Berliner Tiere und Pflanzen

Trauerweiden mit Schwäne am Urbanhafen, letztere werden regelmäßig von Petra Stühr und Rosi Gotthold, die beide in der Admiralstraße 9 wohnen, gefüttert.

 

Der Schwan (links) am Segelboot-Liegeplatz Pichelswerder der Polizistengattin Gisela Eichwedel, die dort in der Nähe auch mit ihrem Mann ein Haus hat.

 

 

Die Riesenseerose Victoria im Botanischen Garten in Steglitz

 

 

Die zwei Löwen des Zirkus Sarrasani, die Chantal Behrens, Kottbusser Damm 62, anscheinend faszinieren.

 

Die Baumblüte in Britz, für die sich Emma Groenewold aus Wilmersdorf jedes Jahr aufs Neue begeistern kann. 

 

Der Gemüsegarten am Haus, Waltersdorfer Chaussee 12, in dem Elfie und Jürgen Wieland wohnen, der Garten wird auch von ihnen bestellt.

 

Der Öko-Dachgarten, in dem sich die Bewohner des ehemals besetzten Hauses Oranienstraße 45 am Wohlsten fühlen.

 

Die Blumen auf dem verandaähnlichen Balkon von Heidi Meierbuer und Heike Witthusen in der  Kleiststraße 60b

 

Die Frühlingsblumen in dem Vorgartenbeet von Rita Köhler, Lankwitzer Straße 11.

 

 

Das große Blumenbeet neben dem Haupteingang der Weddinger Mövensee-Grundschule, in der Beate Vögelein einst ihren Verlobten Peter Steinweg kennenlernte.

 

Die kleine verschwiegene Strandecke hinter der Straße am Großen Wannsee, wo sich Heide Schweizer und ihr Sohn Jan im Sommer so oft es geht aufhalten.

 

 

Die Frühlingsblumen im Tiergarten,  die Annelotte Döberitz aus Reinickendorf liebt.

 

Der Rhododendron im Vorgarten von Dr. med Hansen, der hier mit seiner Tochter vor seinem Haus  in der Waldsiedlung Krumme Lanke posiert, 

 

Das Begleitgrün der Garagenauffahrt des Hauses  Taunusstraße 46, in dessen Erdgeschoßwohnung Dirk Wohlfarth bei seinen Eltern lebt.

 

Die Bepflanzung für das Grab ihres Mannes auf dem Südstern-Friedhof nimmt für Friedel Klammroth aus der Urbanstraße 62 immer viel Zeit in Anspruch. 

 

Problemschwäne

Nach deutschem Jagdbrauch darf der Schwan  bis heute nur mit der „Hohen Kugel“ erlegt werden, nicht mit Schrot. Auf diese Weise werden etwa 1000 Schwäne jährlich in Deutschland abgeschossen.
Hinzu kommt für die Schwäne in unseren Städten, dass sie immer mal wieder Opfer aggressiver junger Männer oder Betrunkener werden. Zuletzt begann  Ende 2012 in Berlin eine regelrechte Schwanmord-Serie, die Presse sprach von „grausamen“ und „sadistisch veranlagten Tierquälern“, die Täter hatten es besonders auf die Schwäne im Kreuzberger Urbanhafen abgesehen.

Der Schwanenhaß scheint in Berlin eine gewisse Tradition zu haben. 1875 schrieb der tschechische Schriftsteller Ja Neruda in seinem Reisebericht aus dem Berlin der Gründerzeit: Ebenso wie das „Lausitzer Volkslied“ habe sich auch der „Berliner Witz verflüchtig“. Er sei „kalt und langweilig geworden. Man denkt dabei an die den Wasserspiegel der Spree zierenden traurigen Schwäne, die allesamt gebrochene Flügel haben.“ Mutmaßlich waren die vielen „rauflustigen“ und „betrunkenen“ Hooligans der Stadt, die Neruda ebenfalls erwähnt, daran schuld. In Hamburg sah er dagegen auf der Binnenalster nur gesunde „Rudel weißer Schwäne“. Möglicherweise handelt es sich bei den „gebrochenen Flügeln“ um eine Verschiebung des „Berliner Unwillen“ vom Haßobjekt Hohenzollernherrschaft auf das Wappentier Schwan? Vielleicht haben die Berliner im Gegensatz zu den Hamburgern ihren Schwänen aber auch bloß allzu stümpenhaft die Flügel gestutzt, damit sie nicht wegfliegen.

Das hat man noch 2009 bei zwei Trauerschwan-Pärchen gemacht, die ihr Brutrevier vom Thunersee in den Wohlensee verlegt hatten. Die Berner Zeitung schrieb: „Anfang Februar liessen sich vier der zehn vom Kanton auf dem Thunersee bewilligten Schwarzschwäne am Wohlensee nieder.“ Diese vier ließ der dortige Jagdaufseher nachts einfangen. Ihnen wurden die Flügel gestutzt, dann brachte man sie zum Tuhnersee zurück. Der Jagdaufseher wollte nicht, dass sich diese  im Wohlensee nicht heimische Art verbreitet, seine Wildhüter müßten sonst immer wieder deren Gelege zerstören. Ein Sprecher der Schweizerischen Vogelwarte Sempach erklärte, das Stutzen sei unproblematisch: „Dabei werden einige der Schwungfedern am Kiel abgeschnitten. Das ist vergleichbar mit dem Schneiden der Fingernägel beim Menschen.“ Ob sich gestutzte Flügel negativ auf die Schwanenpsyche auswirken, wußte er allerdings nicht.

In den städtischen Parkanlagen werden die Schwäne auch gerne von  Kindern geärgert oder gescheucht – sogar andere Tiere lassen sich dazu gelegentlich hinreißen. Der Pschoanalytiker Jeffrey M. Masson und die Journalistin Susan McCarthy schreiben in ihrer Sammlung von Tierverhaltensgeschichten „Wie Tiere fühlen“:

„Schwäne sind in ihrer ausgeprägt würdevollen Haltung häufig das Ziel von Neckereien. Man kann kleine Seetaucher dabei beobachten, wie sie im Wasser die Schwäne am Schwanz rupfen und dann schnell untertauchen. An Land ziehen Rabenkrähen Schwäne gerne am Schwanz, wenn diese auf sie zukommen, hüpfen die Krähen schnell weg.“

Die Flamingos im Zoologischen Garten

 

Der Wellensittich bei Else Kück in der Badstraße 80.

 

Die Dogge und zwei Plastikrehe im Schatten einer Fichte bei Familie Watzlawick in der Gutschmidtstraße 142.

 

Die Konifere hinterm Haus, Lichterfelder Ring 26, des Ehepaars Rolf und Sabine Lürssen

 

Die beiden Edeltannen vor dem Haus von Johanna Tiefensee, Rudower Chaussee 212

 

 

Die Büsche vor dem Fenster von Erwin Gerber, Arnulfstraße 6

 

Die Straßenbegrenzungshecke und vor allem der Rasen vor dem Haus, Boelckestraße 17, auf dem die zwei Kinder von Luise und Siegfried Schmidt gerne spielen.

 

Als besonders aggressiv erweisen sich gelegentlich die Schwäne selbst, besonders die männlichen Höcker- und Trauerschwäne: Ein solcher siedelte sich 2010 in der Schwanenkolonie des Sees am Pembroke Castle in England an. Man  nannte ihn Hannibal. Bereits kurz nach seiner Ankunft begann er, „die dort schon lange ansässigen Schwäne auf verschiedene brutale Arten umzubringen. Dazu gehörte das Ertränken, das Brechen von Gliedmaßen und das Herumstampfen auf den Artgenossen. 15 Schwäne tötete er auf diese Weise.“ Die ortsansässigen Tierschützer quartierten Hannibal schließlich aus. Die Ursachen für sein Verhalten vermuteten sie seltsamerweise „im Wasser“.

Umgekehrt ging es einem schon lange im Westberliner Lietzensee ansässigen Schwanenpaar, das von den Anwohnern liebevoll „betreut“ wurde. Als eines ihrer fünf Jungen einen Angelhaken im Bein stecken hatte, brachten sie das Tier in die  schon fast auf Schwäne spezialisierte Tierklinik der Freien Universität in Düppel. Währenddessen landete ein junges Schwanenpärchen in ihrem Lietzensee-Revier. In dem darauffolgenden Kampf tötete „der Neue“ einen der Jungschwäne. Diese Aggressivität ging den Anwohnern zu weit: In einer groß angelegten Aktion wurde die ganze alteingesessene Schwanenfamilie  inklusive ihres aus der Klinik als gesund entlassenen Jungen von der ortsansässigen Initiative „Aktion Tier“ in den Wannsee „umgesetzt“, wo der „Revierdruck“ angeblich geringer ist. Die Lietzensee-Anwohner sollen „noch ein wenig böse auf das neue Schwanenpaar“ sein, meinte die Sprecherin der „Aktion“, aber sie hoffe, „dass sie die beiden Höckerschwäne auch bald in ihr Herz schließen werden. Schließlich folgen diese Vögel auch nur ihren natürlichen Instinkten,“ fügte die Ornithologin beschwichtigend hinzu. Den Biologen fällt die Kulturkritik immer noch bedeutend leichter als eine Naturkritik.

 

Die 12 Lieblingsbäume von Johanna Bärkel im Grunewald.

Das Lieblingseichhörnchen von Roswitha Abich im Tegeler Forst.

 

Die Lieblings-Baumallee von Familie Berthold an der Uferpromenade der Spree in Charlottenburg

 

Die Lieblingsblumen, Tulpen, die man Oma, Hildegard Clues-Ottensen (zweite von links), zu ihrem 35jährigen Firmenjubiläum schenkte – ihr gehören zwei Drogerien in Tempelhof.

 

 

Der leicht verwilderte Park auf dem Telegrafenberg des Geodätisches Instituts Potsdam, wo der Romanist und die Kunsthistorikerin kurz nach der Wende glückliche Stunden verlebten.

 

 

Die Geranien und Rosen auf dem Balkon von Dagmar Schröder in der Britzer Hufeisensiedlung.

 

 

Ökonomie und -logie

“Es gibt keine ökonomische Utopie mehr, nur noch eine ökologische,” behauptet der Wissenssoziologe Bruno Latour. Der Begriff Ökologie wurde 1866 von Ernst Haeckel Haeckel definiert. Der Jenaer Biologe, Darwins Vorkämpfer in Deutschland, den die Freidenker 1904 in Rom zum “Gegenpapst” ausriefen, verstand unter Ökologie laut Wikipedia “die Lehre von den Bedingungen der Lebewesen im Kampf ums Dasein und vom Haushalt der Natur.” Dem gegenüber befaßt sich die Ökonomie mit dem Haushalt der Menschen. Sie betrifft laut Wikipedia “die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen.”

In ihrer “Dialektik der Aufklärung” schrieben Horkheimer und Adorno: “Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus. Mit seiner Unvernunft beweisen sie die Menschenwürde. Mit solcher Beharrlichkeit und Einstimmigkeit ist der Gegensatz von allen Vorvorderen des bürgerlichen Denkens, den alten Juden, Stoikern und Kirchenvätern, dann durchs Mittelalter und die Neuzeit hergebetet worden, dass er wie wenige Ideen zum Grundbestand der westlichen Anthropologie gehört.”

Von Ökologie und Ökonomie zu sprechen, setzt die Unterscheidung von Natur und Gesellschaft (Kultur) voraus. Statt von Ökologie spricht man aber auch von “Umwelt”, ein Begriff den der Biologe Jakob von Uexküll prägte – und womit er “die Umgebung eines Lebewesens” meinte, “die auf dieses einwirkt und seine Lebensumstände beeinflusst.” Nun gehören wir zwar auch zu den “Lebewesen”, und werden dementsprechend von der “Umwelt” beeinflußt. Aber wenn man nicht den idiotischen US-Genetiktheorien anhängt, dann ist dies primär eine ökonomische und kulturell-soziale. Das gilt auch für die Prägung der ganzen “Umweltschützer”. 25.000 von ihnen demonstrierten am 19. Januar in Berlin gegen die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft, u.a. gegen den Bau riesiger Schweinemastanlagen in Ostdeutschland, die jedesmal ein ganzes Dorf und seine “Umgebung” verschandeln. Überhaupt hat sich das Dorf inzwischen gewandelt:

Aus der “Eingebundenheit in das Umland wurde eine zunehmend stärkere Trennung; eine Isolation, die durch scharfe Trennung zu den monotonen Maisfeldern oder anderen großflächigen Monokulturen so verstärkt wurde, dass den Dörfern oft ihr Wesenszug abhanden kam,” schreibt der Ökologe Josef Reichholf. Während umgekehrt “bei den Städtern und der Stadtentwicklung, ganz besonders bei den Berlinern, ein Öffnungsprozeß zur Landschaft hin” stattfand.

Der “Eco-Citizen” holt sich in die Städte also immer mehr Ökologisches (einschließlich Umweltschutz) rein und in die Dörfer Ökonomisches: die Industrialisierung der Viehwirtschaft, die in riesige Zweckbauten stattfindet sowie drumherum die immer gewaltigeren Anlagen zur Energiegewinnung – in Form von Windkraftanlagen oder Biodiesel-Tanks z.B., dazu Schlachthöfe, Autobahnanschlüsse usw.. Es findet geradezu ein Austauschprozeß statt: Dreck, Krach, Gestank, Gift und alles ethisch Fragwürdige wird aus der Stadt raus verlagert, während die letzten Wildtier- und Pflanzen-Populationen reingeholt werden – um ein mehr oder weniger friedliches Zusammenleben mit ihnen zu proben. Auch im privaten Bereich gibt es immer mehr Ökologie: Balkonpflanzen, Baumscheiben- und Terrassenbegrünungen, Aquarien und Terrarien etc.. Daneben werden Tiere zunehmend in Pflege- und Seniorenheimen, psychiatrischen Kliniken, Sterbehospizen und bei der Betreuung von Demenzpatienten eingesetzt – u.a. sogenannte “Therapiehunde”. Was hier ökonomisch bleibt ist die Software-Produktion, die eine immer größere Wertschöpfungstiefe erreicht, eine ausufernde Unterhaltungs- und Kulturindustrie sowie touristische Dienstleistungen.

2012 besuchten rund 10 Millionen Touristen Berlin, die hier sanitär, kulturell und gastronomisch versorgt werden wollten. Auch für ihre Wünsche und Bedürfnisse gibt es eine “Umweltforschung”. Da kommt dann z.B. ein Mauermuseum, ein Erotikmuseum, ein Riesenrad und ein Barbiehaus am Zoo bei raus.

Kurzum: Es sind die ökonomischen und ökologischen Umkehrungs und Durchmischungsverhältnisse selbst, die die feministische US-Biologin Donna Haraway auf die Idee brachten: “Es gibt keine Natur und keine Kultur, aber viel Verkehr zwischen den beiden.”

 

Die Verandapflanzen, die Bruno Hellwegs Frau Hedwig (links), Grunewaldstraße 77, aufopferungsvoll hegt und pflegt. 

 

 

Die Balkongeranien von Frau Schmidtbauer (Mitte) in der Westfälischen Straße 42

 

 

Die Obstbäume von Ewald Blumenthal in der Gartensiedlung “Frohe Stunden”.

 

Das Pferdekarussel auf dem einstigen Rummel am Lützowplatz.

 

Die ganzen Schnittblumen, die  Elfriede und Hermann Janitschek, Weserstraße 32, zur Silbernen Hochzeit bekamen.

 

Finsterste Provinz

Als solche galt z.B. immer “Kyritz an der Knatter”. Heute klagen selbst Kölner Kulturschaffende: “Hier können die tollsten Sachen passieren, seit der Wende berichtet nur noch die Lokalpresse darüber, während man über jeden Berliner Furz lang und breit informiert wird.” In der BRD war die Hauptstadt – Bonn – Provinz, seit der “Berliner Republik” ist das nun ganz Westdeutschland und große Teile Ostdeutschlands. Witzigerweise veröffentlichte der Neuberliner Popliterat Florian Illies mitten in diesem blöden neodemokratischen Zentralismus einen gediegenen Provinzroman: “Ortsgespräch”.

Bereits 1975 erschien ein Kursbuch zum Thema “Provinz”. Damals wurde diese gerade wieder “zu einem praktischen Problem der Linken”, wie es einer der Beiträge geradezu enthusiatisch analysierte: Die meisten jungen Akademiker, die wenige Jahre zuvor noch in Berlin oder Frankfurt für eine neue Gesellschaft gekämpft hatten, waren mittlerweile durch die Seminarausbildung oder das Refrendariat aufs Land verschlagen worden. Die Autoren des Kursbuch warnten davor, diese Zeit nicht “als unabwendbares Durchgangsstadium” anzusehen. Es gelte vielmehr das “typische Zentrale-Provinz-Verhalten innerhalb der Linken zu erkennen und zu beseitigen” und sich dann dem “praktischen Alltagskampf zu widmen”. Viele teilten diese Überzeugung, und so entstanden auf den Dörfern und in den Kleinstädten in den kommenden Jahren Landkommunen und selbstverwaltete Jugendzentren, Biobauernhöfe und Ökoläden. ,Provinz ist ein gutes Wort’, erklärte Ernst Bloch 1975 auf den ersten Seiten des Kursbuchs. Ursprünglich bedeutete das lateinische Wort “provincia” bloß “Aufgabe”, “Verpflichtung” – ohne eine geographische Zuordnung. Später wurde daraus die Provinz als Gegenentwurf zur Hauptstadt. Aber schon im “Wörterbuch des Teufels” von Ambrose Bierce (1912) hieß es – zum Stichwort “Weltstadt”: Sie seien “Hochburgen des Provinzialismus”.

In seinem 2002 veröffentlichten Buch “Wie komme ich hier raus? Aufwachen in der Provinz” schreibt der aus Westerstede bei Oldenburg stammende Kolja Mensing: Auch Helga, die heute in der 6000-Seelengemeinde Stolzenau am Gymnasium Französisch und Deutsch unterrichtet, ist damals von der Stadt aufs Land gezogen. “Ganz bewusst”, sagt sie, während wir uns in der großzügig mit hellem Holz eingerichteten Cafeteria ihrer Schule unterhalten.” Helga gehört zu denjenigen, die vor zwanzig oder dreißig Jahren aus der Not eine Tugend machten und auf dem Land nach “alternativen Lebensentwürfen” suchten und – gleichzeitig – eine gewisse Missionarstätigkeit aufnahmen: Während sie für eine aufgeklärtere und weltoffenere Provinz kämpfte, versuchte sie ihren Schülern ein Bewusstsein für das andere Leben jenseits der kleinen Verhältnisse zu vermitteln. Heute hat sich der Elan etwas gelegt, und Helga stellt fest, dass die meisten ihrer Schüler für dieses andere Leben gar nicht zu begeistern sind: “Als ich eine Klassenfahrt nach Paris organisiert hatte, wollte niemand mit. Warum soll ich mir Paris ansehen, fragten die Schüler – hier ist es doch auch schön…”

Die “Errungenschaften” der Stadt sind längst bis zum letzten Dorf durchgedrungen, wie Kolja Mensing in seinem Dorf bitter bemerkte. Der Biologe Josef Reichholf beobachtete, wie die beiden Lebensformen sich nun auf andere Weise wieder voneinander entfernen: Bei den Städtern und der Stadtentwicklung hat in ökologischer Hinsicht ein “Öffnungsprozeß zur Landschaft hin” stattgefunden, während “bei den Dörfern ist die historische Entwicklung bis in die allerjüngste Zeit fast genau umgekehrt verlaufen”: Aus der “Eingebundenheit in das Umland wurde eine zunehmend stärkere Trennung; eine Isolation, die durch scharfe Trennung zu den monotonen Maisfeldern oder anderen großflächigen Monokulturen so verstärkt wurde, dass den Dörfern oft ihr Wesenszug abhanden kam” – vor allem wenn in ihnen auch noch die Tierzucht industrialisiert und in Zweckbauten separiert wurde sowie drumherum riesige Anlagen zur Energiegewinnung errichtet wurden und werden.


 

Die roten Nelken und gelben Löwenmäulchen, die man Hennie Leuwelk, Mommenstraße 60, zum 65. Geburtstag schenkte.

 


Die weißen Nelken, die Herbert Ahlring, Rothenburgstraße 72, zu seinem 60 Geburtstag bekam.

 

 

Die Lilien, mit der Dr. Engelbrecht seine Frau an ihrem 55. Geburtstag überraschte.

 

Die Teerosen, die Anneliese Konczak (links), Brandenburgische Straße 19, ihrer Freundin Eva Hillmeier (rechts), Konstanzer Straße 82, mitbrachte, als diese sie zu einer gemütlichen Weinverkostung auf ihrem Balkon einlud.

 

Die Geranien im Schrebergarten von Herr und Frau Dannecker in der Steglitzer Laubenkolonie “Abendruh”.

 

Acker- und Ökobürger

Auf dem Weg von Swinemüde u.a. über den kleinen Oderhafen Gartz nach Berlin kamen wir an den riesigen Anlagen eines Biogas -und Spritkonzerns vorbei. Gartz, etwas unterhalb von Stettin gelegen, scheint heute nur noch von den Wanderern auf dem Oder-Neiße-Radweg zu leben. Der 1249 gegründete Ort – nun inmitten des Nationalparks Unteres Odertal gelegen – hat eine noch z.T. erhaltene Stadtmauer, im Torwärterhaus wurde 1990 ein Ackerbürger-Museum eingerichtet.

Das interessierte uns, denn diese Form mittelalterlicher Semi-Urbanität könnte unsere postmoderne Zukunft sein: Ackerbürger, heute würde man sagen: Ökobürger, das waren damals die Gartzer, die nicht vom Handel oder Handwerk leben konnten, denen daneben aber auch der Garten hinterm Haus nicht genug zum Leben abwarf, weswegen sie noch einige Äcker und Weiden samt Scheunen und Ställe außerhalb der Stadtmauern unterhielten.

Ähnlich war es bei den Ostfriesen: um z.B. Bürger von Emden zu werden, mußte man mindestens ein paar Ziegen besitzen, notfalls auf Kredit angeschafft, die dann auf dem eingedeichten Land vor der Stadt gehütet wurden. Dazu mußte man sich an Deichwartungsarbeiten beteiligen.

Heute, so hat der Münchner Biologe Josef Reichholf festgestellt, findet bei den Städtern und der Stadtentwicklung, ganz besonders bei den Berlinern, in ökologischer Hinsicht ein “Öffnungsprozeß zur Landschaft hin” statt. Während “bei den Dörfern die historische Entwicklung bis in die allerjüngste Zeit fast genau umgekehrt” verlief: Aus der “Eingebundenheit in das Umland wurde eine zunehmend stärkere Trennung; eine Isolation, die durch scharfe Trennung zu den monotonen Maisfeldern oder anderen großflächigen Monokulturen so verstärkt wurde, dass den Dörfern oft ihr Wesenszug abhanden kam” – vor allem wenn in ihnen auch noch die Viehwirtschaft industrialisiert und in Zweckbauten separiert wurde sowie drumherum riesige Anlagen zur Energiegewinnung errichtet wurden – und werden.

Das Gartzer Ackerbürger-Museum entpuppte sich als eine liebevolle Zusammenstellung von Wohnungseinrichtungsgegenständen aus dem 18. und 19.Jhd., wie sie heute jeder Ökobürger gerne für seine Datsche oder ausgebaute Remise sammelt. An der Kasse kauften wir zur Vertiefung des Ackerbürgergedankens einige Broschüren über die Geschichte der Stadt sowie ein Glas Holunderblütengelee: selbst hergestellt von den Museumsfrauen. Auch diese Nebeneinnahme, der wunderbar frisch schmeckende Brotaufstrich, war in gewisser Weise noch dem Ackerbürger-Gedanken geschuldet.

Wieder zurück in Berlin entdeckte ich im Buchladen ein soeben erschienenes Pamphlet: “Kartoffeln und Computer” des Schweizer Anarchokommunisten “P.M.” Und darin findet sich bereits ein ganzes Konzept, ein Plan, für ein Leben als Ökobürger – im Kollektiv: “Gemeinsamer Wohlstand wird in Zukunft zweierlei bedeuten: Zugang zu Land und Zugang zu Wissen,” so der Nautilus-Verlag im Klappentext. Dieser “Zugang” zu Land besteht bei vielen Ökobürgern aus Aneignung: Das begann – in Berlin ebenso wie in Detroit, Havanna oder Peking – mit der “Begrünung” von Balkonen und Dachgärten bzw. Hinterhöfen, griff auf den öffentlichen Raum über: auf Baumscheiben und ungenutzte Flächen wie Industriebrachen, und dehnte sich schließlich ackerbürgermäßig auf Pachtgrundstücke vor der Stadt aus. P.M. schreibt: “In den Regionen muss die Verknüpfung von Bauernbetrieben mit städtischen Nachbarschaften organisiert werden.” Dies geschieht besonders häufig in Berlin, wo die Entvölkerung des Umlands es vielen jungen Leuten ermöglichte, sich dort billig anzusiedeln.

Der nächste Schritt war die Iniitiierung halbprivater “Food-Coops” in der Stadt, in denen nun ihre Agrarprodukte an die Nachbarschaften drumherum verkauft werden. Die Idee ist uralt und hängt mit wirtschaftlicher Verelendung zusammen: So baute Siemens in den Zwanzigerjahren bereits in Staaken an der Heerstraße Häuser mit Gemüsegarten und Ziegenställe, damit die darin lebenden Siemensarbeiter bei vorübergehender Auftrags- und damit Arbeitslosigkeit nicht verhungerten. Bei Danzig machte man nach 1990 den Versuch, arbeitslosen LPG-Arbeitern statt Sozialhilfe Ziegen zu übereignen. Im Endeffekt wird sich die hochtechnisierte Arbeitsteilung mit 40-Stundenwoche, Auto, Komfort-Urlaub und Kranken- sowie Rentenversicherung als eine vorübergegangene Entwicklung in den einst industrialisierten Ländern darstellen. Eine Art Goldenes Zeitalter des Proletariats.

 

Die Orchideen von Wilma Seybold in der Wilmersdorfer Straße 12.

 

 

Der Pudel und der bewußt unsgepflegte Rasen auf dem Wochenend-Grundstück in Frohnau des Ehepaars Grobschmidt aus der Müllerstraße 226.

 

 

Die Hecke vor dem Haus von Adolf Niedecken (links) in der Lipschitzallee 16a. Neben ihm seine drei in Westdeutschland lebenden Söhne Rolf, Jens und Detlef.

 

Der Tannenbaum vor dem Haus, Storkwinkel 8, in dem Klaus Beiderbecken wohnt.

 

Schweinerippchen auf dem Grill hinterm Haus von Sophie Clausen und ihrem Mann Hans-Joachim im Dahlemer Weißdornweg 12

 

Der Lindenbaum an der Einfahrt zum Seitenflügel des Britzer Wegs 14, wo die beiden VW-Besitzer Ines und Wolfgang Brüggemeier wohnen.

 

Ansteckende Gärten

“Immer mehr Studien von Medizinern zeigen: Aufenthalt und Arbeit im Garten wirken vorbeugend und heilend bei vielen Krankheiten”. (Ihre Gesundheitskasse AOK)

Bis vor kurzem veranstaltete die Bundeskulturstiftung und das Haus der Kulturen der Welt einen Wettbewerb “Über Lebenskunst”. Zu den 14 von über 100 eingereichten Projekten, die gefördert wuerden, gehört die “Initiative Social Seeds”. Sie besteht aus einer Gartenbauingenieurin (als Moderatorin), einer Kleingärtnerin (als Dokumentaristin) und einer Agrarwissenschaftlerin (mit dem Schwerpunkt Saatgutvermehrung). Es geht den drei Frauen – Alexandra Becker, Britta Pichler und Gunilla Lissek-Wolf – um “Lebensvielfalt” und dabei arbeiten sie mit den in den letzten Jahren entstandenen Gemeinschafts- bzw. Nachbarschaftsgärten zusammen – um  “durch den Anbau alter, seltener und regionaler Kulturpflanzensorten neue Agro-Sozio-Biotope zu schaffen”. Erst einmal wollen sie die etwa ein Dutzend Gemeinschaftsgärten “vernetzen” und “über deren Gartenzäune hinweg” z.B. “Samen-Tauschringe” einrichten. Zum Jahresende stellten sie ihre Pläne inmitten der Pflanzen des “Prinzessinengartens” vor. Diese befanden sich jedoch nicht mehr an ihrem angestammten Ort – am Moritzplatz im Freien, sondern unterm  Kunstlicht des   Hebbeltheaters (Hau 1) in der Stresemannstraße, wo sie im Rahmen der multimedialen “Hau”-Schau  “Zellen” als lebende Pflanzenzellen auf der Bühne agieren, die man dort auch begärtnern darf. Der sich nomadisch nennende  Prinzessinnengarten gehört ebenfalls zu den Gewinnern des Wettbewerbs “Über Lebenskunst” (daneben bewarben sich noch drei Imker-Projekte). Die  Gemüsepflanzen und Blumen des Gartens blieben nur einige Wochen im Theater, dann wanderten sie weiter in die fast leer stehende und zum Verkauf ausgeschriebene Markthalle an der Eisenbahnstraße – zum Überwintern. Das “Social Seeds”-Projekt könnte man gleichfalls als nomadisch bezeichnen, denn es  findet in sechs  “Workshops” – in jedesmal einem anderen Gemeinschaftsgarten – statt. Zuletzt tagte es wieder inmitten der Nutz- und Zierpflanzen des Prinzessinnengartens am Moritzplatz ist. Dort fand dann ein “Pflanz- und Saatgut-Tausch-Markt” statt.

Das Projekt “Social Seeds” ist geeignet, die von unten entstandene “Laiengarten-Bewegung”, zu der auch noch das “Guerilla Gardening” und das Kapern von Straßen-Baumscheiben gehören, zu professionalisieren, indem es sich vor allem um “Saatgutauswahl, Anbauplanung, Samenkunde, Beetanlage und Saatgutvermehrung” besorgt. Und das zusammen mit dem “Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg” und der Fachhochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, die 2009 bereits eine Kooperation mit dem Prinzessinnengarten vereinbart hatte. Vielen Mitarbeitern in Gemeinschaftsgärten (allein im Prinzessinnengarten waren es 2011 über 500) ist jedoch das Soziale daran mindestens ebenso wichtig wie das Biologische. Dies kommt bereits in ihren Namen zum Ausdruck. Auf dem 1. “Social Seeds”-Workshop im Hebbeltheater waren u.a. anwesend: der “interkultureller Garten City” in der Lützowstraße, der “Ton Steine Gärten” am Georg-von-Rauch-Haus, “Bunte Beete” in der Wrangelstraße (mit “30 aktiven Gärtnern aus zehn Ländern”) und der “Pyramidengarten des Vereins Multikultureller Nachbarschaftsgarten Neukölln”.

Für den Initiator des Prizessinnengartens Robert Shaw ist “jeder Garten auch ein Nachbarschaftsproblem bzw. -prozess.” Für die Pflanzen heißt das: “Was wächst am Besten neben wem und auf welchem Boden?  Für die beteiligten Gärtner heißt das “Man muß so einen Ort mit den Nachbarn gestalten, ohne deren Interessen geht das nicht, und die bringen natürlich auch ihre Traditionen mit, die sie dann hier realisieren”. Mit dem Begriff “Agro-Sozio-Biotope” haben die drei Frauen von “Social Seeds” zwar beides in Auge gefaßt – das Ineinandergreifen von Natur und Kultur in den Gemeinschaftsgärten, dies schlägt sich bisher aber noch nicht in ihrem Workshop-Programm nieder, so dass man befürchten muß, dass damit der US-Biologisierung aller Lebensäußerungen Vorschub geleistet wird. Obwohl eigentlich genau das Gegenteil Not tut: die Auflösung aller Biologien in Soziologie. Der Kopfsalat als neue  Bezugsperson.

 

 Die Gartenlauben-Kolonie in der Schönholzer Heide, wo Hannah und Friedhelm aus Steglitz sich gerade eine leer gewordene Datsche angekuckt haben. 

 

Die einst verwilderten Ecke im Treptower Park, wo früher eine Würstchenbude stand, bei der sich der in der Allende-Siedlung wohnende Claus-Peter Dirksen und ein Teil seiner Brigade im Elektro-Apparatwerk EAW (heute Treptower) gerne trafen, wenn es draußen langsam wieder wärmer wurde.

 

Der Spielplatz nebst der Senioren-Oase (links) vor dem Haus von Brigitte Grothen (Mitte),  Atttilastraße 32.

 

Die Langgraswiese des Sportplatzes am Freiheitsweg 20,  wo Willi Seibold und Friedrich “Fritz” Schorken regelmäßig Federball spielen.

 

Die Uferböschung am Tegeler See, wo die in der Seidelstraße 12 wohnende Dagmar Schmidtbauer und ihr Sohn Rafi sich im Sommer gerne aufhalten.

 

 

Kommentare (2)

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  1. Wundervoll—-Wirklich!

  2. Das Bild mit den Schweinerippchen auf einem Grill im vornehmen Berliner Ortsteil Dahlem paßt irgendwie nicht in diese idyllische Photo-Galerie, aber man arbeitet daran – wie die taz am Wochenende meldete:

    “Will man den Klimagasausstoß der Landwirtschaft vermindern, muss die Fleischproduktion weltweit sinken. Eine dem schwedischen Landwirtschaftsministerium unterstellte Behörde, das Jordbruksverket, hat dazu nun einen konkreten Vorschlag gemacht: die Einführung einer Fleischsteuer.

    Ihre Höhe soll darauf basieren, wie groß der Klimagasausstoß der jeweiligen Tierhaltung und damit der Fleischproduktion war.

    In dem am Dienstag vorgelegten Rapport “En hållbar köttkonsumtion” (“Eine nachhaltige Fleischproduktion”) hält das Amt eine solche Fleischsteuer für einen Weg, um zusammen mit begleitenden Maßnahmen den Fleischkonsum insgesamt zu senken, aber auch dafür sorgen zu können, das aus Klimagesichtspunkten “schädlichste” Fleisch vom Markt zu verdrängen.

    Bei der Tierzucht, also einem Wirtschaftssektor, der für ein Fünftel des weltweiten Klimagasausstoßes steht – etwa gleich viel wie im Transportsektor -, wäre es eigentlich selbstverständlich, dass sie einem Emissionshandelssystem unterworfen wird, meint Jordbruksverket. Doch es gebe dafür noch kein funktionierendes globales Abkommen. Belaste man die Produktion mit einer Steuer, bestehe deshalb die Gefahr, dass sie einfach ins Ausland verlegt werde.

    Anders als der Präsident des Umweltbundesamts Jochen Flasbarth, der kürzlich vorgeschlagen hatte, “zumindest die großen, industrieähnlichen Mastbetriebe in den Emissionshandel einzubeziehen”, hält man es in Schweden deshalb für effektiver, nicht auf der Produzenten-, sondern auf der Konsumentenseite anzusetzen. In der Hoffnung, damit “zu klimafreundlicher Kost stimulieren und die Verschwendung auf Verbraucherseite vermindern” zu können. Außerdem würde ein solches Modell gleichermaßen die einheimische Produktion wie die Einfuhr treffen.

    Am leichtesten zu realisieren sei eine schablonenmäßige Besteuerung, die sich darauf gründe, wie viel Treibhausgas die Produktion von beispielsweise einem Kilo Rindfleisch durchschnittlich freisetzt. Der Nachteil: Es gebe hierbei große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und je nach Produktionsmethode auch innerhalb des gleichen Landes. Bei Rindfleisch etwa reiche die Spannweite von fast null bis zu mehreren hundert Kilo Kohlendioxidäquivalenten pro Kilo Fleisch.

    Andererseits sei es zu kostspielig, teilweise sogar unmöglich, den Klimagasausstoß bei jedem Produzenten zu messen. Deshalb verbiete sich auch die Einführung von maximal zulässigen Werten, mit denen die jeweilige Produktion das Klima beeinflussen dürfe. Im Ergebnis plädiert die Studie für ein differenziertes Schablonenmodell, das neben Fleisch auch Fisch, Eier und Milch einschließen soll, kombiniert mit konkreten Anreizen zur Einführung “klimafreundlicherer” landwirtschaftlicher Produktionsmethoden.

    Der Alleingang eines Landes bringe nichts, meint der schwedische Bericht, es müsse mindestens eine “Regelung auf EU-Niveau” geben. Die EU sei auch deshalb gefordert, weil der Fleischkonsum pro Kopf innerhalb der Gemeinschaft etwa doppelt so hoch sei wie in der restlichen Welt. Die Höhe einer möglichen Steuer betreffend, verweist man auf Studien, wonach eine Steuer von 60 Euro pro Tonne Kohlendioxidäquivalenten beispielsweise knapp 1,50 Euro pro Kilo Rindfleisch entsprechen würde. Das lasse eine Konsumminderung von 13 Prozent und einen verminderten Klimagasausstoß der EU-Landwirtschaft von 7 Prozent erwarten.

    Begrüßt wurde der Vorschlag von Tierschutzverbänden: Heute würden die verdeckten Kosten der Fleischproduktion, wie die Klimafolgen, einfach der Allgemeinheit auferlegt. Erhebe man eine gezielte Steuer beim Konsumenten, habe der es in der Hand, diese Belastung durch seine Konsumwahl zu vermeiden.”

    Das Problem, das sich schon bei dem ökologischen Vorschlag der deutschen Partei Die Grünen stellte, die sich in den Achtzigerjahren dafür einsetzte, dass der Liter Benzin mindestens 5 DM kostet, ist ein ökonomisch-soziales:

    Leute mit einem hohen Einkommen würden weder über diesen Benzinpreis stöhnen noch deswegen auf ein kleineres Auto umsteigen. In anderen Worten: Es würde bloß die kleinen Leute treffen, die allerdings die “Masse” ausmachen. Im Vogelsberg, Oberhessen z.B., wo die Motorisierung Ende der Sechzigerjahre erst begann, hätte das fast alle Bewohner dort getroffen, von denen viele bis zu 200 Kilometer am Tag zu ihren Arbeitsplätzen fahren. Früher hätten sie der Arbeit hinterherziehen müssen – mit dem teuren Sprit müßten sie das wieder tun, denn die meisten sind Mondscheinbauern und bekommen nur Arbeiter- oder Hilfsarbeiterlöhne.

    Arbeiter und generell die Handarbeiter sind im übrigen auch diejenigen, die viel und gerne Fleisch essen, weil sie meinen, dass aufgrund ihrer harten körperlichen Tätigkeit zu benötigen, daneben würde eine Fleischsteuer auch alle Jugendlichen mit wenig Taschen- bzw Lehrlingsgeld oder Stipendium treffen, denn sie ernähren sich oft von Döner und Currywurst oder ähnlichem Billigfleisch

    Ich empfand es Mitte der Sechzigerjahre schon als extrem unsozial, dass ich als Niedrigverdiener genauso viel Strafgeld für abgefahrene Reifen (an meinem alten VW) zahlen mußte wie mein sehr gut verdienender Vater, dem das ebenfalls mal passiert war – und der das sozusagen mit links gezahlt hatte, einschließlich vier neue Reifen, die zu kaufen für mich ein Vermögen gekostet hätte.

    Ähnlich ist es mit dem Ökostrom jetzt, der die Elektrizitätskosten in den Haushalten enorm verteuert hat – mit der Folge, dass die ganzen HartzIV-Empfänger und geringverdienenden Selbständigen an Heizkosten sparen: Überall, wo ich hinkomme, sind die Wohnungen jetzt so kalt, dass ich über kurz oder lang friere, für meine eigene Wohnung gilt das ebenfalls.

    Solche Vorschläge für staatlich über Finanzhebel gesteuerte Sicherheitspolitiken, jetzt Ökopolitiken, zeugen von einer enormen sozialen Blindheit der Natur- und Umwweltschützer, die nicht einmal davor zurückschrecken, einen starken Staat (wie in China) zu fordern, der allein die Möglichkeit habe, ökologisch zwingend Notwendiges auch durchzusetzen innerhalb seiner Staatsgrenzen (siehe unten), wobei der schwedische Fleischbesteuerungs-Vorschlag schon auf alle EU-Länder abzielt.

    Diese soziale Blindheit zeigt, dass die Öko-Bewegung noch primär eine juvenile Mittelschichts- angelegenheit ist, noch schlimmer ist es bei der Oberschicht: Schon mehrmals hat mich jemand aus diesen “Kreisen” gewarnt, bloß keinen Bettlern Geld zu geben, die würden nur so tun als wären sie bedürftig. In Bombay (!) meinte eine Unternehmerin doch tatsächlich, und sie war keine ganz dumme, dass sich die Bettler in der Stadt z.T. mit Rolls-Royce und Chauffeur morgens zu ihren Bettelplätzen fahren lassen würden – “Also gib denen kein Geld!”

    Auf dem Bahnhof Hackescher Markt in Berlin begrüßte mich ein Treuhand-Manager, der inzwischen einen gutbezahlten Job in Potsdam hat und auch dort wohnt. “Ich weiß gar nicht, was Sie gegen die erhöhten Fahrpreise der BVG haben,” meinte er, obwohl ich nichts Diesbezügliches gesagt hatte. Vielleicht machte er mich für die Kritik an der neoliberalen Verkehrspolitik in der taz, die auch meine Texte veröffentlicht, mitverantwortlich? Er erklärte mir dazu: “Mein Wagen ist gerade in Reparatur und ich bin heute aunahmsweise mal mit der S- und U-Bahn in die Stadt gefahren. Das war ja soo interessant. Dafür hätte ich gut und gerne auch 10 Euro bezahlt.”

    Das war in Wirklichkeit sozial völlig verblödet gedacht. Diese Schwäche hat im übrigen bereits eine Hamburger Lehrerin der Bankierstochter und späteren Treuhandchefin Birgit Breuel in der zehnten Klasse vorgeworfen.

    Besonders deutlich werden solche sozial schwachen Gutverdiener, wenn es um staatliche Bevölkerungspolitiken geht:

    Ladys Night im “Club of Rome”

    Deutsche Eugenik-Biologen, wie die Wasservögelforscher Konrad Lorenz und Oskar Heinroth, haben immer wieder vor der “drohenden Überbevölkerung” gewarnt, sie konnten sich dabei auf Darwins Inspirationsquelle Thomas Malthus berufen. Im “Deutschlandradio” forderte neulich der Bremer Populationsforscher Gunnar Heinsohn eine “demografische Abrüstung” in Arabien, weil seiner Meinung nach die hohen Geburtenraten in den palästinensischen Gebieten zur Gewalt im Nahen Osten beitragen, wobei viele junge Männer ohne Perspektive für religiös motivierte Gewalt empfänglich seien.

    In China fordern Wissenschaftler, Bürgerrechtler und nun auch noch ein regierungsnahes Institut für Bevölkerungswissenschaft das genaue Gegenteil: die “Ein-Kind-Politik” zu beenden. Ab 2015 sollten alle Paare zwei Kinder bekommen dürfen – und bis 2020 die diesbezüglichen Beschränkungen ganz aufgehoben werden. Das trifft sich mit einer ganz anderen chinesischen Politik, die darin besteht, dass der Versorgungsstaat sich aus dem “Sozialen” zurückzieht – dafür jedoch die Familienbanden wieder stärker werden.

    Diese chinesische Realpolitik ist der Wunschpolitik in Deutschland ähnlich, wo die Frauen im Durchschnitt auch nur 1,39 Kinder bekommen – freiwillig: Die politischen Ideen, um diesen sozialen Mangel zu beheben, reichen hier vom “Elterngeld” über “Kitaplätze” bis zum Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, der zwar zugibt, dass “Elternschaft keine Bürgerpflicht ist,” aber “langfristig können wir damit nicht zufrieden sein”. Es muß ein “Kulturwandel” stattfinden – eine Art Kulturrevolution sogar: “in Betrieben und Kommunen”. Auch die “Arbeitgeber” müssen ran – und sich mehr um “die private Seite ihrer Arbeitnehmer” kümmern. Vielleicht könnten sie ihre Villen im Tessin zu Lebensborn-Clubs umrüsten

    Nicht weniger als eine Kulturrevolution – und zwar gleich eine ganze globale – fordert auch der “Club of Rome”-Berichterstatter Jorgen Randers in seinem zweiten Szenario der Weltentwicklung – diesmal bis zum Jahr 2052. Es wurde kürzlich als Buch veröffentlicht. Der norwegische Klimaforscher hält ein Umdenken in vier Bereichen für dringend geboten, damit wenigstens die Menschheit, wenn schon nicht alle Tier- und Pflanzenarten, bis 2052 überlebt: 1. Sollte sie ihre Kinderzahl begrenzen (“Die Ein-Kind-Familie muß hier zur Norm werden”); 2. alle Treibhausgas verursachenden Aktivitäten reduzieren; 3. eine effiziente Energieversorgung vor allem in den Entwicklungsländern organisieren, und 4. sollten die Gesellschaften starke Regierungen akzeptieren.

    Jorgen Randers hält China in diesem Zusammenhang für vorbildlich, weil der chinesische Staatsapparat “die Mehrheit der Bevölkerung am Fortschritt teilhaben läßt, das Gegenteil geschieht in Amerika,” wo die Gesellschaft es “nicht schafft, die Gewinne gerecht zu verteilen.” Dort wird “die grosse Mehrheit” sogar ärmer – und “diese Entwicklung wird sich fortsetzen.”

    Der “Club of Rome”-Prognostiker muß derzeit zwar sämtlichen Hauptstadtmedien der Welt Interviews geben, aber sein Plan zur Rettung des Planeten ist noch bescheiden, es geht Jorgen Randers bloß darum, die nächsten – lächerlichen – 40 Jahre rumzukriegen. Ganz andere Pläne stellte gerade das Berliner “Haus der Kulturen der Welt” vor: Mit mehreren Millionen Euro will es in den kommenden zwei Jahren “Umweltschutz-Ideen für die nächsten 250.000 Jahre” vermitteln/entwickeln. Das Riesenprojekt, an dem wissenschaftliche Institutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft beteiligt sind, nennt sich “Antropozän”: Menschenzeit – gemeint ist damit das jetzige, das mit Hilfe der im Haus der Kulturen der Welt von wahnsinnig kreativen Künstlern und Wissenschaftlern entwickelten Umwelt-Pläne schier ewig währen soll, der Projektkurator Christian Schwägerl hält es nämlich laut Berliner Zeitung “für möglich, dass die etwa 250.000 Jahre alte Gattung Mensch ihre Halbzeit noch nicht erreicht hat”. Voraussetzung dafür ist, dass es gelingt, dem Publikum “die Verantwortung des Menschen in planetarischen Dimensionen [zu] verdeutlichen.”

    Wie schwer man sich dabei noch tut, sieht man fast täglich, wenn mal wieder irgendwo ein “Global Player” – z.B. Nokia – seine Fertigungsstätten im Ausland schließt – und nicht im “eigenen Land”, weil es sich dessen Gesellschaft noch am ehesten verpflichtet fühlt. Oder wenn man sieht, wie schweinös sich z.B. die Deutschen im Orient benehmen. Spätestens an dieser Stelle sei zu dieser ganzen “Debatte” angemerkt, dass es sich bei alle den hier erwähnten Stimmen – pro und contra mehr Kinder – durchweg um solche von Menschen ohne Menstruationshintergrund – also Männern – handelt, die sich da als “Experten” aufspielen, wobei sie die Frauen, die die Kinder ja schließlich kriegen oder nicht kriegen sollen, mit keinem Wort erwähnen. Dafür haben sie aber die Zukunft fest im Blick.

    Abschließend sei noch daran erinnert: 1968 brillierte der konservative Ethologe und Nobelpreisträger Konrad Lorenz mit einer Kritik an den damaligen linken Bewegungen, indem er von seinen Beobachtungen an Gänsen aus das Verhalten der revoltierenden Studenten biologisch interpretierte. Noch arger trieb es wenig später der französische Genetiker und Nobelpreisträger André Lwoff. In seinem Buch “Die biologische Ordnung” verglich er die aufständischen Jugendlichen mit Bakterien: “In Frankreich, im Laufe des Monats Mai 1968, wurde ein bestimmter Typ von Ordnung gestört. Ein Sturm hat die Repressoren beschädigt, die Operatoren-Gene haben die Kontrolle durch die Operons verloren. Neue Moleküle wollten den Platz der alten einnehmen und haben das System der Regulation angezweifelt. Aus alledem resultierten unerwartete Ereignisse, interessante Ereignisse und, um alles zu sagen, sehr bemerkenswerte Ereignisse. Es gibt anscheinend nichts Gemeinsames zwischen einer molekularen Gesellschaft und einer menschlichen Gesellschaft. Man kann trotzdem nicht umhin, frappiert zu sein von einer bestimmten Analogie zwischen der phylogenetischen Evolution der Organismen und der historischen Evolution der Gesellschaften.”