Global Activism

Unter dem Titel „Global Activism“ wurde kürzlich eine Ausstellung im „Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe“ (ZKM) eröffnet. Peter Weibel, der Direktor des ZKM, der u.a. die Künstlerin Joulia Strauss als Kuratorin für diese Ausstellung eingeladen hat, vermutete einmal, dass sich hinter „Occupy“ eine Trennung zwischen Kunst und Markt verberge. „Eine riesige Chance, wenn sie uns einleuchtet. Es ist ein Zug gegen den korrupten Kunstmarkt. Wir werden die Kunstinstitutionen wieder zur Besinnung bringen. Es ist ein radikaler Bruch mit der banalen Musealisierung heute. Im ZKM kommt Wissenschaft, Technologie, Politik und Kunst zusammen,“ so Joulia Strauss. Was ist dort zu sehen und zu hören? 

„Aktivistische Artefakte, die Kunstwerke sind, und Artefakte, die keine sind, vermischen sich in der Ausstellung – und bringen damit das Wertesystem des korrupten, neoliberalen, prostitutiven Kunstmarktes durcheinander. Viele Einrichtungen versuchen krampfhaft zu übersehen, dass in der Kunst eine radikale Demokratisierung stattgefunden hat. ‚Global Activism‘ bricht mit der veralteten Art, Ausstellungen zu machen und nimmt die aus dem globalen sozialen Wandel hervorgehende Form einer Ausstellung des 21. Jahrhunderts an.“ Weitere Details: https://vimeo.com/74510687

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Dazu gehört ein Symposium mit Bewegungs-Experten am 24. und 25 Januar und ein Aktivistengipfel am 26. Januar. An dem Symposium und dem „Summit“ nehmen Aktivisten u.a. aus Patagonien, Reykjavík, Madrid, Budapest, Athen, Rio, Ramallah, Tel Aviv, New York, Moskau, Kairo, Peking, Istanbul, Casablanca und Warschau teil. Statt eines Katalogs wird es eine Spezialausgabe des Magazins „Krytyka Polityczna“ geben.

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Hier ein Interview mit Joulia Strauss – gerade noch rechtzeitig zu Beginn des Aktivistengipfels heute:

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taz: Bist Du auch ein Refugee?

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Joulia Strauss: Meine Motivation, an dem Antigrenzaktivismus teilzunehmen entstand weniger aufgrund meiner langen Erfahrungen mit der Ausländerbehörde, sondern aus dem selbstverständlichen Mitgefühl und politischer Solidarität im hier und jetzt. „Refugee“ ist ein zu breiter und zugleich stigmatisierender Begriff. Er stellt erst jene Grenze her, die ja gerade durch das sofortige Aufheben der rassistischen Gesetze und durch das Zusammenleben aller Berliner aufzulösen ist. Fest steht nur folgendes: Wir teilen lange nicht genug mit den Bedürftigen. Wir beschäftigen uns mit der Bewältigung der humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts und sehen zu bei einer des 21sten.

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Aber Du fragst nach meinem Hintergrund. Ich bin aus der heidnischen Wolgarepublik „Mari El“. Meine Großmutter war Schauspielerin und meine Mutter Regisseurin am einzig identitätsstifftenden Theater in unserer Hauptstadt Joschkar-Ola, und sie waren gleichzeitig Hüterinnen des Wissens des Stammes Mari und ihres Naturglaubens, das gegenwärtig vom KGB-Werkzeug und von der russisch-orthodoxen Kirche noch weniger toleriert wird als von der Regierung der Sowjetunion. Ich, die dritte Generation von Mari-Hexen, bin dazu erzogen, politischer, kultureller und religiöser Unterdrückung von staatlicher Seite Widerstand entgegenzusetzen. Mit 19 ging ich nach St. Petersburg, um an der von Timur Novikow gegründeten „Neuen Akademie der Schönen Künste“ zu studieren und war die einzige Frau dort – unter großenteils homosexuellen Männern. Wir fühlten uns unserer Kunstrichtung des Neoakademismus verpflichtet, es ging um ‚Schönheit‘. Mein Beitrag war die Bildhauerei. Es hat mich sehr gereizt, meine Kommilitonen ganz klassizistisch zu porträitieren. Meine erste Ausstellung fand im Sommergarten statt, wo sich die Büsten von Mitstudierenden unter das dortige Skulpturenprogramm exzellent getarnt haben. Der Neoakademismus war eine Bewegung, welche die von den Institutionen des Westens an die Kunst des Ostens zur Perestroika-Zeit gestellten Fragen vorsätzlich falsch beantwortet hat. Die westlichen Museumsdirektoren kamen und suchten die freie abstrakte Malerei – im Gegensatz zur totalitären früheren – fanden aber kitschige narzisstische selbsthistorisierende Ästhetik. Die Provokation hat funktioniert.

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taz: Auf diesen Hintergrund wäre ich nicht gekommen – wenn ich an Deine heute kritische Haltung gegenüber den Kunstinstitutionen und deine Videokunst denke…z.B. „Hymn to the Sun for Hellenic Police“ mit deiner elektronischen Lyra, oder an das stereoskopische „Refugee Strike meets Pussy Riot, Berlin“…

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J.St.: Damals hatten wir keine luxuriöse Gelegenheit, die Einladungen der westlichen Museen zu ignorieren, geschweige denn, sie kritisch zu reflektieren. Es handelt sich um das Rußland der Neunzigerjahre, Freunde wurden Junkies, überall Gangster, kein Geld für Zigaretten, Dritte Welt, Diskurshunger. Ab 1997 habe ich hier an der Berliner Hochschule der Künste in der Klasse von Georg Baselitz studiert, der übrigens meinte, dass Frauen nicht zeichnen können, weil er neidisch auf unsere tollen Arbeiten war. Im selben Jahr habe ich zwölf Büsten von DJs aus Berlin als griechische Götter porträtiert und im E-Werk ausgestellt. Dannach interessierte es mich, Skulpturen mit Hilfe der 3D-Technologie herzustellen. Wahrscheinlich war ich sogar die erste, die hier mit einem transportablen 3D-Scanner rumlief… Um das archaische Griechenland mit der visuellen Sprache meiner Generation zu verbinden, habe ich 3D-Skulpturen als holografische Projektionen im Pergamonmuseum ausgestellt. Bis zum Jahr 2000 war ich auch immer noch an Projekten der Neuen Akademie in St. Petersburg beteiligt. Ich bin nicht über Nacht eine unabhängige Künstlerin geworden, zunächst habe ich die Denkschulen gewechselt, von Platon zu Pythagoras…

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taz: Mit diesem spielst Du, nach Novikow und Baselitz, auf deinen dritten Lehrer, Friedrich Kittler, an, dessen späte Hinwendung zu den Vorsokratikern für ihn eine zu den Anfängen unserer westlichen Wissenschaft war – Musik, Mathematik, Schrift. Da bist du also immer tiefer eingestiegen?

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J.St.: Ja, und dazu habe ich mich, wie Kittler, der altgriechischen Mathematik, und wie – damals noch ein Kittler-Schüler – Martin Carlé, dem vielfältigen musikalischen System der archaischen Tonarten zugewandt. Martin hat diese nach den mathematischen Verhältnissen mit Hilfe der Simulationstechnologien rekonstruiert und ich habe sie zu einem Skulpturensystem fortentwickelt. Wir nannten es „Cat-Notation“.

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taz: Das kenne ich als Video, dabei habe ich mich gewundert, was die „Erste Delphische Hymne an Apollon“, die nach den in der Gegend gefundenen Notationsfragmenten rekonstruiert wurde, mit einer Katze zu tun hat.

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J.St.: Es sind „Mathematischen Operationstiere“, zu sehen, die ich nach den sieben Tonarten proportioniert habe. Das Video kulminiert im Tanz der sogenannten „Übergreifenden Dorischen Summenkatze“, die uns, indem sie ihre Tatzen streng den Tonhöhen entsprechend bewegt, den Charakter der Melodie anvertraut. Für den Resonanzkörper der Lyra haben Carlé und ich einen Schildkrötenpanzer genommen, den wir auf der Krim gefunden haben. Dank meines kyrillischen Hintergrunds kann ich die Hymnen mühelos singen, später habe ich auch gelernt, das Instrument zu spielen. Dieses Projekt klingt sehr exotisch, aber ich halte das altgriechische musikalische System für ein perfektes Modell des Netzwerks des globalen Aktivismus. Wahrscheinlich deshalb wurde „Cat-Notation“ nicht nur in der Tate Modern, sondern auch häufig mitten im heutigen protestierenden Athen – gezeigt.

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Taz: Was ist mit „Global Activism“ gemeint?

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J.St.: Peter Weibel, der Leiter des ZKM, nannte so die Ausstellung, an der er eine Gruppe von Forschern und Aktivisten, unter anderem mich, eingeladen hat, mitzuarbeiten. Er sagt, dass Demonstrationen Performances im öffentlichen Raum sind. Er sagt auch, daß Aktivismus die Kunstform der Protestbewegung ist… Bruchstücke seiner neuen Ideen.

Für einige beginnt „Global Activism“ in Genua, für andere erst in Kairo, für manche in New York, für mich in Athen.

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taz: Was machen diese Phänomene in einem Museum?

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J.St.: Ist das ZKM überhaupt ein Museum? Für mich ist es der einzige Ort in Europa, an dem eine Ausstellung als Forschungsprozeß durchgeführt werden kann. Wenn jedes Museum auf die Entwicklung der Informationstechnologien und den Wandel von sozialen Strukturen so schnell reagieren würde wie das ZKM, würden die SteuerzahlerInnen längst die widerständige, erfinderische, und vor allem nach 2.500 Jahren vom Imperium befreite und weltnahe Kunst des 21. Jahrhunderts bewundern sowie auch mitmachen können.

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Taz: Was wird auf der Ausstellung zu sehen sein?

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J.St.: Es werden dort Dinge präsentiert, die mindestens aus zwei Perspektiven interpretierbar sind. Man wird sie als aktivistische Kunst sehen können: das ist eine Kunst, die nach der Aufhebung der ontologischen Differenz zwischen Kunst und Wirklichkeit entstand. Aus einer anderen Perspektive kann man die Exponate als Artefakte, Relikte, Spuren von Aktivitäten gobaler Bewegungen betrachten. Beide Perspektiven werden sich womöglich in der Ausstellung vereinen, wie zwei Bilder zu einem in der Stereoskopie. Zumindest ist es mein Wunsch, dass der Betrachter es aus der binären Rückkopplung Kunst/Nichtkunst herausschafft und sich vom passiven Betrachter zu einem Aktivisten transformiert.

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Taz: Ein konkretes Beispiel für Artefakte bitte…

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J.St.: Das Mitglied der russischen Gruppe „Vojna“, Alexander Wolodarskij wird z.B. in der Ausstellung mit seinem blog „Anarchy And Other Shit“ vertreten sein, in welchem er 2009 als einer der ersten inhaftierten Aktivisten von den Mißständen im Gefängnis berichtet hat, was nicht ungefährlich war. Wir stellen sein altes Nokia-Gerät aus, mit dem er seine blog-einträge veröffentlicht hat. Der Betrachter kann das Gerät selbst benutzen, um nachzuvollziehen, wie kompliziert und langsam das war.

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Ein anderes Beispiel ist eine Skulptur von Noah Fischer, die zugleich ein wichtiges Werkzeug in der Öffentlichkeitsarbeit von „Occupy Wall Street“ war: eine Abe-Lincoln-Penny-Münze, als Maske aus Holz geschnitzt, die sich Noah Fischer aufsetzte. Sie ist eine von sieben Münzen, die Bestandteil seines sogenannten „Currency Manifesto“ sind. Auf einer steht „Master of Fine Arts“. Um diesen Titel zu erhalten, verschulden sich die Künstler in Amerika: „71,851.57 Dollar“ steht da darauf.

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Taz: Wie stellt man eine Aktion aus?

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J.St.: Neben Artefakten der Aktionen werden viele Dokumentationen gezeigt. Das ZKM arbeitet schon von Anfang an mit Video. Es ist eine seltene Gelegenheit, sorgfältig zusammengestelltes Material in einem großen Raum zu sehen, wo man sich eine Übersicht auf das globale antikapitalistische Geschehen verschaffen kann!

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Taz: Zeigst Du selbst auch ein oder mehrere Videos?

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J.St.: Es wird mein „Anamorphous Monument to Chelsea Manning“ zu sehen sein: das erste 3D-Computerporträt als anamorphisches Video, es wurde zunächst auf der Moskauer Biennale 2011 ausgestellt. In den Medien hat man damals Manning als Verräter verzerrt dargestellt, im Ausstellungsraum ist er anamorphisch wieder zurechtgezerrt. Die Arbeit wird mit einem Brief von Peter Weibel benachbart, in dem er Chelsea Manning einlädt, im ZKM zu arbeiten. Solche Unterstützungsaktionen sollen dazu führen, dass Manning vorzeitig entlassen wird.

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Zusammenfassend: Ich denke, dass die aktivistischen Artefakte, die Kunstwerke sind, und Artefakte, die keine sind, sich in der Ausstellung vermischen – und damit das Wertesystem des korrupten, neoliberalen, prostitutiven Kunstmarktes durcheinanderbringen. Viele andere Einrichtungen versuchen krampfhaft zu übersehen, dass in der Kunst eine radikale Demokratisierung stattgefunden hat. „Global Activism“ ist eine Ausstellung, die mit der veralteten Art, Ausstellungen zu machen bricht und die mit dem globalen sozialen Wandel entstehende Form einer Ausstellung des 21. Jahrhunderts annimmt.

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Taz: Haben Aktivisten Einfluß auf die Ausstellung?

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J.St.: Nein, sie sind anderweitig beschäftigt. Die Konzeption haben die KuratorInnen erarbeitet. Die Präsenz der AktivistInnen findet am 24./25. Januar statt: Peter Weibel veranstaltet da ein zweitägiges Symposium. Danach folgt vom 26. ein Summit, das ich gemeinsam mit dem Berliner Aktivisten Daniel Mützel und Noah Fischer veranstalte.

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Taz: Wie verhält sich der erste Teil, das Symposium, zum zweiten, dem Summit?

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J.St.: Peter Weibel lädt Forscher ein, die die Fülle der sozialen Bewegungen, Bürger-Initiativen, Protestformen usw. analysieren und legt den Schwerpunkt auf den technologischen Aspekt. Dabei handelt es sich nicht nur um die sozialen Netzwerke, sondern auch um die mathematischen Theorien, die Hacktivisten für ihre Strategien verwenden, sowie um die technologiepessimistischen Einwände. Auch bedeutende Erfinder des technologischen Schutzes gegen Überwachung sind eingeladen.

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Während des Summits, genau wie in der Spezialausgabe des Magazins „Krytyka Polityczna“, die wir ebenfalls mit Daniel Mützel aus dem Anlaß herausgeben, geht es um die Architektur der ersten globalen Revolution. Wir suchen die Modulationspunkte zwischen den einzelnen Bewegungen.

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An dem Symposium und dem Summit nehmen Aktivisten u.a. aus Patagonien, Reykjavík, Madrid, Budapest, Athen, Rio, Ramallah, Tel Aviv, New York, Moskau, Kairo, Peking, Istanbul, Casablanca, Warschau teil.

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Das Projektteam am ZKM besteht aus:Peter Weibel und Andreas Beitin, Andrea Buddensieg, Dietrich Heissenbüttel, Sabiha Keyif, Elisabeth Klotz, Sarah Maske, Linnea Semmerling, Joulia Strauss, Tatiana Volkova, Philipp Ziegler.

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Dieser Assangetiger stammt von der Interviewten

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Am Wochenende kam es in Istanbul und in Berlin wieder zu Protesten gegen die türkische Regierung. Die Westpresse geht bereits davon aus, dass „Erdogan seinen Zenit überschritten“ habe, was immer das heißen mag. Die folgenden Photos stammen aus Istanbul, wo es im Sommer ausgehend von einer Besetzung des Gezi-Parks nahe dem zentralen Taksimplatz zu „schweren Unruhen“ (taz) und „gewalttätigen Polizeieinsätzen“ (Junge Welt) kam. Istanbul ist nebenbeibemerkt eine der Städte mit der höchsten Zuwanderungsrate. Die neuen Istanbuler kommen zumeist aus Anatolien, Bulgarien und Mazedonien.

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Man geht im Westen immer noch – seit Thomas Hobbes – von einer Staatsgewalt aus, die das Staatsvolk und deren Privateigentum nach außen und innen beschützt. Dieses Modell hat jedoch die Staatsgewalt selbst überwunden, indem sie „ihre“ multikulturell aufgemischten und zunehmend prekär oder überhaupt nicht mehr beschäftigten Bürger bespitzelt bzw. überwacht – und in der BRD z.B. das Militär für Inlandseinsätze fit macht. Das latent unruhige Berlin ist geradezu umzingelt von (neuen) Kasernen der Bundeswehr, des Bundeskriminalamtes und der Geheimdienste. Zudem hat sich die „repräsentative Demokratie“ nahezu weltweit ausgehöhlt, nicht zuletzt durch Vettern- und Parteiwirtschaft sowie Korruption, stattdessen ist von „Bürgerbeteiligung“, „Basisdemokratie“ und „direkter Demokratie“ die Rede – im Kampf gegen die „Usurpatorenbürokratien“, wie Alfred Sohn-Rethel den geschäftsführenden Ausschuß des Kapitals nennt, wobei er gleichzeitig von einer Herrschaft der „Technokratie“ spricht, die nun mehr und mehr dysfunktional wird – sie muß mit der Verwissenschaftlichung der Arbeitsprozesse überwunden werden zu Gunsten einer erneuten „Vollvergesellschaftung der Arbeit“, weil die Vergesellschaftung über die  Marktökonomie nicht mehr derart funktioniert, dass die da oben noch damit regieren können und die da unten noch damit regiert werden wollen. Der Kölner Betriebswirtschaftslehrer Ernst Schmalenbach meinte bereits 1931 in einer Denkschrift: Die (damals) anvisierte „Rationalisierung“ der Produktion in den Großbetrieben könne nur in einer „geplanten Volkswirtschaft“ etwas zum Segen der Gesellschaft beitragen. In betriebswirtschaftlich-privater Verfassung und mit Marktökonomie tue sich ein unlösbarer Konflikt auf. Inzwischen sind wir über den „Taylorismus“ (F.W. Taylors Vorschlag zur Lösung der sozialen Frage) und den „Imperialismus“ (Cecil Rhodes‘ Vorschlag zur Lösung der sozialen Frage) zum „Toyotismus“ (der japanische Vorschlag zur Lösung der sozialen Frage) und darüber hinaus fortgeschritten…“Wenn die Revolution zu spät kommt, fängt die ganze Scheiße wieder von vorne an.“ (K.Marx)

 

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Die „repräsentative Demokratie“ gebiert mehr und mehr Regierungen, die nur noch ihre Bevölkerung kujonieren – mittels alberner Gesetze und Verordnungen, die nichts kosten: Aufweichung des Mietrechts, unendliche Verlängerung der Leiharbeit, Privatisierung der Infrastruktur (Krankenhäuser, Strom- und Wasserversorgung, Autobahnen-Maut etc.) und der öffentlichen Plätze, die mit Warenwerbung zugeklatscht werden, Parkraumbewirtschaftung, Glühbirnenverbot (durch Osram und Philips – am EU-Parlament vorbei), Rauchverbot… An all diesen Punkten entwickelt sich auch ein gewisser Widerstand:

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In der „Duisburger Kneipen Edition ,Du schon wider'“ erschien vor kurzem das Buch „Vom Wirtshaus Zur Brücke“ – die „Ballade einer Rauchwirtschaft“. Einige Teile daraus las die Autorin, Christine Sohn, auf dem Literaturfestival „Friedrichshain 2“ vor. Ich erwarb sogleich ihr Buch – in der Kneipe „Rumbalotte“. Es übertraf meine hoffnungsvollsten Erwartungen. Reinste Anarchopoesie – in Form eines sorgfältig ausgearbeiteten Berichts darüber, wie die Autorin durch Zufall in diese Duisburger Kneipe geriet und irgendwann zu der Handvoll Stammgäste dort gehörte. Wie sie rauchen und Bier und Schnaps trinken und sich dabei die Vorfälle des Tages erzählen, die dadurch erst „eigentliche Realität“ gewannen. „Und doch herrschte eine gewisse Diskretion, eine vornehme Zurückhaltung beim Beschwerdeführen über die bitteren Aspekte des Daseins.“

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Das änderte sich abrupt, als im Ruhrgebiet und weit darüberhinaus der „AOK-Faschismus“ griff – indem er ein „Rauchverbot“ durchsetzte. Das Kneipenkollektiv fühlte sich dadurch gezwungen, in den Untergrund zu gehen – und sich Aktionen gegen das „kälteste aller kalten Ungeheuer“, den Staat und seine primitiven Repräsentanten, vor Ort erst mal, zu überlegen. Das Für und Wider jeder einzelnen Tat wird ausführlich erwogen. Die Wirtin Marianne sagt: „,Wir müssen ein Logo haben. Wir müssen klarmachen, dass wir keine blöden Anarchisten sind, sondern dass uns was ganz Genaues vorschwebt.‘ ,Was ist denn so blöd an Anarchie, bringe ich halbherzig ein.‘ ,Das können wir nicht gebrauchen, Anarchie, was wir brauchen ist handfester Respekt vor unserem Lebensstil.'“ Als Logo, um ihre gewagten Aktionen quasi zu signieren, wird schließlich eine Silhouette des ausgestopften Raben genommen, der an der Wand des Schankraums angebracht war und mit zwei gelben Lampen beleuchtet wurde – direkt über dem Kopf der Wirtin. Aus der Silhouette wird eine Schablone gefertigt. Und dann geht es los. Die Aktionen haben Hand und Fuß und sie werden nicht geschnappt. Die Presse berichtete natürlich jedesmal nur die halbe Wahrheit, aber ohne öffentliche Resonanz geht es auch nicht, das wird ihnen klar.

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„In diesem Jahr hat sich für mich vieles geändert,“ schreibt Christine Sohn. „Nicht die Welt, in der ich mich bewegte, aber ich, die sich in verändertem Selbstverständnis darin bewegte. War ich doch stolz! Wir fühlten uns als Handelnde. Wir waren geschlossen und wandelten uns zu einem handelnden Organismus. Oder bildeten es uns ein…Wir neigen dazu, uns zu überschätzen, denn es ist ja bekannt, dass unsere rituelle Droge [Alkohol und Tabak] unser Selbstwertgefühl hebt. Wie der Schamane im Drogenrausch zum Panther wird, zur Würgeschlange oder zum Adler, so werden auch wir in den gehobenen Momenten unserer Feierlichkeiten zu einer unsichtbaren Eingreiftruppe, zu einer schlagkräftigen Guerilla-Einheit oder zu einem gefürchteten Widerstandsnest.“

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Aber bevor sie abdrehen und gegen Personen – „Anti-Raucher“ – vorgehen, heißt es: Stop! „Wir gehen nicht so weit…Wir wollen nur Ärger machen, weil wir geärgert werden. So einfach ist das doch.“ Die Gruppe hat ihre „Kapazitäten ausgereizt“. Die Wirtin verkündet „die Endrunde“ und zieht zu ihrer Tochter nach Australien, die anderen zerstreuen sich. Die Autorin findet Trost in dem Gedanken: „ich habe meine Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht und damit eine Arbeitseinheit zum wirklich wahren Brückenbau beigesteuert. Wenigstens bilde ich es mir ein.“

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Christine Sohn suchte eine Weile die Zusammenarbeit mit dem Duisburger „Agentenkollektiv“, das sein Hauptquartier im „Büdchen“ vor dem Tor des abgewickelten „Hüttenwerks Rheinhausen“ hatte. Diese intellektuelle Gruppe gibt es nicht mehr, wohl aber den mit ihr „eng verbundenen“ Tom Briele, mit dem die frühere Schauspielerin Christine Sohn zwei Filme drehte, die auf den Oberhausener Kurzfilmtagen gezeigt wurden. Über ihre Hinwendung zu der Kneipentruppe schreibt sie, dass sie sich irgendwann von den „Kultur-Kreisen abgewendet“ habe, um sich in den „Sphären der sogenannten Bildungsferne“ zu bewegen (und zu bewähren). Das ist ihr gelungen.

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Wie kann ein Netz „integer“ sein, im Sinne einer Person, die sich stets einigermaßen anständig verhalten hat. Ob etwas oder jemand „integer“ genannt werden kann, läßt sich eigentlich erst im Nachhinein sagen. Für Solschenizyn waren das in seinem Arbeitslager-Archipel „GULag“ vor allem die unkorrumbierbaren „Tschetschenen“, besonders deswegen, weil sie es als Häftlinge am Schwersten hatten. Sie bildeten in den Lagern ein „integres Netz“, das man deswegen auch als „stabil“ bezeichnete. Überhaupt ist „stabil“ in dieser „flüchtigen Moderne“ zu einem Modewort geworden, ähnlich wie „Modul“. Ach, bestünde die Natur doch schon aus lauter stabilen Modulen! Dann würde „Integrität“ mit „Informationssicherheit“ identisch sein.

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Die Netzwerk-Merker sind schon in dieser „Dystopie“ (noch ein Modewort) angekommen. Der „Telekom-Chef“ René Obermann wurde neulich in der FAZ mit den Worten zitiert: „Wenn du die Netze fragmentieren willst, weiß ich nicht, wie ein integres und leistungsstarkes Netz entstehen soll.“ Das war gegen den Sprecher des integren „Chaos Computer Clubs“, Frank Rieger, gerichtet, der in Ansehung der Snowden-Enthüllungen ein eigenes Netz für die Schengen-Staaten forderte, wobei er jedoch nicht an ein staatsmonopolistisches Großprojekt (PPP) dachte, sondern an „Dezentralisierung“: „Netze sollten nicht einzelnen Unternehmen gehören, sondern denen, die sie benutzen.“

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Ihr Gespräch wurde von der FAZ mit der Überschrift: „Snowdens Enthüllungen sind ein Erdbeben“ versehen. Geleitet hatte es der FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher. Mich und einige andere Leser wunderte an dem Text, dass sich die drei Beteiligten duzten. In vielen Tageszeitungen werden die Interviewten sogar dann öffentlich gesiezt, wenn man sich normalerweise duzt. Diese Sprachverwirrung ist reizvoller als die beim Wort „Integrität“. Ich z.B. habe mehrere Freundschaftsbeziehungen, in denen ich duze, aber selbst gesiezt werde, dann welche, in denen wir vom Duzen immer wieder ins Siezen „zurückfallen“ und daneben solche, in denen ich einen Dritten duze, mein Freund die betreffende Person jedoch siezt, obwohl er sie viel länger kennt. Das kann bei ihm eine nicht nachlassende Hochachtung sein, aber auch bloß eine Gewohnheit – wie bei mir das „Duzen“.

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Wir haben uns das „Du“ einst im Kollektiv quasi verordnet: An der „Roten Reformuniversität Bremen“ (und beim „Rotfunk Radio Bremen“) wurde man zurechtgewiesen, wenn man jemanden aus Versehen siezte. Einige marxistische Professoren, aus dem Exil geholt, bestanden geradezu darauf. Aber dann kamen die ersten jungen karrierebewußten Assistentinnen. Sie sagten zwar brav „Du“ zu den Studenten, aber dieses Wort klang aus ihrem Mund distanzierter als jedes „Sie“, wie man es z.B. von alten postfaschistischen Amtsträgern noch meinte im Ohr zu haben.

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Wir können also genausogut auch gleich wieder zum „Sie“ übergehen, sagten sich die grauhaarig gewordenen und mittlerweile auf dem Land lebenden Teile des Lehr- und Forschungskörpers. Und so geschah es dann auch. Und heute ist die Uni Bremen eine „Elite-Universität“, an der die letzten Geheimnisse der Seele, des Geistes und des Bewußtseins erforscht werden – an aufgemeißelten Affenhirnen u.a.., und man sagt und schreibt dort „You“ – im Sinne von „Sie“! Da das Kapital immer mehr, über „Drittmittel“, die Forschung steuert, tun es ihm nun die ersten Bundesländer nach – im „Lenken“ – was die „Hochschul-Autonomie“ aber nur weiter zerschlägt. „Man ist politisch so auf Steuerung fixiert, dass die Frage, was eigentlich gesteuert werden soll und ob es sich steuern lässt, gar nicht mehr aufkommt,“ schreibt die FAZ.

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Nebenbeibemerkt gab es auch in den schön chaotischen Anfangsjahren dieser Hochschule an der Bremerhavener Autobahn einen „Gentleman“ (aus Hamburg, FDP-Mitglied), der von allen gesietzt wurde: der Uni-Kanzler, während der SPD-Präsident mit dem „Du“ geradezu protzte, denn es ging ja nicht zuletzt auch darum, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Einrichtung von mehr als ein Dutzend Reformunis in Westdeutschland sollte zum Einen mehr Arbeitern ein Studium ermöglichen (dazu gab es das „Begabtenabitur“, das so gut wie jeder bestand) und zum Anderen darum, die Rädelsführer der Studentenbewegung nachhaltig in das System zu integrieren (mit einer versprochenen „Drittelparität“). Kann jemand, der sich „integriert“ noch „integer“ sein? In den noch gegen den „Unibetrieb“ (den „Muff unter den Talaren“) gerichteten Versammlungen des SDS, vor allem auf der Delegiertenkonferenz 1967 hatten Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl den linken Studenten im Zusammenhang ihrer für sie vorgesehenen kleinbürgerlichen Perspektive bereits zu bedenken gegeben: „Das Sich-Verweigern in den eigenen Institutionsmilieus erfordert Guerilla-Mentalität, sollen nicht Integration und Zynismus die nächste Station sein.“

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Noch mal zurück zum FAZ-Feuilleton: „Snowdens Enthüllungen sind ein Erdbeben“. Im „konkret“-Feuilleton stieß ich am selben Tag auf einen Artikel von Jörg Kronauer, in dem er den Leser erklärte: „Warum es eine politische Dummheit ist, sich darüber zu ereifern, daß US-amerikanische Geheimdienste auch deutsche Quellen abschöpfen (und umgekehrt).“ Ähnliches hatte zuvor auch schon die Bild-Zeitung gesagt/getan, als sie im „NSA-Skandal“ mit der Überschrift rauskam: „Was Sie gegen die Überwachung tun können: 6 Tipps“. Dezentraler gehts nicht!

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Pharmakologisierung des Alltags

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Es gibt U-Bahnwaggons, in denen ausschließlich Werbetafeln für Weiterbildungsmaßnahmen und für Medikamententests hängen. Eine Werbung ist von einer Bio-Firma, die Tester für ein neues Mittel gegen Depressionen auf Johanniskraut-Basis sucht. Eine andere von einer Firma, die im Auftrag eines namhaften Arzneimittelherstellers laufend neue Versuchspersonen rekrutiert. Bei der dritten geht es um das Testen eines neuen Empfängnisverhütungsmittels, und bei der vierten sucht BayerSchering „junge Frauen, Nichtraucherinnen, nach der Menopause“. Die fünfte Firma umwirbt potentielle Versuchskaninchen mit dem zynischen Satz: „Testen Sie schon heute die Medikamente von morgen!“

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Bereits in den Siebzigerjahren suchte der Westberliner Pharmakonzern Schering immer wieder Leute, die seine neue Medikamente testeten. In meinem Bekanntenkreis meldeten sich vor allem „Drogenexperten“ zu solchen – gut bezahlten – Versuchen. Einmal, weil sie immer neugierig auf neue Drogen waren und zum anderen, weil sie wegen dieses „Hobbys“ ständig in Geldnot waren. Es ging ihnen dabei um neue psycho-physische Erlebnisse, auch wenn die jeweilige Scheringdroge nicht dafür, sondern eher dagegen gedacht war. Sie wußten sehr wohl, dass „es ein Unterschied ist, ob ein kreativer Mensch, der ein künstlerisches oder wissenschaftliches Ziel verfolgt, Drogen zu Hilfe nimmt, um sein Ziel zu erreichen, oder ob ein Mensch über den Umweg der ärztlichen Verschreibung eine Substanz nimmt, die von Sozialingenieuren der Pharmaindustrie entwickelt wurde, um ihn in eine Stimmung zu versetzen, die ihm hilft, die Realität zu verleugnen beziehungsweise zu verdrängen,“ wie der Drogenaufklärer Günter Amendt das sagte.

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Man weiß inzwischen, dass die meisten neuen „Wirkstoffe“ nicht auf bestimmte Krankheiten hin entwickelt werden, sondern diese mittels Tier- und Menschen-Experimente erst noch finden müssen. Das erfolgreichste Mittel in dieser Hinsicht war das US-Medikament „Paxil“ – für das man nach seiner Herstellung den neuen Begriff „Sozialangst“ erfand, gegen das diese Droge wirken sollte. Der Pharmakonzern half dazu Selbsthilfegruppen von „Sozialverängstigten“ zu gründen. Der für das Produkt verantwortliche Direktor bei Glaxo SmithKline verkündete stolz: „Jeder Anbieter träumt davon, einen unbekannten Markt zu entdecken und zu entwickeln. Genau das gelang uns bei der Sozialangst“.

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In der Le Monde Diplomatique berichtete der US-Philosoph Carl Elliott über die „Riesengeschäfte“ mit den „klinischen Studien“, in denen man neue Medikamente an Menschen testet. Sie werden mehr und mehr von aus den Konzernen outgesourcten Privatfirmen erstellt. Und diese rekrutieren ihr Menschenmaterial vornehmlich in Osteuropa.

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Der Anthropologe Kaushik Sunder Rajan erforschte in seinem Buch „Biokapitalismus“ bereits 2009, dass und wie westliche Pharmakonzerne ihre neuen Medikamente in Indien testen. Bei den Westberliner Medikamententestern aus meinem Mittelschichts-Freundeskreis kann man vielleicht noch von „Freiwilligkeit“ reden – nicht jedoch bei den indischen Arbeitslosen, die zudem meist gar nicht darüber aufgeklärt werden, dass an ihnen ein neues US-Medikament getestet wird. Die Pharmakonzerne und ihre Helfershelfer, die sie als Versuchskaninchen rekrutieren, werden immer dreister: In den USA bezeichnen sie diese „Probanden“ nun sogar als „Helden der Medizin“. Und Bioethiker des „National Institute of Health“ verkündeten, „im Grunde sei die Teilnahme an klinischen Tests für jeden Staatsbürger eine moralische Pflicht.“

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Die taz berichtete kürzlich über das soeben in den USA herausgekommene psychiatrische Handbuch (DSM-5) mit den neuesten psychischen Störungen: „Zum Beispiel die „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“ – die neue Bezeichnung für Wutausbrüche. Allen Frances hat bei der Vorgängerversion mitgearbeitet. „Wir sollten keine Pillen dagegen nehmen, Menschen zu sein“, sagt er heute. „Neue Diagnosen sind gefährlicher als neue Medikamente“, denn seien sie erst einmal in der Welt, würden sie auch aktiv diagnostiziert werden. So wächst die Zahl der krank gelabelten, derer mit Stigma. „Bevor eine neue Diagnose eingeführt wird, sollte sie eigentlich den gleichen Tests unterzogen werden wie neue Medikamente.“

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Der Spiegel meldete gerade: Bis zum Mauerfall testeten die westdeutschen Pharmakonzerne Bayer und Hoechst ihre neuen Medikamente in der DDR an „mehr als 50.000 Patienten“. Den Versuchskaninchen wurden „die Risiken“ offenbar ebenso „verschwiegen“ wie heute den indischen Arbeitslosen. Hier wie dort gab es dabei „viele Todesfälle“ (2011 in Indien 438). Aber es waren und sind „günstige Teststrecken“. Dies gilt nun anscheinend auch für die Berliner U-Bahnlinien – und ihre inzwischen verarmten Nutzer.

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Die „Zeit“ entdeckte unterdes noch einen anderen Ort für solche Werbung: „An den schwarzen Brettern der Unis locken heute immer mehr Zettel mit dem Hinweis auf gute Bezahlung zum Testen von Pillen und Pharmaka. Von Risiken liest man dort eher wenig. Auf beiden Seiten werden diese wohl in Kauf genommen.“

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A protester runs as a crowd control vehicle fires a water cannon during a protest at Taksim Square in Istanbul

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Rumtrödeln!

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Der Eskici – das ist ein türkischer Händler, der mit mehr oder weniger Hingabe Kullanilmis Esya (gebrauchte Waren) an- und verkauft. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu zitierte einen solchen Menschen in seinem Buch „Abschaum“: „Eines Tages, wir sind wieder im Flohmarkt, immer Flohmarkt, mein halbes Leben im Flohmarkt…“

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Mein Freund Fikret erwarb einen alten VW-Transporter, damit kaufte er über Kleinanzeigen Gebrauchtmöbel auf, die er anschließend auf dem Flohmarkt mit Gewinn wieder zu verkaufen versuchte. Das Geschäft dümpelte müde dahin, bis Fikrets Bruder seinen Laden in Kreuzberg aufgab. Damit versuchte er nun noch einmal sein Glück im An- und Verkauf als vollberuflicher Eskici. „Für alles muß man bezahlen. Am günstigsten sind natürlich die Versteigerungen, weil dort auch größere Posten billig zu haben sind, aber für mich sind sie noch zu teuer.“ Im Endeffekt geht es Fikret wie den meisten Trödlern in Berlin: Ihr Warenangebot besteht fast nur aus Unikaten. Selbst wenn es sich um ehemalige Massenprodukte handelt, sind sie zunächst derart durch einen persönlichen Gebrauch gegangen, daß sie quasi wieder zu einem Einzelstück wurden. 10.000 solcher Gebrauchsgegenstände besitzt jeder Bundesbürger im Durchschnitt. (Bei einem Ghanaer sind es nur siebenunddreißig!) Welche Dinge braucht der Mensch wirklich? Die große Anzahl wirkt hier wie ein Wohlstandspolster, das nun langsam und notgedrungen abgespeckt wird. Folglich entstehen immer mehr Trödelmärkte, auch im sogenannten Speckgürtel.

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Das war „früher“ ganz anders: 1970 gelang es meiner Freundin Ulrike, dass man in Westberlin Sperrmüll rausstellen durfte. Es wurde ein richtiges Stadtfest, so dass dieses Ereignis fortan regelmäßig wiederholt wurde. Aber bald hatten die „Eskici“ sich schon nachts die besten Sachen rausgesucht und es kam immer öfter zu Streitereien. Um das Ganze zu deeskalieren, schuf man an der Straße des 17.Juni einen Trödelmarkt, den der Galerist Michael Wewerka verwaltete. Bald fanden sich dort literaturkundige Studenten ein: Sie erwarben von den „Eskici“ für wenig Geld Bücher, die sie für teures Geld an der Uni weiterverkauften. Einige konnten sogar davon leben. Dieser Trödelmarkt ist inzwischen touristenüberlaufen und sauteuer, aber es gibt andere. Noch vor der Maueröffnung wurde der „Polenmarkt“ am Potsdamer Platz berühmt, für dessen Erhalt sich u.a. Cohn-Bendit einsetzte. Ich erwarb dort einmal zwei geräucherte Aale, die sich zu Hause als mit Pappe ausgestopft erwiesen.

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Auf dem Flohmarkt an der Schlesischen Straße entdeckte ich neulich einen Stand, an dem ein Kurde rostige Wolfsfallen verkaufte. Daneben gab es einen kleinen Stand, der 10.000 (!) verschiedene Fernbedienungen im Angebot hatte. Er gehörte Tina Vollmer und Ahmad Alik. Den Stand haben die beiden seit 1998, sie zahlen 180 Euro im Monat dafür. Ihre Kunden sind meist Studenten und Hartz-IV-Empfänger – „die kommen sogar aus Spandau und dem Umland“ – und haben ihre Fernbedienung (FB) entweder verloren, fallen gelassen, mit Flüssigkeit übergossen, wegen des schlechten Programms zertreten oder Hund, Katze oder Papagei hat das Plastikgehäuse zerbissen. Einmal kam ein Punk, dessen Ratte alle Knöpfe angeknabbert hatte. Die Fernbedienungen kosten zwischen 5 und 20 Euro, für Reparaturen zahlt man 10 Euro. „Die schwierigsten Kunden sind Geschäftsleute, die gar nichts bezahlen wollen, die einen dreist anlügen – nur um ein paar Euro zu sparen. Meistens sind es Leute aus Zehlendorf und Dahlem, die um den Preis feilschen. Und anschließend zahlen sie mit einem Hunderter. Die wissen nicht, sich in Armut zu benehmen.“

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Inzwischen gibt es an einigen Kirchen sogenannte „Trödelcafés“ und die Stadtzeitungen veröffentlichen regelmäßig Listen mit den „besten Flohmärkten Berlins“. Dazu gehören auch einige „Nachtflohmärkte“. Auf dem am Mauerpark interessierte ich mich einmal für 5000 alte Dias, die 20 Euro kosten sollten, ich hatte aber kein Geld dabei. Als ich das nächste Mal dort hinkam, waren es nur noch etwa 2000 – und sie sollten 150 Euro kosten. Alle Photos und Dias, die nach „altem Berlin“ aussehen, sind heiß begehrt, erfuhr ich.

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Statt gegen den Mietwucher der Berliner Immobilienkonzerne und -Wohnungsbaugesellschaften vorzugehen, der ganze Viertel asozialisiert, soll es nun deren leidenen Mietern an den Kragen gehen: All jenen – meistens prekär Beschäftigten die nicht mehr ihre immer wieder erhöhte Miete zahlen können. Sie müssen deswegen „zusammenrücken“, wie eine Boulevardzeitung schrieb, indem sie ein bis zwei vielleicht ehemalige Kinderzimmer oder Arbeitsräume opfern – um sie ab und zu für sagen wir 250 Euro im Monat an Touristen, Gaststudenten oder temporär hier Arbeitende zu vermieten. Es gibt nicht wenige Leute, die in dafür ungeeigneten Wohnungen leben und diese deswegen komplett vermieten, während sie in der Zeit bei Freunden unterkommen. Sie annoncieren ihre Vermietung zumeist im Internet.

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Zimmer oder ganze Wohnungen/Flats/Apartments tageweise zu vermieten – das bringt natürlich mehr: „Zwischen 50 und 80 Euro,“ behauptete das Magazin „Focus“ zu Anfang des Jahres in einem Artikel über den Bezirk Pankow, wo die Zahl der „illegal betriebenen Fremdenzimmer dramatisch zugenommen“ habe – davon sei der Grüne Stadtrat für Stadtentwicklung überzeugt. Der erwähnt darüberhinaus 1500 Wohnungen in Pankow, die „nicht mehr regulär vermietet werden, sondern tageweise an Touristen.“ Dies würde dem Vermieter drei- bis vier Mal so viel wie die Monatsmiete einbringen. Das sind in dem vornehm und ökologisch werdenden Bezirk vor allem Besitzer von Eigentumswohnungen aus dem Westen, die nach wie vor woanders leben oder sogar mehrere Immobilien besitzen – die sie deswegen gerne mal für eine zeitlang vermieten oder Freunden überlassen. Die immer immobilienfreundliche Berliner Morgenpost war sich dann auch sogleich sicher: „Einige Eigentümer geraten zu Unrecht ins Visier der Behörden,“ die bei günstiger Beweislage „hohe Strafen“ (bis zu 50.000 Euro) verhängen können. Überhaupt seien „Wohnungsnot und Umnutzung von Wohnraum im Wahlkampf zu wichtigen Themen avanciert. Die Schuld für steigende Preise wird dabei gerne bei Vermietern gesucht. Fehler in der Raumplanung und Stadtentwicklung werden weniger gern zugegeben.“ Mit solchen Darstellungen wird das Problem der massenhaften Untervermietung aus Armut unter den Tisch gekehrt und bleibt eins von Immobilienbesitzern und Politik.

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In Hamburg hat man bereits 1982 ein „Wohnraumschutzgesetz“ erlassen. Wenig später wurde dies auch in Westberlin diskutiert – als in Charlottenburg reihenweise Altbauwohnungen für Anwalts- und Arztpraxen „freigemacht“ wurden, weil sie mehr Miete einbrachten. In Hamburg fällt das gelegentliche Vermieten des privaten Erstwohnsitzes nicht unter das „Zweckentfremdungsverbot“, es unterscheidet dabei jedoch nicht zwischen dem dadurch erzielten Nebenverdienst eines Immobilienbesitzers und dem eines Mieters, der ohne gelegentliche Untervermietung seine Miete nicht mehr zusammenkriegt. In Berlin, aber auch im noch teureren Hamburg und München, trifft das zigtausende. Die Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften und Mietervereine bezeichnen Berlin als „Problemregion Nummer 1“: Etwa ein Viertel der Bewohner (880.000 – nicht gerechnet die „Illegalen“) sei von Armut bedroht.

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Wehren tun sich gegen die „Internetrecherchen“ der Stadtverwaltung, die an den ganzen privat untergekommenen Berlinbesuchern mitverdienen will, bislang nur die Wohnungs- und Hausbesitzer: „Ein massiver Eingriff in die Grundrechte, das Recht auf Eigentum wird angegriffen,“ meinen ihre Anwälte. Eine Studie der Humboldt-Universität schätzte die Zahl der „Touristen-Apartments“ in Berlin auf 7000, deren Eigentümer haben sich jetzt laut Morgenpost zu einer „Apartment-Allianz“ zusammengeschlossen, ein Sprecher erklärte kürzlich auch, warum: „Ferienwohnungen seien eine Bereicherung für die Stadt“. Die armen Mieter dagegen, die gegen Bezahlung gelegentlich „Gäste“ in ihre Wohnung aufnehmen, ziehen eher den Kopf ein – und hoffen, nicht erwischt zu werden mit ihrer Schwarzvermietung, und dass ihre „Gäste“ sich gegenüber den anderen Mietern im Haus anständig verhalten und keinen Krach machen. Vor einiger Zeit überließ der Mieter über mir seine Wohnung zwei bulgarischen Touristen – und ging wohlgemut auf Reisen. Die Bulgaren hatten gute Gründe, sich unauffällig zu verhalten: Es waren Schlepper, die auf Geld von vier im Wedding anschaffende Prostituierte warteten, wie später die Polizei herausfand, als sie in der verlassenen Wohnung die Pässe der Frauen unterm Teppich fand.

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„Vorwärts, und nicht vergessen…“

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Ein US-Mediziner meinte: Immer mehr Männer nehmen Viagra, immer mehr Frauen Botox. Gleichzeitig nimmt die Zahl der an Alzheimer erkrankten zu. Irgendwann werden die Leute alle vergessen, wozu sie das genommen haben. Kaum war dieser Witz rum, da meldete die Presse: Die Demenzerkrankungen nehmen derart zu, dass bereits „von einer globalen Epidemie die Rede ist“. Mit diesem Alarmismus hatte man einen „G-8-Demenzgipfel ausgerufen“. 2030 werden angeblich 76 Millionen Menschen mit Demenz leben, 2050 bereits 130 Millionen. Dabei ist die Zahl der Betroffenen, um deren „Versorgung“ es „heute und zukünftig“ ging, unter den über 70jährigen durchaus rückläufig. Erklärt wird dies mit deren zunehmend „gesünderen Lebensstil“ und einem „höheren Bildungsgrad“. Gefordert wurde desungeachtet mehr Toleranz für Menschen mit „kognitiven Einschränkungen“ als Teil unserer „Lebenswirklichkeit“. Mit anderen Worten: Wir kriegen es mit immer mehr Gedächtnisschwachen zu tun, die zunehmend jünger werden. Nur Mut! Kaum hatte ich das gelesen, war mir schon entfallen, wo es stand, weil ich mehrere Zeitungen durchgeblättert hatte und zwischendurch wiederholt auf dem Handy angerufen worden war.

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Eine Theorie geht dahin, dass die ganzen Funkstrahlen, die Tag und Nacht durch unser Gehirn rasen, dieses zersetzen – ganze Partien werden matschig. Ein scheußlicher Anblick. Auf vielen Routern, die man für den Internetempfang in der Wohnung anschließt, steht die Warnung: Nicht im Schlafzimmer aufstellen. Neulich installierte man einen kleinen Router direkt neben eine Yuccapalme in der Nähe meines Schreibtisches: Nach acht Wochen waren alle Palmblätter in der Nähe des Geräts verdorrt. Einer Imkerin, die vier Bienenstöcke auf dem Dach ihres Mietshauses in der Görlitzerstraße aufgestellt hatte, starben zwei ihrer Völker, kurz nachdem man drei Häuser weiter einen Handy-Funkmast auf dem Dach installiert hatte. Der Kreuzberger Stadtteilladen in der Skalitzerstraße veröffentlichte daraufhin eine Broschüre mit Forschungsergebnissen über die Gefährlichkeit dieser Funkstrahlen. Das Umweltbundesamt schreibt in einer Internet-Warnung: „Anlagen zur Stromversorgung, Elektrogeräte sowie eine Vielzahl von Sendeanlagen für verschiedene Funkanwendungen erzeugen nichtionisierende Strahlung (NIS). Je nach Intensität kann dieser Elektrosmog die menschliche Gesundheit beeinträchtigen.“ Die Feststellung und Messung dieser Strahlenrisiken (wozu es inzwischen eine ganze Reihe von Geräten für den Hausgebrauch im Handel gibt), sowie auch die ständige Vermehrung der Strahlenquellen durch immer neue „Kommunikationskanäle“ obliegt den „exakten (Natur-)Wissenschaften“ und ihren Anwendern. Gleichzeitig wird die auch die steigende Zahl der Demenzerkrankten und der „Stimmenhörer“ von Wissenschaftlern auf diese Strahlenquellen zurückgeführt. Wenn sie nicht – wie einige US-Forscher – „den Mangel des Proteins RbAp48 im Gehirnteil Hippocampus als Hauptfaktor beim Nachlassen des Erinnerungsvermögens identifizieren“ oder „mangelnden Tiefschlaf“ dafür verantwortlich machen.

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Nun gibt es dafür aber auch noch ganz andere Erklärungen: Mit den elektronischen Rechnern und Telefonen lagern wir immer mehr „Informationen“ aus unserem Gedächtnis aus – in externe Speicher. Ein junger Taxifahrer erzählte mir, dass seine Stadtkenntnisse, die er besaß und für die Taxischeinprüfung noch enorm vermehrt hatte, zunehmend verschwinden – seitdem er sich fast nur noch nach seinem „Navi“ richtet: „Das ist bequem, macht aber ortsunkundig und dumm,“ meinte er. Ähnliches passiert mir, seitdem ich mich nicht mehr bei Kollegen oder in Nachschlagewerken kundig mache, sondern einen Begriff, Ort oder Name schnell mit Google suche. Das Gedächtnis wird „entlastet“ dadurch, sagt man, es hat aber bloß die Funktion des Erinnerns. Wenn man sich an dieses oder jenes nicht mehr zu erinnern braucht, verkümmert es. Das ist ja gerade der Sinn vieler „Gedächtnistrainings“-Programme: dieser Verkümmerung entgegen zu wirken. So sollen z.B. das Wandern und Yogaübungen den im Alter schrumpfenden Hippocampus wieder vergrößern. Gingko und Ginseng helfen dagegen gar nicht. Leonard Cohen und seine Freundin Anjani empfehlen stattdessen, den „Gedächtnisschwund“ hinzunehmen, denn „damit kommt man schon sehr weit,“ meinen sie. So ähnlich sehen das auch erfahrene Altenpfleger, wenn sie über ihre sog. Demenzkranken insgeheim denken: „Die wollen doch vergessen!“

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Was soll der Scheiß?

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Die Kreuzberger Bürgermeisterin will im Görlitzer Park, wo die afrikanischen Drogendealer immer wieder von der Polizei brutal aufgestört werden, einen „Coffeeshop“ genehmigen. Sie hat damit erneut eine Diskussion über die Legalisierung „weicher Drogen“ angestoßen, die nun – nach „Colorado“ – auch wohl zu einem positiven Resultat führen wird.

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Der Drogenexperte des Kreuzberger Urbankrankenhauses, Michael de Ridder, erinnerte unlängst in einer großen Studie daran, dass Deutschland einst der größte Heroinproduzent der Welt war. Bayer produzierte es als Pulver, Mixtur, Saft oder Zäpfchen, für Frauen gab es heroinhaltige Tampons. Während Schweizer Chemieunternehmen damals Kokain in alle Welt exportierten. Es ist noch immer, zusammen mit diversen Designerdrogen und Veterinärmedikamenten, auf Partys eine große Amüsierhilfe.

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Der oft gebrauchte Begriff Marihuana ist laut der Erfurter UNZ – „Unsere Neue Zeitung“ –  eine Erfindung der Amerikaner aus den 20er Jahren. Als man versuchte gegen Mexikaner, Hispanics und Schwarze Stimmung zu machen, schufen Behörden und Rechtspresse kurzer Hand dieses fremd und bedrohlich klingende Wort. Der rassistische Unterton, dass „Nigger“ berauscht vom Mörderkraut den „Teufelsjazz“ spielen, um danach weiße Frauen zu vergewaltigen war in den USA besonders widerlich, fand sich aber auch in Ägypten oder im Apartheidsstaat Südafrika. Als die USA in den zweiten Weltkrieg eintraten änderte sich die Haltung und das 1937 eingeführte Verbot wurde wieder aufgehoben. „Hemp for Victory“ (Hanf für den Sieg, ein Propagandavideo gleichen Titels ist bei youtube zu bestaunen) hieß nun die Devise, unter der alle Söhne von Hanfbauern vom Militärdienst freigestellt wurden. Schließlich war Hanf Jahrhunderte lang ein unverzichtbar regenerativer Rohstoff, aus dem man von Segeltuch bis zum Hühneraugenmedikament alles herstellen konnte. Nach dem Sieg über den Hitlerfaschismus war der Hanf als Droge, bzw. Medizin und als Rohstoff der Chemie- und Pharmaindustrie ein gewaltiges Dorn im Auge. Der US-Chemieriese DuPont hatte gerade Nylon auf den Markt gebracht, das mit der Hanffaser nicht mithalten konnte. Mit Hilfe des ultrarechten Medienmoguls Randolph Hearst und seinem politischen Freund Harry J. Anslinger wurde eine beispiellose Hass- und Lügenkampagne gegen Cannabis gestartet. In deren Folge wurde bis in die siebziger Jahre Cannabis nahezu weltweit verboten und mit Opiaten auf eine Stufe gestellt. Alles nur, um die Profite der Industrie zu sichern. Gleichzeitig wurde Cannabis zum Symbol einer durch Rassismus polarisierten Gesellschaft, nicht nur in den USA.   

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Mit der internationalen Studentenbewegung wurde desungeachtet oder gerade deswegen das Haschisch wieder populär – zunächst in der Subkultur: beginnend mit dem Slogan „Sex & Drugs & Rock ’n‘ Roll“ und den militanten „Haschrebellen“ bis hin zur heutigen „Hanfparade“. Trotz gestiegenem THC-Gehalts wurde daraus dann eine „softe“ Arbeits- und Freizeitdroge, wobei die HartzIVler gern billiges „Gras“ aus hiesigem Anbau kaufen. Hasch ist eine Volksdroge geworden – ähnlich den Alkoholika, die man in Deutschland auch privat herstellen darf. Nur dass man – völlig irrsinnig – bereits mit 0,1 Nanoprozent THC im Blut den Führerschein verliert. In den umliegenden Ländern ist die Obergrenze bedeutend höher. Hier werden zudem laufend neue Meßgeräte für die Polizei angeschafft. Neulich wurde schon ein taz-Mitarbeiter auf dem Fahrrad angehalten und auf THC getestet. Näheres findet man in dem soeben im Schweizer Nachtschatten-Verlag erschienenen Buch von Theo Pütz: „Cannabis und Führerschein“ – mit einem Vorwort des taz-Drogenexperten Mathias Broeckers.

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Schon Ende der Siebzigerjahre hatten Polizisten bei Razzien in linken Wohngemeinschaften auf dem Land die gelegentlich dort gezüchteten Hanfpflanzen unangetastet gelassen und höchstens lachend bemerkt: „Das wäre was für unsere Kollegen von der Rauschgiftfahndung.“ Die galten aber als Deppen, weswegen sie ihnen nie etwas verrieten. Mit der Zeit wurde das Haschisch ähnlich behandelt wie Bordelle vor dem Prostitutionsgesetz, also „in Maßen geduldet“.

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Nun gibt es den Kreuzberger Vorstoß, es zu legalisieren – und dafür einen quasi normalen Markt zu schaffen. Ein Coffeeshop im Görlitzer Park würde wohl wegen der Massen ausländischer Jungtouristen in Berlin mindestens ebenso belagert werden wie jetzt der vegane Döner- und Curry 36-Imbiss am Mehringdamm. Hinzu kommt, dass sich dann noch mehr (männliche) Jugendliche als jetzt zudröhnen werden und auf der anderen Seite der Warenkette der Reemtsma-Konzern mit zehn eigenen Sorten auf den Markt kommt; schon bald gehören ihm auch sämtliche „Head-Shops“, die modern umgestylt werden. Alle Hasch-Anbauer und -Dealer gehen kaputt. Zuerst die Afrikaner mit ihrem Straßenverkauf, dann auch die geschäftstüchtigsten und gut versteckten kleinen „Scene“-Existenzen. Im Kreuzberger Görlitzer Park hat man die Dealer schon mit „Baumaßnahmen“ vertrieben, jetzt warten sie an der Bushaltestelle Görlitzer Bahnhof auf Kunden, wobei sie ihre kleinen Päckchen auf dem Dach des Buswartehäuschens deponieren. Einige ihrer Kunden begreifen die Vertreibung der Afrikaner aus dem Park schon als eine vorbereitende Maßnahme für den legalen Haschisch-Verkauf dortselbst? Ist diese kapitalistische Durchregulierung ein Fortschritt?

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Gegen die anarchistische Sicht auf das „Drogenproblem“ wird stets eingewandt, dass eine Durchregulierung – vom (Öko-) Anbau über die industrielle Verarbeitung bis zum (Bio-)Coffeeshop – die Qualität des Stoffes garantieren würde.

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Aber schon die kleine Lösung „Cannabis auf Rezept“ ist mit geradezu irrsinnigen Auflagen verbunden, zudem wird dieses THC-haltige Produkt chemisch von Pharmakonzernen hergestellt und an Apotheken verkauft, wo man es dann gegen Vorlage eines Rezepts in der Handelsform „Sativex“ als Mundspray bekommt. Zahlen muss man es selbst. Die „Behandlung“ kostet laut S.Z. „mehrere hundert Euro pro Monat“.

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Was soll dieser ganze Kontroll-Scheiß? Die S.Z. schreibt treudoof: „Cannabis auf eigene Faust anzubauen oder zu kaufen, ist auch für Kranke illegal. Und auch unter medizinischen Gesichtspunkten ist die Selbstmedikation nicht zu empfehlen. Patienten haben keine Sicherheit über die Konzentration der Inhaltsstoffe und niemanden, der die Therapie überwacht.“

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Überwachen und Strafen – muss man alle Bereiche damit überziehen? In Brandenburg hat man unlängst sogar das Sammeln von Heilkräutern und Gewürzpflanzen und ihren Verkauf auf Wochenmärkten verboten. Das dürfen jetzt nur noch lizensierte Pharmakonzerne. Hunderte von Kräuterfrauen verloren ihren kleinen Nebenverdienst. Das ist doch eine Riesensauerei!

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Cyber-Bankräuber

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Eigentlich sollte man doch froh sein, wenn immer mehr Kriminelle, statt mit roher Gewalt zu arbeiten, ihr Gehirn benutzen: „Die herkömmlichen Banküberfälle gehen stark zurück“, titelte die Berliner Zeitung in der Rückschau zu ihrem Bericht über die internationale Bande von „Cyber-Bankräubern“, die rund 50 Millionen Dollar/Euro erbeutete, indem sie sich u. a. in den Computer einer indischen Firma einhackten. Dabei kamen sie an Geheimnummern von Kreditkarten arabischer Banken, mit denen die Sympathisanten der Hacker dann an Tausenden von Geldautomaten Erfolg hatten. Im Neoliberalismus zählt nur der Erfolgreiche – und als solche fotografierten sich die Täter auch: mit dicken Geldbündeln in der Hand, zur Freude der Ermittler.

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Es fällt ein Wermutstropfen auf die schnelle Aufklärung gerade dieses Verbrechens: Hat man uns nicht alle gezwungen, nach der Deindustrialisierung des Westens und seiner Ökologisierung auf die Wertschöpfungstiefe von Algorithmen zu setzen? Es können nicht alle fest angestellte Wolfs- oder Wattenmeerschützer werden! Millionen haben sich deswegen zu Webpage-Gestaltern und Ähnlichem umschulen lassen. Viele resignierten jedoch vor der neuen Technologie und kehrten in die Muckibuden und Bräunungsstudios zurück oder ließen sich als Club-Türsteher oder Fahrkartenkontrolleur „unterbringen“.

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Der kürzlich verstorbene Medienwissenschaftler Friedrich Kittler hielt nicht viel von den „Hackern“, auch das Internet ließ ihn kalt: Zuvörderst müssten wir die „Hardware“ durchdringen, meinte er; so wie einst Millionen von Kfz-Lehrlinge den Ottomotor. Denn unsere „Unkenntnis“ ist laut Kittler „selbst Effekt von Programmierungen einer marktbeherrschenden Softwareschmiede“, die sich anheischig macht, die „User“ schon bald ebenso wie ihre Computer zu „programmieren“.

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Der global organisierte Hack war ein Akt des Widerstands dagegen, auch wenn die nichtkriminellen Investmentbanker darüber lachen mögen. Die bürgerliche Presse schrei(b)t schon mal – im Interesse der „Geschädigten: der Banken“ – nach mehr „Sicherheit bei den modernen Bezahlsystemen“. Soll sie! Es ist ein Hase-Igel-Rennen: Schon seit den Achtzigerjahren müssen die Hersteller elektronischer Kassen jedes Jahr ein neues Modell auf den Markt bringen, weil die daran Beschäftigten sie bis dahin „geknackt“ haben. Natürlich gibt es nach wie vor handarbeitende Brutalos wie die Mircea-Bande, die die Geldautomaten in den ländlichen Sparkassen Brandenburgs mit Lastwagen aus ihrer Verankerung reißen und dann damit abhauen. Dass es aber neulich Nachahmer gab, die stattdessen mit dem Kontoauszugsdrucker abhauten, darf eigentlich nicht mehr vorkommen: Überall bieten die Volkshochschulen inzwischen Computerkurse an.

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Amüsierpöbel im Anflug

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Zwar steigt die Zahl der Berlinbesucher noch immer – 182 Millionen waren es 2011, wovon 11 Millionen hier übernachteten und dafür auch zahlten. Es kommen noch immer mehr jüngere als ältere Touristen und viel mehr Mädchen als Jungs. Wieso? Auch die Jungs würden natürlich gerne mit ihren „Torten“ mal nach Berlin fliegen, aber: Sie haben den Abflugtag verpennt/ Nicht genug Geld zusammengekriegt/ Es vorab für Parties und Drogen ausgegeben (Mädchen lassen sich die „weichen Drogen“ meist schenken)/ Oder es reichte ihnen schon die Idee, für wenig Geld einfach mal nach Berlin fliegen zu können, um die sagenhafte Clubscene dort kennen zu lernen.

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Die Jungs wohnen meist noch bei ihrer Mutter. Sie lassen sich von ihr kleine Geldbeträge zustecken und größere Schulden bezahlen. In einem Kreuzberger Computerkurs für alleinerziehene türkische Mütter kam heraus, dass alle mindestens einen Sohn hatten, dessen Handyschulden von einigen tausend Euro sie schon mal begleichen mußten. Sie schicken ihn aber notfalls auch zum Friseur und ins Bad, beziehen sein Bett regelmäßig neu, bekochen und umsorgen ihn, und bewundern ihn am Liebsten. Wozu allerdings eine gehörige Portion mütterliche Verblendung gehört. Über die Folgen hat der Schweizer Männerforscher Walter Hollstein eine erste Statistik veröffentlicht: 39% der 18- bis 34jährigen Männer leben bei ihrer Mutter, von den 30jährigen sind es noch 14%, von den 40jährigen 5%. Scheidungen gingen in den vergangenen 40 Jahren zu 75% von den Frauen aus. Während die weibliche Erwerbstätigkeit kontinuierlich steigt, nimmt die männliche ebenso kontinuierlich ab, in den USA spricht man von einer „Hecession“. In Eisenhüttenstadt wurden auf einer Jobmesse Jungs Stellen als Mechatroniker angeboten, aber es gab keinen, der dazu die Mindestvoraussetzung – schlechtestens eine vier in Mathematik – erfüllte. Daneben hat man kürzlich ermittelt: Jeder vierte deutsche Lehrling bricht seine Ausbildung bzw. Festanstellung vorzeitig ab, zumeist weil er laut Bild-Zeitung denkt: „Mit Hartzen und Schwarzarbeit kommt man auch durch.“ Es ist, folgt man Walter Hollstein, dringend geboten, statt der Mädchen endlich die Jungs zu fördern – und nicht nur zu fordern.

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Denn diese Brut wirkt durch ihren steigenden Drogenkonsum nicht nur immer verpeilter – sie ist es auch recht eigentlich, und zwar in wachsendem Maße. Nun kann man sagen: diese Jungen-Generation kann man auch einfach abschreiben: Sie gehören eben zu den mittlerweile in die Milliarden gehenden Menschen, die der Historiker Eric Hobsbawm „die Überflüssigen“ nennt. Auch Berlin tut eine solche Abschreibung gut. Man stelle sich nur mal vor, statt der jungen und klugen, zudem gut aussehenden Mädels im Einzugsbereich der Billigflieger würden immer mehr von diesen lauten und selbstgefälligen Jungs – vollgedröhnt mit Becks und Designerdrogen durch das Weichbild der Stadt gröhlen – die überall hinpissen und unangenehm nach Döner riechen; am Schlimmsten sind die mit Baseball-Kappe verkehrt rum auf dem Kopf und darüber große Kopfhörer…

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Das türkische Ehepaar im Spätkauf nebenan überlegt sich schon, ob es nicht jedesmal zumachen soll, wenn englische Juveniltouristen übers Wochenende in Kreuzberg einfallen. In Krakau hat die Stadtverwaltung ihretwegen sogar ein generelles Bierverbot nach 22 Uhr erwogen. Sie hatte dafür die Unterstützung breiter Kreise der Bevölkerung, doch die Idee verstieß gegen irgendein EU-Gesetz. Berlin kann dafür dankbar sein, dass seine Fußballvereine, allen voran „Hertha“, nur solche Luschen aufs Spielfeld schicken, die gerade mal ein Publikum aus dem unmittelbaren Umland anlocken. Kein Wunder, dass sich hier der Frauenfußball immer größerer Beliebtheit erfreut, wo doch sämtliche Stadtmarketing-Prognosen dahin gehen, dass der Anteil der jungen Frauen am Berlintourismus noch zunehmen wird.

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Eine Blitzumfrage am Heinrichplatz unter spanischen und norwegischen Mädels ergab: Wenn man sich richtig amüsieren will, stören die Jungs nur/ Sie quengeln die ganze Zeit rum und Haben kein Interesse an der Kultur hier/ Wollen nur in irgendwelchen Billigkneipen sitzen, wo sie stundenlang bleiben können, um zu trinken und dumme Witze zu erzählen/ Außerdem kommt man mit ihnen in viele Clubs nicht rein, weil sie so verboten aussehen/ Und alles, was man sonst vorschlägt, finden sie Scheiße./

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Eine Amerikanerin erzählt, sie sei schon mal mit einer gemischten Gruppe in Berlin gewesen: „Man glaubt es nicht – unsere Jungs sind die ganze Zeit im Hostel geblieben – und haben sich im Aufenthaltsraum amüsiert – bzw. gelangweilt. Eine Friesin aus Jever kennt eine Jungs-Clique dort, die jedes Jahr 10 Tage in einer Pension am Wittenbergplatz übernachtet – und ausschließlich das Europacenter besucht.

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Ein ehemaliger Student aus Frankfurt/Main erinnerte an die Antwort des US-Präsidentenberaters Zbigniew Brzeziński, auf die Frage, wie man denn die Millionen durch Rationalisierung, Automatisierung, Auslagerung und Privatisierung arbeitslos gewordener Menschen ruhig halten könne: mit „Tittitainment“! „Insofern wir uns dem jetzt freiwillig aussetzen, halten wir uns erst mal in Schwung.“

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Am Hackeschen Markt behauptet eine Gruppe nicht mehr ganz junger Männer aus Graz, sie würden jedes Jahr eine andere deutsche Stadt besuchen, wo sie einige Bordelle und den Zoo besuchen, in Berlin gefiel ihnen vor allem das Aquarium. Eine Jungmännergruppe aus Holland, die auf ernsthafte Frauenbekanntschaften in Berlin aus war, verstand die Berliner Halbwelt nicht mehr, als ihnen ein über und über tätowierter Türsteher vorm „KitKat-Clubs“ sagte: „Ohne Frauen kommen Sie hier nicht rein!“ Das passierte ihnen dann auch noch vor einige anderen Clubs. Nach einer Reihe unangenehmer Anmachen von Frauen durch Männer beschloß der Berliner „Clubrat“ sogar einmal, keine orientalisch aussehenden Jungs mehr in seine Schuppen zu lassen, das Kaffee Burger hielt sich jedoch nicht daran. Dafür brachten dann gleich mehrere Kreuzberger Cafés und Kneipen Schilder an – mit der Aufschrift: „Wer hier Frauen, Lesben, Schwule oder Transen anmacht, fliegt raus!“ Dabei sind die als „Anmachschuppen“ bekannten Etablissements die am meisten frequentiertesten.

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Neue Agora

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Rückblick auf ein dreitägiges „Refugee-Tribunal“ auf dem Mariannenplatz, es endete mit einer Demonstration durch Kreuzberg und Neukölln. 300 Leute beteiligten sich, die Liste ihrer Forderungen war lang – aber bekannt. Es geht um eine würdigere Behandlung der Flüchtlinge vor allem aus den afrikanischen und arabischen Ländern: „Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört.“ Seit Oktober, im Anschluss an ihren Marsch der Würde, der sie nach Berlin führte, zelten etwa 50 von ihnen auf dem Oranienplatz, wo sie für ihre Forderungen werben: Bleiberecht, Abschiebungen stoppen, Abschaffung der Residenzpflicht, eine bessere medizinische Versorgung in den Flüchtlingsheimen.

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Wie zum Beweis, dass die vom Tribunal wegen ihrer „rassistischen Politik“ angeklagte Bundesrepublik sich wirklich bemüht, Ausländern das Leben hier so unangenehm wie möglich zu machen, wurden Flüchtlinge aus einer Halberstädter Asylunterkunft, die an dem Aufmarsch teilnehmen wollten, von einem Polizeiaufgebot in Magdeburg an der Weiterfahrt gehindert. Am Samstag zog die Polizei gleich hinter der Solidaritätsdemonstration auf dem Kottbusser Damm einen Minibus mit einer Romasippe aus dem Verkehr. Wie überhaupt und ständig arabisch oder türkisch aussehende junge Männer von den „Ordnungskräften“ nächtens aus dem Weichbild der Städte herausgegriffen und gedemütigt werden.

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Dem Staat, dieses „kälteste aller kalten Ungeheuer“ (Nietzsche), hielten die Tribunal-Teilnehmer die Utopie der „sans papiers“ entgegen: „No Borders – No Nations“. Tatsächlich gab es eine Zeit – bis zum Ersten Weltkrieg -, da man sich ohne Papiere in Europa frei bewegen konnte, der Exilant Stefan Zweig hat daran oft und gerne erinnert. Während des Zweiten Weltkriegs konstatierte Bertolt Brecht in seinen „Flüchtlingsgesprächen“: „Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandekommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals.“ In der 68er-Bewegung unterschied man zwischen „politischen“ und „Wirtschaftsflüchtlingen“ – nur den ersteren wollte die Linke „Asylrecht“ erkämpfen. „I pitty the poor immigrants,“ sang Bob Dylan. Und nun heißt es: „Die Fackel der Befreiung ist von den sesshaften Kulturen an unbehauste, dezentrierte, exilische Energien weitergereicht worden, deren Inkarnation der Migrant ist.“ So sagte es der Exilpalästinenser Edward Said. Für den englischen Publizisten Neal Ascherson sind die „Flüchtlinge, Gastarbeiter, Asylsucher und Obdachlosen zu Subjekten der Geschichte“ geworden. Der polnische Künstler Krzysztof Wodiczko zog daraus den Schluss: „Der Künstler muß als nomadischer Sophist in einer migranten Polis aufzutreten lernen – auf ihren neuen Agoren, den Plätzen, Märkten, Parks und Bahnhofshallen der großen Städte.“

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Und da war sie nun, diese Agora: in der Mitte des Mariannenplatzes. Dort hatten die Migranten ein Podium aufgebaut und ringsum Holzwände mit Fotos aufgestellt, die ihre Situation in den von Hunger, Arbeitslosigkeit und Bürgerkrieg heimgesuchten „Herkunftsländern“ und ihre deprimierende Unterbringung in den hiesigen Flüchtlingslagern zeigte. Besonders übel war eines, in dessen Eingang die Heimverwaltung ein großes Transparent gehängt hatte, mit der Aufschrift: „Herzlich willkommen“. Den Rednern auf dem Tribunal zuzuhören war anstrengend: Sie sprachen zwar „loud and clear“, aber alles musste in mehrere Sprachen übersetzt werden. Über die drei Tage kamen einige tausend „Sympathisanten“ und „Asylanten“, dennoch waren zur selben Zeit immer nur wenig mehr als 100 Leute auf dieser Agora. Bei ihrem Dauercamp waren zuvor sogar Stimmen laut geworden, die wieder „ihren“ alten, „sauberen“ Oranienplatz verlangten, die Migranten mithin weghaben wollten: zurück in ihre unsichtbaren Aufnahmelager.

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Seit einiger Zeit gibt es jedoch ganz in der Nähe, am Kottbusser Tor, ein weiteres Dauercamp: von Sympathisanten der Aufständischen in Istanbul, gleich neben der schon fest etablierten Dauerwache der Mieterinitiative „Kotti & Co“, die für ein „Residenzrecht“ der Einkommensschwachen in den von Gentrifizierung bedrohten Innenstadtvierteln kämpft. Hier wurde dieser Tage die halbe Nacht lang diskutiert, am türkischen Dauercamp dagegen getanzt. Zwischen Mariannenplatz, Oranienplatz und Kottbusser Tor wurde und wird also den Touristen schwer was geboten. Schwere Kost, aber dafür waren die meist jungen Euro-Fighter ja auch extra nach Berlin geflogen. Anfang 1914 gibt es die drei Protestcamps noch immer.

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Power to the Bauer

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Im Januarheft der „unabhängigen Bauernstimme“ agitiert der Bio-Milchbauer aus Stolpe im Kreis Plön Matthias Stührwoldt für die Teilnahme an der erneut in Berlin am 18.1. stattfindenden Bauern-Großdemo „gegen Agrarindustrie und für bäuerliche Landwirtschaft“. Er will mit seinem Traktor daran teilnehmen. Die zu der Zeit stattfindende „Grüne Woche“ geht ihm „am Arsch vorbei,“ schreibt er, obwohl wir dort schon mal zusammen aufgetreten sind – in der Halle der Landwirtschaftsministerin (Künast), wo er natürlich mit seinen schönen Texten über Glanz und Elend der eigenen „kleinen Bauernwirtschaft“ (K.Marx) in die selbe Kerbe wie die Demo haute. Damals kam er mit dem ICE nach Berlin, jetzt absolviert er die 360 Kilometer mit 35 km/h auf seinem „Landini“. Viele Bauern werden mit ihrem Traktor kommen, auch für sie gilt: „Ja, ich habe etwas zu verlieren,“ wie Stührwoldt schreibt – nämlich: „einen Hof, der seit 1911 in Familienbesitz ist.“

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Die mit der Eisenzeit aufgekommenen kleinen Bauernwirtschaften und Handwerksbetriebe sind in ihrer etwa 3000jährigen Geschichte schon oft untergegangen – aber nicht kampflos. Berühmt wurde der „Große Deutsche Bauernkrieg“ und die schleswig-holsteinische „Landvolkbewegung“. Karl Marx hielt ihr Überleben nur in Russland, wo die Bauernfamilien noch als Dorfgemeinschaft (Obschtschina) wirtschafteten, für möglich – und auch das nur, wenn diese agrarischen Kommunismen von der großen proletarischen Revolution quasi aufgefangen würden. Ansonsten würden diese Dorfgemeinschaften durch Privatisierung des Kollektiveigentums an Boden durch einzelne Kleinbauern langsam verschwinden – und diese den Großbauern und zuletzt den Agrarkonzernen weichen. In Europa sei dieser Prozeß bereits so gut wie vollendet, darum sei es „unsere Pflicht,“ so Friedrich Engels, den letzten „Bauern die absolute Rettungslosigkeit ihrer Lage klar zu machen.“

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Der Wiener Soziologe Roland Girtler veröffentlichte 1996 ein Buch über den „Untergang der bäuerlichen Kultur“ – mit dem Titel „Sommergetreide“, und 2002 eine Studie über „Echte Bauern“, die es nur noch im indischen Gujarat und im rumänischen Siebenbürgen gäbe. Gleich am Anfang heißt es da, „daß sich seit über 5000 Jahren, als der Mensch seßhaft wurde, in unseren Breiten nicht soviel geändert hat wie nach dem letzten Krieg und vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als bei uns die alte bäuerliche Kultur allmählich zu Ende ging.“ Der „echte Bauer“ stellt laut Girtler „so ziemlich alles, was er zum Leben braucht, selbst her. Er übersteht Krisenzeiten wie Kriege mit Würde und Tüchtigkeit. Er widerspricht einer langweiligen, konformistischen Konsumkultur.“ Heute hingegen werde der Bauer „dirigiert und geknecht“. Er ist vielerorts zum bloßen Heimarbeiter der Agrarindustrie heruntergekommen. Ein emsländisches Ehepaar, beide Agraringenieure und Schweinezüchter, meinte: „So haben wir uns die Landwirtschaft nicht vorgestellt“ (als sie anfingen).

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Und dennoch besteht selbst in diesen „modernen Familienbetrieben“ heute noch die ursprüngliche Einheit von Hand- und Kopfarbeit fort. Mehr und mehr wird das regional ausgeprägte bäuerliche Wissen allerdings abgelöst vom global gültigen Ingenieurdenken – das gilt für das Zuchtvieh und das Saatgut ebenso wie für die Maschinen und Geräte bis hin zur Buchhaltung. Die „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ versucht mit ihrer „unabhängigen Bauernstimme“ und u.a. ihrem Kolumnisten Stührwoldt in der hoch arbeitsteiligen und zunehmend elektronisierten Warengesellschaft Lücken und Nischen zu finden, die das Überleben wenigstens für eine Generation ermöglichen. In der Januarausgabe werden dazu einige konkrete „Projekte“ vorgestellt: „Solidarische Landwirtschaft“ (Verbraucher-Produzenten-Ring), „Genossenschaft“, „Common“ (kollektive Bodennutzung), „Via Campesina“ (Weltorganisation gegen das „Bauernsterben“ und für den Erhalt der bäuerlichen Kultur sowie der agrarischen Biodiversität).

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Am weitesten geht der Bericht über die erste in Südbrasilien gegründete „Bauernuniversität“, in der u.a. „praxisorientierte Wissenschaft mit den Bauern vor Ort betrieben“ werden soll. „Du hast keine Chance, nutze sie!“ So könnte deren 12. Feuerbach-These fürs Foyer lauten, sie stammt von Herbert Achternbusch, den der DDR-Dramatiker Heiner Müller einen „Klassiker des antikolonialen Befreiungskampfes auf dem Territorium der BRD“ nannte. Die „Parole“ wurde aber auch immer wieder von jungen Protestierern benutzt. Sie begeistern sich übrigens mehr und mehr für die Landwirtschaft – die diesbezüglichen Ausbildungsstätten sind jedenfalls voll. Es geht ihnen dort um die Wiedervereinigung von geistiger und körperlicher Arbeit – und sei es nur so lange, bis die „ganze alte Scheiße“ (Marx) wieder hochkommt.

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Ehemaligentreffen der Kombinatchefs

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„Nothing’s gonna change my world“ (Beatles/Laibach)… Das könnten die letzten Generaldirektoren der großen DDR-Kombinate auch gesagt haben – auf der Konferenz „Das Rote Wirtschaftswunder“, die am 8. Dezember im ND-Gebäude am Franz-Mehring-Platz stattfand. Ich meine das nicht negativ – im Gegenteil. Ihr Jargon ist dennoch milder – oder soll man sagen: von 23 neoliberalen Jahren, außer Diensten gewissermaßen, nachdenklicher – geworden?

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Eine Kombinatsleiterin war darunter: Christa Bertag – vom VEB Kosmetik-Kombinat Berlin. Sie hatte ihren Enkel mitgebracht, der dann an einem der „runden Tische“ saß, an denen zwischendurch junge Genossen mit den „roten Wirtschaftslenkern“ über „Produktivität und Volkseigentum“ diskutierten. Die alten Genossen stammten einst aus „bildungsfernen Schichten“, wie die Moderatorin Daniela Dahn erklärte. Während ihrer Arbeiterkarriere hatten sie fast alle ihren „Doktor“ und „Professor“ gemacht. Quasi freigeistig dachten sie nun noch einmal „volkswirtschaftlich“ (die Versorgung der Bevölkerung gewährleisten) – etwas, was es – ebenso wie die DDR als „Geschlossenen Handelstaat“ – kaum noch gibt. Mir fiel der Begründer der Nationalökonomie, Adam Smith, ein: „Unternehmer müssen dumm sein, je dümmer desto erfolgreicher!“ (In betriebswirtschaftlicher Hinsicht, die Intelligenz kommt vom Markt her.) Ähnlich dachte auch der nationalsozialistische und dann sowjetische Lenkwaffenforscher Helmut Gröttrup, als er Anfang der Siebzigerjahre vor Hamburger Geschäftsleuten ausführte: „Die unternehmerische Freiheit ist ein bloßer Irrtum, der auf Informationsmangel beruht.“ (Er erfand später für Siemens den „Geldautomaten“.)

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Was ist dagegen aber die arbeiterliche Freiheit? Das kam auf der Konferenz der Kombinatsdirektoren natürlich, möchte man fast sagen, nur am Rande zur Sprache. Bis dahin, dass Worte wie „Gleichmacherei“, „Stechuhr“, „Entlassungsrecht“ und schlimmere fielen (zur Verbesserung der „Arbeitsintensität“).

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Dafür kamen jedoch am Schluß noch drei Arbeiterporträts in Form von Dokumentarfilmen aus der Maxhütte zur Vorführung, die der Regisseur Joachim Tschirner in den Achtzigerjahren gedreht hatte. Der erste handelte von Katrin (23) – Steuerin des Blockwalzwerks. Dieses munter-rauchende Dorfkind bewies einem in nur fünf Minuten, dass wir erbärmlich hinter der DDR zurückgefallen sind – statt sie zu überholen, wie die Werftarbeiter sagen würden. Ihr Ende war ja noch ganz lustig. Man wüßte nun aber gerne, was Katrin (heute 49) macht.

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Solche Fragen hatten sich zuvor die letzten Betriebsratsvorsitzenden der DDR-Großbetriebe, die quasi die letzten Kombinats-Direktoren abgelöst hatten (hätten sollen – laut Stefan Heym), zuhauf gestellt: auf einer Tagung der Historikerin Ulla Plener über „Die Treuhand – der Widerstand in Betrieben der DDR“. Dort fragten sie sich: Wo sind sie alle geblieben – die Betriebsräte, die sich ab 1990 gegen die (Immobilien-)Privatisierungspolitik der Treuhand in der „ostdeutschen Betriebsräteinitiative“ organisiert hatten – bis drei Jahre später – nach „Bischofferode“ – so gut wie keine Großbetriebe mehr übrig geblieben waren. Ihre Betriebsräte wurden danach in alle Winde verstreut. Die mühsame sozialverträgliche Abwicklung der Belegschaften war nur eine Episode in ihrem Arbeitsleben.

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Schon bevor sie überhaupt gewählt wurden, hatte z.B. der Direktor Günter Ubl vom VEB Fischkombinat Rostock seinem Minister „zwei Varianten“ vorgeschlagen, damit nicht länger ein Stück Fisch zum Preis von 1 Mark mit 1 Mark 70 subventioniert werden mußte: 1. Investititionen in Schiffe, Gebäude, Maschinen in Höhe von 3,6 Milliarden Mark – unmöglich zu bewilligen. 2. Ähnlich wie zuvor die BRD: die Fischereiflotte versenken und Fisch importieren – das hätte jedoch die DDR „politisch erpreßbar“ gemacht. Wie, das bewies nicht nur die COCOM-Liste für Embargogüter, die alles illegal eingekaufte West-Hightech für die DDR enorm verteuerte – so kostete z.B. eine Produktionsstrecke für Energiesparlampen 6 Mio DM, heimlich via Schalck-Golodkowskis „KoKo“ besorgt mußte Narva jedoch 21 Mio dafür am Ende zahlen. Einen nicht einmal illegalen Fisch-Import erwähnt der ehemalige Direktor des Rostocker Aquariums Karl-Heinz Tschiesche in seinen Erinnerungen: Für einen Korallenfisch, der im Westen 18 DM kostete, mußte er dem dortigen Händler 220 DM zahlen, weswegen die DDR-Seeoffiziere und ihre Frauen ihn schließlich umsonst mit exotischen Lebendfischen versorgten.

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„Es ist nicht richtig, wenn Rendite und Profite sowohl die Zielstellung als auch den betrieblichen Alltag bestimmen,“ meinte der Generaldirektor des Schwermaschinenkombinats Sket Magedeburg Eckhard Netzmann – bereits in seinem Beitrag für den 1. Band mit Texten von Kombinatsdirektoren: „Jetzt reden wir“, der soeben in der „edition berolina“ erschien (weitere folgen). Andererseits wurde die Rundumbetreuung der Werktätigen in den Kombinaten – „von der Wiege bis zur Bahre“ – als durchaus produktivitätshemmend begriffen, u.a. von Prof. Dr. Karl Döring, Generaldirektor des VEB Bandstahlkombinats „Herrmann Matern“, der den dadurch verursachten Anteil am „Rückstand“ (zur BRD) mit 25% veranschlagte. Desungeachtet produzierte die DDR-Schuhindustrie subventioniert – ständig weiter in die Tiefe – und Breite. Während die BRD-Schuhindustrie kurzerhand „in den Orient abhaute,“ wie Joachim Lezoch, der Generaldirektor des VEB Kombinats Schuhe Weißenfels es ausdrückte. Ein anderer Generaldirektor begriff dieses „Weitermachen“ (H.Marcuses letzter Rat auf seinem Grabstein) durchaus positiv als: „Mit eigenen Mitteln möglichst viel Potential erschließen“. In Weißenfels ist heute nebenbeibemerkt, bis auf das mit Kamelhaarpinseln renovierte Schloß und das Denkmal für den Erfinder der Gehörlosensprache, so ziemlich alles in den Okzident abgehauen.

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In der ostdeutschen Betriebsräteinitiative überprüften wir bis 1993 die Hypothese: „Die DDR ist nicht an zu viel Unfreiheit (Demokratiemangel) untergegangen, sondern an zu viel Freiheit – im Produktionsbereich nämlich.“ Ich selbst machte in der LPG „Florian Geyer, Saarmund“ die Erfahrung, dass wir die Arbeit unserer 11köpfigen Brigade in der Vormast auch mit sechs Leuten geschafft hätten. Dafür war jedoch das Brigadeleben äußerst „kommunikativ“. Was man von einem Arbeiter- und Bauernstaat aber auch billigerweise erwarten durfte – zumal in seinem letzten Aufbegehren, das auch vom „Mitentscheiden der Produzenten“ (F. Engels) geprägt war. Was der ehemalige Staatssekretär im Ministerium Erzbergbau, Metallurgie und Kali, Dr. Klaus Blessing, der auf der Konferenz der Kombinatsleiter mitdiskutierte, schlicht für einen „Unsinn“ hielt. Der ehemalige Betriebsrat des Berliner Tierparks, Patric Müller, jedoch für „äußerst sinnvoll“.

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In Summa: Vor dem Hintergrund der inzwischen von Ulla Spener als Buch veröffentlichten Berichte der ostdeutschen Betriebsräte tat sich bei manchen Rückblicken der DDR-Generaldirektoren ein Klassenspalt auf. Abgesehen davon gilt inzwischen aber bloß noch: „Während Lebensgeschichten von West-Unternehmern eine große Leserschaft finden, sind die ostdeutschen Wirtschaftslenker vergessen.“ – Das will Katrin Rohnstock, Inhaberin des Berliner Biografie-Unternehmens „Rohnstock-Biografien“, ändern – und sammelt nun – auch nach ihrer Konferenz – Erinnerungen und Gedanken von Kombinatsleitern in die Scheuer des Nutzens.

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„Wir waren ein Kollektiv/Doch plötzlich lief irgendwas schief!“ (aus einem Lied der Berliner Narva-Arbeiterinnen)

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Im ND-Gebäude am Franz-Mehringplatz hatte ich zuvor eine von der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisierte Konferenz über „Die Kollontai-Rezeption in der russischen und deutschen Arbeiter- und Frauenbewegung“ besucht. Solche Veranstaltungen über Einzelpersönlichkeiten drehen sich meist um drei Stränge: den Stand der Forschung zur Person, eine Erbe-Diskussion (ihre zeitgerechte Würdigung) und eine Text-Kritik (was ist daran heute noch relevant?). Trotz der Ausführungen des Soziologen Helmut Steiner, der gerade ein Seminar über Rosa Luxemburg und Alexandra Kollontai durchführte, und des Redakteurs der diplomatischen Tagebücher Kollontais, Mansur Muchamedshanow, kam die Frage „Was hat sie uns noch zu sagen?“ auf der Konferenz zu kurz. Daran änderten dann auch die zwei feministischen Referentinnen aus Ost- und Westberlin – Herta Kuhrig und Annemarie Tröger – nichts. Helmut Steiner immerhin umspielte die zwei wichtigsten „thematischen Komplexe“ der Kollontai, mit denen sie seinerzeit in die Auseinandersetzungen über die Entwicklung der Revolution in der Sowjetunion eingriff. Die Stichworte dafür heißen „Freie Liebe“ und „Arbeiteropposition“ (AO) – sie beschäftigen die Linke noch heute, denn es ging dabei kurz gesagt darum, daß und wie man zum einen sein eigenes Leben und zum anderen den eigenen Betrieb kollektiv managt (die Kollontai sprach hierbei von Produktionsverwaltung).

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Die damalige Situation während des Streits um die Forderungen der AO war in etwa folgende: Die Rote Armee hatte nacheinander alle Weißen geschlagen und die Macht der Bolschewiki stabilisiert, aber jetzt rebellierten ihre eigenen Mitstreiter, u.a. die Kronstädter Matrosen, deren Aufstand Trotzki im März 1921 zusammenschießen ließ. Im selben Monat fand der 10. Parteitag statt. Hier ließ die Kollontai ihr Manifest der Arbeiteropposition  verteilen, gleichzeitig wurden von der Gruppe 22 Thesen über die „Aufgaben der Gewerkschaften“ vorgetragen. Diese sollten aufgrund ihrer Verbundenheit mit der Arbeiterklasse den sich auftuenden Widerspruch zwischen der Parteispitze (der Regierung) und der Basis (den Massen) „von unten nach oben“ lösen.

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In der anschließenden Debatte mußte die Kollontai sich sagen lassen, die AO wäre auch „mit Kronstadt“ verbunden. Sie hatte jedoch auf der Seite der Roten Armee gegen die Kronstädter Matrosen gekämpft und entgegnete: „Genossen…wer ist als erster dorthin geeilt, wenn nicht die Vertreter der Arbeiteropposition?“ Lange vor Trotzki, der 1920/21 eine „Militarisierung der Arbeit“ von oben nach unten befürwortete, machte die AO den neuen „Bürokratismus“ und „Militarismus“ für die „Parteikrise“ verantwortlich, der Lenin mit einem „Fraktionsverbot“ beikommen wollte, für das er dann auf dem Parteitag auch eine satte Mehrheit bekam: die AO-„Plattform“ mußte sich auflösen. Bis auf Alexandra Kollontai, die man als „erste Diplomatin der Welt“ ins Ausland abschob, wurden später fast alle ihre Mitglieder hingerichtet, 1935 wurde vom KGB sogar eine neuerliche „Gruppe Arbeiteropposition“ konstruiert – und sogleich liquidiert.

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Halten wir fest: Während es Kollontai und der AO um die Stärkung der Position der konkreten Arbeiter mittels branchengewerkschaftlicher „Betriebszellen“ ging, um die Produktion zu reorganisieren, „lavierten“ ihrer Meinung nach Lenin, Trotzki, Bucharin, Sinowjew u.a. im Namen des Proletariats machtstrategisch, wobei sie den Gewerkschaften nur „Erziehungsaufgaben“ gestatteten. Es gab damals bloß 7 Millionen Arbeiter in der Sowjetunion – und all den anderen Klassen und Schichten wurde von der AO ein mehr oder weniger schädlicher Einfluß beim Überspringen der Dampfmaschinenphase zur Entwicklung neuer – revolutionärer, elektrifizierter – Produktionsverhältnisse attestiert. Hinzu kam noch, daß viele der engagiertesten Arbeiter inzwischen im Bürgerkrieg gefallen oder durch Karrieren in Armee, Partei und Sowjetbürokratie in alle Winde verstreut waren. Außerdem hatten sich die Zustände in den Fabriken und Bergwerken seit 1914 katastrophal entwickelt.

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Ähnliches ließe sich auch über die Moral und das Familienleben in der Sowjetunion nach Krieg und Bürgerkrieg sagen. Die Kollontai sah darin jedoch auch eine emanzipatorische Chance – für die Frauen, die jetzt quasi zur ökonomischen Selbständigkeit gezwungen waren: „Vor uns steht nicht mehr das ‚Weibchen‘, der Schatten des Mannes – vor uns steht die Persönlichkeit, das Weib als Mensch“. Daraus folgten fast zwangsläufig auch neue – freiere -„Beziehungen“, die es mittels Gesetzgebung, Kinderkrippen, Abtreibungskliniken etc. zu fördern gelte. Auch hierbei geriet die Kollontai wieder mit Lenin aneinander, der meinte, die Sexualität könne und dürfe nicht so praktiziert werden wie man etwa ein „Glas Wasser“ trinke. Die „sexuell emanzipierte Kommunistin“ hatte jedoch eher einen „beflügelten Eros“ im Sinn, womit sie sich von einem promiskuitiven Verständnis der „freien Liebe“ gerade abgrenzte, das damals besonders unter jungen Leuten als fortschrittlich galt. Es gab u.a. eine ganze Bewegung – „Nieder mit der Scham“, die nackt auf städtischen Plätzen demonstrierte. „Die sexuelle Bereitschaft von Frauen wurde zum Nachweis revolutionärer Gesinnung erhoben“, heißt es dazu in Kristine von Sodens Reader über „Sowjetische Frauen von Kollonati bis heute“.

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Gegen Ende der Zwanziger Jahre schaffte es die Partei jedoch, daß anstelle dieser „Zügellosigkeit“ wieder eine „Rückkehr zur traditionellen Familienstruktur“ eintrat: Scheidungen und Abtreibungen wurden erschwert und die Kleinfamilie als „Nukleus des sozialistischen Staates“ gefestigt. Alexandra Kollontai durfte nichts mehr veröffentlichen. Als es 1927 gegen den „trotzkistischen Block“ ging, rang sie sich eine Ergebenheitsadresse für Stalin ab, trotzdem erwartete sie spätestens ab 1937, von ihrem Botschafterposten zurückbefohlen und erschossen zu werden. 1938 wird sie im „Kurzen Lehrgang zur Geschichte der KPDSU (B)“ in einer Reihe mit den Volksfeinden erwähnt. Auch der 20.Parteitag rehabilitierte sie nicht.

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Erst mit der Studentenbewegung im Westen werden ihre Schriften neu aufgelegt, wobei es sich zumeist um ihre Texte über die „Freie Liebe“ handelte. Die Referentin Herta Kuhrig meint, daß erst daraufhin auch die DDR einige Bücher der Kollontai herausgab – was bedauerlich sei, denn „sie ist die Frau, die am meisten für die Frauen getan hat in der Welt“. Immerhin gab die Rosa-Luxemburg-Stiftung dann ihre diplomatischen Tagebücher heraus. Auch in diesen kommt das, was Helmut Steiner ihren „Lebenskompromiß“ nennt, zum Ausdruck: immer wieder streute sie lobende Worte über Stalin darin ein. Der hatte ihr übrigens am 8.März 1933 einen Leninorden verliehen – für ihren Kampf um die Frauenbefreiung; später wollte man sie in Schweden mit dem Friedensnobelpreis ehren.

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In einer der Diskussionen des Kollontai-Kongresses gab ein alter Professor für Sowjet-Geschichte zu bedenken: „Sie hat in ihrem Leben laufend männliche Elite-Vorstellungen verwirklicht“. Eine junge Ministeriums-Soziologin meinte dagegen: „Wir brauchen eine neue Kollontai, die hier Schwung reinbringt…“ Allgemein geschimpft wurde über eine denunziatorische russische TV-Dokumentation über Alexandra Kollontai aus den Neunzigerjahren. Mir gefiel darin jedoch die lückenlose Galerie ihrer Photos, die sehr schön zeigte, wie die Revolution aus der strengen Tochter eines zaristischen Generals eine lebensfrohe Genossin machte. Übrigens beschäftigte sie sich bereits seit 1910 theoretisch und praktisch mit der „Frauenfrage“. Der Ruf eines Roten Flittchens haftete ihr weltweit auch nach ihrer doppelten Niederlage in der Partei an: So verweigerte ihr z.B. Kanada das Agreement als Diplomatin und die USA ließen sie nicht einmal durch ihr Land nach Mexiko reisen, wo sie 1926 im Anschluß an Norwegen Botschafterin wurde.

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Im Zuge der Kongreßvorbereitung las ich noch einmal ihr Manifest über die Arbeiterselbstverwaltung, das sie auf dem 10.Parteitag verteilt hatte. Es ist immer noch frisch. Ihre Warnung vor dem „Bürokratismus“ wurde erst von Trotzki im Exil aufgegriffen und dann von dem jugoslawischen Partei-Oppositionellen, Milovan Djilas, weiter entwickelt. Dort gedieh auch die von der AO einst anvisierte Arbeiterselbstverwaltung realsozialistisch am weitesten. In Westberlin knüpften die aus dem SDS hervorgegangenen „Basisgruppen“ und später die Redaktionsgruppe der Zeitschrift „Die soziale Revolution ist keine Parteisache“ wieder an den Thesen der Arbeiteropposition an. Einer, Peter Rambauseck, schrieb 1970 am OSI seine Diplomarbeit über „Die Gewerkschaften als Problem der Kommunistischen Partei von der Machtergreifung bis zum 10. Parteitag“, im Jahr darauf beteiligte er sich am „Kronstadt-Kongreß“ und dann an der Gründung einer „Werkschule“, in der einige AO-Forderungen realisiert wurden (wie übrigens auch anfänglich in der taz). Ein anderer wurde später kurzzeitig IG-Metallvorsitzender von Berlin: mit den Betriebsratsproblemen im Osten konfrontiert, versagte er dort jedoch kläglich, geradezu verräterisch. Ansonsten ist es erstaunlich, wie dieser einst durch Kollontai und die AO inspirierte kleine Berliner Kreis von Rätekommunisten sich ideologisch treu geblieben ist, obwohl heute jeder von ihnen was anderes macht.

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An der Bremer Universität beschäftigte sich Professor Alfred Sohn-Rethel mit der AO – in seinem Hauptwerk „Geistige und körperliche Arbeit“ hatte er dazu bereits ausgeführt:

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Wer sollte der Träger des kommunistischen Aufbaus und der Industrialisierung sein, fragte Kollontai, die Arbeiter oder die Fabrikdirektionen? Durch die Fabrikverfügungen von 1918, in denen von Lenin und der Parteileitung den Direktoren Alleinautorität und unbedingte Disziplinargewalt [verbunden mit der Einführung des Taylorismus] verliehen worden war, seien die Fabrikdirektionen gegen die Arbeiter gestellt worden. Auf dieser Basis werde man keine Grundlage für den Sozialismus schaffen, sondern eine staatliche, bürokratische Klassengesellschaft errichten. Die Macht über die Produktion gehöre den Arbeitern, das sei die substantielle kommunistische Klassenbasis der Revolution, die einzige Organisationsweise der Produktion in Übereinstimmung mit den vor der Revolution und in ihrer ersten Zeit anerkannten Grundsätzen der Partei. Die späteren Beschlüsse seien eine verhängnisvolle Abweichung…“

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„Man muß eine Regierung bilden. Wir sind einige Mitglieder des Zentralkomitees. Eine fliegende Sitzung in der Ecke eines Zimmers. „Wie es nennen?“ überlegte Lenin laut. „Nur nicht Minister: eine widerliche, abgenutzte Bezeichnung“. „Man könnte – Kommissare,“ schlage ich vor, „nur gibt es jetzt zu viel Kommissare. Vielleicht Oberkommissare?…Nein, ‚Ober‘ klingt schlecht. Vielleicht aber ‚Volkskommissare‘?“ „Volkskommissare? Ja, das könnte vielleicht gehen,“ stimmte Lenin zu, „Und die Regierung in ihrer Gesamtheit?“ „Sowjet, natürlich Sowjet…Sowjet der Volkskommissare, wie?“ „Sowjet der Volkskommissare,“ wiederholt Lenin, „ausgezeichnet: riecht furchtbar nach Revolution!…“ (Aus: Leo Trotzki, „Mein Leben“)

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So wie hier Trotzki mit dem Begriff „Sowjet“ verfuhren die Kommunisten dann auch mit dem Wort „Arbeitermacht“ – olfaktorisch: Es wurde fortan streng darauf geachtet, dass die Fabrikdirektoren aus der Arbeiterklasse kamen. Die Herkunft wurde dem Individuum quasi biologisch eingeschrieben, in diesem Fall als Auszeichnung, im Falle der Kulaken-Kinder und anderer ehemaliger Regimegegner als lebenslanges Stigma – beides Brandzeichen/Branding.

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Das galt so ähnlich auch noch in der DDR, dort gab es aber auch einige proletarische Initiativen dagegen – und nach Auflösung der DDR und Wiederprivatisierung ihres  Staatseigentums an Produktionsmitteln eine kurze Phase proletarischer Rückbesinnung darauf – hier anläßlich eines Besuchs im Opelwerk Eisenach:

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„Ist es wahr, wie in der ostdeutschen Betriebsräteinitiative gesagt wurde, daß die DDR nicht an zu viel Unfreiheit, sondern eher an zu viel Freiheit – im Produktionsbereich nämlich – zugrundeging?“ fragte ich den Betriebsratsvorsitzenden des Eisenacher Opel-Werks als erstes. Dem 44jährigen Harald Lieske fiel dazu sofort seine eigene Instandsetzungs-Abteilung im früheren Automobil-Werk Eisenach ein, in der bis zu zehn Leute beschäftigt waren, aber nur für drei Arbeit da war. Heute gehe die Tendenz bei der nach produktivsten japanischen Fertigungsmethoden, dem sogenannten Toyotismus, funktionierenden Opel-Fabrik eher in die entgegengesetzte Richtung: Die sechs- bis sieben-köpfigen “Teams”, mit ihren von außen bestimmten “Team-Sprechern”, die nebenbei noch als Springer fungieren, sollen durch die Selbstorganisation ihrer Arbeitspensa nebst ständiger Verbesserungsvorschläge kontinuierlich die Schnelligkeit (Produktivität) steigern – bei mindestens gleichbleibender Qualität.

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Schon beim letzten Ukas aus der Zürcher Opel-Zentrale, die Werksferien 1998 von drei auf zwei Wochen zu verkürzen, befürchtete der 15köpfige Betriebsrat (vier davon Freigestellte), daß die Arbeits-Teams dafür zu klein seien. Jeder hat sechs Wochen Urlaub im Jahr, dazu kommt noch eine gewisse Anzahl Krankentage. Der eigentlich für die Organisation und den Papierkram zuständige Team-Leiter müßte dann manchmal für zwei Leute einspringen. Die Eisenacher Geschäftsleitung darf andererseits nicht einfach mehr Leute einstellen und versucht stattdessen den Krankenstand zu senken. Auch bei den Überstunden reagiert sie ähnlich und versucht – nun schon im vierten Jahr – Sonderschichten beim Betriebsrat durchzusetzen, der deswegen jetzt die Einigungsstelle anrief.

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Das stärkste betriebliche Disziplinierungsinstrument ist jedoch die Selbstorganisation der Teams selbst. Zwar zieht jeder mal einen mit, der an einem Tag verkatert ist, zu Hause Probleme hatte oder ganz einfach mal einen schlechten Tag erwischte. Aber jemand, der dauernd zu spät kommt oder dessen Einsatzfreudigkeit kontinuierlich nachläßt – und so die Team-Leistung drückt, wird von seinen Kollegen rausgedrängt. “Da können wir dann auch nichts mehr machen,” meint der Betriebsrat. Im derzeitigen Streit über die anstehende Betriebsferienverkürzung informierte er am 4.September die Belegschaft mit einem Flugblatt: “Auch wenn Vorgesetzte auffordern, bei der Urlaubsplanung im Team bereits von zweiwöchigen Betriebsferien auszugehen, entbehrt das nach wie vor jeder rechtlichen Grundlage. Wir empfehlen allerdings, eine solche Planung dennoch vorzunehmen, weil nur so die Probleme eines verkürzten Urlaubs sichtbar gemacht werden können”. Im übrigen hätte die Geschäftsleitung ihr “Verhandlungsangebot” mit 40 Neueinstellungen verbessert, diese Zahl sei jedoch noch nicht ausreichend. Mancher ältere Opel-Mitarbeiter, der schon beim AWE dabei war (nicht selten damals in höherer Position), äußert sich zu solchen oder anderen Betriebs-”Kämpfen”, die anscheinend nie aufhören: “Der Grundkonflikt ist geblieben!”  Gewiß, die Kollektive heißen jetzt Teams und die Neuerungen Verbesserungen. Außerdem gibt es noch jede Menge neuer Amerikanismen (ein ernstes Gespräch ist jetzt ein Audit) und sogar einige Japanismen (zum Beispiel Andon: das Lichtsignal an der Anzeigentafel über den Fließstrecken – mit den Ist-, Soll- und Tendenz-Zahlen, das gelb oder rot blinkt, wenn jemand an der Notleine zieht, weil er nicht mehr weiter weiß.

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In der DDR versuchte man 1950 und dann noch einmal 1960 Produktivität und Produkt-Qualität über die “Brigadebewegung” und den sogenannten “Engagierten” zu steigern. Nach einem Kontrollkommissions-Audit wurden an den Arbeitsplätzen Tafeln mit der Anzeige “Ich bin Selbstkontrolleur” angebracht. Umgekehrt schlossen etliche “Engagierten”-Brigaden bzw. die von ihnen (!) gewählten Brigadiere eigene Verträge mit der Werksleitung ab, in denen die Norm-Vorgaben von oben für einen bestimmten Zeitraum festgeschrieben wurden, und nur “auf der Grundlage der freiwilligen Erhöhung durch die Brigade”, also von unten (!), verändert werden durften: und zwar durch die Entwicklung neuer Arbeitsmethoden, die den Zeitaufwand verringerten. Die “daraus sich ergebenden überflüssigen Arbeitskräfte” sollten der Werksleitung “zum anderweitigen Einsatz” überstellt werden. Mit diesen Selbstverpflichtungs-Verträgen wurden die Rechte der Meister und Abteilungsleiter empfindlich beschnitten. Auf der anderen Seite wurde die Werksleitung damit verpflichtet, “für das erforderliche Material” und seine rechtzeitige Beschaffung sowie seinen Transport an die Arbeitsplätze zu sorgen.

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Dieses Mitbestimmungsmodell weitete sich 1951 derart aus, daß man daran dachte (z.B. in der Staatswerft Rothensee), die einzelnen Brigadiere zu sogenannten “Komplexbrigaden” zusammenzufassen, die wiederum einen Brigadier wählten, dessen Funktion “administrativer Natur” war. Im Endeffekt lief dies alles auf eine Doppelherrschaft in den Betrieben hinaus, wobei gewerkschaftlicherseits auch immer mit einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität infolge größerer Rechte der Arbeiter argumentiert wurde: Die Brigademitglieder “gingen mit einem ganz neuen Elan an die Aufgaben heran”, was die Leistung der gesamten Brigade verbesserte, wobei die “besten Arbeiter” auch noch die anderen zur Qualitätsarbeit anspornten. Im Elektromotorenwerk Wernigerode wurden gar Brigade-”Leistungsübersichten” ausgehängt, und Minuspunkte für Arbeitsfehler verteilt, die sich “jedoch von Monat zu Monat” verringerten. Noch bis zum Ende der DDR wehrten sich einzelne Brigaden gegen Lohnabzüge bei verminderten Leistungen aufgrund von Versorgungsmängeln, für die sie nichts konnten: sei es, weil die stetige Materialzufuhr nicht klappte, das gelieferte Rohmaterial schlecht oder ihre Maschinen und Werkzeuge verschlissen waren.

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Bei Narva wurden z.B. Fließstrecken, die in Japan einschichtig liefen, ständig dreischichtig eingesetzt. Mitte 1951 wurde die “Einführung der wirtschaftlichen Buchführung” für alle Betriebe obligatorisch, die Werkmeister und Abteilungsleiter erhielten dadurch wieder größere Vollmachten, sie schlugen nun der Werksleitung die von ihnen “entsprechend dem technologischen Prozeß” zu Brigadieren ernannten zur Bestätigung vor. Es wurde ein “Tag des Meisters” kreiert. Der Brigadeforscher Jörg Roesler meint, daß man damit die zuvor erkämpften “Selbstgestaltungsfreiräume” so weitgehend reduzierte, “daß im Prinzip das alte Verhältnis Meister-Kolonnenführer wiederhergestellt wurde, wenn auch die Brigade dem Namen nach erhalten blieb”.

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Die zweite “Brigadebewegung” sollte dann zwar wie “von unten” aussehen, wurde jedoch 1959 zunächst von oben, durch den FDGB, initiiert – und bekämpfte zum Beispiel über die Selbstorganisation “Arbeitsbummelei” und “Trinkerei”, beförderte daneben aber auch – über “Brigadenachmittage” etwa – das soziale Miteinander. In den Leuna-Werken wurde ein “Tag der Verpflichtungskontrolle” eingeführt. Schon bald war dort aber auch von “Selbstnormung” die Rede. Anderswo wollte man das Material selbständig anfordern – ohne Zustimmung durch den Meister, die ihre Verfügungsgewalt über die Brigaden nach und nach wieder verloren. Im Fahrzeugwerk “Sachsenring” Zwickau verlangten die Arbeiter sogar die Mitbestimmung bei der Prämien-Verteilung für die Werksleitung. “Den Brigaden größere Rechte” hieß ein wichtiger Artikel in der “Tribüne”, verfaßt vom Aktivisten Rudi Rubbel. Mit den darauffolgenden Angriffen gegen seine Positionen beschäftigten sich sogar einige Westgewerkschaften in ihrer Presse. Sein Forderungskatalog sah u.a. vor, daß die Brigaden “selbständig Rationalisierungskredite zur Modernisierung der Arbeitsmittel” aufnehmen konnten. Walter Ulbricht bremste diese Bewegung Anfang Juni 1960 aus: Das sei “Syndikalismus” und rieche nach “jugoslawischer Selbstverwaltung”, die DDR brauche jedoch “keine neuen Strukturveränderungen”.

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Rudi Rubbel wurde nach einer öffentlichen “Selbstkritik” zunächst die Koordinierung der Neuererbewegung beim FDGB anvertraut, dann machte man ihn zum Leiter des neuen Kombinats Narva. Auch als Werksdirektor blieb er populär. Die Brigadebewegung verkam jedoch zu medial inszenierten Wettbewerbs-Hebeln a la “Jeder liefert jedem Qualität”. Mit der Wende wurde dieser ganze “Gütezeichen Q-Klimbim”, wie man ihn bei Narva nannte, sofort leichtherzig abgeschafft. Nachdem man die älteren und unqualifizierten Mitarbeiter in den Betrieben entlassen hatte, produzierten die so auf wenige Bestarbeiter reduzierten Brigaden kurzzeitig nach der Wende Spitzenleistungen, dafür brachen aber nach und nach die inzwischen geöffneten Märkte für ihre Produkte weg und die Treuhand legte daraufhin einen Betriebsteil nach dem anderen still.

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Das Opel-Werk ist eine Neugründung – auf der sogenannten “grünen Wiese”. Im Prinzip stellen sich den kapitalistischen Managern und ihren Arbeiter-Teams aber heute noch die selben Probleme wie zu Zeiten der sozialistischen Brigadebewegung: Man braucht engagierte Mitarbeiter, die sich mit dem Betrieb identifizieren, aber einerseits gibt es einen ständigen demotivierenden Druck von oben – zur Produktivitätssteigerung und andererseits läßt sich die Arbeitsbegeisterung nicht immer wieder – wie Salzheringe – einpökeln.

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Einige Jahre nach seiner Inbetriebnahme 1992 war das Opel-Werk Eisenach mit 72 Fahrzeugen je Arbeiter im Jahr “die produktivste Autofabrik Europas”, aber seit kurzem belegt diesen Platz eine japanische Autofabrik in England. Auch bei der Anzahl der Verbesserungsvorschläge pro Mitarbeiter lag Eisenach lange Zeit vorne. Für den Betriebsratsvorsitzenden Harald Lieske stellt sich der “Druck” folgendermaßen dar: “Fünf Sekunden braucht der Mitarbeiter zwischendurch, um wieder er selbst zu sein – und genau die wird hier gesucht. Jede Zeitverschwendung wird immer wieder aufgestöbert, um neue Operationen unterzubringen. Es ist aber nirgends mehr Luft. Höchstens noch bei einem günstigen Optionen-Mix”. Mit diesem Halbamerikanismus werden intern die Kundenwünsche bezeichnet, von denen einige mehr Arbeit machen als andere: der Einbau geteilter Rückenlehnen hinten oder ein Schiebedach beispielsweise. Bei der Zeit-Planung ging man von dreißig Prozent derart ungünstiger Optionen aus, jetzt sind es jedoch mitunter schon über sechzig Prozent: “Das ist dann nicht mehr zu schaffen. Damit fährt man unweigerlich über den Takt hinaus und muß das Band anhalten”. Lieske klagt, daß “die meisten Mitarbeiter noch zu wenig Selbstbewußtsein haben, um sich dagegen zu wehren”.

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Die erste Bevollmächtigte der IG Metall-Verwaltungsstelle Eisenach, Renate Hemsteg von Fintel beklagt sich dagegen über den Opel-Betriebsrat, der sich zu wenig für seine Leute einsetze: “Die Mitarbeiter, die die Arbeitsintensität nicht mehr packen, kommen alle zu uns, wenn sie nicht mehr weiter wissen, sie fühlen sich vom Betriebsrat im Stich gelassen. Opel zahlt keinen richtigen Leistungslohn, d.h. Leistungssteigerungen werden nicht entlohnt, obwohl der Betrieb immer produktiver, die Arbeit also immer anstrengender wird. Schlimm ist auch das gewaltsame Runterdrücken der Krankheitsquote – mittels Rückkehrgesprächen und sogar Kontrollbesuchen zu Hause. Das führt dazu, daß die sich zur Arbeit schleppen, auch wenn sie krank sind. Die Team-Mitglieder erziehen sich gegenseitig, um nicht der Anwesenheitsprämie verlustig zu gehen. Es kann nicht sein, daß einer, wenn er älter wird und nicht mehr so kann, dann von seinem Team rausgedrückt wird”.

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Die IG-Metallbevollmächtigte, die sich selbst als eher zu entgegenkommend und tolerant bezeichnet, kommt aus dem Westen. Sie gehörte zu den ersten fünfzehn Funktionären, die nach der Wende “eine neue Struktur im Osten aufbauen” sollten. Als sie noch einmal alle mit ihrem damaligen Vorsitzenden Steinkühler zusammensaßen und ihn fragten, was sie drüben tun sollten, sagte er: “Fangt einfach mal an!” Die fünfzigjährige Renate Hemsteg wagte den Neuanfang, baute die Verwaltungsstelle auf und hat sich inzwischen auch in Eisenach eingelebt, mitunter ist ihr das alles sogar schon wieder zu viel Routine dort. “Die Talsohle ist jedoch hier noch nicht durchschnitten,” meint sie über den derzeitigen Stand der Reindustrialisierung “ihres” Kreises. Zur Zeit befinden sich sechs größere Betriebe in Gesamtvollstreckung, und zum Jahresende käme eventuell noch ein siebter hinzu. Zu den stabilen Neuansiedlungen rechnet sie das Scheibenwischermotoren-Werk von Bosch (mit 1000 Beschäftigten, demnächst würden dort noch dreihundert weitere eingestellt), eine BMW-Werkzeugmaschinen-Fabrik (mit 220 Beschäftigten), den Opel-Autositze-Hersteller Lear Corporation, der demnächst ebenfalls expandiert (jetzt sind dort 250 Leute beschäftigt), das FER-Werk für Fahrzeug-Elektrik in Ruhla, wo 500 Mitarbeiter u.a. Signalhörner herstellen, ferner das auf dem Opel-Gelände angesiedelte Preßwerk Benteler, das jedoch für VW produziert (mit 480 Beschäftigten). Auch die Getriebeteile-Fabrik Mitec (280 Mitarbeiter) sowie die Umform- und Fügetechnik GmbH, die 200 Leute beschäftigt, produzieren nicht für Opel: “Es wird hier generell kritisiert, daß Opel so gut wie keine Kooperationen mit einheimischen Firmen eingeht, und auch, daß sie bisher nur 10 Lehrlinge jährlich ausbilden”, sagt Renate Hemsteg.

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Sie registriert jedoch ein langsames Umdenken, was im Endeffekt auf die Montage eines völlig neuen – eventuell ökologischen – Autos in Eisenach, sogar mit größerer Fertigungstiefe als bisher, hinauslaufen könnte. Bis jetzt werden noch 80% aller Teile aus Spanien angeliefert – “just in time”. Nachdem es in verschiedenen Opel-Werken immer wieder zu Material-Engpässen und Qualitäts-Problemen gekommen sei und die Betriebsräte daraufhin als Co-Manager dem General-Motors-Vorstand vorgerechnet hätten, daß viele der von anderen Herstellern bezogenen Teile (jetzt wieder) billiger und besser im eigenen Werk produziert werden könnten, würde man neuerdings geradezu ein “Insourcing” verfolgen. Ähnliches wird übrigens auch aus dem Wolfsburger VW-Werk berichtet. Im Opel-Werk Eisenach wurde gerade die Lackiererei auf weitere Farbtöne erweitert. Und ab 1998 soll dort neben dem Corsa auch noch der Astra montiert werden, die Bänder und Schweißroboter werden bereits installiert. Dafür will man hundertdreißig neue Leute einstellen: “Sie müssen zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig Jahre jung sein, dazu Facharbeiter und arbeitslos. Schwerbehinderte werden nicht eingestellt, die produziert Opel Eisenach inzwischen selbst – siebenundzwanzig bis jetzt,” bemerkt die IG-Metall-Funktionärin bitter.

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Geplant ist außerdem ein eigenes Preßwerk, sowie die Ansiedlung der Firma Irmscher, die sich auf das “Aufmotzen von Motoren” spezialisiert hat. Dreihundert Leute will diese Firma zunächst beschäftigen. Auf der im Oktober zu Ende gegangenen Internationalen Automobilausstellung verkündete zudem der US-Auto-Zulieferer Turbodyne seine Absicht, 100 Millionen DM in Eisenach zu investieren. Bei der noch immer vom Mitgliederrückgang gebeutelten IG Metall-Verwaltungsstelle ist man darüber natürlich froh, dennoch bedauert die Erste Bevollmächtigte, daß damit langsam aber sich wieder alles im Kreis Eisenach vom Automobil abhängt, von einer Branche mithin, “in der die Schwankungen besonders groß sind”. Damit diese nicht immer wieder voll nach unten in den Betrieben durchschlagen, brauchen die Arbeiter starke Interessensvertretungen. Der Organisationsgrad der in Eisenach in der Metallbranche Beschäftigten steigt auch bereits. Bei Opel gibt es außerdem inzwischen 120 Vertrauensleute, ferner sind die ersten zwei Lehrlings-Jahrgänge “sehr engagiert”.

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Aus diesen Reihen werden wohl Anfang nächstes Jahres einige neue Betriebsräte gewählt werden. Renate Hemsteg meint, daß sie den Problemen der Arbeiter näher stehen als die jetzigen Interessensverter: in der Mehrheit alte AWE-Leute, die dann bei Opel anfangs schnell Karriere gemacht hätten, und nun im Betriebsrat sitzen “und einen Schmusekurs fahren”. So hätten sie z.B. eine neue “Entgeldverordnung” abgeschlossen, in der die Produktivität nicht genügend berücksichtigt worden sei, was bei den höheren Lohngruppen eine Differenz von bis zu 1000 DM gegenüber dem Werk in Rüsselsheim ergäbe. So etwas zu vereinbaren sei jedoch sowieso Aufgabe der Tarifpartner und deswegen werde die Gewerkschaft diese Entgeldverordnung nicht mittragen. Als die Arbeitgeber 1995 den Tarifvertrag kündigten und es daraufhin zu Warnstreiks kam, stand Renate Hemsteg selbst unter Druck ihrer Organisation, die darauf drang, daß das Opel-Werk sich den Protesten anschloß. Auf einer Betriebsversammlung wurde die Geschäftsführung zwar heftig ausgepfiffen, aber zu einem Warnstreik reichte es zunächst nicht. Dafür demonstrierten die Arbeiter ihren Unmut, indem sie die grauweißen Einheits-Uniformen auszogen und “etwas Buntes” überstreiften: Die Geschäftsführung war entsetzt. Als dann jedoch die Beschäftigten trotz Androhung rechtlicher Schritte sogar für eine Stunde rausgingen, gesellte sich die Leitung wieder locker zu ihnen. Später holte die Gewerkschaft sie alle mit Bussen zu einer Nachmittags-Demonstration in Erfurt aus dem Werk: “Dort haben sie dann eine richtige Show abgezogen: Opel marschiert ein – die Opelaner! Inzwischen wissen sie, daß sie die ersten sind, die auf die Straße gehen müssen bei Tarifkonflikten”.

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Im Großraumbüro bei Opel, das sich der Betriebsrat u.a. mit der Geschäftsleitung teilt, hängt ein etwas rätselhaftes “Danke Schön”-Plakat aus Saragossa – “für die Streikbewältigung bei Opel-Eisenach”. Die Stimmung in der Belegschaft wird von Betriebsrat und Geschäftsleitung alle zwei Jahre mittels einer freiwilligen Fragebogenaktion ausgelotet, an der letzten – im vergangenen Jahr – beteiligten sich 851 der 1900 Beschäftigten. Die Frankfurter Rundschau registrierte darin einen wachsenden “Unmut”: über die Hälfte der Befragten seien mit ihrer Arbeit nicht zufrieden, 60% fühlten sich nicht leistungsgerecht entlohnt und mit den zweihundertdreißig Teamsprechern seien gar 88% unzufrieden. Das Manager-Magazin hatte zuvor bereits die 1994 durchgeführte Umfrage ähnlich interpretiert, wobei es sich auf den Betriebsrat berief. Damals reagierte der Vorsitzende Harald Lieske noch mit einem Leserbrief darauf: “Ihre einseitige Bewertung der Gruppenarbeit wird möglicherweise so manchem Wettbewerber die Einführung dieses wichtigen Instruments nach Eisenacher Muster verleiden”. Natürlich habe er als Betriebsrat auch Kritik geübt. “Aber unsere Kritik ist keine Systembeschreibung. Und hier irrt der MM-Autor Gottschall. Indem er gut 90% des Positiven unter den Tisch fallen läßt und sich statt dessen auf zudem noch in falsche Zusammenhänge gestellte Zitate des Betriebsrates stützt, entwirft er ein Bild von Opel Eisenach, das die Realität völlig verzerrt”.

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Mir erzählte Harald Lieske jetzt, daß viele inzwischen sogar stolz seien, bei Opel zu arbeiten: “Die Fluktuation ist fast Null; die meisten haben sich reingefunden und können damit leben”. Die Teams feiern inzwischen Geburtstage zusammen und es falle ihnen zunehmend schwer, ihre Arbeitsgruppe zu verlassen, was vielleicht damit zusammenhäge, daß man früher hier “eine Kultur der Nähe” gepflegt habe. In einigen Kneipen treffe ich später auf Arbeiter, die sogar nach Feierabend noch ein T-Shirt mit Opel-Logo tragen. Außerdem gibt es bereits – in Stettfeld – eine “Opel-Ghetto” genannte Siedlung von Opelanern. Die Geschäftsleitung fördert den Eigenheimerwerb mit Baukrediten bis zu dreißigtausend DM. Dafür dringt sie aber auch darauf, daß die Mitarbeiter sich endlich von ihren Privat-PKWs der Marken Wartburg, Trabant, VW oder Ford trennen und auf Opel umsteigen. Als sich neulich ein Techniker ohne groß nachzudenken mit seiner Frau zusammen einen Toyota anschaffte, kam es bereits zu einem “richtigen kleinen Aufstand: Aber die Leute haben hier eben nicht so viel Geld”.

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In Eisenach verdienen gerade mal die Nachtschichtler mit Zuschlägen so viel wie die normalen Wechselschichtler in Rüsselsheim. Wenn es auch etliche gäbe, die laut der letzten Umfrage “nicht so zufrieden” seien, dann liegt das nach Meinung von Lieske “wahrscheinlich an ihrer Überqualifikation”. So habe zum Beispiel eine 42jährige Ingenieurin immer noch “Probleme am Band” und für einen 54jährigen Diplomingenieur sei die Beschäftigung im Lager geradezu “entwürdigend”. Im übrigen müsse es der Betriebsrat hinnehmen, daß die Prozesse immer wieder optimiert werden, das passiere ja auch bei der Konkurrenz. Seine Aufgabe sei es vor allem, dabei individuelle Benachteiligungen auszugleichen. So sorge zum Beispiel eine Betriebsvereinbarung dafür, daß keiner durch Verbesserungs-Vorschläge arbeitslos werde. Derjenige oder diejenige (etwa 10% der Beschäftigten sind Frauen) bekomme in dem Falle eine andere – sogar bessere – Arbeit zugewiesen. Lieske hält die “Autonomie” der Teams für größer als die der früheren DDR-Brigaden. Bei General Motors gäbe es sogar Überlegungen, ihnen eine eigene Budgetverantwortung (für Werkzeug und Schrottersatz) zuzubilligen, dafür existiere bereits eine eigene Software: “Psychologisch würde dadurch das Gefühl der Autonomie noch verstärkt!”

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So wie die Gewerkschaftsfunktionärin über die seit der Wende sukzessive zurückgegangene Bereitschaft zum Straßenprotest klagt, berichtet der Betriebsratsvorsitzende vom nachlassenden Interesse der Belegschaft an den Betriebsversammlungen, die vier mal im Jahr stattfinden, jeweils an einem Samstag, und deren Teilnahme vom Konzern mit 110 DM belohnt wird. Zur letzten Versammlung, auf der der Betriebsrat wie immer einen Rechenschaftsbericht abgab und die Belegschaft hernach Kritik üben sollte, erschienen nur 900 Beschäftigte, wovon über dreihundert nur noch hinten standen und auf das Ende der Veranstaltung warteten, Wortmeldungen gab es so gut wie keine mehr. Dies führte zu der paradoxen Situation, daß die Geschäftsleitung hernach einen Brief an alle Beschäftigten verschickte, in dem sie sie aufforderte, sich zukünftig mehr an den Betriebsversammlungen zu beteiligen und ordentlich Kritik zu üben.

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Anscheinend läßt sich solch Versammlungsverhalten bereits als nachlassendes Engagement für die Firma deuten. Deren vielgelobte innere Organisation – die Frankfurter Allgemeine Zeitung spricht gar von einem “ästhetischen Gesamtkunstwerk”, in dem die “Menschen am Band einer Ballettgruppe gleichen” – ist bereits Vorbild für die neuen Opel-Werke in Argentinien und Polen geworden. In Gliwice (Gleiwitz) ist der Elan noch taufrisch: Rafal, ein erst vor kurzem dort eingestellter Mitarbeiter der Logistik-Abteilung berichtete: “Vor einiger Zeit erwähnte der Chef ganz beiläufig, daß wir früher anfangen könnten. Am nächsten Tag war die ganze Abteilung eine halbe Stunde vor Dienstbeginn da – so groß ist hier der Enthusiasmus”. Aber so wie die westdeutschen Opelaner sich nur wenig Gutes von den ostdeutschen erhoffen, hält sich auch die Begeisterung der Eisenacher über die neuen polnischen Opel-Kollegen in Grenzen: Als unlängst – just zur selben Zeit, da die ersten Mitarbeiter aus Gliwice zur Schulung in Thüringen anrückten – neue verschärfte Personen- und sogar Fahrzeugkontrollen am Werkstor angekündigt wurden (ein General-Motors-Audit hatte zuvor die Notwendigkeit dafür festgestellt), meinten viele Arbeiter, das geschähe nicht aus Mißtrauen ihnen, den Deutschen gegenüber, sondern sei nur vorübergehend – wegen der vielen Polen im Werk.

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Vergangenheitsüberwältigung

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Ein neuer Flüchtling wurde in Berlin empfangen: Am „Checkpoint Charlie“, dem „Symbolort der Ost-West-Konfrontation“, im privaten „Mauermuseum“, das jetzt einer äußerst geschäftstüchtigen Ukrainerin gehört, traf der russische Häftling Michail Chodorkowski auf die westliche Öffentlichkeit. „‚Für mich ist das alles ziemlich neu. Facebook und Twitter und all das. Als ich ins Gefängnis kam, gab es das doch alles noch gar nicht‘, sagte er. Lacher im Publikum.“ Der Spiegel schreibt ferner über diesen ersten West-Auftritt von ihm: „Es ist wie in einer Zeitmaschine. Zehn Jahre lang schmachtete der ehemalige Oligarch in russischen Lagern, abgeschottet von der Öffentlichkeit. Dann, vor nicht einmal zwei Tagen, ging alles sehr schnell. Flugzeug, Berlin, Freiheit, und plötzlich will die Welt, diese veränderte Welt alles von ihm wissen. Wie das war in Gefangenschaft. Was er von Wladimir Putin hält. Wie er sich fühlt. Und was er so vor hat mit seinem Leben.“

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Es war ein fast perfektes Remake – inszeniert von einem arbeitslosen „Elder Statesman“: Hans-Dietrich Genscher und der Mauermuseumschefin Alexandra Hildebrandt. Exakt 40 Jahre zuvor hatte es schon einmal genau dieses Schauspiel gegeben: Vor dem Haus von Heinrich Böll in Langenbroich, wo der sowjetische Dissident Alexander Solschenizyn Aufnahme gefunden hatte – und sofort von Pressephotographen, -journalisten, Verlegern, Literaturagenten, Juristen, Bittstellern und Politikern umlagert wurde. Der Schriftsteller flüchtete schließlich nach Amerika in ein abgelegenes Landhaus nahe der kanadischen Grenze, wo er 10 Jahre blieb, bis zu seiner triumphalistischen Rückkehr nach „Russland“.

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Im zweiten Teil seiner dreibändigen Autobiographie „Zwischen zwei Mühlsteinen. Mein Leben im Exil“ schildert er ausführlich (auf fast 500 Seiten), wie er sogleich vom Westen belogen und betrogen wurde, und sich seine Freunde und „Partner“ – Anwälte und Übersetzer – nacheinander als (Geschäfts-)Feinde „entlarvten“.

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Den Begriff „Satansbrut“ behält er jedoch den Machthabern in der Sowjetunion vor. Immer wieder traf Solschenizyn sich im Exil mit anderen russischen bzw. sowjetischen Dissidenten. In den Siebzigerjahren lebten noch drei Generationen dieser Emigranten im Westen. In ihren Vereinen und Verbänden schmiedeten sie Pläne, wie man das „Breschnew-Regime“ stürzen könne. Sie wurden dabei mehr oder weniger unterstützt von westlichen Geheimdiensten und von sowjetischen Geheimdienstlern unterwandert. Das „Mauermuseum“ am Check Point Charly war damals nebenbeibemerkt ihr (deutsches) „Hauptquartier“. Solschenizyn lernte alle russischen Exil-Truppenteile kennen – und war enttäuscht, vor allem von ihrem mangelnden Realismus. Manchmal zweifelte er an seinen Landsleuten – aber nie an der „Heimat“ – und an der orthodoxen Kirche.

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Derweil gab es kaum noch Zweifel am „Verrat“ der meisten seiner West-„Mitstreiter“ bei der Übersetzung und Veröffentlichung seiner bislang im „Untergrund“ erschienenen Bücher über die Verbrechen der Kommunisten und den noch zu veröffentlichenden über die Geschichte der russischen Revolution: „Das Rote Rad“ – von dem am Ende vier von ursprünglich zehn geplanten Bände erschienen. Sein Wunsch als Großschriftsteller, dieses „Hauptwerk“ würde neben Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ und Wassili Grossmans „Leben und Schicksal“ bestehen, erfüllte sich nicht: Er blieb der „GULag“-Autor – trotz der besseren, weil zugänglicheren Archive im Westen und der freien Rede unter den Antikommunisten. Der vierte Band wurde schon nicht mehr ins Deutsche übersetzt.

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Chodorkowskis Lebensplan im Exil sieht anders aus, wie er im Mauermuseum kund tat: „Der Wirtschaft wolle er fern bleiben. ‚Da habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte.‘ Auch in die Politik wolle er nicht, das habe er Putin in einem Brief auch mitgeteilt. ‚Es geht mir nicht um einen Kampf um die Macht‘.“ Da war Solschenizyn aus ganz anderem Holz. Aber die vielen neuen „Freunde“ im Westen werden den erfolgreichsten und ergo reichsten postsowjetischen Geschäftsmann schon wieder auf die Spur bringen. 2002 hieß es über Chodorkowski, 39, Chef des Jukos-Erdölkonzerns, im Spiegel: „Was haben sie ihm nicht schon alles nachgesagt, seine geschäftlichen Konkurrenten, seine kommunistischen Feinde und natürlich ‚diese Giftzwerge von der Journaille‘, die er ganz selten nahe an sich ranlässt: Er sei ein Mafia-Typ, ein Rohstoffdieb im großen Stil, ein Ausbeuter seines Volkes.“ – Aber kein „Regimekritiker“.

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In einem Spiegelinterview „gönnt er sich eine kleine Verschnaufpause in Sachen Ehrlichkeit. Zögert, nimmt einen Schluck Mineralwasser. ‚Waren wir deshalb Räuberbarone? Vielleicht. In dem Sinne, wie die großen amerikanischen Firmengründer Ende des 19. Jahrhunderts Robber Barons waren‘.“

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Nachdem er nun eine gehörige Strafe dafür abgesessen und der „Alte Fuchs“ Genscher seine Freilassung in den Westen erwirkt hat, wird er mit seiner postsowjetischen Agenda bestimmt zum Liebling der Freien Welt. Vielleicht so, wie der DDR-Schauspieler Manfred Krug nach seiner „Übersiedlung“ in den Westteil Berlins zum „Liebling Kreuzberg“ wurde.

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In der „Zeit“ vom 2. Januar 2014 schreibt Christoph Dieckmann – über unser ewiggestriges Russland-Bild von heute: „Das größte Land der Erde schrumpft  zur Dämonie des Autokraten Putin, sein Milliardärshäftling Chodorkowski schwillt zum Freiheitskämpfer…“. Im März 2013 traten Genscher und Gorbatschow auf der Leipziger Buchmesse auf, während Genscher Erbauliches von sich gab, erregte sich Gorbatschow. Laut Dieckmann schimpfte er: „Der Westen habe das russische Vertrauen mißbraucht! Wider alle Absprachen dränge die Nato immer weiter nach Osten.“ Deutschland will da auch wieder imperialistisch mitmischen – das spiegeln bereits die Bundeswehr-Periodika und Sicherheitskonferenzen unverhohlen wider. Es empfiehlt sich diesbezüglich die Konferenz-Zusammenfassung in der Reemtsma-Zeitschrift „Mittelweg“ (Nr. 36) sowie die Bundeswehr-Periodika „loyal“ und „Europäische Sicherheit und Technik“ zu lesen.

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Nachdenklichkeiten servieren

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Dauernd bekommen wir zu hören, dies und das sollte uns nachdenklich stimmen. Z.B. dass der bei Seattle domizilierte Computer-Konzern „Microsoft“ im berühmten Silicon-Valley von einem der dortigen saukreativen Start-Up-Unternehmen ein Patent auf „Targeting Advertisements Based on Emotion“ erwarb – unter Hinweis auf den „Kinect-Bewegungssensor“. Das berichtete der weißrussische Technologiekritiker Evgeny Morozov in seiner FAZ-Kolumne „Silicon-Demokratie“ – um uns „nachdenklich zu stimmen“. Denn diese „plastische Technologie“ ist mit „intelligenten“ Sensoren verbunden, in IPhones z.B., die selbst im Ruhemodus die Bewegungen oder Nicht-Bewegungen des Nutzers registrieren, um ihn mit jeweils passender, „extrem personalisierter, emotionsbasierter Werbung zu versorgen. „Samsung hat ähnliche Patente auf Technologien, von ‚Techniken zum Teilen von Emotionen‘ in sozialen Netzwerken bis hin zum Aussenden von Parfümnoten auf Mobiltelefonen.“

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Der amerikanische „Spezialist für Computersicherheit“ Jacob Appelbaum ging kürzlich auf dem 30. „Chaos Communication Congress“ in Hamburg bereits „paranoid“ so weit, dass er, um mit seinem Handy zu telefonieren erst einmal dessen Akku auflud. „Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, das sie nicht hinter dir her sind“ – in „Echtzeit“ jetzt sogar. Appelbaum berichtete, dass und wie sich die Geheimdienste „auf privaten Routern einnisten“, wenn Nutzer Internetseiten aufrufen, bekommen sie eine Spionage-„Beigabe“ mitgeliefert. Ähnlich sei es bei Postlieferungen „etwa von Amazon“ (FAZ), die von ihnen geöffnet werden, um die Elektronik, die die Menschen bestellt haben, zu „infizieren“. Die Geheimdienste wollen die „Kontrolle über die Maschinen, um die Menschen zu kontrollieren,“ so Appelbaum. Ähnlich drückte sich der Berliner Netzwerker Sascha Lobo aus: Das Internet habe sich als „Weltüberwachungsmaschine entpuppt, mit der man nebenher Flüge buchen kann.“ Ganz anders das „Handelsblatt“ am ersten Wochende dieses Jahres – mit seinem Schwerpunkt „Silicon Valley – Report aus dem Labor der Weltwirtschaft“. Da wird durchweg über dieses „Zentrum“ einer neuen „Unternehmenswelt“ geschwärmt: vom Bildzeitungschef über den Telekomchef bis zu „VW, Bosch & Co“ – alle lassen sich dort persönlich überzeugen – „inspirieren“. Die Wolfsburger suchen dort nach Entwicklungen „für das autonome Auto“, Mediziner „für den autonomen Patienten“, dessen „elektronisches Armband“ ihm alle möglichen Daten über seinen Körper liefern, die er dann via Internet – mit Hilfe der „Intelligenz der Masse“ – zu Diagnosen formuliert.

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2013 flossen 2,3 Milliarden Euro Risikokapital in die Biotechnologie. Auf Daten für die Landwirtschaft ist das Start-Up „Climate Corporation“ aus, das gerade von „Monsanto“ aufgekauft wurde. Auch neue „Unternehmensstrukturen“ werden im Silicon Valley erprobt und Scheitern ist dort kein Vertrauensverlust – angeblich sogar im Gegenteil. Die „Handelsblatt“-Reporter interviewten den Berliner „Organisationsforscher“ Ayad Al-Ani, der davon überzeugt ist, „dass die Festanstellung ihre Hoch-Zeit hinter sich hat…Freiberufler sollen wieder mehr Kreativität in die Firmen bringen.“ Dass die prekär Beschäftigten, Leiarbeiter z.B., dies als absolute Zumutung empfinden könnten, ficht diesen Idioten nicht an. Zwar läßt das Handelsblatt aus, wie sich Militär und Geheimdienste dort bei den „Start-Ups“ bedienen, dafür wird jedoch das neue Buch von Ian Morris, der unweit von Silicon Valley an der Stanford Universität lehrt, promoted:

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Der englische Historiker beweist glasklar: „Der Krieg habe die Menschheit reicher und sicherer gemacht“. Der deutsche Kriegsforscher Herfried Münkler erklärt dazu im Heft: Morris denke dabei an die „erodierende Macht der USA“ und hoffe, dass die Pax Americana so lange hält, bis die Pax Technologica – die „Computerisierung der Waffensysteme“ – greift. Ähnlich wie die Bundeswehr im übrigen, die hofft, ab 2015 endlich „Drohnen in Afghanistan“ einsetzen zu können, wie das „Neue Deutschland“ am selben Tag berichtete, und ebenso, dass die Regierung sich nur zögerlich an einen „NSA-Untersuchungsausschuß“ ranwagt. Morris ist gegen ethisch-moralische Verdammungen von Kriegen: „Nicht der gute Wille der Menschen, sondern die in der Evolutionstheorie beschriebenen Selektionsmechanismen haben zur Eindämmung des Krieges und zur Aussicht seines gänzlichen Verschwindens geführt,“ schreibt Münkler über die Zentralthese des Buches von Morris, für den die kriegerischen Zerstörungen und Morde über Tausende Jahre hinweg für Wohlstand gesorgt haben. In der „Jungen Welt rezensierte am selben Tag Thomas Wagner das Buch: Morris „Geschichtserzählung“ kranke „vor allem an mangelnder historischer Sachkenntnis, falschen Prämissen und einem Übermaß an Spekulation,“ schreibt er.

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Der Autor will kein Bellizist sein und auch nicht – wie etwa der Ethnologe Pierre Clastres – eine Lanze für die primitiven Kriegergesellschaften brechen – im Gegenteil: Ausgehend von Thomas Hobbes begrüßt Morris ausdrücklich „die Schaffung größerer Gesellschaften, stärkerer Staaten und größerer Sicherheit“ – wobei er die Kriege dafür verantwortlich macht. „Warten auf den Robocop“ nennt Thomas Wagner seine Rezension dieses postfaschistisch-biologischen „Lobliedes auf den Krieg“, das von einer „neuen Stufe der Zerstörung der Vernunft“ zeuge.

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Kürzlich habe ich meine Wohnung daraufhin durchgesucht, ob ich etwas besitze, das nicht mathematisch hergestellt wurde: Es gab nur noch ein paar kümmerliche Reste. Ansonsten ist jeder Bettbezug, jede Tasse und alles Gerät mehr oder weniger ein maschinelles Produkt. Und das geht draußen weiter: Der Beton, die Steine, der Asphalt, die Ampel, die Autos, die Fahrräder, die Butter, die Dose Erbsensuppe… Bei der Herstellung dieser Waren und der Konstruktion der Werkzeugmaschinen – kommen mit zunehmender Elektronik auch immer mehr Algorithmen ins Spiel. Vorläufiger Gipfel dieser „totalen Informatisierung des Alltags“, wie Nora S. Stampfl das in ihrem Buch „Die berechnete Welt – Leben unter dem Einfluß von Algorithmen“ nennt, ist der 3D-Drucker. Der brasilianische Philosoph Vilem Flusser dachte jedoch bereits weiter: „Die wahre Kunst beginnt mit der Gentechnik, erst mit ihr sind selbstreproduktive Werke möglich.“ Auch diese Herstellung von „Leben“ ist selbstverständlich mathematikbasiert. Der Genetiker und Nobelpreisträger Francois Jacob stellte beizeiten klar, „die Wissenschaft interessiert sich nicht mehr für das Leben, sondern für die Algorithmen des Lebenden“. Kleiner Unterschied.

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Dem Biochemiker Craig Venter gelang es dann 2010 als erster, auf synthetischem Wege eine bakterielle Zelle – Leben! – synthetisch herzustellen. Das „Erbgut“ von Venters Bakterium wurde „vollständig am Computer entworfen und dann im Labor von Maschinen aus vier chemischen Grundbausteinen zusammengesetzt,“ hieß es dazu in der Presse. Dieses „Leben“ hat Venter sich natürlich gleich patentieren lassen. Eines nicht mehr fernen Tages ist der „Robocop“ vielleicht auch auf diesem Wege – biotechnisch – herstellbar.

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1927 hatten der spätere „Held der Sowjetunion“ Otto Julewitsch Schmidt und sein Institutsleiter Ilja Iwanowitsch Iwanow auf ihrer Affenforschungsstation in Suchumi/Abchasien versucht, Menschen mit Affen zu kreuzen. Damit wollten sie anti-kreationistisch gestimmt die nahe Verwandtschaft von Menschenaffen und Menschen beweisen. Der Versuch mißlang: Zwar gab es etliche experimentierfreudige Frauen, aber nur einen männlichen Schimpanse: „Tarzan“ — und der starb, bevor es zum Äußersten kam. Erst seit 1972 weiß man, dass es so einfach gar nicht gegangen wäre: Menschen und Menschenaffen haben sich zu sehr auseinandergelebt. 2010 kam eine Slawistin in der ZDF- Kultursendung „Aspekte“ noch einmal auf die Affen-Menschen-Experimente von Otto Julewitsch Schmidt in Suchumi zurück. Ebenso wie dann auch in der Bild-Zeitung war dabei – wider besseres Wissen – die Rede davon, dass dies geschah, weil Stalin „Untermenschen“ bzw „“Arbeitssklaven“ und „Killersoldaten“ züchten wollte.

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Letzteres hat ganz ernsthaft die Bundeswehrführung vor, wobei sie daran denkt, diese Elitesoldaten nach dem Vorbild der „geheimen US-Killertruppen“ auszubilden. Sie sollen nach Art der Partisanen („Terroristen“) in kleinen Gruppen nahezu selbständig kämpfen. 2009 wurde bereits ein speziell für besonders engagierte Einsätze im Afghanistankrieg geschaffener Orden verliehen: das „Ehrenkreuz für Tapferkeit“ – die höchste Auszeichnung der Bundeswehr. Laut Wikipedia wurde sie bisher 26 mal verliehen – teilweise posthum. Dem Vernehmen nach soll die Auszeichnung unter den Afghanistan-Soldaten sehr begehrt und angesehen sein.Für viele ist die Menschenjagd dort die Fortsetzung ihres früheren Computerspiels, „World of Warcraft“, mit anderen Mitteln.

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In Potsdam entsteht derweil ein ganzes Militärcluster, vorneweg das „Institut für Sicherheits- und Militärpolitik“, in dem man sich noch ganz andere Schweinereien am Grünen Tisch ausdenkt. Zu den Mitdenkern zählen u.a. der internationale Kriegsverbrecher Henry Kissinger, die Managerin des Rüstungskonzerns British Aerospace Margarita Mathiopoulos, Brandenburgs Generalinnenminister Schönbohm und der reaktionäre Historiker Michael Stürmer. Auf dem Eröffnungsball tanzte außerdem der revanchistische Historiker Arnulf Baring an. Dieser hatte bereits gleich nach der Wende – gegenüber dem Preußenpropagandisten Wolf Jobst Siedler – von einer neuen „Ostkolonialisation“ gesprochen, „obwohl man das öffentlich fast (noch) nicht sagen kann – aber die osteuropäischen Staaten erwarten das von Deutschland!“

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Erwarten ist gut – eher könnte man von befürchten sprechen, tatsächlich geht es jetzt aber um „Neue Anti-Terror-Strategien“. Im Klartext: Weil der Maquis, das Partisanentum, einst besonders in Osteuropa – zwischen Weißrussland und Jugoslawien – den Deutschen zu schaffen machte, deswegen muß man jetzt ein solches „Potsdam-Center“ als ein „Zeichen der Normalisierung in den Beziehungen Deutschlands zur Welt“ sehen, wie der Institutsleiter Görtemaker sich ausdrückte.

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Daneben haben sich aber auch noch das „zentrale Einsatzkommando für Auslandseinsätze der Bundeswehr“- von Mazedonien bis Afghanistan, das „Militärgeschichtliche Forschungsamt“, ein „Lehrstuhl für Militärgeschichte“ an der Universität, sowie etliche Bundeswehr-Elitestäbe und Feldjägereinheiten, ferner der seit 1918 als besonders reaktionär geltende Grenzschutz angesiedelt. Nicht zu vergessen, jede Menge alte Adlige und neue Promis aus Mode und Moderation. Ein ganzer Thinktank also. Schönbohm versprach bei der Eröffnung außerdem noch die Ansiedlung des „EU-Kollegs für Sicherheit“ in Potsdam. Der Nato-Generalsekretär – „einer der meistgefährdetsten Politiker der Welt“, laut Bild – war von seinen Lieblings-Bodyguards umringt, und sagte nichts. Dafür fand jedoch der Sicherheitsberater des US-Präsidenten, William Schneider Jr., die richtigen Worte, als er Potsdam „das Zentrum eines großen Teils der deutschen Geschichte“ nannte – womit er nicht die Vergangenheit aus-, sondern die Zukunft andeutete.

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Berlin ist aber auch nicht ohne – militärischen Zauber: Da sind z.B. die Westbeamte der „Bundesakademie für Sicherheitspolitik“ (BAKS) – in der Präsidialkanzlei des Pankower Schlosses Schönhausen. Dieses nicht mehr schlammbraune, sondern beige Gebäude beherbergt nun den wichtigsten militärpolitischen „Thinktank“ Deutschlands, wie der Frankfurter Politologe Peer Heinelt dieses Hauptquartier der reaktionären Bellizisten nennt. Geschult werden hier „neben hochrangige Militärs, Beamte des Bundesinnenministeriums, des Bundeskriminalamts (BKA), des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des Verfassungsschutzes“ auch „Manager etlicher Großkonzerne – u.a. von Rheinmetall, Siemens, Daimler, Deutsche Telekom, Commerzbank, Bayer, EADS und Deutsche Bahn.“ Der BAKS geht es dabei um den Aufbau eines „exklusive(n) Netzwerk(s) zwischen Entscheidungsträgern“. Diese sollen sich laut Peer Heinelt „einerseits damit identifizieren, daß Gewalt zur Durchsetzung des Zugangs zu Rohstoffen und Märkten ebenso legitim ist wie zur Beseitigung mißliebiger Regimes oder zur Bekämpfung von Aufständen in aller Welt. Andererseits soll ihnen vor Augen geführt werden, daß oppositionelles Verhalten oder gar die grundsätzliche Negation der bestehenden Verhältnisse in Anbetracht einer lückenlosen ‚Sicherheitsarchitektur‘ keine Chance auf Erfolg hat.“

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Zu diesem Zweck will man den illustren Kreis aus Vertretern des Kapitals und seiner geschäftsführenden Ausschüsse nach eigenen Angaben „strategische Handlungskompetenz“ vermitteln, die ihn befähigt, „krisenhafte Entwicklungen zu meistern“. Den Begriff der Krise legt die BAKS dabei laut Peer Heinelt bewußt sehr weit aus; „er umfaßt schlicht alles, was von der herrschenden Klasse in irgendeiner Weise als Bedrohung für die Existenz der im nationalen wie internationalen Maßstab bestehenden Ausbeutungsverhältnisse wahrgenommen wird: Die sozialen Folgen der aktuellen ökonomischen Verwerfungen zählen ebenso dazu wie ‚organisierte Kriminalität‘, ‚Terrorismus‘, ‚Fundamentalismus‘ und ‚illegale Migration‘.“

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Die Fähigkeit zum umfassenden Krisenmanagement wird im Rahmen sogenannter Planspiele trainiert, bei denen laut Anleitung die ‚Auswirkungen globaler Entwicklungen auf die deutsche und europäische Sicherheitspolitik‘ mit der Absicht analysiert und bewertet werden, ‚Zukunftsszenarien (zu) antizipieren und präventiv (zu) handeln‘. Das Planspiel des Jahres 2011 etwa sah vor, daß ‚religiös und ethnisch bedingte Unruhen im Ausland‘ einerseits die ‚Gefährdung von deutschen Staatsbürgern‘ und andererseits ‚Terrordrohungen und -anschläge auch in Deutschland‘ nach sich ziehen.

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2008 hatte die BAKS das Szenario einer ‚Energiekrise‘ entworfen, die sowohl zu ‚gewalttätigen Ausschreitungen und Demonstrationen‘ im Inland als auch zu einer ‚drohende(n) bewaffnete(n) Auseinandersetzung‘ mit China und Rußland führen sollte. Die beiden genannten Planspiele sind durchaus repräsentativ für die Weltsicht des militärpolitischen Thinktanks.

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2012 bezeichnete ein Vertreter des BND bei einem von der Akademie veranstalteten ‚Berliner Colloquium‘ den ‚Kampf um strategische Räume‘ samt dem ‚Zugang zu diesen Räumen und Ressourcen sowie die dazu notwendigen Verbindungswege« als die »Themen der Zukunft‘. Zugleich zeigte sich der Geheimdienstmitarbeiter überzeugt, daß der ‚Wettstreit unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Systeme keineswegs zugunsten der Demokratie und Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild entschieden‘ sei. Es muß also weiter gekämpft werden. Dazu zählen natürlich auch die „friedlichen Mittel“ – wie zweckgebundene Entwicklungshilfe, Kredite zum Ankauf von Waffen (an Griechenland und Südafrika z.B.), Schmiergelder, Wucherzinsen, schwarze Kassen, Kartellabsprachen und Erpressung etc.. – unbedingte Abschlüsse.

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Der/Die/Das Unbedingte

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„Unbedingt“ ist die Autorität der Bibel – für Fundamentalisten, unbedingt hat die Treue der Nazis zum Führer zu sein, ebenso die Kampf- und Sterbebereitschaft der Islamisten, generell wird gerne auf die „unbedingte Bereitschaft“ bestanden, für seine Überzeugungen einzustehen, sich für eine Sache einzusetzen. Alexander Solschenizyn war so ein „Unbedingter“, ein „Unbeugsamer“ nennt ihn sein deutscher Verlag, der das auch von anderen (Dissidenten) verlangte. Ihm am Nächsten kam dabei Andrej Sacharow.

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Den Autor des „Archipel GULag“ würde der Philosoph Michel Foucault als einen „universellen Intellektuellen“ bezeichnen, dessen Ursprünge er bei Voltaire ansetzte und der vor allem von gebildeten Juristen verkörpert wurde, Sacharow dagegen als einen „spezifischen Intellektuellen“, der in seiner besonderen Stellung zur Macht, durch seine berufliche Tätigkeit selbst zum moralischen Widerstand gelangt. Zum älteren Typus zählte Foucault auch noch Sartre, dessen Kriminalisierung De Gaulle einmal verhinderte mit der Bemerkung: „Einen Voltaire verhaftet man nicht!“ Sartre empfahl übrigens seiner Intelligenz einmal, die Existenz sowjetischer Arbeitslager zu verschweigen: um die französischen Arbeiter nicht völlig hoffnungslos zu machen. Erst Foucault änderte dann angeblich Sartres Haltung zum „GULag“. Das Scharnier zwischen beiden Intellektuellentypen war für Foucault der Atomphysiker Robert Oppenheimer. In der sowjetischen Dissidentenbewegung könnte man danach den „Vater der Neutronenbombe“ Sacharow als Repräsentanten der neuen „spezifischen“ und den Schriftsteller und Dichter Solschenizyn als Vertreter der alten „universellen Intellektuellen“ bezeichnen. Während jener am „Internationalismus“ festhielt, entwickelte sich dieser mehr und mehr zu einem Nationalisten.

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Der „russische Patriot“ Solschenizyn erklärt sich das selbst damit, dass Sacharow „von den Höhen“ kam, er dagegen „von ganz tief unten“: Sacharow „fühlt keinen russischen Schmerz,“ er ist „der letzte Dolchstoß einer ‚Befreiungsdoktrin aus dem 19.Jhd…Uns trennt – Russland“. Zudem lehnte er das „System nicht im Gesamten ab, ich aber griff die leninistische Ideologie von der Wurzel her an.“ Sacharow forderte die Abschaffung der Führungsrolle der KPdSU und stattdessen: „Alle Macht den Sowjets!“ Im übrigen wollte er den sowjetischen Kommunismus und alle westlichen Nationalmächte mit einer „wissenschaftlichen und demokratischen Weltregierung“ überwinden. Auch Solschenizyn verwendete – in einem „Brief an die sowjetische Führung“ – das Wort „Räte“ (Sowjets) – als den „einzig damals akzeptablen Begriff, um die Notwendigkeit der Selbstverwaltung durch das Volk zum Ausdruck zu bringen.“

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Schon als Solschenizyn im Westen als „Regimekritiker“ bekannt wurde, Anfang der Siebzigerjahre, taten wir ihn als von den Rechten, von der CIA bis zur Springerstiefelpresse vereinnahmt, ab. Seine Bücher lasen wir nicht! Dabei waren sie großartig – beginnend mit „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ bis zu den 10 Bänden „Das Rote Rad“, von denen er nur vier veröffentlichte.

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Über seine sowjetischen Jahre des literarischen Kampfes gegen den Kommunismus veröffentlichte er kurz nach seiner Verbannung in den Westen 1974 eine erste Autobiographie „Die Eiche und das Kalb“ – mit dem Untertitel: „Skizzen aus dem literarischen Leben“. Zunächst fand er im Haus von Heinrich Böll bei Köln Unterkunft. – umlagert von zig aufdringlichen West-Journalisten: „Sie sind schlimmer als der KGB,“ schimpfte er, gleichwohl muß er sich eingestehen, dass sie ihm zuvor „Weltgeltung verschafft“ hatten. Von der BRD aus suchte Solschenizyn einen ruhigen Exilort zum Arbeiten – zunächst in Norwegen, wohin vor ihm auch schon Trotzki zog, der allerdings vor den „Stalinisten“, geflohen war.

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Solschenizyn empfand jedoch aus ganz anderen Gründen als Trotzki „eine große Sympathie für Norwegen: ein verschneites Land im Norden, lange Nächte, viel Ofenwärme, viel Holz im Alltagsleben, auch beim Geschirr.“ Mit der Fahrt dorthin fängt seine zweite Autobiographie „Zwischen zwei Mühlsteinen“ an. In Oslo sah er die Verfilmung seines noch in der Sowjetunion veröffentlichten Romans über das Arbeitslager von Ekibastus in Kasachstan: „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“: „Der Film sollte möglichst nah an der Vorlage bleiben. Allerdings war das Einzige, was man wiederzugeben vermocht hatte, die Kälte, die Kälte und vielleicht andeutungsweise die Ausweglosigkeit.“

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Solschenizyn und seine Frau bezogen schließlich Quartier in der Schweiz. Mit Hilfe des Axel Springer Verlags gründete er mit Andrej Sinjawski, ebenfalls ein sowjetischer Dissident im Exil, die Zeitschrift „Kontinent“. Sie hätten, kritisierte Günter Grass in der „Frankfurter Rundschau“, damit Partei für eine politische Gruppierung ergriffen, die „keinen Anstoß genommen hat an rechten, halbfaschistischen Systemen und Diktaturen“. In Zürich setzte sich Solschenizyn auf die Spuren Lenins. Heraus kam dabei 1975 sein schwächstes Buch „Lenin in Zürich“.

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Die ersten Monate im Westen lebte ich durcheinander, verworren und nervös, und überall machte ich Fehler, taktische wie geschäftliche.“ Letztere nahmen in den darauffolgenden Jahre noch enorm zu, weil immer mehr Verlagsleute, Exilanten, Slawisten und Journalisten von seinen Weltauflagen profitieren wollten: „Gewinnsucht und Gier…Überall nur Profitsucht, Berechnung…Wie Heuschrecken.“ Und dann, dass man im Westen für alles und jedes Verträge und Anwälte brauchte (in der Sowjetunion hatte noch das Wort gegolten)…Seiner Stiftung „Russischer Gesellschaftlicher Fond“ zur Unterstützung von Lagerhäftlingen und Dissidenten in der UDSSR, die er in der Schweiz mit dem Honorar seines Weltbestsellers „Der Archipel GULag“ gegründet hatte, gingen darüber „mehrere Millionen Dollar“ verloren.

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Weil es ihm in der Stadt Zürich zu laut und lebhaft war, zog er sich zum Schreiben aufs Land in das Haus eines Freundes zurück: „Mit ihrem klugen Rhythmus festigte die bäuerliche Arbeit meiner guten Nachbarn meinen Seelenfrieden…“ Wegen seines Nobelpreises für Literatur, den er 1970 nicht in Empfang nehmen konnte, weil er befürchtete, nicht wieder zurück in die Sowjetunion zu können, reiste er nun nach Stockholm, um sich mit einer Rede zu bedanken. Unterwegs erinnerte er sich an sein Vorbild Leo Tolstoi, mit dem ihn später auch Marcel Reich-Ranicki verglich. Tolstoi hatte allerdings den Preis seinerzeit – ebenso wie 1964 auch Jean-Paul Sartre – abgelehnt, mit den Worten: „Irgendein Kerosinhändler namens Nobel bietet mir einen literarischen Preis an.“ Für Solschenizyn war die Auszeichnung jedoch „die Federung meines Mechanismus für die Überwindung der Sowjetmacht.“

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Statt für Norwegen entschieden Solschenizyn und seine Frau Alja sich für Kanada, wo viele Emigranten aus Russland und der Ukraine lebten. Sie flogen nach Montreal und von da aus mit dem PKW und einem Architekten durch Ontario auf der Suche nach einem Haus oder Grundstück: „Kanada zeigte überhaupt keine Ähnlichkeit mit Russland.“ Dafür unterschied sich das Land, „was die riesigen, gut gefütterten, stumpfsinnigen Hippies betraf, nicht von der restlichen zivilisierten Welt.“ Und die dortigen Wälder waren auch keine richtigen Wälder mehr. Kanada kam also für sie nicht in Frage. Weiter ging es mit dem Zug nach Alaska. Unterwegs entdeckte er: „Man hat jeglichen Respekt vor der Eisenbahn verloren.“ Alaska besaß noch viel „vom russischen Charakter“ – vor allem „in Gebieten mit einer dichten russischen Besiedlung.“ Sie besuchten dort orthodoxe Kirchen, Priester und geistliche Akademien. Sich dort niederlassen wollte das Ehepaar jedoch nicht.

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Also reisten sie reisten weiter – nach Kalifornien, wo Solschenizyn „einen Blick“ in die Archivsammlungen der reaktionären „Hoover Institution“ werfen wollte. Von da aus ging es mit dem Zug an die Ostküste. Dabei dachte er sich aus, dass er sich so ähnlich auch Russland wieder nähern wollte, über den Pazifik und Wladiwostok – wenn es denn endlich so weit wäre: „Es werden viele sein, wenn es um die Aufteilung des [sowjetischen] Erbes gehen wird, doch das will erst einmal erobert werden,“ meinte er zu Vertretern des Allukrainischen Kongresses, wobei „die ukrainische Frage für unsere Zukunft eine der gefährlichsten ist.“

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…“Aber mit den Kommunisten ist es nicht viel anders als mit dem Banditenmilieu im Lager und im Gefängnis: Zeigst du Härte, gibts nicht nach – werden sie selbst zurückweichen. Vor der Härte haben sie Respekt.“ Unterwegs hielt er Reden – vor 2000 Leuten, vor 20.000… U.a. in Washington und in Harvard (dort hieß seine vielbeachtete Rede „Die zerbrochene Welt“), dann vor Gewerkschaftern usw. – er „sammelte Wut“ dabei, z.T. auch wegen des feigen Rückzugs der Amerikaner aus Vietnam 1975: „Kapitulanten“ – das Land fiel nun den verdammten Kommunisten in den Schoß. Zudem ärgerte ihn, wo immer er hinkam, die ständige Überbetonung der Menschenrechte, weil „dadurch die Rechte der Gesellschaft unterdrückt werden und sie die Gesellschaft selbst zerstören.“

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Während bei all diesen Aktivitäten die Zahl seiner neuen Gegner wuchs, rührten sich auch wieder die alten – es gab keine „Feuerpause“: Der KGB veröffentlichte mit Hilfe eines tschechischen Tschekisten, Tomas Rezac, eine „bösartige Pseudobiographie“ von ihm mit dem Titel „Spirale des Verrats“, fälschte außerdem seine Unterschrift und Handschrift. Die rechte westdeutsche „National-Zeitung“ druckte ein „fingiertes Interview“ mit ihm ab. Die eher linksliberale „Le Monde“ behauptete, er würde anläßlich des zweijährigen Bestehens des Pinochet-Regimes nach Chile fahren. Die sowjetische Nachrichtenagentur „Nowosti“ veröffentlichte eine Stellungnahme gegen den „Archipel GULag“ des berühmten Menschewiki und langjährigen Lagerhäftlings M.P. Jakubowitsch, der 88jährig in Karaganda lebte, diese Solschenizyn-Kritik wiederholte er dann „in einem eigens gedrehten Fernsehfilm“ noch einmal, woraufhin einige sowjetische Dissidenten Solschenizyn aufforderten, die Jakubowitsch betreffenden Seiten in seinem Buch zu ändern. Die sowjetische Nachrichtenagentur verteilte außerdem „kostenlos zwei Sammelbände mit Verleumdungen“ gegen Solschenizyn. Und seine erste Frau Natalja Reschetowskaja veröffentlichte mit Hilfe des KGB ein wenig schmeichelhaftes Buch über ihn: „Lieber Alexander – Mein Leben mit Solschenizyn“, aus dem dann ein zweites – als „offizielle sowjetische Ausgabe“ – folgte. Der „Archipel GULag“ wird darin als ausgeschmückte „Sammlung von Lagerfolklore“ abgetan. Sein ehemaliger Schulfreund Kirill Simonjan wies mit Hilfe von Tschekisten und Tomas Rezac in einer Broschüre lückenlos nach, wie Solschenizyn erst zum Verräter seiner Freunde, dann der Heimat und schließlich der ganzen Menschheit wurde – „Als Künstler hat er nichts zu sagen.“ Sein Mithäftling im Forschungslager Lew Kopelew kritisiert ihn. Ebenso der von Solschenizyn verehrte Sacharow. Ein ehemaliger Freund und Lagerhäftling, Witkewitsch, versicherte der Öffentlichkeit: „In dem Buch [Archipel GULag] ist alles verzerrt und in pervertierte Form dargestellt“. Eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe des KGB kam sodann zu einem ähnlichen Ergebnis – wobei sie hinzufügte, „dass ich angeblich bei ‚ihnen selbst‘ als Spitzel gedient hätte.“ Sie gaben damit zu, dass „mit ihrem Regime zu kollaborieren in den Augen der Menschen doch eine große Schande darstellt.“

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Eine andere „Arbeitsgruppe“ des KGB, um W.S. Rogatschow und Wladimir Gussew, hatte bereits 1971 versucht, Solschenizyn umzubringen. In der DDR verfasste der Bestsellerautor Harry Thürk über Solschenizyn schließlich einen ganzen Roman: „Der Gaukler“, in dem er laut „Die Zeit“ schilderte, „wie die CIA einen durchgeknallten drittklassigen russischen Schreiberling zum Dissidenten aufbaute.“ Kurz bevor „Die Eiche und das Kalb“ auf Deutsch erschien, ging auch noch der „ominöse ’stern’“ des Henri Nannen gerichtlich gegen das Werk vor. Solschenizyn mußte reagieren: „Bei juristischen Anstrengungen bekam ich ein physisches Gefühl der Anstrengung im oberen Teil der Brust, als ob jemand mit den Händen nach mir griffe…Es geschah, weil der Angriff auf die Seele überging. Ein Kampf unter ihrem Niveau, daher für sie erniedrigend…Im Osten hatte ich mir eine viel größere ‚Redefreiheit‘ erkämpft.“

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In New York schaute er sich kurz das „Bakhmeteff-Archiv“ in der Columbia Universität an und traf sich mit einem Teilnehmer des russischen Bürgerkriegs. Mit den Auftritten, Reden und Treffen mit Prominenten „schaffte ich es offenbar, eine Art Umkehr, wenn auch keine besonders dauerhafte und tiefe, im amerikanischen Bewußtsein zu erreichen oder seinen weiteren Fall zumindest zu stoppen,“ meint er, weil die Rechten in den USA langsam wieder Oberwasser bekamen. Desungeachtet bezeichnete ein Mitarbeiter des „Entspannungspolitikers“ Kissinger ihn als „fast einen Faschisten“.

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Nach einem erneuten „Ausflug nach Kanada“ verfestigte sich sein Eindruck: „Wie viel sauberer, fest gefügter die USA doch sind!“ Solschenizyn und Alja beschlossen daraufhin, sich im US-Bundesstaat Vermont nieder zu lassen, wo sie ein Grundstück erwarben und ein Haus bauen ließen. Neuer Ärger: „Freie amerikanische Arbeiter verhielten sich wie die letzten unter unseren letzten Gefangenen bei der Lagerarbeit: Sie verspäteten sich, fingen nicht gleich an, zogen hin und her, setzten sich hin zum Kaffeetrinken (das allerdings mußten unsere Lagerinsassen entbehren), manche pfuschten, und wenn man das Angerichtete verbessern mußte, hatten wir noch einmal zu blechen.“

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Als Solschenizyn, Alja und ihre vier Kinder das einsam gelegene Anwesen bezogen, fiel wieder die internationale Journaille über sie her, „diese miese geschwätzige Presse“, dazu noch die in den USA lebende Stalin-Tochter Allilujewa: die Alarmanlage, der Stacheldrahtzaun, die Überdachung eines Weges zwischen dem Wohn- und dem Arbeitshaus, die Anschaffung einiger Gewehre und Pistolen – alles wurde zum Gegenstand der Berichterstattung. Er habe sich fast einen Bunker gebaut, einen neuen GULag geschaffen…

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Solschenizyn konstatiert: „Es wurde immer deutlicher, dass der politische Westen, wie derjenige der Zeitungswelt und freilich jener des Kommerz, entweder gar keiner oder aber ein allzu gefährlicher Verbündeter für die künftige Umgestaltung Russlands sein würde…In Wirklichkeit war ich dem allmächtigen westlichen politisch-intellektuellen Establishment genauso wenig genehm wie der sowjetischen Regierung oder der lumpigen sowjetischen so genannten Bildungsschicht.“

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Kam noch hinzu: „Wie achtsam ich im Osten zu Recht gewesen war, so blind schien ich mir im Westen.“ Wieder gab es Ärger mit den Honoraren aus dem „Archipel GULag“ – diesmal in der Schweiz mit der dortigen Finanzbehörde, was ebenfalls sofort – verzerrt und in großer Aufmachung – veröffentlicht wurde: „Hervorragend, einfach phantastisch mahlten der östliche und der westliche Mühlstein gemeinsam.“

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Solschenizyn mußte sich zudem eingestehen, dass er nicht nur die Bedeutung des Samisdat sondern auch die Dissidentenbewegung in der Sowjetunion überschätzt hatte: „Ich neigte übermäßig dazu, sie als den Hauptstrom der russischen gesellschaftlichen und geistigen Tätigkeit aufzufassen, doch sie stellte sich als ein oberflächliches Rinnsal heraus, das abseits führte und von dem verborgenen Leben des Landes abgesondert war…Unser Scheideweg deutete sich nach dem Erscheinen des [von ihm herausgegebenen] Sammelbandes ‚Stimmen aus dem Untergrund‘ und Sinjawskijs Essay ‚Russland – Hundsmutter‘ an. Sie hielten den 20. Parteitag der KPDSU [auf dem Chruschtschow seine Geheimrede über die Verbrechen Stalins hielt] für ihren Wegweiser, sie waren kaum empfänglich für die Nöte des russischen Dorfes, noch weniger für die Verfolgung des orthodoxen Glaubens…Mit der Möglichkeit zur Ausreise zeigte sich, dass sie von den existentiellen Problemen der Nation nicht erfasst war und sich wie Schaum auflöste.“ Der Dissident Andrej Amalrik begründete seine Ausreise so: „Das Emigrieren ist ein taktischer Schritt im Kampf um die Veränderung des Landes.“ Solschenizyn nahm insbesondere den Juden, die als erste ausreisen durften, den Gang ins Exil übel, zumal wenn sie nicht nach Israel gingen, sondern in Europa blieben – weil sie mit ihrer massenhaften Ausreise die Dissidentenbewegung schwächten. 

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Aber jetzt immerhin – in Solschenizyns neuem Haus und mit seinem alten Schreibtisch aus St.Petersburg noch – konnte es losgehen: „im Hafen angelangt wagten Alja und ich die Herausgabe meiner Gesammelten Werke in 20 Bänden.“

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Dort in seinem Landhaus nahe der kanadischen Grenze entstand während seiner 18 Exiljahre noch ein weiteres Werk, das erst nach Solschenizyns triumphalistische Rückkehr – von Wladiwostok aus nach Moskau – in die nicht mehr existierende Sowjetunion, aktualisiert und veröffentlicht wurde: „Meine amerikanischen Jahre“. In ihm geht es ebenfalls um seinen Kampf für sein Werk – um veröffentlichte Gedanken, die im Westen von böswilligen Journalisten, spitzfindigen Juristen, tumben Sowjetologen und querulatorischen Emigranten verdreht, verkürzt oder zweckentfremdet wurden. Mit diesen neuen „Feinden – klein, aber zahlreich“ hatte er „keine Erfahrung“.

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Er hofft, dass man sein Drehbuch über den Aufstand der Gefangenen im Straflager von Kengir endlich verfilmt, aber die Produzenten in Hollywood verlangen als Hauptakteure ein Liebespaar. Er zieht das Drehbuch zurück – „sein reinigender Geist“ wäre daraus verschwunden (1989 will Andrzej Wajda es verfilmen, aber es bleibt bei einer Willenserklärung.) Von den lebenden sowjetischen Schriftstellern mag Solschenizyn nur die Dorfprosaisten (Schuckschin, Below usw.). Wenn er „unter Bauern“ ist kommt er sich vor wie Tolstoi. Auch das ist 19. Jahrhundert-Ideologie. Im Gegensatz zu den damaligen russischen Populisten meinte er jedoch, dass man „gerade bei den führenden Kreisen Bewusstseinsbildung betreiben muß“.

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Der „Antimodernist“ verehrte die neoliberale Margret Thatcher, er küßte ihr die Hand: „Selten wird es eine geben, die dessen würdiger ist.“ Auch mit Präsident Reagan, der „gerade erst Grenada von den Kommunisten befreite,“ war er sehr einverstanden. Als Reagan ihn und einige andere sowjetische „Dissidenten“ ins Weiße Haus einlädt, schreibt er ihm jedoch zurück: „Ich verfüge über keine Lebenszeit für symbolische Begegnungen“. Die Öffentlichkeit verstand das wieder mal nicht: „Merkwürdig, wenn sie doch für die Menschenrechte eintraten, wieso ärgerten sie sich dermaßen, als ich eines der kleinsten Menschenrechte wahrnahm – einer Einladung zum Lunch nicht Folge zu leisten.“

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Eine Rede in Südkorea sagt er ab, weil sie u.a. auch gegen vermeintlich kommunistische Ziele von Studenten gerichtet sein soll: „Und?! Sollte ich vielleicht die Studenten ermahnen, nicht zu rebellieren, sondern vor dem Militärregime zu kuschen? Noch einmal als ‚Reaktionär‘ dastehen?“

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Dennoch sieht er sich als die Nummer 1 unter den antikommunistischen Mahnern und Warnern. Und so sehen das auch die reaktionären westlichen Politiker, Unternehmer und Publizisten. Als er Taiwan touristisch bereist, besteht seine Ausflugskolonne aus 40 Regierungsfahrzeugen. Das mühsame „Ziel des irdischen Lebens besteht darin, es auf einer höheren sittlichen Stufe abzuschließen, als man es begonnen hat.“ Wir dürfen „den Glauben an das Höher“ nicht verlieren. Erst „im Jenseits sind Überlichtgeschwindigkeiten möglich.“ Hienieden hat er es sich dagegen sogar abgewöhnt, das Telefon in sein Leben „einzulassen“.

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Nach einem Treffen mit Prinz Charles und Lady Di zieht er „eine Parallele zwischen dem einsamen Ausharren der Windsors auf fast aussichtslosem Posten und dem unseren [das elende Exil in Vermont].“ Desungeachtet drängte er den gleichgesinnten Prinzen „in geistigen Belangen eine richtungsweisende Rolle [zu] übernehmen. (Dem stimmte der Prinz zu.)“

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Für den BBC-Auslandssender soll Solschenizyn „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ auf Russisch lesen. „Als ich den Text vortrug, spürte ich eine unterstützende Kraft, die außerhalb der Zeit lag.“ Diese bestand darin, „ein Glied in der langen Kette der unzerstörbaren russischen Tradition zu sein.“

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Mit seiner „Unverwüstlichkeit“ hofft er, noch zu Lebzeiten in ein vom Sowjetismus befreites Russland zurückzukehren. Als es so weit ist, schimpft er über die Abtretung einiger Aleuten-Inseln an die USA, vier Inseln der Kurilen will er jedoch den Japanern wiedergeben – weil sie „nie russisch waren“. Auch Kasachstans Selbständigkeit nimmt er hin, nicht jedoch die der Ukraine und dass die Krim zu ihrem Territorium gezählt wurde: „Diese sogenannte ‚ukrainische Frage‘ wird uns einmal große Tränen bringen!“ prophezeite er. In seiner nach dem Tod Sacharows eilig verfaßten Schrift „Russlands Weg aus der Krise“ beunruhigten ihn insbesondere die „ukrainischen Nationalisten“ aus Galizien, die „aktiv die ganze Stimmung in der Ukraine aufwiegelten“. Im übrigen votierte er für die Auflösung der Sowjetunion und eine „kleinräumliche Demokratie auf der Basis lokaler Selbstverwaltung“, weil die „parlamentarische Form dazu verurteilt ist, vom Großkapital bestimmt zu werden.“

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Gorbatschow war sich mit den „Solschenizyn-Fachleuten“ im Westen einig: Das waren insgesamt Ideen eines „patriachalischen Populisten mit einer slawophilen Leidenschaft für kollektive Einmütigkeit.“ Solschenizyn kamen die Vorgänge in seiner Heimat wie „eine Art Parodie auf die Geschehnisse des Februar 1917“ vor, insofern es den jetzigen Akteuren auf den Rednertribünen an „Bedeutung, Bildung und Anstand“ fehlte. Auch machte es ihn fassungslos, dass sie das Programm der „Harvard-Gruppe“ und des Internationalen Währungsfonds“ einfach und komplett akzeptierten.

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Neujahr 1989 sagte er zu seiner (22 Jahre jüngeren) Frau: „Ach, meine liebe Gefährtin. Unser Leben war nicht einfach, aber noch komplizierter wird es zum Schluß hin.“ Neujahr 1990 feierten die beiden jedoch in Vermont schon „mit großen Hoffnungen“, während sich in Moskau „eine düstere und verzweifelte Weltuntergangsstimmung zusammenballte“. Das war zwar „in der Provinz“ – von wo aus für ihn die „Erneuerung Russlands“ kommen mußte, ganz anders, aber „wer hätte damals vorhergesehen, dass die befreienden Reformen, nach denen man bei uns so dürstete, eine noch grandiosere Zerstörung und Ausplünderung Russlands herbeiführen würden?“

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Ein kriegerisches Instrument

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Mit der ständigen Handytelefoniererei trat der „Communication War“ ab 1995 in eine neue Phase. Seit dem Abhören aller Telefongespräche durch die Geheimdienste bekam dieser „Krieg“ nun eine zusätzliche Dimension. Bereits 1969 prophezeite Marshall McLuhan: „Der 3. Weltkrieg wird ein Guerilla-Informationskrieg sein, in dem es keine Unterscheidung zwischen Militär und Zivilisten mehr gibt.“ Hier ein kleiner Rückblick auf die vergangenen Schlachten:

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Während seines Exils im US-Bundesstaat Vermont hatte der sowjetische „Regimekritiker“ Alexander Solschenizyn es sich abgewöhnt, „das hohe Tempo der Kommunikation am Telefon“ in sein „Leben einzulassen“, wie er in „Meine amerikanischen Jahre“ schrieb. „Ich pflegte dem Telefon nicht zu huldigen, Jahre können vergehen, ohne dass ich einmal zum Hörer greife.“ Dabei „kamen ständig Anrufe“ für ihn – „unsere Telefonnummer schien in immer weiteren Kreisen bekannt zu werden,“ aber seine Frau Alja nahm sie alle entgegen. Solschenizyn war 1945 für acht Jahre in einem kleinen Moskauer Arbeitslager, in der „Scharaschka ‚Institut Mawrino'“, interniert worden, wo er zusammen mit zwei anderen Häftlingen an einem abhörsicheren Telefon für Stalin arbeitete. Alle drei veröffentlichten dann im Westen darüber Erinnerungen: Der Mathematiker Solschenizyn in seinem Buch: „Der erste Kreis der Hölle“, der Sprachwissenschaftler Lew Kopelew in: „Aufbewahren für alle Zeiten“ und der Ingenieur Dimitrij Panin in: „Notebooks of Sologdin“. Solschenizyn fügte in seinem Exil-Bericht noch hinzu, dass er gegenüber den „KGB-Dämchen“ immer wieder über die „hochangesehenen geheimen Telefonsysteme“ gelästert habe – und „dafür in ein stinknormales Arbeitslager gesteckt“ wurde.

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1986 bekam der nach Gorkij verbannte „Dissident“ Andrej Sacharow plötzlich einen „Telefonanschluß“ – und Gorbatschow rief ihn an: „Nun, wie steht’s, Andrej Dmitritsch, wäre es nicht an der Zeit, zur Arbeit zurückzukehren?“

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Leo Trotzki hat das Telefon als ein „kriegerisches Instrument“ bezeichnet, das er allerdings erst 1916 kennenlernte – als er und seine Familie aus ihrem französischen Exil ausgewiesen wurden – und in New York landeten, wo sie „in einer Arbeitergegend eine billige Wohnung fanden, die jedoch überraschenderweise mit einem Telefon ausgestattet war“.

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Für Trotzkis zwei Söhne wurde das Telefonieren in New York „eine Weile zum Mittelpunkt ihres Lebens: Dieses kriegerische Instrument hatten wir weder in Wien noch in Paris gehabt.“ Aber dann spielte der Apparat für Trotzki erst wieder im darauffolgenden Jahr in St.Petersburg – während der Machtübernahme der Bolschewiki – eine, zunehmend wichtiger werdende, Rolle. Seine erste Bemerkung über dieses „kriegerische Instrument“ betraf jedoch zunächst einmal dessen Nichtfunktionieren (den „Punkt Null“ – mit Roland Barthes zu sprechen). „Auf dem Telefonamt entstanden am 24.10. Schwierigkeiten, dort hatten sich die Fahnenjunker festgesetzt, und unter ihrer Deckung waren die Telefonistinnen in Opposition zum Sowjet getreten. Sie hörten überhaupt auf, uns zu verbinden.“ Das Revolutionskomitee, deren Vorsitzender Trotzki war, schickte eine Abteilung Soldaten mit zwei Geschützen hin, dann „arbeiteten die Telefone wieder. So begann die Eroberung der Verwaltungsorgane.“ (Der vollständige Text über „Trotzki und das Telefon“ findet sich unter: www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/E1_2006_Hoege.pdf)

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2010 veröffentlichte die bulgarische Philologin Irina Lazarova eine literaturwissenschaftliche Studie unter dem Titel: „Hier spricht Lenin. Das Telefon in der russischen Literatur der 1920er und 30er Jahre“.

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Und Ende 2013 erschien in der Zeitschrift „Lettre“ ein Text über die Bolschewiki und ihr kriegerisches Instrument Telefon. Dazu hieß es in der Vorankündigung: „‚Stalin am Apparat: Macht und Mythologie des Telefonsystems in der Sowjetunion‘ erforscht Lars Kleberg. Welche Rolle spielte das Telefon in jener Epoche? Wem stand es zu, wer besaß es, wie wurde es benutzt? Grundsätzlich ein allen zugängliches, horizontales Kommunikationsinstrument, wurde es jedoch von ‚vertikalen Kräften‘ kontrolliert. Es brachte den Modernisierungsgrad zum Ausdruck und repräsentierte Status und Macht. Telefonanrufe, das konnten Geschenke sein, Gesten der Gnade, Akte der Willkür oder der Bedrohung. Majakowski, Bulgakow oder Pilnjak, Solschenizyn, Grossman oder Tarkowski – auch im Leben ihrer literarischen Protagonisten spielte das Telefon eine schicksalhafte Rolle. Ein Dichter: ‚Stalin, das war Dschingis Khan mit Telefon‘.“ Dieser letzte Satz ist zwar prägnant – aber dumm. Wahr ist jedoch, dass der mongolische Herrscher Sibirien und Russland mit einem „Postsystem“ beglückte.

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Noch ein Anruf

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Das Telefon klingelt. Es meldet sich ein Anarchist. Ob ich nicht was über ihre Bakuninhütte schreiben könne. Sie befindet sich in der Nähe von Meiningen. Ich habe kein Auto. Das mache nichts, man werde mir alles notwendige Material per Mail schicken. Und so geschah es dann auch. Und ich schrieb daraufhin auch einen Text über die Bakuninhütte, den ich der Jungen Welt schickte, die als beinharte Marxisten-Leninisten eher dafür zu interessieren waren als die windelweichen Liberal-Alternativen bei der taz. Zwar kritisieren sich Mler und Anarchos seit dem großen Streit zwischen Bakunin und Marx: „Bakunin entwickelte die Idee des kollektivistischen Anarchismus. In der Internationalen Arbeiterassoziation war Bakunin die Hauptfigur der Antiautoritären und mit Generalratsmitglied Karl Marx im Konflikt, was zur Spaltung der Internationale führte und gleichzeitig zur Trennung der anarchistischen Bewegung von der kommunistischen Bewegung und der Sozialdemokratie,“ wie es auf Wikipedia heißt. Aber immerhin gaben die Bolschewiki dann Kropotkin ein Staatsbegräbnis und Lenin wollte sogar seine anarchistischen Schriften herausgeben – nachdem die Rote Armee die anarchistisch-bäuerliche Machno-Bewegung zerschlagen und außer Landes getrieben hatte. Bei der Jungen Welt war es nun so, dass sie bloß den Abdruck des Artikels über die Bakuninhütte immer wieder verschoben, so dass der Aufruf zur Mitarbeit an dem Wiederaufbau der Hütte schließlich überflüssig wurde. Die Anarchos sind jedoch Kummer gewohnt. Das geht auch bereits aus dem Text hervor:

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Die Bakuninhütte – ein „unbequemes Denkmal“

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Michail Bakunin war nie dort, wohl aber die Anarchisten Erich Mühsam und Augustin Souchy. Die Anarchofeministin Emma Goldmann schickte 1932 eine der Baufondskarten für die Erweiterung der Hütte an ihren Mann in Amerika, als sie sich auf einer Vortragstour durch Thüringen befand.

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Die Bakuninhütte entstand in den 1920er Jahren auf einer Selbstversorgungsfläche von Arbeitern. Sie kamen aus Meiningen und Umgebung und waren meist in der syndikalistischen Gewerkschaft „Freie Arbeiter Union“ organisiert. Auf dem einstigen Gemüsefeld entstand zunächst eine einfache Schutzhütte und später ein Steinhaus. Dazu wurde der „Siedlungsverein gegenseitige Hilfe“ gegründet. Er organisierte Veranstaltungen, Feste und Zeltlager.

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1932 wurde die Hütte umgebaut, im Jahr darauf enteigneten die Nazis sie jedoch. Zunächst nutzte der „SS Sturm IC/57 Meiningen“ und die Hitlerjugend das Gelände, dann übernahm es die NSDAP München. 1938 wurde das Grundstück an einen Müllermeister im Nachbardorf Ellingshausen verkauft, der die Hütte weiter ausbaute. Er wurde 1946 durch die Sowjetische Militäradministration enteignet und die Hütte der SED Meiningen übereignet, die das immer mehr verfallende Haus mehreren Organisationen zuschob. Zwischendurch nutzte die Gemeinde Ellingshausen die Bakuninhütte fast zehn Jahre als Touristenstation „August Bebel“. Für die Ausflüge dorthin war die Kreisleitung der FDJ verantwortlich. Ab 1970 diente das Anwesen dann der Meininger Polizei als Übungsgelände.

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1989 ging die Immobilie in den Besitz des Bundesvermögensamtes der BRD über, etwa gleichzeitig bemühten sich Berliner und Meininger Anarchisten, das Objekt wieder „zurückzugewinnen“. Erst einmal mußten sie jedoch den Abriß der Hütte durch das Bauamt verhindern. 2005 kauften sie die Immobilie schließlich dem Vermögensamt in Suhl ab und gründeten den „Wanderverein Bakuninhütte“.

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Um die Renovierung des Hauses zu finanzieren, gab der Verein 2010 im Berliner Kramerverlag eine „Gedenkschrift“ über den ehemaligen Hüttenwart Fritz Scherer heraus: „Rebellen-Heil“. Neben Lebenserinnerungen und Photos von Scherer enthält das Buch eine DVD mit einem Dokumentarfilm über die Wanderarbeiter- und Vagabundenbewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Die umfangreichste Quelle für den Zeitraum bis 1933 sind die Aufzeichnungen des Wanderarbeiters Fritz Scherer,“ heißt es dazu in einem Text von Kai Richarz über „Die Geschichte der Bakuninhütte“ (im Jahrbuch 2012 des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins).

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Da die Einstufung der Bakuninhütte als „Kulturdenkmal“ vom Landesamt für Denkmalpflege abgelehnt wurde, nahm der Wanderverein den diesjährigen „Tag des offenen Denkmals“ (am 8. September) mit seinem Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale“ zum Anlaß, ein Interview mit der Berliner Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bonekämper zu führen – über die Frage, ob die Bakuninhütte mit ihrer Geschichte nicht doch unter Denkmalschutz gehört. Die Kunsthistorikerin an der TU bejahte dies – u.a. wegen des hohen „Streitwerts“. Mit diesem Fachbegriff ist kein Geldwert gemeint, sondern, dass „das Umstritten sein kein Nachteil ist, sondern eine Qualität.“ Dazu käme die gesellschaftliche Strömung, in der die Hütte entstand: der Anarchosyndikalismus als „Fakt in der Geschichte“. Dieser historische Hintergrund war zuvor im Gutachten des Landesdenkmalamtes „nach §2 ThDschG“ als „nicht denkmalrelevant“ eingestuft worden.

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Über die Hütte selbst meinte Frau Dolff-Bonekämper: „Es ist ein interessantes Gebäude, es ist irgendwie extravagant und offenbar mehrteilig, irgendwie gewachsen und es steht mitten in der Natur.“ Der nächste Gesichtspunkt wäre dann die „ereignisgeschichtliche Seite“ – was für die Bakuninhütte ein „Schlüsselkriterium“ sei: „Die ereignisgeschichtliche Seite dreht sich um Bauherrenschaft, Benutzung, Weiternutzung, Umnutzung, die Geschichte und Erhaltung des Bauwerks über Jahre und Jahrzehnte. Und inwieweit diese Geschichte – und da kommt dann eine andere Art von Expertise mit ins Spiel – von lokaler oder regionaler bzw. überregionaler Bedeutung ist.“

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Die „Inventarisationsperson“ (vom Landesamt für Denkmalpflege) müßte also bei der Betrachtung des Gebäudes auf die Ereignis- und die soziale Komponente eingehen – „speziell wenn das auch noch Bakuninhütte heißt und zwischendrin vom NS und dann von der FDJ benutzt worden ist. Dann ist das ja eine ganz kontroverse Folge sozusagen von Widmungen. Und da ist dann die Inventarisationsperson nicht mehr der einzige Experte. Sondern da sind andere Experten dazu zu denken. Nämlich die Nutzer und die Geschichten-Erzähler – die, die über Anarchosyndikalismus Bescheid wissen.“ Das alles müßte laut Gabi Dolff-Bonekämpfer „eigentlich in einer Denkmalerfassung und einer Denkmal-in-Wert-Setzung vorausgehen.“ Bei der Laube der Künstlerin Hannah Höch in Heiligensee habe dieses Procedere vor einiger Zeit gegriffen – sie ist jetzt ein Baudenkmal. Hierbei spielte auch noch etwas anderes mit hinein: Gibt es ein öffentliches Interesse? „Da kommt dann sozusagen der nächste Schritt ins Spiel. Und das öffentliche Interesse zu messen, das ist wieder nochmal eine andere Aufgabe: Wer spricht darüber, wer schreibt darüber? Ist das Ganze schon irgendwie notorisch in der Region bekannt? Gibt es eventuellen Streit darüber, oder gibt es einen Konsens? Das heißt, das Interesse der Allgemeinheit prüfen wir dann zusätzlich ab – als denkmalkundliche Menschen.“

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Und schließlich wäre auch noch die „Sachgesamtheit“ zu bewerten, das gesamte „Ensemble“: die Nebengebäude, ein Stück Landschaft, ein Garten – mit bestimmten Pflanzungen usw….Kurz, alles, „was miteinander in einem Raumzusammenhang steht.“ Den Hinweis, dass es noch übrig gebliebene Reste von Bauwerken gibt, die wahrscheinlich von der Bereitschaftspolizei dazu genutzt wurden, um Häuserkampf zu proben, veranlaßt die Interviewte zu der Bemerkung: „das ist ja superinteressant. Das würde ich dann doch auch unbedingt mit einbeziehen.“

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Die Bakuninhütte bei Meiningen ist das vermutlich letzte noch erhaltene Gebäude in Deutschland, das von Anarchosyndikalisten in der Zeit zwischen den Weltkriegen errichtet wurde. Seine Unterschutzstellung im Sinne des Denkmalschutzgesetzes des Landes Thüringen wäre eine „öffentliche Würdigung“ – aber auch eine Art von Wiedergutmachung. Es ist nicht mehr akut gefährdet, „sondern soll ja sozusagen kulturell angehoben werden, indem es als Baudenkmal ausgewiesen wird. Da kann ich nur sagen: ich finde das nachvollziehbar und könnte mir vorstellen, dass ich so dafür entscheiden würde.“ Denn dadurch wird eine Geschichte gewürdigt, die laut Frau Dolff-Bonekämper zur thüringischen Baugeschichte gehört: „Nämlich, dass es einen Teil der Bevölkerung gab, der den Anarchosyndikalisten angehört hat. Und das die auch noch gerne draußen in der Natur waren und gewandert sind. Also in der Zeit, in der das alle anderen auch machten. Und das dann aber speziell in ihrer Hütte artikuliert haben. Ich würde, wenn ich die Frage nochmals überdenke, die Eintragung ins Denkmalbuch natürlich auch verknüpfen mit dieser Geschichte der Weiternutzung.“

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Damit ist die Frage angeschnitten, ob es eine personelle Kontinuität gibt – zwischen den Erbauern und den anfänglichen Nutzern der Bakuninhütte und ihrem heutigen Betreiberverein. Dafür steht vor allem der Hüttenwart Fritz Scherer, der 1988 starb und noch mit einigen jüngeren Genossen in Kontakt war; auf dem Gelände der Bakuninhütte stellten sie einen Gedenkstein für ihn auf. Dass er und seine anarchosyndikalistischen Genossen nicht nur von rechts, sondern auch von links bekämpft wurden, das ist für die Kunsthistorikerin „eine skandalöse Geschichte die viel zu selten erzählt wird – und insofern denke ich, der Anarchosyndikalismus ist eine kleine aber auch beachtenswerte Bewegung, deren Aktivisten damals hier mit ihrer Hütte eigentlich auf der richtigen Seite standen.“ Ihr engagiertes Handeln „verdient es natürlich, dass man sich daran erinnert. Es wäre ja entsetzlich, wenn man alles was erfolglos war und irgendwann geendet hat, einfach beiseite tut.“

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Abschließend stellte Frau Dolff-Bonekämper noch einmal für die heutigen Mitglieder des Wandervereins Bakuninhütte klar: „Es ist nicht eine Eigenschaft des Objekts Denkmal zu sein, sondern ein Wollen der Erben, etwas zum Erbe haben zu wollen. Damit ist dann ganz klar, dass es eine akteursbezogene Möglichkeit ist. Während der Begriff Denkmal scheinbar einen objektbezogenen Fokus hat.“

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Diese Akteure sorgen auch weiterhin mit Wanderaktivitäten und kulturellen Veranstaltungen dafür, dass die Bakuninhütte nicht wieder in Vergessenheit gerät. Auf ihrer Internetseite heißt es z.B. über ihr Pfingsttreffen 2013: „Damit wurde eine Tradition wieder aufgenommen, die einer achtzigjährigen Zwangspause unterlag…Übernachtet wurde, im Gegensatz zu früher, allerdings nicht mehr in der Hütte, denn dies ist dem Wanderverein Bakuninhütte e.V. untersagt. Dazu dienen nun Zelte, auf dem ausreichend großen Grundstück.“ Aktuell weist der Verein darauf hin, dass er ausreichend Spendengelder bekommen hat, um nun die Instandsetzung der Hütte in Angriff zu nehmen: „Dazu werden wir nun verstärkt tatkräftige Hilfe benötigen. Eine Möglichkeit sich vor Ort einzubringen bieten die Arbeiten Ende September bis Anfang Oktober. Wer aktiv helfen möchte ist gerne dazu eingeladen.“

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Kontakt: Wanderverein Bakuninhütte e.V. , Ernestinerstraße 14, 98617 Meiningen, www.bakuninhuette.de

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Post Scriptum: Was heißt ‚lokal handeln – global denken‘?

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Die „ukrainische Frage“ wird derzeit gerade in Kiew „explosiv“, in Bangkok steht eine „korrupte Demokratie“ in Frage, ähnlich ist es in der Türkei, in Brasilien, in Korea und Griechenland. In Hamburg kam es zu „gewalttätigen Auseinandersetzungen“ wegen der Räumung der „Roten Flora“ und zuvor dort sowie auch in Marseille und Berlin mehrmals zu Demonstrationen für und mit den „Lampedusa-Flüchtlingen“…

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Der Philosoph am Leipziger Theater, Guillaume Paoli, meint, aus Angst vor Populismus würden die Reste der hiesigen Linken schon seit geraumer Zeit zu „Feigheit vorm Volk“ neigen – und von Basisarbeit, Aufklärung und Beteiligung in sozialen Bewegungen, nichts mehr wissen wollen. Mit seinen Thesen wird sich der nächste „Gegner“ (aus dem Basisdruck-Verlag) ausführlich befassen, der gerade mit den Periodika „telegraph“ und „floppy myriapoda“ fusionierte und jetzt „Abwärts“ heißt.

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Hier nur so viel: Man muß sich als Linker nicht in jeden Aufruhr reindrängeln. Daniel Cohn-Bendit führte auf einem taz-Kongreß aus: „Die sozialen Bewegungen [lokales Handeln] kommen und gehen, deswegen braucht es eine Partei“ (wie die Grünen), „damit deren Forderungen weiter getrieben werden“ (bis sie EU-Gesetz werden). Ich würde stattdessen sagen: Die sozialen Bewegungen kommen und gehen, deswegen sollte die Linke sich lieber auf die radikale Kritik der Warengesellschaft konzentrieren, d.h. global denken, denn diese Wirtschaftsform war schon zu Marx‘ Zeiten „globalisiert“.

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Seitdem in der Antike mit der Durchsetzung des Geldverkehrs das wissenschaftliche Denken entstand und sich in der Folgezeit verselbständigte, hantieren wir mit zwei Wahrheitsbegriffen: einen historisch-materialistischen in den Gesellschaftswissenschaften und einen zeitlos-gültigen in den Naturwissenschaften. Diesen gilt es laut Alfred Sohn-Rethel ebenfalls der historischen Bedingtheit zu überführen:

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Der Gabentausch ist gekennzeichnet durch die Verpflichtung der Reziprokation der empfangenen Gabe, der Warentausch darüberhinaus durch das Postulat der Äquivalenz der getauschten Objekte. Im Maße in Griechenland mit der Eisenzeit eine Ökonomie der kleinen Bauernwirtschaften und der unabhängigen Handwerksbetriebe entsteht, ist auf die Bereitschaft zur Erwiderung beim Gabentausch kein Verlaß mehr, „und der Austausch muß eine tiefgreifende Umformung erfahren, eben die Umformung zum Warentausch, d.h. die zuvor im zeitlichen Abstand zur Gabe lose erfolgende Erwiderung verkoppelt sich jetzt strikt mit ihr zur prompten Bezahlung der Gabe an Ort und Stelle, so daß die beiden Akte des Austauschs wechselseitige Bedingung füreinander werden und zur Einheit und Gleichzeitigkeit eines Tauschgeschäfts zusammengekettet sind. Die Partner dieses Verhältnisses stehen nun als Käufer und Verkäufer erst eigentlich in vollem Sinne der Tauschhandlung und Tauschverhandlung sich gegenüber.“

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„Im Warentausch ist der Akt gesellschaftlich, aber die beiden Mentalitäten sind privat; das sagt sich bündiger und klarer auf englisch: In commodity exchange the act is social, the minds are private.“

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„Das Gesellschaftliche am Warentausch ist also der bloße Akt der Besitzübertragung in absoluter Abstraktion von allem, was die Privatbesitzer im Kopf haben. Der gesellschaftliche Akt allein ist tauschwertig, quantitätsbestimmt, absolut abstrakt und generell, die privaten Mentalitäten sind gebrauchswertig, qualitätsbestimmt, konkret und individuell.“

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„Am reinen Abstraktionscharakter des Tauschaktes hängt die Funktion der Vergesellschaftung, die bei privater Warenproduktion an der Warenzirkulation hängt. Durch die Abstraktheit des Tauschaktes werden die Waren, die seinen Gegenstand bilden, in einen identisch übereinstimmenden Formkanon gesetzt, in dem sie alle als bloße Quantitäten vergleichbar miteinander sind und Objekte eines interdependenten Marktverkehrs werden können.“ „Einzig dadurch ist die Marktgesellschaft der Warenproduktion – das mirakulöse Phänomen einer Gesellschaft nach Prinzipien des Privateigentums – und somit auch die Warenproduktion selbst überhaupt möglich.“

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„Dieser hintergründige Funktionalismus ist den Individuen vollkommen verschlossen, er spielt sich ab im Blindpunkt des individuellen Bewußtseins. Kant hätte ihn als transzendental qualifiziert, Marx und Engels bezeichneten sein Ergebnis als Verdinglichung. Den Individuen der bürgerlichen Gesellschaft kann er sich schwerlich anders denn in der idealistischen Fetischgestalt des ‚Geistes‘ verbrämen, weil die Abstraktionsformen, die sie ihm verdanken, gänzlich unsinnlich und körperlos und doch persönlich zu eigen sind. Materialistisch verstehen sich diese Formen nicht als Geistesprodukte, sondern als die Vergesellschaftungsformen des Denkens.“

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So den Warentausch gesehen – ist „Das Geld die bare Münze des Apriori“. Und beides, Münze/Geld wie Geist/Logos/Wissenschaft, entsteht ab etwa -500 in Ionien. „Darin erweist sich dem geschichtlich zeitlosen Denken sein Geschichtsgrund in der Struktur des Warentausches. Die Allgemeingeltung des ‚rationalen‘ Denkens erstreckt sich über alle Formationen der Warenproduktion, vom Beginn des Eisenzeitalters in der griechischen Antike bis zum Anbruch des Atomzeitalters und der Elektronik von der Mitte unseres Jahrhunderts an.“

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„In seiner absoluten Abstraktheit enthält der gesellschaftssynthetische Tauschakt eine begrenzte Vielfalt von Elementen, deren hauptsächliche ich [A. Sohn-Rethel] analytisch aufgewiesen habe; diese Elemente fügen sich zum strukturellen Schema der Mechanik zusammen. Auf die Entdeckung dieses Schemas und seiner Mathematisierbarkeit hat Galilei die mathematische und experimentelle Methode der exakten Naturwissenschaft gegründet bzw. zu ihrer Ausbildung durch Newton den Grund gelegt. Dabei verkennt er die Mechanik des Austauschaktes – d.i. der abstrakten Physikalität der Warenbewegung, und des Geldumlaufs zwischen je zwei Eigentümern – als die Grundgesetzlichkeit der Natur.“

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„Die Naturwissenschaftler glauben, die Ausschaltung des Anthropomorphismus und den Zugang zur objektiven Naturerkenntnis geschaffen zu haben, sie haben aber nur einen früheren durch ihren eigenen Anthropomorphismus ersetzt. Der allerdings hat die entscheidenden Vorteile der mathematischen Methode und des messenden Experiments für sich.“

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Wir haben es desungeachtet immer noch mit zwei Wahrheitsbegriffen zu tun: eine historisch-materialistische Wahrheit – für die „Gesellschaft“ und eine zeitlos gültige Wahrheit – für die Natur. Spätestens seit der Renaissance scheiden sich geistige und körperliche Arbeit, d.h. die einen verkaufen ihre Handarbeit, die anderen ihre Kopfarbeit. In der Renaissance war für den Mönchpriester und Algenforscher (im GULag) Pawel Florenski dieses Elend absehbar an der (künstlerischen) Erfindung der Zentralperspektive, denn sie ist – folgt man Florenski – nichts anderes als „eine Maschine zur Vernichtung der Wirklichkeit“.

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Albrecht Dürer sah damals – in Nürnberg – diese Entwicklung kommen, auch er begrüßte sie nicht: diese absolute Trennung der Hand- und Kopfarbeiter. Dürer setzte stattdessen auf das Wir-Werden – indem er sich vom „Großen deutschen Bauernkrieg“ mitreißen ließ. Konkret verfaßte er für seine Handwerks-Lehrlinge zwei Lehrbücher, in denen er das praktische Wissen und die Mathematik zusammenführte. Sie machen sein eigentliches Genie aus – mehr noch als seine Bilder und Stiche.

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Er ist Handwerker, Meister und Künstler und hat bei dem Humanisten Pirckheimer Mathematik gelernt. Zwischen 1525 und 1527 veröffentlicht er eine „Unterweisung der Messung mit Richtscheit und Zirkel“ und den „Unterricht zur Befestigung von Stadt, Schloß und Flecken“. Hierin gebraucht er die Mathematik jedoch nicht mehr in ihrer „gelehrten griechischen und arabischen Form“, sondern formt sie um zur „Unterrichtung von Lehrlingen und Werkleuten der Baukunst, Metallgießerei, Tischlerei und Goldschmiedekunst“. Dabei geht es ihm nicht um die reine Mathematik, sondern um eine praktische „Näherungskonstruktion“. Dürer ist damit laut Cantor „der erste“. Gemessen an seinem Ziel, damit den Handwerkern zu dienen, ist er gleichzeitig aber auch der letzte, denn er scheitert: Weder haben seine Lehrlinge genügend mathematisches Verständnis dafür, noch nehmen die führenden Mathematiker in Italien seine soziale bzw. politische Idee dabei auf – im Gegenteil: Sie, die sich gerade selbständig machen, schätzen zwar Dürers Werke sehr, aber sie trennen ihr Wissen desungeachtet nur noch mehr von den Handwerkern, denn diese müssen sie nun bezahlen – für ihre Kopfarbeit. Es ist bald ihre Haupteinnahmequelle, meint Sohn-Rethel: „Sie arbeiten auf ständige Vertiefung der Scheidung zwischen Kopf und Hand hin und tasten nach der Wissenschaft, welche die vollendete Kluft beider zur methodologischen Grundlage hat“.

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Was für ein seltsamer Renaissance-Mensch dieser Dürer! So recht nach Walter Benjamins Geschmack: während für Karl Marx die Revolutionen noch „Lokomotiven“ waren „um den langsamen Zug der Geschichte zu beschleunigen“, gab Walter Benjamin zu bedenken: „Vielleicht sind sie der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse“.

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Dürer hat mit seinen zwei Lehrbüchern die Notbremse gezogen, aber der Zug der Geschichte war nicht mehr aufzuhalten. Inzwischen müssen wir schon die letzten edlen Wilden schon unter Artenschutz stellen. In seinem Versteck vor dem Wüten der Reaktion hatte Dürer seltsame Träume und malte ein Bauernkriegsdenkmal: Ein von hinten erdolchter Bauer auf einer Säule (ähnlich der Siegessäule), zu Füßen der Säule kauern jedoch Rinder, Kühe und Schafe und trauern um den Bauern, dessen Tod tatsächlich zu der Zeit besiegelt wurde: indem man die von ihm noch verkörperte Einheit zwischen Theorie und Praxis zerriss – zentralperspektivisch. Dürer hat das gemalt: Wie man einem weiblichen Akt damit zu Leibe rückt. Und dann noch einmal mit einem seiner drei Meisterstiche: „Melencolia I“. Da haben wir auch schon den Benjaminschen Engel der Geschichte. Der Aufstand der Bauern unter der Führung von Thomas Müntzer wird in Frankenhausen niedergeschlagen und überall werden seine Parteigänger verfolgt und hingerichtet.

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Auch Dürer fürchtet wie erwähnt um sein Leben – in seinem Versteck entwirft er das „Bauernkriegsdenkmal“: zu Ehren all der wegen ihres Aufstands ermordeten Bauern. Nicht einmal die DDR, die immerhin mit dem weltgrößten Gemälde des Bauernkrieges in Frankenhausen gedachte, traute sich, die „Bauern-Säule“ von Dürer aufzustellen, denn sie hatte auch noch die letzten freien Bauern zu (LPG-)Lohnarbeitern gemacht – und gleichzeitig in der Landwirtschaft einen den Handwerkern analogen Prozeß der Trennung von Hand und Kopf durchgesetzt: Fürderhin gab es dort spezialisierte Landarbeiter, die auf Weisung von wissenschaftlich ausgebildeten LPG-Leitern und Parteikadern handelten.

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Deren „proletarische Wissenschaft“ war zwar anfänglich auf die (revolutionäre) Praxis der Kolchosen ausgerichtet, aber schon bald scheiterte ihr Vordenker Trofim Lyssenko damit noch kläglicher als Dürer, so daß man auch dort zur nunmehr universell gültigen „bürgerlichen Wissenschaft“ zurückkehrte. Kürzlich wurden die Referate einer Schweizer Tagung über „Wissenschaft und Demokratie“ unter diesem Titel als Buch veröffentlicht: Von dem guten Dutzend Referenten kam nicht einer auf die Entstehung der Wissenschaft in der (griechischen) Demokratie zu sprechen, um von da aus die heutige Drittmittelforschung z.B. oder dass die Mehrzahl der Molekularbiologenin den USA an eigenen kommerziellen Biotech-Unternehmen beteiligt sind –

zu problematisieren, stattdessen bemühten sich die meisten durchamerikanisierten Wissenschaftler um Abgrenzung gegenüber „Laien“, „Mitforschern“, „Öffentlichkeit“ und „Pseudowissenschaftlern“ – wozu namentlich die „Russen“ Velikovsky und Lyssenko herhalten mußten. Was für ein kläglicher Haufen „humaner Wissenschaftler“!

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Ebenfalls vor kurzem kam noch ein weiterer heillos-hilfloser Dürer-Versuch aus Amerika: Der New Yorker Soziologe Richard Sennett schrieb zuletzt ein enttäuschendes Buch über das „Handwerk“. Es ging ihm darin um eine „Abgrenzung“ dieses Begriffs zu den „Arbeitsbedingungen des Finanzkapitalismus“, um laut Wikipedia den „Eigenwert der individuellen Arbeit wieder herzustellen und die Arbeitsumstände für die Menschen so zu gestalten, dass sie danach streben, ihre Tätigkeit möglichst gut zu verrichten“.

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Schon Alexander Solschenizyn war auf starken Widerspruch von Gulag-Häftlingen, u.a. von Warlam Schalamow, gestoßen, als er argumentierte, auch im Arbeitslager, beim Mauern einer Wand z.B., solle man möglichst gute Arbeit leisten. In Richard Sennetts Plädoyer für ein Ethos der realen Wertschöpfung zählte das Geigenspiel ebenso wie das Tischlern zum „Handwerk“. Nun hat er, mit seinem neuen Werk: „Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält“, sogar den an sich ihm wohlwollenden Rezensenten der Süddeutschen Zeitung verärgert: „Die Frage, ob der Mensch von der Natur zur Kooperation oder zu aggressivem Egoismus bestimmt ist und was diese biologische Disposition für die heutige Organisation der Gesellschaft bedeutet, ist seit einigen Jahren ein heiß debattiertes Thema zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Da käme Richard Sennett eigentlich gerade recht mit seiner Ansicht, dass die menschliche Kooperation weder bloß aus einem inneren ethischen Impuls noch aus evolutionsbiologischer Notwendigkeit erwächst, sondern immer auch aus praktischer Übung, wie sie beispielsweise in kleinen Werkstätten oder im Handwerk der Diplomatie erlangt wird.“

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Bei dem SZ-Autor rief die Ausbreitung dieses Gedankens auf 414 Seiten „quälende Langeweile“ hervor: „schade um den guten Stoff.“ Sennetts Ausgangspunkt ist aber schon liberal gedacht und falsch, wenn er meint, was die Gesellschaft „zusammenhält“ sei „Zusammenarbeit“ – und dazu so heterogene Beispiele wie das diplomatische und das handwerkliche Geschick heranzieht. Die Gesellschaftlichkeit wird im „praktischen Solipsismus“ der Einzelnen im Akt des Warentauschs hergestellt – und ist wesentlich abstrakt. So sehr, dass Bruno Latour zu Recht fragen kann: Gibt es sie überhaupt – die Gesellschaft? Müssen wir das nicht erst einmal erforschen – anstatt diesen Begriff immer schon vorauszusetzen in den Sozialwissenschaften?

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So ungefähr. Bei den Bienen – einem sogenannten „Staatsvolk“ – scheint das einfacher zu sein: Sie haben eine (arbeitsteilige, kooperierende) Gesellschaft. Karl Marx schrieb: „Eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.“ – Das Kapital. Band 1, MEW 23, S. 193.

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Das ist aber noch die Frage: Erst mal hat nicht der Handarbeiter, sondern der Kopfarbeiter den „Bau ihrer Wachszellen“ (Plattenbauten) ideell in seiner „Vorstellung“. Dann: Hat er diese denn im Kopf oder aber vielleicht außer sich – quasi als kulturelles Erbe der Menschheit, auf das er als Mensch bloß einen „Zugriff“ hat? Und schließlich: Wer weiß denn, ob die Biene nicht einen ähnlichen „Zugriff“ hat – auf das kulturelle Erbe des „Bien“ (das Bienenvolk, das man auch als einen „Superorganismus“ bezeichnet)? Ich stelle mir diese Fragen gerade für ein Büchlein über Bienen/Hummel/Wespen, das 2014 in der Reihe „Kleiner Brehm“ erscheinen soll.

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Auf einer Tagung der Akademien der Wissenschaften und der Künste in Potsdam auf dem Alten Markt über mögliche Gemeinsamkeiten zwischen Wissenschaft und Kunst meinte eine altersweise Physikerin: Es gehe dabei doch im Kern um den Satz der Identität in der Logik – A gleich A: „Da raus zu kommen, darauf käme es doch wohl an.“ Dabei dachte sie vor allem an die Künstler. Dazu sei hier abschließend noch die „Eröffnungsrede“ wiedergegeben, die von der o.e. Künstlerin und Kuratorin Joulia Strauss aus der Republik „Mari“ an der Wolga kürzlich auf der Ausstellung „Global Activism“ in Karlsruhe gehalten wurde:

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„Brüder und Schwestern! Zusammen werden wir nicht zulassen, dass die sozialen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts drastisch abgebaut werden, dass von den Konzernen profitgierig Naturkatastrophen verursacht werden, dass in der europäischen Peripherie Faschismus aufblüht, dass in Deutschland rassistisch mit Menschen umgegangen wird, die hierher geflüchtet sind, weil wir in ihre Heimat Waffen exportieren. Darf ich diese fantastische Gelegenheit nutzen, um das Thema „Refugee Protest“ einen kleinen Schritt weiter auf die Bundesebene zu bringen: ich zitiere aus dem Aufruf von Refugee Strike Berlin:

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‚Wir rufen nun alle Menschen, politische und gesellschaftliche Akteure wie Gewerkschaften, Schulen, Universitäten, Kirchen und Vereine dazu auf, sich aktiv mit unseren Forderungen zu solidarisieren, unseren Aufruf zu unterstützen und mit uns gemeinsam die Räumung des Oranienplatzes zu verhindern. Der Oranienplatz steht für Partizipation, Solidarität und Austausch und wird mittlerweile europaweit als Symbol des selbstorganisierten Protests Geflüchteter angesehen.‘

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Näheres über die unmittelbar anstehenden Aktionen dieser Bewegung entnehmen sie bitte dem Blog Refugee Strike Berlin. Zur Ausstellung: gestern kamen einige Journalisten und fragten: ist das überhaupt Kunst? Nach dem alle Tabus gebrochen sind und alles erdenkliche als Kunst akzeptiert wird? Was muss man ausstellen, um diese Frage erneut zu provozieren?

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Das zweiundhalbtausendjahrealte Imperium, in dem wie immer noch leben entscheidet aber nicht mehr, was Kunst ist, und was nicht. Das Empire lügt. Die Kunstwelt ist korrupt. Das Bild hat sich von der Definitionsmacht der in der Zeit der Moderne gefangenen Experten emanzipiert. Die Kunst hat sich radikal demokratisiert. Die Autoren der hier augestellten Bilder streben nicht wie im 20. Jahrhundert, dannach, von den Geldeliten als Künstler akzeptiert zu werden. Die Frage heute ist also nicht, „ob etwas Kunst ist“, sondern „ob eine Ausstellung imstande ist, im Einklang mit dem Ethos der Ersten Globalen Revolution zu sein“. Es handelt sich nicht um eine neue Richtung in der Kunst: die Ausstellung verlässt solch eine elitistische, für die Gesellschaft obsolet gewordene Nischenperspektive. Es geht um die Rolle der Kunst im neuen Schritt von Homo Sapiens in seiner Entwicklung. Herzlich wilkommen zu einer Ausstellung des 21. Jahrhunderts.“

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Der 2003 verstorbene Exilpalästinenser Edward Said sah bereits voraus: “Die Fackel der Befreiung ist von den sesshaften Kulturen an unbehauste, dezentrierte, exilische Energien weitergereicht worden, deren Inkarnation der Migrant ist.” Auch für den englischen Publizisten Neal Ascherson sind inzwischen die “Flüchtlinge, Gastarbeiter, Asylsucher und Obdachlosen zu Subjekten der Geschichte” geworden. Der polnische Künstler Krzysztof Wodiczko zog daraus den Schluss: “Der Künstler muß als nomadischer Sophist in einer migranten Polis aufzutreten lernen – auf ihren neuen Agoren, den Plätzen, Märkten, Parks und Bahnhofshallen der großen Städte.”

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Delacroix (siehe oben)  – nachgestellt in Istanbul

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P.S.: Die Galerie ACC in Weimar flankiert quasi die Ausstellung „Global Activism“ in Karlsruhe mit einem Vortrag von Kevin Buckland (Barcelona) über: The Art of Revolution/ Am: Montag, 13. Januar 2014, um 19:00 Uhr in Weimar. Beide Ereignisse haben sich wie in der Kunst üblich beim Betiteln der Lingua Quatri Imperii (LQI) bedient – ob das gut ist steht noch dahin, wenn man sich an das Diktum von Deleuze/Guattari „Ein Klein-Werden schaffen“ und an den Rat von Tiquun erinnert: „Je länger ihr im Verborgenen bleibt, desto stärker seid ihr, wenn es losgeht“ oder so ähnlich.

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