bush“ aus Amerika, „Linda Evans“ stammt aus Frankfurt- Bockenheim, und ihr äußerst gelungenes Otto-Double – natürlich aus Ostfriesland. Er ist dort Kinovorführer. Man muß sich die „morphische Resonanz“ so ähnlich wie das Tunen eines Radios zum Empfang eines bestimmten Senders vorstellen. Die persönliche „Einstellung“ auf eine mediale Größe kann zunächst ganz grob über das Imitieren von Kleidung, Frisur, Körperhaltung, Gang und Gesichtsausdruck geschehen.

Dazu hat der mit den Surrealisten eine zeitlang sympathisierende Soziologe Roger Caillois mit seinen Forschungen über die Mimese und Mimikry zumeist am Beispiel von Insekten Erhellendes beigetragen: So versteht er u.a. die falschen Augen auf den Flügeln von Schmetterlingen und Käfern als „magische Praktiken“, ähnlich dem Maskenspiel der sogenannten Primitiven, und die Mimesis überhaupt als tierisches Pendant zur menschlichen Mode. Für Caillois „gibt es nur eine Natur“ – soll heißen: „dass die Formen und Verhaltensweisen der Insekten genauso wie bestimmte ästhetische Vorlieben und Faszinierbarkeiten der Menschen sich auf eine gemeinsame Basis zurückführen lassen: auf den Formenvorrat einer bildnerischen Natur, deren spielerisch zweckfreies Wirken sich im Naturreich ebenso niederschlägt wie in der vom Naturzwang freigesetzten Sphäre menschlicher Imagination“. So schreibt die FAZ in einer Rezension des Caillois-Buches „Méduse & Cie“. Dennoch geschieht die Mimikry bzw. Doppelgängerei nicht ganz freiwillig. Folgt man Caillois, handelt es sich dabei um „eine Störung der räumlichen Wahrnehmung“, die sowohl bestimmte Insekten als auch Schizophrene heimsucht. Beide wissen „im starken Wortsinn – nicht mehr, wohin mit sich“. An anderer Stelle heißt es: „Der Raum erscheint diesen enteigneten Wesen als ein alles verschlingender Wille“. Bei den Look-Alike-Karrieren besteht dieser vornehmlich aus dem Sog des medialen Raumes, der immer stärker wird – wobei ihnen gleichzeitig der Boden des „Realen“ unter den Füßen weggezogen wird. Die Philosophin Alenka Zupancic würde glaube ich sagen, dass dabei die „Illusion“ das Reale wird oder schon geworden ist.

(1) Die Wertschätzung der Hochstapler in der „New Economy“ ist natürlich nicht neu. So berichtete z.B. der amerikanische China-Korrespondent Edgar Snow, daß einige chinesische Bauern 1935 in einem von der Roten Armee „befreiten Gebiet“ einen Steuereintreiber fingen, der vorgab für die Kommunisten zu arbeiten. Die Bauern hatten ihm geglaubt – bis sie erfuhren, „dass die Roten gar keine Steuereintreiber ernannten“. Es kam zu einem öffentlichen Prozeß, auf dem Edgar Snow anwesend war. Er schrieb: „Meine eigene Reaktion auf diese Geschichte war, dass ein Mann, der die Frechheit besaß, in einer solchen Situation als Hochstapler aufzutreten, über Talente verfügt, deren man sich bedienen sollte“. Die mit den Kommunisten sympathisierenden Bauern dachten jedoch anders: Er wurde ohne Gegenstimme zum Tode verurteilt.

Das Hochstapeln ist ein Wesensmerkmal des Projektemachers. Als Hochstapler entlarvt zu werden, kommt deswegen dem Scheitern eines Projekts gleich. Und nur manchmal bekommt man eine zweite Chance. Dies galt z.B. für den Sohn eines chinesischen Konterrevolutionärs, Xiao Yinong, der sich, um studieren zu können, als Sohn eines stellvertretenden Parteisekretärs ausgab, er fälschte sogar seine Kaderakte. Als er dennoch aufflog, wurde er zur Umerziehung aufs Land geschickt. Hier gelang ihm seine Rehabilitation und er wurde schließlich ein in ganz China berühmter Autor.

Der Vollständigkeit halber seien noch einige hiesige Karrieren und Abstürze von Hochstaplern hier erwähnt:

– Der Fall des Flensburger Gelegenheitsarbeiter Jürgen Harksen, der hunderte Millionen Euro von reichen Hanseaten einsammelte, um ihr Vermögen spekulativ zu vermehren, in Wirklichkeit verpulverte er es jedoch ähnlich wie Abagnale für Autos, Yachten, Häuser, Parties etc.. Sein ebenfalls im Knast entstandenes Buch darüber heißt „Wie ich den Reichen ihr Geld abnahm“, es erschien im Scherz-Verlag und wurde von Ulf Mailänder verfaßt. Zur Zeit will es der Regisseur Dieter Wedel verfilmen – unter dem Arbeitstitel „Mit Glanz und Gloria“. Jürgen Harksen befürchtet jedoch laut „Spiegel“, „dass darin seine Figur falsch gezeichnet wird“.

– Der an den berühmten „Konsul Weyer“ sich in puncto PKW und weiblichem Begleitpersonal orientierende Titelhändler Paul Werner, der selbst noch im Butzbacher Knast zwei Titel verkaufte, einen an den Gefängnispsychologen, dem er einen akademischen Titel der nicht-existierenden University of Ipswich verschaffte.

– Der adlige Treuhandmanager Arndt von Bismarck, der wochenlang in einem Berliner Luxushotel logierte – bis herauskam, dass es sich um einen wohnungslosen Zahnarzthelfer namens Wilfried S. handelte.

– der 28 Mal wegen Heiratsschwindelei und Hochstapelei vorbestrafte österreichische Pilot und Unternehmensberater Ludwig L., der nichts davon war, dem es aber dennoch gelang, einer Frau, die sich in ihn verliebt hatte, 40.000 Euro abzugaunern. Als sie Anzeige erstattete, mietete er sich unter falschem Namen und falscher Adresse in verschiedenen österreichischen Thermenhotels ein, ohne die Rechnungen zu begleichen. Er nimmt seine Hochstapelei längst nicht mehr als eine solche wahr, ist also mit seiner Rolle identisch geworden.

– Der noch nicht abgeschlossene Fall Helg S.: ein Schweizer Hochstapler, Erpresser und „Gigolo“, der zuletzt eine BMW-Erbin um 7,5 Millionen Euro erleichterte.

– Und schließlich ganz summarisch all die Hunderte, oder Tausende, die ihre Doktorarbeiten schreiben lassen bzw. abschreiben – beginnend mit einem Hohenzollernprinzen, der aufflog, aber auch schon die Zigtausende, die ihre Seminar- oder Examensarbeiten teilweise oder zur Gänze abschreiben und die unzähligen Schüler, die ihre Hausarbeiten aus dem Internet runterladen, wo auch ich mir hierfür etliche Informationen geholt habe – ohne Quellenangabe. Man kann solch Tun schon gar nicht mehr als Hochstapelei empfinden.

(2) Das gilt auch für einen weiteren Hochstapler, der immer noch von der Polizei gesucht wird: Ein Penner aus Passau, der sich zuletzt als militärischer Berater bei den Rettern der Elbeflut-Katastrophe einklinkte. Bereits in den Jahren davor war er immer wieder – in Phantasieuniformen – als Sicherheitsdienstleister aufgetreten: zum Entsetzen seiner armen Mutter, wenn man den Medien glauben darf. Mal trat er mit einer Feuerwehruniform angetan in Erscheinung, mal als Rotkreuzhelfer mit einem Notarztkoffer, ein andernmal mit einer Bundeswehruniform. Zu seinem Elbe-Einsatz erschien er als „Leutnant der Militärpolizei“, dort nahm er besonders die freiwilligen Helfer hart ran: „Absitzen – antreten – zack, zack, Sandsäcke füllen,“ so scheuchte er die Jugendlichen herum. Der echte Feuerwehrmann am Steuer des Sandsacklasters dachte sich laut Spiegel dabei: „Na ja ein Leutnant, der darf das ja!“

(3) Zumal es auch anständige Hochstapler gibt. Erwähnt sei der aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Deutschbalte Hary Domela, der 1927 – ähnlich wie der Bremer Briefträger Postel – im Knast seine Autobiographie schrieb: „Der falsche Prinz“, die Wieland Herzfelde dann in seinem Malik-Verlag veröffentlichte. Das Buch wurde mit 120.000 Exemplaren ein gewaltiger Erfolg. Harry Domela wurde im lettischen Dorf Grusche als Deutschbalte geboren und 1919 mit 14 Jahren Kindersoldat in dem während des Ersten Weltkrieges im Baltikum kämpfenden Freikorps „Brandis“. Die Truppe wurde 1920 in Brandenburg aufgelöst. Domela galt in der Heimat als Hochverräter und in Deutschland als Ausländer. Die deutschen Behörden verweigerten ihm einen Pass, den er aber brauchte, um Arbeit zu finden. Er nahm Hilfsarbeiten an, bei denen nicht nach einem Pass gefragt wurde – als Ziegeleiarbeiter, Hausbursche, Bettler, Vertreter, Schnellzeichner und Gärtner. Domela legte sich, um seine Chancen zu verbessern, den Namen „von Liven“ zu. Ein in Darmstadt angesprochener Graf von Hardenberg bot dem vermeintlichen Standesgenossen Unterstützung an. Damit begann Domelas Hochstaplerkarriere. Im Herbst 1926 stellte er sich in Heidelberg im Verbindungslokal des Corps der „Saxo-Borussen“ als „Prinz Liven, Leutnant im 4. Reiterregiment Potsdam“ vor. Er wurde begeistert empfangen. Wenige Wochen später logierte er schon in Erfurt als „Baron Korff“ im Hotel Erfurter Hof. Der Hoteldirektor hielt ihn für den Hohenzollern-Prinzen Wilhelm, den ältesten Sohn des ehemaligen deutschen Kronprinzen. Domela stieg schon bald in der guten Gesellschaft Thüringens in schwindelnde Höhen auf. Als Zweifel aufkamen, setzte er sich mit der Eisenbahn ins Rheinland ab, um in die französische Fremdenlegion einzutreten. Er wurde jedoch im Januar 1927 in Köln festgenommen. Noch im gleichen Monat machte man ihm unter größtem öffentlichen Interesse den Prozess. Dann erschien seine Autobiographie. Die literarische Prominenz, darunter Thomas Mann, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky, feierte ihn, er trat in Theatern und Revuen auf, Zeitschriften veröffentlichten Artikel über ihn. Im Sommer 1929 machte sich der 24-Jährige im Berliner Wedding mit einem kleinen Kino selbständig. Es lief immer der gleiche Film: „Der falsche Prinz. 6 Akte mit Harry Domela.“ Sein Kino ging jedoch bald Pleite. Domela verlor sein letztes Geld und wurde regelmäßig unter obskuren Anschuldigen verhaftet. Zuletzt im Januar 1931 wegen „Verdacht auf Landesverrat“. Er sympathisierte mit der KPD und ging nach der Machtergreifung der Nazis vorsichtshalber mit falschem Pass nach Holland. Er nannte sich dort „Victor Zsajska, geboren am 12. August 1908 in Wien, wohnhaft in Wien. Im Sommer 1936 reiste er mit seinem neuen Freund Jef Last nach Paris. Dieser war Sozialist und Homosexueller wie Harry Domela, Schriftsteller und gut bekannt mit dem angeblichen Reichstagsbrandstifter Marinus van der Lubbe. Als der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, waren Domela und Last unter den ersten Ausländern, die der Spanischen Republik zu Hilfe eilten. Am 20. September 1936 traten sie in Madrid der regulären spanischen Volksarmee bei. Harry Domela diente in den ersten Kriegstagen Ludwig Renn als Adjutant. Er traf Franz Dahlem als Leiter der Politischen Kommission der Internationalen Brigaden. Als die Volksarmee im Januar 1939 zusammenbrach, floh auch Domela – in Richtung Frankreich. Als wenig später auch spanische Soldaten die Grenze passieren durften, wurde Harry Domela als Offizier eines Divisionsstabes in Saint-Cyprien unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert. Auf Bitten von Jef Last bekam André Gide ihn im Mai frei. Gide vermittelte ihn an Aline Mayrisch-de Saint-Huber, die Witwe des luxemburgischen Stahlindustriellen Emile Mayrisch. Domela gab sich immer noch als Victor Zsajska aus. Die luxemburgische Fremdenpolizei überprüfte im Juli 1939 seine Identität. Domela setzte sich daraufhin sicherheitshalber nach Belgien ab, wurde verhaftet, konnte jedoch noch vor dem deutschen Einmarsch entkommen und tauchte unter. Im Frühling des Jahres 1941 traf er in der Christi Bar in Nizza, in der unbesetzten Zone Frankreichs André Gide wieder. Im Sommer verhaftete man Domela und sperrte ihn ins Lager Vernet. Er entkam der Auslieferung an die deutschen Behörden dank Gide, der ihm ein Visum und eine Schiffsticket nach Mexiko besorgte. Dort kam er jedoch nie an und blieb für viele für immer verschollen. Er war jedoch auf abenteuerlichen Wegen nach Venezuela gelangt und schrieb erst am 15. September 1965 seinem Exfreund Jef Last aus Maracaibo. Er hatte sich dort eine Existenz als Gymnasiallehrer aufgebaut und bat Last, nichts über ihn verlauten zu lassen, da er immer noch mit falscher Identität lebe und auch keine Möglichkeit sehe, je wieder einen regulären Pass zu erhalten. Mitte der 1970er Jahre verlor sich seine Spur in Venezuela.“

(4) So arbeitete der Bremer Briefträger Gerd-Uwe Postel immer wieder als Psychiater, zuletzt in einer psychiatrischen Klinik bei Leipzig, wo er aufflog. Eine Freundin, die Ärztin war, hatte ihn zuvor auf die Idee gebracht, sich als Arzt auszugeben, indem sie ihn auf eine Medizinerparty mitgenommen hatte. Anschließend sagte er sich: „Das kann ich auch!“ Als „Dr.Dr. Clemens von Bartholdy“ bewarb er sich dann in einem staatlichen Lübecker Medizinischen Dienst und wurde sofort eingestellt. Einmal lud ihn sein Vorgesetzter zu einem Gespräch nach Kiel ein, um ihm dort eine Professorenstelle anzubieten. Er fragte ihn, worin er denn seinen Doktor gemacht habe. Postel antwortete, er habe zwei Doktortitel, einen in Psychologie. Dabei habe er über „Kognitive Wahrnehmungsverzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung“ gearbeitet. Arbeit klingt immer gut. Sein Vorgesetzter war mit dieser Antwort sehr zufrieden – dabei war dies bloß eine kluge Definition von Hochstapelei, und dazu noch Form und Inhalt in diesem Moment identisch gewesen. 1984 veröffentlichten Jörg Schröder und ich im „März Mammut“ ein Kapitel aus seiner Doktorarbeit – unter dem nämlichen Titel, wozu wir kurzerhand einen Abschnitt aus dem zuvor im Merve-Verlag erschienenen Spinoza-Buch von Gilles Deleuze verwendeten. Es geht darin um die Fähigkeit der Lebewesen, zu affizieren und affiziert zu werden. In dieser Sicht steht ein Ackergaul einem Ochsen näher als einem Rennpferd, „weil es mit ihm eher gemeinsame Affekte hat,“ wie Gilles Deleuze schrieb – und also dann auch Dr.Dr. Clemens von Bartholdy in seiner Doktorarbeit. Der Merve-Verleger Peter Gente war darüber not amused.

Das sind typische Hochstapler-Poller! Doch, doch, so etwas gibt es. Und zwar in Boizenburg an der Elbe. Zehn mit Eisenstangen verbundene gelbschwarze Betonquader. Diese ehemalige  Grenzbefestigung richtete der Betreiber einer Grenzübergangs-Kneipe gleich daneben (im Bild nicht mehr sichtbar) „authentisch“ wieder her, sie markierten jedoch keinen Übergang in den Westen, sondern bloß in das Sperrgebiet an der Grenze. Und nun sind sie eine, wenn nicht die  „Attraktion“ seiner Kneipe.

In Boizenburg befand sich zu DDR-Zeiten eine Werft, die Binnenschiffe herstellte sowie eine Fabrik, die die berühmten „Boizenburger 9-Segmenthallen“ in Serie produzierte. Beide  VEBs wurden nach der Wende abgewickelt. Diese Hallen hätten es jedoch verdient, weiter produziert zu werden: Man kann sie teleskopartig zusammenschieben und dann leicht auf einem LKW transportieren. Noch im hintersten Sibirien wurden sie gerne von Montagetrupps als Lagerhallen eingesetzt. Heute gibt es sie gelegentlich noch als DDR-Warenmuseum – z.B. auf dem Narva-Gelände der „Oberbaum-City“ in Berlin-Friedrichshain. Statt diese weltweit einzigartige Hallen-Produktion zu erhalten, setzten die Ostpolitiker, vor allem die in Brandenburg, jedoch auf ganz große und ganz moderne Hallen – wie z.B. die zur „Cargo-Lifter“-Produktion. Doch keiner wollte solche „Cargo-Lifter“ (Zeppeline) und deswegen stand die Halle schon bald leer. Heute befindet sich in ihr ein exotisches Spaß- und Erholungsbad für die ganze Familie, das einem indonesischen Abenteuerunternehmer gehört. Die Landesregierung hat überall Schilder aufgestellt, die den das Hallenbad suchenden Familien den Weg weisen.

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kommentare

  • Nett, dass Sie an meinem Ruhm und meiner Unsterblichkeit arbeiten. Aber schreiben können Sie leider nicht. Vielleicht sind Sie nur ein Hochstapler?

    Beste Grüße
    Gert Postel

  • Nicht ohne Grund spricht man stets von „Hochstaplern“ – es gibt anscheinend so gut wie keine „Hochstaplerinnen“. Und die jetzt überführte ist nicht zufällig eine Afrikanerin: in vielen afrikanischen Ländern beherrschen die Frauen das „Business“.

    Die FAZ meldet heute:

    Eine 29 Jahre alte Hochstaplerin aus Düsseldorf hat Männer in reifem Alter um Millionen betrogen. Die aus Ghana stammende Frau habe sich als Topmodel oder als Tochter eines Stammeshäuptlings ausgegeben, berichtete das Landeskriminalamt in Düsseldorf am Dienstag.

    Die Frau suchte gezielt Beziehungen zu älteren Männern, um sie zu Investitionen in Geschäfte mit Gold und Diamanten zu angeblich besonders günstigem Preis zu verleiten.

    Sie soll einen Schaden von mindestens fünf Millionen Euro angerichtet haben. In ihrer Düsseldorfer Wohnung fand die Polizei Schmuck und Bargeld in Höhe von 200 000 Euro. Die Frau und ein Komplize sind in Untersuchungshaft.

  • psychotherapie.de hat 2001 alle möglichen Hochstapler, die sich als Ärzte ausgaben, aufgelistet:

    Psychologie der Selbsttäuschung: Hochstapler und Betrüger als Ärzte
    Ärztliche Selbstverwaltung unfähig?
    Friseur praktizierte über 20 Jahre als Allgemeinarzt, Badearzt, Sportarzt und Chefarzt

    VON GOTTLIEB SEELEN

    Kassenärztliche Vereinigung und Ärztekammer haben dem Strafprozess mit gemischten Gefühlen entgegen gesehen. Sie dürften erleichtert gewesen sein, als das Verfahren bereits heute früher als erwartet mit einem Urteil endete, ohne die Frage zu vertiefen, warum in Bayern ein einfacher Friseur ohne medizinische Grundkenntnisse unter den Augen von Kassen und Aufsichtsbehörden als angeblicher Allgemeinarzt, Badearzt und Sportarzt über Jahrzehnte weitgehend unbehelligt an Tausenden Patienten herumdoktern konnte.

    Ein 59-jähriger Friseur, verheiratet, zwei Kinder, der fast 20 Jahre in Oberbayern ohne Studium und Abitur als falscher Arzt praktiziert hat, ist heute zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Das Landgericht Traunstein sah vorsätzliche Körperverletzung in 41 Fällen durch Kortison-Spritzen als erwiesen an. Außerdem verurteilte ihn die 2. Strafkammer wegen 119 Fällen von Titelmissbrauch. Der geständige Friseur hatte sich die Zulassung als Arzt und den Doktortitel durch falsche Dokumente erschlichen. Das Urteil ist rechtskräftig (Az: 201 Js 39536/00).

    Auf ihn fielen nicht nur Tausende von gutgläubigen Patienten herein, auch zwei bayerische Ministerien und mehrere Ärzte verließen sich blind auf ihn. Fast 20 Jahre lang behandelte der Friseur in mehreren bayerischen Arztpraxen in den Landkreisen Miesbach und Rosenheim sowie in einigen Kliniken mit falschem Doktortitel kranke Menschen, darunter zahlreiche Kinder. Auch vor Kortisonspritzen schreckte der Ex-Friseur nicht zurück. Erst in diesem Frühjahr flog der Jahrzehnte lange Schwindel auf. Am 5. März 2001 stürmte die Polizei die Praxis in Bad Feilnbach und nahm den Mann im weißen Kittel fest.
    Ist Ihr Hausarzt echt? Und wenn ja: wovon versteht er etwas?

    Der weiße Kittel, so belegt auch dieses Geschehen, verleiht in Sachen Gesundheit noch immer zu viel blindes Vertrauen. Obwohl selbst richtige Hausärzte die meisten psychischen Störungen übersehen oder falsch behandeln, vertrauen die Deutschen ihnen von allen Medizinern noch immer am meisten. So zumindest hieß es unlängst in einer Pressemeldung. Während 90 Prozent von insgesamt 1.000 befragten Personen ihrem Hausarzt uneingeschränktes Vertrauen entgegen bringen, tun dies bei Ärzten im Allgemeinen nur gut Dreiviertel aller Befragten – so der Vergleich zweier Umfragen durch das Meinungsforschungsinstitut INRA.

    Freilich: Wen sollen Menschen, für die ihre Gesundheit das wichtigste Gut ist, sonst vertrauen – dem Friseur? Viele Patienten, so ein weiteres Ergebnis der Umfrage, verlassen zudem das Behandlungszimmer, ohne genau über ihre Erkrankung Bescheid zu wissen. Das macht es für Hochstapler, Betrüger und Scharlatane ebenso wie unfähige Ärzte leicht, ihre Patienten falsch zu behandeln oder auszunehmen. Deshalb konnten die Patienten, die dem freundlichen, aber falschen Allgemeinarzt mit den gutmütigen Augen über Jahre hinweg blind vertrauten, so böse gefoppt werden.

    Die berufliche Karriere des aus Wittgendorf in Sachsen-Anhalt stammenden Mannes begann mit der Eröffnung eines Friseurgeschäftes in der Nähe von Köln. Wegen gesundheitlicher Probleme gab der Handwerker den Laden jedoch 1977 auf und sattelte in München auf Heilpraktiker um. Die Prüfung bestand er laut den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit Ach und Krach und erhielt 1979 die Genehmigung zum Führen einer Heilpraktiker-Praxis.

    Doch dies genügte dem Coiffeur nicht. 1981 beantragte er beim bayerischen Innenministerium in München die Arztzulassung und legte gefälschte Studienabschlüsse sowie eine falsche Doktorurkunde vor. Die Ministerialbürokratie fiel auf den Schwindel herein und erteilte dem Friseur die begehrte Approbation. Wieder zwei Jahre später strebte der falsche Arzt nach noch Höherem und leimte auch das für Titel zuständige Kultusministerium des Freistaates. Nach Vorlage gefälschter Dokumente durfte er sich tatsächlich „Dottore“ nennen, was er als Legitimation des deutschen Doktortitels ansah. Fortan firmierte er als „Dr.“.

    Von nun an begann der steile Aufstieg des Klaus D., den man, so die „Süddeutsche Zeitung“ am 6. Oktober 2001, „für eine Bilderbuch-Karriere“ halten könnte. 1982 wurde er Assistenzarzt an der Ghersburgklinik in Bad Aibling. Zwischen 1983 und 1994 betrieb der falsche Doktor mit Erfolg als Kassenarzt eine Praxis im oberbayerischen Kurort Bad Aibling, wo er sich nach den Ermittlungen der Anklagebehörde einen stattlichen Patientenstamm erwarb. 1995 verkaufte er die Kassenpraxis für 270.000 Mark und wurde Chefarzt der Kinder-Rehaklinik Samerberg bei Rosenheim, ohne dass irgendjemand Verdacht geschöpft hätte. 1997 eröffnete er dann am noblen Tegernsee eine Praxis ausschließlich für Privatpatienten. 1999 arbeitete er daneben an der Aiblinger Krebsklinik St. Georg des Prominentenarztes Friedrich Douwes, wo sich der Schauspieler Klaus Wennemann und dessen Kollegin Liane Hielscher bis zu ihrem Krebstod behandeln ließen.
    Versagen der ärztlichen Selbstverwaltung auf ganzer Linie

    Wegen seiner dubiosen Behandlungsmethoden war der gelernte Friseur mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Vom Amtsgericht Bad Aibling wurde er zuletzt 1998 zu einer Geldstrafe verurteilt. Daraufhin entzog ihm die Landesärztekammer zunächst die Approbation und die Kassenärztliche Vereinigung im Juni 1999 dann auch die Zulassung. Erstaunlich: Damals kam noch nicht heraus, dass er weder Abitur noch Medizinstudium hatte.

    Dies hinderte den mittlerweile 56-Jährigen aber nicht daran, zeitweise als Assistenzarzt in einer Klinik in Bad Aibling zu arbeiten und im nahen Bad Feilnbach erneut eine Arztpraxis zu eröffnen, in der er anschließend weiter praktizierte. „Ich musste doch von irgendetwas leben, ich hatte Angst meine Familie zu verlieren“, gab der Angeklagte im Verfahren als Rechtfertigung an.

    In den knapp 20 Jahren als falscher Doktor dürfte der Friseur einige Millionen Mark verdient haben – auch Kassenhonorare von der Kassenärztlichen Vereinigung. Bei Privatpatienten stellte er in einem Fall eine Rechnung über fast 100.000 Mark aus.

    Nachdem einige seiner Privatpatienten Verdacht schöpften, flog der Schwindel Anfang März dieses Jahres endgültig auf. Im Prozess interessieren sich die Richter der 2. Strafkammer des Traunsteiner Landgerichts vor allem für jene Fälle, bei denen der Friseur und Heilpraktiker Kranken Kortison spritzte, aber stets sagte, er verwende ein von ihm eigens entwickeltes Hühnereiweiß-Präparat. Sogar kleine Kinder mit Pseudo-Krupp behandelte der falsche Arzt mit seiner „Spritzen-Kur“, auch wenn die kleinen Patienten sich vor Schmerzen krümmten. Ein Erwachsener klagte nach Infusionen über Atemnot und Herzrasen.

    Für den Prozess waren zwei Verhandlungstage vorgesehen. Acht Zeugen und eine Sachverständige waren geladen. Bei seiner Vernehmung schilderte der Angeklagte zunächst seine schwere Kindheit in einem thüringischen Dorf als unehelicher Sohn einer Mutter, die zum Zeitpunkt seiner Geburt gerade einmal 16 Jahre alt war. Er wuchs bei den Großeltern auf, mit fünf Jahren bekam er Scharlach und lag längere Zeit im Krankenhaus. Nach der Flucht in den Westen und der Schulzeit habe das Jugendamt ihn „in den Friseur-Beruf gesteckt“, obwohl er „immer einen Zug zur Medizin“ gehabt habe, sagte er. Nach der Hochzeit mit einer Friseurin und der Geburt von zwei Söhnen eröffnete er in Köln einen Damen- und Herren-Salon, den er wegen einer Allergie freilich schon bald aufgeben musste. Es folgte die Umschulung zum Heilpraktiker.

    In diese Zeit fällt die regelmäßige Arbeit als Pfleger in einer Münchner Klinik. „Ich habe dort zu spritzen gelernt, Katheter gesetzt und war sogar im Operationssaal dabei“, sagte der 59-Jährige zum Erstaunen des Gerichts. In den Ferien arbeitete er in zwei italienischen Krankenhäusern in Neapel und Salerno. Dort will er von einem Medizin-Professor überredet worden sein, sich gefälschte Dokumente für den Arztberuf und den Doktortitel in Deutschland zu „kaufen“. Seine Mutter gab ihm 20.000 Mark, die er dem Professor in bar übergab. „Ich wusste, dass das nicht in Ordnung war.“
    Titelgläubigkeit und Autoritätshörigkeit erleichtern Betrug und Fehlbehandlung

    Nicht einmal seine eigene Familie habe gewusst, dass er in der Zeit der Heilpraktiker-Ausbildung nicht wirklich Medizin studierte, gab der falsche Arzt zu Protokoll. „Es tut mir mein Leben lang leid, dass ich meine Frau belogen habe.“ Er habe jedoch seiner Familie ein besseres Leben „ermöglichen wollen, als ich es in meiner Kindheit gehabt habe“. Auch die Behörden in Bayern wurden nicht skeptisch, obwohl der Friseurmeister in seinem Lebenslauf für die Arztzulassung nicht einmal das Abitur angab! Mit der Approbation und dem ihm vom Kultusministerium in München verliehenen Titel „Dottore/Univ.Neapel“, aus dem der falsche Arzt kurzerhand einen „Dr.med.“ machte, begann die Karriere des Friseurs in mehreren Praxen und Kliniken.

    Viele seiner Patienten kamen in fast 20 Jahren vor allem wegen der Spritzen, die der „Herr Doktor“ verabreichte. Während der Angeklagte beteuerte, lediglich seine Sprechstundenhilfen hätten gegenüber Kranken von Hühnereiweiß gesprochen, sagte ein früherer Patient vor Gericht aus, der 59-Jährige habe in seiner Praxis sehr wohl von selbst entwickelten Hühnereiweiß-Spritzen gesprochen. „Er sagte, das ist der beste Cocktail, den es gibt“, erinnerte sich der Zeuge an die Behandlung des selbst ernannten „Wunderheilers“. In Wirklichkeit mischte der falsche Arzt Kortison, das Entzündungen und Allergien rasch abklingen lässt, mit anderen Medikamenten: Ein verantwortungsloses „Wundermittel“, das wegen seiner teils gefährlichen Nebenwirkungen auf den Knochenbau nur bei klar definierter Indikation verordnet werden darf.

    Die Staatsanwaltschaft hatte dem falschen Arzt in ihrer Anklage 121 Fälle des Betruges gegen Patienten und Arbeitgeber mit einem Gesamtschaden von mehr als 800.000 Mark zur Last gelegt. Pauschal räumte er selbst ein, 1994 und 1995 auch Steuern hinterzogen zu haben. Außerdem wurden dem Oberbayern von der Staatsanwaltschaft 41 Fälle der vorsätzlichen Körperverletzung zur Last gelegt, weil er Patienten ohne deren Wissen mit Cortison behandelt hatte. Zum Prozessauftakt gab er zu: „Ich habe einige Leute darüber aufgeklärt, andere nicht.“
    Konsequentes Hinterfragen des Ärzte-Handelns unverzichtbar

    Die Teilnehmer der erwähnten INRA-Meinungsumfragen fordern generell mehr Aufklärungsarbeit in den Arztpraxen. Rund 76 Prozent der Befragten wünschen sich im Bedarfsfall eine zweite Arztmeinung. 66 Prozent sprechen sich für zusätzliche Informationen über ihre Krankheit aus. Bei den Hausarztpatienten sind es im ersten Fall nur 60 Prozent, weitere Auskünfte wollen nur 57 Prozent. Viele der Patienten, die vor allem wegen der als Wundermittel geltenden Spritzen mit angeblichen Naturpräparaten zu dem falschen „Doktor“ gekommen sind, haben es an der erforderlichen kritischen Nachfrage fehlen lassen.

    Die unkritische Titel-Gläubigkeit vieler Menschen und die völlig ungerechtfertigte Überschätzung der so genannten „Götter in Weiß“ macht es Betrügern und Stümpern im weißen Kittel immer wieder leicht. Bislang berühmtestes Beispiel ist der jetzt 42-jährige Gert Postel, ein gelernter Postbote, der als falscher Arzt und Psychotherapeut jahrelang die Ärzte vorgeführt, die Patienten genarrt und mit medizinischen Gutachten viel Geld verdient hat. Nach seiner letzten Verurteilung ist er seit Anfang des Jahres wieder auf freiem Fuß und will sein Leben als Hochstapler verfilmen.

    Als „Prof. Dr. Dr. Wolfgang Rose“ (52) zockte ein angeblicher Psychologe in Baden-Württemberg bis 1997 zahlreiche vermögende Krebspatienten ab. Sie sahen in diesem weiteren selbst ernannten „Wunderheiler“ die letzte Hoffnung und zahlten rund 60.000 Mark für „heilbringende“ Tinkturen.

    Auch aus anderen Gründen als zur Bereicherung oder aus Geltungsdrang schlüpfen immer wieder Menschen in den Arztkittel. Zum Beispiel Diez-Rudolf K. (60), ein pensionierter Lehrer, den sexuelle Motive den weißen Kittel überstreifen ließen. In seiner Praxis behandelte er sexuell missbrauchte Mädchen. Sie sollten sich für gynäkologische Untersuchungen ausziehen, wobei sie mit versteckter Kamera gefilmt wurden. Sein Prozess läuft noch.

    Allerdings ist der sexuelle Missbrauch nicht nur bei falschen Therapeuten anzutreffen. Die Dunkelziffer der echten Ärzte und Psychotherapeuten, die vorzugsweise ihre Patientinnen missbrauchen, ist nach Schätzungen so hoch, dass man bei Lichte darüber erschrickt.
    Kritische Distanz und Vertrauen in das eigene Denkvermögen kann vor Missbrauch schützen

    Eine gesunde Portion Skepsis und eine kritische Distanz kann helfen, sich vor falschen oder unfähigen Ärzten oder Psychotherapeuten zu schützen. Fehlbehandlungen sind am besten durch ausreichende Information bei unabhängigen Quellen zu verhindern. Eva Balling fasste ihre Erfahrungen im Umgang mit guten und schlechten Ärzten in einem Leserbrief am 17.07.2001 zu klaren Empfehlungen zusammen: „Kontrolle ist erst mal sehr viel besser als Vertrauen. Vertrauen kann sich im besten Fall aufbauen. Ich trage die Verantwortung für das, was geschieht! Ich nehme mir jederzeit die Freiheit, nein zu sagen. Ich kenne das Gesetz der Suggestion. Wenn schon, dann bilde ich mir die Fakten ein. Ich befasse mich mit der Thematik so intensiv, dass ich im besten Fall dem Arzt sage, was er zu tun hat. Im anderen Fall muss er mich überzeugen. Das bedingt einen menschlichen Umgang auf einer Ebene. Dazu sind die wenigsten Weißbekittelten bereit. Ich überdenke nach jedem Kontakt, ob ich jederzeit die Verantwortung über mich behalten habe.“

    „Nicht zu vergessen ist der oft finanzielle Notstand im Hintergrund vieler Ärzte, die sie Sachen tun lassen, welche der ursprünglichen Heilerberufung diametral gegenüberstehen“, schließt Eva Balling ihre Empfehlung an Patienten: „Hier ist der gesunde Menschenverstand gefragt! Und weh dem, der ihn mir rausblasen will…“

    Rezension des Buches „Doktorspiele“ von Gert Postel:

    Darf man es bedauern, dass Gert Postel, ein Hochstapler mit Kultstatus, der sich selbst bezeichnet als „ein Nichts“, „ein ehemaliger Postbote mit mittlerer Reife“, die ihm vom sächsischen Sozialministerium angetragene Chefarztstelle der forensischen Abteilung des Landeskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie in Arnsdorf – dotiert mit einer C4-Professur an der TU Leipzig – nicht angenommen hatte? Jedenfalls ist der Welt damit eine weitere heiter-böse Bloßstellung dessen vorenthalten worden, wovon Politik wie Psychiatrie bis zur Stufe der Unfähigkeit vorzüglich leben: dem schönen Schein.

    Schon sieben Monate nach seiner Einstellung als Oberarzt am Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie im sächsischen Zschadraß wurde der falsche Dr. med. Dr. phil. Gert Uwe Postel, persönlich unterstützt vom Sozialminister Dr. Hans Geisler (CDU), für diese Chefarzt-Position vorgeschlagen. Postels fachliche Kompetenz galt als unbestritten. So befürwortete die sächsische Staatsregierung in einer Kabinettsvorlage im Juli 1996 die Ernennung des seit den 80-er Jahren als Ärzte-Liebhaber bundesweit bekannten Schwindlers. „Das Gespräch mit mir“, so schildert Postel im Buch seine vorausgegangene „Audienz beim Minister“, „bestritt der Minister, obwohl es anderthalb Stunden dauerte, im wesentlichen allein. Er stellte mir seine Ideen zur Enthospitalisierung vor, denen ich zustimmte, was er offenbar gewohnt war. Dann ging er dazu über, ziemlich pointenlose Geschichten zu erzählen. Eine von ihnen ging so: Aus der Unterbringungsanstalt in Arnsdorff ist einmal ein Kinderschänder ausgebrochen. Da ich dort in der Gegend wohne, bin ich mit meinem Privatauto zur Anstalt gefahren und habe gesagt, ich bin der Minister, ich will mir jetzt mal die örtlichen Gegebenheiten anschauen, wie dieser Kinderschänder hier ausgebrochen ist. Da haben die an der Anstaltspforte zu mir gesagt: ‚Ich bin der Minister, kann doch jeder sagen.‘ Sie haben mich nicht reingelassen.“

    Gert Postel brauchte nicht einmal einen falschen Namen, um erfolgreich als Psychiater und Psychotherapeut aufzutreten. Doch offenbar hatte Postel nach einem unbequemen Gespräch mit dem Ärztlichen Leiter Hubert Heilemann kalte Füße bekommen und von sich aus die Bewerbung zurückgezogen. Höhepunkt dieser Groteske war die Rüge, die Heilemann vom Sächsischen Staatsministerium für Soziales, Gesundheit, Jugend und Familie erhielt: Mit seinen Fragen habe er den Erfolg versprechenden Aspiranten vergrault. Derselbe Minister schaute unlängst zu, wie ein Kinderschänder, der nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung eine Elfjährige vergewaltigt und erdrosselt hatte, und eine Doppelmörderin als verurteiltes „Mörderpärchen“ im sächsischen Maßregelvollzug zur Förderung ihres Liebeslebens in eine gemeinsame Zelle mit der Pille auf Staatskosten zusammengelegt wurden und approbierte Psychotherapeuten für nicht-genehmigungspflichtige Psychotherapie bei Versicherten der Primärkrankenkassen Ende 2000 keinen Pfennig erhielten.

    Postel indes strich während seiner Oberarzt-Einlage in Sachsen über 200.000 Mark an Gehalt ein. Honorare in Höhe von knapp 44.000 Mark, die er für psychiatrische Gutachten in 23 Strafverfahren kassierte, für die er als Gerichtsgutachter bestellt wurde, wird er hingegen behalten dürfen. Das sächsische Justizministerium habe zwar eine Rückforderung geprüft, aber kein Verfahren eingeleitet, weil eine Chance, das Geld einzuklagen, nur bestünde, wenn die Fehlerhaftigkeit der Gutachten nachgewiesen werde. Von den Gerichten war jedoch keine einzige der Expertisen zurückgewiesen oder angefochten worden.
    Gert Postel: Hochstapler mit Kultstatus seit 20 Jahren

    Als gelernter Briefträger gilt die Leidenschaft des Gert Postel dem Arztberuf, den er ohne Medizinstudium jahrelang ausgeübt hat. Vom September 1982 bis April 1983 war Gert Postel unter dem Namen Dr. Dr. Clemens Bartholdy als stellvertretender Amtsarzt in Flensburg bemerkenswert erfolgreich. Er reformierte die Einweisungspraxis in psychiatrische Kliniken, leitete den sozialpsychiatrischen Dienst, war amtlich bestellter Hafenarzt und Leichenbeschauer. Unter seiner Leitung und Aufsicht sank die Zahl der Zwangseinweisungen um 86 Prozent. Wurde Beschwerde gegen seine Entscheidung eingelegt, so bestätigte das Landgericht seinen Befund. Daneben schrieb er Gutachten und hielt sogar Vorträge vor Fachkollegen. Weil ihn die Arbeit jedoch anstrengte, bewarb er sich fort. Als Arzt, versteht sich. Aufgedeckt wurde der Schwindel, nachdem Postel das Portemonnaie verloren hatte, in dem sich seine Ausweise befanden: einer war auf seinen richtigen Namen ausgestellt, der andere auf den Namen Clemens Bartholdy. Im Dezember 1984 wurde Gert Postel als falscher Arzt in Schleswig-Holstein wegen Missbrauchs akademischer Titel, Betruges und Urkundenfälschung vom Landgericht Flensburg zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, ausgesetzt auf Bewährung. Die Strafe sei so milde, hieß es in der Urteilsbegründung, weil es ihm die Gesundheitsbehörden so leicht gemacht hätten und er keinen Schaden angerichtet habe.

    Seiner Karriere tat das indes keinen Abbruch. Zuletzt ab 1995 anderthalb Jahre als Psychiatrie-Oberarzt des Sächsischen Krankenhauses in Zschadraß – und Vorgesetzter von 28 Ärzten. Die Zeitung „DIE WELT“ zitierte seinen ehemaligen Chef in Zschadraß, Horst Krömker, am 20. Januar 1999 mit den Worten: „Der Mann hat mich sofort überzeugt. Sein Auftreten, seine Referenzen. Ich dachte, einen besseren Arzt können wir nicht kriegen.“ Auch dieser Schwindel flog nicht etwa durch ärztliches Unvermögen des Postlers Postel auf, sondern weil eine Ärztin des Krankenhauses Zschadraß Besuch von ihren Eltern aus Flensburg erhielt. Irgendwie kam das Gespräch auf den Oberarzt Postel. Die Eltern kannten diesen Namen. Kurz darauf war der gelernte Postbote enttarnt. Am 10. Juli 1997 tauchte Postel unter. Eine Leipziger Staatsanwältin, mit der Postel eine Affäre gehabt haben soll, stand im Verdacht, ihn vor der Verhaftung gewarnt zu haben. Zehn Monate entkam der Hochstapler immer wieder den Ermittlern der Kripo, auch unter Mithilfe einer Stuttgarter Richterin, einer weiteren Affäre. Bis ihn Zielfahnder am 12. Mai 1998 in einer Telefonzelle am Stuttgarter Hauptbahnhof schnappten. Am 20. Januar 1999 begann sein Prozess vor der Großen Strafkammer am Landgericht Leipzig, für den „so ungefähr alles aufgeboten [wurde], was gut und teuer ist“. Urteil: Vier Jahre Haft.

    Anfang dieses Jahres wurde er vorzeitig auf Bewährung entlassen und meldet sich prompt wieder mit seinem nächsten Coup: Das Buch „Doktorspiele“, aus dem er zum Verkaufsstart am 4. September 2001 im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße las. In seiner knapp 200-seitigen Hochstapler-Biografie beschreibt der gelernte Briefträger, wie leicht es ihm Würdenträger, Ministeriale und Akademiker gemacht haben. „Ich gestehe und bereue ganz allgemein“, schreibt Postel zu Beginn seines Buches. Ob er von seiner verzerrten Realitätswahrnehmung geheilt ist, bezweifelt Postel alias Dr. Gert von Berg allerdings im Vorwort selbst.

    Einst brauchte es feine Kleider, eine elegante Kutsche oder gar livrierte Diener, um die Kluft zwischen Sein und Schein zu überwinden. Heute reichen wenige Groschen und eine sympathische Stimme aus, um am Telefon Lügengebilde zu inszenieren. Die nötige Portion Raffinesse gepaart mit Witz, Chuzpe und einem Quäntchen Menschenkenntnis machen aus einem Arbeiter einen Akademiker, so wie aus dem Postschaffner Postel einen Dr. med. Dr. phil. Gert Uwe Postel.

    Nicht ohne gehörige Selbstironie berichtet Postel in dem Kapitel „Wie ich das Land Sachsen vor großem Schaden bewahrte“, auf welche Weise er Ostern 1996 „das Richtige tat und auch noch gut verkaufte“. Während sein Chef – im Buch „Dr. Gutfreund“ genannt – „seinen wohlverdienten Osterurlaub angetreten“ hatte, war Postel als sein Oberarzt „in Zschadraß zurückgeblieben und trug nun während des Auferstehungsfestes die alleinige Verantwortung – auch für den Maßregelvollzug, also jenen Teil der psychiatrischen Klinik, in dem psychisch kranke Straftäter untergebracht waren. Von dort wurde mir hintertragen, daß einige Insassen planten, in der Zeit zwischen dem höchsten protestantischen Feiertag – Karfreitag – und dem höchsten katholischen – Ostersonntag – gemeinsam auszubrechen. Nicht auszudenken, was einige Triebtäter im Verein mit schizophrenen Mördern außerhalb der Anstalt für ein Unheil hätten anrichten können. Schnelles und entschlossenes Handeln tat not. Ich beschloß, die Verschwörung zu zerschlagen, die Anführer zu trennen und zu isolieren. Meine Freunde vom Landeskriminalamt schickten mir, nachdem ich das Justiz- und das Sozialministerium per Telefax auf die Gefahrenlage hingewiesen hatte, ein Sondereinsatzkommando, das die verdatterten Konspirateure handstreichartig in Gewahrsam nahm und auf andere, sichere Anstalten des Freistaates Sachsen verteilte. Als meine Förderer aus dem Sozialministerium am Dienstag nach Ostern ihren Dienst wieder antraten, lag ihnen bereits mein Bericht vor, in dem ich sachlich, aber nicht ohne Sinn für Dramatik schilderte, wie ich während der Feiertage dieser furchtbaren Gefahr für Sachsen begegnet war.“

    „Nun muß man wissen“, beginnt Postel seine Analyse ministerialen Denkens, „daß es für die politisch Verantwortlichen nichts Unangenehmeres gibt, als wenn verrückte Kriminelle unerlaubt eine Anstalt verlassen und die Bevölkerung, darob in Angst und Schrecken versetzt, nach einem Schuldigen sucht. Es gehört also wenig Phantasie dazu sich vorzustellen, welch wohliger Schauer meine Ministerialen bei dem Gedanken überkam, durch mich von einem Unheil bewahrt worden zu sein, das leicht ohne die Wachsamkeit dieses wunderbar tatkräftigen Oberarztes zu fürchterlichen Zornesausbrüchen ihres gottähnlichen Ministers geführt hätte. ‚Solche Männer braucht das Land‘, werden einige Herren im Ministerium gedacht haben, denn anders läßt sich nicht erklären, was mir einige Tage später von dort widerfuhr.“

    „Drei Tage nach Ostern wurde ich zu einer ‚Nachbesprechung‘ ins Ministerium bestellt, der ich nichtsahnend Folge leistete. Ich vermutete, daß man anhand der Osterereignisse noch einmal über Sicherheitsfragen im Maßregelvollzug sprechen wollte. Im Ministerium waren meine österlichen Heldentaten jedoch nur noch ein Nebenthema.
    Der zuständige Referent schlug mir nämlich überraschend vor, die Nachfolge von Prof. Dr. K. als Chefarzt in Arnsdorff anzutreten. Ich war vollkommen sprachlos, suchte nach Worten. Allein der Gedanke, Nachfolger von Prof. Dr. K., dem einzigen, ungebrochenen Schüler des großen Rasch, zu werden, erschütterte mich. Einen Moment überlegte ich, ob die Ministerialen vielleicht inzwischen meinen wahren Bildungsgang herausbekommen hatten und mich einfach noch einmal richtig foppen wollten, bevor sie mich dem Staatsanwalt übergaben.
    Aber mir blieb keine Zeit, solchen Gedanken nachzuhängen., denn der Referent schaute auf seine Uhr und sagte, daß wir uns jetzt in den Besprechungsraum begeben müßten. Halb bewußtlos trottete ich hinter ihm her, ich, der Betrüger, der Täuscher, der Einfädler, unwillkürlich ein hilfloses Objekt der Machenschaften der Ministerialbürokratie.“

    So verleitete das sächsische Sozialministerium den Hochstapler, wie Postel süffiziant feststellt, „um ein Haar zu einer weiteren Betrugstat“ […]. „Da Landau mich wegen der Übernahme der Arnsdorffer Stelle regelrecht bekniete, erwachte meine alte Frechheit, und ich sagte, daß ich dann schon fast lieber ins Ministerium gehen würde. Landau, der gewiefte bürokratische Fuchs, parierte meine Unbescheidenheit geschmeidig: ‚Wissen Sie, Dr. Postel, eigentlich hatten wir uns Arnsdorff als eine Vorstufe für eine Referentenstelle im Ministerium gedacht. Wenn Sie sich dort bewähren, dann ist ein späteres Überwechseln ins Ministerium die natürliche Folge.'“

    Das Buch des am 18. Juni 1958 in Bremen geborenen Gert Postel zeichnet höchst ironisch den verwinkelten Lebensentwurf eines Hochstaplers nach, der mit gefälschten Papieren, menschlichem Einfühlungsvermögen und erstaunlichen rhetorischen Fähigkeiten seine Vorstellungen von akademischen Weihen und gesellschaftlicher Anerkennung verwirklichen wollte. Gleichzeitig, so heißt es im Klappentext, ist das Buch eine „doppelbödige Hommage“ an seine Umgebung: an Anwälte, Politiker, Mediziner, Psychotherapeuten, Richter, Freundinnen, kurz: an alle, die die unglaubliche Karriere des Dr. Gert Postel erst ermöglicht haben.
    Psychiatrie und Psychotherapie: Oft selbst Etikettenschwindel

    Der falsche Oberarzt und Beinahe-Chefarzt für forensische Psychiatrie reißt Psychiatern und Psychotherapeuten die Maske kundiger Heiler herunter. Postels unterhaltsame Köpenickiade lässt hinter der Fassade des vermeintlichen Expertentums und vorgeblicher Wissenschaftlichkeit ein weiteres Mal hervorquellen, was Psychiater und Psychotherapeuten gern verbergen: Gerade in ihrem Berufsstand findet sich gehäuft neurotisch bedingtes Unvermögen, realitätsferne Gefühlsduselei, spirituelle Phantasterei, pseudowissenschaftlicher Größenwahn und selbstverliebtes Machtstreben.

    Postel „interessierte vor allem der Macht- und Herrschaftsaspekt“ an seiner Position: „Wie stark dieses Interesse war, mögen Sie daran ersehen, daß ich während der Zeit in Zschadraß – mit wenigen Ausnahmen – absolut klösterlich gelebt habe, obwohl ich ansonsten ein einigermaßen gesundes Geschlechtsleben führe. Mein Zölibat in Zschadraß ist ein Indikator dafür, daß mir die Existenz als Oberarzt in dieser Klinik als Befriedigung jedweder Triebe vollkommen ausreichte.
    Ich bewohnte in der Klinik ein bescheidenes Arztzimmer, in dem ich mir Frühstück und Abendessen selbst zubereitete. Nachdem ich morgens meine Morgentoilette absolviert hatte, warf ich meinen Oberarztkittel über, schlenderte durch einige Abteilungen, beobachtete die hastig aufgenommenen Aktivitäten des Pflegepersonals, wurde gegrüßt, grüßte leutselig zurück und erreichte schließlich den Klinikkiosk, wo eine eigens zurückgelegte FAZ auf mich wartete, trat den Rückweg an und ließ mich bei einer Tasse Tee in einem Sessel meines Zimmers nieder, um mein Leib- und Magenblatt ausgiebig zu studieren, selbstverständlich im weißen Kittel. Hatte ich die Zeitung durch, schloß sich manchmal noch eine halbe Stunde Schopenhauer-Lektüre an, bis ich dann zur Oberarztvisite antreten durfte. Ich sage bewußt ‚durfte‘, denn der Dienst in Zschadraß war für mich ein Vergnügen, die damit verbundene Ausübung von Herrschaft ein Genuß.“

    Wer den fast unglaublichen Erfahrungsbericht des Gert Postel nur für böswillige Übertreibung eines persönlichkeitsgestörten Narzissten hält, hat die teilweise menschenverachtende Realität im deutschen Psychiatrie- und Psychotherapiebetrieb nicht kennen gelernt.

    Verständlich, dass es angesichts dieser Realität nicht immer leicht fällt zu beurteilen, wer tatsächlich verrückt ist, Klient oder Therapeut. „Ein geschickter Therapeut hat keine Schwierigkeit, über mich ein Gutachten zu erstellen, das mich als therapiebedürftig qualifiziert“, kritisierte Ellis Huber am 21. August 2001 im Interview mit PSYCHOTHERAPIE den regelhaften Missbrauch, den Psychotherapeuten und Psychiater in und mit ihrem Beruf betreiben. Huber, von 1987 bis 1999 Präsident der Berliner Ärztekammer und heute Vorstand der Securvita BKK, sagte: „Etwa ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte sind zynische Egoisten, denen das Schicksal ihrer Patienten völlig egal geworden ist. Sie denken nur an sich und machen Therapien, deren Unsinn sie von vornherein bereits kennen. Ein weiteres Drittel umfasst frustrierte und prinzipienlose Opportunisten, die im System mitschwimmen und versuchen, einigermaßen über die Runden zu kommen und das schlechte Gewissen durch Freude an Status und Ansehen zu kompensieren.“

    Diagnose „Totalschaden“ – doch bei wen? Vor dem Hintergrund reichlich verrückter Psychiater und Psychotherapeuten verwundert es wenig, wenn ein charmanter und eloquenter Postbote sich als angenehm normal von den Vertretern der Psycho-Zunft abhebt und in der Psychiatrie steile Karriere macht.
    Hochstapler-Biografie: Lockruf des schönen Scheins erlegen

    Sein Job als Briefträger wurde Postel schnell zu langweilig, zu anspruchslos. Sein Bubenstück ist ein gefälschtes Abiturzeugnis, mit dem er sich eine Ausbildung zum Rechtspfleger ergaunern will. Da er kein Abitur hatte, fälschte er sich eben eins, und bekam damit 1977 eine Ausbildungsstelle als Rechtspfleger-Anwärter in Bremen. Der Traum platzte jedoch nach wenigen Monaten. Sodann versuchte es Postel mit einem Studium der katholischen Theologie in Münster. Später schüttelte er dem Papst Johannes Paul II. eifrig die Hand bei einer Audienz, die Jesuiten in Frankfurt am Main zwischen dem Kirchenoberhaupt und dem angeblichen Theologiestudenten Postel vermittelt hatten.

    Die Verurteilung wegen Urkundenfälschung und unbefugter Titelführung schreckten den damals 19 Jahre alten Mann nach eigenen Angaben nicht ab. Immer wieder biegt er sich in den folgenden Jahren seinen Lebenslauf zurecht, macht den Vater zum Theologieprofessor, die Mutter zum Mannequin und sich selbst zum Assistenzarzt.

    Nach dem Selbstmord seiner Mutter im Jahr 1979 sei er auf die schiefe Bahn geraten, hatte er in einem früheren Prozess ausgesagt. Gert Postel beginnt Vorlesungen zu Psychologie und Soziologie an der Uni Bremen zu besuchen. Er liest Fachbücher und saugt den Fachjargon regelrecht in sich hinein: „Wer die Dialektik beherrscht und die psychiatrische Sprache, der kann grenzenlos jeden Schwachsinn formulieren und ihn in das Gewand des Akademischen stecken“, schreibt er später in seinem Buch „Die Abenteuer des Dr. Dr. Bartholdy“.

    Den ersten Versuch unternimmt Postel in Neuenkirchen bei Oldenburg, wo er sich mit einer gefälschten Approbationsurkunde vorstellt – und prompt seinen ersten Arztjob erhält. Er betätigte sich als praktizierender Arzt, wohl auch, weil bei der Einstellung von Ärzten gemeinhin kein polizeiliches Führungszeugnis verlangt wird. Ein Vierteljahr später wechselt Dr. Postel auf die Stelle eines leitenden Arztes im Rehabilitationszentrum beim Berufsbildungswerk des Reichsbundes in Bremen. Doch der Betrug flog nach vier Wochen auf, als eine Richterin den ehemaligen Rechtspfleger-Anwärter erkennt.

    So foppte er als falscher Doktor seit Anfang der 80er Jahre die Behörden. Während Postel in Flensburg als Dr. Dr. Clemens Bartholdy bereits den Amtsarzt spielte, wurde die Bremer „Arzttätigkeit“ im November 1982 gegen eine Geldbuße von 600 Mark zu den Akten gelegt.

    Seine Tätigkeit als Amtsarzt war der erste Höhepunkt seiner Karriere, die ihn bundesweit bekannt machte. Doch die einjährige Bewährungsstrafe, zu der ihn 1984 das Flensburger Landgericht verurteilte, hinderte ihn nicht, munter weiter zu schummeln. Nebenher brachte er 1985 ein 160-seitiges Buch mit seinen Lebens- und Lügengeschichten auf den Markt.

    Sein Hang zum Arztkittel ließ ihn danach unter anderem als Stabsarzt bei der Bundeswehr und als Begutachtungsarzt für die Erstellung von Rentengutachten im Berufsförderungswerk Berlin-Brandenburg arbeiten. Und auch bei der Landesversicherungsanstalt Stuttgart war er beschäftigt.

    Mitten in seinem aufregenden Arztleben befiel Postel 1993 eine Depression, deretwegen er sich in der Berliner Charite behandeln ließ. Die offenbar erfolgreiche Psychotherapie führte ihn schon bald in die Psychiatrie. Sechs Jahre nach dem Fall der Mauer gelang ihm sein Meisterstück als falscher Oberarzt von Zschadraß. Postel, der Anfang 1995 noch Katholische Theologie in München studiert, gibt sich als Prof. Gert von Berg von der Psychiatrischen Universitätsklinik Münster aus. Vom Studentenwohnheim aus ruft er beim Chef des Sächsischen Krankenhauses an und erzählt dem Herrn Kollegen von einem „ausnehmend tüchtigen Funktionsoberarzt, Dr. Postel mit Namen, der gerade auf sozialpsychiatrischem Gebiet recht versiert ist“.

    Wenige Monate später, im November 1995, wird Gert Postel, Sohn eines Bremer Kfz-Handwerkers und einer Schneiderin, Oberarzt auf dem „Leipziger Zauberberg“, wie er die Klinik nennt. Trotz des üppigen Salärs von rund 10.000 Mark habe er wenig geleistet, nette Gespräche mit seinen Vorgesetzen geführt und viel intrigiert. Das ist sein Verständnis von „Aufbauhilfe Ost“, lehrt er den Leser. Er verhandelte mit dem Dresdner Sozialministerium um Leitungspositionen und verfasste psychiatrische Gutachten für sächsische Schwurgerichte. Er stellte Ärzte ein und feuerte sie wieder, wenn sie ihm fachlich oder menschlich ungeeignet erschienen. „Das war kein Problem“, sagte er, „ich verlängerte einfach die auf ein Jahr befristeten Verträge nicht, wenn mir einer nicht passte.“ Weil er meist seine Kollegen zu Rate zieht und Gerichtsgutachten immer nach einer Vorlage verfasst, fällt sein fast zweijähriges Wirken nicht auf.

    Als eine Krankenhaus-Mitarbeiterin aus Norddeutschland den Postschaffner im weißen Kittel entlarvt, beginnt das Katz-und-Maus-Spiel, bei dem der Mann mit mittlerer Reife hochrangige Beamte fast ein Jahr lang vorführt. Ähnlich wie Kaufhaus-Erpresser Arno Funke alias „Dagobert“ ist er ihnen ganz nah, aber immer eine Länge voraus. Als die Sonderermittler der Polizei vor seiner Wohnungstür in Berlin stehen, führt er sie erneut in die Irre. „Lieber Peter, ich bin heute nach Bremen gefahren […]. Gruß Gert“, schreibt er auf einen Zettel und legt ihn unter die Fußmatte. Die Beamten lesen die Nachricht, machen sich nicht einmal die Mühe zu klingeln, obwohl Postel hinter der Wohnungstür steht.

    Rückblickend schreibt Postel dazu: „Anstatt nun Gott in einem stillen Gebet für die glückliche Rettung zu danken und einfach meiner Wege zu gehen, rief ich, es muss mich ein Teufel geritten haben, meinen Staatsanwalt in Leipzig von einer nahe gelegenen Telefonzelle aus an und beklagte mich darüber, dass sich seine Hilfsbeamten schon zu so früher Stunde an meiner Haus- und Wohnungstür zu schaffen gemacht hätten.“
    Gert Postel in Psychiatrie „auf Dauer intellektuell unterfordert“

    Wie dem Baulöwen Jürgen W. Schneider, so hat es auch Gert Postel im Laufe seiner kriminellen Karriere immer weniger Mühe gekostet, die hohen Herren zu täuschen. Einmal in den Kreis der Akademiker aufgenommen, fragt keiner mehr nach dem Wie und Warum.

    Zum Berufsbild des Psychiaters meinte Postel in der Diskussion nach der Berliner Lesung nur abfällig: „Auch eine dressierte Ziege kann Psychiatrie ausüben.“ In der Psychiatrie hätte es schon „sehr seltsame“ Personen unter den Ärzten gegeben, erinnert sich der Ex-Oberarzt: „Einer stellte die Diagnose für einen Patienten, ohne mir die Symptome nennen zu können. Da verliert man jeden Respekt, ich habe die Ärzte alle verachtet.“

    An seine Zeit im Knast erinnert sich der selbst ernannte Doktor hingegen gern: „Die war gut, die möchte ich genauso wenig missen wie meine Zeit als Arzt. In Freiheit hätte ich es nie geschafft, fünf Bände Schopenhauer durchzuarbeiten.“ Für die Zukunft wünscht sich Postel, „klüger zu werden, mehr zu begreifen“. Er will zwei weitere Bücher verfassen, eins zur Entstehungsgeschichte von Doktorspielen und einen Gedichtband.

    Bis an sein Lebensende als falscher Arzt im psychiatrischen Krankenhaus im sächsischen Zschadraß zu arbeiten, das wiederum hätte Gert Postel sich nicht vorstellen können. „Diese Tätigkeit hätte mich auf Dauer intellektuell unterfordert“, erklärte der ehemalige Postbote auf einer weiteren Lesung aus seinem Buch in Leipzig am 6. September 2001. „Ich wollte, dass sich das Buch abhebt von der üblichen Verbrecherliteratur eines Dagobert oder Dr. Schneider und habe mich um ironische Distanz bemüht“, rühmt sich der Autor in der anschließenden Fragestunde, wie die „Leipziger Volkszeitung“ am 7. September 2001 berichtete. Freundlichen Bitten um Auskunft komme er gern nach. „Für die Psychiatrie“, so habe er seine Erfolgsmethode beschrieben, „brauchen Sie keine Basis, Sie müssen nur die Sprache beherrschen, und dann können Sie das Gegenteil oder das Gegenteil vom Gegenteil beweisen.“

    Seine Oberarztkarriere in Sachsen sei für ihn keineswegs die einzige Möglichkeit des Aufstiegs gewesen, erläuterte Postel. „Ich habe auch ernsthaft darüber nachgedacht, als Präsident eines Gerichts in den Osten zu gehen, das hätte genauso funktioniert“, habe er sich überzeugt gezeigt. Doch nun, so behauptete der 43-Jährige, wolle er spazieren gehen, Pfeife rauchen, Schopenhauer lesen und straffrei leben. Mit der Hochstapelei solle jetzt Schluss sein. „Man kann sich nicht zum eigenen Plattenspieler machen“, gibt die „Leipziger Volkszeitung“ seine Selbstdarstellung wider und schildert, wie Postel sich eine Rose reichen und strahlend von Besuchern als Enthüller psychiatrischer Missstände feiern lässt. „Ich bewundere Sie mehr, als dass ich Sie verurteile“, zitierte die Zeitung den an der Lesung teilnehmenden Wolfgang Ende vom psychiatrischen Krankenhaus Hochweitzschen (Döbeln) mit der Erklärung, der Fall des Hochstaplers habe viele Psychiater nachdenklich gemacht. „Ich weiß auch, dass Sie Patienten keinen Schaden zugefügt haben“, erklärte der echte Oberarzt Wolfgang Ende. Und Postel konterte bissig: „Ich bin ja auch kein Psychiater.“

    Seine Strafe hat Postel verbüßt, doch sein Image als Hochstapler bleibt ihm – und er scheint es zu genießen. So fällt es dem Wiederholungstäter in seinem jetzt veröffentlichen Buch nicht schwer, sich selbst ein Psychogramm auszustellen, gezeichnet Dr. Gert von Berg, das Pseudonym aus alten Verbrechertagen. Dass er heute ein Restaurant betreibt, in dem die feine Gesellschaft von Leipzig speist, und zudem Hauptaktionär einer psychiatrischen Privatklinik ist, bleibt – vorerst zumindest – ein unerfüllter Traum.

  • In den Zahnärztlichen Mitteilungen – zm-online – befaßte sich 2006 Dr. med. Bernhard Mäulen, Leiter des Instituts für Ärztegesundheit in
    78050 Villingen Schwenningen mit dem dem Thema Hochstapler-Ärzte:

    Es haben sich in Vergangenheit und Gegenwart immer wieder Männer und Frauen gefunden, die mit geringer oder nonexistenter medizinischer Vorbildung, gepaart mit frechem Wagemut, Patienten und Kollegen etwas vorgemacht haben. Einige sind in der Öffentlichkeit sehr bekannt geworden, andere haben stillere „Formen des Abgangs“ vorgezogen. Besonders krasse Ereignisse, wie der Fall eines Engländers, der als falscher Zahnarzt Patienten regelrecht misshandelte und unter anderem ohne Betäubung bohrte, beschäftigen die Medien und Gerichte [9]. Fast immer hatten Hochstapler ein Medienecho, bei dem Staunen, Neid, Bewunderung überwogen und das Rechtsgefühl „hier muss hart durchgegriffen werden“ einen kleineren Anteil hatte, zum Teil unter erheblicher Missachtung des angerichteten Schadens bei Dritten.

    Sehr beachtenswert sind die Auswirkungen von Hochstaplern auf Zahnärzte / Humanmediziner. Sie stellen manches in Frage, was wir als selbstverständlich anzunehmen geneigt sind. Sie demaskieren die mit ihnen befassten Vorgesetzten und teilweise auch Kollegen schmerzlich, noch schlimmer – sie halten den ehrlich approbierten Medizinern einen Spiegel vor, in den hineinzuschauen sich der „aufrechte Medicus“ wehrt. Insbesondere die bei Patienten besonders erfolgreichen Hochstapler-Ärzte werfen ja die Frage auf, ob soziale Geschicklichkeit am Ende gar wichtiger für eine Medizinerkarriere ist, als solides medizinisches Wissen oder das alles entscheidende handwerkliche Geschick des Zahnarztes.

    Formen der Hochstapelei
    So vielfältig wie die beteiligten Personen, so abwechslungsreich sind auch die Formen der Hochstapelei. Manche bedienen sich nur gelegentlich ihres ärztlichen „Alias“, etwa zur Überbrückung finanzieller Unpässlichkeit, wie der später berühmte Karl May. Der Schöpfer von Winnetou gab sich im Sommer 1864 mit 22 Jahren als Augenarzt mit dem ausgefallenen Namen Dr. Heilig aus und ließ sich, obwohl völlig mittellos, vom Schneider standesgemäß einkleiden. Später wurde er für diese und drei weitere Taten zu vier Jahren und einem Monat Arbeitshaus verurteilt [16].

    Manche sind nacheinander an verschiedenen Arbeitsstellen tätig, wie ein 28-jähriger Arbeitsloser aus Österreich, der sich als Zahnarzt ausgab und für diverse Kollegen Urlaubsvertretungen machte [11]. Für viele Hochstapler ist der Arztberuf nur einer von mehreren falschen Berufen und Titeln, mit denen sie sich schmücken: beispielsweise für den falschen „Fürst zu Sayn-Wittgenstein zu Berleburg“, der im Jahre 2005 monatelang die feine Düsseldorfer Gesellschaft narrte. Der verurteilte Urkundenfälscher hatte sich mal als Polizist, mal als Arzt ausgegeben, letztlich aber als falsche „Hoheit“ in Nobelhotels residiert.

    Von Karl May bis Gert Postel
    Ganz anders dagegen der 59-jährige Friseur, der fast 20 Jahre als falscher Arzt in Oberbayern praktizierte. Nachdem er sich mit gefälschten Dokumenten eine Approbation erschlichen hatte, war er Assistenzarzt, Kassenarzt, Badearzt, später dann sogar als Chefarzt einer Kinder-Rehaklinik tätig [17]. Nachdem sein Schwindel aufflog – immerhin nach 20 Jahren quasi ärztlicher Tätigkeit – wurde er vom Landgericht Traunstein zu drei Jahren Haft verurteilt.

    Mehrjähriges Praktizieren falscher Ärzte ist keine Seltenheit, nimmt doch die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, im Laufe der Zeit immer mehr ab, weil alle einen für den akzeptieren, den sie schon so lange als den Herrn Doktor kennen.

    In einer Analyse von 47 Hochstaplern hatten mindestens 22 ihre Praxis für mehr als ein Jahr ausgeübt. [6]. In Florida wurde im März 2006 ein falscher Zahnarzt verhaftet, der über ein Jahr lang tätig war [10]. Ein besonders hartnäckiger Betrüger hatte sich in den USA trotz mehrfacher Verurteilung immer wieder in einem anderen Bundesstaat niedergelassen, und so fast 30 Jahre diverse Arztpositionen inne gehabt.

    Hier zu Lande besonders bekannt wurde Gert Postel, der ebenfalls mehrere falsche Identitäten hatte (unter anderem falscher Seminarist, Jurist und mehr) aber mit gefälschten Papieren jahrelang als Oberarzt in Sachsen praktizierte. Nach seiner Enttarnung stellte sich heraus, dass man ihn sogar nachdrücklich aufgefordert hatte, sich als Chefarzt zu bewerben [15].

    Während es bei Postel vermutlich Geltungsdrang und finanzielle Motive waren, lagen bei anderen Fällen sexuelle Motive vor. Mal hatte sich ein 60-jähriger pensionierter Lehrer als Gynäkologe ausgegeben, führte intime Untersuchungen durch und filmte sein Tun noch mit versteckter Kamera. Mal hatte ein vorbestrafter Sexualstraftäter in 2005 als angeblicher Arzt im Landkreis Anhalt/Herbst sexuell getönte Einstellungsuntersuchungen bei Jugendlichen unternommen.

    Durch den Film „Catch me if you can“ besonders bekannt wurde die Biografie des Hochstaplers Frank Abagnale [1]. Ohne irgend ein medizinisches Vorwissen wurde er Oberarzt einer Abteilung für Kinderheilkunde an einem Krankenhaus in Georgia und behielt diese Position ganze elf Monate lang. Später nahm er andere falsche Identitäten an, etwa als College-Dozent oder als Anwalt.

    Nicht nur Stellen in Krankenhäusern oder in Praxen streben Hochstapler an, auch in staatlichen Posten und im medizinischen Dienst der Armee können sie mit Bluff und Dreistigkeit bestehen. Eine der bekanntesten wahren Begebenheiten hierzu ist die Geschichte von Ferdinand Waldo Demara. Nachdem er mehrere andere falsche Rollen angenommen hatte, konnte er schließlich auf einem Zerstörer der Canadian Navy während des Koreakrieges arbeiten. Als solcher führte er zahlreiche Operationen durch, ohne entdeckt zu werden. Wie bei den meisten Hochstaplern ereignete sich die Enttarnung durch einen Zufall.

    Der falsche „Dr. Joseph Cyr“ wurde in einer kanadischen Zeitung lobend von einem Kriegsberichterstatter erwähnt. Als man daraufhin dem Kapitän des Zerstörer die Botschaft vom „falschen Schiffschirurgen“ kabelte, weigerte sich dieser, ihr zu glauben, zu überzeugt war er von der Identität des angeblichen Dr. Cyr. Auch diese Ereignisse wurden verfilmt.

    In den hier genannten Fällen haben ausschließlich Männer als falsche Zahn-/Ärzte gearbeitet. Bei dem kürzlich in England entdeckten Fall, hatte eine Zahnärztin allerdings den Schwindel ihres Mannes wissentlich gedeckt.

    Weitere Beispiele und Formen der Hochstapelei finden sich in der Tabelle .

    Risikobereitschaft und die Motive der falschen Ärzte
    Liest man die Berichte von Menschen, die sich als Mediziner ausgaben, ohne eine entsprechende Qualifikation zu haben, finden sich interessante Motive. An erster Stelle stehen nicht die finanziellen Motive, obgleich sie auch eine Rolle spielen. Vielmehr geht es zahlreichen Hochstaplern um die Erfüllung eines unter Umständen seit der Jugend gehegten Traumes, wie etwa Karl May. Die Größe und Macht, die dem Arzt eigen waren (und augenscheinlich heute nur noch in geringerem Umfang bestehen) faszinierten manche Menschen schon lange: im Operationssaal stehen, Herr über Leben und Tod zu sein, das Vertrauen der Menschen in sehr einzigartiger Weise zu haben, ja zu genießen. Das kann ein mächtiges Glücksgefühl, etwas einzigartig Befriedigendes haben, was wir von Zeit zu Zeit ja auch als reguläre Ärzte erleben dürfen. Freilich, während der normale Arzt sich dafür lange Jahre abplagen, mühen (und auf dem Weg dorthin so manches an Verzicht, Ausbeutung zum Teil auch Demütigung ertragen) muss [12], wollen Hochstapler diese Mühe nicht auf sich nehmen.

    Frei nach dem Motto – lieber gleich an die Spitze – geben sie vor, jemand zu sein, der sie nicht sind. Die narzisstische Belohnung soll möglichst kurzfristig erreichbar sein! Interessant, dass nicht selbstsichere Zahnärzte und Ärzte mit gültiger Approbation manchmal glauben, dass sie eigentlich Hochstapler seien [14].

    Für manche Hochstapler reicht die Befriedigung, Arzt zu sein nicht aus, sie müssen sich als solche noch hervortun. Mehrere falsche Ärzte hatten Fortbildungen für Kollegen angeboten, Prüfungen abgenommen, waren im Fernsehen als Experten aufgetreten, oder als Spezialisten auf Kongressen.

    Für den Hochstapler, der in einer Baseler Schwerpunkt-Drogenpraxis jahrelang mitgearbeitet hatte, wurde seine Fortbildungstätigkeit zum Verhängnis, weil ihn jemand aus dem Ärztepublikum erkannte. Offensichtlich muss die Spannung immer wieder mal gesteigert werden. Für manche ist zudem das Spiel der Täuschung, das „so tun als ob“ ein erheblicher Reiz. Wird das Spiel zu mühsam oder anstrengend, wird es dann auch schnell wieder verändert.

    Bei einigen Hochstaplern dürfte auch eine Motivation bestehen, das System von innen bloß zu stellen – also die Titelgläubigkeit, die Beschränktheit der Menschenkenntnis bei leitenden Direktoren, die Inkompetenz von Behörden möglichst öffentlich zu blamieren. Keine Frage, dass dies auch eine innere Befriedigung gibt, hiervon nährt sich unter anderem der Enthüllungsjournalismus, nur ist der Hochstapler eben kein Weltverbesserer oder Humanist von Herzen. Insofern haben solche pseudoaufklärerischen Selbstdarstellungen wie die von G. Postel auch etwas im Nachhinein Erfundenes und Aufgesetztes.

    Bei mehreren Männern ging es zentral auch um sexuelle Motive, also um den geplanten Missbrauch von Patientinnen und auch Patienten. Diese fallen in der Regel aber sehr schnell auf und werden von ihren Opfern angezeigt.

    So etwa ein 56-jähriger Franzose, der als falscher Arzt mehrere Männer belästigte und vom Gericht in Nevers/Burgund 2003 zu vier Jahren Haft verurteilt wurde.

    Finanzielle Motive bestehen natürlich auch, und in Einzelfällen haben die Hochstapler-Ärzte über Jahre erhebliche Summen verdient, die sie nach der Enttarnung und Verurteilung dann zurückzahlen müssen. In Österreich hatte ein Arbeitsloser seine schmale Kasse durch Urlaubsvertretungen als falscher Zahnarzt aufgebessert. Bezeichnend für die Dreistigkeit, die Hochstapler aufweisen, ist die Tatsache, dass sie diese Rückzahlung der immerhin unter Falschangaben zustande gekommenen Lohnzahlungen per Rechtsweg noch zu verhindern versuchen anstatt Ruhe zu geben und zu akzeptieren, dass ihre Gaunerei aufgeflogen ist.

    In einem solchen Fall klagte ein angeblicher Gynäkologe, der in München viele Jahre in der Uniklinik der TU München gearbeitet hatte, bis zum Bundesarbeitsgericht. Seine Argumentation, sein Gehalt behalten zu dürfen: es sei auf Grund langjähriger Beschäftigung ein so genanntes faktisches Arbeitsverhältnis entstanden, ungeachtet der arglistigen Täuschung des Arbeitgebers. Das BAG verurteilte ihn trotzdem zur Rückzahlung der Arbeitsvergütung [BAG 5 AZR 592/03].

    Charaktereigenschaften der medizinischen Täter
    Die psychische Grundausstattung eines Hochstaplers ist gekennzeichnet durch: Dreistigkeit gepaart mit Schlagfertigkeit, soziales Geschick, insbesondere beim Lügen, sowie überdurchschnittliche Fähigkeiten in der Manipulation von Menschen. Der im Film „Catch me if you can“ porträtierte Frank Abagnale antwortete auf die Frage, wie er es fünf Jahre geschafft hatte, als Pan Am Pilot, Oberarzt und Anwalt ohne die nötigen Qualifikationen durchzukommen: „Dreistigkeit – pure Dreistigkeit.“ Diese ist so unglaublich, dass normale Menschen eher glauben, die Person vor ihnen sei im Recht und sie selbst hätten sich geirrt, als so tolldreiste Lügen für möglich zu halten. Als ein FBI-Beamter eine „Gemeinschaftspraxis“ von drei Personen nach fünfjährigem Bestehen in Washington schließen wollte – die angeblichen Ärzte waren lediglich Mechaniker – erwirkten diese eine richterliche Verfügung, die ihnen gestattete, bis zum endgültigen Urteil in der Hauptverhandlung weiter zu praktizieren [6]. Auf so etwas muss man erst mal kommen!

    Lügen und Fälschen gehörten dazu, denn ohne eine „getürkte Approbation“ bekäme ja niemand eine Stelle. Die Methoden dabei sind teilweise so geschickt, dass Original und Fälschung schwer auseinanderzuhalten sind. In einem Fall in Österreich brach ein Arbeitsloser in eine Zahnarztpraxis ein, entwendete den Zahnarztausweis und bewarb sich dann damit an der Wiener Zahnklinik und in verschiedenen Praxen als Urlaubsvertretung. In Bayern hatte der Friseur, der als Doktor über 20 Jahre lang dort praktizierte, seine Urkunden gefälscht und damit die bayrische Ministerialbürokratie düpiert.

    Ein mehrfach vorbestrafter Betrüger, Robert Barnes, bewarb sich 1995 in Los Angeles als Arzt. Er wurde mit einem hohen Gehalt eingestellt und untersuchte etwa ein Jahr lang viele FBI-Beamten und beurteilte ihre Arbeitsfähigkeit! Die entsprechende Klinik hatte gegenüber ihren Patienten geworben mit: „dem hocherfahrenen, ärztlichen Mitarbeiterstab“ [7].

    Soziales Geschick haben zwar nicht alle Ärzte aber sehr viele Hochstapler. Intuitiv erkennen sie, wie der Patient, wie der Kollege oder Vorgesetzte am Geschicktesten zu manipulieren ist, ob durch Drohung / Einschüchterung, durch Servilismus, Anbiedern oder irgendeine andere Maske.

    Ein ärztlicher Kollege, der mit einem damals noch nicht entdeckten Hochstapler beruflich zu tun hatte, äußerte sich wie folgt: „Der war so überzeugend, im Traum wäre ich nicht auf die Idee gekommen, den für falsch zu halten.“

    G. Postel macht in seinem Buch „Doktorspiele“ detaillierte Aussagen dazu, wie er sich auf Vorstellungsgespräche vorbereitete, wie er Farbskala, Kleidung, Auto, Stimme, Selbstaussagen auf maximale Wirkung hin optimierte. Diese Stimmigkeit bis in die Nuancen hinzubekommen, ist Teil der erfolgreichen Maskierung, die ja ähnlich auch im Theater oder bei Verbindungsmännern der Polizei beziehungsweise im Geheimdienst gebraucht und trainiert wird.

    Folgen für Hochstapler und Betroffene
    Ob nun nach wenigen Tagen oder erst nach zwanzig Jahren, irgendwann reißt das Netz der Täuschung und der vermeintliche Herr Doktor wird als Hochstapler enttarnt. Es ist spannend, wie vielfältig das Leben hier spielt. Da verliert der eine sein Portmonee, in dem ein Ausweis auf den anderen Namen liegt, beim anderen schöpft ein Zahnarzt Verdacht, dass mit seinem jungen Assistenten etwas nicht stimmt. Beim dritten beschwert sich ein Patient und fragt bei der Ärztekammer nach, wie bei dem Mann, der in Rom 20 Jahre lang operiert hatte. Dieser war aber nicht bei der Kammer registriert. Also kam der Stein ins Rollen. Manchmal taucht zufällig ein Bekannter aus einer anderen Lebensphase auf und ist irritiert über den Rollenwechsel. Was passiert dann?

    Manche Hochstapler tauchen ab, bevor die Polizei kommt, wie etwa Gerd Postel. Bei anderen steht plötzlich und unerwartet die Polizei in der Praxis und verhaftet den Doktor, wie bei dem Friseur in Traunstein oder dem falschen Zahnarzt aus Österreich. Nicht selten gelingt es Hochstaplern durch Drohung, gespielte Empörung oder Ähnliches, noch etwas Zeit herauszuschinden, um einen Abgang zu inszenieren, wie etwa bei den drei Automechanikern, die eine einstweilige Verfügung erwirkten. Andere werden verhaftet, bestraft, ziehen um, legen sich einen anderen Namen zu und beginnen die Scheinexistenz von Neuem. Nur in einem Fall wurde berichtet, dass sich ein falscher Arzt selbst richtete, in Form eines erweiterten Suizides mit dem Flugzeug [3]. In einem weiteren aber nicht vollständig belegten Geschehen gab sich ein französischer Mann jahrelang als Arzt der WHO (Weltgesundheitsorganisation) aus und tötete seine gesamte Familie und schließlich sich, als alles herauszukommen drohte [4].

    Die juristischen Folgen der Hochstapelei sind teilweise gering. Es gibt oft Fälle einfacher Verwarnung, Bewährungsstrafen, zum Teil nur kurze Haftstrafen. Im Falle von Surgeon Lieutnant Joseph Cyr, dem falschen Marinearzt an Bord eines Zerstörers, verzichtete die Royal Canadian Navy auf eine Anklage, die ganze Sache war ihr zu peinlich. Bei Wiederholungstätern und größerem Schaden sprechen Richter auch schon mal Urteile über drei Jahre Haft aus. In einem amerikanischen Fall hatte ein Hochstapler mehrere Jahre in einer Kleinstadt gearbeitet. Er wurde verhaftet und vor ein Geschworenen-Gericht am Praxisort gestellt. Viele Geschworenen waren seine ehemaligen Patienten. Sie sprachen ihn trotz eindeutiger Faktenlage frei. Daraufhin verlegte der Staatsanwalt die Berufungsverhandlung in einen anderen Bezirk. Diesmal reisten so viele ehemalige Patienten an, dass der Hochstapler erneut freigesprochen wurde.

    In vielen Ländern wurden in letzter Zeit Sonderermittlungsbüros für Betrug im Medizinsystem ins Leben gerufen. Eine solche Kommission ermittelte bei einem Zahnarzt in Florida das Praktizieren ohne Lizenz und wies ihm Medicaid Betrug nach. Hier ist eine sehr hohe Haftstrafe von bis zu 30 Jahren möglich, ein Urteil aber noch nicht gefällt. In England wurde einer Zahnärztin, die einem Bekannten half, als Hochstapler Zahnmedizin zu praktizieren, die eigene Zulassung entzogen!

    In der Öffentlichkeit liegen die Sympathien oft auf Seiten des Täters, die betroffenen Opfer müssen zu dem Schaden auch noch den Spott ertragen. Die Verantwortlichen sehen sich schweren Vorwürfen ausgesetzt, der Name einer Klinik, eines Chefarztes geht unrühmlich durch die Medien, das ist sicherlich eine doppelte Bestrafung.

    Aber es können sich auch noch weitere Folgen einstellen. Die Baseler Schwerpunktpraxis, in der ein Hochstapler arbeitete, war auserkoren, eine umfangreiche Stufe-3-Pharmastudie zur Therapie mit Heroin in Tablettenform durchzuführen. Der Studienvertrag war praktisch schon unterschriftsreif. Nachdem bekannt wurde, dass gerade in dieser Praxis ein falscher Arzt tätig war, wurde umgeplant, es kam zu gewaltigen Verzögerungen der groß angelegten Pharmastudie. Bei nachfolgenden Bewerbungen um weitere Forschungsmittel, wurde die Praxis nicht mehr berücksichtigt.

    Ärzte, deren Namen von einem Hochstapler fälschlicherweise benutzt werden, verlieren ihren guten Ruf, müssen sich gegen falsche Haftung wehren, wie etwa für teure Anschaffungen, bestellt vom Hochstapler, der ihre Identität gestohlen hatte. Die Versicherungsprämien der Betroffenen steigen, ihre Kredite werden von der Bank gekündigt. Das alles ergibt eine Menge juristische Scherereien.

    Beim falschen Notarzt aus Erftstadt mussten seine ehemaligen Prüflinge alle wieder antreten und die Prüfung wiederholen, subjektiv sicher auch eine Härte.

    Bliebe noch die Frage, inwieweit die Schädigungen auch die Patienten und Patientinnen betreffen. Erstaunlicherweise viel seltener als man denkt. Bei Frank Abagnale, dem falschen Oberarzt der Pädiatrie, wäre fast ein Baby gestorben, weil er mit dem Ausdruck “ blue Baby“ also „hypoxisches Baby“ nichts anzufangen wusste. Aber all die Patienten und Patientinnen, die von Hochstaplern sexuell ausgenutzt beziehungsweise belästigt werden, nehmen Schaden. Nicht bekannt ist, wie die Begutachteten in den Sozialgerichtsverfahren von Gerd Postel gelitten haben. Es gibt Behauptungen, dass keine einzige der falschen Expertisen zurückgewiesen oder angefochten wurde [13]. Wurden diese Prozesse neu aufgerollt? Mussten sie die ganzen Gutachtenprozeduren erneut über sich ergehen lassen?

    Zumindest bei falschen Zahnärzten wurden auch vermehrt direkte Schädigungen von Patienten beklagt: abgebrochene Spritzen, unnötige Schmerzen, unsachgemäße Zahnextraktion, durchbohrte Kronen, unnötiges Ziehen aller Zähne, mangelnde Hygiene und Infektionsschutz und vieles mehr [11].

    Gestörtes Verhältnis zum medizinischen Beruf
    Erschleicht sich ein Hochstapler Dienstleistungen im Hotel, entsteht meist nur finanzieller Schaden. Arbeitet er aber jahrelang unerkannt als Arzt, wird in den Medien gleich die ganze Zunft in Frage gestellt.

    Die beiden am häufigsten geäußerten Gedanken sind dann: „Wenn ein medizinisch unerfahrener Mensch ‚einfach so‘ den Doktor mimt ohne aufzufallen, dann ist die Medizin womöglich kein so hoch qualifizierter Beruf, wie immer behauptet wird.“

    So pointiert formuliert ist die Behauptung zunächst falsch; und zugleich liegt auch ein Kern von Wahrheit darin. Dies soll im Einzelnen genauer betrachtet werden .

    Die meisten Menschen, also Ärzte wie Patienten nehmen bei einem Menschen primär die soziale Rolle und die Kommunikation auf. Sind diese stimmig, so begegnet man dem Gegenüber nicht mit Misstrauen. Falsche Medizinmänner sind nun Menschen mit besonderer Begabung darin, diese soziale Rolle oder Maske zu manipulieren. Täuschend echt können sie erscheinen und machen uns dabei doch etwas vor. Insofern ist die erste Erklärung für den Erfolg der Hochstapler ihr Geschick im Ausnutzen der unbewussten Vertrauenshaltung vieler Menschen.

    Die zweite Ebene ist die der innerärztlichen Kommunikation. Werden bei einem Kollegen mangelnde Fertigkeiten oder Sachkenntnis bemerkt, wird eher „Na der weiß auch nicht alles“ gedacht, als „der kann auch gar nichts“, das heißt, man nimmt zuerst an, hier handele es sich um eine punktuelle Schwäche, wie sie keineswegs ungewöhnlich ist. Wird jeder Kollegen in Frage gestellt, bei dem Lücken erkannt werden, könnte die Medizin – wie jeder andere qualifizierte Beruf – schwerlich bestehen.

    Jeder, der in seinem Leben einmal Prüfungen abgenommen und Assistenten ausgebildet hat, weiß: Es gibt im Beruf nicht nur Einserkandidaten, nein die Mehrzahl ist leistungsmäßig im Durchschnitt, und eine nicht geringe Zahl von Bewerbern hinterlässt gewisse Bedenken bezüglich der Eignung.

    Dieses ist bei Medizinern so, aber auch bei Juristen, Ingenieuren, Bankern, Lehrern, Handwerkern, kurzum überall. Wollten wir es jedes Mal als Grund für eine Sicherheitsüberprüfung nehmen, bliebe alles stehen und liegen. Die zweite Erklärung für den Erfolg der Hochstapler ist also die Gewöhnung Vorgesetzter und Kollegen daran, dass berufstätige Menschen Schwächen auch größeren Ausmaßes haben. Die Devise des Autors als leitender Arzt einer Klinik war: Man bekommt nicht immer die Mitarbeiter, von denen man träumt, sondern muss die nehmen, die verfügbar sind.

    Drittens arbeiten Hochstapler meist in einem Team – das heißt, sie profitieren von den Kenntnissen der Fachleute um sie herum, oder benutzen Vorlagen, die von wirklichen Ärzten angefertigt wurden, wie Postel. Die dritte Erklärung für den Erfolg von Hochstaplern ist die Kompetenz des Teams, das viele Fehler erkennt und schnell auf der kollegialen Ebene beseitigt, die der Hochstapler sonst beginge.

    Enttarnung nicht leicht gemacht
    Einen Hochstapler zu enttarnen, ist schwierig. Jeder kann getäuscht werden, unabhängig von Rang, Ausbildung und akademischer Qualifikation, in allen Bereichen. In 2003 gab es in den Kreiskliniken Sigmaringen einen falschen Klinikdirektor, er hatte sich zu Unrecht als Diplomingenieur ausgegeben. In Italien vermochte ein selbsternannter Priester 17 Jahre lang Dienst in der Gemeinde Alliste in Apulien tun. Bis zum Jahr 2000 hatte er Messen gehalten, Ehen geschlossen, Beerdigungen durchgeführt und mehr. Er fiel letztlich auf, weil sein Lebenswandel doch etwas locker war. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte sich am Amtsgericht Berlin Mitte ein falscher Richter eingeschmuggelt. Er sprach in seiner langen Hochstaplerkarriere über 3 000 Urteile [8]. Zahllose weitere Belege ließen sich anführen. Man blättere nur einmal im Personenlexikon der Hochstapler von Sponsel.

    Schutz für Zahnärzte und ihre Patienten
    Wer als Zahnarzt einen Praxisvertreter einstellt, kann sich mit wenig Aufwand gegen Betrug schützen – wenn er daran denkt. Es sollte immer, bevor eine Vertretung eingestellt wird, der Ausweis (Arztausweis und Personalausweis) mit Lichtbild überprüft werden, denn oft wird ja die Identität eines anderen vorgetäuscht; Der Praxisinhaber sollte sich Zeugnisse vorlegen lassen und bei Zweifeln vorherige Arbeitsstellen beziehungsweise die Zahnärztekammer, die zuständig ist, kontaktieren. Die meisten Hochstapler können auf diese Weise schon bevor sie tätig werden, enttarnt werden.

  • Über den vorerst letzten Fall von Hochstapelei – als falscher Arzt – berichtete die Süddeutsche Zeitung am 4.8.2009:

    Von Olaf Przybilla

    Ein 29-Jähriger operierte mit falschem Doktortitel 196-mal am Erlanger Uniklinikum – jetzt muss er ins Gefängnis.

    Es bedurfte erst eines leicht ironisch gefärbten Briefes eines Anonymus an die Polizei, um den Hochstapler Christian E. zu enttarnen. Der Schreiber zeigte sich amüsiert darüber, dass der hoffnungsvolle Assistenzarzt am Uniklinikum Erlangen sich gewiss als exemplarischer Fall für ein Porträt in einem Fachmagazin eignen dürfte.

    Erst 29 Jahre alt war E., mit zwei Doktortiteln schmückte er sich bereits, und 196-mal hatte er in der Erlanger Universitätschirurgie zum Operationsmesser gegriffen, nicht selten als federführender Mann am Tisch.

    Nun ist E. vom Landgericht Nürnberg zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden, wegen Urkundenfälschung, Betrugs und Titelmissbrauchs. Christian E. hat nicht einmal ein Abitur vorzuweisen.

    Der anonyme Brief löste Ermittlungen aus. Diese brachten ans Tageslicht, dass Christian E. nicht nur sein Abiturzeugnis gefälscht hatte. Er fingierte auch sämtliche medizinischen Prüfungsnachweise. Das Abschlusszertifikat und die Promotionsurkunde zum Doktor der Medizin an der University of Oxford bastelte er selbst.

    Zudem täuschte er die Ausstellung einer Approbationsurkunde durch die Regierung von Mittelfranken vor, machte sich zum Betriebswirt der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt – und zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften.

    Abschlussnote 1,3

    E. räumt das bei der Berufungsverhandlung alles ein. Wann genau er begonnen hat, alle, die ihn kannten, systematisch hinters Licht zu führen, vermag er nicht mehr zu sagen. Er glaubt aber, eine Erklärung dafür abliefern zu können, warum er das alles tun musste. Seine Eltern hätten ihm dringend geraten, eine Karriere als Banker anzustreben – genauso wie seine beiden älteren Geschwister.

    Zwar habe er nach dem Zivildienst bei den Maltesern das dringende Bedürfnis verspürt, nicht in einer Branche tätig zu sein, „in der es allein um die materiellen Dinge geht“, beteuert E. vor Gericht. Aber er fügte sich, stieg bald zum Privatkundenbetreuer bei der Commerzbank auf und studierte nebenher noch Medizin.

    Das Abiturzeugnis mit der Note 1,3 fälschte er. Die Hochschulreife habe er „irgendwie nachgeholt“, berichtete er zu Hause. Seinen Eltern habe er „immer etwas beweisen“ wollen, sagt E. Schließlich hätten die ihm ein Abitur niemals zugetraut. In seinem Abschlusszeugnis an der Realschule hatte E. in Religionslehre eine Eins. In den Hauptfächern aber reichte es nur für ein Ausreichend.

    Bei den Maltesern, wo er ebenfalls 18-mal als Arzt eingesetzt wurde, habe E. „einen überzeugenden Eindruck hinterlassen“, erzählt ein Mitarbeiter im Zeugenstand. An der Erlanger Universität, wo E. auch Stationsdienst verrichtete und Arztbriefe schrieb, ist der Mann mit dem vermeintlichen Abschluss aus Oxford als „manuell geschickt“ aufgefallen.

    Wie durch ein Wunder

    Man ließ ihn an Forschungsarbeiten über Muskeltransplantationen mitwirken. Sein Verteidiger berichtet, dass von den betroffenen Patienten der Klinik bisher „keine Regressansprüche“ vorliegen. Weil bei den Eingriffen des Doktor E. wie durch ein Wunder niemand zu Schaden kam, verzichtete die Staatsanwaltschaft auf eine Anklage wegen Körperverletzung.

    Das Amtsgericht Erlangen hatte E. im November 2008 zu drei Jahren Haft verurteilt. Das empfand E. als eine zu hohe Strafe. „Ich will in meinem Leben etwas grundsätzlich ändern“, erklärte er der Richterin gestern zur Begründung – und bat um „eine Bewährungsstrafe“. Ohne Erfolg. Er habe „nur seine Geltungssucht befriedigen“ wollen, hielt ihm die Richterin vor.

    E.s Geschichte legt dieses Urteil nahe. Obwohl er im Februar 2008 vom Erlanger Klinikum entlassen worden war, bewarb er sich anschließend noch um mehrere Dozentenstellen. Warum ein so renommierter Mediziner einer Schule für physiotherapeutische Ausbildung die Ehre erweisen wolle, wurde E. bei einem Bewerbungsgespräch in Erlangen gefragt. E. erklärte, er befinde sich im Vaterschaftsurlaub, zeigte ein Foto eines Neugeborenen und begann mit dem Unterricht. In seiner Wohnung wurde später ein satirischer Text gefunden mit dem Titel: „Wahnsinn in Weiß.“ Erlanger Ärzte sollen darin nicht gut wegkommen.

    Zu einem Porträt in einem Fachmagazin ist es nach dem anonymen Schreiben nicht mehr gekommen. In einem Stadtmagazin einer fränkischen Kommune ist dennoch ein rühmender Artikel über E. erschienen. Geschildert ist darin, wie der aufstrebende Gefäßchirurg E. sich nun angeblich anschicke, ein privates Klinikum an der thüringischen Grenze verwirklichen zu wollen. Die Klinik sollte auf den Namen „Mantuna“ getauft werden. E. präsentierte dazu nicht nur einen Kontoauszug, der ihn als Erben eines Vermögens von zwölf Millionen Euro auswies.

    Er lieferte auch noch eine herzzerreißende Geschichte hinzu: Mantuna, das soll ein Mädchen aus Schwarzafrika gewesen sein, dem E. einst das Leben gerettet haben will. Damals noch als Entwicklungshelfer, im Auftrag der Unesco. Auch diese Geschichte und das gesamte Privatklinikprojekt waren frei erfunden.

  • Just als ich diesen Eintrag in den blog stellte kam peinlicherweise eine mail von Nora Sdun, Redakteurin des Magazins „Kultur & Gespenster“:

    Hochstapler: Die Entlarvung der Kontrollgesellschaft

    Die Achte Ausgabe von Kultur & Gespenster, ist die erste von zwei Ausgaben zum Thema »Hochstapler«. Um die Verwirrung stets weiter zu treiben, gibt es außerdem zwei Covermotive schon bei der jetzigen Nummer: Elvis oder Beuys? Heiratsschwindler oder Kasinokapitalisten kommen nur nebenher in den Blick; im Zentrum stehen eher jene Einzelgänger, die am Rand der Medien die Kontrolle über ihre Identität verlieren, ob nun vorsätzlich oder unfreiwillig, Kriminelle, nebenberufliche Doppelgänger oder historische Schläfer, Meister des offiziellen Photo-Shop-Liftings oder Herren über virtuelle Investitionen.

    Neben Klassikern zum Thema wie z.B. das Handbrevier für Hochstapler versammelt die achte Ausgabe der Hamburger Kulturzeitschrift Texte und Bilder von

    u. a. Enno Stahl, Roberto Ohrt, Manuel Zonousi, Wiebke Gronemeyer, Thorsten Passfeld und Juli Susin.

    Befeiert wird die Veröffentlichung mit Musik und vielen Seiten zum Blättern bei der Kultur & Gespenster-Release-Party am 18. Juni 2009, ab 20 Uhr

    Im Café Seeterrassen (St. Petersburger Str. 22, 20355 Hamburg).

    Jetzt weiß ich zwar immer noch nicht, ob mein Text über Hochstapler in dieser Ausgabe von „Kultur & Gespenster“ veröffentlicht wurde, aber immerhin ist schon mal klar: Es gibt das Magazin noch und die Nummer 8 über Hochstapler ist auch raus, sogar als Doppelnummer.

  • da hat ja jemand von Cargolifter überhaupt keine Ahnung!
    Samstag Abend wohl nix besseres zu tun gehabt? Schade.

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