Polnischer Neoexistentialismus

Improvisierte polnische Poller-Provokation (IMPOPOPRO) von einem Künstler aus Krakau, der allerdings nur noch in Umrissen hier zu erkennen ist. Photo: Peter Grosse

Sich verlieren/gewinnen

Mehr als zwei Millionen Polen suchen im westlichen Ausland Arbeit. Nicht wenige bleiben dort für immer. Viele Mitglieder seiner Gemeinde, die der Arbeit wegen nach Amerika auswanderten, kämen „in Metallsärgen zurück“, berichtete  der Priester in Augustow einer Journalistin. Die „Saisonarbeiter“-Berichte und -Romane sind schon fast zu einem eigenen Genre in der polnischen Literatur geworden. Ganze Dörfer pendeln ins nahe Ausland. Die beliebte polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk ist nur noch auf Reisen.

Das Unterwegs-Sein ermöglicht ihr die „größtmögliche Annäherung an das, was unsere moderne Welt zu sein scheint: Bewegung und Instabilität.“ Gleich zu Beginn ihres neuen Romans „Unrast“ heißt es: „Meine erste Reise unternahm ich zu Fuß, quer über die Felder. Meine Abwesenheit wurde lange nicht bemerkt, und so kam ich ziemlich weit.“ Inzwischen zählt sich die Autorin zu den neuen Nomaden – und geht davon aus, „es gibt viele, die so sind wie ich. Entschwundene, Abwesende. Sie tauchen plötzlich im Ankunfts-Terminal eines Flughafens auf und fangen an zu existieren.“ Die Städte sind für sie bald nur noch „Anhängsel der Flughäfen“. Und irgendwann kommt die „Ich-weiß-nicht-wo-ich-bin-Phase“, schließlich die Erkenntnis: „Wohin wir auch reisen, wir reisen immer darauf zu. ‚Es ist nicht wichtig, wo ich bin‘. Ich bin.“

Trotz aller Globalisierung hat sich die Industrie noch nicht richtig auf diese neue Lebensweise eingestellt, Olga Tokarczuk bemerkt beim Einkauf von Reisekosmetika, die aus besonders kleinen Packungen  bestehen: „Offensichtlich hält die Kosmetikindustrie das Reisephänomen für eine verkleinerte Kopie des sesshaften Lebens, für seine spielerische, leicht infantile Miniatur.“ In einer Flughafen-Apotheke kauft  sie eine Schachtel mit einzeln verpackten Binden. „Auf jeder Verpackung stand eine lustige kurze Begriffsdefinition: ‚Arachibutyphobie ist die Angst, dass  Erdnussbutter am Gaumen kleben bleibt‘. ‚Der stärkste Muskel im Körper des Menschen ist die Zunge‘.“ Einmal passierte es ihr, dass ein Flug überbucht war: Zwei Passagiere sollten sich bereit erklären, eine Nacht auf Kosten der Fluglinie im Hotel zu übernachten, außerdem bekämen sie noch 200 Euro Entschädigung. Die Schriftstellerin willigte zusammen mit einer Schwedin ein – dazu bemerkt sie: „Hier tut sich jetzt eine ganz neue Dimension von Arbeit auf, vielleicht ist das die Einkunftsquelle der Zukunft, die Rettung vor Arbeitslosigkeit und Überproduktion von Abfall. Vom Flug zurücktreten, mit der Übernachtung im Hotel ein Tageseinkommen verdienen, morgens vom großen Frühstücksbuffet essen und die reiche Auswahl an Joghurt genießen.“ Nachts an der Hotelbar erzählte Olga Tokarczuk der Schwedin von ihrem unsteten „Wanderleben“, die Schwedin behauptete, „die Welt wirke nur auf den ersten Blick so vielfältig.“ Zudem würden sich gerade die am weitesten voneinander entfernten Orte oft frappierend ähneln.

Früher hat die Schriftstellerin die Orte beschrieben, durch die sie kam, aber nun weiß sie die „schreckliche Wahrheit: Beschreiben heißt vernichten. Deshalb passe man besser auf. Am besten nennt man keine Namen.“ Ähnlich denkt sie inzwischen – als „Bürgerin eines Netz-Staates“ – auch über die „Wikipedia“-Enzyklopädie, das für sie „anständigste der menschlichen Erkenntnis gewidmete Projekt, das es gibt,“ aber es müsste „des Gleichgewichts halber auch noch eine andere Wissenssammlung geben, von dem, was wir nicht wissen – keiner Suchmaschine zugänglich.“ Wo Information gesammelt wird, braucht es auch „Antiinformation“. Sie macht die seltsame Entdeckung: Für Flugängstliche gibt es in Mitteleuropa spezielle Schlafwagen-Züge, die von den Hauptbahnhöfen auf Nebengleisen abfahren und die sehr langsam sind. Man steigt diskret dort ein. Unterwegs machen sich die Reisenden jedoch nachts an der Bordbar ausgiebig miteinander bekannt.

Olga Tokarczuk unterscheidet verschiedene Typen von Reisenden: „Ich kenne Menschen, die Reisen in das Marokko aus Bertoluccis Film, in James Joyce Dublin, in das Tibet aus einem Film über den Dalai Lama.“ Sie ist darüber zu einer Reisepsychologin geworden, betreibt eine „topographische Reise-Psychoanalyse“ – ein Forschungszweig, der sich aus der Flugpsychologie entwickelt hat: „Die Reisepsychologie befasst sich mit dem reisenden Menschen, dem Menschen in Bewegung, und platziert sich damit außerhalb der herkömmlichen Psychologie, die das Wesen des Menschen immer im statischen Kontext, in stabiler Lage und Unbewegtheit untersucht hat.“ Das Leben des Menschen setzt sich jedoch „aus Situationen zusammen“. Man kann nicht zwei Mal in die selbe Situation steigen. Eine andere Reisetheorie besagt: „In Wirklichkeit gibt es keine Bewegung. Wir bewegen uns nirgendwohin, wandern allenfalls zum Innern eines Momentes.“ Viele Menschen reisen planlos herum, um dadurch die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, einmal zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Manchmal reicht es ihnen aber auch schon, in einem bestimmten Moment auf ein bestimmtes Buch zu stoßen: „Das ist ein den Reisepsychologen unter dem Namen Synchronizität bekanntes Phänomen, ein Beweis für den Sinn der Welt.“ Zu anderen Zeiten stellt sich bei den Reisenden wie aus dem Nichts ein Glücksgefühl ein, „das ganze Stunden, ja Tage anhalten“ kann. Einmal bekam die Autorin in einem „billigen Hotel der Stadt X das Zimmer mit der Nummer neun“ – und dazu einen Schlüssel mit einem Nummernanhänger. „Bitte passen Sie gut auf den Schlüssel auf. Der Neuner geht am häufigsten verloren,“ schärfte ihr der Portier ein. Und tatsächlich entdeckte sie, nachdem sie wegen einer plötzlichen Fahrplanänderung die Stadt X in ziemlicher Hast verlassen hatte, zu ihrem „Entsetzen den Schlüssel in ihrer Tasche“.

Dieses Erlebnis erweitert die vom Wissenssoziologen Bruno Latour zur Erklärung seiner „Akteur-Netzwerk-Theorie“ aufgezeigte  Funktionsweise der schweren metallenen Nummernanhänger an den Hotelzimmerschlüsseln – um wenigstens einen weiteren „Aktanten“, der zudem die von Latour angestrebte Indifferenz von Fakt und Fetisch begründen hilft.

Olga Tokarczuk rät den Hotelbesitzern: Statt der Bibel einige Bücher des rumänischen Philosophen der Sinnlosigkeit Cioran in den Zimmern auszulegen. Sie gesteht: „Es freute mich eigentlich nie, wenn ich an einem fremden Ort auf Landsleute stieß. Ich tat so, als verstünde ich die Laute meiner eigenen Sprache nicht, blieb lieber anonym.“ Alle Leute, die unterwegs sind, sprechen Englisch. „Man kann es sich schwer vorstellen“, aber es gibt auch welche, deren „eigentliche  Sprache Englisch ist. Oft sogar die einzige. Sie haben nichts, worauf sie zurückgreifen oder sich in Momenten des Zweifels stützen können. Wie verloren müssen sie sich in der Welt vorkommen,“ da alles in ihrer privaten Sprache ist. „Es soll Pläne geben, sie unter Schutz zu stellen, ihnen sogar eine von diesen kleinen ausgestorbenen Sprachen zuzuweisen, die niemand mehr braucht, damit sie auch eine eigene haben, die nur ihnen gehört.“ Ein Eseltreiber und -züchter verrät ihr: „Am schlimmsten sind die Amerikaner, weil sie so übergewichtig sind. Sie wiegen zwei mal so viel wie andere Leute.“ Die klugen Esel sehen das sofort – und „stemmen sich einfach gegen die Arbeit.“

Während Olga Tokarczuk zwischen den Zentren hin und her reist, haben sich einige andere polnische  Schriftsteller an der Peripherie gleichsam stillgestellt. Zwei saßen zu sozialistischen Zeiten im Gefängnis: Andrzej Stasiuk und Mariusz Wilk. Ersterer  zog 1986 nach Czarne, ein Bergdorf in den Beskiden, und durchstreift seitdem die Landstriche zwischen den Karpaten und Tirana, zwischen dem Schwarzen Meer und Ungarn, die er dann auch beschreibt: „souverän und soghaft konkret“, wie es in einer Rezension heißt. Mariusz Wilk ist  ein ehemaliger  Solidarnosc-Aktivist, der seit 1989 als Journalist arbeitet – und zwar als Russland-Korrespondent der „Rzeczpospolita“: Erst lebte er etliche Jahre auf der Klosterinsel Solowetzkij im Weißen Meer, dem ersten Arbeitslager der Bolschewiki, und derzeit in dem „verlassenen Dorf Konda Bereschnaja“ am Onega-See. „Statt des Geruchs von Algen nun der Duft wilder Minze“.

Am Rande sei erwähnt, dass es auch seinen Kollegen von der Neuen Zürcher Zeitung, Thomas Brunnsteiner, reportagehalber so oft  in den Hohen Norden zog bis er sich dort mit seiner Familie – in Vaattojärvi, einer kleinen finnischen Stadt im Kreis Kolari, nahe der schwedischen Grenze – ganz niederließ. 2007 veröffentlichte der Klagenfurter Wieser-Verlag seine gesammelten Texte unter dem Titel „Bis ins Eismeer“.

Mariusz Wilk hat es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, dem Russland nicht besonders freundlich gesinnten polnischen Publikum zu einer anderen Sichtweise auf das Land zu verhelfen. Darüber ist er inzwischen fast ein polnisch schreibender russischer Schriftsteller geworden. Die dortige Lokalzeitung nannte ihn allerdings einen „russisch schreibenden polnischen Schriftsteller“ und auch seine polnischen Leser beklagen sich gelegentlich über die allzu vielen ihnen unbekannten russischen Worte, die er in seine Texte schmuggelt.

Nachdem Wilk dem Priester der im Nachbarort gelegenen Kirche von Kischi, Batjuschka Nikolai, das Buch „Schwarzes Eis“ – über seinen ersten russischen Wohnort: auf einer der Solowezkij-Inseln – geschenkt und dieser es gelesen hatte, sagte er anerkennend zu ihm: „Welcher russische Schriftsteller von heute schreibt mit solcher Liebe über Russland?“

Wilks  neues Buch heißt nun: „Das Haus am Onegasee“. Als Motto wählte er einen Haiku des japanophilen Schweizer Reisejournalisten Nicolas Bouviert: „Wie Wasser fließt die Welt durch dich hindurch,/ und für einige Zeit leiht sie dir ihre Farben…“ Als Wilk mit seiner Frau in dem alten Haus am Onegasee einzog, mußten sie als erstes einen neuen Ofen bauen – auf dem sie seitdem auch den halben Winter verbringen, weil das für die  langen dunklen kalten Tage der beste Platz im Haus ist. Ringsum „ausgestorbene Dörfer“. Sie „drohen mit den Stumpen ihrer Häuser, als würden sie zum Himmel rufen, von der Sowchose ‚Fortschritt‘ ist nur ein Haufen zerschlagener Hohlziegel geblieben…In dieser Landschaft gibt es keine Spuren früherer Kulturen…Die Nomaden hinterließen keine Spuren, weil das Holz, der wichtigste Baustoff am Onega-See, verfaulte.“

In einem Interview fragte ihn einmal der Chefredakteur der Zeitung „Petrosawodsk“ aus dem gleichnamigen Kreisstädtchen, warum er sich das antue. Er antwortete: „Weil ich der Ansicht bin, dass die Zerstörung des Dorfes das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts in Russland war. Nicht die Kriege, nicht die Revolution, nicht einmal der ‚Aufbau des Sozialismus‘, sondern die Zerstörung des Dorfes war das Ereignis, das das Antlitz Russlands radikal verändert hat. Und um das neue russische Antlitz genau betrachten zu können, so dachte ich mir, genügt es nicht, die Gesichter der neuen Russen zu sehen, die in den Pubs entlang der Twerska leuchten, in den Gängen des Weißen Hauses oder am Bildschirm des Fernsehens, sondern man muß auch denen ins Gesicht schauen, die am Ort der Zerstörung ausgeharrt haben, ihnen in ihre betrunkenen verrückten Augen schauen.“  Bei Andrzej Stasiuk gibt es streckenweise schon keine Menschen mehr: Da beschreibt er nur noch die fast entleerten  Räume. Während Mariusz Wilk über seinen Lehmofen – inzwischen  aus eigener Erfahrung – schreibt: „Der russische Ofen ist wie die leibliche Mutter: Er wärmt, und er nährt, und er heilt.“

Sein Buch besteht zum großen Teil aus Tagebucheintragungen. Dem vom 29.12. stellte er ein Zitat des polnischen Literaturnobelpreisträgers Henry Sienkiewicz voran: „…er hörte gleichsam auf, als Person zu existieren und zerfloss immer mehr mit dem, was ihn umgab.“

Man bezweifelt an dieser Stelle nicht mehr, dass Wilk dem nacheifert bzw. das auch für sich reklamieren möchte – im halbverlassenen Norden Russlands (vorher war er Korrespondent in Berlin und Moskau gewesen). Am 25.1. notierte er: „Ich erinnere mich, dass noch zur Zeit der Untergrundzeitschrift ‚Konspira‘ Eugeniusz Szumejko scherzte, wir würden uns alle später einmal zwischen Ob und Jenissei wieder begegnen. Es würde mich interessieren, Genja, wo du jetzt steckst.“

Seine sich ausdehnende „nördliche Geschichte“ begann bei Dreharbeiten in längst verlassenen Arbeitslagern zwischen den sibirischen Flüssen Ob und Jenissei. Sie waren der erste Anstoß „für einen Faden aus Stacheldraht“, den er seitdem verfolgt. Ein zweiter „Faden“ war dann und ist immer noch „das schamanische Gespinst“,  und ein dritter „der nomadische Faden“. An diesen entlang hofft er, sich im Raum zu verlieren. Ohne sich jedoch groß von der Stelle zu rühren.

Einmal besuchte er mit Freunden im nicht weit entfernten Ort Ust-Jandoma den Kosaken Wiktor und seine Frau Klawa, eine geborene Ust-Jandomianerin, mit der er über Werwölfe redet. „Klawa sagt, ein Werwolf sei jemand, der sich zwischen Sein und Nichtsein befinde.“ Über Werwölfe schrieb mehrmals auch der russische Schriftsteller Viktor Pelewin, den Wilk lobt, er hat alle seine Bücher gelesen. Daneben liest er aber auch den sowjetischen Schriftsteller Andrej Platonow gerne. Insgesamt schätzt er die Belletristik jedoch gering, weil er „keine Erfindungen mag, lieber Texte, in denen der Autor lebt. Das heißt ‚Prosa, erlebt wie ein Dokument,‘ um es mit den Worten von Warlam Schalamow zu sagen.“

Nachdem er kurz in Warschau war, notierte er am 23.7.: „Ach, was hat mich dieses Europa verdrossen…“ Endloses Geschwätz, „bis man blöd wird im Kopf“. Die Gesichter der polnischen Politiker kommen ihm „ausgefressen“ vor.  Besonders die Medien findet er immer grauenhafter, am Onega-See hat er weder Fernsehen noch Radio. Und „eine gute Axt“ schätzt er dort mehr als seinen „Laptop“. Die Stromleitung mußten er und seine Frau selber legen – auf diese Weise Lenins „Werk“ – die Elektrifizierung der gesamten Sowjetunion – „an diesem Ort vollendend“, auch wenn es die Sowjetunion „inzwischen in Konda Bereschnaja nicht mehr gibt“. Nachdem sie das Dorf mit elektrischem Licht versorgt haben, meint er, sei „es an der Zeit, an die Versorgung mit geistigem Licht für unser Gespensterdorf zu denken.“

Dazu liest er sich in die Geschichte und Kultur Kareliens ein. Daneben widmet er sich seinem Garten, schleppt eimerweise Wasser vom See heran und hackt Holz für den Winter. „Die wunderbare Kraft und herrliche Praxis/ – Wasser zu schöpfen und Holz zu hacken!“ zitiert er dazu Pang Yun. Auch seine Nachbarn – Schenja und Lida Petschugin – arbeiten in dem kurzen nordischen Sommer die ganze Zeit  in ihrem Garten, Wilk schätzt sie als wahre „Meistergärtner“ – und beobachtet sie von seinem Fenster aus. „Ich habe den Eindruck, dass sie, wenn sie so reglos stehenbleiben, nicht den Garten bestellen, sondern dass der Garten sie bestellt.“

Die Leiterin der Rezensionsabteilung der Monatszeitschrift „Sewer“, Galina Skworzowa, sie wohnt im Nachbarort Fojmaguba, hat in ihrem Haus eine „Dorfgalerie“ eingerichtet. „Das Projekt ist Teil eines größeren Unternehmens mit dem Namen ‚Dorf. Ökologie und Leben im 21. Jahrhundert‘.“ Damit soll die traditionelle dörfliche Kultur in der Onega-Region wiederbelebt und ein Öko-Tourismus angekurbelt werden. „Die grüne Galina“ steht damit gegen die „neuen Russen“, die dort den Wald abholzen „und sich die Vorkommen an Vanadium und Uran unter den Nagel reißen möchten.“ Wilk sieht sich in diesem „Kampf“ eher als Beobachter: Er hält die Dorfkultur Kareliens für eine bloße nomadische Zwischenstation, die sich dem Rückzug der von Verfolgung bedrohten Altgläubigen in diese Region verdankte. „Der Norden eignet sich nicht für eine dauerhafte dörfliche Besiedlung. Hier kann man nur als Nomade leben.“ Auch die jetzigen „Arbeitscamps“ der Holzfäller sind für ihn „eine Form des Nomadentums“. Und seine eigene schriftstellerische Existenz in Karelien  ebenfalls – in ein bis zwei Jahren will er noch einmal woanders hinziehen.

Wilk, „Der Narr des Nordens“, wie die NZZ ihn in ihrer Rezension seines neuen Buches nennt, liest neben Michail Prischwin, der über Karelien schrieb, immer wieder Nikolai Klujew, den 1937 ermordeten Dichter der Onega-Region. An einer Stelle zitiert er dessen Zeilen: „Der Hobelspan war für ihn eine geheime Schrift,/ mit dem Beil schuf er sein Gedicht.“ Wie Klujew spricht auch Wilk vom russischen Muschik, und wie der Dichter versucht auch er, diesem Muschik oder das, was noch von ihm übrig ist, nahe zu kommen und gleichzeitig in der Literatur zu bleiben. Ein Doppelleben.

Stasiuk und Wilk empfinden sich mit ihren Werken wahrscheinlich wie Zwerge – auf der Schulter des Riesen Czeslaw Milosz (1911 – 2004), der in einem litauischen Dorf im Urwald zwischen Polen und Litauen aufwuchs – im „Tal der Issa“, wie sein autobiographischer Roman darüber heißt, der 1955 in einem Pariser Exilverlag erschien – und nun erneut auch auf Deutsch veröffentlicht wurde. Stasiuk bezeichnet Milosz als sein Vorbild. Der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Dichter entstammt einer verarmten polnischen Landadelsfamilie. Zu Beginn des  Weltkriegs schickte sie ihn in das litauische Dorf Setainiai zu ihren Verwandten. „Der Mensch hat hier bis vor kurzem alles, was er brauchte, zu Hause angefertigt. Genossenschaftsmolkereien und Einkaufszentralen kamen erst nach dem ersten Weltkrieg auf,“ erklärt Czeslaw Milosz am Anfang des Romans. Durch die Gespräche mit der Großmutter erfährt er die Geschichte seiner Familie: Sie war entfernt mit der berühmten Partisanin Emilia Plater verwandt, die 1831 von jenen riesigen Waldgebieten zwischen Polen und Litauen aus, den Aufstand gegen die russische Fremdherrschaft anführte. Czeslaw Miloszs Großvater kämpfte dann  1836 noch einmal gegen die Russen, er mußte dafür einige Jahre in sibirischen Arbeitslagern büßen. Und während der Sohn im Wald aufwächst, zieht auch sein Vater wieder gegen Russland in den Krieg. Miloszs Familie war im 16. Jahrhundert als Kolonisten ins Tal der Issa gezogen. Mit dem Ersten Weltkrieg wurde die Situation des polnischen Landadels im deutsch besetzten Litauen immer prekärer. Zwar hatte das Land schon 1905 seine Autonomie erklärt, aber nach der Republikgründung 1918 beanspruchte  Polen die Gebiete um die Hauptstadt Vilnius, die von Polen bewohnt waren und die es 1920 besetzte. „Selbst das Schreiben war zwischen Polen und Litauern verboten“. Vorübergehend wurde  dann Kaunas litauische Haupstadt. Trotz oder wegen dieser Auseinandersetzungen erlebte die litauische Kultur in den Zwanzigerjahren eine Blütezeit. Czeslaw Milosz studierte zunächst im polnisch besetzten Vilnius. Als nach dem Hitler-Stalin-Pakt und der Besetzung Polens auch Litauen erneut unter Deutschen Einfluß geriet , schloß er sich den polnischem Partisanen an. Sein Roman endet jedoch bereits 1926 – damit, dass  seine Mutter ihn abholt und mit nach Polen nimmt.

Zuvor hatten seine Verwandte in Setainiai einen Teil ihrer Ländereien verloren – er wurde als Bodenreformland an die Dorfarmen  verteilt, der weitaus größere Teil wurde jedoch unter den Familienmitgliedern aufgeteilt: Jeder durfte maximal 80 Hektar besitzen. „Von Zeit zu Zeit erschienen litauische Beamte, dann versteckten sich Großmutter Misia und die Tante; denn es schickte sich nicht, sie höflich zu empfangen.“ Auch zwischen den polnischen Landadligen und den litauischen Dörflern kam es bald zu Spannungen, der Autor wird von einem der Bauern beschimpft – „und das alles nur, weil er ein Herr war“. Seine Großmutter klagt: „Welch furchtbare Zeiten haben wir erlebt! Auf jeden Bauernlümmel nimm Rücksicht, streichle ihn. Oh, wie mir das die Seele drückt“. Dennoch geht einer seiner Verwandten dann eine nicht-standesgemäßen Ehe ein.

All das wird in „Das Tal der Issa“ jedoch nur gleichsam am Rande erwähnt, vor allem ist es ein Bildungs- und Entwicklungsroman. Die autobiographisch angelegte Hauptfigur bekommt schon in jungen Jahren eine Ausbildung im Schießen und Jagen. Es ist von ihr in der dritten Person die Rede: Bei seinem ersten selbst erlegten Vogel ist er enttäuscht, aber er sagt sich: „Man muß doch ein Mann sein und die Weinerlichkeit in sich ersticken, wenn man den Titel des Naturforschers und Jägers gewinnen will.“ Ein andern Mal, als er einen Birkhahn verfehlt, ist er völlig niedergeschlagen: „Niemals würde er ein ganzer Mann werden, die ganze Vorstellung von sich selbst, die er sich konstruiert hatte, zerfiel. Gewiß, er war Jäger, wenn es sich darum handelte, zu locken, heranzuschleichen, sich in einen Baum oder Stein zu verwandeln, er zeigte sogar für diese Künste besonderes Talent, es schien ihm, er sei ein guter Schütze aus der Deckung, aber bei dem kleinsten Anlaß, der ihn zum Fiebern brachte, verlor er sich.“ Es kam noch hinzu: „Im Grunde war er sicher gewesen, dass eine magische Verbindung zwischen ihm und dem Wild entscheidet, und das Zielen erschien ihm nur als etwas Zusätzliches, als Ergebnis besonderer Gnade.“ Das Thema des Jagens und Naturforschens zieht sich durch den ganzen Roman. Er betete: „Gott gib, dass ich werde wie alle. Gib, das ich gut schießen kann…“ Der Autor erklärt, dass „verschiedene augenfällige Widersprüche“ in seinen Wünschen „für ihn kein Widerspruch waren. Er beklagte den Tod und das Leid, aber nur als Merkmale einer Ordnung, in die er selbst hineingestellt worden war. Da dies nicht von seinem Willen abhing, mußte er um seine Stellung unter den Menschen besorgt sein, und diese errang man durch die Geschicklichkeit im Töten.“ An anderer Stelle heißt es: Aber „eigentlich sehnte er sich nach einem Einverständnis mit verschiedenen Lebewesen.“

Man könnte Czeslaw Milosz‘ Roman mit den Erzählungen  des Psychoanalytikers Paul Parin über „Die Leidenschaft des Jägers“ vergleichen. Auch Paul Parin lernte das Jagen und Angeln als slowenischer Gutsbesitzersohn bereits in jungen Jahren. Als Jude und Linker, die der  Jagd eigentlich ablehnend gegenüberstehen, verteidigt Parin diese Tätigkeiten, die er bis ins hohe Alter ausübte, jedoch eher, als dass er, wie der Katholik Czeslaw Milosz, seinen zwiespältigen Gefühlen dabei nachforscht.

————————————————————————————-

Weil die wenigsten noch was mit dem Wort „Existentialismus“ anfangen können, hier ein kurzer Rückblick auf die Zeit, als er auch im Westen noch modern war:

Vielleicht steht uns ein neuer Existentialismus – in Theorie und Praxis – bevor. Der Moderator Dr.Seltsam hat dem schon mal mit seinem „Club Existentialiste“ vorgearbeitet. In den frühen Sechzigerjahren gehörte ich als Mittelschichts-Gymnasiast zu den „Exis“ – uns feindlich gegenüber standen die Unterschichts-„Rocker“. Wir waren nach Frankreich orientiert, die Rocker nach Hollywood. Der Existentialismus ist ein Nachkriegs-Resultat der Résistance und mit dem Namen Jean-Paul Sartre verknüpft, der noch in der Studentenbewegung und im französischen Maoismus eine wichtige Rolle spielte. „Sein“  Existentialismus war jedoch zuvor bereits durch die Sängerinnen Edith Piaf und Juliette Greco zu einer Mode geworden.

Der Wiener Auschwitz-Häftling Jean Amery faßte den Sartreschen Existentialismus in drei Sätzen zusammen: 1. „Der Mensch ist nur das, was er aus sich macht. 2. Der Mensch ist frei. 3. Der Mensch ist sozial engagiert.“ Er ist also nur das, was er tut. Im Grunde ist er überhaupt nichts, „sondern besteht nur im permanenten Prozeß der Selbst-Realisierung. Das ‚Sein‘ ist nicht dem Menschen eigen, sondern nur den Dingen, der Mensch besteht aus der Summe seiner getanen Handlungen und aus seinen künftigen Möglichkeiten, seinem ‚Projekt‘.“ Amery schrieb dies 1961, inzwischen reden wir alle von (unseren kleinen oder großen) „Projekten“, was uns zum Neoexistentialismus noch fehlt, wäre demnach zu begreifen, dass wir keine Projekte machen oder haben, sondern dass wir sie sind, wobei es darum geht, „über sich selbst hinauszugehen – das ‚dépassement‘ ist der wichtigste dialektische Vorgang der menschlichen Existenz.“ Für Sartre definiert sich vor allem der „Revolutionär“ durch das Überschreiten (dépassement) der Situation, in der er sich befindet. Seine Freiheit ist dabei jedoch nicht vage und unbeschränkt, „sondern stets auf eine gegebene Wirklichkeit bezogen“.

Er ist laut Améry nicht der „subjektive Faktor“ des Marxismus, sondern ein Einsamer, der unwiderrufliche Entscheidungen trifft. Und das betraf im während des Krieges besetzten Frankreich vor allem die Entscheidung – für die Résistance oder für die Kollaboration. Améry schreibt: „Der ‚Chant des Partisans‘ gab den Grundton, das Frankreich der ersten Nachkriegszeit lebte seelisch vom Mythos der Résistance. Durch ihre bloße Existenz wurde jeder Bürger zum potentiellen Helden wie zum potentiellen Sicherheits-Spießer und zum potentiellen Verräter. Sie hat dem Wort ‚engagement‘ einen konkreten Sinn verliehen. Durch die Tatsache der Widerstandsbewegung stand der Mensch vor der Wahl.“ Sartre konnte deswegen auch behaupten: „Nie waren wir freier als während der deutschen Besetzung.“ Améry hörte 1946 einen Vortrag von Sartre in Paris, bei dem einige Leute vor hysterischer Ergriffenheit in Ohnmacht fielen. Es waren erwachsene junge Leute, keine Teenager, „und noch ihre Hysterie hatte eine gewisse geistige Würde“. Der ehemalige Kommunist Dominique Desanti erinnerte sich 1959: „Sartre repräsentierte für uns die vollkommene menschliche Wohlgelungenheit, das großzügige Verständnis ohne Albernheit, ein eigenartig schonungsloses Wohlwollen. Mehr noch als zu denken, hat er uns zu leben gelehrt.“

Dieser hässliche , kleine, schielende Mensch – Sartre, der Theaterstücke und Romane schrieb, hatte weniger eine literarische als eine weltanschauliche Wirkung – und die war gewaltig, er war „für seine Epoche mehr Philosoph als Dichter“. Und die Solidarität war für ihn keine Forderung, denn für Sartre  gab es keine „ewigen“ oder „absoluten“ Werte, sondern, wie Améry es ausdrückt, „ein Schicksal, dem wir uns nicht entziehen können. Wir sollen nicht mit unseren Mitmenschen solidarisch sein, sondern wir sind es, ob wir wollen oder nicht.“ Heißt das, das wir nur die Wahl haben, mit wem wir es sind – mit den Herrschenden oder mit denen, die unter ihnen leiden? Und dass das „Projekt“, das wir sind bzw. sein werden immer etwas Soziales ist, dass wir dabei entweder tendenziell zerstören oder festigen, d.h. ausweiten?

Kommentare (2)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Ich bin auf meiner Reise
    zumeist ganz leise
    Mich tragen nicht Gedanken
    die sich um andere ranken
    Ich suche in der Weite
    stets jene andere Seite
    Neugier und Akzeptanz
    für jeden Tanz
    der mich befreit
    bin ich bereit

  2. Andrzej Stasiuks neuestes Buch „Dojczland“ wurde im Stern scharf kritisiert:

    Wie empörend das Buch ist, offenbart sich vor allem, wenn man es auch auf Polnisch liest. Immer wieder stößt man auf Wörter und Ausdrücke, die auf Deutsch vergleichsweise harmlos, in Stasiuks Muttersprache jedoch beängstigend klingen. Der Übersetzer Olaf Kühl hat ganze Arbeit geleistet, um das Buch zu entschärfen. Auch die Notiz auf der Rückseite des Originals wurde weggelassen. Statt: „Diese Geschichte erzählt das nicht ganz einfache Schicksal eines literarischen Gastarbeiters. Sie ist voll von gezielten Beobachtungen, geistreichen Reflexionen und schlichtem Humor“, bekommen die Deutschen nur Lob für den Humor und Stasiuks „selbstironisches Spiel“ zu lesen. Dabei ist das Buch weder geistreich noch amüsant.

    Stasiuk spricht mit einer Verachtung, die sich ein deutscher Schriftsteller niemals gegenüber einem anderen Volk erlauben dürfte – weil sie ihm mindestens den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit einbrocken würde. Und Andrzej Stasiuk? Ihm wird applaudiert: von Polen, weil sie es lieben, über die Deutschen zu lästern, und von den Deutschen, weil sie sich nicht trauen, sich dagegen zu wehren.

    Der Autor beschreibt sich selbst als einen „literarischen Gastarbeiter“. Aber was für ein Gastarbeiter ist das, der stinkfaul und ständig betrunken ist – und sich nicht um seine Arbeit schert? Ein wandelndes Klischee höchstens.

    Über Czeslaw Milosz, der 2004 starb, schrieb der „Freitag“:

    Er wurde Professor in Berkeley, Nobelpreisträger, doch mehr als dieser Preis mochte ihn berührt haben, dass 1980 Solidarnosz-Gewerkschaftler Worte aus einem seiner Gedichte für das Denkmal an der Danziger Werft auswählten, um ihrer toten Kollegen zu gedenken: „Der du dem einfachen Menschen Unrecht / Getan hast und darüber noch lachst, / (…) Sei nicht so sicher. Der Dichter merkt es./ Du kannst ihn töten – es kommt ein neuer.“

    Der Universalist und Dichter Czeslaw Milosz ist am 14. August in seinem Haus in Krakow im Alter von 93 Jahren gestorben. Als „Dichter des anderen Europa“ hat er sich seinerzeit in seiner Dankesrede zum Nobelpreis bezeichnet. Tatsächlich kann man in ihm eine Symbolfigur des 20. Jahrhunderts sehen, denn im Fluss seines Lebens entfaltet sich ein europäisches Schicksal, das die Zerrissenheit dieses Kontinents, seine politischen und ideologischen Tragödien repräsentiert. Ein Marathonläufer bis ins hohe Alter, ein Mann der Metamorphose, dem es immer darum ging, möglichst viel Welt in sich einzusaugen, um aus dem unpoetischen Material Poesie zu formen.

    Über das letzte Buch von Mariusz Wilk schreibt „literaturkritik.de“:

    Das Rezept für dieses Buch ist im Grunde genommen dasselbe geblieben wie schon in „Schwarzes Eis“. Das „Aneignen“ und Instandstellen des Hauses am See, Naturschilderungen, philosophische, religiöse und soziale Betrachtungen sowie Begegnungen mit Menschen: Dies sind die hauptsächlichen Ingredienzien des Buches. Ergänzt werden sie um eine diachrone Perspektive, die historische Tiefenschichten und Hintergründe, aber auch kulturelle und kulinarische Traditionen aufdeckt. Die Randlage Kareliens und der Onega-Region, wo sich in der Vergangenheit russische und finnougrische Stämme begegnet sind, erweist sich dabei als besonders fruchtbar für Sprachkünstler: Die altrussischen Heldenepen haben hier besser überdauert – vielleicht gerade deshalb, weil sie in diesem Grenzland als nationales Gedächtnis fungieren mussten. Ausführliche Bemerkungen widmet Wilk dem Dichter und Sänger der Onega-Region Nikolaj Kljujew (1884-1937) sowie den Skomorochi. Letztere waren ein eigentümliches Phänomen: Eine Art herumziehende Troubadoure und Possenreißer, die der offiziellen Kirche nicht ganz geheuer waren und entsprechend verfolgt wurden. Wilk findet einen späten Abglanz der Skomorochi noch heute in einer lokalen Rockgruppe.